Der neue Landdoktor 14 – Arztroman - Tessa Hofreiter - E-Book

Der neue Landdoktor 14 – Arztroman E-Book

Tessa Hofreiter

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Beschreibung

"Der neue Landdoktor" zeichnet sich gegenüber dem Vorgänger durch ein völlig neues Konzept aus. Es wird noch größerer Wert auf Romantik, Spannung und sich weiterdichtende, zum Leben erwachende Romanfiguren, Charaktere und Typen gelegt. Eines darf verraten werden: Betörend schöne Frauen machen dem attraktiven Landdoktor schon bald den Hof. Und eine wirkliche Romanze beginnt... "Na, Bub, wohin schaust denn so ­gedankenverloren?", sagte Traudel Bruckner liebevoll zu dem Mann, der mit seinem Kaffeebecher in der Hand am Fenster stand. Die hübsche, rundliche Frau mit den warmen braunen Augen war die langjährige Haushälterin, die gute Seele des Doktorhauses. Sie war der einzige Mensch auf der Welt, der den jungen Landdoktor Sebastian Seefeld noch mit diesem Wort ansprechen durfte. Sebastian wandte sich zu ihr um und lächelte. Er war groß und schlank, hatte markante Gesichtszüge mit leuchtenden, grauen Augen und volles, dunkles Haar. Sein Lächeln war sensationell und unterstrich die ungekünstelte Freundlichkeit, die er ausstrahlte. "Mit fiel gerade auf, dass ich in den letzten Tagen etliche Kinder mit ihren Müttern gesehen habe, die Ranzen gekauft hatten und sie so unübersehbar stolz nach Hause trugen. In wenigen Tagen werden die Erstklässler eingeschult, und das hat mich daran erinnert, wie Emilia ihren ersten Schultag erlebt hat."

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Der neue Landdoktor –14–

Nicht gut genug?

Doch Valentin will keine andere als Mimi

Roman von Tessa Hofreiter

»Na, Bub, wohin schaust denn so ­gedankenverloren?«, sagte Traudel Bruckner liebevoll zu dem Mann, der mit seinem Kaffeebecher in der Hand am Fenster stand. Die hübsche, rundliche Frau mit den warmen braunen Augen war die langjährige Haushälterin, die gute Seele des Doktorhauses. Sie war der einzige Mensch auf der Welt, der den jungen Landdoktor Sebastian Seefeld noch mit diesem Wort ansprechen durfte.

Sebastian wandte sich zu ihr um und lächelte. Er war groß und schlank, hatte markante Gesichtszüge mit leuchtenden, grauen Augen und volles, dunkles Haar. Sein Lächeln war sensationell und unterstrich die ungekünstelte Freundlichkeit, die er ausstrahlte.

»Mit fiel gerade auf, dass ich in den letzten Tagen etliche Kinder mit ihren Müttern gesehen habe, die Ranzen gekauft hatten und sie so unübersehbar stolz nach Hause trugen. In wenigen Tagen werden die Erstklässler eingeschult, und das hat mich daran erinnert, wie Emilia ihren ersten Schultag erlebt hat.«

Wie aufs Stichwort wurde die Tür aufgerissen, und Emilia rauschte herein, seine vierzehnjährige Tochter. Es war Schulbeginn nach den Sommerferien, und die junge Dame hatte es offensichtlich eilig. Sie hatte die kleine morgendliche Runde mit Nolan, dem verspielten jungen Familienhund, gedreht und griff jetzt nach ihrem Schulrucksack.

»Hallo? Ist etwas? Weshalb schaut ihr mich denn so an?«, fragte sie.

