Der neue Landdoktor 60 – Arztroman - Tessa Hofreiter - E-Book

Der neue Landdoktor 60 – Arztroman E-Book

Tessa Hofreiter

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Beschreibung

"Der neue Landdoktor" zeichnet sich gegenüber dem Vorgänger durch ein völlig neues Konzept aus. Es wird noch größerer Wert auf Romantik, Spannung und sich weiterdichtende, zum Leben erwachende Romanfiguren, Charaktere und Typen gelegt. Eines darf verraten werden: Betörend schöne Frauen machen dem attraktiven Landdoktor schon bald den Hof. Und eine wirkliche Romanze beginnt... Tessa Hofreiter ist in vielen Romangenres mit großem Erfolg aktiv. Einen ihrer zahlreichen Höhepunkte bildete fraglos die Serie um "Das Chateau", die sich um ein französisches Weingut dreht. Immer populärer ist in jüngster Zeit "Der neue Landdoktor" geworden, der den Nerv einer wachsenden Lesergemeinde trifft. Der Stil dieser Schriftstellerin ist unverwechselbar.

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Seitenzahl: 140

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Der neue Landdoktor – 60–

Sein ganz privater Krimi

Johann will wissen, wer ihm Böses will

Tessa Hofreiter

»Ja, sagen Sie doch einmal, Frau Doktor, weshalb tragen Sie eigentlich noch Ihren Mädchennamen, obwohl Sie nun mit unserem Förster, dem Breitner Lorenz, verheiratet sind?«, forderte die ältere Frau im dunkelgrünen Dirndl resolut.

Alle zweibeinigen Besucher im Wartezimmer der Tierarztpraxis von Doktor Friederike Wagenfurth spitzten die Ohren. Ilse Kreuzer war bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm, und die Antwort war von allgemeinem Interesse. Etliche Bewohner des malerischen Dorfs Bergmoosbach stellten sich seit Monaten genau diese Frage, aber bisher hatte sich keine Gelegenheit für diskrete Erkundigungen ergeben.

Rieke Wagenfurth, eine sehr hübsche Frau mit hellblonden Haaren und strahlend blauen Augen, blieb gelassen. Sie schaute die Hundebesitzerin freundlich an und antwortete ruhig: »Finden Sie nicht auch, dass das eine sehr persönliche Frage ist, Frau Kreuzer?« Sie hatte absolut keine Lust, ihre private Entscheidung in aller Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Gelassen nahm die Tierärztin das ausgedruckte Rezept vom Tresen der Anmeldung und reichte es der anderen Frau. »Wie Sie das Medikament zusammen mit dem Diätfutter geben sollten, haben wir ja ausgiebig besprochen. Gute Besserung für Ihren Franz-Joseph.« Sie warf einen letzten Blick auf den stark übergewichtigen Bernhardiner und wandte sich dann dem nächsten Patienten zu. »Herr Krummstroh mit Charly, bitte.«

Ein Mann Anfang Vierzig mit krausen rot-blonden Haaren und braunen Augen folgte der Tierärztin ins Sprechzimmer, seinen Beagle im Schlepptau. Charly war offensichtlich unerzogen und hatte im Wartezimmer für Unmut bei den anderen Hunden und deren Besitzern gesorgt. Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, warf der Mann der Tierärztin einen verschwörerischen Blick zu. »Gut gekontert, Frau Doktor«, sagte er. »Ihre Entscheidung, den eigenen Namen zu behalten, hat schon für einigen Gesprächsstoff gesorgt.«

Rieke lächelte, zuckte leicht mit den Schultern und sagte nichts dazu. »Herr Krummstroh, wie kann ich Ihrem Charly helfen, was führt Sie beide zu mir?«, fragte sie stattdessen höflich.

Die Tierärztin blieb immer freundlich im Umgang mit den Tierhaltern, auch wenn sie ihr manchmal nicht sehr sympathisch waren, wie zum Beispiel Stefan Krummstroh. Sie mochte ihn nicht, ohne dafür einen bestimmten Grund nennen zu können, es war einfach ein instinktives Gefühl der Abneigung.

Wie sich schnell herausstellte, litt Beagle Charly an einer Bindehautentzündung, die mit Sauberkeit und antibiotischen Augentropfen gut zu behandeln war. »Und bitte halten Sie Charly in den nächsten Tagen von anderen Hunden fern, die Ansteckungsmöglichkeiten beim Spielen und Toben sind hoch«, erinnerte sie den Besitzer, den sie als ziemlich gedankenlos kennengelernt hatte.

