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Wem kann man in einem Viertel voller Geheimnisse vertrauen? Ruby und Mike haben sich ein ruhiges und glückliches Leben aufgebaut, aber ihr Leben droht aus den Fugen zu geraten – mit tödlichen Folgen. Als Mikes neue Beförderung ihn öfter, als es Ruby lieb ist, ins Ausland führt, freundet sie sich mit dem charmanten neuen Nachbarn Henry an. Ihre verbotene Freundschaft entfacht etwas, das Ruby noch nie zuvor gefühlt hat – aber es setzt auch etwas Unheimliches frei und lässt sie alles in Frage stellen, von dem sie dachte, dass sie es jemals wollte. Denn es geschehen seltsame Dinge: Gegenstände verschwinden, verschlossen geglaubte Türen sind plötzlich unverschlossen, und dann landet auch noch eine beunruhigende Notiz im Briefkasten. Sind Rubys Ängste begründet, oder ist hier etwas viel Düstereres im Spiel? Gefangen in einem Albtraum aus Manipulation und Betrug, alten Geheimnissen, die ans Licht kommen, und Rissen, die sich in ihren Beziehungen offenbaren, merkt Ruby bald, dass die Gefahr nicht immer im Verborgenen lauert ... Wie weit würdest du gehen, um dich zu schützen, wenn dir die Maske der Perfektion entgleitet? --- "Das Buch hat mich von Anfang an gefesselt und ich habe jede verblüffende Wendung geliebt ... Kurzum: Ich habe jede Minute genossen." – Angela Marsons "Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Ich konnte es nicht aus der Hand legen." – S.E. Lynes "Der perfekte Fremde ist die perfekte Lektüre! Fabelhaftes Tempo, genau das richtige Maß an Spannung und so realistisch." – Gina Kirkham "Eine fabelhaft düstere und verschlungene Lektüre, die den Puls in die Höhe treibt, ob man es will oder nicht!" – bytheletterbookreviews
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der perfekte Fremde
© Tara Lyons 2025
© Deutsch: Jentas A/S 2025
Originaltitel: The Perfect Stranger
Übersetzung: Kirsten Evers, © Jentas A/S
ISBN: 978-87-428-2066-7
Kein Teil dieses Buches darf ohne Genehmigung des Herausgebers zum Zweck des Trainings von KI-Technologien oder -Systemen verwendet werden.
Published by arrangement with Rights People, London and Bloodhound Books Limited.
Für Nancy
Alles Gute zum himmlischen Geburtstag
„Vertraue den Menschen, aber vergiss nicht: Salz sieht auch wie Zucker aus.“
– Paulo Coelho
MAI
Du. Du verdienst es zu sterben. Für die Art, wie du Menschen behandelt und ihre Gefühle mit Füßen getreten hast. Meine Gefühle. Du hast mich gedrängt und gedrängt und gedrängt, bis es keinen anderen Ausweg mehr gab.
Keinen Fluchtweg.
Das Blut kriecht über die Dielen, als hätte es einen eigenen Willen; die dunkle, dicke Flüssigkeit schiebt sich immer näher an die Spitzen meiner Turnschuhe heran. Der Gedanke an meine eigene Flucht blitzt in mir auf. Ich kann nicht mehr lange hier bleiben, aber es ist noch nicht zu Ende; ihr wart zu zweit in diesem Tanz. Seid herumstolziert, als ob ihr euch um nichts in der Welt kümmern müsstet, als ob eure Handlungen nicht schmerzhaft, verletzend und gefährlich wären.
Das hier war nie geplant; es ist wichtig, dass du das weißt. Es ist wichtig, dass die Polizei das weiß. Nicht ich habe es getan. Ihr wart es, ihr habt mich angegriffen, körperlich und seelisch. Aber nein, was ist, wenn es für die Polizei nichts zu finden gibt? Wenn ich schnell handle, wird es keine Leichen zu finden geben.
