Der Mann am See - Werner Schmidli - E-Book

Der Mann am See E-Book

Werner Schmidli

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Beschreibung

Jahrelang war Camill Gunten in Australien, er hat Java und Tahiti gesehen und es im Leben doch nicht weit gebracht. Nun wohnt der pensionierte Detektiv in einem verwilderten Garten am Murtensee, allein mit seiner Katze, die er Cornichon nennt, »weil sie griesgrämig ist wie die meisten Schweizer«. Seine Tage füllt er mit Spaziergängen - und mit seiner unstillbaren Neugier. Staunend und mit lächelnder Nachsicht verfolgt er, was die Menschen in Murten umtreibt: die Affäre des jungen Benz mit der Frau des Radiohändlers, den verbissenen Konkurrenzkampf zweier ehemaliger Geschäftspartner. Doch als Benz am Morgen nach einem Sturm erschlagen an der Uferpromenade liegt, wird der melancholische Beobachter selbst aktiv. Gunten gibt sich nicht zufrieden mit den vorschnellen Erklärungsversuchen der Kleinstadtpolizei, macht sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. Auch Eitelkeit und ein Gran Rachsucht treiben ihn an: Jean, als Kantonspolizist mit der Untersuchung betraut, war einst Guntens Vorgesetzter …

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Werner Schmidli

Der Mann am See

Guntens erster Fall

Roman

atlantis

Für Gertrud K.

1

Gunten verfluchte seine Unbeherrschtheit, seinen Arzt, der sie ihm zu Recht vorwarf, und er verfluchte seine Katze, die er Cornichon nannte, weil sie oft griesgrämig war wie die meisten Schweizer. Ihr zuliebe hatte er die Blutwurst gekauft und mit ihr geteilt. Cornichon hatte die Wurst beschwerdelos verdaut, während er auch nach dem zweiten Glas Fernet Branca, den er mit Wasser verdünnt trank, an seiner kranken Galle litt. Der Fernet hatte die Kühle des nachmittäglichen Murtensees und die Farbe des herbstlichen Waldkranzes auf dem Mont Vully, und die Rebstöcke an den Hängen hatten die Muster der Jacke, die ihm Claire, seine Freundin, im Sommer gestrickt hatte. Er hatte die Jacke zu Hause gelassen, denn sie erinnerte ihn daran, dass er Claire vernachlässigte.

Gunten seufzte; er war im September siebenundsechzig geworden, fünf Jahre älter als Claire, Waagetyp, aber er widersprach der angeblichen Ausgeglichenheit.

Es war früher Nachmittag. Gunten saß mit Jean, seinem Freund, der bei der Kantonspolizei war, an einem Zweiertisch im Restaurant Bain, und sie sahen gelangweilt auf den See.

Nimmst du noch einen?, fragte Jean. Gunten schwieg und blickte ins rötlich gefärbte Birnenspalier im Vorgarten, an dem der Wind rupfte, und er fror; er fürchtete sich vor dem Winter, wegen seines Rheumas. Der Wind war keine leichte Brise wie am Vortag; er nahm dem See den Glanz, die vertäuten Segelboote kamen ins Schwanken, und das anfängliche Klirren der Drähte an den Masten wurde zum Geläut.

Schlecht siehst du aus!, sagte Jean. Die Galle wohl wieder! Ich bestelle dir noch einen Fernet.

Gunten wischte sich den Schweiß vom Kinn. Mit Wasser, befahl er Anne, der Serviertochter. Dann hat der Fernet die leuchtende Farbe des Herbstes, diese Fülle, die uns immer wieder täuscht, denn es ist die Farbe des Alterns und Absterbens.

Du wirst steinalt, sagte Jean. Alle, die jammern, werden steinalt. Gunten sah zu Anne. Sie strickte an einem Jäckchen; sie war einundzwanzig, schmal im Gesicht und breit in den Hüften, sie hatte sich das Haar schwarz gefärbt, aber sie blieb auch so eine Bauerntochter aus dem Seeland.

Aus der Kaffeemaschine fuhr alle Augenblicke Dampf; Gunten empfand es wie das Atmen eines Kranken.

Seit wann hängen diese Seilknoten an der Wand?, fragte er.

Jean sah griesgrämig auf. Seit sie das Fischernetz abgenommen haben, sagte er. Entweder wird es hier vornehmer, wegen der Leute vom Segelklub, oder es gibt keine Fische mehr im See.

Das ist eine Logik!, sagte Gunten. Und wie lange ist das her?

Was weiß ich, seit du das letzte Mal hier gewesen bist. Jean gähnte. Du verkriechst dich in deinem Haus am See. Oder nimmt dich Claire so in Anspruch, in deinem Alter? Er grinste müde. Oder Martha? Oder beide zusammen?

Jean war vier Jahre jünger, aber er wog fünfundzwanzig Kilo mehr und sah älter aus.

Gunten verdünnte den Fernet zur Hälfte mit Wasser, nahm einen kleinen Schluck, dann sah er wieder über den See. Er schwieg und dachte, dass er ruhig sterben könnte, überflüssig wie er war und krank, eine Last für die Versicherungen, willkommen hier bloß als zahlender Gast. Cornichon würde auch ohne ihn überleben: Sie war ein geschickter Fischer.

Die Uhr an der Wand tickte lauter in der stillen Gaststube, schien Gunten, und er sah zum Zifferblatt. Eigentlich war es ganz unwichtig, wie spät es war, und als er spürte, dass das Pendel der Uhr seinen Herzschlag begleitete, schaute er wieder auf den See, als könnte von dort eine Antwort kommen. Er sah, was er von seinem Haus sah, nur war der Blickwinkel verändert. Wolken zogen über den Mont Vully und löschten das Glitzern im See.

Hier passiert nichts, sagte Jean.

Gunten betrachtete die schwankenden Segelboote, verfolgte den Streit der futterneidischen Blesshühner; die Gelassenheit eines Haubentauchers stimmte ihn versöhnlich, obwohl ihn die Galle plagte. Du siehst nur, was an der Oberfläche geschieht, Jean, sagte er. Du hast kein Gespür. Darum bist du bloß Beamter, kein Fahnder.

