Der neue Landdoktor 56 – Arztroman - Tessa Hofreiter - E-Book

Der neue Landdoktor 56 – Arztroman E-Book

Tessa Hofreiter

0,0

Beschreibung

"Der neue Landdoktor" zeichnet sich gegenüber dem Vorgänger durch ein völlig neues Konzept aus. Es wird noch größerer Wert auf Romantik, Spannung und sich weiterdichtende, zum Leben erwachende Romanfiguren, Charaktere und Typen gelegt. Eines darf verraten werden: Betörend schöne Frauen machen dem attraktiven Landdoktor schon bald den Hof. Und eine wirkliche Romanze beginnt... "Wir beide haben viel Arbeit vor uns", sagte Melissa und betrachtete das in die Jahre gekommene Haus, das sich inmitten wilder Obstwiesen erhob. Ihre Großtante Agatha hatte ihr dieses Haus am Fuße der Alpen vererbt, und sie war fest entschlossen, es wieder herzurichten. Es war aus dunklem Holz erbaut, und das Dachschoss war ringsherum von einem Balkon umgeben. Die Blumenkästen hatte ihre Tante, die im letzten Sommer noch ihren 100. Geburtstag feiern durfte, im letzten Frühjahr mit roten und gelben Geranien bepflanzt. Melissa konnte sich nicht erinnern, dass Tante Agatha jemals krank gewesen war, deshalb hatte sie ihr Tod vor einigen Wochen trotz ihres hohen Alters überrascht. "Deine Tante ist friedlich eingeschlafen", hatte ihr Benedikt Seefeld versichert. Obwohl er seine Landarztpraxis in Bergmoosbach inzwischen an seinen Sohn Sebastian übergeben hatte, kümmerte er sich noch um die betagten Patienten, die sich nicht mehr an einen neuen Arzt gewöhnen wollten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 122

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Der neue Landdoktor – 56–

Du tust ihm Unrecht!

Folgt Melissa einer falschen Spur?

Tessa Hofreiter

»Wir beide haben viel Arbeit vor uns«, sagte Melissa und betrachtete das in die Jahre gekommene Haus, das sich inmitten wilder Obstwiesen erhob.

Ihre Großtante Agatha hatte ihr dieses Haus am Fuße der Alpen vererbt, und sie war fest entschlossen, es wieder herzurichten. Es war aus dunklem Holz erbaut, und das Dachschoss war ringsherum von einem Balkon umgeben. Die Blumenkästen hatte ihre Tante, die im letzten Sommer noch ihren 100. Geburtstag feiern durfte, im letzten Frühjahr mit roten und gelben Geranien bepflanzt. Melissa konnte sich nicht erinnern, dass Tante Agatha jemals krank gewesen war, deshalb hatte sie ihr Tod vor einigen Wochen trotz ihres hohen Alters überrascht.

»Deine Tante ist friedlich eingeschlafen«, hatte ihr Benedikt Seefeld versichert. Obwohl er seine Landarztpraxis in Bergmoosbach inzwischen an seinen Sohn Sebastian übergeben hatte, kümmerte er sich noch um die betagten Patienten, die sich nicht mehr an einen neuen Arzt gewöhnen wollten.

Melissa verband mit dem Haus viele schöne Kindheitserinnerungen. Vielleicht würde ihr Erspartes für die Renovierung nicht ausreichen, zumal sie die Vorschriften des Denkmalschutzes beachten musste, aber sie wollte es trotzdem unbedingt behalten. Wenn ihr das Geld ausging, dann musste die nächste Reparatur eben ein bisschen warten. Aber irgendwann würde alles so sein, wie sie es sich vorstellte. Ob sie dann ganz nach Bergmoosbach ziehen würde, um sich als Physiotherapeutin im Allgäu niederzulassen, wollte sie erst entscheiden, wenn das Haus fertig war. Bis dahin würde sie an ihren freien Tagen oder wie jetzt in ihrem Urlaub zwischen Ingolstadt und dem Allgäu pendeln.

Bevor sie sich auf den Motorrasenmäher setzte, den sie sich für das Mähen der großflächigen Wiesen gekauft hatte, drehte sie sich noch einmal langsam um sich selbst. Sie schaute auf die Berge mit ihren kahlen Gipfeln, die sich gegen den wolkenlosen blauen Himmel streckten, ließ ihren Blick hinüber nach Bergmoosbach wandern, dem verträumten Dorf mit seinen sanften Hügeln, zu dem ihr Grundstück gehörte.

