Der namenlose Tote - Bella Ellis - E-Book

Der namenlose Tote E-Book

Bella Ellis

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Beschreibung

Die Brontë-Schwestern ermitteln wieder! Haworth, 1845. Emily, Charlotte und Anne Brontë sind enttäuscht: Von ihrem Lyrikband wurden nur zwei Exemplare verkauft. Sie beschließen, fortan Romane zu schreiben. Auf der Suche nach passenden Geschichten erfahren die drei Ungeheuerliches: In den Mauern des düsteren Anwesens Top Withens Hall wurden die Knochen eines Kindes gefunden! Als kurz darauf erneut ein Kind verschwindet, schwören Charlotte, Emily und Anne, es zu finden. Doch ein Unbekannter tut alles, um die drei selbst ernannten Detektivinnen aufzuhalten. »Elegant, witzig und absolut lesenswert – die Brontë-Schwestern wären bestimmt begeistert!« Rosie Walsh Nach »Die verschwundene Braut« der zweite Band mit den Brontë-Schwestern als einfallsreiche und unerschrockene Ermittlerinnen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Meiner lieben Freundin Julie Akhurst gewidmet

Quellennachweise:

Zitat: Emily Brontë, »Spellbound«; Deutsch von Elsa Steenbuck.

Kapitel »Musik am Weihnachtsmorgen«: Anne Brontë, »Music on Christmas Morning«; Deutsch von Elsa Steenbuck.

Aus dem Englischen von Kathi Linden

© Bella Ellis 2020

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Diabolical Bones«, Hodder & Stoughton, London 2020

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Barbara Raschig

Covergestaltung: U1berlin / Patrizia Di Stefano nach einem Entwurf von Hodder & Stoughton

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

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Inhalt

Cover & Impressum

Pfarrhaus zu Haworth, April 1852

Kapitel 1

Kapitel 2

Anne

Kapitel 3

Charlotte

Kapitel 4

Emily

Kapitel 5

Charlotte

Kapitel 6

Anne

Kapitel 7

Emily

Kapitel 8

Emily

Kapitel 9

Charlotte

Kapitel 10

Anne

Kapitel 11

Anne

Kapitel 12

Charlotte

Kapitel 13

Emily

Kapitel 14

Anne

Kapitel 15

Emily

Kapitel 16

Anne

Kapitel 17

Anne

Kapitel 18

Emily

Kapitel 19

Charlotte

Kapitel 20

Emily

Kapitel 21

Charlotte

Kapitel 22

Emily

Kapitel 23

Charlotte

Kapitel 24

Anne

Kapitel 25

Charlotte

Kapitel 26

Emily

Kapitel 27

Anne

Kapitel 28

Emily

Kapitel 29

Charlotte

Kapitel 30

Charlotte

Kapitel 31

Anne

Kapitel 32

Charlotte

Kapitel 33

Emily

Kapitel 34

Anne

Kapitel 35

Emily

Kapitel 36

Emily

Kapitel 37

Anne

Kapitel 38

Emily

Kapitel 39

Charlotte

Kapitel 40

Anne

Kapitel 41

Emily

Kapitel 42

Charlotte

Kapitel 43

Emily

Kapitel 44

Anne

Kapitel 45

Charlotte

Kapitel 46

Anne

Kapitel 47

Charlotte

Kapitel 48

Emily

Kapitel 49

Charlotte

Kapitel 50

Charlotte

Kapitel 51

Anne

Kapitel 52

Emily

Kapitel 53

Anne

Musik am Weihnachtsmorgen

Anmerkung der Autorin

Dank der Autorin

Die Nacht sinkt auf mich nieder,

Die kalten Winde weh’n;

Ein Bann hält meine Glieder,

Ich kann nicht, kann nicht geh’n.

 

Die mächtigen Bäume neigen

Ihre Äste schwer von Schnee

Der Sturm will weiter steigen

Und doch kann ich nicht geh’n.

 

Über mir Wolken, Wolken so weit,

Unter mir Ödnis zu seh’n.

Doch ich spür keine Trostlosigkeit

Ich werde nicht, kann nicht geh’n.

»Gebannt« von Emily Brontë

Pfarrhaus zu Haworth, April 1852

Für Charlotte gab es nichts Schöneres auf der Welt als das Örtchen Haworth und die es umgebende Landschaft im Frühling.

Die Bäume blütenschwer, die Moore grün und fruchtbar, die sprießende Heide noch dicht und weich unter den Füßen, alles weiß gesprenkelt mit den Wölkchen des Wollgrases, das im Wind tanzt. Charlotte war froh, wieder zu Hause zu sein. Sie hatte sich von einer langen Krankheit erholt und in der Rekonvaleszenz alle Zeit und Freiheit der Welt zum Schreiben gehabt. Danach war sie monatelang auf Reisen gewesen und hatte viel Beifall bekommen, und doch hatte sie sich gefangen, ja isoliert gefühlt. Die Reisen nach London und die Gesellschaft von Thackeray, Mrs Gaskell und, ja, auch vom lieben George Smith, hatten das Gefühl nicht wettmachen können, ein Teil ihres Herzens würde fehlen. Oder, genauer gesagt: als würden drei Viertel ihres Herzens fehlen. Jedes ihrer verstorbenen Geschwister hatte ein Viertel mit in den Himmel genommen. Wenn sie doch nur wie durch ein Wunder zu ihr zurückkehren könnten, dann könnte Charlotte vielleicht etwas mehr lachen, etwas mehr lieben und, was das Wichtigste war, etwas mehr schreiben. Es hatte einige lange, stürmische Tage und Nächte gegeben, in denen sie sich so sehr nach Unterstützung und Kameradschaft sehnte, dass sie es gar nicht in Worte fassen konnte. Ihr war, als würde die Einsamkeit Tag für Tag ein kleines Stück von ihrer Persönlichkeit, von ihrem Wesen tilgen. Als sich ihr die Aussicht eröffnete, von Mr James Taylor geheiratet und geliebt zu werden, war ihr das Blut in den Adern gefroren.

Der leichte Wind kühlte ihre Wangen, als Charlotte weitermarschierte, in Gedanken so weit weg vom Moor, dass sie schließlich ganz überrascht vor dem am höchsten gelegenen Wohnhaus stehen blieb: Top Withens Hall. Sie verharrte eine Weile vor diesem kalten, grauen Gebäude, das mehr einer Spukruine glich als einem bewohnten und belebten Farmhaus.

Die Fratzen der Wasserspeier blickten jetzt genauso grimmig auf sie herunter wie an jenem düsteren Nachmittag vor sechs Jahren. War es wirklich schon so lange her, seit Charlotte, Emily und Anne an Weihnachten durch den Schnee zu diesem Tor gestapft waren, ohne zu ahnen, welches Grauen sich dahinter verbarg? Charlotte schauderte bei der Erinnerung daran, obwohl die Nachmittagssonne sie mild wärmte. Sie konnte einfach nicht vergessen, wie es gewesen war, dem Teufel in Menschengestalt gegenüberzustehen.

Sie und ihre beiden Schwestern hatten auf der Suche nach der Wahrheit viele Ängste durchlitten, aber wenigstens hatte Charlotte doch stets ihre Familie um sich gehabt. Selbst in den finstersten Augenblicken ihres Lebens hatten ihr Bruder und ihre Schwestern ihr stets Kraft gegeben.

Verlier nicht den Mut: Das waren Annes letzte Worte an sie gewesen, und Mut war genau das, was Charlotte brauchte, denn sie hatte keine andere Wahl, als weiterzumachen. Sie warf einen weiteren langen Blick auf Top Withens, suchte nach Spuren jener Verderbtheit, die hier einst gedieh, aber zu ihrer Erleichterung sah sie keine. Heute war Top Withens ein ruhiges Haus, in dem ein ruhiger, anständiger Familienvater wohnte.

Aber im Dezember 1845 hatten die Dinge anders gelegen.

Kapitel 1

Ein Schrei durchschnitt die eiskalte Luft.

Liston Bradshaw setzte sich kerzengerade in seinem Bett auf, sein stoßweiser Atem bildete Wolken in der frostigen Nacht. Draußen tobte ein Schneesturm, der Wind peitschte um Top Withens Hall und hüllte das Haus in ein brausendes Heulen. Als der entsetzliche Schrei zum zweiten Mal erklang, stolperte Liston aus dem Bett, stieg in seine Kniebundhosen und seine Stiefel. Er stürzte die Treppe hinunter und hörte die lauten Rufe seines Vaters.

