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Das Arkana Hotel hat seine Glanzzeit längst hinter sich. Abgelegen an einem Berghang wartet es auf seine Gäste. Doch als ein neuer Nachtconcierge seinen Dienst antritt, wird es zum Schauplatz einer beklemmenden Tragödie. Ein Schneesturm für die Geschichtsbücher hält schließlich Gäste und Personal in den Räumen des Hotels gefangen.
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Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2026
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1. Ankunft am Ende der Welt
2. Der Kapitän tritt auf
3. In der Falle
4. Die Suche im Schnee
5. Ein schrecklicher Fund
6. Das Verhör
7. Verdacht und Hinweis
8. Rückkehr von den Toten
9. Der Schuldige zeigt sich
10. Sturz in die Tiefe
11. Eine Reise gen Süden
Der Inhalt dieser Novelle entstand ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz, aber mit freundlicher Unterstützung des LiteraturklubsPax Literati Liberumque.
Der Wagen rollte die letzten Meter über den Schnee. Wir hielten auf einem Wendeplatz unterhalb der Bergschulter, dem Ende einer selten befahrenen Landstraße. Mein Fahrer zog die Handbremse und zeigte auf einen Punkt am Berg. »Das Hotel liegt da oben.« Er lehnte sich zurück, klopfte auf das mechanische Taxameter und sprach weiter, während ich meine Brieftasche hervorholte. »Vor dem Krieg war das eine gute Adresse. Wenn Sie damals gekommen wären, hätten Sie noch Gäste gesehen, die Namen hatten.«
Er betonte es so, dass ich unweigerlich fragen musste: »Wen meinen Sie beispielshalber?«
»Oh, ich erinnere mich, wie General Guisan in so einem altmodischen Char-de-coté vom Bahnhof heraufkam. Der mochte das Ländliche.« Er verschränkte die Arme und rutschte etwas tiefer in den Sitz. »Aber heute … na ja.«
Ich hielt inne. »Das Hotel hat einen schlechten Ruf?«
»Kommerzienrat Soundso hat es vor ein paar Jahren gekauft und seinem Neffen geschenkt. Der macht es, so gut er kann.« Dabei machte mein Fahrer eine unbestimmte, jedoch eindeutig abwertende Handbewegung.
»Da drüben führt der Weg hoch. Sehen Sie?« Er deutete auf einen weiteren Punkt, der dem Wagen deutlich näher war. Ich kniff die Augen zusammen und nickte hilflos. Dann bezahlte ich und wir stiegen aus. Der Fahrer trat gegen die Kofferraumklappe, die knarzend aufsprang.
»Bleiben Sie auf dem Weg«, sagte er und warf mir meinen Koffer vor die Füße. »Unter dem Neuschnee liegen schmale Felsspalten. Zu schmal, um hineinzufallen, aber es reicht, um sich die Haxen zu brechen.«
Kurz darauf stand ich am Straßenrand und sah den Rücklichtern des Wagens nach, bis sie hinter einem Vorhang aus Schneeflocken verschwunden waren. Dann hob ich meinen Koffer auf, klappte den Kragen meines Mantels hoch und sah hinauf zu dem schwachen Umriss dessen, was ich für das Hotel hielt. Ein Luftstrom stahl sich unter den Lodenstoff, sodass ich schaudernd die Schultern hob. Hier beschlich mich zum ersten Mal das Gefühl, eine unglückliche Entscheidung getroffen zu haben.
Von Berlin bis in die Abgelegenheit des kleinen Schweizer Bergdorfes war es eine weite Reise; zu weit, nach rationalen Gesichtspunkten, um für eine Stelle als Nachtconcierge vorzusprechen. Obendrein gehörte das Arkana Hotel nicht eben zu den besseren Häusern der Gegend. Abseits von Dorf und Hauptstraße und viel zu nah an einem Abhang gelegen wartete es auf Gäste, die Zuflucht vor dem Schnee suchten. Mit einem mulmigen Gefühl begann ich den Aufstieg.
Als ich das Hotel erreichte, hatte es aufgehört zu schneien. Ich blieb auf dem Vorplatz stehen und betrachtete das Haupthaus. Die Fassade bestand aus dunklem, geflammtem Holz. Aus einem Bruchsteinschornstein stieg Rauch auf, der vom Wind verwirbelt und den Berg hinaufgetragen wurde. Gut zwanzig Meter abseits des Vorplatzes stand ein Holzblockhaus, dessen Giebelkreuz es als Kapelle auswies. Nichts von alledem wirkte einladend auf mich. Es half nichts; ich musste trotzdem hinein.
Das Foyer bildete zum bedrückenden Äußeren des Hotels einen verblüffenden Kontrast: Noch während ich mir den Schnee von den Ärmeln meines Mantels klopfte, lockte mich das Kaminfeuer. Davor standen ein niedriger Nussholztisch und vier nicht zueinander passende Sessel. Grobes Gebälk, Bücherregale, eine Standuhr und mehrere Leuchter bildeten die übrige Einrichtung des Empfangsraumes.
Das Vorstellungsgespräch fand in einem Séparée hinter der Rezeption statt. Und obwohl der Hotelier der Meinung war, ich sei für den Posten je nach Betrachtungsweise entweder deutlich über- oder unterqualifiziert, bot er ihn mir nach Durchsicht meiner Papiere schulterzuckend an. Wir schüttelten uns die Hände und er verwies mich an den Empfangsschalter.
