Der Leuchtturm der magischen Träume - Charis Cotter - E-Book

Der Leuchtturm der magischen Träume E-Book

Charis Cotter

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Beschreibung

Annie ist begeistert, als sie ein altes Gemälde mit einer herrlichen Meerlandschaft und einem Leuchtturm auf dem Dachboden findet. Doch irgendetwas ist seltsam mit dem Bild. Als sie es genauer betrachtet, fühlt sie sich wie magisch davon angezogen – und steht pötzlich dort, am Meer. Doch wer ist das Mädchen, das im Wärterhäuschen des Leuchtturms wohnt und sie zu kennen scheint? Warum hat sie das Gefühl, diesem Mädchen aus einer tiefen Not helfen zu müssen? Und was haben all diese Geschehnisse mit ihrem eigenen Leben zu tun, zu dem eine geheimnisvolle Verbindung zu bestehen scheint? Eine fesselnde Geschichte über die Kraft der Liebe und die Bande, die uns mit unseren Mitmenschen verbinden.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für meine Mutter Evelyn Cotter (1923–2013)

INHALT

TEIL EINS DER RUF

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

TEIL ZWEI DIE OLD HOLLIES

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

TEIL DREI DIE TRÄUMERIN

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

TEIL VIER DAS GEHEIMNIS

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

TEIL FÜNF DIE GEISTER

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

TEIL SECHS DAS SPUKEN

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

TEIL SIEBEN DER DIEBSTAHL

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

TEIL ACHT DER UNFALL

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

TEIL NEUN DER ANRUF

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

ANNIE

CLAIRE

EPILOG

ANNIE

AUF DEM LAND

DAS LAVENDEL-COTTAGE

CLAIRE

Mir war kalt. Ich kämpfte mich aus einem Traum von langen weißen Korridoren und splitterndem Glas in mein eiskaltes Zimmer, das vom weißen Licht des Vollmonds erfüllt war. Ein eisiger Atlantikwind bohrte sich durch die Fensterritzen und wirbelte um mein Bett.

Ich sprang auf, lief zu der Truhe in der Ecke und holte eine rote Wolldecke heraus. Auf dem Weg zurück ins Bett spürte ich den Mond an mir ziehen, deshalb schlang ich mir die Decke um die Schultern und setzte mich in den großen Polstersessel. Die helle Scheibe des Mondes goss ihr Licht wie einen breiten Pfad auf das Wasser.

Das Signal des Leuchtturms blinkte über dem silbernen Meer, ein beständiger Rhythmus, alle fünf Sekunden. Wie ein Herzschlag. Wie eine Trommel.

»Annie«, flüsterte ich. »Wo bist du?«

ANNIE

Zum ersten Mal hatte ich den Traum in der Nacht nach Moms Unfall. Im Haus war es ganz ruhig. Aus dem Schlafzimmer meiner Eltern drang Stille.

Lange Zeit lag ich da und lauschte. Die Vorhänge waren geöffnet und ein voller, silberner Mond schien hell wie eine Straßenlaterne zum Fenster herein. Sein Licht fiel auf das Gemälde gegenüber meinem Bett, das Bild eines Leuchtturms in Neufundland. Es sah anders aus als bei Tag, vom Mondlicht in Schwarzweiß verwandelt, mit klareren Umrissen und dunkleren Schatten.

Eine weiße Möwe mit schwarzen Flügelspitzen jagte durch die dunklen Wolken – ich blinzelte kurz. Für einen Moment dachte ich, der Vogel hätte sich tatsächlich über die gemalte Oberfläche bewegt. Ich setzte mich auf. Vor meinen Augen stürzte sich eine andere Möwe nach unten und tauchte spritzend in den silbernen Ozean.

»Annie!«, rief eine Stimme aus der Ferne. Ich kroch aus dem Bett.

»Annie!«, rief es erneut. Die Stimme war mir irgendwie vertraut, kam aber weder von unten noch aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich drehte mich um und betrachtete das Bild. Dann trat ich einen Schritt näher. Jetzt waren die Details besser zu sehen: Wildblumen am Rand des Feldwegs, der zum Leuchtturm führte, ein paar Schafe, die am Abhang grasten, die Lichter in den Fenstern des Wärterhäuschens.

Plötzlich begannen die Grashalme im Vordergrund zu zittern. Ein Windstoß jagte über die Wiese. Gleich darauf noch einer. Ich spürte eine starke Brise im Gesicht, und das Zimmer füllte sich mit einem herben, ganz ungewohnten Geruch. Ich schmeckte Salz auf den Lippen und hörte die Möwen kreischen, die quer über den Himmel jagten.

»Annie!«, rief die Stimme erneut. »Komm!«

Ich machte einen Schritt nach vorne.

Und dann war ich mitten in dem Bild und stand auf dem Weg zum Leuchtturm. Ein überraschtes Schaf hob den Kopf und starrte mich an, und vor mir erstreckte sich, so weit ich nur sehen konnte, das dunkle Meer.

* * *

Ich rieb mir die Augen. Das half aber nichts. Die mondbeschienene Landschaft umgab mich immer noch, und ein scharfer Atlantikwind wehte mir die Haare ins Gesicht.

»Annie!«, rief die Stimme.