»Wir haben eben vom Tag deiner Einschulung gesprochen«, antwortete ihr Vater versonnen. »Du hattest ein dunkelblaues Kleid mit weißen Streifen an und wolltest unbedingt, dass Mama dir eine weiße Schleife ins Haar binden sollte.«

»Echt jetzt? Daran kann ich mich gar nicht erinnern, ich kenne Kleid und Schleife nur von den Fotos.« Heute trug Emilia schmale Jeans und ein weich fallendes Top, dessen zartes Türkis ihre natürliche Bräune und die sonnengebleichten Strähnen in den brünetten Haaren betonte. »Aber an meine Schultüte kann ich mich erinnern. Das war so cool, dass Opa und Traudel eine aus Deutschland mitgebracht hatten, als sie uns besuchten! In Toronto kennt man diesen Brauch ja nicht. Meine Freunde fanden das genauso toll wie ich, und wir haben alles zusammen aufgefuttert.«

Emilia war in Kanada geboren und aufgewachsen. Erst der tragische Tod ihrer Mutter hatte dazu geführt, dass sie und ihr Vater in dessen Heimat ins Allgäu zurückkehrten.

»Jetzt muss ich aber los, sonst komme ich gleich am ersten Tag zu spät. Servus, ihr Lieben!« Sie winkte ihnen zu und verschwand nach draußen, wo bereits ihr Freund Markus bei den Fahrrädern wartete.

»Unsere Große …«, sagte Traudel zärtlich.

»Genau dasselbe werden wohl viele Eltern von ihren Kindern sagen, wenn sie am Samstag zur Einschulung losziehen«, schmunzelte Sebastian. Er stellte seinen Kaffeebecher in die Spülmaschine. »Dann werde ich jetzt nach drüben in die Praxis gehen. Ich wünsch dir einen schönen Tag, Traudel. Liegt irgendetwas Besonderes an?«

»Nur Alltägliches und dazwischen ein Friseurtermin. Ich freue mich, dass wir jetzt wieder eine Friseurin hier in Bergmoosbach haben und nicht jedes Mal in die Kreisstadt fahren müssen.«

Sebastian nickte zustimmend, stibitzte ein paar Erdbeeren aus der großen Schale auf dem Küchentisch und ging gut gelaunt hinüber in seine Praxisräume, die in einem hübschen Anbau untergebracht waren. Er begrüßte seine beiden Helferinnen, die ihn im Praxisalltag unterstützten.

Gertrud Fechner war schon die rechte Hand seines Vaters gewesen und arbeitete seit vielen Jahren in der Praxis Seefeld. Caroline Böttcher, genannt Caro, war die junge Nachwuchskraft, welche das Team ergänzte.

Der junge Landdoktor zog einen frischen, von Stärke raschelnden weißen Kittel über, ließ sich von Caro die erste Patientenakte reichen und sagte freundlich: »Guten Morgen, Frau Brunner. Bitte kommen Sie doch herein.« Er hielt einladend die Tür zu seinem Sprechzimmer geöffnet und ließ Frau Renata Brunner eintreten.

»Guten Morgen, Herr Doktor!«, antwortete die ältere Frau in einem Tonfall, der irgendwo zwischen Strenge und Wehleidigkeit lag. »Obwohl es für mich wahrlich kein guter Morgen ist!«

Sebastian Seefeld kannte diese Patientin sehr gut und er wusste, dass sie schwierig und anstrengend war. Diagnostizierte er eine leichte Rötung der Magenschleimhaut, wurde es in ihren Augen zu einem hochgradig gefährlichem Magengeschwür, Husten verwandelte sich in ihren Erzählungen zu einer heftigen Lungenentzündung, und bei einer Nagelbettentzündung drohte die Amputation des ganzen Fingers.

»Frau Brunner, was führt Sie zu mir?«, fragte der junge Landdoktor mit professioneller Gelassenheit und Freundlichkeit.

»Es ist dieses unangenehme Gefühl auf der Kopfhaut, Herr Doktor. Sie fühlt sich trocken und wie gespannt an und irritiert mich. Ich habe den Wunsch, mich andauernd zu, ähm, kratzen.« Ihr stechender Blick bohrte sich in Sebastian Seefelds Gesicht. »Und falls Sie das jetzt denken sollten: Ich habe keine Läuse, Herr Doktor!«

»Das denke ich keineswegs, Frau Brunner«, antwortete der Arzt ruhig. »Eine trockene Kopfhaut kann viele Ursachen haben, und ich glaube Ihnen, dass es sich unangenehm anfühlt. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.«