»Hinfort mit dir, du Teufel, hinfort!«, schrie Clifton Bradshaw, und als Liston hinzukam, sah er, wie sein Vater sich mal nach rechts, mal nach links drehte, ein altes Schwert in der Hand, das sonst über dem Kamin hing, und wie er mit der rostigen Klinge in die Luft hieb und stieß. In seinen vom Alkohol geröteten Augen glühte Angst. Die Hunde um ihn herum bellten wie verrückt, sie duckten sich und knurrten immer wieder die unsichtbare Bedrohung an.

»Was ist los, Pa?«, fragte Liston, als sein Vater Luft holte. Auf der Suche nach dem unsichtbaren Eindringling richtete Liston den Blick in jede einzelne dunkle Ecke. »Warum stößt du derartige Verwünschungen aus?«

»Sie ist zurückgekehrt, um meine Seele zu holen!«, stieß Clifton mit bebender Stimme hervor.

»Wer sie? Ist jemand draußen?« Liston griff sich den Schürhaken und ging zur Tür.

»Nein, nicht draußen, du Narr«, spie der alte Bradshaw. »Die Furie ist hier im Haus. Sie ist gekommen, um sich zu rächen.«

Da erklang wieder der markerschütternde Schrei, durchdringend und so klagend, dass er alles mit Trauer durchwirkte. Sein Vater hatte recht. Es war ganz eindeutig: Die Schreie kamen aus dem ältesten Teil des Hauses, aus den Zimmern, die Clifton damals, nach dem Tod von Listons Mutter, verriegelt hatte. Aus den Zimmern, in die seither keine Menschenseele einen Fuß gesetzt hatte.

»Mary.« Clifton Bradshaws Gesicht verzog sich, als er den Namen seiner verstorbenen Frau laut aussprach. Er zog das Schwert über den Steinboden. »Mary, warum hasst du mich so? Bitte, ich flehe dich an. Sag mir, was du von mir willst!«

»Pa?«, rief Liston ihm verunsichert hinterher.

»Kommst du mit, oder willst du den Rest deines Lebens ein Weichling sein?«

Liston überwand sein Unbehagen und folgte seinem Vater in die Dunkelheit.

Das Klirren schwerer Schlüssel, das Klicken des schwergängigen Schlosses, als es aufsprang, und das Knarzen der alten Tür hallten durch die Nacht, und Liston hielt den Atem an. Sein Vater hatte das Mausoleum seiner Mutter aufgeschlossen.

Ein Schwall eiskalter Luft begrüßte sie.

Liston schauderte, als er über die Schwelle in den alten Teil des Hauses trat. Dreizehn Jahre war es her, seit der Herrgott seine Mutter zu sich genommen hatte. Dreizehn Jahre, seit sein Vater diese Räume abgeschlossen hatte und in denen er den Schlüssel stets am Gürtel trug, selbst des Nachts im Bett. In all den Jahren hatte im Kamin kein Feuer geknistert, nicht einmal im Fenster eine Kerze gebrannt.

Es war kalt und still wie in einem Grab.

»Mary?« Liston staunte, wie belegt die Stimme seines Vaters klang, wie erstickt von Trauer. »Mary, bist du das? Bist du zu mir zurückgekommen? Antworte mir, Mary!«

Als sie die einstige Schlafkammer seiner Mutter betraten, schien die Zeit stillzustehen. Der Sturm verstummte einen Augenblick, und auf einmal erleuchtete der Vollmond jeden Winkel des Zimmers fast taghell. Das alte Schrankbett kauerte in der Ecke, als wolle es jeden Moment aufspringen. Die wenigen Dinge, die seiner Mutter gehört hatten, lagen immer noch auf der Frisierkommode, und der Wind heulte durch ein zerbrochenes Fenster, unter dem vereiste Scherben im Mondlicht glitzerten.

Was war hier passiert?

Der alte Bradshaw fiel auf die Knie und raufte sich im Staub die Haare. »Mary, ich bin hier. Komm zu mir zurück, bitte. Ich flehe dich an, bitte, bitte, sag mir, dass du mir verzeihst.«

Für die Dauer eines scharfen Atemzugs herrschte Stille. Dann setzten die Schreie wieder ein, so laut, dass Liston kurz glaubte, sie entsprängen aus ihm selbst. Wutentbrannt entriss sein Vater ihm den Schürhaken und hieb ihn zwischen die Wackersteine des Schornsteins, bis er zwei herauslösen konnte. Bradshaw ließ den Schürhaken fallen und machte sich wie besessen daran, die lose sitzenden Steine aus der Trockenmauer zu reißen, bis sie schließlich wie eine Lawine herunterrutschten und die alten Holzdielen erbeben ließen.

Das Kreischen verstummte, wie durch eine auf den Mund gedrückte Hand.

Vorsichtig trat Liston näher heran, um sehen zu können, was sein Vater da anstarrte. In einer sottigen Nische etwa auf halber Höhe des Schornsteins befand sich ein verrußtes Bündel von nicht unbeträchtlicher Größe.

»Hol das mal da runter«, kommandierte sein Vater, und obwohl Liston eine bisher ungekannte Angst verspürte, gehorchte er seinem Vater. Das Bündel war groß, aber federleicht und weich. Liston legte es ab.

»Aus dem Weg.« Bradshaw schob seinen Sohn unsanft beiseite, zückte das Messer von seinem Gürtel, schlitzte den Stoff auf und ließ so den Inhalt des Bündels zutage treten.

Liston schluckte. Mit einem Schlag wich die Angst schierem Entsetzen. »Herr im Himmel, erlöse uns von dem Bösen«, wisperte er und taumelte rückwärts.

Vor ihm in dem spröden Tuch lagen der Schädel und die Gebeine eines Kindes.

Kapitel 2

Dezember 1845

Anne

Im Kamin loderte das Feuer, und sie hatte sich ihr wärmstes Tuch um die Schultern gelegt. Dennoch war es Anne noch nie so kalt gewesen, nicht einmal gestern in der Kirche, während der etwas zu lang geratenen Predigt ihres Vaters. An Sonntagen sorgten wenigstens die anderen Gemeindemitglieder für so etwas wie Herdenwärme. An diesem bitterkalten Montag im Dezember aber herrschte drinnen wie draußen klirrende Kälte, davon zeugten die Eisblumen an den Fenstern. Und das Papier, das Anne auf ihrem Schreibtisch bereitgelegt hatte, war immer noch so weiß wie Neuschnee.

»Emily, du musst noch an Ellen schreiben und ihr für ihren Brief danken«, wies Charlotte ihre Schwester an, den Blick auf einen ganzen Stapel zu erledigender Korrespondenz vor sich auf dem Tisch gerichtet. »Ellen ist verstimmt, weil ich sie so lange nicht besucht habe. Ich muss sie tatsächlich bitten, nicht mehr mit mir zu schimpfen! Bitte mach die Sache nicht noch schlimmer, indem du schlechte Manieren an den Tag legst. Wenn du ihr jetzt eine kleine Nachricht schreibst, kann ich sie meinem Brief beilegen. Vielleicht verzeiht sie mir dann. Ihr Brief ist in der Tat so scharf wie die Stechpalmenblätter auf dem Kaminsims und wirklich ungerecht. Man kann doch niemandem zum Vorwurf machen, mit Schreiben beschäftigt zu sein, mit kriminalistischen Ermittlungen und obendrein mit einem vollkommen hoffnungslosen Bruder. Nicht, dass ich ihr von den ersten beiden Umständen berichtet hätte. Und jetzt stecken wir in diesen Schneemassen fest. Es überrascht mich, dass Ellen nicht einmal derart offenkundige Hinderungsgründe begreifen kann.«

»Ellen ist deine älteste und beste Freundin, Charlotte«, rief Anne ihrer Schwester freundlich in Erinnerung. »Sie ist betrübt, dich nicht zu sehen, und das kannst du ihr wohl auch nicht zum Vorwurf machen. Und auch sie hat viel um die Ohren, schließlich ist ihr Bruder wieder krank und musste in die Anstalt.«

Charlotte schürzte die Lippen, genau wie Anne es erwartet hatte. Wenn es etwas gab, was Charlotte überhaupt nicht schätzte, dann war es, wenn jemand ihr den Spiegel vorhielt.

