Der Palast der Borgia - Sarah Dunant - E-Book

Der Palast der Borgia E-Book

Sarah Dunant

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Beschreibung

Rom, im August 1492. Schon am frühen Morgen ächzt die Stadt unter der Gluthitze des Sommers. Der Lärm in der engen Gasse lässt Lucrezia aus dem Schlaf fahren. Kann es wahr sein, was der Bote schreit? Ihr Vater, Rodrigo Borgia, der neue Papst? Die Nachricht stellt Lucrezias Leben und das ihrer drei Brüder auf den Kopf: Plötzlich sind sie die mächtigste Familie der Stadt, und das zwölfjährige Mädchen muss in Windeseile erwachsen werden. Denn ihr ehrgeiziger Vater weiß nur zu genau, dass die Hand seiner Tochter mehr wert ist als alle italienischen Ländereien zusammen, und dann ist da noch ihr Bruder Cesare, der seine schöne Schwester mehr liebt als erlaubt … Mit Meisterhand öffnet Sarah Dunant die kupferbeschlagenen Türen des Palastes der Borgia, schlägt die schweren Brokatvorhänge beiseite und zeichnet den Aufstieg einer Familie in einer schillernd-verhängnisvollen Welt, in der es nur um eines geht: der Leidenschaft zu frönen und die Macht zu bewahren.

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Rom im August, es ist das Jahr 1492. Schon am frühen Morgen ächzt die Stadt unter der Gluthitze des Sommers. Der Lärm in der engen Gasse unter ihrem Fenster lässt Lucrezia aus dem Schlaf fahren. Kann es wahr sein, was der Bote schreit? Ihr Vater, Rodrigo Borgia, der neue Papst? Die Nachricht stellt Lucrezias Leben und das ihrer drei Brüder auf den Kopf: Plötzlich sind sie die mächtigste Familie der Stadt, und das zwölfjährige Mädchen muss in Windeseile erwachsen werden. Denn ihr ehrgeiziger Vater weiß nur zu genau, dass die Hand seiner Tochter mehr wert ist als alle italienischen Ländereien zusammen, und dann ist da noch ihr Bruder Cesare, der seine schöne Schwester etwas zu sehr liebt …

Mit Meisterhand öffnet Sarah Dunant die kupferbeschlagenen Türen des Palastes der Borgia, schlägt die schweren Brokatvorhänge beiseite und zeichnet den Aufstieg einer Familie in einer schillernd-verhängnisvollen Welt der Intrigen, Lust und Habgier.

Sarah Dunant, 1950 in London geboren, studierte Geschichtswissenschaft. Die Journalistin, Radiomoderatorin und Kolumnistin veröffentlichte bereits mehrere Romane. Sie hat zwei Kinder und lebt in London und Florenz. sarahdunant.com

Sarah Dunant

Der Palast der Borgia

Roman

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4333.

Die Originalausgabe erschien erstmals 2013 unter dem Titel Blood and Beauty bei Virago Press, an imprint of Little, Brown Book Group, London.

Deutsche Erstausgabe

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2014

© 2013 Sarah Dunant

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlaggestaltung: Werbeagentur ZERO, München

Für Anthony,

VORBEMERKUNG

Die Landkarte Europas im fünfzehnten Jahrhundert zeigt in manchen Regionen bereits annähernd Verhältnisse, die dem modernen Auge vertraut sind: Frankreich, England, Schottland, Spanien und Portugal waren dabei, sich zu festen politischen Gebilden unter der Herrschaft von Erbmonarchien zu formen. Dagegen bestand Italien noch aus einer Vielzahl von Stadtstaaten, was das Land immer wieder zum Ziel ausländischer Interventionen machte. Mit Ausnahme der Republik Venedig waren die meisten dieser Staaten in der Hand regierender Dynastien: In Mailand herrschten die Sforza, in Florenz die Medici, in Ferrara die Este, und im Königreich Neapel das spanische Haus Aragon.

Mittendrin lag Rom, wo verschiedene seit Jahrhunderten angesehene Adelsfamilien einander erbittert befehdeten und wo der Oberhirte der Christenheit seinen Sitz hatte. Die Territorien, über die der Papst gebot, waren zwar nicht sehr umfangreich und zudem oft in der Hand von päpstlichen Vögten, dennoch war sein Einfluss immens. Als Oberhaupt der Kirche kontrollierte er ein Netz von Abhängigkeitsstrukturen, das ganz Europa umspannte, und als Gottes Stellvertreter auf Erden besaß er eine spirituelle Macht, die er zu strategischen und politischen Zwecken einsetzen konnte. In einer Epoche, in der der Katholizismus unangefochten herrschte und die Korruption in der Kirche allgegenwärtig war, finden sich zahlreiche Päpste, die nicht nur persönlichen Reichtum anhäuften, sondern auch ihre Verwandten, mitunter sogar ihre eigenen illegitimen Kinder, mit Ämtern und Gütern versorgten.

So standen die Dinge im Sommer 1492, als Innozenz VIII

ERSTER TEIL

Habemus Papam

ERSTES KAPITEL

11. August 1492

Die Dämmerung färbt den Nachthimmel blassblau, als im Palast ein Fenster aufgeht und ein Gesicht erscheint, die Züge verzerrt vom Feuerschein der Fackeln an der Wand. Die Soldaten auf der Piazza schlafen. Aber sie fahren auf, als vom Fenster der Ruf erschallt:

»HABEMUS PAPAM!«

Die Luft im Gebäude ist abgestanden, es riecht nach dem sauren Schweiß von alten Leibern. Der August ist drückend heiß in Rom, ein Monat hoher Sterblichkeit. Seit fünf Tagen sind dreiundzwanzig Männer in der großen Kapelle des Vatikanpalasts eingesperrt, allesamt mächtige, reiche Herren, die es gewöhnt sind, von silbernen Tellern zu essen und jederzeit über ein Dutzend Diener zu verfügen. Und nun müssen sie sich mit einem einzigen Kammerdiener begnügen, müssen ohne Schreiber und Sekretäre auskommen und ohne Köche, die Speisen für große Bankette zubereiten, müssen vorliebnehmen mit einfachen Mahlzeiten, die durch eine hölzerne Klappe gereicht werden. Tageslicht fällt durch schmale Fenster hoch oben an den Wänden ein, bei Nacht flackern zahlreiche Kerzen unter dem gemalten Sternenhimmel des Deckengewölbes, der so weit wie das Firmament erscheint. Ständig sind sie in Gesellschaft der anderen, außer wenn sie bei den Wahlgängen die Stimmzettel ausfüllen oder in der Latrine, und selbst dort haben sie oft genug keine Ruhe und müssen, während sie tröpfelnd ihr Wasser rinnen lassen, noch Verhandlungen führen. Wenn sie schließlich zu müde zum Reden sind oder Zwiesprache mit Gott halten wollen, können sie sich in ihre Zellen zurückziehen, eilig gezimmerte Abteile, die an den Seiten der Kapelle aufgestellt wurden und, karg möbliert mit einem Stuhl, einem Tisch und einer Pritsche zum Schlafen, ohne Zweifel daran erinnern sollen, dass der Weg zur Heiligkeit mit Entbehrungen und Kasteiungen gepflastert ist.

Heilige sind freilich rar in diesen Zeiten, erst recht im römischen Konklave.

Die Türen wurden am Morgen des 6. August verriegelt. Zehn Tage zuvor hatte Papst Innozenz VIII. nach jahrelangem Siechtum endgültig die Kraft verlassen, sich noch weiter ans Leben zu klammern. In ihren Gemächern im Vatikanpalast hatten sein Sohn und seine Tochter geduldig darauf gewartet, an sein Sterbebett gerufen zu werden, aber er war umgeben von streitenden Kardinälen und Ärzten gestorben. Sein Körper war noch warm, als die Nachricht von seinem Tod sich wie Kloakendünste in der Stadt ausbreitete. Die Meute der Gesandten fremder Höfe und Diplomaten sogen sie begierig ein und schickten dann Kuriere aus, die ihre je eigenen Versionen der Geschichte in die Welt hinaustrugen: Dass der Leichnam Seiner Heiligkeit ganz verschrumpelt war, obwohl man dem Patienten vorher noch auf den Rat seines jüdischen Leibarztes hin Blut von römischen Straßenjungen eingeflößt hatte; dass die blutleeren Körper jener Knaben nun als Fischfutter im Tiber schwammen, während der Jude aus der Stadt geflohen war; dass der Günstling des Papstes, der cholerische Kardinal della Rovere, und der Vizekanzler Kardinal Rodrigo Borgia im Sterbezimmer so damit beschäftigt waren, einander anzugiften, dass es keiner bemerkte, als der Heilige Vater zu atmen aufgehört hatte. Der erbitterte Krieg zwischen den beiden dauert schon seit Jahren an – wahrscheinlich ist Innozenz gestorben, um endlich Ruhe vor ihnen zu haben.

