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Fight like a girl! Jemima ist fest entschlossen: diese mittelalterliche Tradition der Prom gehört gründlich reformiert. Die Mädchen sollen demütig abwarten, bis sie von einem Jungen gefragt werden? Pfff! Ihre beste Freundin Jiyoon ist sofort auf ihrer Seite. Die beiden gehen zusammen durch dick und dünn und haben sich schon gegenseitig die Achselhaare blau gefärbt (Body Positivity forever!). Es gibt nichts, das sie nicht gemeinsam rocken! Auch den Jahrgangssprecher Andy kann Jemima für den Plan gewinnen. Doch ihr anonymes System zur Pärchenbildung fliegt ihr ziemlich um die Ohren. Und sie muss sich eingestehen, dass sie für den großmäuligen Andy doch mehr empfindet als ihr lieb ist … »Eine clevere Geschichte mit tiefen Einblicken und spitzem Humor« Booklist
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Kate Hattemer
Der Masterplan der letzten Chancen
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Jemima ist fest entschlossen: die Schultradition der Prom ist mittelalterlich. Warum sollen Mädchen demütig abwarten, bis sie von einem Jungen gefragt werden? Pfff! Ihre beste Freundin Jiyoon ist sofort dabei. Es gibt nichts, das die beiden nicht gemeinsam rocken, sie haben sich sogar schon gegenseitig die Achselhaare blau gefärbt (Body Positivity forever!). Auch den Jahrgangssprecher Andy kann Jemima für ihren Plan gewinnen. Doch das neue anonyme System zur Pärchenbildung fliegt ihr gründlich um die Ohren. Und sie muss sich eingestehen, dass sie für Andy doch mehr empfindet als ihr lieb ist …
Wohin soll es gehen?
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Viten
Für Lucy, Emma und Rebecca
»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte ich zu den Alten Weißen Männern Nr. 19 und Nr. 20.
Alle Ehemaligen sahen gleich aus. Sicher, es gab ein paar Variationen. Kleine, mittlere oder große Bierbäuche. Nicht vorhandene, dünner werdende oder künstlich aufgebauschte Haare. Lächeln der Sorte gleichgültig, aber höflich (gut), väterlich-liebevoll (na ja) oder lüstern grinsend (würg).
Aber alle waren alt und weiß und Männer.
Hätte mich nicht überraschen sollen. Ich war auf dem Empfang der gegenwärtigen und vergangenen Triumvirate, und die reine Jungenschule Chawton School hatte sich erst 1978 mit der Ansel Academy for Girls vereinigt. Die Schulgelände und Maskottchen waren zusammengelegt worden (Vorwärts, Angel Tigers!), aber Ansel hatte ihren Namen verloren: Wie bei einer Heirat, hieß es auf der Gedenktafel. Chawton ist eine versnobte Privatschule in einer versnobten Vorstadt im nördlichen Virginia. Sie grenzt an George Washingtons Plantage, was im Grunde schon alles sagt: schwer geschichtsträchtig, wenn man nur eine Seite der Geschichte betrachtet. Die Geschichte alter weißer Männer, die alles bestimmen.
AWM Nr. 19 hatte Leberflecken. Bei AWM Nr. 20 hatte ganz sicher jemand die Nasenhaare geschnitten. Ganz sicher nicht er selbst. »Ist mir ein Vergnügen«, sagte Nr. 19.
»Die Jungs von Chawton habens gut heutzutage, was, Davis?«, sagte Nr. 20.
»Auf jeden Fall«, sagte Nr. 19 und musterte mich von oben bis unten.
Mit meinem in achtzehn Mädchenjahren auf diesem Planeten geschärften Instinkt verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Warum sagen Sie das?«, fragte ich so höflich, wie ich konnte.
Was nicht besonders höflich war.
AWM Nr. 19 legte mir die fleckige Hand auf den Oberarm. Ich schüttelte ihn ab und trat einen Schritt zurück. »Hunderte von heranwachsenden Jungen«, sagte er. »Und kein einziges weibliches Wesen unter uns – weißt du noch, Richard?«
»Aber sicher.«
»Vom Hausmeisterturm aus konnten wir die Ansel-Mädchen beim Feldhockey beobachten –«
»Da haben wir uns natürlich dauernd getroffen –«
»Diese kurzen Trainingsanzüge!«
Ich starrte sie wütend an, die Arme immer noch verschränkt. Nr. 19 gluckste vergnügt. »Deine Klassenkameraden haben großes Glück«, sagte er.
»Lächle mal, meine Liebe«, fügte Nr. 20 hinzu. »Ist doch alles gar nicht so schlimm.«
»Das ist mein Gesicht«, hob ich an, »also erzählen Sie mir nicht –«
»Hallo, hallo!« Gennifer Grier tauchte neben mir auf und strahlte die alten Säcke an. »Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber, Jemima, wir werden bei der stillen Auktion gebraucht.«
Ich nickte ihnen flüchtig zu und stapfte hinter Gennifer her. Die Sachen, die bei der stillen Auktion versteigert werden sollten, standen im Freien, aber Anfang April war es abends noch empfindlich frisch, und der Innenhof war menschenleer. Gennifers aufgesetztes Lächeln verschwand. »Was ist los mit dir, Jemmy?«, fragte sie.
Ich hasste diese Abkürzung, und das wusste sie. »Was ist mit dir los? Wieso schleifst du mich hier raus?«
»Ich musste dich da wegholen, bevor du uns dreien Ärger machst.«
»Echt jetzt? Das war bloß ein Vorwand?«
»Ah, es dämmert.«
»Ich wollte diese Arschlöcher gerade erziehen. Die haben mir gesagt, ich soll lächeln.«
»Ja, ja.«
»Als ob ich hier bloß Dekoration wäre.«
»Begreifst du überhaupt den Sinn dieses Abends?«
»Natürlich, Ghennifer.« Ich sprach ihren Namen mit hartem G aus, g wie grässlich. Diese unfreundlichen Spitznamen waren nichts Neues. Wenn Gennifer und ich jemals was füreinander übriggehabt hatten, dann war davon jetzt nichts mehr zu spüren.