Hör auf zu philosophieren, sagte Jean, und trink deinen Fernet aus! Da kommt der Vully, den ich bestellt habe.

Er hob sein Glas, das wie ein Fingerhut schien in seiner großen Hand. Salü! Man weiß nie, wann es das Letzte ist! Und lass mir meinen Frieden, Gunten, ich lasse dir deinen auch. Du hast es gut, du lebst allein, und Claire plagt dich nicht.

Gunten stellte das Glas hin, ohne getrunken zu haben; er hatte ein rotes Gesicht, als er aufstand, Schweiß auf Stirn und Nase, und er presste sich das Taschentuch vor den Mund.

Er war gerade bei der Tür zum Seedurchgang, als sie aufgerissen wurde und eine Gruppe Burschen und Mädchen vom Segelklub, in weißen Pullovern und Turnschuhen, ihn fast umrannten; lärmend deckten sie seinen Hustenanfall zu und verlängerten ihm den Weg zur Toilette, sein Leiden.

Er erbrach Galle im Durchgang, ein zweites Mal im überkiesten Vorgarten in einen Laubhaufen.

Als er sich mit dem Taschentuch das tränende Auge trocknete, den Mund abwischte, sah er den jungen Mann an einem der Blechtische sitzen. Er trug eine wattierte Jacke, eine gestrickte Mütze und schob die leere Kaffeetasse zur Seite, er sah aber nicht auf; er genierte sich wohl.

In der Toilette erbrach Gunten hustend Galle und Blutwurst in die Waschschüssel; er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, trocknete es mit Papiertaschentüchern und erschrak vor seinem grauen, verzerrten Spiegelbild.

Du bist nicht nur ein alter Mann, sagte er sich, sondern auch krank.

Er wusch sich das Gesicht ein zweites Mal, dann öffnete er das Fenster. Der See glitzerte wieder in der Sonne, das Laub des Birnenspaliers fächerte ihm rot-gelb-grün entgegen wie ein Strauß, und Gunten fühlte sich, befreit von der fettigen Wurst und der Galle, etwas wohler.

Er hörte eine Männerstimme im Vorgarten und beugte sich, auf Zehenspitzen und in seiner alten Neugier, zum Fenster hinaus. Jetzt erkannte er in dem Mann den jungen Benz. Er war Mitte zwanzig und Verkäufer im Au Louvre in Murten, das von der Haarnadel über Rasiermesser, Schnäpse, Schuhe und Briefpapier bis zum Anzug alles feilbot. Er saß wie zuvor allein an einem der Blechtische, als hätte man ihn am letzten warmen Sommertag vergessen, oder er harrte einfach aus in der trotzigen Zuversicht seiner Jugend, und er sprach mit sich selbst.

Gunten fror plötzlich nicht mehr.

Einen Partner hatte der junge Benz nicht, er schilderte sich selbst den Wechsel des Lichtes über dem See. Er erinnerte eine Hélène an die Wärme des Sommers, der ihnen Wohnung gewesen war. Er erzählte von Wanderungen auf dem Chasseral, vom Blick auf den Bieler- und den Murtensee, auf die Hügel, die in Wellen zu den Alpen anstiegen. Nach einer langen Pause wiederholte er seine Frage, wo sie den Winter über bleiben sollten. Dann schwieg der junge Benz, nahm ein schwarzes Kästchen vom Tisch auf, das so groß und flach war wie ein Taschenrasierapparat, und hielt es, den Arm angewinkelt, auf Ohrenhöhe.

Gunten war so verdutzt, dass er unvorsichtig wurde und sich am Fensterrahmen hochzog, bis er merkte: Hier erzählte einer auf Tonband seiner Geliebten!

Ertappt und beschämt zog Gunten sich zurück.

2

Nun, geht’s wieder besser?, fragte Jean.

Gunten beugte sich mit aufgestützten Armen über den Tisch zum Fenster hin, aber von diesem Winkel aus konnte er den jungen Benz nicht sehen. Es geht schon wieder.

Du bist ziemlich lange weggewesen, sagte Jean vorwurfsvoll und besorgt, dann sah er entschuldigend auf die Weinkaraffe.

Gunten lachte begütigend, hob sein Glas. Der Wein ist zum Überleben, Gesundheit!

Jetzt gefällst du mir wieder, sagte Jean. Also dann: Gesundheit!

Sie leerten beide das Glas in einem Zug.

Du hast dich verletzt, sagte Jean, am Handgelenk.

Ich habe mich am Waschbecken angeschlagen, oder am Sims, als ich das Fenster öffnete. Das ist nicht weiter schlimm. Meine Haut ist dünn geworden, empfindlich wie meine Seele.

Jean schwieg, weil ihm nichts dazu einfiel.

Die jungen Leute riefen nach dem Wirt, er sollte bei einer Runde Vully mithalten; aber der Wirt war in Murten, beim Einkaufen.

Ein Paar hielt sich so umschlungen, dass es Gunten an einen der Seilknoten hinter ihm an der Wand erinnerte; er lächelte. Dann dachte er an den jungen Benz, der an einem Blechtisch saß, geschützt nur durch seine wattierte Jacke, und seiner Geliebten von seinen Empfindungen erzählte; das stimmte ihn melancholisch.

Sitzt er immer noch draußen?, fragte er.

Wer? Jean stellte die leere Karaffe zurück, mit der er Anne gewinkt hatte.

Der junge Mann, draußen am Tisch, unterm Spalier. Du müsstest ihn eigentlich sehen!

Nun blickte Anne endlich zu ihrem Tisch. Jean hob die leere Karaffe.

Siehst du ihn?, fragte Gunten ungeduldig.

Wen denn?

Den jungen Mann draußen am Tisch!