Natürlich muss jeder selbst entscheiden, was von all dem Klatsch er glauben will, und je nach persönlichem Geschmack mögen die Herrscher nun einmal die Nachrichten, die ihre Gesandten schicken, ebenso wie das Fleisch, das auf ihre Tafel kommt, mehr oder weniger scharf gepfeffert. Dass die Kardinäle scharfe Krallen haben, wird kaum einer bezweifeln, die Geschichte mit dem Blut dagegen wird da und dort auf Skepsis stoßen, zumal allgemein bekannt ist, dass Seine Heiligkeit wochenlang nichts anderes zu sich genommen hatte als Milch von einer Amme, die in einem Vorzimmer in ständiger Bereitschaft stand und pro Tasse bezahlt wurde. Von Muttermilch berauscht ins Paradies – was für ein Abgang!

Was das anschließende Konklave betrifft, so ist die einzig sichere Prognose die, dass sein Ausgang ungewiss ist und dass bei der Wahl von Gottes nächstem Stellvertreter auf Erden Bestechung und Mauschelei eine mindestens ebenso große Rolle spielen werden wie fromme Erwägungen über die Eignung der Kandidaten.

Am Abend des dritten Tages, als sich die erschöpften Kardinäle in ihre Zellen zurückziehen, sitzt Rodrigo Borgia, Vizekanzler des Papstes und Kardinal von Valencia, mitten in der Kapelle und genießt den Blick, der sich ihm bietet. Über den prächtigen, täuschend echt gemalten Wandteppichen (es ist schon vorgekommen, dass neue Kardinäle versuchten, sie beiseitezuziehen) ist eine Szene aus dem Leben des Moses zu sehen: Jethros Töchter, junge, frische Gestalten mit schwungvoll gewellten Haaren und wallenden Gewändern, stechen sogar in dem dämmrigen Kerzenlicht hervor. Es gibt sechzehn solcher Fresken mit Motiven aus der Mosesgeschichte und aus dem Neuen Testament, und die Kardinäle, die genügend Einfluss besitzen, achten bei der Wahl ihrer Zelle darauf, unter welcher Stelle des Bilderzyklus sie gelegen ist. So hat Kardinal della Rovere, um gleich von Anfang an deutlich zu machen, wonach er strebt, sich unter dem Bild Christi, der Petrus die Schlüssel der Kirche überreicht, eingerichtet, während sein wichtigster Rivale, Ascanio Sforza, sich mit dem Moses begnügen muss, der die Gesetzestafeln trägt (obwohl man meinen könnte, dass ein Kardinal, der den Herrscher über das kriegerische Mailand zum Bruder hat, gewiss noch andere Mächte auf seiner Seite weiß als nur die der Zehn Gebote).

In der Öffentlichkeit hat sich Rodrigo Borgia immer eher bescheiden gegeben. Fünf Pontifikate hindurch hat er das Amt des Vizekanzlers bekleidet – schon das ein diplomatisches Meisterstück – und ist, zumal er eine Vielzahl reicher Pfründen besitzt, zu einem der mächtigsten und reichsten Kirchenfürsten in Rom geworden. Aber seine spanische Herkunft war ihm immer hinderlich, und so blieb ihm der Aufstieg zur allerhöchsten Würde verwehrt. Bis jetzt, möglicherweise: Nachdem zwei Wahlgänge stattgefunden haben, liegen die beiden wichtigsten Bewerber gleichauf und blockieren einander gegenseitig, wodurch sein eigenes bescheidenes Potenzial an Wählerstimmen bedeutend an Wert gewonnen hat.

Er murmelt ein Gebet an die Gottesmutter, setzt seinen Kardinalshut auf und geht auf dem marmornen Korridor in der Mitte der Kapelle zu einer der Zellen.

Darin sitzt, etwas ermattet von der Hitze und den komplizierten Beratungen, ein junger Mann mit einem Bacchusbäuchlein und einem teigigen Gesicht. Der erst sechzehnjährige Giovanni de' Medici ist der jüngste Kardinal, der je ins Sacrum Collegium berufen wurde, und muss erst noch entscheiden, wem er seine Loyalität schenkt.

»Exzellenz!« Der Junge springt auf. Ein Mensch kann sich nur eine begrenzte Zeit lang mit Problemen der Kirchenpolitik herumschlagen, und so waren seine Gedanken abgeirrt zu den sahneweißen Brüsten eines Mädchens, das während seines Studiums in Pisa bisweilen das Bett mit ihm geteilt hat. Sie hatte etwas an sich gehabt – war es ihr Lachen, der Duft ihrer Haut? –, das ihn noch jetzt tröstet und aufmuntert, und darum schmiegt er sich in Gedanken gerne an sie. »Entschuldigt, ich habe Euch nicht gehört.«

»Im Gegenteil, ich muss Euch um Verzeihung bitten, weil ich Euch im Gebet gestört habe.«

»Nein … Ihr stört nicht.« Er bietet ihm den einzigen Stuhl an, aber der Borgia winkt ab und lässt sich auf der Pritsche nieder.

»Danke, das ist bequem genug für mich«, sagt er jovial und klopft mit der Faust auf die Matratze.

Der junge Medici starrt ihn an. Es ist erstaunlich, dass diesem massigen Mann die drückende Hitze nichts auszumachen scheint. Das Kerzenlicht beleuchtet eine breite Stirn unter einem weißen Haarkranz, eine lange Hakennase und volle Lippen. Niemand würde Rodrigo Borgia einen schönen Mann nennen, dafür ist er zu alt und zu korpulent. Aber man wendet den Blick nicht leicht von ihm ab, denn in seinen wachen Augen liegt eine Energie, die im Laufe der Jahre nicht gealtert ist.

»Nachdem ich nun schon bei vier Papstwahlen dabei gewesen bin, sind mir die – wie soll ich sagen? – Herausforderungen des Lebens im Konklave fast schon lieb geworden.« Die Stimme ist ebenso eindrucksvoll wie die Gestalt, tief und volltönend, in den Endungen mancher Wörter hört man eine gewisse Rauigkeit, ein letztes Überbleibsel eines spanischen Akzents. »Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal – ich war damals nicht viel älter als Ihr. Es war auch im August. Ach, der August ist so schlecht für die Gesundheit unserer Oberhirten. Unser Gefängnis damals war natürlich lange nicht so großartig wie dieses hier. Die Stechmücken fraßen uns bei lebendigem Leib auf, und das Bett war so unbequem, dass mir alle Knochen wehtaten. Aber ich habe es überlebt.« Er lacht. Es klingt ganz unbefangen und ungekünstelt. »Natürlich hatte ich nie einen Ratgeber von dem Format Eures Vaters gehabt. Lorenzo de' Medici wäre stolz, wenn er sähe, wie Ihr Euren Platz im Konklave einnehmt, Giovanni. Ich trauere aufrichtig um ihn. Sein Tod bedeutet einen großen Verlust nicht allein für Florenz, sondern für ganz Italien.«

Der junge Mann senkt den Kopf. Nimm Dich in Acht, mein Sohn.Rom ist heute eine Lasterhöhle, Anfang und Ende alles Bösen.Unter seiner Robe trägt er einen Brief seines Vaters bei sich: Ratschläge, wie man in der Schlangengrube der Kirchenpolitik überlebt, von einem Mann, der es verstand, auf dünnem Eis so Schlittschuh zu laufen, dass es aussah, als tanzte er. Man kann nur wenigen Menschen trauen. Behalte Deine Meinung für Dich, bis Deine Stellung gefestigt ist. Seit dem Tod Lorenzos vor wenigen Monaten hat der junge Kardinal diesen Brief so oft gelesen, dass er ihn auswendig kann. Allerdings wünscht er sich oft, die väterlichen Ratschläge wären konkreter und weniger allgemein.

»Sagt mir, Giovanni« – Rodrigo senkt die Stimme wie in Erwartung großer Geheimnisse –, »wie Ihr in diesem labyrinthischen Prozess zurechtkommt.«

»Ich bete zu Gott, er möge mich erleuchten, damit ich erkenne, wer der Richtige ist.«

»Schön gesagt! Ich bin sicher, dass Euer Vater gegen die Unsitte, kirchliche Ämter zu kaufen, gewettert und Euch vor falschen Freunden gewarnt hat, die Euch mit in den Sumpf ihrer Verderbnis ziehen würden.«

Dem Kardinalskollegium gehören nur wenige Männer von Wert an. Sei also vorsichtig und halte Dich zurück. Unwillkürlich fasst der junge Mann an seine Brust, um sich zu vergewissern, dass der Brief noch da ist. Hüte Dich vor Verführern und schlechten Ratgebern, die versuchen werden, Dich zu verderben, weil sie glauben, Du seist, jung wie Du bist, eine leichte Beute. Nicht einmal die Falkenaugen des Vizekanzlers können Geheimnisse lesen, die unter zwei Lagen Stoff verborgen sind, oder?

Von draußen ist ein Schrei zu hören, dann der Schuss einer Arkebuse: neue Waffen für neue Zeiten. Der junge Mann schaut hoch zu dem dunklen Fenster.