Bevor ich das Séparée verließ, fiel mein Blick auf ein Wappenschild über der Tür. Ich hätte es an seinem unscheinbaren Platz vermutlich übersehen, aber die weiße Lackierung des Schildes reflektierte im Licht der Deckenlampe. Das Wappen bestand aus einem schwarzen Dreiberg auf weißem Grund; aus diesem wuchs, ebenfalls schwarz, ein Eichenstamm mit drei Blättern.
»Das Wappen der Familie Gelting-Buol«, raunte der Hotelier hinter mir. »Angeblich eine Nebenlinie eines alten Erbrittergeschlechts, verarmt natürlich und ohne Stammsitz. Sie haben das Hotel vor etwa siebzig Jahren erbaut.«
»Sie sind kein Abkömmling der Gelting-Buols?«, fragte ich.
Er lachte falsch. »Ich bin ein Abkömmling der Schulzes. Das ist allemal besser, als einer verschrobenen Noblesse anzugehören.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Politik war ihr Verhängnis. Auf Dauer ist es besser, sich aus solchen Dingen herauszuhalten.« Er klopfte mir auf die Schulter und ging in Richtung der Personalquartiere.
Die Rezeptionistin, von der ich meine Uniform und eine kurze Einweisung erhielt, hörte auf den Namen Louise, war weder jung noch alt und dem ersten Eindruck nach durchaus schlicht. Ihre Gesichtszüge ähnelten denen des Hoteliers, sodass ich ein Verwandtschaftsverhältnis vermutete.
»Nachts treffen selten Gäste ein. Sie werden sich während Ihrer Schicht allein um den Empfang und die Anfragen aus den Zimmern kümmern. Allzu viel wird es nicht zu tun geben«, sagte sie, während wir über den Flur zu der mir zugeteilten Kammer gingen.
»Wie viele Personen arbeiten hier?«
»Sie, ich, der Koch und seine Küchenhilfe, die Haushälterin und der Chef. In den wärmeren Monaten kommt bisweilen der Gärtner hoch, um die Hecken und Blumenkästen in Ordnung zu halten.«
»Das scheint mir sehr wenig Personal.«
»Mag sein«, sagte sie und blieb vor einer Tür stehen. »Das hier ist Ihr Zimmer. Die Belegschaft frühstückt um sechs, aber da Sie nachts arbeiten, können Sie sich auch später etwas holen.«
»Gibt es einen Speiseraum für die Belegschaft?«
»Nein. Für die Gäste gibt es einen kleinen Speiseraum, aber die meisten nehmen ihre Mahlzeiten auf dem Zimmer ein.«
»Und falls ich nachts einmal Unterstützung benötige?«
»Dann klopfen Sie bei mir«, erwiderte sie ohne Zögern. »Mein Zimmer ist das erste im Flur. Es wäre allerdings nett, wenn Sie genau prüfen, ob die Notwendigkeit dafür wirklich besteht. Nachts stehe ich ungern auf, wenn es sich vermeiden lässt.«
Louises Blick haftete einen Moment lang an mir, als ringe sie mit sich selbst. Einen Atemzug lang war ich sicher, sie würde mir etwas von Gewicht eröffnen. Doch dann hob sie lediglich das Kinn und sagte: »Halten Sie Ordnung am Empfang. Der Chef sieht so etwas.« Damit verschwand sie.
Ich betrat mein Zimmer und sah mich um. Da waren ein Bett, ein Nachttisch, auf dem ein Kerzenhalter stand, ein Stuhl in der Ecke und ein schiefes Regal, vor dem ich meinen Koffer abstellte. Meine Kleidung legte ich ordentlich gefaltet in die unteren Fächer und die wenigen sonstigen Habseligkeiten, darunter einige Bücher, in die oberen. Dann ließ ich mich ächzend auf den Stuhl fallen.
An der Zimmerdecke über dem Bett saß eine Spinne, die ihre Beute mit einem Sekretfaden umwickelte. Nach einer Weile schien es mir, als würde ich selbst in einen klebrigen Kokon eingesponnen, während sich meine Innereien langsam auflösten – für den Moment ein tröstlicher Gedanke.
In meiner ersten Nacht hatte ich nichts zu tun; von den wenigen Gästen bedurfte niemand meiner Dienste und es gab auch keine Neuankömmlinge. Für die zweite Nacht war ein Gast aus Luzern angekündigt, der dann jedoch erst in den Morgenstunden eintraf und von Louise empfangen wurde. In der dritten Nacht saß ich die ersten Stunden auf meinem Stuhl an der Rezeption und las in einem Buch, das ich unter dem Tresen versteckte. Dann wurde es mir ungemütlich und ich setzte mich in einen der Sessel vor den Kamin. Ich starrte ins Feuer und ließ mich von den Flammen hypnotisieren. Der draußen tobende Schneesturm war hier nicht mehr als ein leises Säuseln. Gähnend nahm ich den Schürhaken und schob ein nach vorne gerolltes Holzscheit zurück in die Glut. Dann lehnte ich mich zurück; die Füße nach dem Feuer ausgestreckt.