Jean ließ die Karaffe nicht los, als tröste ihn das über den Ärger hinweg, dass Anne sitzen blieb; aber er beugte sich zurück und sah in den Garten.

Ach, der junge Benz, sagte er gleichgültig. Der muss schon dort gesessen haben, als wir gekommen sind.

Anne hatte sich endlich erhoben; sie zog ihren Jupe lang und machte, drei Schritte vor den beiden alten Männern, ein beleidigtes Gesicht.

Der redet mit sich!, sagte Gunten.

Dann lass ihn mit sich reden. Auch junge Leute fühlen sich heute oft einsam.

Was ist jetzt?, fragte Anne.

Noch einen Halben Vully, sagte Jean, aber dalli!

Anne warf schnippisch die Haare ins Genick, bevor sie sich abwandte und zum Buffet ging, mit einem Umweg um zwei Tische.

Ich würde frieren, da draußen am Tisch, sagte Gunten.

Ja, du! Du bist ein alter Mann und krank. Er ist jung und verliebt, Verliebte frieren nicht.

Sie schwiegen und sahen auf den See. Die Wolken hingen im Waldkranz des Mont Vully, breiig und grau, der Wind zerrte am Birnenspalier, und jetzt schaukelte auch das Ruderboot, das halb an Land lag. Sonst hatte sich nichts verändert.

Aus dem Laubhaufen beim Mäuerchen am See, wo der geteerte Uferweg um eine Hecke zur Seepromenade führte, stieg Rauch auf, dann zuckten Flammen darüber hinweg.

Gunten empfand es als Frevel: Er ließ seinen Bäumen die Blätter, bunte Kränze um die Stämme. Wer hat denn den Laubhaufen angezündet?, fragte er verdutzt und verärgert.

Was weiß ich! Ist das so wichtig?

Anne brachte den Halben Vully; sie schenkte aber nicht ein. Im Abdrehen stellte sie die Karaffe hin, als könnte sie sich an den beiden Alten mit einer Krankheit anstecken.

Merci!, sagte Jean laut; seine Empörung ging unter im Dröhnen einer Zweierstaffel Hunter, die dicht über den See flog, Richtung Le Chablais und dem Großen Moos.

Lass mich austrinken, sagte Gunten, als Jean einschenken wollte, alter und neuer Wein vertragen sich nicht. Und dann habe ich keine Eile. Er nahm einen Kipfel aus dem Kunststoffkörbchen, teilte ihn in zwei gleich große Hälften, aber Jean lehnte gegen seine Gewohnheit und mürrisch ab.

Gunten hob das Kinn, schnupperte. Riechst du den Rauch?

Jean hob das Kinn. Nein.

Das ist merkwürdig, sagte Gunten. Ich liebe den Geruch der Herbstfeuer, und zugleich erinnert er mich an die Vergänglichkeit.

Noch lebst du! Trink, und lass uns zufrieden sein.

Neue Gäste, die Jean grüßten und Gunten zunickten, um nicht ganz unhöflich zu sein, kamen herein. Der Wirt war inzwischen zurückgekehrt und machte bei einer Runde Vully mit.

Du hättest sehen müssen, wer den Laubhaufen angezündet hat!, sagte Gunten.

Was interessiert mich das Feuer! Jean hatte die Hände wieder über dem Bauch gefaltet, und für einen Augenblick sah er doch in den Garten. Ich will in Ruhe hier sitzen und meinen Wein trinken. Ich habe meinen dienstfreien Nachmittag.

Darum bist du kein richtiger Kriminalbeamter geworden.

Hast du gesehen, wer das Feuer angezündet hat?

Nein. Es muss angezündet worden sein, als ich auf der Toilette war.

Dann ist es der Wirt gewesen.

Der Wirt war in der Stadt. Und er ist durch die Vordertür, von der Straße, hereingekommen.

Jean hob mit einem Seufzer die Arme, ließ sie auf die Oberschenkel fallen. Irgendjemand hat den Haufen angezündet, das ist doch egal! Die verbrennen ihre Abfälle immer am Ufer, auch Laub. Jean hustete ins Taschentuch, als befreie ihn das von seinem Ärger, dann schüttelte er sich. Du bist neugierig wie ein altes Weib.

Das Einzige, was unsereinem noch bleibt: die Neugier! Wir schauen zu, sind neugierig, ob es andere wohl besser machen, als wir es gemacht haben. Und wir sind hämisch zufrieden, wenn sie es nicht besser machen.

Gunten verzog missmutig das Gesicht. Er hatte siebzehn Jahre in Elsternwick, einem Vorort von Melbourne, als Verwalter eines Boardinghouse gearbeitet, seine Frau an einen anderen verloren und seine Töchter, Zwillinge, an einer Hirnhautentzündung. Nach der Rückkehr in seine Heimat hatte er als Handlanger bei Jeans Schwiegersohn gearbeitet und eigentlich nicht viel erreicht aus eigener Kraft.

Das Haus in Muntelier, eher ein Schuppen, einstöckig und schlecht isoliert, hatte er von seiner Schwester geerbt. Sie hatte sich, betrunken auf dem nächtlichen Heimweg, dem Seeufer entlang, nicht mehr ausgekannt, und sie war bei einer Baustelle ins Wasser gestürzt und ertrunken.

So war Gunten in seine Heimat zurückgekehrt; das war vor vierzehn Jahren gewesen, in einem heißen Sommer, und in Melbourne hatte es bei vier Grad Kälte geregnet.

Bei der Ausbesserung des Uferweges vor dem geerbten Haus hatte er dann das linke Auge verloren; aber das andere genügte ihm, seine enger gewordene Umwelt zu sehen und die Käufer einzuschätzen, die ihm sein Grundstück abschwatzen wollten.

Mag sein, dass du alles falsch gemacht hast, Gunten, sagte Jean. Aber verdirb mir nicht meinen freien Nachmittag. Trink deinen Wein und lass mich zufrieden. Du hast mich genug geärgert, als wir noch zusammengearbeitet haben.