»Kein Grund zur Beunruhigung. Es ist nur das übliche Durcheinander.«

»Oh … nein, ich mache mir keine Sorgen.«

Es ist immer wieder das Gleiche: Kaum ist ein Papst gestorben, bricht in Rom Anarchie aus. Messerstecher begleichen in dunklen Gassen alte Rechnungen, allerlei kriminelle Energien machen sich in Räubereien, Raufhändeln und Morden Luft. Aber am schlimmsten ergeht es den Günstlingen des alten Papstes, denn sie haben am meisten zu verlieren.

»Ihr hättet hier sein sollen, als der letzte Papst der della Rovere starb, Sixtus IV. – aber natürlich hätte selbst Lorenzo de' Medici seinen Sohn nicht schon mit neun zum Kardinal machen können.« Rodrigo lacht. »Sein Neffe war so verhasst, dass der Mob über sein Haus herfiel wie Heuschrecken über ein Getreidefeld. Als das Konklave endete, waren praktisch nur noch die nackten Mauern übrig, alles andere hatten die Leute fortgeschleppt.« Er schüttelt den Kopf, unfähig, seine Schadenfreude zu verbergen. »Ihr fühlt Euch sicher wie zu Hause hier, umgeben von lauter Bildern von Künstlern, die Euer Vater gefördert hat.« Er hebt den Blick zu dem Fresko unmittelbar hinter der Zelle. Es zeigt eine Gruppe von gertenschlanken Figuren, die so anmutig wirken, dass man meint, sie in lebendiger Bewegung zu sehen. »Das ist von diesem Botticelli, nicht?«

»Sandro Botticelli, ja.« Der Stil seiner Malerei ist dem jungen Florentiner so vertraut wie das Vaterunser.

»Was für ein Talent! Es ist erstaunlich, wie viel Fleisch er dem Geist verleiht. Ich fand immer, dass Sixtus großes Glück hatte, ihn für diese Arbeit zu gewinnen – ich meine, wenn man bedenkt, dass der Papst erst drei Jahre zuvor eine Verschwörung mit dem Ziel angestiftet hatte, Euren Vater, den Mäzen Botticellis, zu ermorden und das ganze Geschlecht der Medici zu vernichten. Glücklicherweise seid Ihr zu jung, als dass Ihr Euch noch daran erinnern könntet.«

Aber nicht jung genug, um es je vergessen zu können. Ein brutaler Anschlag, noch brutaler war nur die Vergeltung.

»Ja, er hatte überlebt, es ging ihm prächtiger denn je. Den della Rovere zum Trotz«, sagt Rodrigo lächelnd.

»Mein Vater hat Euren scharfen Verstand sehr bewundert, Exzellenz. Ich weiß, dass ich viel von Euch lernen kann.«

»Ah, wie ich sehe, habt Ihr seinen Geist und sein diplomatisches Geschick geerbt.« Der Vizekanzler lacht. Sein Atem bringt die Kerze auf dem Tisch zum Flackern, und seine Züge tanzen im unruhigen Licht. Der junge Mann spürt eine Schweißperle über seine Stirn rinnen und wischt sie weg. Die Feuchtigkeit an seinen Fingern ist unangenehm. Der Borgia scheint die Hitze nicht einmal zu bemerken.

»Nun ja, Ihr müsst entschuldigen, wenn ich eine gewisse väterliche Zuneigung zu Euch empfinde. Ich habe einen Sohn in Eurem Alter, der in der Kirche aufsteigen möchte und bisweilen meinen Rat braucht. Ach so, natürlich, das wisst Ihr bereits, Ihr habt ja zusammen mit ihm in Pisa studiert. Cesare hat oft von Euch gesprochen. Ihr seid ein guter Freund, sagt er, und ein ausgezeichneter Student.«

»Genau das würde ich von ihm auch sagen.«

Ja, in der Öffentlichkeit mochte er so reden. Aber eigentlich hatten die beiden keine innige Beziehung. Der hochmütige junge Borgia, immer umgeben von seinem spanischen Gefolge, führte ein Leben, in dem kein Platz war für Freunde. Das war auch gut so, denn der Bastard eines Borgia konnte nie gleichberechtigt mit einem ehelich geborenen Medici verkehren, mochte er auch allen Reichtum der Welt zur Schau stellen (wenn er irgendwo eingeladen war, trug er Kleider, die so dicht mit Edelsteinen besetzt waren, dass man kaum mehr etwas von dem Stoff darunter sah). Aber er war tatsächlich ein Student, der durch seinen Scharfsinn und seine schnelle Auffassungsgabe auffiel, ein gefürchteter Gegner in öffentlichen Disputationen, wo er atemberaubend flink Argumente wie vielfarbige Fäden aus seinem Gehirn hervorzog und so kompliziert verwob, dass am Ende Schwarz wie Weiß aussah und Wahr und Falsch sich in kaum mehr unterscheidbare Nuancen von Grau verwandelten. Selbst das Lob seiner Lehrer schien ihn zu langweilen: Er war öfter in den Kneipen anzutreffen als in den Hörsälen. Aber natürlich war er nicht der Einzige, der sich so verhielt.

Der junge Medici ist froh um das Halbdunkel, das sie umgibt. Er möchte seine Gedanken lieber für sich behalten. Zwar führen die Borgia einen Stier im Wappen, aber jedermann weiß, dass die Schlauheit des Fuchses ihre wahre Stärke ausmacht.

»Ich bewundere Eure Hingabe und Euren Glauben an das Gute, Exzellenz.« Rodrigo Borgia beugt sich vor und legt sacht eine Hand auf Giovannis Knie. »Diese Haltung wird Euch groß machen vor Gottes Angesicht.« Er legt eine Pause ein. »Aber nicht, fürchte ich, in den Annalen der Menschen. Die traurige Wahrheit ist, dass wir in durch und durch verderbten Zeiten leben, weswegen wir einen Papst brauchen, der es mit den Wölfen aufnehmen kann, die überall umherstreifen. Nur ein solcher Mann kann Italien vor dem Untergang bewahren.«

Sein Handrücken liegt plump da wie ein dickes Stück Fleisch, seine Finger jedoch sind schlank und wohlgepflegt und wirken erstaunlich elegant. Einen Moment lang schweifen die Gedanken das jungen Medici ab: Er muss an die Frau denken, die derzeit das Bett des Vizekanzlers teilt. Eine Fleisch gewordene Venus soll sie sein, wie Milch und Blut, goldenes Haar und so jung, dass sie seine Enkelin sein könnte. Wenn die Leute über sie reden, schwingt immer Abscheu davor mit, dass so süße, reizende Anmut sich mit Verfall und Alter paaren will, aber auch Neid ist dabei: Egal wie so einer aussieht, Macht zieht Schönheit an wie ein Magnet das Eisen.

»Exzellenz.« Der junge Mann holt tief Luft. »Wenn Ihr in der Absicht hergekommen seid, meine Stimme für Euch zu …«

»Ich? Nein, nein, nein. Ich bin nur ein Lamm in dieser Herde. Wie Ihr habe ich nichts anderes im Sinn als Gott und unserer heiligen Mutter Kirche zu dienen.« Jetzt funkeln seine Augen. Giuliano della Roveres Jähzorn ist weithin gefürchtet, dennoch sagt man, das Lächeln des Borgia sei noch gefährlicher. »Nein, ich bringe mich überhaupt nur deswegen ins Spiel, weil ich solche Dinge schon einmal erlebt habe und fürchte, wenn die beiden stärksten Bewerber einander blockieren, könnte schließlich die Wahl auf einen Dritten fallen, der noch weniger geeignet ist als ich.«

Giovanni starrt ihn an, wie gebannt von diesem Mann, der ihm offen ins Gesicht lügt und ihm dennoch das Gefühl gibt, dass er aus ehrlichem Herzen spricht. Ist dies das Geheimnis seiner Macht? In den letzten Tagen hat er Gelegenheit gehabt, Rodrigo bei der Arbeit zu beobachten, zuzusehen, wie er unermüdlich mit leichter Hand Verbindungen knüpft und löst, wie er stets hilfsbereit die Alten und Gebrechlichen zu ihren Zellen führt, wie ihn jedes Mal, wenn Verhandlungen stocken und neue Anreize gegeben werden müssen, ein natürliches Bedürfnis überkommt. Der junge Mann macht immer wieder die Erfahrung, dass die Unterhaltung in der Latrine bei seinem Eintreten schlagartig verstummt, und fast jedes Mal ist der Vizekanzler da, steht freundlich nickend an der Rinne, sein Gemächt lässig in der Hand, als wäre das die natürlichste Pose der Welt für einen Kardinal in Gegenwart anderer Leute.

Die Luft in der Zelle ist heiß und stickig. »Heilige Maria und Josef. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir alle bei lebendigem Leib geschmort wie der heilige Cyrinus.« Rodrigo fächelt sich theatralisch Luft zu, dann kramt er unter seiner Robe und zieht schließlich ein Glasröhrchen mit einem silbernen Verschluss hervor. Er hält es Giovanni hin. »Bitte. Das kühlt angenehm.«

»Nein danke.«

Rodrigo taucht einen Finger in die Flüssigkeit und reibt sich damit ein. Als der Duft von Jasmin dem jungen Florentiner in die Nase steigt, erinnert er sich, dass er diesen und auch andere Düfte in der letzten Zeit öfter in der Kapelle gerochen hat. Kann es sein, dass jede Partei ihren besonderen Geruch hat, an dem die Anhänger einander erkennen wie Hunde ihr Rudel?