Ich kann euch nicht beide begraben. Ein Lagerfeuer im Garten könnte etwas deplatziert wirken, aber man könnte es mit einem frühabendlichen Grillfest verwechseln. Zumindest am Anfang. Vor ein paar Wochen lief eine Fernsehsendung, bei der ich zwar nur mit halbem Ohr zuhörte, aber die interessante Tatsache, dass verbranntes Menschenfleisch nach gegrilltem Rindfleisch riecht, entging mir nicht. Dazu kommt noch ein Hauch von Schweinefleischaroma für all das Fett, das in euch beiden steckt. Der Moderator, der diese interessante Tatsache erläuterte, sagte, dass niemand den Geruch mit einem „netten Grillabend unter Nachbarn“ verwechseln würde, aber ein kleines Zeitfenster ist alles, was ich brauche. Es wird sowieso nicht lange dauern, bis diese gottverdammten neugierigen Nachbarn etwas bemerken, aber bis dahin bin ich weg und ihr zwei ... na ja, ihr seid dann gegrilltes Hack.
Es ist schon ein bisschen ekelhaft, dass ich über meine eigenen Worte, meine eigenen Pläne lachen möchte, das gebe ich gerne zu. Dieses Kribbeln ist ganz neu ... Nein, ich sollte nicht so denken, es ist wirklich ganz furchtbar. Aber auch das ist eure Schuld. Eure Lügen, die Manipulationen und Intrigen. Ich war nie ein böser Mensch, nie jemand, der gerne anderen schadet, aber Menschen ändern sich andauernd. Sie wachsen an ihren Herausforderungen. Entwickeln sich zu etwas Neuem, zu etwas Stärkerem.
Dein Quieken lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt. Tut mir leid, das zu sagen, aber du siehst aus wie ein Schwein, das mit geknebeltem Maul und gefesselten Hand- und Fußgelenken in der Ecke hockt. Du kommst mir jetzt so klein, so anders vor, dass ich mich fast dafür schäme, wie klein ich mich selbst am Anfang von all dem hier gefühlt habe.
Und sein blutüberströmter Körper, der hilflos neben dir liegt. Ich kann nicht glauben, dass du das zugelassen hast. Wusstest du eigentlich selbst, wie egoistisch du bist? Ich wusste es nicht. Aber man weiß ja bekanntlich nie, mit wem man es bei seinen nächsten Nachbarn wirklich zu tun hat. Sei bloß vorsichtig, was du zu ihnen sagst – auch wenn sie noch so normal und nett wirken.
Ich reiße dir das Klebeband von den Lippen. Du saugst frische Luft ein und keuchst schwer, als hättest du gerade die Oberfläche des Meeres durchbrochen. Typisch. Gierig wie immer.
„Bitte.“ Es ist kaum mehr als ein Flüstern, also rücke ich etwas näher, um dich besser zu hören. „Es tut mir so ... so leid. Bitte tu das nicht...“
Du wirst von deinem eigenen Schluchzen unterbrochen, als eine neue Welle der Verzweiflung dich übermannt.
Ah, weil du tatsächlich für einen Moment aufgehört hast, an dich selbst zu denken und deinen Blick auf den Boden gerichtet hast. Ja, sieh zu, wie das Blut seinen leblosen Körper verlässt. Senk den Kopf. Lass die Tränen sich mit den Rotzlachen vermischen, die sich um deine Nasenlöcher gesammelt haben. Ich kann nicht glauben, wie hoch ich dich einst geachtet habe. Wie viel Ehrfurcht ich vor dir hatte. Und jetzt sieh dich an ... du bist nutzlos.
„Es ... es ... tut mir leid“, stotterst du.
Ich nehme dein Gesicht in die Hand, halte deine Wangen fest und zwinge deinen Kopf nach oben. Sieh mich an. Ich bin überwältigt, wie wütend du mich gemacht hast. Dein Gesicht brennt weiß unter dem Druck meiner starren Finger. Nur zu, wimmere, jammere. Heule und flenne. Murmle Worte, die keinen Sinn ergeben.
Reumütig.
Verängstigt.
Egoistisch.
Ich sehe es jetzt ganz deutlich: So bist du also. Und du solltest dich schämen. Er ist deinetwegen tot. Und jetzt gibt es keinen anderen Weg, wie das hier enden kann. Du musst als Nächstes dran glauben. Ich muss diese Worte nicht einmal laut aussprechen. Unsere Blicke treffen sich schließlich für einen kurzen Moment, aber ich muss wegschauen, denn deine Augen sind so weit aufgerissen, dass du völlig wahnsinnig aussiehst. Ich schätze, du bist wirklich wahnsinnig. Das musst du auch sein, wenn du mir so etwas antust. Ich weiß nicht einmal mehr, wer du bist. Aber eins weiß ich mit Sicherheit ...