Darauf schwieg Gunten mit rotem Kopf, nahm einen Schluck Wein und schenkte nach. Im ersten halben Jahr habe ich mit meiner Frau in Elsternwick bei einer ungarischen Jüdin gewohnt, erzählte er. Die saß den ganzen Tag am Fenster, und sie sah bloß einen Zwetschgen- und einen Zitronenbaum, einen Lattenzaun, mannshoch, zwei Nachbarfenster, ein Gartentor, das Stück Rasen, das ich für sie mähte, und die Hecke. Wäre sie nicht neugierig gewesen, wie ich es noch immer bin, säße ich nicht hier: Sie hat die Schlange gesehen, eine giftige, meterlang. In Australien ist fast alles giftig, was fliegt und kriecht, und es kriecht auch in den Vorstädten.

Lass doch deine alten Geschichten!, sagte Jean. Es hört dir keiner mehr zu, auch ich nicht! Darum will ja keiner mit dir am Tisch sitzen.

Die Hunterstaffel donnerte vom Chablais her über den See, und Jean schwieg; er sah hilflos und irgendwie erbarmungswürdig aus, fand Gunten.

In die Rechnung teilten sie sich dann.

Lassen Sie das, sagte Jean, als Anne die Karaffe mitnehmen wollte, es ist noch ein Schluck drin.

Kleinkrämer, sagte sie leise, aber nicht leise genug, und setzte sich wieder zu ihresgleichen.

Jean hielt sich verkrampft aufrecht, mit gerötetem Gesicht, so beherrschte er sich.

Das musst du nicht tragisch nehmen, sagte Gunten, sie weiß es nicht besser in diesem Land.

Jean lächelte ein wenig verzerrt; den Schluck Wein schenkte er dann Gunten ein. Sie sahen sich in der Gaststube um. Alle Gäste waren versorgt, die Segler still geworden, und der Rauch der Marlboro-Zigaretten, der wie schlaffe Segel im Raum hing, roch nicht anders als der Rauch der Zigarette, die Jean sich angesteckt hatte.

Seit wann rauchst du wieder?, fragte Gunten. Bei deinem Husten!

Jean lehnte sich zurück und schwieg. Er erinnerte Gunten an Claire, wenn sie in erwartungsvoller Aufmerksamkeit neben dem Buffet saß und die Gäste, nach beendeter Mahlzeit, die Teller zurückschoben, die sie gespült und aufgestellt hatte und die sie wieder abräumen und spülen würde, wenn die Gäste Kaffee tranken. Gunten fühlte sich plötzlich überflüssig. Sie würden sich wie gewöhnlich gegen vier Uhr erheben, die Stühle an den Tisch schieben, mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machen und zwei Schritte vor der Tür auf einen Gruß warten oder auch nicht; Anne würde den Tisch abräumen, die Astern in die Tischmitte zurückstellen und die Krumen des Kipfels auf den Boden wischen. Es würde so sein, als wären sie nicht hier gewesen.

Es war dumm von mir, den Kipfel zu essen, sagte Gunten. Ich mache immer wieder die gleichen Fehler. Jean lächelte nachsichtig, seine Augen waren ein wenig glasig geworden und hatten die Farbe des Sees.

Es ist die Butter in den Kipfeln, die ich nicht vertrage. Wieder die Galle?, fragte Jean und sah Gunten nicht an, so wie er meistens durch alles hindurch oder daran vorbei oder darüber hinwegsah.

Er ist kein glücklicher Mensch, auch wenn er gesund ist und eine gute Pension haben wird, dachte Gunten. Er ist nicht unzufrieden, aber er mag sich selbst nicht. Er hatte sich auch nicht gemocht, als er sich für ein paar Jahre vom Dienst suspendieren ließ und seinem Schwiegersohn half, einen Rollladenservice aufzubauen; das war kurz nach Guntens Heimkehr aus Australien gewesen, und so hatten sie sich kennengelernt: in der täglichen Zusammenarbeit.

Ich müsste eine Liste machen, was ich essen darf, was ich überhaupt nicht tun darf und mir zumuten kann.

Ich hör dir nicht zu, sagte Jean. Ich will so was nicht hören.

Gunten schloss die Augen und spürte, wie ihm die Galle hochstieg. Als er sich erhob, weil ihm wieder übel war, sah er sich, getrennt durchs Fensterglas, auf Armeslänge dem jungen Benz gegenüber. Benz hatte sich einen windgeschützten Tisch gesucht, die wattierte Jacke aufgeknöpft und schien so noch breiter; dabei war er ein schmaler Bursche, wie Gunten sich erinnerte. Benz hatte ihn einmal im Louvre bedient, als er sich einen gesteppten Mantel kaufen wollte. Der junge Benz war verlegen gewesen, als er ihm in wohlgemeinter Absicht eine zu große Nummer anprobierte; er entschuldigte sich und meinte, ein solcher Mantel sollte ein paar Jahre halten, bei dem Preis, man müsse sich darin wohlfühlen wie in einem Haus. Sie haben recht, hatte Gunten gesagt, den nehme ich. Ich werde hineinwachsen wie ins Alter.

Der junge Benz hatte gelächelt, zerbrechlich und verloren in seinem ruhigen Schauen.

Nun klopfte der junge Benz ans Fenster, zeigte eine Zehnernote; undeutlich hörte Gunten, dass er noch einen Kaffee wollte und dann gleich zahlen. Er wirkte so verloren, wie Gunten ihn als Verkäufer neben sich in Erinnerung hatte.

Dem Verliebten ist kalt geworden, sagte Jean und grinste hämisch.

Gunten war so verletzt wie erstaunt. Verliebt?, fragte er.

Es weiß doch jeder, dass er ein Verhältnis mit der Weiss hat, der Frau des Radio- und Fernsehhändlers Weiss. Nur der Weiss wird es wohl als Letzter erfahren. Jean lachte glucksend. So ist es gewöhnlich.

Ich habe es nicht gewusst, sagte Gunten.