»Jedenfalls habe ich ihr geschrieben, Anne, und auch Grüße von dir ausgerichtet, wie du es mir aufgetragen hast«, sagte Charlotte pikiert. »Emily dagegen ignoriert sie einfach vollständig, und ich würde sagen, das gehört sich einfach überhaupt nicht.«

»Himmel noch mal!«, rief Emily und seufzte schwer, während sie so am Fenster stand und in die kalte Luft hinaussah. »Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin?«

»Beschäftigt?«, schnaubte Charlotte. »Womit? Mit Stehen?«

»Mit Nachdenken«, sagte Emily. »Gewiss eine Tätigkeit, mit der du nicht sonderlich vertraut bist. Ich habe eine Anfrage erhalten, der ich mich einerseits liebend gerne widmen würde, die es aber andererseits erfordert, dass ich mich … gesellig zeige und freundlich gegenüber Leuten, die mich nicht im Geringsten interessieren. Will sagen: fremden Leuten.«

»Dann solltest du sofort ablehnen«, riet Charlotte. »Wenn ich mich recht entsinne – wobei ich mich für gewöhnlich bemühe, die ganze Angelegenheit zu vergessen –, führte dein letztes ›geselliges‹ Auftreten dazu, dass wir nach Brüssel zogen.«

»Das ist nicht wahr!« Anne lachte. »Um was für eine Anfrage handelt es sich, Emily?«

»Sie kommt von Lord und Lady Hartley.« Mit spitzen Fingern, als sei er verseucht, reichte Emily Anne einen Brief mit einem Wappen darauf. »Die Familie hält sich meist in London auf, hin und wieder aber auch auf diesem grässlichen gotischen Landsitz namens Oakhope Hall. Sie möchten, dass ich bei einem musikalischen Abend spiele, den sie für irgendeinen wohltätigen Zweck ausrichten. Offenbar ist ihnen zu Ohren gekommen, dass ich eine ganz hervorragende Pianistin bin.«

»Lord und Lady Hartley?« Charlotte schnappte sich den Brief aus Annes Hand und betrachtete ihn eingehend, bevor sie auch nur die erste Zeile las. »Aber Emily, das ist eine sehr alte, sehr bedeutsame Familie. Das weißt du doch wohl?«

»Ich weiß, dass sie sehr reich sind«, sagte Emily. »Und ich weiß, dass Reichtum von manchen Menschen mit gesellschaftlichem Rang verwechselt wird, liebe Charlotte.«

»Dass sie reich sind, ist nebensächlich. Lady Hartley ist eine berühmte Wohltäterin. Mit ihrer Arbeit hat sie schon so mancher armen Seele hier im Norden geholfen. Sie ist selbst hier aufgewachsen, und wie ich höre, pflegt sie Umgang mit Thackeray und Mrs Gaskell … und ist sogar schon von Ihrer Majestät der Königin empfangen worden. Du musst zusagen!«

»Ach ja?« Emily sah ihre ältere Schwester an. »Es gibt doch bestimmt Dutzende begabter junger Frauen aus guten Familien, die nichts lieber täten als bei ihr ein hübsches Stück zu spielen. Was will sie ausgerechnet mit einer Brontë-Tochter?«

»Was will sie ausgerechnet mit dir? Das ist doch die eigentliche Frage«, sagte Charlotte, die ihre Enttäuschung kaum verbergen konnte, nicht selbst eine derartige Aufforderung erhalten zu haben.

»Du hättest eben mehr üben sollen, Charlotte«, sagte Emily. »Wie es aussieht, hat die großartige Lady Hartley kein Interesse an jemandem, dessen Exzellenz ausschließlich im Reden besteht.«

»Du musst unbedingt zusagen«, sagte Charlotte. »Stell dir doch mal vor, wie nützlich es sein kann, die Hartleys persönlich zu kennen! Gerade jetzt, wo wir unsere Lyrik in die Welt entlassen haben. Diese neue Bekanntschaft könnte entscheidend zu unserem schriftstellerischen Erfolg beitragen, Emily. Wenn wir unsere Arbeit einigen einflussreichen Persönlichkeiten zeigen können, wenn diese uns vielleicht gar fördern, dann könnte das alles verändern.«

»Liebste Schwester.« Emily seufzte. »Es interessiert mich nicht, wer unsere Gedichte sieht, und ich habe auch keinerlei Interesse daran, vollkommen überflüssige Dankesnachrichten zu schreiben, nur um die Form zu wahren. Ich werde Ellen doch ohnehin nur ›Vielen Dank für deinen Brief‹ schreiben, und Ellen wird mir antworten, dass sie mir für meine Nachricht dankt, und dann muss ich ihr wiederum für den Dank danken, und so wird es immer weitergehen, bis in alle Ewigkeit. Ich werde uns allen diese Zeitverschwendung ersparen, indem ich darauf vertraue, dass Ellen mich gut genug kennt, um zu wissen, dass ich ihr selbstverständlich immer zutiefst dankbar bin!«

»Ich glaube, wir sind alle ein wenig gereizt, weil wir so lange nicht richtig nach draußen konnten«, schaltete Anne sich schnell ein, als sie bemerkte, wie Charlottes Wangenfarbe sich veränderte. »Wie wäre es, wenn wir ein paar Runden um den Tisch laufen, alle Briefe und Musikabende vergessen und darüber reden, was uns derzeit bewegt …?«

Anne fragte sich oft, was wohl aus ihren Schwestern werden würde, wenn sie nicht da wäre, um zwischen ihnen zu vermitteln. Zwar liebten Emily und Charlotte sich heiß und innig, aber sie konnten es auch einfach nicht lassen, sich gegenseitig zu piesacken. Charlotte wusste genau, dass Emily sich immer querstellte, wenn Charlotte sie um etwas bat, und Emily war sich im Klaren darüber, dass Charlotte nicht lockerlassen würde, bevor alles tadellos erledigt war. Sie hackten aus purer Langeweile aufeinander herum, aus einer gewissen Rivalität und aus einem noch neuen Gefühl des Unbehagens heraus, das keine von ihnen einräumen wollte. Anne dagegen war überzeugt, dass das jüngste Gerangel überhaupt nichts mit den Schneewehen zu tun hatte, die sie im Haus einschlossen, und auch nichts damit, dass sie weiter keine bezahlte Arbeit hatten. Anne war sicher, die gereizte Stimmung rührte daher, dass Charlotte neulich, nach einigen höflichen Absagen hinsichtlich einer möglichen Veröffentlichung, die Gedichte der drei Schwestern an die Verleger Aylott und Jones geschickt hatte. Wieder einmal richteten sich fremde Blicke auf ihre Arbeit, und bald würden sie erfahren, ob ihre Bemühungen Früchte tragen würden. Eine entsetzlich angespannte Situation.

Emily konnte kaum davon reden, ohne früher oder später aufgebracht das Zimmer zu verlassen, und Charlotte … Nun, es war sicher nicht besonders hilfreich, dass sie vergangenen Monat nach Verstreichen der von ihm erbetenen Halbjahresfrist an Monsieur Héger geschrieben hatte. Jetzt wartete sie verzweifelt auf Antwort. Anne hatte gehofft, die Zeit, die Ermittlungen und ihr Buch würden ihre Schwester ausreichend ablenken von ihrer Schwärmerei für jenen Mann, aber sie sehnte sich noch immer danach, dass er ihre Zuneigung erwidern möge, das Sehnen brannte in ihr wie ein nicht nachlassendes Fieber. Tag für Tag hoffte Charlotte auf Nachricht von ihm, Tag für Tag wurde sie bislang enttäuscht, und jetzt brachte diese Anfrage von Lady Hartley sie nur noch mehr in Bedrängnis, weil Charlotte so liebend gerne in derart erlauchte Kreise vordringen würde, die Emily keinen Deut interessierten. Weihnachten war eigentlich das Fest der Familie, der Gemeinschaft, der Kameradschaft, der Zufriedenheit und des Gebets, und doch …

Was sie alle dringend brauchten – wonach selbst Anne sich sehnte –, war ein Abenteuer.