»Wir sind dekorativ«, sagte sie. »Wir sind unbeschriebene Blätter, auf die Ehemalige ihre eigenen Erinnerungen an Chawton schreiben können.«
Würde man »perfektes amerikanisches Mädchen« googeln, bekäme man Gennifer: weiß und blond und dünn. Sie hat makellose Zähne, weiß und ordentlich und auf Hochglanz poliert – wie sie. Manchmal denke ich, sie sei dumm, weil sie so hübsch ist. Ist sie aber nicht. Sie ist geradezu das Gegenteil von dumm.
»Komm«, sagte sie, »wir tun so, als würden wir den Auktionstisch checken.«
Andy trat zu uns, als wir die Körbe mit edlem Shampoo und die Angebotskarten für einen NACHMITTAGFÜRACHTIMMERCERCOUNTRYCLUB oder ITALIENISCHKOCHENLERNENMITMEISTERKOCHLUIGIDELCARMINE zurechtrückten. »Versteckt ihr euch?«, fragte er.
»Ich musste Jemima bloß daran erinnern, den Mund zu halten und zu lächeln und zu nicken.«
»Sie ist so laut«, sagte Andy und zwinkerte mir zu. »So schrill.«
»Fick dich«, sagte ich. Er grinste. Manchmal benahm er sich wie der letzte Chauvi-Arsch, bloß um mich zu ärgern. Und manchmal benahm er sich wie der letzte Chauvi-Arsch, weil er ein weißer, reicher, heterosexueller Achtzehnjähriger war und daher praktisch nicht anders konnte.
Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich auch weiß bin. Und hetero. Und reich, oder jedenfalls meine Eltern. Aber trotz dieser Handicaps gebe ich mir Mühe, kein schrecklicher Mensch zu sein. Ich war schon Feministin, bevor es Trend wurde.
»Ich wünschte, wir hätten heute Abend noch ein richtiges Meeting«, sagte Gennifer. »Wir haben noch viel zu viel zu tun bis zum Jamboree.«
»Es sind noch acht Wochen bis zum Jamboree.«
»Sieben«, sagte Gennifer. »Und hast du eigentlich eine Ahnung, wie viel wir noch organisieren müssen? Die Wahl, das Powderpuff-Spiel, die Prom –«
»Achtung!«, verkündete ich. »Ghennifer Grier ist im Checklisten-Modus.«
»Meine Checklisten haben euch das ganze Schuljahr den Arsch gerettet.«
»Wenn ich irgendwann mal an mein letztes Highschool-Jahr zurückdenke«, sagte Andy mit einem Blick in die Mensa, wo ein ganzer Schwarm AWMs in schwarzen Sakkos genau das tat, »dann wird der Soundtrack sein, wie ihr beide euch zankt.«
»Weil Frauen ja nicht streiten oder diskutieren«, sagte ich. »Sie zanken.«
»Genau«, sagte Andy. »Sie zicken sich an. Ich bin froh, dass wir da einer Meinung sind, Kincaid.«
Hätte er mich nicht angegrinst, hätte ich die Shampooflasche gegriffen und ihm ins attraktive Gesicht geschleudert. Aber er grinste, und die Sache war gelaufen. So war es immer. Andys magisches Grinsen. Nicht, dass ich auf ihn stand oder so was. Er war süß. Klar war er süß. Er war der Schulsprecher der Chawton School – Kapitän des Lacrosse-Teams, dazu ein kluger Kopf mit goldenem Haar auf breiten Schultern –, aber ich blieb hart gegenüber seinen Reizen, inzwischen fast schon instinktiv: Er war Andy und ich war Jemima, zwei Pole, die nie zueinanderkommen würden.
Obwohl wir eigentlich ständig zueinanderkamen, weil unser Dreigestirn für das letzte Schuljahr das Senior-Triumvirat war, so ein feuchter Bürokratentraum. Ein Meeting nach dem anderen und vor dem nächsten. Aber wir würden niemals zueinanderkommen. Zusammenkommen. Im biblischen Sinn.
Zu einer biblischen Zusammenkunft mit ihm wäre ich nicht mal erschienen, wenn man mir die Tagesordnung als PowerPoint gemailt hätte.
Jedenfalls wahrscheinlich nicht.
Jedes Jahr werden die Namen des Senior-Triumvirats in so ein phallisches Obelisk-Dings eingraviert. Andy, Gennifer und ich standen daneben. Ms Edison, unsere Beratungslehrerin, klopfte aufs Mikro, bis die AWMs still waren.
»Das Senior-Triumvirat«, begann Ms Edison, »ist eine von Chawtons heiligsten Traditionen.«
Gähn. Sie schwafelte weiter. Chawton war einzigartig und besonders. Das Triumvirat war einzigartig und besonders. Leitungsorgan des Abschlussjahrgangs. Maßgebliche Entscheidungsgewalt. »Ich freue mich, Ihnen das diesjährige Triumvirat vorstellen zu können«, sagte sie. »Als Präsidentin des Gesellschaftskomitees: Gennifer Grier!«
Gennifers Kleid war so eng, dass es sich mit ihrem Hintern nach außen wölbte und danach wieder knapp anlag. Alle AWMs und ich bemerkten es, als sie über die Bühne stolzierte.
»Und die Trägerin des Mildred-Mustermann-Preises für hervorragende schulische Leistungen: Jemima Kincaid!«
Vor diesem Gang hatte mir gegraust. So siehts aus: Versuch gleichzeitig geehrt, glücklich und ganz bescheiden zu wirken, okay? Ach ja, und beweg dich sicher auf den hohen Absätzen, zu denen deine Mutter dich nachdrücklich gedrängt hat, und sei dir bewusst, dass hundert verkalkte Ehemalige dich mustern, aber nicht verlegen werden, Schatz! Ich mag meinen Körper, solange ich ihn nicht in einen Bleistiftrock zwängen muss.
