Verlag: Freies Geistesleben Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Der magische Bogen - Rodney Bennett

Wer glaubt schon an Lizzies musikalische Begabung, wenn er sie spielen hört? Doch, einen gibt es, und er hilft ihr. Ein genialer Geiger, den nur sie gesehen hat. Von ihm bekommt sie einen ganz besonderen Bogen geliehen. - Eine romantisch-moderne Geschichte über ein eigenwilliges Mädchen in London, die Liebe zur Musik und die Kunst des Geigenspiels.

Meinungen über das E-Book Der magische Bogen - Rodney Bennett

E-Book-Leseprobe Der magische Bogen - Rodney Bennett

RODNEY BENNETT

DER MAGISCHE BOGEN

Deutsch von Astrid von dem Borne

VERLAG FREIES GEISTESLEBEN

Kapitel eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig

Kapitel sechsundzwanzig

Kapitel siebenundzwanzig

Kapitel achtundzwanzig

Kapitel neunundzwanzig

Kapitel dreißig

KAPITEL EINS

«Lizzie! Hör mit dem verfluchten Gefiedel auf!»

Lizzie fixierte ungerührt die Noten auf dem Pult und spielte weiter.

«Ich kann bei dem schrecklichen Gekratze nicht denken!», rief ihr Bruder.

Dass er bei der Musik denken konnte, mit der er sich selbst die Ohren volldröhnte, war auch schon ein Wunder.

«Wenn du nicht sofort aufhörst», schrie er, «komm ich und hau’ sie in Stücke!»

Lizzie beachtete ihn gar nicht. Sebastian stieß immer solche Drohungen aus.

Elizabeth Barrett – kurz Lizzie genannt – war elf. Sie war nicht sehr groß, aber kräftig gebaut und hatte ein markantes Gesicht und ein stark ausgeprägtes Kinn. Sie galt als «schwierig», was nichts weiter bedeutete, als dass sie gern ihren Willen durchsetzte. Es gab heftige Szenen, wenn ihr das nicht gelang. Sie bestand darauf, ihr braunes Haar in zwei langen Zöpfen zu tragen, und weil sie kurzsichtig war, brauchte sie eine Brille. Natürlich hatte sie sich ein rundes schwarzes Gestell ausgesucht, mit dem sie erst richtig «toll» aussah.

Sie lebte mit ihren Eltern und dem älteren Bruder in West London in einem Reihenhaus mit drei Schlafzimmern. Das war nichts Besonderes. Ringsum waren die Straßen von ähnlichen Häusern gesäumt. Alle hatten kleine Vorgärten, Garagen an der Seite und nach hinten größere Gärten.

Wie alle Familien hatten die Barretts ihre Hochs und Tiefs, aber im Allgemeinen waren sie ganz glücklich miteinander. Das heißt, sie waren es bis vor etwa einem Jahr gewesen, als Lizzie verkündet hatte, Geige spielen zu wollen. Sie hatte immer schon gern gesungen und Musik gehört. In der Grundschule hatte sie Blockflöte gespielt und mit der Klarinette angefangen. Aber damit war sie überhaupt nicht zurechtgekommen und hatte bald aufgegeben. Dann wollte sie plötzlich am allerliebsten Geige spielen. Sie wusste nicht warum. Sie wollte es einfach.

Nach dem Reinfall mit der Klarinette waren ihre Eltern zurückhaltend gewesen, was ein weiteres Instrument betraf. Aber Lizzie hatte sie unentwegt gequält, bis sie schließlich mit einem Lehrer der Abteilung für Schulmusik sprachen. Der war ihnen behilflich gewesen, über das Internet eine Geige zu kaufen, und hatte ihnen eine Musiklehrerin empfohlen. Damals ahnten sie nicht, was für Probleme damit auf sie zukommen sollten.

Alles begann damit, dass Lizzie fest entschlossen war, das Geigenspiel schnell zu beherrschen. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, verlorene Zeit aufholen zu müssen. Sie übte jeden Tag nach der Schule, machte aber überhaupt keine Fortschritte. Ja, je mehr sie übte, desto schlechter schien sie zu werden. Das war schrecklich frustrierend und sie wurde dadurch verkrampft und unsicher. Besonders der rechte Arm wurde so steif, dass sie den Bogen nicht mehr richtig unter Kontrolle hatte. Aber sie wollte sich nicht geschlagen geben und machte verbissen weiter, in der Hoffnung, dass es eines Tages schon gut werden würde.