»Immer, wenn die Welt so eisig aussieht, frage ich mich, ob sie je wieder auftauen wird«, sagte Emily schließlich, als die angespannte Stimmung etwas nachließ. »Ich glaube, so gefällt sie mir am besten, auch wenn es so kalt ist. Sie sieht so unberührt aus. Ich werde ein bisschen mit Keeper rausgehen, dann kann ich ein paar Minuten so tun, als sei ich der einzige lebende Mensch auf der Welt.«

»Du kannst bei der Kälte nicht hinausgehen, Emily«, sagte Charlotte. »Du holst dir ja den Tod.«

»Das wäre immerhin interessanter, als hier ständig untätig herumzusitzen. Seit Wochen haben wir nichts zu tun«, jammerte Emily. »Oder so gut wie nichts, und das ist mir offen gestanden auch ganz recht so, denn lieber ermittle ich gar nicht als im Fall einer verschwundenen Kuh.«

»Kühe haben einen sehr hohen Stellenwert für manche Menschen«, hielt Charlotte dagegen. »Mr Hawthorne war so glücklich, als er Gracie wiederbekam, und ich glaube, in Zukunft wird er sich zweimal überlegen, ob er sie beim Glücksspiel als Einsatz riskiert.«

»Ja, das war ja alles schön und gut«, seufzte Emily. »Aber doch nicht ganz dasselbe wie unser Abenteuer im Sommer, oder? In den letzten vier Monaten haben wir kein einziges Mal Angst um unser Leben gehabt.«

»Meine letzte Erkältung hat mir durchaus Sorge bereitet«, warf Charlotte ein.

»Vielleicht würde es uns helfen, wenn wir über die Ängste und Befürchtungen sprechen, die uns im Zusammenhang mit der Einsendung unseres Manuskriptes an Aylott and Jones beschleichen«, sagte Anne. »Wenn wir unsere Gefühle aussprechen und die Last mit den anderen teilen, dann wird uns das vielleicht erleichtern.«

»Was für ein Unfug«, sagte Charlotte.

»Grauenhafte Vorstellung«, sagte Emily und fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht sollten Bell Brothers and Company eine Annonce in die Zeitung setzen, damit man auch über Haworth hinaus von ihren Diensten erfährt. Ich bin sicher, in Bradford herrscht mehr als genug Sittenlosigkeit.«

»Aber in Bradford hat man insgesamt ein genaueres Auge auf die Einhaltung des Gesetzes«, warf Charlotte nüchtern ein. »An jeder Ecke Wachtmeister, echte Spielverderber.«

»Wir werden schon bald hören, was die Welt zu unserem Gedichtband meint«, schaltete Anne sich wieder ein. »Unsere Namen – oder vielmehr die Namen Currer, Ellis und Acton Bell – wird man öffentlich preisen oder verurteilen. Wenn sie gepriesen werden, dann, meine ich, sollten wir in der Lage sein, weiteres Material zu liefern. Denn, liebe Schwestern, von der Arbeit als Ermittlerinnen werden wir niemals leben können. Aber vielleicht vom Schreiben.«

Schmollend nahm Emily Platz, den Blick fest auf Charlotte gerichtet.

»Sie muss immer wieder davon anfangen, was?«, sagte sie und machte ein Kopfbewegung Richtung Anne.

»Sie ist aufgeregt«, sagte Charlotte. »Wir als ihre großen Schwestern sollten versuchen, sie zu beruhigen.«

»Es würde mir schon sehr helfen, wenn ihr beiden euch beruhigen könntet«, sagte Anne. »Hört auf, wie die Rohrspatzen zu schimpfen, und seht dem ins Auge, was euch in Wirklichkeit umtreibt. Wenn wir unsere Energien voll und ganz auf das Schreiben unserer Romane konzentrieren, dann wird es uns allen schon bald viel besser gehen. Ich werde über eine Gouvernante schreiben.« Anne lächelte beim Gedanken an die Idee, die sie in den letzten Tagen weiterentwickelt hatte. »Meine Heldin ist eine gewöhnliche, hochanständige und gutmütige junge Frau, die ein paar bösen Kindern und unangenehmen Gentlemen ausgeliefert ist.«

»Wer, um Himmels willen, würde einen Roman über eine Gouvernante lesen wollen?«, fragte Charlotte. »Ich dachte mehr an eine junge, überdurchschnittlich intelligente und fähige Frau, die sich zu einem deutlich älteren Professor hingezogen fühlt …« Charlotte errötete leicht.

»Darf ich euch beide daran erinnern, dass wir Romane schreiben wollen, keine Autobiografien.« Emily seufzte und schüttelte den Kopf. »Wir haben uns Gondal und Angria ausgedacht. Wenn uns nicht etwas wirklich Außergewöhnliches einfällt, sollten wir es gleich ganz lassen.«

»Gut. Und wie lautet deine revolutionäre Idee?«, fragte Charlotte.

»Ich habe keine«, räumte Emily ein und machte ein langes Gesicht. »Wenn ich im Moor unterwegs bin, dann spricht es mit mir, es singt, und ich kann hundert Gedichte am Tag schreiben. Aber so unfassbar viele Worte aneinanderzureihen, bis ein ganzes Buch daraus geworden ist – das ist doch deutlich mehr Arbeit, als man sich gemeinhin vorstellt.«

»Nun denn.« Sosehr ihre Schwestern sie auch zur Weißglut treiben konnten, in diesem Augenblick freute es Anne zu sehen, dass die gereizte Stimmung zwischen ihnen nachließ. »Lasst uns um den Tisch marschieren und reden, wie ich es vorgeschlagen habe. Dann werden wir ja sehen, was uns dabei einfällt.«

Anne schickte sich gerade an, aufzustehen, als es leise an die Tür klopfte und ihre langjährige Haushälterin, die gute Tabby, eintrat. Sie war ganz fahl im Gesicht und presste in deutlichem Unbehagen die Lippen aufeinander.

»Ist dir nicht gut, Tabby?«, fragte Anne, nahm sie bei der Hand und führte sie zu ihrem Stuhl. »Was um alles in der Welt ist passiert?«

»Mir ist ganz und gar nicht gut«, sagte Tabby. »Es wurde ein Fund gemacht – ein grauenhafter Fund. Eine Leiche. Und ich fürchte, wenn diesbezüglich nichts unternommen wird, dann wird alles, was wir kennen und lieben, von der Hölle verschlungen.«

Kapitel 3

Charlotte

»Eigentlich sollte ich das ja eurem Vater erzählen«, räumte Tabby aufgeregt ein. »Aber er hat solchen Kummer damit, dass seine Augen immer schlechter werden, und außerdem ist bald Weihnachten, da kommt mir das unpassend vor. Und der junge Mr Nicholls ist zwar ein anständiger Kerl, aber er hat einfach keinen Mumm – ihm fehlt es an Seelenstärke und Starrsinn. Im Gegensatz zu euch dreien.«

»Hört, hört, Tabby«, merkte Emily lächelnd an. »Ich glaube, das ist so ziemlich das Netteste, das du uns je gesagt hast.«

»Erzähl uns alles, was du weißt, liebste Tabby«, forderte Anne sie auf. »Und wir werden deine Ängste lindern.«

Schon bald sollten die drei Schwestern merken, dass sie dieses Versprechen nicht halten konnten.

»Das ist doch schier unglaublich«, sagte Charlotte. »Clifton Bradshaw macht einen so tragischen Fund und will die Gebeine dann einfach so herumliegen lassen, bis er sie im Frühjahr auf seinem Land begraben kann. Das ist untragbar! Hat er denn völlig vergessen, dass in jenem erbarmungswürdigen Skelett einst eine Seele wohnte?«

»Mich überrascht das nicht«, jammerte Tabby. »Die Bradshaws sind schon immer schlechte Menschen gewesen – bestimmt schon seit der Schöpfung! Warum sonst hätten sie wohl ein Haus ganz oben auf dem Moor gebaut, wo eigentlich nur die Verborgenen leben sollten?«

Charlotte tätschelte der verstörten Frau zur Beruhigung die Hand, war aber selbst in blankem Entsetzen gefangen.

»Die Menschen auf dieser Welt vergessen immer wieder, dass man für das, was man dem Land wegnimmt, bezahlen muss. Alles kommt irgendwann zurück«, fuhr Tabby fort. »Habe ich euch das nicht schon von Kindesbeinen an erzählt, dass das verborgene Volk, die Kinder von Adam und Eva, dort wohnen, wo die Bradshaws die Landschaft bestellen und durchpflügen? Habe ich nicht schon immer gesagt, dass das nicht gut gehen kann?«

»Das hast du in der Tat«, bestätigte Charlotte.