Der Mann verabschiedete sich und seinen Hund, und die Tierärztin holte tief Luft. Es war Zeit für eine klitzekleine Pause. Sie griff nach dem Handy und rief ihren Mann an.

»Ich wollte nur mal kurz Hallo sagen; störe ich dich bei etwas Wichtigem?«, fragte sie liebevoll.

»Ich sitze gerade am Schreibtisch und arbeite mich durch den Verwaltungskram, anstatt im Wald zu sein, wo sich ein Förster doch eigentlich die meiste Zeit aufhalten sollte«, antwortete Lorenz. »Und mal davon ganz abgesehen, du störst mich nie, mein Schatz.«

»Ich wusste, dass es schön sein würde, mit dir verheiratet zu sein«, murmelte sie zärtlich. Dann lachte sie leise auf. »Und wir wussten, dass unsere Namenswahl für Gesprächsstoff sorgen würde. Heute hat mich tatsächlich jemand in der Praxis ganz unverblümt darauf angesprochen.«

Er erwiderte ihr Lachen. »Tja, Frau Doktor, hier nimmt eine Frau halt den Namen ihres Mannes an«, neckte er sie liebevoll. »Und da du mit einem seltsamen Beispiel vorangegangen bist, macht man sich sicher auch schon darüber Gedanken, wie sich die Hebamme Anna Bergmann entscheiden wird, wenn sie irgendwann unseren geschätzten Landdoktor Sebastian Seefeld heiratet.«

»Liebling, wir tratschen«, gluckste Rieke vergnügt. Es machte Spaß, sich inmitten ihrer wichtigen Arbeit auch kurz über Belanglosigkeiten unterhalten zu können.

»Ich habe übrigens gerade einen Anruf von meinem Bruder bekommen«, erzählte Lorenz. »Er fragte an, ob es uns recht sei, wenn er zu Besuch ins Forsthaus kommt.«

»Natürlich ist es das«, antwortete Rieke erfreut, sie verstand sich sehr gut mit ihrem Schwager. »Nachdem Johann jetzt endlich mit der Ausschreibung für das Zentralgebäude der Uni durch ist, hat er eine Erholungspause dringend nötig.«

Johann Breitner, Lorenz‘ älterer Bruder, war Architekt und an einem sehr aufwändigen und komplizierten Bauvorhaben beteiligt.

»Dann sage ich ihm also, er ist jederzeit im Forsthaus willkommen«, sagte Lorenz zufrieden.

»Na klar, soll er sich hier ausruhen und nach Herzenslust faulenzen. Wenn der Bau erst richtig losgeht, wird er keinen ruhigen Augenblick mehr haben«, antwortete Rieke. »Wir besprechen alles dann heute Abend, ich muss mich jetzt um meinen nächsten Patienten kümmern. Tschüs, mein Schatz.«

Friederike Wagenfurth stammte aus Norddeutschland und hatte sich bestens im Allgäu eingelebt, nur manchmal grüßte sie noch so, wie es in ihrer alten Heimat üblich ist.

Das fand Lorenz immer besonders charmant. »Tschüs, geliebtes Nordlicht«, sagte er voller Vorfreude auf den gemeinsamen Abend.

Rieke stellte ihren Becher zurück in die kleine Teeküche, nickte ihrer Sprechstundenhilfe Amrei zu und war bereit für ihren nächsten vierbeinigen Patienten.

Inzwischen hatten Stefan Krummstroh und Charly ihr Zuhause erreicht. Es lag in einer sanften Mulde, die sich zum Sternwolkensee hin ausweitete. Dort standen einige ältere Gebäude, die von schönen, mit Bäumen bestandenen Grundstücken umgeben waren. Stefan ließ seinen Beagle allein im Garten herumstromern, während er ins Haus ging, um sich einen Kaffee zu kochen.

Er war ebenso unzufrieden und gelangweilt wie sein Hund und konnte nichts Richtiges mit seinen Urlaubstagen anfangen. Wäre doch nur die Reise nach Spanien nicht geplatzt, aber die hatte er vorschnell gebucht. Für wenige Wochen hatte es eine Frau in seinem Leben gegeben, Maja, die er auf einem Seminar kennengelernt hatte. Wie sich dann herausstellte, war Maja sehr erstaunt, als er von einer Beziehung sprach und erzählte, dass er einen gemeinsamen Urlaub in Spanien gebucht hatte. Sie sagte sehr deutlich, dass er wohl etwas missverstanden habe, und brach den Kontakt ab. Stefan reagierte zunächst empört und zutiefst gekränkt, sagte sich dann aber sehr schnell, dass diese Maja für ihn sowieso nicht die Richtige gewesen war.