Sie lächelte, als sie das vertraute Funkeln bemerkte, das sie jeden Tag beobachtete. Immer dann, wenn die Sonne auf den vergoldeten Wetterhahn auf dem Turm des Rathauses traf und das Metall zum Glitzern brachte. Das Dorf war Melissa ebenso vertraut wie Tante Agathas Haus.

Also dann werde ich mal anfangen, dachte sie. Sie stopfte ihr langes dunkles Haar unter den Strohhut, den sie als Schutz gegen die Mittagssonne aufgesetzt hatte, und stieg auf den Rasenmäher. Es war das erste Mal, dass sie so ein Gerät benutzte. Nach ein paar Minuten steuerte sie das kleine Fahrzeug aber sicher über die Wiese und freute sich über diese technische Errungenschaft, die ihr viel Mühe und Zeit ersparte. Nach einer Weile war sie mutig genug, auch dicht am abschüssigen Rand der Wiese entlangzufahren. Sie schaute auf den asphaltierten Weg, der sich von Bergmoosbach aus durch die Wiesen und Feldern schlängelte.

Die Einheimischen nutzten die schmale Straße manchmal als Abkürzung auf dem Weg nach Garmisch. Meistens waren es aber Touristen, die mit ihren Fahrrädern unterwegs waren. Sie sah auf, als sie in der Ferne das tiefe Brummen eines Motorrades wahrnahm. Für Motorradfahrer, die auf der wenig befahrenen Umgehungsstraße gern mal die Geschwindigkeitsbegrenzungen ig­norierten, war dieser Feldweg keine Herausforderung und wurde deshalb auch gemieden.

In der nächsten Woche fand allerdings ein großes Bikertreffen in Garmisch statt, vielleicht würden dann doch einige den Weg durch die Felder mit dem hochstehenden Mais wählen, um ein bisschen Natur zu schnuppern.

»O nein!«, schrie sie laut auf, als sich ein dicker Ast zwischen den Vorderrädern des Rasenmähers einklemmte und sie zur Seite Richtung Abhang drückte.

Ehe sie auf die Bremse treten konnte, sauste der Rasenmäher auf die Straße hinunter, gerade in dem Augenblick, als das Motorrad kurz vor ihrem Grundstück um eine Kurve bog. Während sie versuchte, den Rasenmäher zum Stehen zu bringen, hörte sie das Quietschen einer Bremse und das Rutschen von Reifen und schließlich einen beunruhigend lauten Knall.

Schweißgebadet vor Angst, was sie gerade angerichtet hatte, stieg sie von ihrem Rasenmäher herunter, nachdem sie ihn im Feld gegenüber ihrem Haus endlich anhalten konnte. Ein Blick genügte, um zu begreifen, was passiert war.

Eine lange Bremsspur auf dem sandigen Asphalt führte geradewegs in das Maisfeld. Mit pochendem Herzen rannte Melissa zwischen den umgeknickten Stauden in das Feld hinein. Das Motorrad lag nur wenige Meter vom Straßenrand entfernt. Den Fahrer entdeckte sie ein Stück weiter drin im Feld. Er richtete sich mühsam zum Sitzen auf und verharrte erst einmal in dieser Stellung.

»Was ist mit Ihnen? Sind Sie verletzt?«, fragte sie ihn und ging neben ihm in die Hocke.

»Ich schätze, mein Arm hat etwas abbekommen«, sagte er, als er seinen Helm abnehmen wollte, es aber sofort sein ließ, als er einen heftigen Schmerz in seinem linken Arm verspürte.

»Ich rufe erst einmal einen Arzt, dann helfe ich Ihnen, den Helm abzunehmen«, erklärte Melissa. Sie zückte ihr Handy und rief in der Praxis Seefeld an. »Melissa Kutschner, hallo, Frau Fechner. Vor meinem Haus ist ein Motorradfahrer verunglückt. Würden Sie bitte Doktor Seefeld herschicken.«

»Ist der Verunglückte bei Bewusstsein und ansprechbar?«

»Ja, er sitzt aufrecht, aber er hat Schmerzen im Arm. Ich denke, er sollte nicht einfach aufstehen, nicht nach einem solchen Sturz.«

»Nein, besser nicht. Doktor Seefeld wird gleich bei Ihnen sein.«

»Danke, Frau Fechner. Haben Sie Kopfschmerzen?«, wandte Melissa sich dem Fremden zu.