Ich hab’s dir schon einmal erzählt, aber du hast nicht zugehört, wie so oft.

Ich höre sehr gut zu. Ich höre sogar besser, seit ich nur noch mit einem Auge sehe. Ich kann das Auge schließen und erkenne einen an seiner Stimme, an seinem Räuspern oder seinem Husten.

Jean wedelte ungeduldig mit der Hand gegen das Fenster, als belästigte ihn eine Fliege.

Er will noch einen Kaffee und dann zahlen, sagte Gunten.

Er kann ja hereinkommen!

Verliebte wollen allein sein, sagte Gunten, und als Jean schwieg, machte er Anne, die noch immer bei den Seglern saß, auf den jungen Benz aufmerksam. Als er dann zur Tür ging, die zur Toilette führte, sah er den jungen Benz vor dem Fenster ihm zunicken und lächeln.

Im Durchgang musste er sich gegen die Mauer lehnen, er fror im Durchzug und verfluchte seine Gedankenlosigkeit.

Im See funkelte die Sonne; aber er sah nur den Plastiksack, der grau und durchsichtig war wie eine Fischblase und mit dem Laub gefüllt, in das er sich erbrochen hatte.

Er erbrach sich dann über dem Waschbecken, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, ließ sich aber Zeit mit dem Abtrocknen: Er musste erst zu Atem kommen. In den Spiegel sah er diesmal nicht; er ging zum Fenster, das noch immer offen stand.

Er stand da und sah in die Landschaft, in der er eigentlich nie heimisch geworden war.

Ihm fehlten die Weite des australischen Himmels, der die Erde berührte, und die Wolken, die einen Bogen zum Horizont spannten und so dem Himmel die Unendlichkeit und Verlorenheit nahmen.

Später konnte er sich nicht erinnern, wie lange er zum Fenster hinaus- und in sich hineingeschaut hatte. Vielleicht lag es am jungen Benz. Der saß wieder am Blechtisch; er hatte die Jacke zugeknöpft und die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen, als wollte er sich in sich selbst zurückziehen.

Der Wind war für Augenblicke abgeflaut, und eine seltsame Ruhe lag über dem See. So störte ihn das kurze, trockene Husten im Garten, das ihn an sein Husten erinnerte, wenn er Galle erbrach; aber der junge Benz saß noch immer still da, die Arme verschränkt, und blickte auf den See. Dann sah er den Mann, der dort bei der Hecke stand, wo der geteerte Weg vom Rasen geländerlos zur Seepromenade führte. Der Mann störte ihn noch mehr, als ihn das trockene Husten gestört hatte. Er brachte Unfrieden in diese Ruhe, wie er plötzlich auf den Rasen lief, und es sah lächerlich aus, wie er beim Aufstampfen die Arme hob wie zu einer Umarmung: ein Jüngling, der zu seiner Braut lief; dabei war er Mitte fünfzig, fast kahl und trug einen Maßanzug, den sich ein Jüngling nicht hätte leisten können, darunter ein rosa Hemd, aber keine Krawatte. Er musste sehr in Eile gewesen sein.

Jetzt erkannte Gunten den Radio- und Fernsehhändler Marius Weiss.

Weiss weiß, was Qualität heißt!

Gunten hatte seinen Fernseher bei Marius Weiss gekauft, vor acht Jahren, und der Apparat hatte das Versprechen gehalten.

Weiss nahm die erste Hälfte der Steinstufen, die zum Vorgarten führten, wo der junge Benz saß, mit einem Sprung, stolperte in der zweiten Hälfte und riss sich, oben angelangt, die Jacke auf. Die Sonne warf seinen Schatten drohend über die Blechtische.

Der junge Benz hielt der Drohung stand, indem er sich am Tisch festhielt und zurücklehnte in ergebener Verblüffung.

Gunten vergaß, wie empfindlich seine dünne Haut war, und zog sich am Fensterrahmen hoch.

Du wirst meine Frau jetzt endlich in Ruhe lassen!, hörte er den Weiss, noch beherrscht, sagen.

Der junge Benz blieb stumm.

Dein Grinsen wird dir gleich vergehen!

Der junge Benz grinste aber nicht; er hatte nur diesen stillen, verlorenen Ausdruck im Gesicht, fast wie ein Lächeln. Weiss trat an den Tisch. Und das hört jetzt auch auf!, sagte er und schlug den Kassettenrekorder vom Tisch. Für wie dumm haltet ihr mich eigentlich, ihr beiden?

Der Tisch stürzte um, als er den jungen Benz an der Jacke hochriss, zu sich herzog und schüttelte.

Der junge Benz war ein Kleiderbündel in Weiss’ Händen. Er ließ ihn mit sich wüten in einer Ergebenheit, die Gunten wehtat, und er schämte sich, dass er ihm, dem er sich so ähnlich fühlte in der Erinnerung an seine Jugend, nicht zu Hilfe kam; aber da spürte er wieder Galle in der Kehle, und er wandte sich ab. Als er sich das Gesicht wusch, hörte er Weiss dem jungen Benz drohen, er werde ihn umbringen, mit bloßen Händen erschlagen, erwürgen, im See ersäufen.

Gunten zog sich wieder am Fensterrahmen hoch. Der junge Benz saß zwischen den Stühlen am Boden und hielt sich den Hinterkopf, während Weiss außer Atem über ihm stand mit aufgerissener Jacke wie einer der siegreichen Gladiatoren, die Gunten am letzten Abend in einem Fernsehfilm über den Untergang des Römischen Reiches gesehen hatte.

Weiss wirkte nur noch lächerlich, aber gerade darum gefährlich. Der junge Benz musste das auch gemerkt haben: Er rutschte unter einen Tisch, aber Weiss trat ihn mehrmals in die Rippen.

Der junge Benz stöhnte, sein Gesicht war fast so weiß wie der ausgeschüttete Kaffeerahm.

Weiss schien befriedigt, jedenfalls war er ruhiger, als er sagte: Jetzt weiß ich auch, warum man dich den jungen Benz nennt. Du schlägst deinem Vater nach, der war auch ein Schürzenjäger und Feigling!

