Der neue Landdoktor 10 – Arztroman - Tessa Hofreiter - E-Book

Der neue Landdoktor 10 – Arztroman E-Book

Tessa Hofreiter

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Beschreibung

"Der neue Landdoktor" zeichnet sich gegenüber dem Vorgänger durch ein völlig neues Konzept aus. Es wird noch größerer Wert auf Romantik, Spannung und sich weiterdichtende, zum Leben erwachende Romanfiguren, Charaktere und Typen gelegt. Eines darf verraten werden: Betörend schöne Frauen machen dem attraktiven Landdoktor schon bald den Hof. Und eine wirkliche Romanze beginnt... "Heute ist der Tag, heute kommt sie!", verkündete Gertrud Fechner mit Grabesstimme. Die rundliche ältere Frau starrte düster in ihre Kaffeetasse. Ihre hellblauen Augen, die sonst einen fröhlichen oder auch energischen Ausdruck hatten, guckten finster. "Gerti, jetzt reiß dich zusammen!", antwortete ihre Schwester streng. Sieglinde war vier Jahre älter als ihre Schwester Gertrud, frisch pensionierte Oberstudienrätin, und hatte keine Geduld mit unbegründeten Ängsten und Jammerei. "Du verstehst mich nicht!" Gerti schaute ihre Schwester anklagend an. Konnte sie nicht ein wenig Mitgefühl erwarten?

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Der neue Landdoktor –10–

Fiona lügt!

Emilia steht allein mit ihrer Überzeugung

Roman von Tessa Hofreiter

»Heute ist der Tag, heute kommt sie!«, verkündete Gertrud Fechner mit Grabesstimme. Die rundliche ältere Frau starrte düster in ihre Kaffeetasse. Ihre hellblauen Augen, die sonst einen fröhlichen oder auch energischen Ausdruck hatten, guckten finster.

»Gerti, jetzt reiß dich zusammen!«, antwortete ihre Schwester streng. Sieglinde war vier Jahre älter als ihre Schwester Gertrud, frisch pensionierte Oberstudienrätin, und hatte keine Geduld mit unbegründeten Ängsten und Jammerei.

»Du verstehst mich nicht!« Gerti schaute ihre Schwester anklagend an. Konnte sie nicht ein wenig Mitgefühl erwarten?

»Nein, tue ich auch nicht!« Sieglinde setzte sich, falls das überhaupt möglich sein sollte, noch ein wenig aufrechter hin. »Du tust, als sei heute der Tag deiner Hinrichtung. Dabei bekommst du nur eine neue Kollegin zu Seite.«

»Nur!« Gerti schnaubte empört durch die Nase. »Du hast ja keine Ahnung! So ein junges Ding, noch keine dreißig Jahre, mit gefärbten Haaren und einem Tattoo! Wird alles besser wissen und anders machen wollen, als es in den vergangenen Jahrzehnten bestens funktioniert hat, erst beim alten Doktor und jetzt bei seinem Sohn. Denk doch nur an den Umgang mit dem Computer! Immer neue Programme, immer ist alles anders. Ich hasse das! Früher hatten wir unsere Karteikästen und Kalender und Stifte, das funktionierte problemlos.«

»Früher hatten wir auch einen Kaiser«, schnitt ihre Schwester ihr das Wort ab. »Der Computer ist kein Hexenwerk, und du kannst ganz gut mit ihm umgehen. Hör auf mit dieser Schwarzseherei! Denk mal an deine neue Kollegin, wie sie sich jetzt wohl fühlen mag, das arme Ding. Muss sich neben einer gestandenen Frau behaupten, der guten Seele der Praxis Seefeld. Jahrzehnte der Erfahrung! Das ist doch auch nicht ganz einfach für diese junge Frau.«

»Na, wenn du meinst …«, grummelte Gerti.

Sie war zwar noch nicht ganz überzeugt, aber die geschickten Worte ihrer Schwester hatten doch einige ihrer Ängste beschwichtigt. Ihr Appetit erwachte, und sie gönnte sich noch eine Tasse Kaffee und eine Semmel. Schließlich wollte sie gut gerüstet in diesen Tag gehen, der sie vor ganz neue Herausforderungen stellte.