»Bitte, ich möchte nur den Helm loswerden.«

»Wir sollten damit warten, bis der Arzt hier ist.« Ihr war nicht ganz wohl dabei, ihm einfach den Helm abzunehmen. Sie hatte fünf Jahre in einer Reha-Klinik für Unfallopfer gearbeitet, bevor sie sich selbstständig gemacht hatte.

Sie wusste, dass Schmerzen durch den Schock des Unfalls manchmal nicht gleich wahrgenommen wurden und dass eine einzige falsche Bewegung genügen konnte, um ein Unglück auszulösen.

»Ich habe keine Kopfverletzung, bitte, helfen Sie mir ein bisschen«, bat er sie, während er versuchte, den Helm mit einer Hand loszuwerden, was aber nicht funktionierte.

»In Ordnung.« Irgendwie musste der Helm von seinem Kopf. Als Physiotherapeutin wusste sie zumindest, wie sie eine Verletzung der Nackenwirbel vermeiden konnte, sollte er irgendwie festsitzen. Gleich darauf konnte sie aber aufatmen, der Helm ließ sich leicht abnehmen. »Bleiben Sie bitte ruhig sitzen, bis der Arzt da ist«, bat sie den Fremden und legte den Helm zur Seite.

»Ich könnte auch versuchen, aufzustehen«, sagte er und schaute sie mit seinen hellen grünen Augen an.

»Nein, besser nicht. Darf ich?« Sie deutete auf seinen linken Arm.

»Sie kennen sich mit Verletzungen aus?«

»Ich bin Physiotherapeutin.«

»Dann werde ich mich gegen eine Untersuchung nicht sperren, Frau Kutschner.«

»Sie kennen meinen Namen?«, wunderte sie sich.

»Sie haben ihn gerade am Telefon genannt«, antwortete er und betrachtete die hübsche junge Frau in dem gelben Hosenrock und dem langärmeligen weißen T-Shirt.

»Stimmt, entschuldigen Sie, aber ich bin auch noch ziemlich durcheinander. Schließlich bin ich für diesen Unfall verantwortlich.«

»Mit einem Rasenmäher, der von der Wiese auf die Straße rast, habe ich tatsächlich nicht gerechnet.«

»Naja, gerast bin ich ja nicht gerade«, widersprach sie ihm und betastete seinen Arm.

»Für mich sah es aber so aus.«

»Tut mir echt leid, Herr….«

»Leander Arning«, stellte er sich vor und ließ sich von ihr helfen, die Lederjacke auszuziehen, die er zu Jeans und schwarzem Poloshirt trug.

»Ihr Arm ist vermutlich nur verstaucht, nicht gebrochen«, sagte sie, nachdem sie ihn untersucht hatte.

»Das hört sich doch gut an. Da ich sonst keine Schmerzen habe, ist die Sache wohl glimpflich ausgegangen.«

»Ja, sieht so aus. Und was den Rasenmäher betrifft, ich hatte die Kontrolle über dieses Ding verloren, weil es sich mit einem Ast eingelassen hatte.«

»Ich bin davon ausgegangen, dass Sie mir nicht absichtlich den Weg abgeschnitten haben.«

»Nein, sicher nicht.«

»Es war ein Unfall, Frau Kutsch­ner, quälen Sie sich nicht mit irgendwelchen Vorwürfen«, versuchte er, sie aufzumuntern, als sie schuldbewusst zu Boden schaute.

»Doch, ein bisschen werde ich das schon tun«, entgegnete sie. »Das ist sicher Doktor Seefeld«, sagte sie, als sich in diesem Moment ein Auto näherte. »Ich hole ihn.«

Sie lief zum Rand des Feldes, als sie den dunkelblauen Geländewagen sah, der auf dem Weg angehalten hatte. »Doktor Seefeld, hier sind wir!«, rief sie und winkte dem jungen Arzt, der aus dem Wagen stieg und seinen Arztkoffer vom Rücksitz nahm.

»Was genau ist passiert?«, fragte Sebastian, als er Melissa in das Feld folgte.