Sie wurde aus dem Wohnzimmer verbannt und musste bei geschlossener Tür in ihrem eigenen Zimmer üben. Aber da Sebastians Zimmer daran angrenzte, bekam er jeden schrägen Ton in voller Lautstärke ab. Er war ein hoch aufgeschossener Vierzehnjähriger, der seine Schwester bestenfalls als nervtötend empfand. Und ihr Spiel machte ihn rasend.

An diesem Abend waren die Töne, die sie mit ihrer Geige produzierte, wirklich nicht zum Aushalten. Man konnte unmöglich sagen, ob sie sauber spielte oder nicht, denn wenn sie mit dem Bogen hin und her strich, kratzte und rutschte er über die Saiten, dass es fürchterlich schrill klang.

«Lizzie», das war die Stimme ihrer Mutter unten vom Treppenabsatz. «Kannst du bitte leiser spielen?»

«Ich versuche, meine Hausaufgaben zu machen», schrie Sebastian.

«Ich muss üben», konterte Lizzie und sägte weiter mit ihrem Bogen auf und ab. «Ich habe morgen Unterricht.»

Ihre Mutter seufzte hilflos. «Meinetwegen, noch fünf Minuten.»

Fünf Minuten! Lizzie hob die Schultern und schnaubte: Pah! Sie schnaubte so heftig, dass der Bogen über die Saiten abrutschte und gegen den Steg stieß.

«Hörst du, was wegen dir passiert ist!», rief sie. Lizzies Geigenlehrerin war eine ältere Frau, sie hieß Mrs. Stokes. Sie war im Alter korpulent geworden und langsamer in ihren Bewegungen. Aber von ihrer Geigenkunst hatte sie nichts verloren und ihr Gehör war so gut wie je.

Sie war in Deutschland geboren, sprach mit deutschem Akzent und trug entsprechende Kleidung: bestickte Blusen mit kleinem Stehkragen und weite Röcke. Ihr graues Haar war immer zu einem ordentlichen Knoten gedreht, der von einem Schildpattkamm zusammengehalten wurde. Bevor sie einen Engländer heiratete, hatte sie in einem Berufsorchester in Deutschland gespielt. Inzwischen war sie Witwe und lebte mit ihrer Katze in einer kleinen Erdgeschosswohnung.

Mrs. Stokes gab seit fast vierzig Jahren Geigenunterricht und im Lauf der Zeit waren viele Schüler unterschiedlichster Begabung durch ihre Hände gegangen. Aber kein Einziger war wie Lizzie gewesen. Selbst ihre Katze, die es gewöhnt war, allerlei komische Geräusche zu hören, konnte Lizzies Spielen nicht ertragen. Beim ersten Ton rannte sie aus der Wohnung.

Jeden Mittwoch, wenn sich die Zeit von Lizzies wöchentlichem Unterricht näherte, fühlte Mrs. Stokes wachsendes Unbehagen. Manchmal hoffte sie sogar, Lizzie könnte krank sein und wegbleiben. Aber Lizzie war nie krank.

In dieser Woche kam sie wie immer Punkt fünf Uhr mit ihrem Geigenkasten und einer Plastiktüte mit Noten. Es war ein kalter Oktobernachmittag und sie war fest in eine wattierte Jacke eingepackt. Neben dem Eingang befand sich ein Schild mit Klingelknöpfen für jede Wohnung und dem Namen der Bewohner daneben. Lizzie drückte fest auf den Knopf neben Mrs. Stokes’ Namen.

Kurz darauf knisterte es und eine blecherne Stimme tönte aus der kleinen Sprechanlage: «Wer ist da?»

«Ich bin es, Mrs. Stokes», erwiderte Lizzie.

«Oh, Lizzie …» Die Stimme klang resigniert. «Ich lasse dich rein.»

Das Schloss summte kurz, Lizzie stieß die Tür auf und ging in den Hausflur, von dem eine Treppe nach oben zu den anderen Wohnungen führte; noch nicht abgeholte Post lag auf einem Tisch.

Mrs. Stokes wartete im Eingang ihrer Wohnung, sie hatte sich einen Wollschal um die Schultern gewickelt.

«Da bin ich», verkündete Lizzie fröhlich. Sie verehrte Mrs. Stokes, weil sie so wunderbar Geige spielte.

«Hallo Lizzie», antwortete ihre Lehrerin, wobei ihr ein Lächeln gelang. «Komm rein.»