Ich machte einen Schritt nach vorne. Und noch einen. Der Weg bestand hauptsächlich aus kurzem, von Schafen abgeweidetem Gras, das sich unter meinen nackten Füßen kalt anfühlte, aber manchmal trat ich auch auf einen spitzen Stein. Der eisige Wind fuhr in meinen blauen Baumwollpyjama.

Ab und zu tappte ich in eine kleine Pfütze, dann ließ mich die Kälte nach Luft schnappen. Ein paar Schritte im matschigen Boden, und schon hatte ich wieder Gras unter mir.

»Annie!«, rief erneut die Stimme, die jetzt direkt vom Leuchtturm vor mir kam. Ich ging schnell den steinigen Weg entlang, nahm die letzte Kurve, und dann war ich da.

Vor mir erhob sich das Wärterhaus mit seinen zwei Etagen, überragt von dem dunkelroten Leuchtturm. Es hatte zwei Eingangstüren. Ich klopfte an der ersten. Das Geräusch hallte im Haus nach, aber niemand kam und öffnete. Ich klopfte erneut. Alles, was ich hörte, waren die Wellen des Ozeans, die weiter unten beständig an die Felsen schlugen. Ich klopfte noch einmal. Keine Reaktion. Ich stieß die Tür auf und ging hinein.

* * *

Ich befand mich in einem dunklen Hausflur. Gegenüber der Tür war eine Treppe, die nach oben führte.

»Annie!« Die Stimme war jetzt ein Flüstern, das aus dem oberen Stockwerk kam.

Langsam ging ich die Stufen hinauf. Meine nackten Füße machten kein Geräusch. Am oberen Ende der Treppe fiel durch ein kleines Fenster eine Säule aus Mondlicht herein, und zu meiner Linken konnte ich drei geschlossene Türen erkennen.

»Annie«, ertönte das Flüstern wieder, jetzt aber ganz schwach. Es kam von der ersten Tür. Ich drehte den Türknauf und öffnete sie langsam.

Da saß jemand am Fenster und betrachtete den Mond, der über dem Meer stand. Es war ein Mädchen in meinem Alter, mit hellbraunen Haaren, die ihr über die Schultern reichten. Sie hatte sich in eine rote Wolldecke gewickelt.

»Hallo?«, sagte ich.

Das Mädchen stieß einen Schrei aus und schoss kerzengerade hoch. Dann sank sie in sich zusammen und kauerte sich neben den Fensterrahmen, die rote Decke nach wie vor um sich geschlungen und ihre Augen, rund wie der Mond hinter ihr, auf mich gerichtet.

»Tut mir leid«, sagte ich und holte tief Luft. Ihr Schrei hatte mich erschreckt. »Aber mir war, als hättest du mich gerufen.«

»Annie?«, krächzte das Mädchen. »Bist du das, Annie?«

»Ja, ich bin Annie, aber wer bist du?«

Vorsichtig kam sie einen Schritt auf mich zu. »Du hast dich verändert. Du bist älter.«

»Ich … ähm … älter als was?«, fragte ich. Mir wurde schwindelig.

»Älter als beim letzten Mal. Damals warst du erst vier. Erkennst du mich denn nicht? Ich bin Claire, deine große Schwester.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das muss ein Irrtum sein. Ich habe keine Schwester.«

Sie beugte sich zu mir und betrachtete stirnrunzelnd mein Gesicht.

»Du bist definitiv Annie, aber ich verstehe nicht, warum du jetzt so viel älter aussiehst.«

Bevor ich antworten konnte, fiel eine Tür zu, und ich hörte Schritte, die schnell den Gang entlangkamen. Das Mädchen machte einen Satz in meine Richtung und schob mich zum Bett.

»Das ist Mom! Versteck dich!«

Ohne groß nachzudenken, kroch ich unters Bett und lag mit angehaltenem Atem da, während Claire schnell ins Bett sprang und gleichzeitig die Zimmertür aufgerissen wurde.

»Was ist los, Claire? Ich habe dich schreien gehört.« Die Frau hatte eine leicht heisere Stimme und klang verschlafen.

»Ich weiß nicht«, nuschelte Claire. »Ich habe wohl schlecht geträumt.«

Die Frau ließ sich auf die Bettkante plumpsen, und ich bekam einen Schlag auf den Kopf. Mit Mühe unterdrückte ich einen Schrei.

»Was soll ich bloß mit dir machen, Claire?«, fragte die Frau mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte, du hättest das überwunden.«

»Mmmmh.«

Stille.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Frau dann.

»Lass mich einfach weiterschlafen«, sagte Claire.

Wieder nichts als Stille.

Direkt vor mir baumelte ein Stück ihres Bettüberwurfs. Der Mond schien auf seinen Rand. Dieses blau-weiße Muster kam mir ziemlich bekannt vor. Ich streckte die Hand aus und befühlte die dicken Kreise auf der Steppdecke. Diese ineinandergreifenden Kreise hatte ich schon einmal gespürt. Besser gesagt, viele Male. Es war die Decke von meinem Bett, die, unter der ich in dieser Nacht geschlafen hatte, als die Stimme mich rief. Meine eigene Decke.