Während die Frau stocksteif auf der Untersuchungsliege saß, untersuchte der Landdoktor die Kopfhaut sehr genau. Sie war in der Tat trocken und wirkte gespannt. »Das ist nichts Ernstes, nur eine vorübergehende Reizung, Frau Brunner«, informierte er seine Patientin. »Sie sollten ein mildes Shampoo benutzen und danach ein gutes, ölhaltiges Haarwasser einmassieren, das entspannt die Kopfhaut. Wenn es nicht besser wird, sollten Sie überlegen, ob Sie in Zukunft darauf verzichten, die Haare zu färben, oder zumindest auf ein anderes, weniger aggressives Mittel zurückgreifen.«

»Ich färbe meine Haare nicht, das ist alles Natur!«, kam prompt die gereizte Antwort.

Sebastian Seefeld schaute auf den feinen, grauen Haaransatz und unterdrückte einen Seufzer. »Frau Brunner, Sie färben Ihre Haare und Sie wissen, dass ich es sehen kann! Daraus müssen Sie kein Geheimnis machen. Unterstützen Sie Ihre Kopfhaut und warten Sie ab, wie es sich dann anfühlt.«

»Und welches Medikament werden Sie mir verschreiben?«

»Haarwasser ist kein Medikament und wird nicht von der Krankenkasse übernommen. Lassen Sie sich von Ihrer Friseurin oder in der Drogerie beraten, benutzen es nach Anweisung und Sie werden sehen, dass sich Ihre Kopfhaut entspannt.«

Ungläubig schaute die Frau ihn an. »Das ist alles? Und in welchen Zeitabständen soll ich wiederkommen, damit Sie es überprüfen können?«

»Regelmäßige Kontrollen sind in diesem Fall unnötig«, antwortete Sebastian Seefeld, immer noch freundlich, aber mit einem warnenden Unterton in der Stimme. Sein Wartezimmer war voller Patienten, die tatsächlich krank waren! »Sie müssen nur kommen, wenn sich die Beschwerden verschlimmern, und davon gehe ich nicht aus. Servus, Frau Brunner!« Er drückte ihre Hand und öffnete demonstrativ sperrangelweit die Tür.

»Servus, Herr Doktor!«, sagte sie und stolzierte sichtlich unzufrieden an ihm vorbei. In der Anmeldung blieb sie am Tresen stehen und schaute Gerti anklagend an. »Unsensibel ist er, euer Doktor!«

»Das ist mir neu!«, antwortete Gerti trocken. »Brauchst du einen neuen Termin, Renata?«

»Das wird sich noch zeigen!«, sagte die Frau kämpferisch und rauschte aus der Praxis.

Caro und Gerti wechselten wortlos einen Blick, und beide Frauen dachten dasselbe: wie war es nur möglich, dass eine so anstrengende und unangenehme Frau einen so sympathischen Sohn hatte wie den allseits beliebten Grundschullehrer Valentin Brunner?

*

Die Grundschule von Bergmoosbach war ein schlichtes, weißes Gebäude inmitten eines großen Areals mit blühenden Sträuchern, einem Rasenplatz und Spielgeräten zum Toben. Umgeben war der Platz von alten Kastanien. Direkt nebenan befanden sich der Kindergarten und in einigem Abstand die schöne Barockkirche des Ortes.

Am heutigen Samstag wimmelte der Schulhof von aufgeregten Erstklässlern, nicht minder aufgeregten Eltern, Geschwistern und Großeltern. Es war herrliches Sommerwetter, und der Schulleiter Valentin Brunner hatte beschlossen, die bunte Einschulungsfeier ins Freie zu verlegen. Er stand unter dem größten der Kastanienbäume, welche den Mittelpunkt des Schulhofs bildete, und hielt eine kurze Ansprache. Danach führten die größeren Kinder der zweiten Klasse ein kurzes Singspiel auf, und dann begann der sogenannte Ernst des Lebens: die Kleinen verabschiedeten sich von ihren Eltern und marschierten in ihre Klassenräume. Dabei rollte vielleicht das eine oder andere Tränchen, aber insgesamt überwog die freudige Erwartung.