Und vor Herausforderungen war Gerti Fechner, die zuverlässige rechte Hand Doktor Sebastian Seefelds, noch nie zurückgeschreckt!

Der junge Landdoktor, Nachfolger seines Vaters Benedikt Seefeld, saß an seinem Schreibtisch, neben sich einen starken Kaffee, und unterdrückte ein gewaltiges Gähnen. Er war heute Nacht zu einem asthmakranken Kind auf ein abgelegenes Gehöft gerufen worden, und ihm fehlte Schlaf. Aber das war er gewohnt, dafür würde er heute Abend etwas früher ins Bett gehen und auf einen ununterbrochenen Nachtschlaf hoffen.

Heute war also der erste Arbeitstag seiner neuen Angestellten. Doktor Seefeld blätterte noch einmal durch die Unterlagen der jungen Frau. Caroline Böttcher stammte aus Bergmoosbach und hatte in Kempten ihre Ausbildung in einer Kinderärztlichen Gemeinschaftspraxis absolviert, wo sie anschließend ein paar Jahre gearbeitet hatte. Im Anschluss daran war sie in der Notaufnahme der Uniklinik München tätig gewesen. Die junge Frau verfügte über vielfältige Erfahrung, hatte erstklassige Zeugnisse, und immer wurde ihr freundliches Wesen im Umgang mit Patienten lobend erwähnt.

Sebastian Seefeld nickte zufrieden und schloss den Ordner mit ihren Unterlagen. Ja, er hatte eine gute Entscheidung getroffen. Ein leises Lächeln glitt über sein markantes Gesicht, als er an die Skepsis seiner Praxisperle Gerti dachte. Er war sicher, dass auch sie sich bald an ihre junge Kollegin gewöhnt haben würde.

Der Arzt ging zum Annahmetresen hinüber, der wie immer weit vor Beginn der offiziellen Sprechstunde mit der zuverlässigen Gerti besetzt war. Er nickte ihr freundlich zu und bat die erste Patientin des Tages, die einen eingeschobenen Termin hatte, ins Sprechzimmer.

»Grüß Gott, Frau Sonnleitner. Wie geht es Ihnen heute Morgen?«

»Ja, mei, schlecht, Herr Doktor, sonst wär ich doch nicht gekommen, bei der vielen Arbeit, die ich hab!«, klagte die Frau und drückte die Hand auf ihren schmerzenden Bauch.

Der Landdoktor musterte sie genau. »Wieder Beschwerden wegen der Galle?«, fragte er ernst.

Die rundliche Frau nickte bekümmert.

»Frau Sonnleitner, wie oft sollen wir uns denn noch über immer dasselbe unterhalten?« Sebastian Seefeld klang nicht unfreundlich, aber sehr streng. »Wenn Sie sich nicht umgehend die Gallenblase entfernen lassen, wird sich Ihr Zustand immer weiter verschlechtern. Ich kann das nicht mehr verantworten! Ich weiß, dass wir Hauptsaison haben und Ihr Hotel voll belegt ist, aber Ihre Gesundheit sollte doch wohl vorgehen!«

Die Besitzerin des Hotels und sehr guten Restaurants Sonnenhof wirkte zerknirscht. »Ich weiß doch, Herr Doktor, aber heut …«

»Kein aber, Frau Sonnleitner!« Sebastian Seefeld, der ein einfühlsamer und geduldiger Arzt war, beschloss, dass nun Zeit für harte Worte war. »Im schlimmsten Fall perforiert die Gallenblase, Gallenflüssigkeit tritt in die Bauchhöhle und führt zu einer Bauchfellentzündung. Das wiederum kann zu einer Sepsis führen, und die könnte tödlich enden. Die heutige Medizin kann sehr viel heilen, aber wenn es zu spät ist, sind die Ärzte machtlos. Und bei Ihnen ist es bereits fast zu spät, Frau Sonnleitner!«