* * *

Es geschah blitzschnell – erst lag ich noch im Staub unter Claires Bett und fuhr mit den Fingern über die Kreise der Decke, dann saß ich auch schon auf meinem eigenen Bett, spürte die weiche Decke unter meiner Hand und betrachtete das Bild mit dem Leuchtturm. Es sah aus wie immer – eine ruhige Meerlandschaft mit einem roten Leuchtturm, der sich einsam und allein gegen den Himmel abzeichnete. Keine jagenden Möwen, keine Schafe, die den Kopf hoben und mich ansahen. Ich ließ mich nach hinten sinken, zog mir die Decke bis ans Kinn und schloss die Augen. Ein Traum. Alles war nur ein Traum.

CLAIRE

Es war mit Sicherheit ein Traum. Das sagte ich mir am nächsten Morgen, als ich am Frühstückstisch saß und braunen Zucker in meine Cornflakes rührte. Ich musste im Sessel eingeschlafen sein und dann geträumt haben, Annie sei wieder da.

Annie. Wie oft hatte ich an diesem Fenster gesessen und nach ihr gerufen. In der Hoffnung, sie würde zu mir zurückkommen. Von mir aus als Geist, das war mir egal. Ich wollte sie einfach nur wiedersehen.

Nach ihrem Tod sah ich sie ständig. Ich musste sie gar nicht rufen. Sobald ich meinen Schrank öffnete, war sie da. In der Schule sah ich von meinem Tisch auf, und sie stand neben mir. Oder sie saß an ihrem gewohnten Platz am Frühstückstisch. Oder auf dem Gehsteig, die Augen nach oben aufs Haus gerichtet.

Immer ganz still. Immer mit dem Blick auf mir, starr und ohne je zu blinzeln. Ich hatte Angst, nachts ins Badezimmer zu gehen, denn ich befürchtete, sie wäre hinter dem Duschvorhang.

Als ich dann eines Tages mit meiner Granny vor dem Fernseher saß, tauchte neben mir auf der Couch plötzlich Annie auf. Ich drehte komplett durch, machte einen Satz zur Seite und schrie, sie solle verschwinden.

Mom ging mit mir zum Psychiater. Der meinte, ich würde immer noch um meine tote Schwester trauern, und bat mich dann, draußen zu warten, während er mit meiner Mutter redete.

Die Tür war nicht ganz zu und ich konnte die beiden hören.

»Gibt sie sich die Schuld am Tod ihrer Schwester?«, fragte der Arzt.

»Ich weiß nicht«, antwortete meine Mutter. »Es war ein Unfall.«

»Sie müssen alles tun, damit sie zur Ruhe kommt«, sagte der Arzt.

»Ich habe vor, aus der Stadt wegzuziehen«, sagte meine Mutter. »Zumindest für eine Weile. Vielleicht hilft eine neue Umgebung.«

»Vielleicht«, meinte der Arzt.

In der Woche darauf zogen wir von St. John’s, der Hauptstadt Neufundlands, in den abgelegenen Leuchtturm am Crooked Head, und Annie kam nie mehr wieder. Egal, wie oft ich nach ihr rief.

Manchmal denke ich, dass ich mit meinem gebrochenen Herz nicht weiterleben kann. Man sagt ja, dass es mit der Zeit besser wird. Dass man aufhört, die verstorbene Person jeden Tag und jede Minute zu vermissen. Nur hoffe ich auch nach vier Jahren noch darauf, dass sie zu mir zurückkommt.

Sie war zu jung, um zu sterben, zu jung, um dahin zu gehen, wo auch immer die Seelen der Toten hingehen. Sie braucht mich noch.

Ich brauche sie. Ich bin einsam.

Letzte Nacht hat sich alles so echt angefühlt. Überhaupt nicht wie ein Traum.

Ich sah zum Kaminsims, auf unsere alte Uhr. Oh! Schon zehn nach acht. Bis zu den Ferien waren es nur noch zwei Wochen, aber die Nonnen, unsere Lehrerinnen, blieben weiterhin streng. Wenn ich zu spät kam, würde ich in der Pause drinbleiben müssen.

Ich klappte ein Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich zusammen, wickelte es in Wachspapier, schnappte mir einen Apfel und stopfte alles in meine Schultasche. Im Flur nahm ich noch meinen Regenmantel vom Kleiderhaken, dann lief ich zur Tür hinaus.

Mom stand nie vor zehn auf. Oft sogar später. Sie ist eine Nachteule. Schon mit sieben brachte sie mir bei, allein aufzustehen und mir das Frühstück und etwas für die Schule zu machen, und seither tat ich das auch. Annie weckte mich immer früh auf, und dann lagen wir im Bett und redeten, bevor ich aufstand und ihr ein Frühstück zubereitete.

Vom Meer blies ein starker Wind, der mir die Haare zerzauste. Die Luft war klar, und nach Norden hin konnte ich all die aufeinanderfolgenden Landzungen sehen, im Osten den indigoblauen Ozean, der sich bis zum Horizont erstreckte. Ich drehte mich nach Westen und flitzte den Weg entlang, der zum Dorf führte. Bis dorthin waren es drei Kilometer, und um nicht zu spät zu kommen, würde ich einen Teil davon rennen müssen.

ANNIE

Das Neufundland-Bild hing damals seit acht Monaten in meinem Zimmer. Davor hatte es wer weiß wie lange auf dem Dachboden gestanden, hinter einer alten Holztruhe und eingewickelt in die blau-weiße Decke.