Auch Mimi Seiler, Bergmoosbachs neue Friseurin, stand bei den wartenden Eltern. Sie gab dem kleinen Mädchen, das noch fest ihre Hand umklammert hielt, einen Kuss und sagte munter: »Und los, Pauline, jetzt gehörst du zu den Großen! Ich wünsch dir viel Spaß beim Kennenlernen deiner Klasse.«

Pauline nickte aufgeregt. »Und du bist bestimmt hier, wenn wir wieder rauskommen?«

»Ganz bestimmt, Pauli!«

Das Mädchen und ihre beste Freundin Charlotte nahmen sich fest an die Hände und marschierten gemeinsam los, hinein in den nächsten Abschnitt ihres jungen Lebens.

Die meisten Eltern standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich, einige machten noch rasch eine kleine Besorgung, ehe sie ihre Kinder wieder abholen würden.

Mimi schlenderte ziellos über den Schulhof, schnupperte den Duft der Heckenrosen, probierte das Klettergerüst aus und setzte sich schließlich auf eine der Schaukeln.

Mimi war eine junge Frau, die wegen ihres zarten Gesichtes und der zierlichen Figur mädchenhaft wirkte. Sie hatte weißblonde, lockige Haare, die ihre Gesichtszüge wie ein feines Gespinst aus Licht umgaben. Ihre Augen waren blau wie der Sommerhimmel, und sie trug ein kurzes Kleid aus fließendem, perlgrauem Stoff mit einem Muster aus weißen Wildrosen. Ihre leichten Sandaletten hatte sie abgestreift, und sie ließ ihre nackten Füße durch das weiche Gras streifen, während sie sachte vor und zurück schaukelte. Sie wusste es nicht, aber ihre helle Erscheinung und ihre silbrig-blonden Haare schienen das Sonnenlicht widerzuspiegeln.

Und sie wusste auch nicht, dass in einem Klassenzimmer im ersten Stock ein Mann zufällig einen Blick aus dem Fenster warf und den Atem anhielt. Valentin Brunner war ein intelligenter, besonnener Mann, der nicht an Märchen glaubte. Es gab keine Elfen, Feen oder Kobolde –, dennoch saß plötzlich eine seltsame Mischung aus all diesen Märchenwesen unten im Schulhof und schaukelte. Und jeder Sonnenstrahl, der mit ihren Kringellocken spielte, schoss geradewegs in sein Herz und verursachte dort zitternden Aufruhr.

»Du-u? Herr Brunner?« Ein Chor aus fragenden Kinderstimmen riss den Lehrer aus seiner Verzückung und wieder zurück in den Klassenraum. »Wann dürfen wir denn endlich unsere Schultüten haben?«

Achtzehn erwartungsvolle Augenpaare wanderten zwischen ihm und den achtzehn bunten Schultüten hin und her, die mit Namenzetteln versehen hinten im Klassenraum lagen. »Wie? Ähm, ja, natürlich, eure Schultüten.« Er schüttelte über sich selbst den Kopf und ging zu dem Tisch im Hintergrund. »Ich wünsche euch ganz viel Freude damit! Also, fangen wir jetzt mit Stefan Aberle an; hier ist deine Schultüte, Marie Andechser; hier die von Sophia Beierle und hier …« Der Lehrer hatte sich wieder gefangen und rief in alphabetischer Reihenfolge seine Schüler zu sich.

Er war durch und durch der Lehrer und Schulleiter, wie ihn alle kannten; aufmerksam, freundlich und zuverlässig. Während seine Erstklässler ihn lärmend umschwirrten, behielt er unauffällig die Zügel in der Hand und sorgte für Ordnung im fröhlichen Chaos. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass ihn wie ein Blitzschlag die Liebe auf den ersten Blick getroffen hatte, und dass sein einziger, flehentlicher Gedanke war: Bitte, lass es nicht die Mutter einer meiner Schüler sein!

Die Schulglocke ertönte, und die Erstklässler explodierten in einem lärmenden Pulk nach draußen. Es wurde geküsst, gratuliert und endlos fotografiert. Die beiden Lehrerinnen und Valentin unterhielten sich mit den Eltern, gaben bereitwillig zum zwanzigsten Mal dieselbe Auskunft und verteilten die unvermeidlichen Zettel mit der Einladung zum ersten Elternabend.