Es gab eben doch nur die eine in seinem Leben, die wunderschöne Anja Urbach, seine Nachbarin. Sie war nur zu sehr in ihrem eigenen Leben gefangen, zunächst in ihrem trügerischen Glück und dann in ihrem Unglück, um seine Liebe und ihre Zusammengehörigkeit erkennen zu können. Stefan zweifelte keinen Moment daran, dass sie eines Tages aus ihrer Blindheit erwachen und sehen würde, dass er der Mann an ihrer Seite sein musste.

Aus Gewohnheit ging er, mit seinem Kaffeebecher in der Hand, bis an die Hecke, die sein Grundstück von dem der Urbachs trennte.

Das Nachbarhaus war seit fast einem Jahr unbewohnt. Licht wurde über Zeitschaltuhren an- und ausgeschaltet.

Wendelin Deggendorf, ein Mann aus dem Dorf, sah regelmäßig in Haus und Garten nach dem Rechten, damit keine Verwahrlosung entstand. Hinter dem Schutz von Hecke, Büschen und Bäumen konnte Stefan nur die Fenster sehen, die im Obergeschoss unter dem Giebel hinter einem großen hölzernen Balkon lagen.

Sein Herzschlag beschleunigte sich: Die hellen Vorhänge waren zurückgezogen, und alle Fenster standen weit offen. Das konnte nur bedeuten, dass Anja Urbach wieder zu Hause war! Sofort machte er sich auf den Weg, um sie zu begrüßen.

*

Anja Urbach war eine junge Frau Mitte Dreißig mit hellblonden Haaren und grau-blauen Augen, aus denen das frühere Leuchten verschwunden schien. Sie wirkte zu dünn und ausgezehrt, was von dem weiten Holzfällerhemd mit den aufgekrempelten Ärmeln noch unterstrichen wurde, das sie über ihren Shorts trug.

Als sie ihrem Spiegelbild im ehemaligen Schlafzimmer begegnete und sah, wie verloren sie aussah, schüttelte sie energisch den Kopf und stellte laut Musik an. Ihr Leben stand immer noch Kopf, sie war einsam und traurig, aber sie wollte sich davon nicht länger unterkriegen lassen.

Das war allerdings leichter gesagt als getan, wenn man inmitten des geliebten, halb leer geräumten Zuhauses steht, von dem man sich endgültig verabschieden muss. Als jetzt die Klingel ging, wusste Anja nicht, ob sie sich über die Ablenkung freuen oder sich verkriechen sollte. Zögernd öffnete sie die Tür.

»Anja! Wie schön, dass du wieder hier bist!«, wurde sie von ihrem Nachbarn begrüßt. Mit einem herzlichen Lächeln streckte er ihr beide Arme entgegen und zog sie behutsam an sich.

»Stefan«, murmelte Anja in seiner Umarmung und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Der Mann war immer ein guter Nachbar und Freund der Familie gewesen, die es nun nicht mehr gab. Die junge Frau versuchte, ihre Erinnerungen abzuschütteln und richtete sich auf. »Stefan, irgendwie habe ich gewusst, dass du der Erste sein wirst, der mich begrüßt.«

»Warum hast du denn nicht Bescheid gesagt, dass du kommst? Ich hätte selbstverständlich für dich eingekauft und dir Blumen besorgt«, antwortete er.

Anja gelang ein schiefes Lächeln. »Ich bin nicht krank, Stefan, nur eine verlassene Ehefrau, die ihr Haus ausräumen und verkaufen will. Komm doch herein, wenn es dich nicht stört, wie geplündert hier alles aussieht.«

»Natürlich stört mich das nicht!«, antwortete er entschieden und folgte der jungen Frau in die Küche des Hauses, in dem er so oft Gast gewesen war.

Die offene und gemütliche Küche war früher das Herzstück des alten Hauses gewesen. Jetzt fehlten etliche Einrichtungsgegenstände und Haushaltsutensilien, keine Blumen leuchteten auf den Tischen und Fensterbänken, und kein Duft nach frischen Kräutern lag in der Luft. Die Atmosphäre in dem früher so lebendigen Haus war beklemmend.

»Wie kommst du damit zurecht?«, fragte Stefan mitfühlend.

»Es ist, wie es ist«, antwortete sie mit einem Achselzucken. »Ich muss das jetzt schaffen.«

»Anja, du weißt, dass ich immer für dich da bin!«, antwortete er leidenschaftlich. »Egal, um welche Hilfe es sich handelt, du kannst mich um alles bitten.«

Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber die junge Frau zog sie zurück. Sie mochte Stefan, aber schon während ihrer Ehe hatte sie ab und zu das Gefühl beschlichen, dass er es mit der nachbarschaftlichen Hilfe manchmal etwas übertrieb.