»Und der Schulsprecher der Chawton School: Andrew Monroe!«
Für ihn war der Gang viel leichter. Zum einen war seine Kleidung in erster Linie funktional und sollte nicht seinen Körper präsentieren. Zum anderen musste er sich keine Gedanken machen, dass er zu selbstgefällig wirkte, denn von männlichen Teenagern wird Arroganz geradezu erwartet – ist regelrecht liebenswert – bei einem Mädchen allerdings …
Gennifer stieß mir den Ellbogen in die Rippen. Heftig. Sie hat einen spitzen Ellbogen. Ich nehme an, man sah mir meine Gedanken an, denn sie zischte: »Lächeln.«
»Dieses Triumvirat wird sicher in die Geschichtsbücher von Chawton eingehen«, sagte Ms Edison. »Sie haben einen neuen Sozialdienst für ältere Mitbürger initiiert, Rentner-Zen, bei dem Schülerinnen und Schüler in Alters- und Pflegeheime gegangen sind, um dort Yoga und Meditation zu lehren.«
Ich wand mich innerlich. Rentner-Zen war ein Desaster gewesen. Ein komplettes Desaster. Erfolg: eine ausgekugelte Hüfte, drei schlimme Prellungen und ein ganzer Raum voller alter Damen, die sich totlachten, als ich ihnen erzählte, wie wichtig das Einatmen und Ausatmen sei. Keuchend vor Lachen rief eine: »Was glaubst du denn, wie ich siebenundachtzig geworden bin?«
»Außerdem hat dieses Triumvirat ein erstklassiges Jahrgangs-Picknick organisiert –«
Drei Leute mussten ein paar Tage zu Hause bleiben, weil sie Wodka in Wasserflaschen mitgebracht hatten, und Lacey McStern war von einer Frisbeescheibe am Kopf getroffen worden und hatte mit Gehirnerschütterung die halbe Fußballsaison verpasst.
»– und dem Hype Club neues Leben eingehaucht, der dann alle Mannschaften Chawtons begeistert angefeuert hat –«
Die Leute sind zum Football gegangen, zum Jungs-Basketball, manchmal zum Jungs-Fußball, ab und zu zum Jungs-Lacrosse. Das. Wars.
»– eine Weihnachtswichtelrunde für den Abschlussjahrgang …«
Wir haben vergessen, eine Erinnerung wegen der Abschlussgeschenke herumzuschicken, weshalb das Ganze in einem Strudel verletzter Gefühle endete. Ach ja, und der Schwachkopf Sam Masterson hat Sydney Armstrong eine Packung Kondome mit Eierpunsch-Aroma geschenkt – als Witz, hat er behauptet –, aber Sydney brach in Tränen aus, weil sie dachte, Sam wollte irgendwas andeuten. Die Lehrer haben Wind davon bekommen und Wichteln für immer verboten.
»Kurz gesagt: Wir sind so stolz auf dieses Triumvirat. Sie mussten in große Fußstapfen treten – in Ihre! –, aber sie haben gezeigt, dass sie der Herausforderung gewachsen waren. Ich bitte um herzlichen Applaus.«
Ich schaute nach rechts, wo Andy verlegen von einem Fuß auf den anderen trat.
Ich schaute nach links, wo Gennifer verstört die Stirn runzelte.
So eine Chance würde ich nicht wieder kriegen.
Ich rammte ihr den Ellbogen in die mageren Rippen.
Sie quiekte.
»Ghen«, sagte ich, »zeig uns dein Lächeln.«
Danach war der Empfang offiziell vorbei. Eine paar der Ehemaligen lungerten noch herum, erzählten noch irgendeine schmutzige Anekdote aus ihrer guten alten Schulzeit, aber Ms Edison hastete erleichtert und irgendwie eingefallen davon. Die Hausmeister fingen an, die Tischdecken zusammenzuknüllen und Stühle einzuklappen. »Zuckerguss«, sagte Gennifer und zog Andy und mich zu den leer gefegten Kuchentischen. Sie kratzte einen großen, klebrigen Klumpen von einer Platte zusammen. »Das perfekte Verhältnis: 75 Prozent Zuckerguss, 25 Prozent Krümel.«
»Fies«, sagte Andy und wich zurück.
»Ich muss gegen ein paar Gefühle anessen.«
Sie leckte die Gabel ab und setzte zur zweiten Runde an. Das gefiel mir. Gennifer hat so einen süßen, kompakten Körper, der sich nie aufbläht oder anschwillt. Sie lackiert ihre Nägel mit klarem Nagellack. Wenn sie ihre Bluse reinsteckt, dann bleibt sie auch drin. Sie hat Make-up-Produkte und Fleckenmittel in Reisegrößen in einem Lilly-Pulitzer-Täschchen im Rucksack, nicht weil sie selbst das nötig hat (Gennifer Grier schmiert und kleckert nicht), sondern weil sie die gern anderen anbietet, entweder freundlich besorgt (»Meine Güte, Melanie, hier, nimm meinen Fleckenstift und mach dir keine Gedanken; das passiert mir auch dauernd!«) oder mit herablassendem Mitleid (»Jemima, brauchst du echt schon wieder den Fleckenstift? Ich glaube, bald werde ich Geld dafür nehmen«).
Ich habe noch nie gesehen, dass sie sich mit Zuckerguss vollstopft. »Wisst ihr, was?«, sagte sie, als sie mit der Gabel nach der vierten – fünften? – Portion stocherte. »Wir waren kein sehr gutes Triumvirat.«
»Du hast Zuckerguss an der Nase«, sagte ich.
»Wir haben es versucht, aber nichts hat geklappt.«
»Wohl wahr«, sagte Andy. »Reich mir mal bitte eine Gabel.«
»Zuckerguss«, sagte ich dramatisch. »Unser einziger Halt.«
»Was soll das denn bedeuten?«, sagte Gennifer gereizt. »Willst du mich verarschen?«
»Nein, wieso? Ich meine doch bloß, dass uns Zuckerguss in schweren Zeiten festen Halt … ach, auch egal.«
»Oder umgekehrt, fester Halt führt zu Zucken und Erguss«, sagte Andy und leckte seine Gabel auf geradezu pornografische Weise ab. Gennifer kicherte und biss sich auf die Unterlippe. Igitt. Habe ich schon erwähnt, dass sie mit Mack Monroe zusammen ist? Andys genetischer Fast-Kopie im Jahrgang unter uns? Also, mit dem Bruder deines Freundes zu flirten: Ist das nicht irgendwie krank?