Ich fand es an einem Regentag, als ich meine Bilderbücher suchte. Nachdem ich gegen Ende der zweiten Klasse richtig lesen konnte, hatte meine Mutter sie mir weggenommen und auf dem Dachboden verstaut. »Für die bist du jetzt zu alt, Annie«, hatte sie gesagt. Aber die Bücher fehlten mir. Für mich waren immer die Bilder einer Geschichte das Spannendste. Sie sagten so viel mehr aus als der Text. Deshalb ging ich manchmal auf den Dachboden und sah mir im schummrigen Licht der nackten Glühbirne meine Bücher an, ganz langsam, eine Seite nach der anderen.

Ich war eine Weile nicht mehr oben gewesen, und meine Mutter musste irgendwie umgeräumt haben, denn der Karton mit meinen Büchern stand nicht am gewohnten Platz. Als ich zwischen den Stapeln mit alten Möbeln und Schachteln herumsuchte, entdeckte ich eine große Holztruhe, die ich noch nie gesehen hatte. Dahinter stand etwas Sperriges, das in eine blau-weiße Steppdecke gehüllt war.

Was ich von den aufgenähten Kreisen erkennen konnte, gefiel mir. Ich streckte die Hand aus, um sie zu berühren, und spürte darunter einen harten Rahmen. Ich zog das Ding mitsamt der Decke in die Mitte des Dachbodens, wo die Glühbirne ihren gelben Lichtkreis warf.

Diese Decke war etwas ganz Besonderes: große, ineinandergeschobene Kreise, die wiederum aus kleinen Quadraten in unterschiedlichen Blautönen bestanden, vom hellen Türkis bis zum dunklen Indigoblau, alles auf einem weißen Untergrund. Sie war etwas ausgebleicht, aber trotzdem wirkten die Blautöne ziemlich lebendig, wechselten von hell zu dunkel und wieder zurück zu hell, wobei die Farben meinen Blick von einem Kreis zum nächsten leiteten, bis ich mich darin verirrt hatte. Ich schüttelte den Kopf und schlug dann die Decke zur Seite, um zu sehen, was sich darunter verbarg.

Es war ein Gemälde in einem schweren Rahmen, dessen Schnitzerei aus großen Wellen und Wirbeln bestand. Im Vordergrund Gras und ein Weg, der durch steiniges Hügelland zu einem Leuchtturm führte, dahinter der endlose Ozean. Irgendwie kam es mir bekannt vor, obwohl ich noch nie am Meer gewesen war. Vielleicht von einem Foto, das ich irgendwo gesehen hatte. Oder aus einem meiner alten Bilderbücher? Ich nahm die Decke mit hinunter zu meinem Bett und lehnte das Bild an die gegenüberliegende Wand.

Ich setzte mich aufs Bett, fuhr mit den Fingern über die dicken Stoffkreise und betrachtete dabei das Gemälde.

Hier im besseren Licht sah ich, dass am Fuß eines Hügels Schafe weideten und vor einem grauen Himmel weiße Möwen mit schwarzen Flügelspitzen segelten. Ein ramponierter Lattenzaun zog sich bis zur Hälfte eines Hügels.

Als an dem Abend meine Mutter von der Arbeit kam und ihren Kopf in mein Zimmer streckte, lag ich mit meinem Skizzenbuch und Buntstiften unter der neuen Steppdecke und malte den Leuchtturm. Mit offenem Mund stand sie bestimmt eine geschlagene Minute lang da.

Ich lächelte sie an.

Sie machte den Mund zu, kam ins Zimmer und streckte die Hand aus, um die Steppdecke zu berühren.

»Was hast du damit vor, Annie?«, fragte sie. Sie sah, was ich zeichnete, drehte sich dann zur Seite und entdeckte das Gemälde.

»Oh«, sagte sie und setzte sich schnell aufs Bett.

»Ich habe es auf dem Dachboden gefunden«, sagte ich. Dann zeigte ich ihr meine Skizze. Sie warf einen Blick darauf. Die Zeichnung war gar nicht schlecht: das weiß-blaue Haus mit dem roten Leuchtturm, der sich hinter dem Dach erhob. Mir gefiel die Würfelform des Hauses, mit seinen zwei Eingangstüren und den aufgereihten Fenstern.

Sie nahm mir das Skizzenbuch aus der Hand und blätterte es durch. Ich hatte ein paar Stunden lang Details gezeichnet: die Kurve des Feldwegs, ein paar Schafe, den Leuchtturm vor dem stürmischen Himmel, das Gras im Vordergrund. Bei einer Gras-Skizze hielt sie inne und legte den Finger auf einen der gebeugten, goldenen Halme. Es schien, als hätte sie mich vergessen. Sie sah aus, als würde sie an etwas denken, das ganz weit weg war, zeitlich wie räumlich.

»Wo ist das?«, fragte ich. Sie klappte das Skizzenbuch zu.

»Das ist in Neufundland, Annie. Ich habe dir schon davon erzählt.«

»Du hast gesagt, dass es dort kalt und grau ist und die ganze Zeit regnet.«

»Die meiste Zeit«, erwiderte sie und stand auf. Sie strich sich den Rock glatt und drehte dem Gemälde den Rücken zu. »Ich hätte das Bild schon vor Jahren wegwerfen sollen. Keine Ahnung, was du an ihm findest. Das ist doch nur ein steiniges Stück Land.«

Es war so viel mehr als nur ein steiniges Stück Land, aber aus Erfahrung wusste ich, dass meine Mutter und ich selten einer Meinung waren.