»In Erbsünde empfangen und als Strafe dafür von Gott für immer verborgen, aber stets anwesend. Sie wohnen in Felsen und Wäldern, Mooren und Flüssen, sie sind immer da, aber unsichtbar. Früher haben die Menschen ihnen Opfergaben gebracht, um Unglück abzuwehren, aber die Zeiten haben sich geändert, und die alten Bräuche sind verloren gegangen. Ich habe immer gewusst, dass derartige Arroganz eines Tages einen hohen Tribut fordern würde, und ich weiß zwar nicht, wie genau das zusammenhängt, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass diese Gebeine der Anfang der Abrechnung sind.«

»Top Withens ist ein sehr altes Haus«, sagte Charlotte. »Die Knochen könnten schon zweihundert Jahre dort gelegen haben. Auch wenn Mr Bradshaw mit diesen sterblichen Überresten nicht angemessen umgeht, Tabby, so versuche dich doch zumindest damit zu trösten, dass es womöglich die Überreste einer Tragödie aus grauer Vorzeit sind.«

»Vielleicht«, sagte Tabby. »Aber wenn ich eines weiß, dann das: Solange die Überreste einer armen Seele so respektlos behandelt werden, wird Unglück und Unruhe über die Menschen kommen, und zwar nicht nur auf Top Withens – es wird sich wie Mehltau über das ganze Land verbreiten. Lasst euch das gesagt sein!« Tabbys Stimme versagte. Charlotte kam ihr ganz nahe und erforschte ihren angstvollen Blick.

»Alles wird gut, liebe Tabby«, sagte sie. »Wir werden so schnell wie möglich dafür sorgen, dass dieser unhaltbare Zustand ein Ende findet. Wenn doch nur das Wetter nicht so unbarmherzig wäre. Nach Top Withens ist zurzeit schier kein Durchkommen.«

»Unfug!«, rief Emily. »Charlotte, du redest ja, als würden wir in einem Lager in der Arktis hocken und nicht in unserem kleinen Weiler im Norden Englands. Ja, der Schnee liegt hoch, aber wir können doch den Pfaden des Schäfers folgen, dann brauchen wir auch keine Angst zu haben, uns zu verirren. Tabby, wir werden mit Mr Bradshaw reden und ihn von der richtigen Vorgehensweise überzeugen, noch bevor du zu Bett gehst.«

»Wirst du das wirklich tun, mein Kind?«, fragte Tabby derart erleichtert, dass Charlotte keinen weiteren Versuch unternahm, dagegen zu argumentieren. Sie verzichtete auch auf den Hinweis, dass es kein besonders schönes Weihnachtsgeschenk für ihren Vater wäre, wenn seine drei Töchter im Schnee verloren gingen wie schon so viele Menschen vor ihnen. Aber Tabby war nun mal Tabby, sie war wie eine liebe Mutter für sie alle, und keine von ihnen konnte es ertragen, sie so aufgewühlt zu sehen.

»Das und noch viel mehr«, meldete Anne sich mit überraschender Begeisterung zu Wort, als könne sie es kaum abwarten, sich ein bis zwei Zehen abzufrieren. »Wir werden die Gebeine an uns nehmen und von dort fortbringen. Ich werde meinen ganzen Zorn an den Bewohnern von Top Withens auslassen, und sie werden sich wünschen, das Haus wäre über ihnen zusammengestürzt.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das bei den Bradshaws wirklich die beste Herangehensweise ist«, sagte Branwell, der unvermittelt eintrat. »Verzeiht – ich stand draußen im Flur und hörte euch reden, war mir aber zunächst nicht sicher, ob es sich bloß um das übliche Geschnatter handelte oder um etwas von Substanz. Nun glaube ich, Letzteres ist der Fall.«

Ihr Bruder lächelte zwar, sah aber dennoch sehr erschöpft aus: Seine Gesichtsfarbe war leicht bläulich und wirkte neben dem fast übernatürlich flammend roten Haar nur noch blasser. »In der Schenke reden sie von nichts anderem mehr als von diesen Knochen, es ist in der Tat eine sehr beunruhigende Geschichte. Man stelle sich nur mal vor, ein Kind, das auf diese Art und Weise zurückgelassen wurde … das verloren ist …« Branwell verstummte und ließ sich auf einen der Stühle am Tisch sinken. »Du bist eine starke und fähige Frau, liebe Schwester, aber Clifton Bradshaw ist kein Mann, der sich so einfach dem Willen einer Frau unterwirft – und auch nicht dem von dreien. Sein Sohn, Liston Bradshaw, dagegen ist ein Freund von mir und ein feiner Kerl. Ich werde euch Tabby zuliebe nach Top Withens begleiten.«

»Du hast kaum die paar Schritte zum Stuhl geschafft, Branwell«, sagte Charlotte. »Willst du dir wirklich eine derartige Wanderung zumuten?«

»Ja. Schließlich ist Top Withens eine Männerwirtschaft, und nur ein Mann weiß, wie mit den Herren dort zu reden ist. Ist ja schön und gut, dass ihr euch Männernamen gegeben habt, aber deshalb verfügt ihr noch lange nicht über dieselbe Stärke und denselben Mut wie Männer.«

»Es gibt noch etwas, was ihr wissen solltet, bevor ihr da hinaufgeht«, sagte Tabby mit Grabesstimme. »Denn ich kann meine drei Engel und Branwell nicht in die Höhle des Löwen schicken, ohne euch auf das vorbereitet zu haben, was euch möglicherweise erwartet.«

»Ich bin kein Engel?«, fragte Branwell leicht beleidigt.

»Vielleicht ein gefallener.« Emily lächelte Anne zu.

»Worum geht es, Tabby?«, fragte Charlotte, und alle anderen rückten näher.

»Es wird gemunkelt«, flüsterte Tabby, als habe sie Angst, jemand könnte sie belauschen, »dass Clifton Bradshaw damals, als ihm seine Frau genommen wurde, so voller Zorn und Trauer war, dass er seine Seele an den Teufel verkaufte, aus Rache an dem Gott, der ihm seine Liebe geraubt hatte, und dass er deshalb seither immer teuflisches Glück mit allem gehabt hat.«

Kapitel 4

Emily

Was Emily Brontë am Moor am allermeisten liebte, war der Umstand, dass man darin jederzeit und unvermittelt sein Leben lassen konnte. Ein falscher Schritt, eine falsche Abzweigung, ein Moment der Unachtsamkeit auf einem der Pfade ganz oben, und schon war man dem Tod näher als dem Leben. Im Winter galt das noch viel mehr als im Sommer, und insbesondere in einem Winter wie diesem, der ihren entlegenen Winkel der Welt bereits seit über drei Wochen unter immer mehr Schnee begrub, ohne dass es auch nur das geringste Anzeichen auf Tauwetter gab. Das war einerseits hart, andererseits grandios, denn alles Getöse und Geschrei der Welt wurde gedämpft und verwandelte sich in friedliche Stille, in lautlose Ruhe. Emily würde es sehr bedauern, wenn der Frühling Einzug hielt und den Stillstand auflöste, doch dann würde sich das Schmelzwasser die Hänge herunterstürzen und durch die Täler bis zu den Dörfern fließen. Und auch der Sommer in Yorkshire konnte trügerisch sein.

Die Garderobe der Brontës war aufgrund ihrer Mittellosigkeit insgesamt spärlich. Nun hatten sich alle vier so warm angezogen, wie es ihnen möglich war, und doch war Emily der Frost bereits nach wenigen Minuten Fußmarsch bis unter die Kleidung gekrochen. Er fühlte sich an wie ein Lebewesen, das sich an Emilys warmem Blut laben wollte, das ihr ganzes Wesen durchdrang, bis Emily glaubte, sie könnte die kalten Klauen in ihrem Knochenmark spüren.

Branwell hatte aufgrund seines Lebenswandels eine schlechte Kondition, führte aber dennoch die kleine Kohorte an, und ausnahmsweise war das Emily ganz recht. Vor der Geschichte mit Mrs Robinson war ihr Bruder jeden Tag zwanzig Meilen gelaufen, er kannte die Wege genauso gut wie sie. Zwar hatte er an Gewicht zugelegt und musste sich anstrengen, aber Branwell bewegte sich immer noch behände wie eine Ziege und hatte einen unfehlbaren Orientierungssinn. Wenn er diese Eigenschaften doch nur in seinem Privatleben zur Anwendung bringen könnte, dachte Emily, dann würde er vielleicht nicht mehr sehnsüchtig auf Nachricht von Mrs Robinson warten. Er war überzeugt, seine ehemalige Geliebte würde ihn früher oder später zu sich rufen, während allen anderen klar war, dass Lydia Robinson alles tat, um Branwell vollständig aus der Familiengeschichte der Robinsons zu tilgen.