Dann bemerkte er Anne. Sie trug ein Tablett mit einer Tasse Kaffee, hielt den Mund offen, aber sie schien eher amüsiert als erschrocken; hinter den Fenstern grinsten ein paar Gäste, und der Wirt trat gemächlich unter die Tür. Weiss lief an Anne vorbei, blieb mit der Jacke und dem Hemd an den Drähten hängen, die das Spalier hochhielten; ein paar Atemzüge lang führte er, stumm, einen Veitstanz auf, um loszukommen. Auch Gunten lachte, und zugleich tat Weiss ihm leid. Er dachte an Claire, die ihn betrog, wenn sie sagte, zwischen Geld und Gefühl mache sie keinen Unterschied. Weiss lief über den Rasen zum See; einmal blieb er kurz stehen und besah sich seine Jacke und das Hemd, dann bog er um die Hecke.

Der junge Benz kroch unterm Tisch hervor; er hatte Mühe, aufzustehen, hielt sich den Kopf, tastete seine Rippen ab und stöhnte.

Anne stellte den Kaffee auf einen Nachbartisch, sagte: Zwei Kaffee, das macht dreisechzig, und drei Franken für die zerschlagene Tasse.

Der Wirt sagte kein Wort, er stand unter der Tür, und das genügte als Drohung.

Der junge Benz gab Anne wortlos eine Zehnernote, winkte großzügig aus Verlegenheit ab; aber Anne hatte die Note schon eingesteckt und ihm den Rücken zugekehrt.

Der junge Benz ließ den Kaffee stehen, und als er auf die Knie ging, wusste Gunten sofort, was er suchte, ohne ihm behilflich sein zu können: Sich als Zeuge preiszugeben, schämte er sich.

Der Kassettenrekorder lag neben der Treppe in der Kapuzinerkresse.

Jetzt macht aber, dass Ihr wegkommt!, rief der Wirt. Hier seid Ihr nicht mehr erwünscht!

Bei der Hecke zögerte der junge Benz. Der Wirt machte ein paar Schritte in den Vorgarten, die Hände in der hüftlangen Schürze, die Ellenbogen nach außen gebogen.

Gunten trat aus dem Torbogen. Die Tische und Stühle unterm Birnenspalier waren ausgerichtet wie zuvor, durchs Laub sprenkelte die Sonne, die Wolken warfen Schatten auf den See. Den Kassettenrekorder fand er unter einem Blütennest der Kapuzinerkresse. Noch auf den Knien schien ihm, als ginge jemand über den Kiesweg unter der Pergola zu den Umkleidekabinen; aber die Kabinen waren bereits verschlossen, zum Baden war es längst zu kalt. Unter dem Torbogen besah er sich das Gerät; es war aus schwarzem Kunststoff, bespickt mit winzigen Knöpfen, und hatte ein Fensterchen, hinter dem eine Spule lag, kürzer als sein Daumen. Gunten war technisch nicht sehr begabt, seine Hände von schwerer Arbeit verdorben.

Einmal, noch keine fünf Schritte im Durchgang, hörte er wieder das trockene Husten. Er blieb stehen, hörte aber nur noch seinen Atem, das Klirren der Drähte an den Masten der Segelboote, das Rollen der Kiesel im Wellenschlag, lautes Gelächter aus der Gaststube. Er steckte das Gerät in die Jackentasche, dabei plagte ihn ein ungutes Gefühl; er nahm sich vor, dem jungen Benz den Kassettenrekorder zurückzubringen.

3

Sein Platz am Fenster war besetzt, als Gunten zurückkam, und Jean gegangen, wie der Wirt über die Schulter sagte. Gunten trank einen letzten Fernet am Buffet, im Stehen, mit dem Rücken zu den Gästen; er musste sich nicht umsehen: Er erkannte jeden an seiner Stimme.

Der Vorfall schien kein Thema mehr.

Keiner nahm seinen Gruß ab unter der offenen Tür; im Durchgang zögerte er erst einen Augenblick, dann ging er seinen gewohnten Weg quer über den Rasen zur Hecke.

Der Laubhaufen mottete noch.

Gunten fröstelte und sagte sich, dass er als Erstes Feuer machen müsse im Haus. Der Kassettenrekorder wog so leicht in seiner Jackentasche, dass er ihn auf dem Uferweg, der zu seinem Haus führte, für eine Weile vergaß.

Vom Rathaus schlug es halb fünf; er sah auf seine Armbanduhr, und die zeigte auch halb fünf, exakt. Er fragte sich, wozu er eigentlich seine Uhr trug und sich beeilte: Zu Hause erwartete ihn nur die Katze; die Füllfeder, mit der er in sein gelbes Heft schreiben wollte, was ihm der Tag gebracht hatte, war rasch mit Tinte aufgezogen, und so viel gab es eigentlich nicht zu schreiben. Feuer war schnell gemacht, eine Mahlzeit im Handumdrehen gerichtet.

Gunten blieb unschlüssig stehen. Der Wind hatte Kraft bekommen, schien aber wärmer, doch der Föhn hatte ihm bisher nie zu schaffen gemacht. Blesshühner, Möwen und Enten ließen sich von den Wellen heben und treiben; der Mont Vully leuchtete in den Farben des mit Wasser verdünnten Fernets. Gunten dachte an Jean, der, ohne sich zu verabschieden, gegangen war.

Er kehrte dem Wind den Rücken, wischte sich mit dem Jackenärmel über sein tränendes Auge – und da sah er den jungen Benz. Er stand am See, dort, wo der Uferweg endete und sich im Rasen verlor, der zum Bain gehörte und der im Sommer für die Badegäste reserviert war. Gunten dachte an den Kassettenrekorder in seiner Jackentasche, doch er hatte keine zehn Schritte gemacht, als der junge Benz zu laufen anfing. Auch Gunten beeilte sich, den Wind im Rücken; aber da bog der junge Benz stadtwärts in einen Seitenweg. Gunten sah den Wirt des Bain drohend zum See kommen, wo die Promenade endete und ein Schild an einem Gitter zu seinem Restaurant wies und zum Durchgang, der nur Gästen offenstand. Gunten ging langsamer, dem Wirt entgegen, aber der wandte sich rasch ab; auch als er über den Rasen zurückging, hatte seine Haltung etwas Drohendes.