Der Kardinal steckt umständlich das Röhrchen wieder ein. Er steht auf, offenbar will er sich verabschieden, doch dann scheint er es sich anders zu überlegen.

»Ich glaube, Giovanni, Ihr seid zu sehr der Sohn Eures Vaters, um nicht zu bemerken, was hier passiert. Darum verrate ich Euch jetzt etwas, was ich noch keinem gesagt habe.« Der massige Mann beugt sich vertraulich nach vorn. »Kein Grund zur Beunruhigung – nehmt es als Zeichen meines Respekts vor Eurer Familie. Ihr werdet erleben, wie sich Machtverhältnisse verschieben, sobald die Luft stockt wie übelriechender Käse und keine Bewegung mehr möglich scheint. Della Rovere kann diese Wahl nicht für sich entscheiden, auch wenn es jetzt anders aussehen mag.«

»Woher wisst Ihr das?« In seiner Überraschung – und vielleicht fühlt er sich auch etwas geschmeichelt – reagiert der junge Mann weniger zurückhaltend, als er sich vorgenommen hatte.

»Erstens kann ich zählen, und zweitens habe ich einen Blick in etliche der Herzen hier geworfen.« Er lächelt, aber er wirkt nicht mehr so heiter. »Beim nächsten Wahlgang wird della Rovere ein bisschen zulegen, sodass er Sforza überholt, aber er wird nicht so viele Stimmen erhalten, wie er braucht. Dann wird Ascanio Sforza, der an sich keinen schlechten Papst abgeben würde, wenn er auch als Mailänder für Florenz und für Euch inakzeptabel ist, in Panik verfallen. Und das mit Recht, denn ein Papst aus der Familie della Rovere wird sich immer auf die Seite derer schlagen, die am meisten bezahlen. Und das Geld, das er bietet, um sich die Tiara zu kaufen, ist nicht einmal sein eigenes. Wisst Ihr, woher es kommt? Aus Frankreich! Stellt Euch das vor: ein italienischer Kardinal, der von den Franzosen bezahlt wird. Ihr habt sicher die Gerüchte gehört. Nichts als üble Verleumdung, glaubt Ihr vielleicht. Aber in dieser Stadt ist die Wahrheit in aller Regel noch schlimmer als alle Übel, die man erfinden kann.« Er seufzt übertrieben. »Das wäre natürlich fatal, ein Papst, der von einer ausländischen Macht dirigiert wird. Und so wird Ascanio Sforza, um seinen Rivalen zu Fall zu bringen, sich an mich wenden.«

Er schweigt, um seine Worte wirken zu lassen.

»Weil ich in dieser Lage der Einzige sein werde, der den Lauf der Dinge noch aufhalten kann.«

»Er wird sich an Euch wenden? Aber …« Ich wiederhole es, mein Sohn: Solange Du nicht mit den Verhältnissen vertraut bist, tust Du gut daran, mehr Deine Ohren als Deine Zunge zu gebrauchen. »Aber ich dachte …« Er verstummt.

»Was dachtet Ihr? Dass ein Papst namens Borrjja auch ein Ausländer wäre?« Der gutturale Laut in seinem Namen kommt wieder voll zur Geltung. »Einer, der nur das Wohl seiner Familie im Auge hätte und der sich mehr mit Spanien als mit Italien verbunden fühlen würde?« Einen Moment lang blitzt offener Zorn in seinen Augen auf. »Sagt mir: Würde ein Papst aus dem Haus Medici weniger gewissenhaft der heiligen Mutter Kirche dienen, nur weil er seine Verwandten liebt und aus Florenz stammt?«

»Exzellenz, ich hatte nicht die Absicht –«

»Mich zu beleidigen? Nein! Das habt Ihr auch gar nicht getan. Mächtige Familien müssen offen miteinander sprechen, das ist ganz richtig so.«

Er lächelt, weil ihm wohl bewusst ist, dass die Selbstverständlichkeit, mit der er die Familien Borgia und Medici auf eine Stufe stellt, auch als beleidigende Anmaßung gedeutet werden könnte.

»Ja, ich bin ein Borgia. Wenn ich meine Kinder in den Armen halte, sprechen wir in unserer Muttersprache. Aber das gibt niemandem das Recht, zu behaupten, ich sei weniger Italiener als diejenigen, die sich aus französischen Taschen bezahlen lassen. Wenn die Tiara käuflich ist – und ich habe bei Gott nichts dazu getan, dass es so weit gekommen ist –, dann lasst uns doch wenigstens das Geschäft hier in dieser Zelle abwickeln.« Er seufzt wieder und klopft dem jungen Mann auf die Schulter. »Ach, ich fürchte, ich habe zu viel ausgeplaudert. Ihr habt die Wahrheit aus mir herausgelockt. Ganz der Vater – was für ein Politiker! Immer einen befeuchteten Finger in der Luft, damit er es gleich spürte, wenn der Wind umschlug, und die richtigen Manöver einleiten konnte, um sein Staatsschiff auf Kurs zu halten.«

Der junge Medici schweigt. Er ist tief beeindruckt von dem Schauspiel, das ihm geboten wird. Eine Politik des Charmes. Als Sohn eines Mannes, der Essig in Honig verwandeln konnte, wenn es ihm nutzte, weiß er besser als die meisten, wie sie funktioniert, aber diese Mischung aus Genialität, Schlauheit und Sinn für Effekte ist selbst ihm neu.

»Ihr seid müde. Ruht Euch aus. Vor morgen wird sich ganz bestimmt nichts Entscheidendes tun. Wisst Ihr, ich glaube, mein Cesare würde in dem roten Gewand fast so eine gute Figur machen wie Ihr.« Ein letztes Lächeln, so strahlend wie keines vorher, vielleicht weil keine Verstellung dabei ist. »Ich sehe Euch und ihn nebeneinander stehen, groß und stark wie Zypressen. Stellt Euch vor, was für ein Feuer so viel Jugend und Energie entfachen könnte in diesem Haufen alter Männer, die allesamt nur totes Holz sind.« Er lacht aus vollem Hals. »Ach, dieser närrische Stolz von Männern, die ihre Söhne mehr lieben als sich selbst.«

Als der Borgia gegangen ist, denkt der junge Mann über all das nach, was er gehört hat. Eigentlich sollte er sich über den nächsten Wahlgang Gedanken machen, aber ihm geht das Bild des Cesare Borgia in roter Robe nicht aus dem Kopf. Er sieht ihn umringt von Männern durch die Straßen von Pisa stolzieren, als gäbe es in der ganzen Stadt keine Tür, die ihm nicht aufgetan würde, bevor er auch nur dazu käme, anzuklopfen, und als stünde es selbst dann noch keineswegs fest, dass er wirklich eintreten würde. In den oberen Rängen der Kirche gibt es weiß Gott viele, die von der Tugend der Demut kaum etwas wissen, aber so hochmütig oder träge (und Giovanni ist zu sehr seines Vaters Sohn, um seine eigenen Schwächen zu verkennen) sie auch sein mögen, so strengen sie sich doch wenigstens in der Öffentlichkeit an, zu tun, was von ihnen erwartet wird. Aber nicht Cesare Borgia.

Nun ja, die ehrgeizigen Phantasien des Vaters werden ja auch nie Wirklichkeit werden. Er kann seinen Sohn mit Pfründen überhäufen, doch Cesare wird in der Hierarchie nicht weiter aufsteigen. Das kanonische Recht, das sie jahrelang studiert haben, ist in diesem Punkt wunderbar klar und unmissverständlich: Diejenigen, die nicht in einem ehelichen Bett geboren sind, können Reichtümer erwerben, aber kein Bastard – auch nicht der eines Papstes – kann je ins heilige Kardinalskollegium aufgenommen werden.

Draußen sammeln sich die Kardinäle in Erwartung des Abendessens. Er hört Rodrigo Borgia schallend lachen. Ohne Zweifel ist er gerade damit beschäftigt, die Stimmen zu besorgen, die della Rovere hinzugewinnen soll, damit es aussieht, als wäre sein Sieg gewiss, bevor er untergeht.

ZWEITES KAPITEL

Am nächsten Morgen findet in dem Versammlungsraum vor der Kapelle der dritte Wahlgang statt.

Die Auszählung ergibt, dass della Rovere die Führung übernommen hat. Sein Vorsprung ist nicht groß, aber merklich. Della Rovere, ein gewiefter Politiker, der seine Gefühle nicht preisgibt, verzieht keine Miene. Der offenherzige Ascanio Sforza dagegen reagiert spontan mit Zeichen heftiger Unruhe. Er wirft nervöse Blicke in Richtung des Vizekanzlers, der aber scheinbar tief im Gebet versunken ist.