»Mein Rasenmäher ist auf den Weg geschossen, und Herr Arning musste ihm ausweichen«, fasste sie den Unfall zusammen.

»Welche Art Rasenmäher benutzen Sie?«, fragte Sebastian verwundert.

»Einen mit so einem Sitz. Ich bin in einen Ast gefahren und habe die Kontrolle verloren. Leander Arning, Doktor Seefeld«, machte sie die beiden Männer miteinander bekannt, als sie den Verletzten erreichten.

»Wie geht es Ihnen, Herr Arning?«, erkundigte sich Sebastian und kniete sich neben ihn auf den Boden.

»Ich habe überlebt.«

»Das ist ein guter Ausgangspunkt für mich«, entgegnete Sebastian. Für ihn war es ein gutes Zeichen, dass der Mann in dieser Situation noch Humor besaß.

»Alles in Ordnung?«, fragte Leander, nachdem Sebastian seinen Blutdruck und seinen Puls gemessen hatte, ihm mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen geleuchtet und ihn auf weitere Verletzungen hin abgetastet hatte.

»Bis auf eine Verstauchung des Arms und eine leichte Gehirnerschütterung kann ich erst einmal nichts feststellen. Sollte sich irgendetwas an Ihrem Zustand verändern, rufen Sie mich sofort an.«

»Aber ich wollte heute eigentlich noch weiter. Ich bin auf dem Weg nach Innsbruck.«

»Von einer Weiterfahrt rate ich Ihnen dringend ab. Sie sollten sich unbedingt ein paar Tage Ruhe gönnen. Viel liegen und sich auf keinen Fall anstrengen. Außerdem wäre es sicher gut, wenn Sie Ihr Motorrad erst einmal durchchecken lassen.«

»Das heißt, ich sollte mir hier ein Zimmer suchen?«

»Das sollten Sie tun.«

»Ich kümmere mich darum«, erklärte sich Melissa sofort bereit, Leander die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit abzunehmen. »Ich würde Sie in meinem Haus unterbringen, aber das steht leider komplett leer. Ganz davon abgesehen, dass es zur Zeit kein Wasser gibt. Die alten Rohre müssen ausgetauscht werden. Ich übernachte auch nicht dort.«

»Sie wohnen auf dem Mittnerhof, richtig?«, fragte Sebastian.

»Stimmt, warten Sie, die zweite Ferienwohnung dort ist heute frei geworden.

Wären Sie mit einer Ferienwohnung einverstanden?«, wollte Melissa von Leander wissen.

»Das ist mir sogar lieber als ein Hotelzimmer.« Er hoffte, dass er sich so auch eine unangenehme Begegnung ersparte. Ihm war vorhin im Dorf ein Auto aufgefallen, das möglicherweise einem Ehepaar gehörte, auf das er nur sehr ungern treffen würde.

»Haben Sie etwas gegen Kinder?«, riss Melissa ihn aus seinen Gedanken.

»Nein, überhaupt nicht. In meinem Freundeskreis gibt es viele Kinder. Ich empfinde sie als Bereicherung unseres Lebens. Warum?«

»Die Mittners haben vier Kinder. Na gut, Markus ist 16, ihn kann man nicht mehr dazu zählen, aber die Zwillinge sind erst sechs und dann gibt es noch ein Kleinkind. Irgendwie klingt das nicht nach einem ruhigen Ort«, stellte Melissa nachdenklich fest.

»Ganz so ruhig will ich es auch nicht haben. Ich denke, die Ruhe bezieht sich in erster Linie auf meine körperlichen Aktivitäten, richtig?«, wandte Leander sich an Sebastian, der ihn genau beobachtete, während sie zur Straße gingen.

»So ist es, dazu gehört aber auch, die nächsten drei Tage die Augen auszuruhen, nicht lesen oder fernsehen. Falls sie Kopfschmerzen bekommen«, sagte Sebastian und gab ihm eine Packung mit Tabletten aus seinem Arztkoffer.

»Ich werde Ihren Rat beherzigen, Doktor Seefeld«, versprach Leander dem jungen Arzt.

»Dann rufe ich Sabine Mittner an und frage sie nach der Wohnung«, sagte Melissa und rief eine Nummer aus dem Kontaktspeicher ihres Handys auf.