Gunten blickte um die zurückgeschnittene Hecke. Der Wirt stand mit verschränkten Armen unter der Tür, während Anne den kleinen Vorplatz kehrte, wo der junge Benz unter einem Tisch gelegen und der Weiss ihm gedroht hatte, ihn umzubringen, mit bloßen Händen zu erschlagen, zu erwürgen, im See zu ersäufen.

Gunten dachte, als er umkehrte und dem Weg folgte, den der junge Benz gegangen war, an seine Schwester, die sich selbst ersäuft hatte im See, und er beeilte sich. Nach der Hälfte des Weges, der steil zwischen niedrigen Häusern und kleinen Gärten zum Rathaus führte, in den Windungen mit Stufen, musste er stehen bleiben; er schwitzte, die Atemzüge stachen wie Messer. Er fluchte über seine Schwerfälligkeit, über sein Alter, und er nahm sich vor, häufiger zu Fuß zu gehen und den 2CV stehen zu lassen. Im Durchgang, der zur Rathausgasse führte, fror er, seine Schritte widerhallten, und er ekelte sich vor dem feuchten Geruch des jahrhundertealten Gemäuers; die Rathausgasse war menschenleer, die Geschäfte waren geschlossen: eine stille, für den Sonntag gesäuberte Stadt. Unentschlossen, ziellos nach ein paar Schritten blieb Gunten stehen. Den jungen Benz hatte er, auf dem Weg zwischen See und Rathaus, längst verloren. Jean würde gewiss in der Eintracht auf ihn warten; aber schon der Gedanke an ihn und seine Überheblichkeit machte ihn ungeduldig. Als er sich umwandte, fiel ihm auf, dass die zwei Oleander in ihren Blechkübeln nicht wie gewöhnlich vor Hiltens Laden standen. Die kleinfingergroßen, buntfarbigen Lämpchen leuchteten über Radios, Fernsehern, Plattenspielern, Musikinstrumenten und Armbanduhren, die Hilten zum Verkauf und Tausch anbot; ein von Hand gemaltes Pappschild hing an einem Gummizapfen hinter der Glastür: Ab 15 Uhr geöffnet. Jetzt war es kurz vor fünf, und am Samstag schlossen die Geschäfte um vier. Hilten war wohl den ganzen Tag nicht im Laden gewesen, vielleicht am Vortag schon nicht; seine Geschäfte gingen, wie jeder wusste, miserabel. Hilten trug die Oleander jeweils gegen Mittag vor den Laden, sobald es im Hinterhof schattig wurde; er tat es auch, wenn er den Laden geschlossen hielt und übers Wochenende, so brachte er sie, bis Ende Oktober, zum Blühen. Gunten dachte im Weitergehen, wie seltsam es doch war, dass einem erst etwas auffiel, das man täglich sah, wenn es nicht mehr da war, und wie es ihm zur Gewohnheit geworden war, einen Blick zum Ladeneingang zu werfen, und er dachte, dass Hilten nicht einfach vergessen haben konnte, die Oleander herauszustellen, dazu war er viel zu verhaftet in seine Gewohnheiten.

Gunten nahm dann die Abkürzung zur Schiffstation, die nicht am Bain vorbeiführte. Er sagte sich, dass er seinen Fernet auch zu Hause trinken konnte; er würde Feuer machen, sein Tagebuch führen, und da erinnerte er sich auch wieder an den Kassettenrekorder in seiner Jackentasche.

Das ungute Gefühl, das ihn überfiel und ihn auf dem letzten Wegstück dem See entlang begleitete, saß tief im Magen, wo ihn die Ärzte operiert hatten; somit war es eigentlich erklärbar, und vielleicht machte ihm der Föhn nun doch zu schaffen.

Dann sah er Cornichon, seine Katze, am Wasser sitzen; sie blickte griesgrämig auf, als er sie rief. Sie schien keinen Fisch gefangen zu haben, denn sie folgte ihm sofort ins Haus.

4

Am vierten Tag weckte Gunten die Sonne; sie lag wie ein Sack warmer Kirschsteine auf seinem Bauch, so blieb er liegen. Als er sich wohlig streckte, murrte die Katze.

Sie hockte zu seinen nackten Füßen, musterte ihn und schien zufrieden mit ihm, da er ruhig atmete und lächelte. Sie gähnte aus Verlegenheit: Sie schämte sich wohl ein wenig, dass er sie, trotz seinem dreitägigen Leiden, mit dem Nötigsten versorgt hatte; aber dafür hatte sie aufs Fischen und die Nachbarkatzen verzichtet und ihn behütet.

Sie putzte ihr weißes Brustfell, die getigerten Hinterschenkel, schließlich rieb sie sich die Augen als Zeichen, dass nun alles wieder seinen gewohnten Gang nehmen könnte, und blickte zum Fenster.

Draußen leuchtete der See grünblau, in der Farbe ihrer Augen, das Laub lag knöcheltief nach dem Herbststurm. Gunten verstand die Katze, als sie auf den Boden sprang, sich streckte, schüttelte und mit einem kurzen Blick über den Rücken zur Tür lief – was auch als Aufforderung an ihn gemeint war: Hinauszugehen in den herbstlichen Föhntag, der die Milde des Frühlings hatte.

Gunten öffnete ihr nur die Tür.

Sie zögerte enttäuscht; sie wusste wohl, dass sie bei Föhn keine Fische fangen würde; aber spazieren wollte sie, in seiner Begleitung dem Ufer entlang.