»Jesses!« Zenzi Sonnleiter schnappte nach Luft. »Das bedeutet …?«

Doktor Seefeld griff zum Telefon. »Ich werde Sie sofort ins Krankenhaus einweisen und einen OP-Termin für Sie vereinbaren. Und Sie werden mit dem Krankenwagen fahren, damit Sie unter ständiger medizinischer Aufsicht sind. Sie legen sich jetzt auf die Liege und rufen Ihren Mann an, der Krankenwagen ist gleich hier.«

Zenzi Sonnleiter war sehr blass geworden und ließ sich ohne ein weiteres Wort vom Arzt in den Nebenraum führen. Dort half Sebastian Seefeld der Kranken auf eine Liege und schob ihr ein Kissen unter den Kopf. »Das wird schon«, sagte er und drückte seiner Patientin beruhigend die Hand. »Sie sind eine starke Frau, die jetzt nur ein bisschen übers Ziel hinaus geschossen ist. Mit einer sofortigen OP und anschließender Schonung sind Sie bald wieder auf den Beinen. Organisieren Sie jetzt Ihre persönlichen Sachen, ich kümmere mich um alles andere.«

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine junge Frau trat ein, die eine leichte Wolldecke über dem Arm trug. »Grüß Gott, Doktor Seefeld. Ich wollte mich eigentlich erst bei Ihnen melden, aber ich glaube, Sie brauchen mich jetzt hier?«, sagte sie mit einem fragenden Blick auf die Patientin, die zitternd auf der Liege lag.

»Caroline! Gut, dass Sie hier sind, wir klären alles andere später. Betreuen Sie bitte Frau Sonnleitner, ich telefoniere mit dem Krankenhaus.« Er ging rasch in das andere Zimmer hinüber und ließ die Tür halboffen stehen. So konnte er aus den Augenwinkeln verfolgen, wie sich seine neue Praxishelferin in dieser Krisensituation verhalten würde.

»Guten Tag, Frau Sonnleitner«, sagte die junge Frau mit ruhiger, freundlicher Stimme. »Ich bin Caroline Böttcher, die neue Sprechstundenhilfe, man nennt mich Caro. Ich werde mich um Sie kümmern, bis der Krankenwagen kommt. Wenn Sie möchten, kann ich es Ihnen ein bisschen bequemer machen.« Ganz beiläufig fühlte sie Zenzis Puls, hielt kurz die eiskalten Hände der anderen Frau in ihren eigenen warmen, zog ihr die Schuhe aus und wickelte sie in eine weiche Wolldecke. Dabei plauderte sie ruhig von alltäglichen Kleinigkeiten und ließ sich von Frau Sonnleitner einige Dinge nennen, die ihr ins Krankenhaus gebracht werden sollten. »Ich kümmere mich darum, dass Ihr Mann die Liste bekommt«, versprach sie.

»Mei, woran Sie alles denken! Bei mir ist grad alles konfus im Kopf«, sagte Frau Sonnleitner. »Da tut es gut, wenn sich mal ein anderer kümmert.«

»Dafür sind wir da«, antwortete Caro schlicht.

»Ich musste doch so lang warten, bis die Agentur einen Ersatz für unseren Koch schickt, der fällt wegen seines Bandscheibenvorfalls aus. Jetzt kommt einer aus München, Felix Messner heißt er. Der hat in großen Häusern gearbeitet und sehr gute Zeugnisse, er wird es hoffentlich richten.«

»Felix Messner?« Caro horchte auf. »Der Koch Felix Messner aus München?« Ein kleines, sehr privates Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Ja, der wird’s bestimmt richten!«

»Ach, kennen Sie ihn?«

»Ja. Die Küche Ihres Sonnenhofs ist bei ihm in guten Händen!«

»Dann werde ich wohl darauf vertrauen müssen«, seufzte die geplagte Hotelbesitzerin.