CLAIRE

Meine Mom und ich sind nie einer Meinung. Si ist eine Künstlerin. Ich bin es nicht. Wenn wir gemeinsam auf dem Feldweg zum Crooked Head gehen, redet sie über diese oder jene Ansicht und wie sie diese Bäume hier malen würde oder den kaputten Zaun dort drüben. Ich hingegen sehe nur den einsamen, gewundenen Weg, der zwischen den kümmerlichen Bäumen hindurchführt und sich über die ausgedehnte Landzunge schlängelt, die mit dem Festland durch einen schmalen, bei Hochwasser überfluteten Fahrdamm verbunden ist. Ich sehe den Ozean, der sich auf beiden Seiten endlos ausdehnt, und die kleinen Häuser entlang der Küste, die viel zu weit entfernt sind, um als Nachbarn gelten zu können. All das würde ich sofort gegen die Gower Street in St. John’s eintauschen, mit ihren hohen, schön aufgereihten Häusern und ihrem festen Asphaltbelag.

Meine Mutter hatte schon lange von St. John’s wegziehen wollen. Regelmäßig packte sie Annie und mich ins Auto und fuhr mit uns hinaus zum Crooked Head, um zu malen. Dort musste ich mit Annie spielen, während Mom an ihrer Staffelei arbeitete und dabei vor sich hin summte oder die Stirn runzelte. Wir durften sie nicht stören. Wenn wir dann zurück in die Stadt fuhren und Annie auf dem Rücksitz an meine Schulter gelehnt einschlief, redete Mom ununterbrochen – und mehr zu sich selbst – darüber, dass sie für ihre Kunst unbedingt näher an der Natur leben müsste. Und wie gern sie draußen beim Leuchtturm am Crooked Head wohnen würde.

Rund hundert Jahre lang stammten die Leuchtturmwärter alle aus der Familie meiner Granny, und mein Urgroßvater Poppy Morrow war der letzte Wärter gewesen. Als Mom noch klein war, verbrachte sie immer den Sommer hier draußen, und sie liebte diesen Ort mehr als jeden anderen. Das erzählte sie uns jedes Mal, wenn wir durch die Dunkelheit nach Hause fuhren.

Der Leuchtturm von Crooked Head befindet sich etwa zwei Autostunden südlich von St. John’s. Sowohl das Dorf als auch der Turm haben ihren Namen von der großen Landzunge, die gekrümmt ist und dadurch die Bucht umschließt. Aber in Neufundland heißt ›crooked‹ nicht nur ›gekrümmt‹, sondern auch ›schlecht gestimmt‹, und exakt so ist dieser Ort für mich. Trübselig, unleidlich und abweisend. Genau wie ich.

Ich habe ihn nicht immer gehasst. Manchmal kam bei Moms Mal-Ausflügen auch Granny mit und ging dann mit Annie und mir zum Leuchtturm, um dort zu picknicken. Da das Lichtsignal seit ein paar Jahren automatisch lief, war er nicht mehr bewohnt, deshalb konnten Annie und ich durch das Haus streifen. Es gab noch Reste irgendwelcher Möbel, zurückgelassenes Geschirr und ein paar Bücher. Hoch über dem Wasser saßen wir dann mit unseren Sandwiches auf einer orange-karierten Picknickdecke und sahen zu, wie die Wale sprangen und die Möwen über den Schaumkämmen aufstiegen. Und Granny erzählte uns immer, wie es war, hier draußen beim Leuchtturm aufzuwachsen.

Die sommerlichen Picknicks waren die eine Sache. Etwas völlig anderes war es, das ganze Jahr über hier zu leben. Ich fand erst später heraus, dass meine Mutter den Umzug schon seit über einem Jahr vorbereitet hatte. Sie war fest entschlossen und bahnte sich den Weg durch mehrere Behörden, bis sie schließlich die Genehmigung erhielt, das Wärterhaus am Crooked Head zu mieten.

Annie starb im Juni. Im September zogen Mom und ich hinaus zum Leuchtturm. Alles, was mir vertraut war, ließ ich in St. John’s zurück – unser Haus, meine Schule, meine Freundinnen, Granny. Und Annie.

ANNIE

Je länger ich mir das Gemälde ansah, desto mehr bewunderte ich den Maler – sein Umgang mit Pinsel und Farben war wirklich erstklassig. Was mir aber unter die Haut ging, war die düstere, verwunschene Stimmung. Ich fragte Mom, ob wir irgendwann einmal nach Neufundland fahren könnten, aber sie wurde wütend und sagte, in diese gottverlassene Gegend würde sie nie wieder einen Fuß setzen.

Ich konnte also nichts anderes tun, als jeden Tag das Bild zu betrachten und mir vorzustellen, wie es wohl sein musste, in dieser rauen, kargen Landschaft zu leben. Ich fertigte unzählige Skizzen davon an. Deshalb träumte ich wohl auch davon. Das Bild gelangte in meinen Kopf. Dann gelangte ich in das Bild. Alles war mir so echt vorgekommen.