Das war auch der Grund gewesen, weshalb sie sich im Dorf nach jemand anderem umgesehen hatte, der sich in ihrer Abwesenheit um das Haus kümmerte. Stefan war deswegen sehr enttäuscht gewesen.

Nun war Anja wieder zu Hause und würde die Hilfe dieses ewigen Verlierers nicht mehr brauchen. Stefan schaute zuversichtlich in eine rosige Zukunft, in der er Anja auf Händen tragen würde. Dass die junge Frau eher zurückhaltend reagierte, störte ihn zwar, aber mit der Zeit würde sie schon merken, was sie an ihm hatte.

Deshalb reagierte Stefan mit einem verständnisvollen Blick, als Anja jetzt zu ihm sagte: »Ich weiß, dass du sehr hilfsbereit bist, und komme bestimmt auf dein Angebot zurück. Aber im Augenblick muss ich erst einmal allein mit allem fertig werden.«

»Natürlich, das verstehe ich«, erwiderte Stefan, obwohl er sich wünschte, ihr sofort alle Lasten von den Schultern zu nehmen. Sie forderte ihn nicht zum längeren Bleiben auf, und er verabschiedete sich mit leisem Bedauern. Durch die geöffneten Fenster drang ständiges Bellen von seinem Grundstück hinüber, das ihn zusätzlich zum Gehen aufforderte.

Anja hob lauschend den Kopf. »Hast du jetzt einen Hund?«

»Ja, hab ich. Einen Beagle namens Charly, der darauf brennt, seine wunderschöne Nachbarin kennenzulernen«, antwortete er.

»Irgendwann einmal«, antwortete sie vage. Anja mochte Hunde, aber sie musste sich jetzt nicht mit einem beschäftigen. »Er klingt hartnäckig.«

»Das ist er«, erwiderte er voller blindem Besitzerstolz. Andere Nachbarn hatten durchaus Schwierigkeiten mit dieser sogenannten Hartnäckigkeit und unterstellten ihm, er habe seinen Hund nicht gut im Griff. »Also, ich gehe dann jetzt wieder rüber. Wenn etwas ist, dann weißt du, wo du mich findest.«

»In Ordnung.« Anja verzichtete zum Abschied auf die Umarmung und schloss nach einem festen Händedruck die Tür. Sie fühlte sich völlig erschöpft und hatte noch nicht einmal richtig mit der Arbeit angefangen.

Die junge Frau verbrachte den restlichen Tag damit, Listen anzufertigen mit allem, was getan werden muss, wenn man sein Haus für den Verkauf vorbereiten will. Es war anstrengend und schmerzlich. Irgendwann zerknüllte sie ihre Notizen, schleuderte sie auf den Fußboden und brach in Tränen aus.

»Ich will das Haus ja gar nicht verkaufen, ich will mein altes Leben wiederhaben!«, schluchzte sie.

Anja zwang sich zum Essen, kochte sich eine Kanne beruhigenden Kräutertee und stieg in die Badewanne, deren Wasser sie mit Lavendelöl angereichert hatte. Danach fiel sie ins Bett und wartete auf den Schlaf, der Stunde um Stunde nicht kommen wollte. Irgendwann glitt sie in einen seltsamen Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen, durch den verschwommene Träume wie Nebelschleier zogen.

*

So trostlos das Haus am Sternwolkensee erschien, so hell und freundlich war es bei Rieke und ihrem Mann in der Försterei. Lorenz‘ Bruder Johann war abends gekommen, und das Echo von lebhaften Gesprächen und Gelächter hallte durch den nächtlichen Garten, in dem die Windlichter leuchteten.

Johann war ein gut aussehender Mann mit dunklen Haaren und dunklen Augen, er hatte eine angenehme Stimme und konnte bereits mit Humor von den beruflichen Schwierigkeiten erzählen, die hinter ihm lagen.

»Ihr glaubt ja gar nicht, wie sehr ich mich darauf freue, erst einmal gar nichts mit Häusern zu tun zu haben«, sagte er und streckte behaglich seine langen Beine von sich. »Nichts als Natur und Faulenzen.«

»Herrlich! Architekt müsste man sein«, zog ihn sein Bruder auf, der im Augenblick besonders viel zu tun hatte.