Sie trat zur Seite, um Lizzie vorbeizulassen, schloss die Tür, seufzte und folgte ihr durch den Flur ins Wohnzimmer.

Es war ein kleiner Raum, vollgestellt mit altmodischen Möbeln. Überall lagen Fotos herum, die Mrs. Stokes in jüngeren Jahren oder zusammen mit ihrem Mann zeigten, und an den Wänden hingen Bilder mit Ansichten von den Alpen. Ein Klavier, auf dem sich Noten stapelten, war zwischen dem Kamin und der Stirnwand eingezwängt. Durch die Verandatür blickte man auf einen überwucherten Garten.

Lizzie fühlte sich hier ganz zu Hause. Sie legte ihre Jacke ab und wischte mit ihrem Pulloverärmel kurz über ihre Brillengläser, die von der Wärme des kleinen elektrischen Kaminfeuers beschlagen waren. Dann öffnete sie eifrig den Kasten und nahm Geige und Bogen heraus. Mrs. Stokes’ rote Katze lag zusammengerollt auf ihrem Lieblingsstuhl und beobachtete wachsam, wie Lizzie den Bogen spannte und die Haare kräftig mit Kolophonium bearbeitete.

«Fertig zum Stimmen.»

Ihre Lehrerin wappnete sich für das, was auf sie zukam, ging ans Klavier und schlug ein A an. Sie zuckte zusammen, als Lizzie anfing, die A-Saite mit dem Wirbel zu spannen, wobei sie gleichzeitig mit dem Bogen auf und ab säbelte.

«Lass mich es für dich machen», schlug sie vor.

«Ich kann es doch», sagte Lizzie, die immer darauf bestand, alles selbst zu tun.

Als sie alle vier Saiten gestimmt hatte, war von der Katze nichts mehr zu sehen und Mrs. Stokes war dabei, sich Watte in die Ohren zu stopfen.

«Möchten Sie meine Tonleitern hören?», fragte Lizzie.

«Ja bitte», sagte ihre Lehrerin – sie gab sich Mühe, es so zu betonen, als wollte sie das wirklich.

Lizzie begann mit der tiefsten Saite und spielte die G-Dur Tonleiter. Sie war noch nicht weit, als ihre Lehrerin schrie: «Halt! Halt!»

«Stimmt was nicht?»

«Großer Gott! Kind!», rief Mrs. Stokes und ihr deutscher Akzent wurde deutlicher, wie immer, wenn sie sich aufregte. «Dein Bogen verrutscht ständig, halte ihn ruhig.»

«Das versuch ich doch.»

«Entspanne deinen rechten Arm, er ist so steif … wie soll ich sagen … so steif wie ein Schürhaken. Bitte schau mir zu.»

Mrs. Stokes nahm ihre eigene Violine und führte mit fließenden Bewegungen ihres Bogens vor, wie die Tonleiter gespielt werden sollte.

«Jetzt mach du es», sagte sie, «aber halte den Bogen ruhig.»

Mit grimmiger Entschlossenheit gab Lizzie ihr Bestes, aber der Bogen schien nach wie vor ein Eigenleben zu führen. In ihrer Verzweiflung packte Mrs. Stokes Lizzies rechte Hand und bewegte ihren Arm für sie hin und her. Aber kaum ließ sie sie los, begann das schreckliche Getöne von Neuem.

«Nicht so fest!», schrie sie. «Arm locker!»

Lizzie ließ mit dem Druck nach, aber der Bogen hüpfte nach wie vor über die Saiten. Dann drückte sie etwas fester und versuchte, den lockeren Armbewegungen ihrer Lehrerin nachzueifern. Das Ergebnis war katastrophal, der Bogen rutschte hin und her und brachte schrille Quiekser hervor, die Weingläser hätten zum Platzen bringen können.

Mrs. Stokes stand da und schwieg schaudernd. Was hätte sie auch sagen sollen, wo sie doch seit Wochen versuchte, Lizzies Bogenführung zu verbessern?

«Wie war das?», fragte Lizzie, als sie endete.

«Vielleicht ein bisschen besser», antwortete Mrs. Stokes ohne rechte Überzeugung.

Lizzie fasste das als Lob auf und freute sich entsprechend. «Ich wollte, meine Familie könnte das hören, sie mögen mein Geigenspiel nämlich nicht.»