Gewiss wiegte sich ihr Bruder in dem Glauben, niemand außer ihm wüsste, von wem seine im Halifax Guardian abgedruckten Liebesgedichte stammten. Dabei lag nun wirklich auf der Hand, von wem und auch für wen sie geschrieben waren, denn Bluffen war nicht Branwells Stärke. Sicher betete er, dass seine Geliebte seine leidenschaftlichen Worte sehen und sofort alles aufgeben würde, um mit ihm zusammen zu sein. Wie die aufmerksame Emily bemerkt hatte, waren seit der Veröffentlichung kleinere Geldbeträge für Branwell eingegangen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Doch Branwell war kein Mann, der seine Leidenschaft so leicht aufgab, ganz gleich, was ihn das kostete – oder den Rest seiner Familie.

Als Top Withens endlich in Sicht kam, hob es sich von dem monochromen Hintergrund ab wie eine schwarze Krähe, die auf dem höchsten Ast eines Baumes hockte: dem Wind ausgesetzt und doch unerschütterlich, so als habe sie ein Recht, dort zu sein.

Es war grundsätzlich eine große Herausforderung, im Winter die Häuser in der Gegend warm zu halten, und die Lage von Top Withens Hall erschwerte diese Aufgabe zusätzlich. Die wenigen Bewohner des Hauses taten diesbezüglich offenbar ihr Bestes: Durch die Dachsparren aufsteigende Wärme hatte den Schnee schmelzen lassen und die Schieferziegel freigelegt, in dreien der mit Eisblumen überzogenen Fenstern flackerten Kerzen.

»Sieht unheimlich aus«, sagte Charlotte, als die vier stehen blieben, um nach dem letzten Anstieg wieder zu Puste zu kommen. »So würde ich mir die Hölle vorstellen, wenn sie ein kalter Ort wäre.«

»Ich verstehe nicht, wie jemand hier leben und dabei fromm bleiben kann«, fügte Anne hinzu, deren liebliches Gesicht ganz rot war von der Kälte. »In einem so unheimlichen Haus an einem so unheimlichen Ort können nur unheimliche Menschen wohnen.«

»Liston Bradshaw ist kein Unmensch«, ermahnte Branwell sie und rieb sich die kalte Nasenspitze. »Er mag weniger belesen sein als ihr oder ich, und sicher hat er noch nicht so viel von der Schönheit dieser Welt gesehen, aber so brutal sein Vater auch sein mag, Liston hat ein gutes Herz und einen reinen Geist. Ihr werdet ihn mögen.«

»Also, ich bin fasziniert von dem Haus«, sagte Emily. »Ich würde nicht sagen, dass ich es mag. Aber wer auch immer beschließt, sich in dieser Abgeschiedenheit und Trostlosigkeit niederzulassen, der muss schon eine gehörige Portion Eigensinn mitbringen, und das gefällt mir. Ich finde, das Haus hat etwas Geheimnisvolles an sich, mir kommt es fast vor, als würde es uns beobachten.«

»Das, meine Liebe«, sagte Charlotte, die den Weg zur Pforte einschlug, »kommt daher, dass du am liebsten wie der Eremit von Ponden in einer Höhle hausen und nie wieder mit einer Menschenseele ein Wort reden würdest.«

Da hatte Charlotte nicht ganz unrecht. Emily bewunderte die, die es gewagt hatten, hier, an der unwirtlichsten Stelle in einem Umkreis von hundert Meilen ein Haus zu errichten. Hier gab es keinen Schutz, keinen noch höheren Gipfel, der den kalten Nordwind davon abhielte, durch jede Ritze ins Haus einzudringen oder nach Lust und Laune die verkrüppelten Bäume zu biegen, bis sie geneigt verharrten und Zeugnis ablegten von seiner Erbarmungslosigkeit.

Das alte schmiedeeiserne Tor, das einst den Zutritt zu einem angesehenen Haus markierte und das im Laufe des Winters fast aus seinen Angeln gerissen worden war, schwang und quietschte im Wind. Auf beiden Torpfosten sowie an jeder Ecke des Daches befanden sich grob gearbeitete Wasserspeier, gruselige Fratzen, deren Aufgabe es war, über die vier Himmelsrichtungen zu wachen. Vor dem Haus vermischten sich Schnee, Eis und gefrorener Matsch, und wenn auch das Tor keinen Eindringling mehr abwehrte – das alles durchdringende Gefühl von Elend, das die klamme Luft durchdrang, war abschreckend genug.

Es kam nur selten vor, dass Emily von irgendetwas einen Rückzieher machte, sie wusste, dass dunkle, schwierige Momente eine ebensolche Berechtigung hatten wie jene voller Trost und Freude. Und doch zauderte sie. Sie betrachtete die dunklen Fenster von Top Withens Hall, und ihr Instinkt flüsterte ihr zu: Sieh dich vor.

Kaum betraten sie das Grundstück, tobte ein ganzes Rudel unterschiedlichster Hunde herbei, die aufgeregt bellten und die Zähne fletschten.

»Kommt sofort zurück, ihr Drecksköter!«, herrschte Clifton Bradshaw die Tiere an, als er in der Tür erschien und sich eilig einen ziemlich dreckig aussehenden Mantel überwarf. »Haltet die Klappe, oder ich peitsche euch blutig.« Sofort kuschten die Tiere und drückten sich winselnd auf den Boden, als er auf die Eindringlinge zuschritt. Die Hunde hatten offenkundig Angst vor ihm.

»Guten Tag, Sir. Ladys«, sagte Bradshaw und versuchte sich an etwas, was wohl ein Lächeln sein sollte. Hinter seinen aufgesprungenen Lippen wurden gelbe Zähne sichtbar. »Ich erwarte bei dem Wetter normalerweise keine Gäste.«

»Es handelt sich auch nicht um einen üblichen Besuch«, erklärte Anne und musste dabei sehr laut reden, um das Brausen des Windes zu übertönen. »Unser Vater, Reverend Patrick Brontë, schickt uns mit dem Auftrag, uns von Ihnen die sterblichen Überreste aushändigen zu lassen, die Sie hier gefunden haben, auf dass die arme Seele sofort einer christlichen Bestattung zugeführt werden kann.«

Emily war sich nicht ganz sicher, aber sie vermutete, dass ihre Schwester bei dem Wörtchen »sofort« wütend aufstampfte. Clifton sah Anne kurz irritiert an, dann brach er in schallendes, rohes Gelächter aus, das im Vorhof des Hauses widerhallte, die Tiere im Stall aufschreckte und die Hunde zu seinen Füßen verjagte.

»Hör mal zu, mein Mädchen«, hob Bradshaw an, und Emily spürte, wie er damit eine Lunte des Zorns in ihr entfachte.

Hätte Branwell an dieser Stelle nicht eingegriffen, hätte seine Schwester vermutlich ohne viel nachzudenken wenig damenhafte Worte ausgespuckt.

»Mr Bradshaw, Sir.« Branwell reichte ihm die Hand. »Bitte entschuldigen Sie meine Schwestern. Sie sind sehr sensible Wesen, durch und durch gefühlsgesteuert, und sehen bezüglich Ihres Fundes nur die tragische, menschliche Seite, nicht aber die wissenschaftliche oder historische. Wären Sie so freundlich, ihnen ihre weibliche Schwäche nachzusehen und uns hineinzubitten? Meine Schwestern sind gesundheitlich labil, und es ist zu befürchten, dass wir uns alle den Tod holen werden, wenn wir bei diesem Wetter länger hier draußen stehen.«

Clifton sah erst Branwell an, dann die drei Frauen in ihren Mänteln. Er machte auf dem Absatz kehrt, kickte einen kleinen Mischling aus dem Weg und marschierte ins Haus.

»Wenn’s sein muss«, brummte er. »Aber machen Sie’s kurz.«

Bradshaw marschierte ihm nach, und kurz darauf betraten er und seine drei Schwestern hinter Clifton Bradshaw die Höhle des Löwen.

Kapitel 5

Charlotte

Der Eingangsbereich von Top Withens Hall war insgesamt heller und behaglicher, als Charlotte erwartet hatte. An einem Ende des großen Raumes war eine ältere Frau damit beschäftigt, ein junges Mädchen am Feuer beim Kochen zu beaufsichtigen – dem Geruch nach zu urteilen, köchelte da ein Schafeintopf. Am anderen Ende stand eine riesige Anrichte. Alle möglichen Tiere, vor allem Hunde und Katzen, scharwenzelten der Alten um die Beine. Selbst ein ahnungsloses Huhn lief der alten Dame um die Füße, es wusste nicht, was ihm auf dem Schlachtblock blühte, in dem bereits das geschärfte Hackbeil steckte.