»Aber du hast recht«, sagte Andy. »Als Triumvirat haben wir verkackt.«
»Verkackt?«, sagte Gennifer. »So weit würde ich jetzt nicht gehen.«
»Nein?«
»Wir waren hochgradig wirkungslos«, sagte ich, vor allem um die sexuelle Spannung aufzulösen, die sich zwischen Gennifer und dem jungen Mann aufbaute, der theoretisch ihr Schwager werden sollte. »Haben wir einen einzigen erfolgreichen Event auf die Beine gestellt?«
»Nee«, sagte Andy. »Und wir haben uns auch nichts Neues ausgedacht. Wir hinterlassen kein Erbe. Wir haben der Schule nicht unseren Stempel aufgedrückt.«
Wir wurden alle drei still, was aufgrund unserer Persönlichkeiten nicht oft passierte. Ich schob den Kuchenguss in meinem Mund hin und her. Ich hatte jetzt schon einen Zuckerrausch und fragte mich, wieso Gennifer, die doppelt so schnell aß wie ich und auch noch eher angefangen hatte, überhaupt noch aufrecht stehen konnte.
»Das ist deprimierend«, sagte Andy.
»Und wie«, sagte Gennifer.
»Ja«, sagte ich.
Den meisten anderen aus unserem Abschlussjahrgang wäre das egal gewesen. Wir unterschieden uns zwar grundlegend voneinander und hatten unseren Platz im Triumvirat auf ganz unterschiedliche Weise errungen: Gennifer kannten einfach alle, Andy der charismatische Anführer und ich, na ja, ich war der weibliche Nerd. Aber wir hatten auch was gemeinsam: Wir waren alle sehr ehrgeizig. Darum waren wir auch im Triumvirat. Gennifer war superbeliebt. Andy war supercharismatisch. Und ich war, tja, super …
Ihr versteht schon.
Wir verkackten nicht gern. Wir waren nicht gern wirkungslos. Und ganz bestimmt wollten wir nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Wie die meisten unserer Mitschülerinnen hatten wir schon Studienpläne. Ich würde an eine besonders liberale Universität in New England gehen. Andy hatte ein fettes Stipendium für die University of Virginia bekommen, und Gennifer wollte an eine staatliche Universität im Süden, wo sie, wie ich vermutete, die exklusivste Studentinnenverbindung leiten und trotzdem ihr Examen mit summa cum laude machen würde. Wir blickten alle in freudiger Erwartung in die Zukunft, aber noch war sie nicht da. Wir hatten noch was zu erledigen.
»Jetzt bleibt uns nur noch das Jamboree«, sagte Andy. Das ist an der Chawton School die große Sause zum Schuljahrsende, die ein ganzes Wochenende dauert, mit großem Lagerfeuer, einer Partie Powderpuff – also Football für Mädchen ohne richtiges Tackling, nur mit Abschlagen –, Ehemaligen-Treffen und Prom. Als Senior-Triumvirat hatten wir eine Menge zu tun.
»Wir brauchen ein richtig gutes Thema für die Prom«, sagte Gennifer.
»Die Prom ist das Allerschlimmste«, sagte ich. »Vielleicht sollten wir die absagen.«
»Okay, Jemmy, das geht gar n-«
»Die Jungs fragen die Mädchen. Immer. Und ich sage das so heteronormativ, weil sowieso nur heterosexuelle Paare hingehen. Die Mädchen warten passiv auf einen Prom-Antrag, und die Typen dürfen sich aussuchen, wen sie fragen.«
»Und das ist ein Problem?«, fragte Andy.
Ich verdrehte die Augen. »Das ist im Grunde eine stille Auktion.«
»Die Mädchen können immerhin Ja oder Nein sagen«, sagte Gennifer. »Das ist ganz schön viel Macht.«
»Wie wärs, wenn wir die Regeln ändern?«, fragte ich.
»Wir könnten doch wirklich eine stille Auktion machen«, schlug Andy vor. »Die Mädchen posieren auf Tischen, und die Jungs schlendern so herum und bieten –«
»Du bist ein frauenfeindlicher Vollidiot«, erklärte ich ihm. Er verbeugte sich. Ich lächelte. Ich schaltete das Lächeln ganz schnell wieder aus, aber er hatte es gesehen. Das wusste ich.
Verdammt.
Andy Monroe, du Arsch.
Wir schlichen hinaus in den Aprilabend. Kein Erbe, keine Idee. Hinter uns nichts als eine Reihe von Flops, vor uns nichts als der sinkende Blutzuckerspiegel.
»Denkt nach«, sagte Andy. »Uns wird schon was einfallen.«
Crispin saß am Steuer von Moms Lexus. »Endlich!«, rief ich und ließ mich bäuchlings hineinfallen. »Mein Fluchtwagen! Los, Jeeves, fahr!«
»Nach solchen Sachen bist du immer unerträglich.«
»Flieh von diesem verfluchten Ort!«
Er bremste. Das Auto hielt. Wir waren noch nicht mal aus dem Kreisel raus. »Benimmst du dich wieder normal?«
Ich ließ mich gegen die Rückenlehne fallen. »Jawohl, Jeeves.«
Er nahm den Fuß nicht von der Bremse.