«Ach wirklich?» Mrs. Stokes konnte den leisen Spott in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

«Die meinen, ich soll aufgeben.»

Ihre Lehrerin war geneigt, dem zuzustimmen.

«Sie denken doch nicht, dass ich aufgeben soll?»

Die Antwort «Ja!» lag Mrs. Stokes auf der Zunge. Aber sie konnte es nicht über sich bringen. Sie hatte Schüler gehabt, die von sich aus beschlossen aufzuhören, aber noch keinem hatte sie es selbst empfohlen. Das widersprach all ihren Prinzipien als Lehrerin, und bei einer so eifrigen Schülerin war es undenkbar.

«Nein, natürlich nicht», fühlte sie sich verpflichtet zu sagen.

«Dann ist ja alles klar», sagte Lizzie und lächelte erleichtert. «Soll ich die Tonleiter noch einmal spielen?»

«Nein!» Der entsetzte Schrei rutschte Mrs. Stokes heraus, bevor sie daran denken konnte, ihn zurückzuhalten, und brachte sie ganz außer Atem. Sie legte eine Hand auf ihre wogende Brust und keuchte: «Nein, danke.»

«Ich bin sicher, dass ich’s jetzt besser kann.»

«Heute nicht mehr, Kind», wehrte ihre Lehrerin standhaft ab, «ein anderes Mal. Nehmen wir jetzt die Musikstücke dran.» Dabei gab es wenigstens die Begleitung auf dem Klavier, mit der sie alles übertönen konnte. Lizzie war im sechsten Jahr an der Gesamtschule. Sie war eine der Jüngsten in ihrer Klasse. Sebastian besuchte dieselbe Schule, aber wie das bei älteren Brüdern oft der Fall ist, tat er sein Möglichstes, um ihr dort nicht zu begegnen.

Lizzie mochte die verschiedenen Fächer und sie war eine gute Schülerin, besonders in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Sie sang auch gern im Unterstufenchor. Aber am meisten freute sie sich auf die Donnerstage. Da versammelte sich das Unterstufenorchester während der Mittagspause zur Probe in der Aula. Die Musiker durften an der ersten Essensrunde mit den Oberstufenschülern teilnehmen, damit ihnen möglichst viel Zeit blieb, bis die Glocke zum Nachmittagsunterricht ertönte.

Das Orchester stand allen Schülern der unteren Klassen offen und verfügte über eine ganze Bandbreite an Instrumenten: Violinen, Celli, Flöten, Klarinetten, Trompeten, Posaunen und verschiedene Schlaginstrumente. Der Leiter war Mr. Grimshaw, ein begeisterter junger Lehrer. Er war ein zierlicher blonder Mann, der Geografie unterrichtete und, weil er ein guter Pianist war, in der Musikabteilung aushalf.

Am Anfang hatte sich Lizzie zu den ersten Violinen gesetzt. Aber nachdem Mr. Grimshaw sie einmal gehört hatte, wies er sie zu den zweiten Violinen, den weniger guten Spielern. Keiner wollte Lizzie neben sich haben und bald wurde sie allein an das letzte Pult der Violinen gesetzt, wo alle hofften, dass die Trompeten sie übertönen würden.

Unglücklicherweise war das nicht so.

In dieser Woche hatten sie gerade mit einem der Musikstücke angefangen, die sie beim Halbjahreskonzert aufführen sollten, als Mr. Grimshaw mit einem harten Tata ta ta seines Taktstocks unterbrach.

«Elizabeth Barrett», rief er, «du bist viel zu laut. Kannst du bitte leiser spielen.»

Lizzie rümpfte die Nase, als es von allen Seiten Gekicher und unfreundliche Blicke gab.

«Sie bringt uns raus, Sir», sagte ein Trompeter.

«Uns auch», tönte eine Stimme aus den zweiten Geigen.

«Es ist fürchterlich», rief eine Klarinettistin.

«Das reicht», tadelte Mr. Grimshaw, obwohl er ihnen insgeheim recht gab. «Alle noch einmal von vorn. Nach vier …»

Als er den Taktstock hob, erklärte ein dicker Junge aus den ersten Geigen laut: «Sie sollte überhaupt nicht spielen.»

«Sagen Sie ihr, sie soll gehen», rief jemand aus der Gruppe der Schlagzeuger und andere fielen mit ein. Sie waren alle aufgeregt wegen des Konzerts, zu dem die Eltern eingeladen waren.