Von der Decke hingen mit Kräutern umwickelte Schweine- und Schafkeulen, sie verbreiteten einen durchdringenden, aber keineswegs unangenehmen Geruch von süßem, fleischsattem Rauch, kombiniert mit dem Duft erhitzter Gewürze. Der Raum war sauber, der Boden gefegt und gescheuert. Das Zinngeschirr auf der großen Eichenanrichte, die fast die ganze Wand einnahm, glänzte wie frisch poliert. Zwar war der Raum nicht weihnachtlich geschmückt, wie es in anderen Häusern um diese Zeit üblich war, aber er wirkte auch nicht wie das Zuhause eines halbwilden Heiden, vor dem Tabby sie gewarnt hatte.

»Bess. Molly«, bellte Bradshaw. Als die alte Dame sich umdrehte, zeigte er auf die durchnässten Gäste. »Besuch.«

»Oh. Ah. Na dann, die jungen Damen.« Die Alte zwinkerte ihnen zu. »Legen Sie mal ab, und kommen Sie näher ans Feuer, bevor Sie erfrieren!«

»Vielen Dank«, sagte Anne. »Mrs …?«

»Ach, aber Sie kennen mich doch, Mistress. Ich bin doch Ihre Bess! Ist Ihr Kopf ganz eingefroren von der Kälte?« Bess lachte fröhlich.

»Beachten Sie sie nicht weiter, Misses«, sagte Molly, als sie den Schwestern die nassen Mäntel abnahm. »Bess ist schon halb im Himmel, ich bin hier, um auf sie aufzupassen, aber das weiß sie nicht.«

»Verstehe«, sagte Charlotte. Zu gerne wäre sie näher ans Feuer gerückt, doch sie blieb stehen, denn sie wollte, dass Clifton Bradshaw sie hören konnte. Dieser brutale Kerl faszinierte und empörte sie gleichermaßen, und irgendwie bewunderte sie ihn auch. Er war ein Mann, der auf die Konventionen pfiff.

»Auf meinem Grund und Boden lasse ich mir von niemandem etwas sagen, auch nicht von den Kindern des Pfarrers«, verkündete Clifton, noch bevor sie ein weiteres Wort geäußert hatten. »Die Knochen gehören mir, und ich werde sie hier auf Top Withens begraben, sobald der Boden ausreichend aufgetaut ist. Ich werde Ihnen nicht gestatten, sie mitzunehmen, aber wenn Sie möchten, dürfen Sie sie gerne sehen. Dann können Sie sich davon überzeugen, dass ich sie gut behandle, und den Leuten im Dorf sagen, sie sollen ihre Nase nicht in fremde Angelegenheiten stecken.«

»Sir«, sagte Charlotte, »jede Seele hat ein christliches Begräbnis verdient, und ich bin sicher –«

»Wollen Sie die Knochen nun sehen oder nicht?«, schnitt Bradshaw ihr ungerührt das Wort ab. »Die Räume sind dreizehn Jahre lang verschlossen gewesen, und ich habe nicht vor, sie eher wieder zu betreten als unbedingt nötig. Aber Liston führt Sie gerne hin.«

»Wir wollen sie sehen«, sagte Branwell. »Wir wollen bitte gerne die Knochen sehen.«

Charlotte sah zu ihrem Bruder, der kaum merklich den Kopf schüttelte und ihr so signalisierte, sie solle schweigen, Geduld haben und abwarten. Es fiel Charlotte schwer, aber sie wusste, dass ihr Bruder recht hatte, und fügte sich.

Clifton ging zum Fuß der Treppe und rief hinauf: »Liston! Komm runter! Hier sind Leute, die die Knochen sehen wollen!«

Die Balken über ihren Köpfen knarrten, schwere Schritte erklangen, als Liston Bradshaw die Treppe heruntertaumelte. Er war noch halb in seine Decke gewickelt, offenbar hatte er geschlafen, und sein langes, dunkles Haar hing ihm wild um das Gesicht mit den schlafgeröteten Wangen. Kaum erblickte er die weiblichen Gäste, erstarrte er, stopfte sich das Hemd in die Hose und kämmte sich mit den Fingern die Mähne aus dem Gesicht.

»Misses Brontë«, sagte er und errötete noch mehr, als er den vornehmen Besuch erkannte. »Und Branwell, alter Freund, verzeih mir! An einem Nachmittag wie diesem rechne ich für gewöhnlich nicht mit Gästen.«

»Sie sind hier, um die Knochen zu sehen, nicht dich, du Esel«, pflaumte Bradshaw seinen Sohn an. »Die da unten können einen einfach nicht in Ruhe lassen – ständig stecken sie ihre Nasen in Dinge, die sie nichts angehen.«

Liston versuchte seinen Vater zu ignorieren und klopfte Branwell auf die Schulter. Branwell erwiderte die Geste, dann schüttelten sie sich eifrig die Hände, wie zwei kleine Jungs, die spielen, sie seien erwachsen. Molly sah ihnen aus großen Rehaugen zu.

»Du gehst mit ihnen da hoch«, ordnete der alte Bradshaw an. »Ich habe zu tun.« Er zeigte auf einen Stapel Kontoblätter auf dem Schreibtisch. »Geschäfte.«

Mit Interesse registrierte Charlotte die Veränderung in Bradshaws Verhalten. Auf einmal legte sich ein Schatten auf sein Gesicht – eine gewisse Vorsicht vielleicht oder sogar ein Schuldgefühl. Könnte es sein, dass Bradshaw doch noch einen Rest von einem Gewissen hatte, an das sie appellieren konnten?

Listons überraschte Freude darüber, Branwell und seine Schwestern zu sehen, verflog in dem Augenblick, in dem sein Vater ihm auftrug, sie zu den Knochen zu bringen. Sofort verdüsterte sich seine Miene.

»Branwell«, sagte er leise, aber eindringlich. »Das ist nichts für Damen.«

»Das ist auch nichts für uns oder sonst irgendwen, mein Freund«, murmelte Branwell gerade so laut, dass Charlotte ihn hören konnte. »Wir sind hier, um der verlorenen Seele Zuflucht zu gewähren, und brauchen vielleicht deine Hilfe.«

Listons dunkle Augen wanderten von Branwell zu Charlotte, die kurz nickte.

»Nehmt sie gerne mit«, flüsterte er. »Denn ich ertrage es nicht länger, dass die arme Seele weiter ganz allein dort oben liegt.«

»Schwestern?« Charlotte rief Anne und Emily herbei, die sich ans Feuer gestellt hatten. »Es geht los.«

Kapitel 6

Anne

Anne verspürte eine nicht unbeträchtliche innere Unruhe, als sie den anderen, angeführt von Liston Bradshaw, in den ältesten und bis vor Kurzem abgeriegelten Teil des Hauses folgte.

Am schwersten lastete die dichte, traurige Atmosphäre auf ihren schmalen Schultern, denn hier befanden sich in jeder Ecke Geister – nicht die sichtbaren, von denen Mr Charles Dickens so gerne schrieb, sondern eher die in Form verblasster Erinnerungen an ein längst vergangenes, glücklicheres Leben. An der Wand hing ein Porträt von Clifton, seiner Frau und Liston, ein wenig verschleiert von Spinnweben und Staub. Es zeigte eine sich nahestehende Familie, in der man stolz aufeinander war und dem anderen zugeneigt. Auf einer Fensterbank stand eine Vase inmitten heruntergefallener Blütenblätter; eine Stola hing über dem unteren Ende des Treppengeländers, als sei sie gerade erst dort abgelegt worden, als wollte ihre Besitzerin gleich wiederkommen und sie an sich nehmen.

Anne gewann den Eindruck, dass Clifton Bradshaw damals, vor dreizehn Jahren, als seine Frau Mary starb, jede Spur des einst glücklichen Familienlebens hier weggeschlossen und zusammen mit seiner Frau zu Grabe getragen hatte. Wie traurig das doch war, dachte Anne, vor allem für Liston, der zwölf Jahre alt gewesen sein musste, als er seine Mutter verlor, fast schon ein Mann, aber noch jung genug, um seine Mutter zu brauchen. Anne konnte sich kaum an ihre eigene Mutter erinnern, aber wenigstens versuchte ihr Vater nicht, die Erinnerung an sie zu tilgen, und auch nicht die daran, wie sehr sie alle sie geliebt hatten und wie sehr sie ihnen fehlte. Maria Brontë war auf diese Weise jeden Tag präsent.