Er strich ihr zur Versöhnung über den Rücken, aber sie schlug mit der Vorderpfote nach seinen Beinen und rannte zum See. Gunten lachte und wusste sofort, dass er nicht hätte lachen dürfen: Nun war Cornichon beleidigt, sie würde sich einen Tag lang nicht blicken lassen. Er richtete ihr einen Teller mit Trockenfutter, füllte Milch nach, legte sich wieder hin und schaute ins nackte Geäst der Pappeln. Er sah den Schatten zu, die über seinen Leib wuchsen, aber er fror nicht wie in den letzten Tagen, als er hier gelegen hatte, behütet von der Katze.

Einmal blätterte er in seinen gelben Heften; über die vier letzten Tage hatte er eigentlich nichts anderes nachzulesen wie an anderen Tagen.

Er hatte, nach seiner Heimkehr am späten Samstagnachmittag, Feuer gemacht, Schwemmholz nachgelegt, das die Form von Brücken hatte, und dabei waren ihm die Brücken eingefallen, die er nie überschritten, und andere, die er hinter sich abgebrochen hatte.

Die Rollladen, die er mit Jean zusammen montiert hatte, ließ er hochgerollt, die Vorhänge zurückgezogen, preisgegeben der Neugier der Spaziergänger.

Er hatte, die Katze zu Füßen, zugesehen, wie die Wolken die Nacht auftürmten, der Wind sich in den See wühlte. Er hörte die Äpfel zu Boden plumpsen und trank den Fernet unverdünnt; er wärmte Milch auf dem Gasherd, gab Honig dazu, und teilte sie mit der Katze. Er umging den Tisch aus Eichenholz, auf dem der Kassettenrekorder lag, als wäre er eine Falle.

Er hielt sich für Stunden im Schaukelstuhl die Schmerzen vom Leib, mit dem Gefühl eines leichten Seegangs, und war zufrieden mit dem, was ihn umgab, trotz einer leisen Wehmut, und er wunderte sich, mit wie wenig ein Mensch auskommen konnte; überflüssig fand er nur den Karabiner an der Wand, eine Erinnerung an seine Dienstzeit. Aus einer Sentimentalität, die er mit anderen Schweizern teilte, ließ er das Gewehr hängen; vierundzwanzig Schuss Munition hielt er in der Kommode verschlossen.

Der Wind heulte durch die undichten Fenster; er lag wach, mit einem Keil im Magen, und ließ das Feuer ausgehen.

Einmal, in der ersten Morgenstunde des Sonntags, lief einer auf dem Uferweg an seinem Haus vorbei, ein großer, kräftiger Kerl ohne Hut und Mantel; aber er konnte sich auch, fiebrig wie er war, getäuscht haben. Die Dämmerung machte die Schatten um sein Bett sanfter. Er kochte Grießbrei und ein hartes Ei; den Dotter hielt er, als goldige Kugel auf der offenen Hand, der Katze hin.

Besucher erwartete er keine, ein Telefon hatte er nicht, und das Fernsehprogramm langweilte ihn schon seit Langem.

Das ausströmende Gas roch die Katze zuerst; es erschreckte ihn, wie vergesslich er geworden war.

Einmal hatte er das Gefühl, als legte sich das Laub der Bäume auf sein Herz.

Mit dem Erlahmen des Windes schlief er dann ein; der Wellenschlag des Sees trug ihn ans Ufer der Melbourne-Bucht. Er ging knöcheltief im Sand, dann wieder bis zu den Knien im Wasser, und der Schaum der Wellen war die Zeit, die ihm zum Leben verblieb. Wenn er still stand und aufs Meer hinausblickte, dann nicht mit der Sehnsucht der anderen, die hier ausharrten, als wären sie Verbannte. Er hörte auf den Ansturm der Wellen und sah, wie sich der Schaum zu seinen Füßen auflöste und wieder neu bildete; er war umarmt von der Sonne, die ihn weckte.

 

Gunten ging ins Badezimmer, zündete den Gasofen an, wusch und rasierte sich; mit seinem Aussehen war er zufrieden. Er schnitt seinem Spiegelbild eine Grimasse, als hätte er sich einmal mehr überlistet. Den Kaffee trank er im Stehen wie einer, der sich viel vorgenommen hat für diesen Tag, und das stimmte ja auch! Zuerst wollte er dem jungen Benz den Kassettenrekorder bringen – bevor seine Neugier so groß wurde wie seine handwerkliche Geduld. Dann wollte er Claire, wie er ihr längst versprochen hatte, besuchen. Er steckte das Gerät auf seinem letzten Rundgang durch sein Dreizimmerhaus in die Jackentasche, zog die Wanduhr auf, rückte Bern, einen in Gold gerahmten Farbdruck, zurecht, und Bern rutschte wieder in die schiefe Ausgangslage zurück; wie ertappt, lächelte er. Den Farbdruck hatte seine Schwester, ungerahmt, von einem Ausflug mitgebracht; er hatte ihn von ihr geerbt, wie alles, was in diesem Haus war. Als er eingezogen war, hatte er sich, damals noch immer im Aufbruch, bloß gesagt, vorübergehend lasse er alles gelten in nachsichtiger Zuneigung und als Ausgleich seiner Versäumnisse. Inzwischen hatte er sich eingewöhnt. Gunten verschloss die Tür mit dem Gefühl, Heimat zu haben in diesem Haus. Der See spiegelte den Mont Vully, der Geruch des Laubes unter seinen Füßen hatte etwas Begütigendes. Gunten atmete gleichmäßig zu seinen Schritten, als er den Uferweg entlangging; er begegnete niemandem. Aus den Fenstern hing Bettzeug; noch blühten Geranien, Astern und Dahlien, nur die Sonnenblumen versamten geknickt. Die Katze saß auf einer kleinen Insel, erreichbar durch ein Holzbrett, die Gunten Tasmanien nannte, und sie ignorierte ihn. Bevor er zum Parkplatz des Hotels Bad Muntelier abbog, wo sein 2 CV stand, sah er sich um; Cornichon war ihm nicht