Caro drückte ihr noch einmal beruhigend die Hand und begleitete die Frau zum Krankenwagen hinaus, der inzwischen eingetroffen war. »Alles Gute, Frau Sonnleitner! Wir hören von einander.«

Nachdem Doktor Seefeld seine Patientin an die Kollegen übergeben hatte, sagte er zu seiner neuen Mitarbeiterin: »Ich hoffe, ich habe Frau Sonnleitner mit meinen klaren Worten nicht zu sehr erschreckt. Alle Vorgespräche hatten nichts bewirkt, da musste ich es so versuchen.«

»Sie hat’s schon richtig verstanden, und ihr langes Zögern tut ihr leid, das soll ich Ihnen extra ausrichten. Frau Sonnleitner wollte nur noch die Nachricht­ der Agentur abwarten, die den Ersatzmann für ihren Koch schickt.«

Sebastian Seefeld seufzte. »Und diese Nachricht konnte natürlich nur die Chefin persönlich entgegen nehmen?«

Caro lächelte leicht. »Manche Dinge tut man eben am liebsten selbst.«

»Es tut mir leid, dass Ihr Anfang hier ein wenig turbulent ausfiel, Caroline«, sagte Doktor Seefeld.

»Das ist völlig in Ordnung, und bitte nennen Sie mich Caro«, antwortete die junge Frau.

»Sie waren professionell und einfühlsam, Ihr Einstand hat mir gefallen, Caro«, sagte der Landdoktor anerkennend. Dann griff er nach der nächsten Patientendatei und bat Herrn Draxler hinüber ins Sprechzimmer.

Die junge Frau setzte sich neben ihre ältere Kollegin Gerti. »Was möchten Sie, dass ich jetzt erledige?«, fragte sie diplomatisch.

»Gehen wir die Liste mit den Hausbesuchen durch, zu denen Sie den Doktor heute begleiten.«

*

Zu einem der schönsten Gebäude Bergmoosbachs gehörte das sogenannte Kapitänshaus. Es war ein weißer Fachwerkbau auf einem Sockel aus Feldsteinen, hatte ein Dach aus grauen Schieferplatten, grüne Fensterläden und Türen und war von einem schönen Staudengarten umgeben. Im ersten Stock gab es einen umlaufenden Balkon aus dunklem Holz, in dessen Kästen eine Vielzahl an Blumen wuchs, und alle diese Blumen leuchteten weiß: Geranien, Sommerjasmin, Männertreu, duftende Nelken, zierliche Rosensorten und Schleierkraut.

Besitzerin dieses Hauses war die kinderlose Witwe Magdalena Albers, ein echtes Bergmoosbacher Original. Um diese sehr alte Frau rankten sich unzählige Geschichten: um ihren großen Reichtum, ihren eigenwilligen Lebensstil, ihr Kräuterwissen, ihre skandalöse Liebesgeschichte und Ehe mit Kapitän zur See Heinrich Albers, dem 'Fremden' aus Norddeutschland.

Caro war mit diesen Geschichten aufgewachsen und kannte auch das Haus gut, in dessen Einfahrt sie jetzt mit dem Landdoktor stand. Doktor Seefeld hatte die junge Frau über das Herzklappenleiden seiner eigenwilligen Patientin informiert. Magdalena Albers verweigerte eine Operation, und es war abzusehen, dass sie nur noch eine kleine Spanne Lebenszeit vor sich hatte. Besorgt fragte Caro sich, in welchem Zustand sie die alte Dame antreffen würden.

Nach dem Läuten war eine gewisse Zeit vergangen, und sie wollten schon ein zweites Mal an dem altmodischen Glockenstrang ziehen, als die Tür schwungvoll geöffnet wurde und die beiden Besucher einem jungen Mann gegenüber standen.

»Caro!«

»Felix!«

Doktor Seefeld musterte den jungen Mann überrascht, der seine Sprechstundenhilfe umarmt und auf die Wange geküsst hatte. Felix war groß und schlank, mit blonden Haaren und blauen Augen, und er hatte eine freundliche und sehr sympathische Ausstrahlung.