»Die Adresse unserer Autowerkstatt, die kennen sich dort auch mit Motorrädern aus.« Sebastian gab Leander eine Visitenkarte, die er aus dem Handschuhfach seines Wagens geholt hatte.

»Ich werde gleich dort anrufen.«

»Die Wohnung ist frei«, vermeldete Melissa, die inzwischen mit dem Mittnerhof telefoniert hatte.

»Gut, dann kläre ich mit der Werkstatt, wann sie das Motorrad abholen können.«

»Ich fahre dann wieder in die Praxis. Wie gesagt, wenn etwas ist, dann melden Sie sich. Bevor Sie wieder aufbrechen, lassen Sie sich bitte auf jeden Fall noch einmal in der Praxis sehen«, bat Sebastian Leander.

»Das mache ich, Doktor Seefeld. Vielen Dank für alles.«

»Schon in Ordnung. Ich bin froh, dass es so gut ausgegangen ist. Ich verkünde lieber gute Nachrichten, wissen Sie. Und kühlen Sie Ihren Arm. In den Kühlschränken der Ferienwohnungen liegen Eispads«, sagte Sebastian, bevor er in seinen Wagen stieg.

»Es gibt Leute in Bergmoosbach, die behaupten, dass ihnen allein der Besuch in seiner Praxis hilft, wieder gesund zu werden«, verriet Melissa Leander, während sie zusah, wie Sebastian den Wagen wendete und zurück ins Dorf fuhr.

»Ich nehme an, das betrifft vorwiegend seine Patientinnen, die gern einen Blick in seine zugegeben auffällig schönen grauen Augen riskieren möchten.«

»Das haben Sie gut erkannt.«

»Gehören Sie auch zu seinen Fans?«

»Ich finde ihn sympathisch, und vor allen Dingen ist er ein guter Arzt. Sie sollten also unbedingt auf seinen Rat hören.«

»Das tue ich doch bereits«, erklärte Leander und wählte die Nummer der Autowerkstatt. »Sie wollen in einer halben Stunde hier sein«, sagte er, nachdem er das Gespräch beendet hatte. »Ich werde meine Reisetasche holen, die muss noch irgendwo im Feld herumliegen.«

»Nein, das mache ich. Sie gehen zur Terrasse und setzen sich dort hin.«

»Wenn Sie das so wollen.«

»Doktor Seefeld hat gesagt, dass Sie sich schonen müssen. Ich habe soeben beschlossen, mich in den nächsten Tagen um Sie zu kümmern. Irgendwie muss ich meine Unaufmerksamkeit wieder gut machen.« Melissa schaute auf die Schlinge, die Sebastian um seinen Arm gelegt hatte. Aber das war nur die sichtbare Verletzung. Die Gehirnerschütterung nahm sie um einiges ernster, deshalb würde sie darauf achten, dass er sich wirklich schonte.

»Das ist nett von Ihnen, dass Sie das tun wollen, aber ich denke, ich werde allein zurechtkommen.«

»Mag sein, müssen Sie aber nicht. Bis gleich.« Melissa ließ ihn stehen, ging zurück ins Maisfeld und holte seine Reisetasche, die noch auf dem Motorrad befestigt war. Glücklicherweise war sie nicht allzu schwer.

»Ein interessantes Anwesen«, sagte Leander, der auf der verwitterten Holzbank auf der Veranda saß. »Ich nehme an, das Haus steht unter Denkmalschutz.«

»Stimmt, Sie kennen sich offensichtlich mit Häusern aus.«

»Der menschliche Bewegungsapparat ist Ihr Fachgebiet, Bauwerke sind meines.«

»Das heißt?«

»Ich bin Architekt.«

»Auch ein interessanter Beruf«, antwortete sie lächelnd. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Sie können wählen zwischen Mineralwasser und Zitronenlimonade.«

»Ich nehme ein Wasser.«

»Kommt sofort.« Sie ging ins Haus und kam gleich darauf mit zwei Gläsern Wasser wieder heraus, die sie auf den kleinen Holztisch stellte, der auf der Veranda mit den Bodendielen verschraubt war. »Verraten Sie mir, warum Sie diesen Weg genommen haben und nicht auf der Hauptstraße zur Grenze gefahren sind?«, fragte sie ihn, nachdem sie sich neben ihn auf die Bank gesetzt hatte.