Draußen gehen die Parteien in verschiedene Richtungen auseinander. Borgia entschuldigt sich, um die Latrine aufzusuchen. Sforza sieht ihm nach, dabei tritt er nervös von einem Fuß auf den anderen, als drückte ihn die Blase. Kaum hat sich die Tür hinter Borgia geschlossen, da folgt er ihm. Als er wieder herauskommt, ist sein Gesicht totenbleich. Ascamios Bruder herrscht über einen großen Teil Norditaliens, aber hier im Konklave nutzt diese Art Macht nichts. Der Mailänder verschwindet im Gedränge. Es dauert nicht lang, bis die mächtigsten unter seinen Anhängern ein natürliches Bedürfnis überkommt. Schließlich erscheint Borgia wieder. Ausnahmsweise einmal lächelt er nicht. Er wirkt gefasst wie einer, der sich mit seiner Niederlage abgefunden hat. Aber natürlich ist ebendas die Pose, die Verlierer einnehmen müssen, wenn sie vorhaben, den Spieß umzudrehen und die Gewinner um ihren sicher geglaubten Sieg zu bringen, bevor diese auch nur merken, was passiert.

Der strengen Klausur zum Trotz dringen die Neuigkeiten wie Rauch aus dem Vatikanpalast und sind am Abend das wichtigste Gesprächsthema an den Tafeln der Reichen, und als die Mitglieder der großen Adelsfamilien Colonna, Orsini und Gaetani (die alle ihre eigenen Kardinäle im Konklave sitzen haben) sich endlich zur Ruhe begeben, summt ihnen der Name della Rovere im Kopf herum.

Während die vermeintlichen Gewinner von fetten Belohnungen träumen, die der neue Papst austeilen wird, hat man im Palast der Borgia, ungefähr auf halbem Weg zwischen der Engelsbrücke und dem Campo de' Fiori gelegen, anderes zu tun. Die Residenz des Kardinals ist in ganz Rom berühmt, weil sich in ihr aufs Schönste Reichtum und guter Geschmack vereinigen. Sie ist zugleich das Amtsgebäude des Vizekanzlers, des Vorstehers der päpstlichen Kanzlei, die für ihre Leistungen Gebühren erhebt und ein profitables Unternehmen ist. Bevor der letzte Wahlgang stattfindet, öffnet sich im Schutz der Dunkelheit, aber keineswegs unbemerkt – denn es gibt Leute, die dafür bezahlt werden, dergleichen zu beobachten – das Tor eines Stallgebäudes, und etliche Tiere werden ins Freie geführt. Zuerst ein schnelles Pferd, ein arabisches Vollblut, im Sattel ein vermummter Reiter. Darauf folgen sechs Maultiere. Das Pferd hat bereits das nördliche Stadttor erreicht, als die Maultiere eben erst einen der sieben Hügel Roms hinaufsteigen. Aber sie haben auch schwer zu tragen an dem ganzen Silber, das ihnen aufgeladen wurde. Jedes acht Beutel, sagt man, alle lange vorher gepackt, denn so viel Geld kann man nicht an einem Abend zählen. Wo sie es hinbringen? Zum Palast des Kardinals Ascanio Sforza. So eine Niederlage ist bitter, aber man kann dafür sorgen, dass wenigstens ein süßer Nachgeschmack bleibt.

Die goldenen Sterne an der Decke der Sixtinischen Kapelle blicken in dieser Nacht hinab auf reges Treiben. Alte und junge Kardinäle, korrupte und heiligmäßige werden von aufgeregtem Schwatzen um ihren Schlaf gebracht. Es geht zu wie auf einem Viehmarkt. Man wundert sich, dass all die schachernden und feilschenden Würdenträger keine Abakusse hervorziehen, damit sie die Erträge der angebotenen Pfründen schneller berechnen können. Es ist, als hätte ein Gezeitenwechsel stattgefunden: Am Anfang merkt man es kaum, dass der Pegel steigt, aber dann kommt die Flut mit einer Macht, die nichts und niemand mehr aufhalten kann. Schüsseln und Platten mit Essen, die durch die Klappe hereingereicht wurden, bleiben unberührt, den Wein haben die Herren ausgetrunken und schreien andauernd nach mehr. Der päpstliche Zeremonienmeister Johannes Burchard, ein Deutscher mit strengem Sinn für Ordnung, notiert jede Bestellung und die dazugehörige Uhrzeit in seinem Büchlein. Was er von dem ganzen Geschehen hält, bleibt ein Geheimnis, das er nur seinem Tagebuch anvertraut.

In der stillsten Zeit der Nacht versammeln sich die Kardinäle zu ihrer zeremoniellen Sitzung. Ihre prächtigen mit Schnitzereien verzierten Prunkstühle, jeder mit einem Baldachin, bestickt mit dem Wappen des Eigentümers, sind in einem Kreis aufgestellt. Die Luft ist verbraucht, es riecht nach Schweiß, Staub und schweren Parfüms. Die meisten der Männer sind vollkommen ausgelaugt und todmüde, und doch ist unter der Oberfläche eine freudige Erregung zu spüren. Das Bewusstsein, Geschichte zu machen, kann schon euphorisierend wirken, erst recht, wenn zugleich auch noch Profit daraus zu schlagen ist.

Schweigend stimmt man ab.

Und dann, als das Ergebnis verkündet wird, füllt ein lautes »AAAAH« den Raum, teils wutentbrannt, teils triumphierend, aber das ist nicht so genau zu unterscheiden. Alle Blicke wenden sich Kardinal Borgia zu.

Die Tradition verlangt ein einziges Wort: »Volo« – »Ich will«. Aber dieser massige Mann, ein Meister feingeschliffener politischer Verstellungskunst, springt auf und reckt beide Fäuste in die Luft wie ein Preisringer, der seinen stärksten Gegner besiegt hat.

»Ja!«, schreit er. »Ja. Ich bin der Papst!« Und er jauchzt in kindlichem Entzücken.

»ICH BIN DER PAPST.«

»HABEMUS PAPAM!« »WIR HABEN EINEN PAPST!«

Die Gestalt am Fenster des Vatikanpalasts verstummt und atmet tief die frische Nachtluft ein. Da tritt eine zweite Gestalt zu ihm, die Arme ausgestreckt, die Hände zu Fäusten geballt wie ein Zauberkünstler, der mit großer Geste eines seiner Kunststücke vorführt. Seine Hände öffnen sich, und Papierschnipsel stieben wie Schneeflocken durch die Luft. Sie flattern hinunter auf den Platz im Licht der Morgendämmerung, einige geraten in die Flammen der Fackeln und taumeln dahin wie betrunkene Glühwürmchen. So ein theatralischer Auftritt nach einer Papstwahl ist noch nie dagewesen. Die Leute unten springen hoch, um die fliegenden Zettelchen zu erhaschen, sie balgen sich darum. Einige können lesen, was darauf geschrieben steht, die anderen hören es:

»… Rodrigo Borgia, Kardinal von Valencia, ist gewählt worden, Papst Alexander VI.«

»Bor-gia! Bor-gia!«

Die Menge skandiert aufgeregt den Namen, während immer mehr Menschen aus dem Gewirr von Straßen und Gassen beiderseits der Engelsbrücke auf den Platz strömen. Nachdem die Römer so lange gewartet haben, würden sie wahrscheinlich selbst den Teufel mit Jubel begrüßen, und doch ist ihre Freude mehr als ein Strohfeuer. Die vornehmen Familien von Rom mögen die Nase rümpfen über diesen Ausländer und seine Sprache, die so klingt, als versuchte jemand, seine Kehle von einem Schleimklumpen zu befreien, aber diejenigen, die nichts zu verlieren haben, lieben einen Mann, der etwas springen lässt und an hohen Feiertagen seinen Palast für die Bevölkerung öffnet. Und Rodrigo Borgia hatte sich über Jahre hinweg immer großzügig gezeigt und damit die Herzen der Römer gewonnen.

»BOR-GIA!«

Im Gegensatz zu vielen anderen Reichen demonstriert er, dass es ihm Freude macht, mit vollen Händen zu geben. Dieser Vizekanzler ist von verschwenderischer Freigebigkeit. Wenn ausländische Würdenträger zu Besuch sind oder die neuesten Reliquien in festlichen Prozessionen dem Volk vorgeführt werden, sind die Straßen um seinen Palast immer mit den schönsten Blumen bestreut, unter seinen Fenstern hängen langen Bahnen prächtigen Stoffs, seine Brunnen spenden in sprudelndem Fluss Unmengen von Wein, er bietet Unterhaltung, die auch den verwöhnten Geschmack kitzelt, veranstaltet Feuerwerke, die ganze Nächte lang den Himmel erhellen.