Aus dem Augenwinkel hatte Valentin beobachtet, wie eine Schülerin seiner Klasse, die kleine Pauline Meister, auf die barfüßige Frau zugerannt war und sich in ihre Arme geworfen hatte. Valentin fühlte sich, als habe man einen Kübel Eiswasser über ihm ausgegossen. Sie war die Mutter einer seiner Schülerinnen! Automatisch beteiligte er sich an den Gesprächen, aber seine Gedanken waren ganz woanders. Und nun kam diese junge Frau, Hand in Hand mit ihrer Tochter, auch noch auf ihn zu!

»Herr Brunner? Ich wollte mich verabschieden und Ihnen dafür danken, wie schön Sie und Ihre Kolleginnen den ersten Tag für die Kinder gestaltet haben. Pauline ist ganz begeistert.«

»Das ist nett, Frau Meister, vielen Dank!«, antwortete er.

Die junge Frau stutzte kurz, dann lachte sie leise auf. »Oh, das ist ein Missverständnis. Ich bin nicht Paulines Mutter, und ich heiße nicht Meister. Mein Name ist Mimi Seiler.«

»Sie – sind nicht Paulines Mutter?« Valentin fühlte sich ein bisschen verrückt und so, als hätte er noch nie etwas Schöneres gehört.

»Nein, Frau Meister ist meine Cousine. Und ausgerechnet heute hat Paulis kleine Schwester es sich in den Kopf gesetzt, auf die Welt zu kommen! Deshalb konnten die Eltern nicht hier sein, und ich als Patentante bin mitgekommen.«

Valentin lächelte seine kleine Schülerin an. »Dann ist heute ja ein ganz besonders großer Tag für dich, Pauline.«

»Ja!« Das Mädchen hüpfte von einem Bein aufs andere. »Und Mimi hat mir versprochen, dass wir jetzt ins Spielwarengeschäft gehen und ich etwas für meine Schwester aussuchen darf, und dann gehen wir Spaghetti essen und dann Eis und wenn das Baby immer noch nicht da ist, dann darf ich bei Mimi übernachten, und wir malen uns die Fußnägel an.«

»Was für ein toller Tag!«, antwortete Valentin, und jedes seiner Worte kam aus tiefstem Herzen. »Ähm, darf ich heute Abend anrufen und mich erkundigen, ob das Baby inzwischen auf der Welt ist?«, hörte er sich zu seinem eigenen Erstaunen plötzlich fragen.

»Natürlich, ich freue mich!« Mimi schaute ihn an und bemerkte plötzlich, dass ihr Herz ein paar ganz eigenartige Sprünge einlegte. Lag es an seinem Lächeln? An den warmherzigen, dunklen Augen? Der guten Figur, den dunklen Haaren und dem gepflegten Bart, der seine Wangen bedeckte? War es seine tiefe Stimme? »Ich freue mich wirklich«, wiederholte sie leise, ohne den Blick von seinen Augen abzuwenden.

»Mimi, Pauline, kommt ihr? Wir wollen jetzt los«, rief Charlottes Mutter vom Schultor herüber.

Die junge Frau winkte der befreundeten Familie zu und streckte Valentin eine schmale Hand entgegen, über deren Gelenk feine Silber- und Perlenbänder rieselten. Ihr Händedruck war fest und warm. »Also dann, Herr Brunner, bis heute Abend. Sie rufen an?«

»Mit Sicherheit!«, antwortete Valentin.

Sie ging über den Rasen davon und hielt ihre Schuhe immer noch in der Hand. Ihre Fesseln waren ebenso zart wie das Handgelenk, das ihn eben gestreift hatte.

Valentin Brunner kehrte ins Schulgebäude zurück, erledigte seine restlichen Aufgaben, verabschiedete sich mit einem freundlichen Gruß vom Hausmeister und schlenderte über den verlassenen Schulhof. Ein Blick auf die Kirchturmuhr sagte ihm, dass es jetzt erst kurz vor zwölf Uhr mittags war. Womit, um alles in der Welt, sollte er bloß den Tag verbringen, bis es Abend war und er bei Mimi anrufen konnte?!