Wütend warf Lizzie ihnen finstere Blicke zu.

Mr. Grimshaw klopfte heftig an sein Pult.

«Ich werde keinen auffordern zu gehen», sagte er mit fester Stimme. «Ich will also nichts mehr davon hören. Von vorne.» Er hob den Taktstock und hoffte, dass die Sache damit erledigt wäre. Aber das war sie nicht.

«Wenn sie bleibt», verkündete der dicke Junge aus der ersten Geige, «spiele ich nicht.» Zum Beweis nahm er die Geige vom Kinn und stützte sie auf sein Knie.

«Ich auch nicht», stimmte das Mädchen neben ihm mit ein und tat dasselbe wie er. Sie war die Konzertmeisterin und hatte eine hohe Meinung von ihrem Geigenspiel. «Ich möchte nicht ausgelacht werden», fügte sie geziert hinzu.

«Sie eignet sich höchstens für die Triangel!», rief ein Posaunist, und alle brachen in Gelächter aus.

Das war zu viel für Lizzie. Mit feuerrotem Gesicht sprang sie so abrupt auf, dass ihr Stuhl umkippte. Mit einem lauten Krach fiel er auf den Boden. Aber das war ihr egal. Sie drängte sich durch die Spieler, warf Notenpulte um und rannte an die Seite der Aula, um ihren Geigenkasten zu holen.

Als sie Geige und Bogen einpackte, eilte Mr. Grimshaw zu ihr. «Es tut mir so leid», sagte er nervös. «Bist du sicher, dass du es nicht mit einem Schlaginstrument versuchen willst?»

Lizzie warf ihm einen verächtlichen Blick zu und rauschte aus dem Saal, den Geigenkasten unterm Arm. Hinter ihr fiel die Tür mit einem so lauten Knall zu, dass es im ganzen Saal widerhallte.

Sie lief durch den Gang zu den Umkleideräumen, warf sich ihre Jacke über und hastete in den Pausenhof. Er war voll von Schülern, die die letzten freien Augenblicke genossen, bevor der Nachmittagsunterricht begann. Lizzie bahnte sich ihren Weg zwischen ihnen durch und stürzte zum Schultor hinaus.

Als sie fast zu Hause war, begann es zu regnen. Aber sie war viel zu wütend, um das zu bemerken. Sie lief zum Hintereingang und platzte in die Küche. Ihre Mutter saß bei einer Tasse Tee am Tisch, sie war gerade von ihrem Halbtagsjob als Sekretärin in einem Anwaltsbüro heimgekommen.

«Lizzie», rief sie überrascht. «Was um Himmels willen machst du hier?»

Ohne zu antworten stürmte Lizzie durch die Küche und die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie knallte die Tür hinter sich zu, ließ sich auf das Bett fallen und brach in Tränen aus.

Kurz darauf klopfte es leise und ihre Mutter trat ein.

«Was ist denn nur los?», fragte sie ganz besorgt.

«Sie wollen mich nicht im Orchester», schluchzte Lizzie.

Mrs. Barrett lächelte teilnahmsvoll und setzte sich neben sie. «Das ist doch nicht so schlimm», sagte sie, «das ist doch kein Weltuntergang.»

«Sie haben gesagt, ich soll Triangel spielen.»

«Das hört sich doch gut an.»

«Gut!» Lizzie war empört, sie legte den Geigenkasten aufs Bett und rannte aus dem Zimmer.

«Wo gehst du hin?», rief ihre Mutter.

«Fort! Rad fahren!»

«Es regnet.»

«Ist mir egal!»

KAPITEL ZWEI

Den Kopf dicht über dem Lenkrad, die Füße in die Pedale gestemmt, sauste Lizzie ans Ende der Straße und um die Ecke in die nächste. Rechts und links glitten die Häuser verschwommen vorbei. Sie fuhr so schnell über den Zebrastreifen, dass sich die Reifen von ihrem Rad holpernd vom Boden abhoben. Kurz darauf flitzte sie durch das schmiedeeiserne Eingangstor in den Park.

Er war sehr groß, es gab weite Wiesen, auf denen verstreut alte Eichen und Kastanien standen, und ganze Waldflächen. Versteckt hinter den Bäumen waren Seen, wo Teichhühner, Enten und Wildgänse lebten. An Sommerwochenenden wimmelte der Park von Menschen und Fahrzeugen. Aber an einem feuchten Nachmittag mitten in der Woche war er ganz verlassen.

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