»BOR-GIA!«

Gerade mal sechs Monate ist es her, dass Rom die Eroberung des maurischen Granada durch christliche Truppen feierte. Ein Triumph für Spanien, aber auch für die Kirche. Der Kardinal hatte zu einem Fest in seine Residenz geladen, der Hof war in eine Stierkampfarena verwandelt worden. Während des Spektakels ist einer der Stiere, bis zur Raserei gereizt, ausgebrochen und hat etliche Zuschauer auf die Hörner genommen. Aber dann hat der junge Cesare blutige Vergeltung geübt: Er hat sein geistliches Gewand gegen das Kostüm eines Matadors getauscht, hat den wilden Stier in die Knie gezwungen und ihm die Kehle durchgeschnitten. Tagelang hat ganz Rom darüber geredet. Und über das Geld, das die Familien der zwei Männer, die an ihren Wunden gestorben waren, bekommen haben. Der reiche alte Mann und sein kühner, stolzer Sohn. Ein generöser Wohltäter der eine, ein kriegstüchtiger, starker Mann der andere. Wie sollte man nicht mit Begeisterung und froher Hoffnung diesem Pontifikat entgegensehen?

Botenläufer sind bereits in der ganzen Stadt unterwegs. Von der Engelsbrücke aus fährt ein Kahn flussabwärts zum Ponte Sisto und zur Insel. Die Männer an den Rudern rufen unterwegs den Leuten an den Ufern die Nachricht zu. Andere Boten eilen über die Brücke und dann weiter nach Osten in das Viertel, wo die Bankiers und Geldwechsler ihre Lokale mit Brettern und Läden gegen gewalttätige Übergriffe gesichert haben, und nach Süden in den dicht besiedelten Stadtteil, der sich in den großen Bogen des Tiber schmiegt und wo Arme und Reiche, oft nur durch Gassen oder offene Abwasserrinnen voneinander getrennt, nebeneinander wohnen.

»ALEXANDER.«

In einem Schlafzimmer im ersten Stock eines Palasts auf dem Monte Giordano wird eine junge Frau vom Krakeelen Betrunkener auf der Straße aufgeweckt. Sie wälzt sich auf die andere Seite und beugt sich, auf den Ellbogen gestützt, über ihre Bettgenossin, die noch schläft, einen wohlgeformten Arm auf der Bettdecke. Sie hat dichte Wimpern und einen blassen, flaumigen Teint, die schwellenden zarten Lippen stehen etwas offen.

»Giulia?«

»Hmmm?«

Normalerweise schlafen die zwei jungen Schönheiten jede in ihrem eigenen Bett, aber da in diesen Tagen die Nerven aller besonders angespannt sind, hat man ihnen erlaubt, einander Gesellschaft zu leisten und sich mit Scherzen über Räuberbanden und furchtlose Kavaliere Mut zu machen, wenn das Geschrei von randalierenden Horden von draußen hereindrang. Erst zwei Nächte zuvor war ein Mann in Todesangst heulend und wimmernd durch die Straße gerannt, verfolgt von mörderischem Gesindel. Er hatte verzweifelt an die Tür gehämmert und gefleht, man möge ihn einlassen, aber niemand hatte ihm geöffnet. Und als seine Schreie, in Blut ertränkt, sich in grässlich gurgelnde Geräusche verwandelten, hatten die Mädchen die Köpfe unter ihre Kissen gesteckt, damit sie seine letzten rasselnden Atemzüge nicht hören mussten. Früh am nächsten Morgen hatte dann Lucrezia beobachtet, wie einige Mönche in schwarzen Kutten die Leiche aufgehoben und auf einem Karren zusammen mit anderen Opfern der nächtlichen Gesetzlosigkeit weggeschafft hatten. Im Konvent hat sie manchmal davon geträumt, dass sie selbst ihr Leben solchen Werken der Barmherzigkeit geweiht hat. Sie hat sich in einem weißen Gewand gesehen, eine junge heilige Klara, strahlend entschlossen zu Armut und Demut, den Blick gesenkt, während der tobende Mob angesichts ihrer Heiligkeit ehrfürchtig verstummte.

»BORGIA … HABEMUS BORGIA.«

»Giulia! Wach auf. Hörst du das?«

Sie hatte immer schon Angst davor, alleine zu schlafen. Schon als kleines Kind hatte sie, wenn ihre Mutter oder das Kindermädchen fortgegangen war und die Dunkelheit ihr das Blut in den Adern gerinnen ließ, all ihren Mut zusammengenommen, war durch die schreckliche Finsternis zur anderen Seite des Zimmers gehuscht, wo ihr Bruder schlief, und zu ihm ins Bett geschlüpft. Und er, dieser wilde Raufbold, legte seinen Arm um sie und strich ihr übers Haar, bis sie ganz warm und weich neben ihm einschlummerte. Im Konvent wollte man ihr eine Zelle für sich allein geben, aber sie hatte darum gebeten, im Schlafsaal bei den anderen Mädchen schlafen zu dürfen. Als sie später wieder zu ihrer Familie zurückkehrte, war Cesare längst fort, und ihre Tante hatte kein Verständnis für das, was sie »kindisches Getue« nannte.

»Was wirst du machen, wenn du verheiratet bist und weit weg von hier in Spanien leben musst? Dann hast du deinen Bruder auch nicht in deiner Nähe.«

Ja, schon, aber dann würde der gutaussehende Ehemann, den man ihr versprochen hatte, sie beschützen, und wenn der in den Krieg ziehen musste oder sonst auf Reisen war, hatte sie ihre Hoffräulein, die bei ihr schlafen würden.

»ALEXANDER. VALENCIA. BOOORGIA … JAAA!«

»Wach auf, Giulia!« Sie sitzt jetzt aufrecht im Bett und streift die innen eingeölten Nachthandschuhe ab, die sie tragen muss, damit ihre Hände schön weiß aussehen. »Hörst du, was die schreien?«

»BORGIA, ALEXANDER.«

»Aaaah.« Und jetzt springen und krabbeln sie aus dem Bett, beide gleichzeitig und so hektisch, dass sie einander ins Gehege kommen und die Haarnetze ihnen von den Köpfen rutschen und die ganze schwere Fülle ihrer Haare sich über ihre Schultern ergießt. Sie stürzen zum Fenster, so aufgeregt sind sie, dass sie kaum Luft bekommen. Lucrezia zerrt an dem Riegel der Läden, obwohl es streng verboten ist, sie zu öffnen. Endlich schwingen die großen Läden auf, und bleiches Morgenlicht flutet ins Zimmer. Die Mädchen strecken die Köpfe durchs Fenster, zucken aber gleich wieder zurück, als einer der Männer auf der Straße zu ihnen hochschaut und etwas schreit. Nervös kichernd ziehen sie die Läden schnell wieder zu.

»Lucrezia! Giulia!« Die Stimme ihrer Tante tönt so weit wie eine Trompete.

Sie steht am Fuß der großen Steintreppe, die in einem eleganten Bogen nach oben führt. Sie hat die Hände auf die molligen Hüften gestützt, ihr feistes Gesicht ist gerötet, die kleinen, dunklen Äuglein unter den schwarzen, buschigen Brauen funkeln: Tante, Witwe, Mutter, Schwiegermutter und Cousine Adriana de Mila, Spanierin von Geburt, durch Heirat Römerin geworden, aber zuerst und zuletzt und vor allem eine Borgia.

»Ihr sollt doch die Läden nicht öffnen! Wollt ihr noch mehr Gesindel anlocken?«

Später wird sie immer und immer wieder jedem, der ihr über den Weg läuft, erzählen, wie es war, als sie die große Neuigkeit erfahren hat. Wie sie mitten in der Nacht – »es war so finster, dass ich die Hand nicht vor den Augen sehen konnte« – von ganz scheußlichen Zahnschmerzen aufgewacht ist – »als würden mich ein Dutzend Nadeln in den Mund stechen«. Es war so schlimm, dass sie aufstand, um nach der Flasche mit dem Nelkenwein zu suchen, aber mitten auf der Treppe ging die Kerze aus, »so plötzlich, als hätte jemand ein Hütchen drübergestülpt«.

Und da war es dann passiert: Irgendetwas oder irgendjemand ging in einem starken Windstoß an ihr vorbei. Eigentlich hätte ihr vor lauter Schreck das Herz stehenbleiben müssen, schließlich war die ganze Stadt voller Einbrecher und Räuber, aber sie spürte nur, dass warme Ruhe und Staunen sie ganz ausfüllten, und sie hatte gewusst, »ja, ich wusste es, als hätte es mir jemand ins Ohr geflüstert«, dass ihr Cousin, der Vizekanzler und Kardinal von Valencia, zum Stellvertreter Gottes auf Erden erwählt worden war. Die Zahnschmerzen waren wie fortgeblasen gewesen, und sie war noch auf dem steinernen Treppenabsatz auf die Knie gefallen, um Gott zu danken.

Während sich in der Stadt lebhafte Unruhe ausbreitete, hatte sie die Dienstboten geweckt und in aller Eile einen Brief auf den Weg gebracht. Ihr Haus war jetzt eines der wichtigsten in Rom, und man musste sich auf einen Ansturm von Besuchern vorbereiten. Sie wollte eben die Mädchen wecken, als sie ihre Stimmen und das Schlagen der Fensterläden hörte.

»Wenn ihr schon so munter seid, kommt ihr am besten runter.«

Sie hört Gelächter und schwatzende Stimmen, erst aus dem Schlafzimmer, dann vom Treppenabsatz.