»Ja. Ich benehme mich total normal. Unversehrt und heiter nach einem Abend mit hundert alten weißen Männern, mit Ghennifer Grier als einzigem Halt. Und Zuckerguss.«
»Davon solltest du um diese Uhrzeit besser die Finger lassen.«
»Zucker geht immer.« Hatte noch niemand gemerkt, dass ich Sachen umso eher tat, je deutlicher man mir davon abriet? »Ohne wärs gar nicht auszuhalten.«
Crispin schüttelte den Kopf, aber fuhr immerhin wieder los. Er hatte vor sechs Jahren seinen Abschluss an der Chawton gemacht und vor zwei Jahren sein Studium beendet. Jetzt arbeitete er für eine Unternehmensberatung und wohnte bei uns im Keller, obwohl Mom immer sagte, er würde bald ausziehen. (Das würde ich erst glauben, wenn ich es sah.) »Hat Mom das Fahren auf dich abgewälzt?«
»Eine undankbare Aufgabe, aber irgendwer muss sich ja um die unfreundliche Nachzüglerin des Wurfs kümmern.«
»Wir sind nur zu zweit. Das zählt noch nicht als Wurf.«
»Du hattest wohl einen ganz schlechten Abend, was, Kleine?«, fragte Crispin. »Du widersprichst mir praktisch bei jedem Satz –«
»Ist das so ungewöhnlich?«
»– auch bei diesem.«
»Ich würde das nicht widersprechen nennen –«
»Entspann dich. Tiefe Atemzüge. Erzähl deinem alten Bruder, wie froh er sein kann, dass er nicht aufgekreuzt ist.«
Crispin war in seinem Senior-Jahr auch Schulsprecher gewesen. Er hatte eine Einladung zum Empfang bekommen und sie sofort zum Altpapier gepackt.
»Hat euer Triumvirat irgendwas gestemmt?«, fragte ich.
»Außer einander?«
»Bäh, keine Details.« Obwohl ich irgendwie fasziniert war. Ich wog meinen Würgereiz gegen meine Neugier ab, aber nach dem kaum verdauten Zuckerguss-Debakel lenkte ich das Gespräch wohlüberlegt in eine andere Richtung. »Habt ihr euch Gedanken über euer Vermächtnis gemacht?«
»Wie goldig. Nein, wir waren zu sehr mit Poppen beschäftigt.«
»Alle drei?«, fragte ich spontan. »Nein – halt – du musst nicht –«
»Nicht gleichzeitig. Trotz wiederholter Angebote der Mildred.«
Ich stöhnte.
»Ach, Highschool«, sagte Crispin mit nostalgischem Seufzen. »Die seltsamste Zeit des Lebens.«
»Noch sieben Wochen«, sagte ich. Manchmal dachte ich, ich war schon mit einem Bein aus der Tür, und manchmal dachte ich: Kann ich nicht einfach bleiben? Chawton war nicht die echte Welt. Das wusste ich. Es war eine Blase, eine Schneekugel, nichts als Privilegien und akademischer Glanz und soziale Hierarchien und Gratiskuchen. Ich mochte Chawton gar nicht so sehr, aber ohne dass ich wirklich die Wahl gehabt hätte, war die Schule mein Zuhause geworden.
Crispin ging an dem Abend aus, und mein Vater arbeitete, also musste ich meine Mutter bitten, die schon im Nachthemd war, Jiyoon abzuholen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich bat Mom nur ungern um irgendwas, Essen oder Autofahrten oder Rat oder sonst was: Sie bot mir an, was ihr möglich war, also versuchte ich für den Rest selbst zu sorgen. Mom hat Migräne und kriegt so katastrophale Kopfschmerzen, dass sie sich irgendwo zusammenrollen muss und das Licht scheut wie ein Vampirfötus. Sie hat alle möglichen Medikamente und Therapien und Maßnahmen ausprobiert, alles, was es auf dem Markt gibt, und noch mehr. Nichts hat geholfen. Und weil kein Mensch weiß, was diese Attacken auslöst, muss sie, auch wenn es ihr gut geht, alles Mögliche vermeiden: Zucker, Bildschirme, Käse, Schlafunterbrechungen, Koffein, laute Gespräche und Aufregung. Im Grunde alles, was das Leben lebenswert macht.
Sie zog einen Pullover über ihr Nachthemd, und ich folgte ihr nach draußen zum Auto. »Du müsstest mich nirgendwohin fahren, wenn ich einen Führerschein hätte«, stellte ich klar.
»Sobald dein Vater etwas weniger auf dem Zettel hat, bringt er es dir bei.«
Ich durfte eigentlich schon seit zwei Jahren fahren. Seit vierundzwanzig Monaten. Einhundertvier Wochen. Und mein Vater hatte genau ein Mal mit mir geübt, aber nach ein paar Minuten, noch bevor ich überhaupt ans Steuer wechseln konnte, bekam er einen wichtigen Anruf, und wir mussten wieder nach Hause. »Crispin hat er es sofort beigebracht.«
»Crispin war was anderes.«
»Das ist jetzt aber ein bisschen sexistisch.«
»Jemima. Das hat überhaupt nichts mit deinem Geschlecht zu tun. Er will bloß nicht schon wieder die Bremsbeläge erneuern müssen.«
»Wer sagt denn, dass ich so schlecht wäre wie Crispin? Der ist ja nicht gerade für seine Fahrkünste berühmt. Außerdem«, plötzlich begriff ich, »das ist also der wahre Grund? Ich dachte, er wäre zu beschäftigt!«
»Das auch.«
»Crispin könnte es mir doch zeigen.«
»Crispin arbeitet im Augenblick auch sehr viel.«
»Dann könntest du es mir beibringen.«
»Schatz. Hab Geduld. Wir bringen dich überall hin, wo du hinmusst.«
Wurden alle Erinnerungen an die eigene Jugend ausgelöscht, wenn man selbst ein Kind bekam? Es war doch ein Riesenunterschied, ob man gefahren wurde oder selbst fahren konnte. Und ich würde mich ja auch nicht gleich absetzen und eine wilde Spritztour nach Mexiko unternehmen. Ich war ein Nerd. Meine besten Freunde waren die Leute vom Quiz-Team. Marihuana war ich nur ein Mal nahegekommen, als ich mir letztes Jahr am 20. April eine Vorlesung an der George Mason University anhörte, und da hatte ich den ganzen Nachmittag gedacht, jemand würde ein Stück Tau verbrennen.
Im Ernst, Leute. Ich war die Mildred.