»Grüß Gott, Herr Doktor! Ich bin Felix Messner, der Großneffe von Frau Albers«, stellte der junge Mann sich vor. »Bitte, kommen Sie herein.«

»Wir, ähm, wir kennen uns aus München«, fügte Caro erklärend hinzu.

Er führte sie in eine große Stube, die übervoll mit antiken Möbeln und Krimskrams war. In einem bequemen Korbsessel bei den geöffneten Terrassentüren saß Magdalena Albers. Auch im hohen Alter Mitte der Neunzig war sie noch eine imposante Erscheinung mit blitzenden dunklen Augen und ihrem rot gefärbtem Haar, das zu einer Flechtfrisur aufgesteckt war. Sie trug ein lavendelfarbiges Dirndl, dazu eine Jeansjacke und ein Brillantcollier, das durchaus echt aussah. Neben ihr turnte ein farbenprächtiger Papagei auf seiner Sitzstange herum, der »Doktor! Doktor!« krächzte, als er den Landarzt bemerkte.

»Guten Abend, Frau Albers, und guten Abend, Kondor!«, grüßte Sebastian Seefeld höflich. »Frau Albers, wie geht es Ihnen heute?«

Anstatt zu antworten, schaute die alte Dame Doktor Seefelds Begleitung scharf an. »Blaue Haarsträhnen, freche Kleidung, ein Tattoo und freundliche Augen. Madl, du passt hier her!«

»Ähm, danke, ich bin übrigens Caroline«, stotterte die junge Frau überrascht.

»Weiß ich doch! Du bist die Böttcher Caro, die früher meinen Kondor mit Erdnüssen vollgestopft hat«, sagte die alte Dame nicht unfreundlich.

»Hört, hört! Davon hast du mir gar nichts erzählt«, schmunzelte Felix.

»Du ja auch nichts von deiner Großtante«, konterte Caro. Sie griff nach den Unterlagen in ihrer Mappe und setzte einen höchst professionellen Gesichtsausdruck auf. Ihr Chef sollte nicht von ihr glauben, dass das jetzt zu einem privaten Besuch wurde!

Sie überprüften Puls, Herzschlag und Atmung ihrer Patientin, und Doktor Seefeld stellte ein neues Rezept aus. »Sie haben jemanden hier, der Ihnen die Tabletten besorgt? Sonst sage ich in der Apotheke Bescheid, und sie werden Ihnen geschickt.«

»Mei, die paar Meter schaffe ich wohl noch allein!«, antwortete Magdalena stolz.

»Ist schon recht, Frau Albers, nur aufpassen, dass Sie sich nicht überanstrengen!«, mahnte Sebastian Seefeld geduldig.

Felix hatte sich zu Beginn der Untersuchung in die Küche zurückgezogen. Jetzt kam er mit einem großen Tablett, auf dem er eine Brotzeit angerichtet hatte, zurück. »Möchten Sie mit uns eine Kleinigkeit essen?«, bot er freundlich an.

Die Wurst- und Käsebrote mit ihren Beilagen waren sehr verlockend angerichtet, aber der Arzt lehnte dankend an. Auf ihn warteten noch andere Patienten, und er wollte nicht zu spät zu Hause sein. »Wie ist es mit Ihnen, Caro? Ihr erster Arbeitstag war lang genug. Wenn Sie möchten, können sie gern hierbleiben, ich kann die Runde auch allein abfahren«, bot er freundlich an.

»Danke, nein!«, lehnte Caro bestimmt ab. »Die Hausbesuche gehören mit zu meiner Arbeit, und ich höre erst auf, wenn wir die Runde beendet haben. Danach kann ich ja wiederkommen, wenn du dann noch hier bist, Felix.«

»Für die Zeit, in der ich im Sonnenhof arbeitete, wohne ich hier«, erklärte Felix und fügte leise hinzu: »So habe ich auch mehr Zeit, mich um meine Großtante zu kümmern. Ich glaube, dass es gut für sie ist, sie hat in den letzten Wochen stark abgebaut.«

Doktor Seefeld nickte ernst. »Es ist gut, dass Sie hier sind.«

Plötzlich stand Magdalena neben ihnen, sie hatten ihre Schritte in den weichen Hausschuhen nicht gehört. Kondor balancierte auf ihrer Schulter und knabberte zärtlich an ihren aufgesteckten Flechten. Ihr Gesichtsausdruck wirkte seltsam weggetreten, so als konzentriere sie sich auf etwas, das die anderen nicht sehen oder hören konnten. Dabei starrte sie Caro unverwandt an. »Die falsche Unschuld! Hüte dich vor der Macht der Sanften!«, murmelte sie.