Ein Fremder könnte die zwei jungen Frauen für Schwestern halten, denn obwohl die ältere in ihrer überwältigenden erwachsenen Schönheit einer ganz anderen Klasse angehört als ihre Gefährtin, die einer noch geschlossenen Knospe gleicht, spricht aus ihrem Umgang miteinander doch eine Kameradschaft und Vertrautheit, die mehr auf Verwandtschaft als auf Freundschaft hindeutet. »Borgia! Valencia! Das haben die Leute gerufen. Ist es wahr, Tante?«

Lucrezia nimmt die letzten Stufen mit solchem Schwung, dass sie beinahe ihre Tante umrennt, die unten an der Treppe steht. Als Kind hat sie immer ihren Vater so begrüßt; sie flog ihm geradezu in die Arme, und er fing sie auf, wobei er jedes Mal so tat, als hätte er Mühe, festen Stand zu behalten. »Er ist gewählt worden, ja? Er hat gewonnen?«

»Ja, durch Gottes Gnade ist dein Vater Papst geworden. Alexander VI. Aber das ist noch lange kein Grund, halb bekleidet durchs Haus zu laufen wie eine Kurtisane mit schlechten Manieren. Wo sind deine Handschuhe? Und was ist mit dem Morgengebet? Ihr solltet auf den Knien unserem Herrn Jesus Christus danken, dass er unsere Familie so zu Ehren bringt.«

Aber die Antwort darauf ist nur noch mehr Gelächter, und Adriana, die, obwohl sie längst eine gestandene Frau im Matronenalter ist, sich etwas von ihrem kindlichen Wesen bewahrt hat, kann nicht länger widerstehen. Sie drückt das Mädchen fest an sich, dann hält sie sie auf Armeslänge und streicht ihr das rötlich blonde Haar zurück, das nicht so dicht und golden ist wie das von Giulia, aber doch immer noch spektakulär genug in einer Stadt, in der die Schönheiten alle schwarzhaarig sind.

»Oh, schau dich an. Die Tochter eines Papstes.« Und jetzt kommen ihr doch fast die Tränen. Lieber Gott, denkt sie, wie schnell die Zeit vergangen ist. So viele Jahre, das kann doch gar nicht sein, oder? Das Kind war noch keine sechs Jahre alt, als es in ihre Obhut kam. Wie sie geweint und geschrien hatte, weil sie fortmusste von ihrer Mutter. Als wollte man sie ermorden. Adriana hatte ihr Bestes versucht, sie zu beruhigen. »Es ist gut, Lucrezia. Du wirst deine Mama wiedersehen. Aber das ist jetzt dein Zuhause. Es ist ein prächtiger Palast, und du wirst hier aufwachsen, wie es sich gehört für ein Kind aus so einer vornehmen Familie.«

Aber alles gute Zureden hatte nichts genutzt, sie hatte nur immer lauter geschluchzt. Cesare war der Einzige gewesen, der sie trösten konnte. Wie sie ihren Bruder anbetete! Wochenlang wollte sie ihn nicht aus den Augen lassen, lief ihm ständig hinterher und rief seinen Namen wie ein blökendes Lämmchen, bis er sie auf den Arm nahm, obwohl er selbst noch ein kleiner Junge war. Und wenn Juan sie verspottete, packte ihn Cesare und nahm ihn in den Schwitzkasten und schlug ihn, bis der Jüngere heulend davonlief. Und dann kam auch noch der kleine Jofré dazu, und nun hatte Adriana erst recht alle Hände voll zu tun, greinende und schreiende Kinder zu beruhigen, bis sie nicht mehr wusste, wo ihr der Kopf stand.

»Ah, wir Borgia weinen so, wie wir lachen, immer von ganzem Herzen.« Dass Rodrigo die Kinder so verwöhnte und es sich gerne gefallen ließ, wenn sie, sobald er das Haus betrat, ständig um ihn herumwuselten und dabei einen Heidenlärm veranstalteten, machte die Sache nicht leichter. Und wenn man ihm berichtete, dass sich eines von ihnen wieder einmal schlecht benommen hatte, sagte er: »Das ist nun einmal unsere Natur, dass wir alles, jede Gemeinheit und jedes Kompliment, viel tiefer empfinden als diese abgestumpften Römer. Sie werden sich früh genug die Hörner abstoßen. Schau dir Lucrezia an, Adriana, ist sie nicht wunderbar? Diese vollkommen geformte Nase, diese sanft gerundeten Wange. Man sieht schon Vannozzas ganze Schönheit. Sie hat das Äußere ihrer Mutter und das Temperament ihres Vaters. Was für eine Frau, wenn sie erst mal erwachsen ist!«

Und sie wird es schon bald sein, denkt Adriana. Nächstes Jahr wird sie dreizehn, und sie ist bereits vertraglich mit einem spanischen Adeligen verlobt, der Güter in Valencia besitzt. Ihre Augen werden nicht weniger funkeln als all das Gold ihrer Mitgift. Aber sie sind alle schön, diese illegitimen Kinder von Rodrigo Borgia. So herrlich ist die Barmherzigkeit Gottes, dass er einem seiner Diener, den er zu großen Dingen bestimmt hat, seine fleischlichen Begierden verzeiht. Wenn Adriana eine neidische Ader hätte, könnte sie einigen Groll empfinden, da sie, auch eine Borgia und mit einem Orsini verheiratet, nur einen einzigen mickrigen, schielenden Jungen zur Welt gebracht hat, bevor ihren armseligen, kümmerlichen Ehemann der Schlag traf.

Ihr Leben ist unendlich reicher geworden nach seinem Tod. Sie musste nicht den Rest ihrer Tage in einem Kloster zubringen, sondern ihr geliebter Cousin Rodrigo machte sie zur Betreuerin seiner vier Kinder, und diese Aufgabe erfüllt sie mit tiefer Freude. Es gibt keine stärkeren Bande zwischen Menschen als die der Familie, nur die Pflichten gegenüber Gott stehen noch höher. In den vergangenen acht Jahren hat sie sich ganz in den Dienst der Familie gestellt, sie hat alles getan, um den Namen Borgia zu verherrlichen, es gibt nichts, was sie nicht für ihren schönen, so ganz männlichen Cousin täte, nichts, was sie nicht auch tatsächlich bereits getan hat.

Sie wendet sich der gertenschlanken jungen Frau zu, die auf der ersten Treppenstufe innehält, und einen Moment lang verschlägt es ihr den Atem vor so viel Schönheit. »Guten Morgen, Giulia, und die besten Glückwünsche.« Es ist drei Jahre her, dass der Kardinal ihr seinen Beschluss mitgeteilt hat, ihren Sohn mit Giulia zu verheiraten, aber natürlich hat er es nicht einfach plump verfügt, sondern als ein Mann von Welt in aller Liebenswürdigkeit vorgeschlagen.

»Giulia Farnese heißt sie, ein großartiges Geschöpf, reizend und von einem ganz und gar ungekünstelten Wesen. Keine sagenhaft reiche Familie, aber das wird sich bald ändern, glaub mir. Nach seiner Heirat wird es dem jungen Orsino an nichts fehlen bis an sein Lebensende. Er wird ein reicher Mann sein, ein Landgut besitzen, das den Vergleich mit allen Ländereien seiner väterlichen Familie nicht zu scheuen braucht, und er wird in völliger Freiheit tun und lassen können, was er will. Du bist seine Mutter, Adriana – und in mancher Weise die Mutter unserer ganzen Familie –, er wird auf dich hören, das weiß ich. Was sagst du dazu?«

Und er hatte sich lächelnd zurückgelehnt in seinem Sessel, die Hände verschränkt über seinem Bauch. Was sie gesagt hatte, war ihr ganz leicht über die Lippen gegangen. Was sie empfand, hatte sie ganz tief in ihrem Inneren vergraben. Und was die Gefühle des Mädchens betraf, so waren die weder damals noch jemals später zur Sprache gekommen. Als die Hochzeit gefeiert wurde, war Giulia nicht viel älter gewesen, als Lucrezia jetzt ist, aber sie war hübscher und wusste vielleicht auch schon mehr von der Welt. In dieser Stadt voller Männer, die sich einem zölibatären Leben verschrieben haben, ist spektakuläre Schönheit wie die ihre ein Pfund im Spiel um Macht, und schon damals war die Rede davon, dass die Gunst eines Mannes, der gute Aussichten hatte, einmal Papst zu werden, ihrem Bruder einen Kardinalshut eintragen konnte. Familienbande. Nur die Pflichten gegenüber Gott stehen noch höher.