»Gib einem Mädchen einen Fisch, dann wird sie einen Tag lang satt«, sprach ich in die Stille. »Bring einem Mädchen das Fischen bei, dann wird sie ihr Leben lang satt.«
Meine Mutter seufzte und schaltete das Autoradio an.
Mit manchen Freunden geht man aus, mit manchen hängt man bloß ab, aber Jiyoon und ich basteln immer irgendwas. Das ist witzig, weil wir allein gar nicht so dafür zu haben sind; allein lesen wir bloß immer, nicht in edler Bildungsabsicht oder so, sondern weil wir faul und eskapistisch sind und wohl auch ein bisschen einsam. Aber zusammen starten wir immer schräge Projekte, zum Beispiel ein funktionierendes Modell einer archimedischen Schraube zu bauen, oder eine Arachne-Puppe zu nähen, die umgestülpt zu einer Spinne wird. Vor ein paar Monaten hatten wir aus Stolz und Vorurteil ein Kartenspiel namens Pemberley gemacht, eine Art Kreuzung aus Rommé und dem Bachelor. War ein großer Hit beim Quiz-Team.
»Meine Mutter hat vorgeschlagen, dass wir uns zum Abendessen einen Salat machen«, sagte ich zu Jiyoon. »Ist das okay?«
»Klar.«
Wir schnippelten eine Weile und redeten unwichtiges Zeugs.
Jiyoon: »Das einzig passende Wort, um diese Gurke zu beschreiben, ist schlaff.«
Ich: »Nein. Das Wort schlaff darf nur in einem Kontext benutzt werden.«
Jiyoon: »Aber echt. Fass mal an.«
Ich: »Schlapp wie …
Jiyoon: »… ein Schwanz.«
Gacker, gacker. Schwanzwitze sind am lustigsten, wenn man noch nie einen echten gesehen hat. Wir aßen auf den Drehhockern an der Kücheninsel. »Was macht eine Prom perfekt?«, fragte ich sie.
»Nicht hinzugehen«, lautete ihre prompte Antwort.
»Du magst doch Partys, wo man tanzt.«
»Aber nicht die Prom. Bei der Prom geht es um genau drei Dinge. Erstens: die Frage. Zweitens: die Fotos. Drittens: sich bei der Afterparty besaufen, obwohl am nächsten Morgen die Entlassungsfeier ist. Niemals gehe ich zur Prom.«
»Ich wette, nächstes Jahr gehst du hin.« Jiyoon war ein Jahr unter mir.
Sie fing an, sich mit dem Hocker zu drehen. »Keine Chance.«
Ich war seit Jahren nicht mehr Karussell auf diesen Hockern gefahren, aber ich machte mit. Das Gespräch verstummte kurz.
»Oh, fies, mir ist ganz schwindlig«, sagte Jiyoon. »Was habe ich gerade gesagt?«
»Prom?«
Sie hielt sich den Bauch. »Würg.«
»Brauchst du einen Eimer?«
Sie hielt sich die Hand vor den Mund und winkte ab. Während sie sich erholte, dachte ich über die Prom nach. Würg, genau.
»Okay«, sagte sie. »Wann bin ich bloß so alt geworden? Als Nächstes werde ich noch anfangen, Achterbahnen zu hassen.«
»Ich hasse sie schon«, gab ich zu.
»Weißt du, was? Ich auch.«
»Vielleicht sollten wir uns schon mal einen Sherry einschenken und die Trockenpflaumen rausholen.«
»Und die Vollkorn-Cracker.«
»Hüttenkäse.«
»Wir sollten heute irgendwas Altmodisches basteln«, sagte sie. »So was wie … ein Diorama.«
Ich ging sofort darauf ein. »Ein Diorama mit uns als alten Jungfern, wie wir zusammenleben, Vollkorn-Cracker essen und Achterbahnen hassen.«
»Und Männer.«
»Tun wir jetzt schon«, sagte ich.
»Du vielleicht.«
»Männer hassen mich.«
»Mm-hm. Sicher. Hol einen Schuhkarton.«
Wir machten eine Riesensauerei auf dem Küchentisch, als wir den Schuhkarton in ein Wohnzimmer für die alte Jiyoon und die alte Jemima verwandelten, gespielt von blauhaarigen Trollpuppen, die wir rasch Dotty und Dorcas tauften.
Jiyoon vermaß die Seiten des Schuhkartons, um Tapete zurechtzuschneiden. »Mein Vater hat wieder einen Job in Indiana gekriegt. Für drei Monate.«
»Ji! Das ist doch – na ja, toll. Aber auch nicht so toll.«
»Genau.« Ihr Vater ist Bauarbeiter, und er hat keine Arbeit hier in Virginia gefunden, aber als er hörte, dass es in Indiana Arbeit gab, ist er mit ein paar anderen Männern aus ihrer Kirchengemeinde hingefahren. »Er hasst es, im Motel zu leben.«
»Kann ich mir denken.«
Sie war still und klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne, während sie golden-grün gestreiftes Geschenkpapier zurechtschnitt.
»Muss hart sein für deine Mutter«, probierte ich. »Ihn nicht im Haus zu haben.«
»Das Geld ist ganz gut. Mehr als gut: nötig. Aber meine Mutter ist schon oft richtig down. Wenn er zu Hause ist, kocht und putzt sie und, na ja, ist Mama, aber jetzt … Ich versuche Hae-Won und Min dazu zu bringen, mir zu helfen, aber Hae-Won schläft dauernd, die ist so ein Schluffi, und Min ist zwar süß und sagt, er will helfen, aber er ist zehn, was kannst du also erwarten? Er versucht es, aber ist so leicht abgelenkt, oder ich werde sauer auf ihn, weil er irgendwas überhaupt nicht kann …« Sie schob das Geschenkpapier an die Rückwand des hochkant stehenden Schuhkartons. »Verdammt. Die Streifen sind nicht gerade.«
»Macht doch nichts.«
»Natürlich macht das was.« Sie lachte. »Vielleicht muss ich einfach ein paar Monate hier untertauchen. Mehr nicht.«
»Kann ich –«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Können wir irgendwie helfen?«
»Nein«, sagte sie nüchtern. »Wird schon besser werden, wenn mein Vater wieder da ist.«
Jiyoon und ich sind beste Freundinnen, und eigentlich reden wir über alles. Aber nicht über Geld. Wir reden nicht darüber, dass mein Vater Justiziar eines Unternehmens ist, dessen Namen ihr schon gehört habt, und ihr Vater Bauarbeiter. Und dass meine Mutter aufgehört hat zu arbeiten, als Crispin geboren wurde, während ihre Mutter Sprechstundenhilfe bei einem Internisten in Annandale ist. Als Jiyoon und ich uns in der Grundschule kennenlernten, hat ihre Mutter noch geputzt. Ehrlich gesagt haben wir uns so kennengelernt. Ihre Mutter hat bei uns geputzt.