Als ich am Tag nach Moms Unfall aufwachte, kam mir gar nichts echt vor. Über dem Haus lag noch immer eine Stille, die viel zu ausgeprägt war – als würde die Welt den Atem anhalten. Es fiel mir unglaublich schwer, mich aufzusetzen, und im Brustkorb hatte ich ein Gefühl der Enge, als würde ein Gewicht darauf liegen. Ich ging langsam nach unten in die Küche und kam mir dabei vor, als würde ich mich durch zähen Schlamm bewegen.

Dad saß am Frühstückstisch, trank seinen Kaffee und rührte in einer Schüssel mit Milch und Cornflakes. Der Inhalt war ganz breiig, als hätte er schon eine ganze Weile gerührt.

Er sah zu mir auf.

»Es hat sich nichts verändert«, sagte er.

Ich setzte mich ihm gegenüber und betrachtete die aufgeweichten Cornflakes in seiner Schüssel. Sie hatten ein interessantes Muster – orangefarbige Stückchen in weißer Umgebung.

»Annie«, sagte Dad bestimmt. Ich sah ihn an. »Du solltest etwas essen.«

Mühsam stand ich auf und ging zur Anrichte, um mir zwei Scheiben Toast zu machen. Als sie aus dem Toaster sprangen, strich ich Erdnussbutter und Marmelade darauf und setzte mich wieder hin. Das war mein Lieblingsfrühstück, aber heute sah es aus wie etwas Außerirdisches. Ich konnte mir nicht vorstellen, das zu essen.

Dad schenkte mir etwas Saft ein. Dann kamen Geräusche von der Eingangstür und Magda stürmte ins Zimmer.

Magda war früher mein Kindermädchen, aber als ich dann in die Schule kam, wurde sie unsere Haushälterin. Sie kommt immer nachmittags zu uns, macht die Wäsche und kümmert sich um den Haushalt, und wenn Mom und Dad weggehen, kocht sie ein Abendessen für mich. Sie stammt aus Irland und hat in einem Hotel in Dublin gearbeitet, bis sie es nicht mehr aushielt und nach Kanada auswanderte. Oft erzählt sie mir von den reichen Gästen in diesem Hotel und den merkwürdigen Dingen, die sie getan haben.

»Hier bin ich«, sagte sie, knallte ihre Tasche auf die Anrichte und griff nach der Schürze, die an der Küchentür hing. »Die Straßenbahn hat ewig gebraucht. Ob man es glaubt oder nicht, aber an der Ecke Queen und Leslie Street ist der Fahrer ausgestiegen, um sich einen Kaffee zu holen. Wir sind wie belämmert dagesessen, während sich hinter uns die Autos stauten und gehupt und randaliert wurde. Soll ich jetzt Muffins backen, Annie? Wie wär’s mit Erdnussbutter und Chocolate Chips?«

Nacheinander holte sie Mehl, Backpulver und Muffinförmchen aus den Küchenschränken.

»Ich weiß nicht«, sagte ich. Das alles kam mir äußerst seltsam vor. »Warum bist du schon so früh da, Magda?«

»Ich habe sie darum gebeten«, sagte Dad, während er sich vom Tisch wegschob und aufstand. »Ich denke, du gehst heute besser nicht in die Schule, und ich, ich sollte deine Mutter besuchen.«

»Kann ich mitkommen?«, fragte ich.

Er und Magda sahen sich an.

»Noch nicht«, sagte er.

»Warum nicht?«

Erneut warfen sich die beiden einen Blick zu. Das gefiel mir nicht. Wie schlecht ging es ihr? War sie komplett in Verbandszeug eingewickelt? Oder mit Blut bedeckt? Wobei man das mittlerweile wohl beseitigt hätte.

»Vielleicht kannst du in ein oder zwei Tagen mit. Sobald ihr Zustand stabil ist.«

Vor mir sah ich ein Bild von meiner Mom im Krankenhausbett, das in der Luft schaukelte, hin und her, wie ein Pendel. Sobald es anhielt, würde ihr Zustand stabil sein. Dann könnte ich sie besuchen.

CLAIRE

Der Leuchtturm am Crooked Head stand einsam am Rand des Atlantischen Ozeans, fast vollständig von Wasser umgeben. Seine einzige Verbindung zur Küste war der drei Kilometer lange Landstreifen mit einem Feldweg, der unpassierbar war, wenn er im Winter überfror oder im Frühling überflutet wurde. Als wir einzogen, hatte das Wärterhaus schon länger leer gestanden. Ein paar Fenster waren kaputt, und das Dach hatte Löcher.

Mom beauftragte einen Mann aus dem Dorf damit, ihr bei der Instandsetzung zu helfen. Er hieß Ed und war ziemlich groß, hatte einen Schnurrbart und ein breites Lächeln. Er war verheiratet, hatte drei kleine Kinder und konnte überhaupt nicht verstehen, was meine Mutter in diesem erbärmlichen Haus ohne einen Mann wollte. Das sagte er ihr mindestens einmal pro Woche. Meine Mutter lachte nur, aber wenn er dann weg war, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Neufundländer sind einfach die größten Chauvinisten der Welt.« Als ich sie fragte, was ein Chauvinist sei, erwiderte sie, das sei ein Mann, der Männer für besser als Frauen halten würde und für den eine Frau erst dann vollständig sei, wenn sie einen Mann hatte.