Liston blieb unvermittelt stehen, die Hand auf der Klinke zur Kammer, den Kopf gesenkt. Er zitterte trotz der Decke, die er um die Schultern trug.

»Sollen wir reingehen, mein Freund?«, fragte Branwell sanft und legte die Hand auf Listons Schulter. »Dann haben wir es hinter uns.«

Liston nahm die Hand von der Klinke und trat zurück, den Blick abgewandt von der Tür.

»Ich kann nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann da nicht reingehen und es mir noch einmal ansehen.«

»Das ist auch gar nicht nötig«, versicherte Branwell ihm.

»Das war die Kammer meiner Mutter«, erklärte er. »Allein der Anblick der geschlossenen Tür weckt Erinnerungen an den schlimmsten Moment meines Lebens, ganz zu schweigen von dem schrecklichen Fund, der nun dort liegt. Ich bringe es kaum über mich, die Tür zu öffnen.«

»Das verstehe ich sehr gut, Liston«, sagte Anne düster. »Aber für uns ist Unerschrockenheit das Gebot der Stunde. Wir sind hergekommen, um der armen verlorenen Seele zu helfen, im Namen unseres Vaters, Reverend Patrick Brontë, und im Schutz unseres christlichen Glaubens. Mit all dem und unserem Mut sind wir gut gerüstet.«

Liston nickte, öffnete schließlich die Tür und trat beiseite.

Branwell betrat die Kammer als Erster, dann Emily, dann Charlotte. Als Anne hineingehen wollte, hörte sie etwas wie ein Keuchen, ein Schluchzen von einer ihrer Schwestern, darum verharrte sie auf der Schwelle und blickte unsicher zu Liston. Liston reichte ihr die Hand, doch Anne schüttelte den Kopf.

»Das schaffe ich auch alleine«, sagte sie mehr zu sich selbst als an Liston gerichtet und ging hinein. Sie spürte, wie Liston ihr folgte, aber in der Nähe der Tür stehen blieb.

Durch das zerbrochene Fenster wehte Schnee herein. Es war so kalt in der Kammer, dass man glauben konnte, draußen auf dem Hochmoor zu stehen, und auf den morschen Dielen war bereits eine beträchtliche Wehe entstanden. Die Schwestern nahmen sich bei den Händen, während Liston die zottigen, schweren Vorhänge vor das kaputte Fenster zog und dann, als das Heulen des Windes dadurch gedämpft war, ein paar Kerzen entzündete, die wahrscheinlich ohnehin binnen kürzester Zeit wieder verlöschen würden. Als sie sich alle um einen kleinen Tisch versammelt hatten, entfernte Liston ein Laken, das mit ein paar Steinen fixiert worden war. Schweigend und entsetzt betrachteten sie die Gebeine.

Anne war nicht vorbereitet gewesen auf die Trauer, die sie nun erfüllte. Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, das Skelett eines wohl zehnjährigen Kindes zu sehen.

Mit einem leichten Beben in der Stimme begann sie das Vaterunser zu beten. Je kräftiger ihre Stimme wieder wurde, desto mehr ihrer Geschwister fielen ein, und gemeinsam schufen sie eine Festung über diesem Kind, und Anne wusste intuitiv, dass ihrer aller Entschlossenheit, dieser verlorenen Seele Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mit jedem Wort wuchs.

Als sie das Gebet beendet hatten, straffte Anne die Schultern. Jetzt war keine Zeit für Tränen.

»Liston, haben Sie nicht etwas anderes als dieses schmutzige Tuch, in das wir das Kind einwickeln können?«

Liston zog sich die Decke von den Schultern und reichte sie Anne, die sie sorgfältig über die Gebeine legte und dann unter ihnen zu einer Art Bündel zusammenzog.

»So, mein Kind«, murmelte sie dabei. »Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Wir bringen dich hier weg, und schon bald wirst du zu Hause und in den Armen Gottes sein, wo du für immer Frieden und ewige Liebe finden wirst.«

Kapitel 7

Emily

Branwell nahm das Bündel mit einer solchen Behutsamkeit auf den Arm, dass Emily kurz den Mann aufblitzen sah, der ihr Bruder hätte sein können – oder vielleicht immer noch sein könnte: Ein ehrenwerter, anständiger und gütiger Mann, der andere beschützt und seine Frau lieben und seine Kinder gut versorgen würde.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Branwell Anne.

»Jetzt nehmen wir das Kind mit nach Hause nach Haworth«, erklärte Anne. »Wir werden John Brown bitten, die Schule aufzuschließen und das Kind dort zu verwahren, bis wir mit Papa und deinem Mr Nicholls gesprochen haben, Charlotte. Und sobald sich die Gelegenheit bietet, werden wir für ein christliches Begräbnis sorgen. Und wir werden nach Kräften für die Kosten aufkommen, damit das Kind nicht im Armengrab landet. Wir werden wohl nie erfahren, wie diese unschuldige Seele hieß, woran sie starb und wann, aber sie ist ein Kind Gottes.«

Emily nickte, sie war stolz auf ihre kleine Schwester, die so klar und entschlossen auftrat. Eine starke Frau, die ihnen den Weg wies, während die anderen vollkommen verunsichert waren angesichts dieser Tragödie.

»Liston, mein Freund.« Branwell wandte sich dem jungen Mann zu, der ohne ein Wort des Widerstands zugelassen hatte, dass sie die Kinderknochen einpackten. »Du wirst sicher dafür bezahlen, dass du uns gestattest, die Gebeine mitzunehmen. Dein Vater hält nichts davon, wenn andere sich in seine Angelegenheiten einmischen, und nach allem, was du mir erzählt hast, weiß ich, dass er zu Gewalttätigkeiten neigt.«

»Ich liebe meinen Vater, aber er hat diesem Kind Unrecht angetan«, sagte Liston. »Mag sein, dass er die Hand gegen mich erheben wird, aber ich bin ein erwachsener Mann. Ich weiß mich zu wehren.«

Trotzige Worte, begleitet von einer sehr jungen und verletzlichen Miene.

»Da ist noch etwas«, sagte er und runzelte die Stirn. »Pa wollte, dass es versteckt bleibt, und bis jetzt fand ich es auch nicht weiter wichtig, aber vielleicht ist es das doch. Es gibt ein Datum, das uns verrät, wann die Leiche frühestens hier versteckt worden sein kann.«

»Wovon sprechen Sie, Liston?«, fragte Emily. »Wenn es irgendetwas gibt, was uns dabei helfen könnte, den Namen des Kindes herauszufinden oder die Beerdigung etwas persönlicher zu gestalten, dann müssen Sie uns das sagen.«

Mit dem Blick folgte Emily Liston zum Kamin. Er stieg über das Geröll, das den Abzug gebildet hatte, griff in die Ausbuchtung, in der die Knochen verborgen gewesen waren, und zog etwas hervor, das klein genug war, um komplett in seiner Faust zu verschwinden.

»Sehen Sie«, sagte er und ließ es in Emilys Hand gleiten.

Rätselnd betrachtete Emily den Gegenstand auf ihrer Handfläche.

»Ein Medaillon«, kommentierte sie, während sie es im Kerzenschein betrachtete. »Vorne eine Gravur, eine Darstellung der Jungfrau Maria sowie die Jahreszahl 1830. Und hinten Symbole und Sterne, und es sieht aus, als sei da noch eine Jahreszahl eingraviert: 1832. Hier.« Sie streckte die flache Hand mit dem Medaillon darauf aus, damit alle es sehen konnten.

»1832 ist gerade mal dreizehn Jahre her«, sagte Anne. »Das Kind liegt hier längst nicht so lange, wie wir angenommen hatten.«

»Gewiss kann sich noch jemand erinnern«, sagte Charlotte.

»In dem Jahr ist meine Mutter gestorben«, erklärte Liston traurig. »In dem Jahr hat mein Vater dieses Zimmer verschlossen, mit allen Geheimnissen darin. Glauben Sie denn …? Nein, das kann ich nicht laut aussprechen.«

»Was können Sie nicht laut aussprechen, Liston?«, fragte Emily.

»Ob mein Vater davon gewusst hat, dass sich die Knochen in dieser Kammer befinden?«

Liston sah so verloren aus, so voller Angst, womöglich die Wahrheit ausgesprochen zu haben, dass Emily sich wünschte, sie könnte ihn beruhigen.

Ende der Leseprobe