*

Der restliche Tag wurde zu einer harten Geduldsprobe für den jungen Mann. Er kümmerte sich um ein Schreiben an das Kultusministerium, erledigte den Wochenendeinkauf, putzte seine Wohnung, mähte den Rasen, und danach war es immer noch erst kurz vor sechzehn Uhr.

Valentin stieg in seine Sportklamotten und begann zu joggen. Er folgte dem Bachlauf, der sich in den Sternwolkensee ergoss, weiter einem kleinen Weg ortsauswärts, der zwischen Viehweiden hinauf zum Mittner-Hof führte, und lief dann weiter hinaus zum Ebereschenhof. Dort bewohnte sein Freund Til zur Zeit eine Ferienwohnung.

Til Tilsner war ein bekannter Krimischriftsteller, der seit kurzem in Bergmoosbach wohnte, an einem neuen Buch schrieb und von Doktor Seefeld wegen einer Autoimmunerkrankung behandelt wurde. Die Männer waren sich bei einer Einladung begegnet, und zwischen ihnen entwickelte sich eine aufrichtige Freundschaft.

Der Autor hatte seinen Laptop mit hinaus in den Garten genommen und schrieb. Valentin winkte über den Zaun und fragte rücksichtsvoll: »Hallo, Til, störe ich dich jetzt?«

Der andere Mann klappte den Laptop zu und seufzte zufrieden. »Überhaupt nicht! Mir fällt im Augenblick nichts mehr ein, und nun habe ich eine gute Entschuldigung, eine Pause einzulegen.« Er lehnte sich entspannt zurück und bot seinem Freund eine der Wasserflaschen an, die auf dem Tisch standen.

Valentin ließ sich ins Gras fallen, und die beiden Freunde unterhielten sich über unterschiedliche Themen, begonnen bei der Heumahd über Schulpolitik bis hin zu einer Gemäldeausstellung, die vor kurzem im restaurierten Kuppelsaal der Bergmoosbacher Burgruine stattgefunden hatte. Normalerweise war Valentin an allen diesen Themen interessiert, aber heute kreisten seine Gedanken um etwas anderes.

Til schaute seinen Freund von der Seite an. »Sehr gesprächig bist du heute nicht. Liegt dir irgendetwas auf der Seele?«

Valentin spielte am Verschluss der Wasserflasche herum. »Nein, nicht direkt. Also nicht in dem Sinne, dass mich etwas bedrückt!«, versuchter er zu erklären. »Es ist nur …, kennst du eigentlich Mimi Seiler?«

»Die Friseurin? Die sich mit dem kleinen Laden ›Die Schere‹ selbstständig gemacht hat? Bei der bin ich schon zum Haareschneiden gewesen. Ich muss sagen, sie versteht ihr Handwerk.«

»Und wie findest du sie sonst so?«, fragte Valentin betont beiläufig.

Til grinste. »Außergewöhnlich hübsch –, aber das weißt du wohl selbst am besten.«

»Ich habe sie heute kennengelernt und ich fühle mich wie …, wie …, keine Ahnung«, stotterte Valentin herum.

»Wie schwer verliebt?«

»Wie Liebe auf den ersten Blick«, kam die ehrliche Antwort. »Und ich habe immer behauptet, dass es das nicht gibt!«

»Tja, in der Liebe geschehen die seltsamsten Dinge«, lächelte Til und boxte seinen Freund spielerisch gegen den Arm. »Und zwar in der Wirklichkeit, nicht nur in Romanen.«

»Wenn du es sagst …« Valentin schüttelte über sich selbst den Kopf. »Ich will sie heute Abend anrufen und zähle inzwischen die Minuten, bis es so weit ist.«

»Eindeutig schwer verliebt!«

»Ähm, weißt du eigentlich etwas über sie? Lebt sie allein oder ist sie gar …« Der Mann wurde blass bei dem plötzlichen Gedanken, »verheiratet?«