»Was kompletter Unsinn ist«, meinte sie. »Ed und seine Kumpels wissen einfach nicht, was sie von einer Frau wie mir halten sollen.«

Meine Mutter nahm die Dinge gern selbst in die Hand. Sie ließ sich von Ed zeigen, wie man ein Fenster einsetzt, ein Dach deckt und Gipskarton verklebt. Er brachte uns mit seinem Lieferwagen jede Menge Feuerholz, und Mom erklärte mir, wie man es unter dem Vordach aufstapelt. Jeden Tag musste ich von der Quelle am Fuß des Hügels Wasser holen und die schweren Eimer in die Tonne beim Haus leeren.

Anfangs hatten wir weder Strom noch eine richtige Innentoilette. Wir benutzten Kerzen und Petroleumlampen, und es gab entweder das improvisierte Klo in einem Nebenraum des Flurs (eine Holzkiste mit WC-Brille und Eimer darunter) oder ein übelriechendes Klohäuschen hinter dem Gebäude. Igitt. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Igitt.

Ich vermisste St. John’s. Mein Zimmer. Meine Freundinnen. Die Toilette.

ANNIE

Mein Traum von dem Leuchtturm begleitete mich über diesen ganzen stillen, sonderbaren Tag. Magda werkelte in der Küche herum und machte außer Muffins und Schokokuchen noch einen Thunfischauflauf fürs Abendessen – durch die Bank Leibspeisen von mir.

Immer wieder sah sie nach mir, bot mir etwas zu essen an, kaute mir für ein paar Minuten die Ohren ab und ging dann zurück in die Küche.

Ich ließ meine Zimmertür offen, um ihre beruhigenden Geräusche zu hören – das klappernde Geschirr und ihre Selbstgespräche –, aber gegen die zunehmende Stille im Haus konnten sie nur wenig ausrichten.

Ich ging in das Schlafzimmer meiner Eltern. Dort öffnete ich den Kleiderschrank und fuhr mit der Hand über Moms Röcke und Jacken. Über ihre Seidenblusen. Ich betrachtete die säuberlich aufgereihten Schuhe am Boden. Vergrub meinen Kopf in ihrem blauen Pullover, der an der Schranktür an einem Haken hing. Er roch nach ihr.

Dad rief ein paarmal an und redete erst mit Magda, dann auch mit mir. Keine Veränderung.

Und nach wie vor gab es diesen Traum, der um mich herumschwebte. Der Leuchtturm. Das Mondlicht auf dem Wasser. Claire.

Nach dem Mittagessen setzte ich mich aufs Bett und betrachtete das Gemälde. Links unten gab es eine Signatur: Maisie King. Wer war diese Malerin? Warum besaß Mom ein Bild von ihr?

Ich konnte die Stille im Haus fast schon hören, konnte hören, wie die Wände rings um mich her immer näher rückten. In meinem Brustkorb entstand wieder dieses Gefühl der Enge, das ich schon beim Aufwachen gehabt hatte. Es war ein heißer Tag, und obwohl alle Fenster offen standen, gab es nicht den geringsten Luftzug.

Plötzlich hielt ich es nicht mehr aus.

Ich war schon fast die Eingangsstufen hinunter, als Magda aus der Küche kam.

»Wo willst du denn hin?«, rief sie mir nach.

»Bücherei«, rief ich ihr über die Schulter zu und rannte davon.

CLAIRE

Am Crooked Head spukt es. Das weiß ich genau.

Wir sind im September eingezogen, pünktlich zu den Herbststürmen. Ein tropisches Unwetter nach dem anderen kam nordwärts gezogen und warf sich gegen den Leuchtturm. Der Wind heulte und tobte um das Haus, das wackelte und klapperte, als würde es gleich wie Dorothys Häuschen im Zauberer von Oz aufsteigen und über den Atlantik wegfliegen.

In der Küche hatten wir zwei Tagesbetten, eines an jeder Wand, wo wir warm und trocken schlafen konnten. Ich lag stundenlang wach und hörte dem Wind zu. So wie hier hatte er in St. John’s niemals geheult. Manchmal klang er wie die Stimme eines Menschen, die laut und wieder leise wurde, aufschrie oder schluchzte.

Einmal machte ich den Fehler und redete mit Ed über den Wind, als er gerade die Löcher in den Wänden meines zukünftigen Zimmers reparierte. Er erzählte mir von den Old Hollies – den Geistern der Menschen, die vor der Errichtung des Leuchtturms an dieser Küste bei Schiffbrüchen ums Leben gekommen waren.

»Du kannst im Wind immer noch hören, wie sie um Hilfe rufen«, sagte er und schüttelte traurig den Kopf. »Eine furchtbare Sache, so ein Schiffbruch. All die vielen Toten.«

An jenem Abend war ich länger wach als sonst, denn ich lag zitternd in meinem Bett und horchte auf den Wind, der stöhnte und ächzte. Ich war davon überzeugt, ein Haufen schiffbrüchiger Geister würde das Haus umkreisen und versuchen, zu uns hereinzukommen. Als ich schließlich einschlief, träumte ich, dass auch Annie unter ihnen war, meinen Namen rief und bettelte, ich solle die Tür aufmachen. Ich wachte auf und schrie dabei ihren Namen.