Verunsichert wich die junge Frau einen Schritt zurück. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, dass Magdalena das Zweite Gesicht habe. Hatte sie eben eine Warnung ausgesprochen, oder waren es Anzeichen von Demenz?

Dann schien die alte Dame aus ihrer Trance zu erwachen. Sie schaute in die Runde, bedankte sich höflich bei dem Arzt für seinen Besuch und verabschiedete sich. Mit vorsichtigen Schritten stieg sie über die Eingangsstufen in ihren Garten hinunter, um ihren Abendspaziergang zu machen. »Doktor! Doktor! Ade, ade!«, krächzte Kondor, dann schmiegte er seinen Kopf gegen die Wange der alten Frau. »Liebling, Liebling.« Es klang fast wie ein Lied.

»Ähm, ja, so ist das nun«, sagte Felix. Er legte kurz den Arm um Caros Schultern. »Ich hoffe, meine Großtante hat dich nicht erschreckt?«

»Dazu gehört schon mehr!«, antwortete die junge Frau. »Wir sehen uns nachher hier?«

»Ja, gerne, ich freu mich drauf.«

Es waren noch drei Hausbesuche zu machen, danach fuhren der Arzt und die sehr schweigsame Praxishelferin wieder in den Ort zurück. »Glauben Sie an das Zweite Gesicht?«, fragte Caro plötzlich.

Doktor Seefeld überlegte. »Ich weiß es nicht«, antwortete er ehrlich. »Ich glaube nicht daran, dass man grundsätzlich die Zukunft vorhersagen kann. Aber es gibt so vieles zwischen Himmel und Erde, was wir nicht erklären können; vielleicht gibt es Menschen, die einfach mehr wahrnehmen als andere?«

»So wie Magdalena Albers?«

»Wer weiß?« Der Landdoktor fuhr schweigend auf die Zufahrt zum Kapitänshaus und ließ dort die junge Frau aussteigen. »Sie haben sich gut gemacht an ihrem ersten Tag, Caro! Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend. Bis morgen!«

»Bis morgen, Doktor Seefeld, und gute Nacht!«

*

Magdalena hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen und lag bereits im Bett. Ihr Blick war auf die großen Fenster gerichtet, die sich zum Garten öffneten. Die alte Dame lauschte dem friedlichen Auf und Ab der beiden Stimmen, die leise zu ihr hereinklangen. Felix hatte Besuch von dieser freundlichen Sprechstundenhilfe, dieser Caro. Magdalena lächelte in sich hinein. »Kondor«, murmelte sie zufrieden, »ich wette, diese beiden sind mehr als nur eine nette Bekanntschaft aus Münchner Zeiten.«

»Liebling, Liebling«, schnarrte der Papagei, der auf dem Kopfteil ihres Bettes thronte.

»Du sagst es!« Magdalena schloss die Augen und überließ sich ihren Träumen, in denen sie in wunderbarer Weise ihr Leben mit ihren geliebten Heinrich weiterlebte.

Vom Garten des Kapitänshauses hatte man einen herrlichen Ausblick auf die majestätischen Alpen, die sich blau im Dunst des Sommerabends erhoben. Schwalben flogen ihre eleganten Flugbahnen und erfüllten die Luft mit ihren hellen Rufen. Es duftete nach sommerwarmer Erde und dem Geißblatt, das die Veranda des alten Hauses umrankte.

»Schön ist es hier«, sagte Caro. Sie saß in einem bequemen Korbstuhl, hatte die Sandalen ausgezogen und ihre Füße auf einen anderen Stuhl gelegt.