Johann gähnte herzhaft. »Mit dem Faulenzen werde ich gleich beginnen, kleiner Bruder, mich ins Bett legen und bis in die Puppen schlafen. Aber vorher helfe ich euch beim Abtragen dieses fantastischen Abendessens, denn so faul bin ich nun doch nicht.«

Sie räumten zusammen die Küche auf, löschten auf der Terrasse alle Windlichter und gingen schlafen.

Johann bewohnte das Gästezimmer im Erdgeschoss. Er öffnete das Fenster, das auf die angrenzende Wiese und den Waldrand hinausging, und beobachtete vom Bett aus die sanften Bewegungen der leichten Vorhänge, die sich im Nachtwind leise bauschten. Er hatte gedacht, dass das eine einschläfernde Wirkung auf ihn haben würde, ebenso wie die ländliche Stille, die das Haus umgab. Johann lebte in Berlin, und er war den Lärm einer Millionenstadt gewohnt. Wie sehr hatte er sich auf die Ruhe im beschaulichen Bergmoosbach gefreut, und nun musste er feststellen, dass sie ihn verrückt machte.

Immer wieder kreisten seine Gedanken um den Beruf und die bereits überwundenen und neuen Schwierigkeiten. In der friedlichen Stille dieser Nacht gab es nichts, was ihn von seinen Grübeleien ablenkte. Anstatt selig zu schlafen, stieg er mit einem gereizten Seufzer wieder aus dem Bett, zog sich an und verließ leise das Haus. Die drei Hunde, die zum Forsthaus gehörten, ließen ihn gehen, ohne anzuschlagen.

Johann hatte eine Taschenlampe eingesteckt, aber er merkte schnell, dass er sie nicht brauchte. Es war eine sternenklare Nacht mit fast vollendet gerundetem Vollmond, und er konnte die Wege im Wald gut erkennen. Die Blätter der Bäume schimmerten im Mondlicht, und Moos und Gräser waren von Silber überzogen. Es herrschte eine märchenhafte Stimmung, die vom leisen Rascheln oder Knacken im Unterholz untermalt wurde.

Allmählich wurde ihm bewusst, dass das Knacken, das er abseits des Weges hörte, in rhythmischen Abständen erfolgte. Es klang wie leichte Schritte, die sich näherten. Wider Willen beschleunigte sich sein Herzschlag, und er hielt den Atem an, um besser lauschen zu können. Hoffentlich war es kein Wildschwein oder ein anderes großes Tier, das sich seinen Weg bahnte. Johann fiel die Aufregung ein, die es vor geraumer Zeit um einen einsamen Wolf gegeben hatte, der sich dann doch als wildernder Hund herausstellte. Er stieß den angehaltenen Atem aus und murmelte: »Blödsinn! Kein Wolf schleicht sich so hörbar an, und für ein Wildschwein sind die Schritte zu leicht.«

Dann sah er etwas Helles zwischen den Bäumen aufblitzen, und zu seiner großen Überraschung trat eine junge Frau aus dem Waldstück, überquerte den Pfad und schritt durch die Farne auf der anderen Seite davon.

Die Frau trug ein weißes Kleid, und ihre hellblonden Haare schimmerten im Mondlicht wie Silber. Er konnte ihre zarten Gesichtszüge erkennen, die seltsam unbewegt wirkten, und ihre Augen, die ihn nicht zu sehen schienen. Grußlos ging sie so dicht an ihm vorbei, dass er ihren Duft nach Orangenblüte, Jasmin und Tuberose spürte.

Sie sah so unwirklich aus wie eine Waldelfe, und Johann starte ihr mit offenem Mund hinterher. »Hallo?«, hörte er sich halblaut rufen. »Hallo, wo wollen Sie denn hin?«

Die Fremde antwortete nicht und verschwand im Wald.

Johann starrte immer noch auf die Stelle, wo sich große Farne und Gebüsch hinter ihr geschlossen hatten. Er schüttelte den Kopf. »Das glaubt mir kein Mensch«, sagte er zu einem jungen Kaninchen, das plötzlich auf dem Grasweg erschienen war und wie erstarrt sitzenblieb. »Und soll ich dir mal was sagen? Ich glaube es ja selbst nicht.«

Das Kaninchen stob davon, dass sein weißes Schwänzchen aufblitzte, und der Mann machte sich auf den Rückweg zum Forsthaus. Er staunte immer noch über diese Begegnung und fragte sich, was das seltsame Verhalten der Frau zu bedeuten hatte. Obwohl es inzwischen tief in der Nacht war, beschäftigten ihn seine Gedanken so sehr, dass er trotz des Spaziergangs nicht einschlafen konnte.

*