Als meine Mutter erfuhr, was Ed mir da erzählt hatte, war sie nicht sonderlich beeindruckt.

»Es gibt keine Geister, Claire«, sagte sie. »Annie ist nicht mehr da. Der Wind ist einfach der Wind und Ed ein abergläubischer Neandertaler.«

Mom sagte ihm, er solle mir keine Spukgeschichten mehr erzählen, aber er lachte nur und zwinkerte mir zu.

Ed war allerdings nicht der Einzige. In meiner ersten Schulwoche kamen Mary Tizzard und Joan Crocker in der Pause zu mir und sagten, im Leuchtturm am Crooked Head würde es spuken. Der Geist sei Isaac Morrow, ein alter Mann mit weißem Zottelhaar und ohne Zähne – mein Urururgroßvater, der vor vielen Jahren dort draußen gestorben war. Sie sagten, er würde sich einem mitten in der Nacht auf die Beine setzen. Ich versuchte, nicht allzu ängstlich auszusehen, nur denke ich, dass das nicht geklappt hat, denn ab da kamen sie fast jede Woche mit Geschichten über Geister an, die auf meinem Heimweg lauerten: in dem Wäldchen, von dem aus man die Straße nicht mehr sehen konnte, am felsigen Strand des Fahrdamms oder auf Pebble Island, der Insel draußen in der Bucht.

Ab da war der Weg zur Schule und wieder zurück ein einziger Spießrutenlauf. Ängstlich hielt ich Ausschau nach Phantomhunden, die über den Strand liefen, oder nach Skeletten, die zwischen den Felsen beim Fahrdamm herumklapperten. Ständig drehte ich mich um und sah über meine Schulter, denn ich war davon überzeugt, dass hinter mir schattenartige Wesen über den Weg schwebten und mich verfolgten.

Meine Mutter konnte natürlich locker behaupten, es gäbe keine Geister, aber wenn das wirklich stimmte, würde ich ja auch Annie nie mehr wiedersehen können. Deshalb glaubte ich alle Spukgeschichten, die mir erzählt wurden, und hoffte dabei inständig, ich würde keinem Geist begegnen.

Außer Annie.

ANNIE

Die Bücherei in unserem Viertel ist einer meiner Lieblingsorte, und da sie nur drei Blocks von uns entfernt liegt, gehe ich ziemlich oft hin. Sie ist schon einhundert Jahre alt und befindet sich am Rand eines Parks. Drinnen steht ein großer Tisch vor einem hoch aufragenden Fenster, das sich über zwei Stockwerke erstreckt und den Blick auf den Park freigibt.

Ich ging zu den Regalen mit den Kunstbüchern und stöberte sie ungeduldig durch. Eines trug den Titel Kunst und Künstler aus Neufundland, das zog ich heraus und nahm es mit an den Tisch vor dem Fenster.

Tatsächlich stand sie im Register, unter ›K‹, Seite 250 bis 262. Ich blätterte das Buch durch und musste mich wirklich anstrengen, um nicht von den vielen tollen Bildern abgelenkt zu werden. Schiffe, Wale, endlose Meereslandschaften, Klippen, bonbonfarbene Häuser auf einem Hügel. War dies das kalte, regnerische Neufundland, das Mama so schnell wie möglich verlassen wollte?

Das erste Bild im Kapitel ›Maisie King‹ war dasjenige, das an der Wand meines Zimmers hing. Weg zum Leuchtturm am Crooked Head stand darunter. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Text mit einem Foto der Malerin. Sie hatte lockige weiße Haare um das Gesicht, blaue Augen, einen großen Mund und eine gerade Nase.

Irgendwie funkelten ihre Augen, und auch ihr Mund schien sich zu verziehen, als würde sie gleich loslachen. Ich schloss für einen Moment die Augen und machte sie dann wieder auf. Sie hatte sich nicht bewegt. Ich blätterte weiter.

Das Bild auf der nächsten Seite zeigte wieder den Leuchtturm, jetzt aber von der anderen Seite, als sei die Malerin in einem Boot vor den Felsen und würde zu ihm aufblicken. Der Leuchtturm ragte hoch auf und hatte das Wärterhaus hinter sich. Gewaltige Wellen brachen sich an den Felsen, und der Himmel war voller dunkelblauer oder schwarzer Wolken. Ein gezackter Blitz bohrte sich durch sie hindurch, um gleich im leuchtenden Lampenhaus des Turms einzuschlagen.

Beim Betrachten wurde mir ein bisschen schwindelig, fast als sei ich es, die da draußen auf den Wellen schaukelte und sich mit der Brandung hob und senkte. Ich legte beide Hände an den Rand des Buchs, um das Gleichgewicht zu halten, und blickte auf. In der Bücherei war es ruhig – alles ging seinen gewohnten Gang. Mrs. Silver, eine ältere Dame, die bei uns in der Straße wohnte, saß am anderen Ende des Tisches über ein Buch gebeugt. Sie sah aus, als sei sie am Einschlafen. Der Park vor den Fenstern war grün, und auf dem Weg standen ein paar Mütter, die sich miteinander unterhielten, während ihre Babys im Kinderwagen schlummerten. Alles war ganz normal und friedlich.