Ich bin nicht so wie manche bei uns an der Schule, die mal eben für ein verlängertes Wochenende nach Antigua fliegen oder zum Sechzehnten einen Maserati kriegen. Aber wir haben ein ziemlich großes Haus in einem teuren Vorort und drei ziemlich neue Autos. Wenn ich zum Friseur muss oder neue Fußballschuhe brauche – will –, dann frage ich einfach und bekomme das Geld dafür. Als die Schule einen Trip zum Hundeschlittenfahren nach Maine angeboten hat, habe ich gefragt und durfte mit. Chawton kostet so viel wie eine Privatuni. Jiyoon hat ein Stipendium.
An der Chawton redet niemand über Geld.
»Im Ernst, Dorcas«, sagte sie. »Tu so, als hätte ich nichts gesagt. Es geht allen gut. Also, wir haben genug zu essen. Es ist bloß ein bisschen deprimierend.«
»Okay«, sagte ich unsicher. »Aber sag Bescheid, wenn –«
»Mach ich. Themenwechsel.« Sie riss die schiefe Tapete aus dem Schuhkarton, vielleicht ein bisschen heftiger als nötig. »Dotty und Dorcas dulden keinen Pfusch!«
»Wir brauchen eine Couch«, sagte ich. »Was hältst du davon, wenn wir Pappmaschee verwenden?«
»Was für eine Frage. Für Pappmaschee bin ich immer zu haben.«
Ich fand ein paar Luftballons und mischte Zeitungspapier, Mehl und Wasser. Eine Pappmaschee-Couch war allerdings ein komplizierteres Projekt, als ich mir vorgestellt hatte. »Das wird eher wie ein Klops aussehen«, sagte ich.
»Vielleicht wollen Dotty und Dorcas ja lieber Sitzsäcke als eine Couch«, sagte Jiyoon.
»Superidee.«
Ich holte den Föhn, um das Trocknen zu beschleunigen. »So«, sagte ich, als ich die matschnassen Sitzsäcke mit heißer Luft beschoss. Der Duft leicht gerösteten Mehls stieg auf. »Zurück zur Prom. Das muss der beste Ball aller Zeiten werden. Ich weiß nicht, ob wir uns vor allem auf die Deko konzentrieren sollten oder ob das Thema am wichtigsten ist, oder –«
»Das spielt alles keine Rolle.«
»Natürlich spielt das eine Rolle.«
»Nein.« Sie zeigte auf das Diorama. »Guck dir Dotty und Dorcas an. Schiefe Scheißtapete, schwabblig nasse Sitzsäcke, aber sie finden es toll, weil sie zusammen abhängen können. So ist Prom auch. Es geht darum, mit wem du da bist.«
»Du hast recht«, sagte ich. »Du hast so recht.« In einem Winkel meines Hirns bildeten sich die vagen Umrisse einer Idee. Aber Ideen sind scheu und sprunghaft. Sie dürfen nicht mal ahnen, dass man hinter ihnen her ist. »Ich finde es auch toll«, sagte ich und hielt den Föhn noch dichter an die Sitzsäcke. »Dotty und Dorcas, die bloß zusammen abhängen. Mit Scheißtapete und allem.«
Jiyoon schnüffelte. »Irgendwas brennt hier«, sagte sie. »Du solltest das Ding ausschalten. Sofort.«
Es ist an der Chawton Tradition (gewöhnt euch an den Ausdruck), dass sich das Triumvirat allein trifft. Wie die Schule es interessierten Eltern gegenüber ausdrückt: Das Maß an selbstständiger Verantwortung, das der Schülerselbstverwaltung an der Chawton School zugestanden wird, ist wahrlich einzigartig.
Soll heißen, sie geben uns jede Menge langweilige Scheißaufgaben und müssen nicht dabei sein, wenn wir sie zu erledigen versuchen.
»Wir müssen Powderpuff in Gang bringen«, sagte Gennifer am Montag nach der Schule. Meistens leitete sie unsere Sitzungen, weil sie sich als Einzige vorbereitet hatte.
»Powderpuff ist der Hauptgrund, wieso ich im Triumvirat sein wollte«, sagte Andy und dehnte die Arme hinterm Kopf. »Das kann ich übernehmen.«
»Bah, Powderpuff«, sagte ich, abgelenkt von Andys attraktiv gewölbtem Bizeps. Er hatte den Schlips abgelegt und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Er hatte schöne Unterarme. Schlank, braun gebrannt, golden behaart –
»Ich werde die Mädchen in Mannschaften aufteilen«, sagte Andy.
»Vergiss nicht, dich um Trikots und Fanausrüstung zu kümmern«, sagte Gennifer, die lebende To-do-Liste. »Außerdem musst du die Spendenaktion organisieren, Lehrer finden, die Schiedsrichter spielen, Jungs aus dem Senior-Jahrgang zu Trainern ernennen –«
»Ich ernenne mich selbst«, sagte Andy.
»Klingt voll in Ordnung«, sagte ich sarkastisch. Ich wurde ignoriert.
»Und ich werde alle Jungs in unserem Jahrgang befragen, für welches Team sie sind.«
»Ich hasse Powderpuff«, sagte ich.