»Hast du gut geschlafen, Giulia?«

»Bis dann dieser Lärm anfing, ja.« Die Stimme der jungen Frau klingt durchaus angenehm, ist aber lange nicht so eindrucksvoll wie ihr Anblick. Sie streicht eine Strähne ihres goldenen Haars, das ihr fast bis an die Knie reicht, aus dem Gesicht. Dieses Haar und der Geruch des Skandals um ihre Ehe spielen in dem jüngsten Klatsch, der in Rom umgeht, eine wichtige Rolle: Maria Magdalena und Venus verschmelzen in der Geliebten des Kardinals zu einer einzigen Person. Man sagt, der Vizekanzler bringe in den Nächten, in denen sie bei ihm ist, das Andachtsbild der Muttergottes, das in seinem Schlafzimmer hängt, hinaus auf den Korridor, um nicht bei der Heiligen Jungfrau Anstoß zu erregen. »Wann soll ich mich bereithalten? Wann wird er mich zu sich rufen lassen?«

»Oh, ich bin mir sicher, dass Seine Heiligkeit in den nächsten Tagen sehr beschäftigt sein wird. Er wird uns so bald nicht besuchen kommen. Nutze die Zeit, dich zu pflegen; sorge dafür, dass dein Atem angenehm riecht und dass du immer schön gekleidet bist. Ich muss dir ja nicht sagen, Giulia, was für eine große Gnade uns allen zuteilgeworden ist. Vielleicht dir am meisten. Die ganze Welt schaut auf dich, jetzt, wo du die Mätresse eines Papstes bist.«

Eine leichte Röte steigt dem Mädchen in die Wangen, offenbar ist sie wirklich überwältigt. »Ich weiß. Ich bin darauf vorbereitet. Aber ich … ich sollte …« Sie zögert. »Ich meine: Was ist mit Orsino?«

Rodrigo hatte recht, wie immer. Sie war reizend und ein bisschen schlicht in ihrer unverstellten Art. Was für ein Glück. So eine Schönheit kann leicht auf Bosheiten verfallen oder Intrigen aushecken. Adriana schenkt ihr jenes etwas strenge Lächeln, das ihnen allen so vertraut ist. »Darum musst du dir keine Sorgen machen. Ich habe meinem Sohn bereits geschrieben – der Bote ist schon unterwegs. Mit Gottes Gnade wird er den Brief erhalten, bevor die Neuigkeit allgemein bekannt ist.«

»Ja … ich sollte vielleicht selbst ein paar Worte … ich meine, er ist mein Ehemann, und es wird –«

»Es wird so sein, wie es eben sein wird. Dein Mann ist genauso ein Borgia, wie er ein Orsini ist, und er wird stolz sein, dass seine Familie eine solche Ehre erfahren hat. Und das solltest du auch sein. Uns stehen große Veränderungen bevor. Eine Menge Leute werden ins Haus kommen, die Anliegen und Gesuche an den Papst haben. Wir werden Rodrigo bitten müssen, einen Sekretär einzustellen, der all die Petitionen bearbeitet.«

Lucrezia fasst lachend Giulias Hände. »Mach dir keine Sorgen. Orsino wird sich für dich freuen, glaub mir.« Sie sieht ihr unverwandt in die Augen, bis sie ihr ein Lächeln entlockt. »Wir werden ihn manchmal auf dem Land besuchen und ihn aufheitern. Aber die meiste Zeit halten wir zusammen Hof im großen Salon. Tante Adriana führt die Besucher herein und erbricht die Siegel der Briefe, ja? Wir beide lesen sie dann und bewerten sie, und diejenigen Angelegenheiten, die wir für würdig und wichtig befinden, stellen wir Papa vor, wenn er kommt, und er wird sich glücklich preisen, dass er so tüchtige Hausdiplomatinnen hat.«

Alle drei müssen lachen, wie erlöst, denn in den letzten Tagen waren ihre Nerven unerträglich angespannt gewesen, und nun ist tatsächlich eingetreten, was sie aus ganzer Seele, wenn auch mit ein bisschen Angst, gewünscht hatten.

»Und Juan und Jofré dürfen nicht mit dabei sein, schließlich wollen all die Herrschaften ja uns ihre Aufwartung machen und nicht irgendwelchen pickeligen, ungezogenen Bengeln, findest du nicht, Tante Adriana? Wo sind sie überhaupt? Wissen sie es schon? Es kann doch nicht sein, dass sie immer noch schlafen?«

O ja, das kann sehr wohl sein, denkt Adriana. Jofré wird se

DRITTES KAPITEL

Während auf den Straßen von Rom die Neuigkeiten hitzig diskutiert werden, vollzieht sich im Vatikanpalast eine Metamorphose, die eines Ovid würdig wäre: Ein korpulenter Einundsechzigjähriger verwandelt sich in einen der mächtigsten Männer der christlichen Welt.

Rodrigo Borgia hat ein stilles Gebet verrichtet, eine jubelnde Danksagung an die Jungfrau Maria, die Muttergottes, seinen Leitstern und seine Fürsprecherin, die einzige Frau, der er in unerschütterlicher Treue ergeben ist. Seine Kardinalsgewänder liegen um ihn herum auf dem Boden, nackt steht er da und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß von der mächtigen Brust, den Fettwülsten des Bauchs und den stämmigen Beinen. Vor ihm drei komplette Garnituren päpstlicher Kleidung: weiße Untergewänder, weite weiße Roben und Käppchen, alles in drei verschiedenen Größen schön gebügelt bereitgelegt, damit der Erwählte, von welcher Statur er auch sein mag, das Passende vorfinde. Der Borgia hat in seiner Karriere schon vier Männer, mindestens einer davon mehr tot als lebendig, aus diesem Raum herauskommen sehen, verwandelt durch die Zauberkraft des Gewands. Jedes Mal hat er sich vorgestellt, er selbst sei der, der da durch die Tür trat, und in all den Jahren hat seine Körperfülle ebenso zugenommen wie sein Verlangen.

Er salbt sich mit duftendem Moschusöl, die Stirn, die Achselhöhlen und die Lenden – in unbewusster Anlehnung an das Kreuzzeichen –, dann nimmt er sich das größte Untergewand.

Von draußen hört er den Lärm der Menge, die auf den Platz strömt. Er summt eine Melodie vor sich hin, ein Stück einer Motette von einem flämischen Musiker, dessen Kompositionen am päpstlichen Hof derzeit Furore machen. Die schwermütige Weise verfolgt ihn schon seit Tagen. Natürlich wird er jetzt mehr Musik in Auftrag geben müssen, für Messen und andere liturgische Zwecke. Eine neue Ära beginnt, allenthalben geprägt von dem neuen Papst, in der großen Politik und in den kleinen Melodien, die den Leuten im Kopf herumgehen. So muss es sein. Wie heißt er, dieser Wallone? Des Prez? Ja, das ist ein guter Mann. Eigentlich sollte ihm jemand beim Anlegen des Obergewands helfen, aber der Borgia ist zu ungeduldig und versucht es allein. Er kommt sich vor wie ein Mann, der in einem Meer aus Milch ertrinkt, während er zappelnd mit Unmengen von Stoff kämpft, der erstaunlicherweise ebenso weich wie schwer ist. Bald wird er Samt und Hermelin anlegen. Er hatte früher einen Mantel aus diesem Pelz, als er noch jung und eitel genug war, außer kirchlichen Gewändern auch höfische Kleidung zu tragen. Ah, wie großartig er sich damals vorkam, als er zum ersten Mal italienischen Boden betrat, ein junger Herkules, die Brust geschwellt von eisernen Muskeln und spanischem Selbstvertrauen, der gekommen war, seinem Onkel zu dienen, der damals noch Kardinal war und bald Papst Calixtus III. werden sollte, der einzige Spanier, der vor ihm auf den Stuhl Petri gelangte.

Es hat nicht lange gedauert, bis er die Feindseligkeit bemerkte, die ihm entgegenschlug. Der Vorwurf des Nepotismus ging Hand in Hand mit der Verachtung der vornehmen Familien Roms. Hämisches Kichern kam auf, sobald er einen Raum betrat, und er sah, wie die feinen italienischen Prälaten angewidert die Augen verdrehten, dass man meinen konnte, sie würden gleich ohnmächtig werden, und hektisch an ihren Parfümfläschchen schnupperten. Am liebsten hätte er ihnen ihre so empfindlichen Nasen plattgeschlagen, aber stattdessen tat er, was nötig war, und passte sich in puncto Körperpflege so vollkommen an die landesüblichen Gewohnheiten an, dass er schon bald imstande war, einen eben erst aus Spanien eingetroffenen Landsmann am Geruch zu erkennen, bevor er ihn zu Gesicht bekommen hatte. Seitdem gibt er solchen Neulingen immer einen guten Rat mit auf den Weg:

»Diese sonderbare Leidenschaft, andauernd zu baden, ist etwas, das die Römer mit den maurischen Heiden gemeinsam haben, aber es ist nun einmal so, mein Lieber: Wenn Ihr in dieser Stadt vorwärtskommen wollt, müsst Ihr …«

Und dann zieht er ein Döschen hervor und bietet dem Gast eine parfümierte Pastille zum Lutschen an, die ihm hilft, seine Äußerungen in der hier üblichen Sprache mit ihren vielen ordinär offenen Vokalen angenehmer zu gestalten. Nach all den Jahren ist der Borgia in seiner ganzen Lebensart mehr Italiener als Spanier, gleichwohl gibt es immer noch Leute, die ihn hinter seinem Rücken einen Marranen schimpfen, einen getauften Juden. Von jetzt an werden sie sich freilich, bevor sie es tun, umsehen, ob alle Türen und Fenster geschlossen und nur vertrauenswürdige Personen im Raum sind.