»Ich dachte, du hasst die Prom«, sagte Gennifer.
»Die auch.«
»Gibt es irgendwas, was du nicht hasst?«
»Das ist alles so … problematisch.«
Powderpuff ist der größte Event am Jamboree-Wochenende. Die Mädchen aus dem Abschlussjahrgang spielen Football ohne Tackling, die Angels gegen die Tigers, denn unser Schulmaskottchen ist der Angel Tiger. Alle steigern sich da wahnsinnig rein. Die Jungs entscheiden sich alle für die eine oder andere Mannschaft und feuern sie an oder spielen sogar Cheerleader, und die Ehemaligen lieben es genauso, weil man lebenslang seinem Team treu bleibt. Es gibt sogar noch einen zweiten Wettbewerb darum, ob die Angels oder die Tigers die meisten Spenden für das Jahresbudget der Schulstiftung einsammeln.
»Du findest es sexistisch?«
Ich wüsste, was ich schreiben würde, wenn es ein Leitartikel für die Schulzeitung wäre. Verhöhnung weiblicher Sportlichkeit. Rückfall in Zeiten, als Mädchen auf dem Footballfeld eine wahnsinnig witzige Umkehrung der Geschlechterrollen war. Aber ich wusste auch: Wenn du etwas anprangern willst, musst du wie eine Schachspielerin denken. Immer einen Zug voraus. Das ist doch keine Verhöhnung, würden sie antworten. Die Mädchen wollen ganz ernsthaft gewinnen. Es gibt Training und Taktik wie bei jedem anderen Sport auch.
Ich war nicht zufrieden damit, aber ich wusste auch nicht, wie ich dem Widerspruch widersprechen sollte, also hielt ich meine Bauern zurück, und meine Dame grübelte ruhig und reglos hinter ihren Reihen.
»Wir sind im 21. Jahrhundert«, sagte Andy. »Wenn es sexistisch wäre, hätte es schon jemand abgeschafft.«
»Also, spielst du mit?«, fragte Gennifer.
»Ich?«, fragte ich zurück.
»Du spielst doch Fußball«, sagte Andy. »Du wärst bestimmt gut.«
»Aber es ist so …« Ich suchte nach dem richtigen Wort. »Problematisch«, sagte ich bloß wieder.
»Entspann dich, Jemmy«, sagte Gennifer.
»Als frisch ernannter Cheftrainer der Tigers«, sagte Andy, »nominiere ich dich, Kincaid.«
Er lächelte mich an, und ein Gefühl der Wärme und Vorfreude durchströmte mich, so wie wenn man nach Hause kommt und das Abendessen schon riecht, bevor man durch die Tür tritt, und dann erst merkt, wie hungrig man ist. So als ob was Gutes bevorsteht. Und wenn ich mich einfach entspannte und mich auf Powderpuff freute? Wenn ich die Rolle Jemima Kincaid, wütende Feministin mal drei Sekunden lang ablegte und … einfach das Leben genoss?
Genuss ist auch feministisch.
»Na gut.« Ich verdrehte die Augen. »Ich spiele mit. Ich hatte auch schon eine Idee für die Prom.«
»Ich habe schon mal ein paar Themen aus der Schulgeschichte rausgekramt«, sagte Gennifer und drehte ihren Laptop zu uns um. Hula Hawaii. Ivy-League-Gala.
»Nein, nein«, sagte ich. »Wir brauchen kein Thema. Wir müssen die ganze Struktur des Abends verändern. Wir nennen es den Ball der letzten Chancen.«
»Na, wir sind der Abschlussjahrgang, also ist es sowieso –«, fing Gennifer an.
»Hört zu. Du machst eine Geheimliste. Von allen, auf die du stehst. An denen du jemals echt interessiert warst. Und dann wird zugeordnet.«
»Nur die Jungs, richtig?«
»Was?«
»Also, nur die Jungs schreiben auf, wen sie mögen. Und die Mädchen schauen sich das an und wählen ihren Favoriten.«
»Nein, nein. Alle reichen eine Liste ein. Und wenn sich Einträge überschneiden, werden beide benachrichtigt.«
Andy grinste und legte wieder die Hände hinter den Kopf. »Cool. Also nehmen wir an, ich habe Gennifer aufgeschrieben, weil sie echt scharf ist, und dann stellt sich raus, dass sie schon immer von mir geträumt hat, dass sie mich für die fleischgewordene Erotik hält, für einen Sexgott, der ich natürlich auch bin –«
»Halt den Mund!« Gennifer kicherte.
»– und dass sie bloß mit meinem Bruder zusammen ist, weil sie mir genetisch so nah wie möglich kommen wollte –«
Sie schenkte ihm ein schlüpfriges Lächeln. »Ich wette, ihr beide habt viel gemeinsam.«
Kotz. »Jedenfalls«, sagte ich laut, »wäre es in eurer hypothetischen Situation tatsächlich so, dass ihr beide informiert würdet, dass ihr ein Match seid. Aber nehmen wir mal an, du hättest mich auch noch aufgeschrieben. Ich würde dich natürlich nie auf die Liste setzen, ich würde dich schließlich nicht mal mit der Kneifzange anfassen –«
»Aber vielleicht würde ich dich gern mal richtig in die Zange nehmen –«
Gennifer schlug ihn leicht auf den Arm. »Du bist echt schlimm.«
»Dann würde niemand erfahren, dass du mich genannt hast«, fuhr ich fort. »Und dein peinliches Schwärmen für ein Mädchen, das so offensichtlich in einer ganz anderen Liga spielt, bliebe ein Geheimnis.«
»Als ob«, sagte Gennifer.
»Und wenn jemand gar kein passendes Gegenüber findet?«, fragte Andy. »Das wird doch bestimmt vorkommen, oder?«
»Na, dann finden die einfach auf die übliche Weise ein Date für die Prom. Aber wir sollten die Leute auffordern, die Listen großzügig anzulegen. Wirklich alle draufzuschreiben, die sie überhaupt in Betracht ziehen würden. Jeder darf, keine Ahnung, hundert Namen nennen.«