Er ist deinetwegen tot. Und jetzt musst du auch sterben.
Ein ohrenbetäubender Aufschrei durchbricht die Stille.
VIER MONATE ZUVOR
Niemand ist perfekt. Kein Paar hat die perfekte Beziehung. Wenn man das glaubt, dann nur, weil sie es einen glauben lassen wollen. Sei es in den sozialen Medien, wenn sie einen besonderen Jahrestag feiern, ihr erstes Haus kaufen oder ihre mirakulöse Schwangerschaft verkünden. Oder sie erzählen einem direkt von ihrer Beförderung, dem Urlaub, den sie gerade gebucht haben, oder dem allwöchentlichen Date, das einfach ein Muss sei, um das Feuer in einer jeden Beziehung am Brennen zu halten. Ist irgendetwas davon wirklich wahr? Können alle unsere Freunde, Familienangehörigen und Kollegen ihr Leben wirklich dermaßen im Griff haben?
Ich persönlich bin mir da nicht so sicher. Obwohl ich wette, dass die meisten mich für diese Aussage ganz platt als neidisch abstempeln würden. Neidisch deshalb, weil ich nur eine kleine Familie habe und meine Freunde an einer Hand abzählen kann. Ich habe seit mindestens drei Jahren keinen Urlaub mehr gemacht – im Ausland – und habe auch für die nächste Zeit keinen gebucht. Ich bin selbständig; wenn ich also keinen Praktikanten einstelle, nur um ein „Team“ um mich zu haben, werde ich in nächster Zeit bestimmt nicht befördert werden. Es gibt keinen Ring. Es gibt kein Wunschbaby.
Aber Mike und ich sind glücklich. Wir sind zufrieden in unserer kleinen Blase, die zwar nicht perfekt für die sozialen Medien, aber perfekt für uns ist. Das soll nicht heißen, dass es in den letzten sechs Jahren einfach war; Beziehungen sind zwangsläufig chaotisch, weil Menschen nun mal chaotisch sind. Hätte ich gerne einen Ring am Finger? Ja, natürlich. Aber er ist nicht das A und O, denn Mikes Treue habe ich so oder so.
Möchte ich ein Kind? Mehr als alles andere auf der Welt. Ich bin bereit, eine Familie mit Mike zu gründen, seit ... nun, wahrscheinlich seit dem Tag, an dem ich ihn kennengelernt habe. Ich habe immer für diesen Mann geschwärmt. Der Kontrast zwischen dem stets glatt rasierten Gesicht und den unordentlichen blonden Haaren verleiht ihm immer diesen „Ich komme gerade aus dem Bett“-Look, aber mit einer makellosen Ausstrahlung.
Ich wollte schon immer eine Mutter sein. Als Mike und ich im März 2020 hierher zogen, war das immer mit der Vision verbunden, dass es das Haus werden würde, in dem wir eine Familie gründen.
Als Covid kurz darauf die Welt eroberte, war das wie ein Segen. Anfangs zumindest. Der Gedanke, dass wir beide Tag und Nacht zusammen eingesperrt sein würden ... Da würde ich doch mit Sicherheit schwanger werden. Bis zum neuen Jahr würden wir eine dreiköpfige Familie sein. Aber wie bei so vielen Menschen in diesem Jahr und aus so vielen verschiedenen Gründen wurde unsere Hoffnung zunichte gemacht.
Während ich zu Hause mit einem Drink in der Hand in der Sommersonne saß und darüber nachdachte, welche neue Position Mike und ich als Nächstes ausprobieren könnten, lag meine arme Mutter in einer Lache ihres eigenen Blutes auf dem kalten Boden. Dieses Bild kehrt jeden Tag früher oder später unweigerlich zu mir zurück, wie ein ungebetener Gast, der einfach nicht den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und gehen will. Und er bleibt für immer. Der Tod meiner Mutter hat sich tiefer in mein Herz eingebrannt als jede Erinnerung an sie zu Lebzeiten.
Der Rest dieses Jahres und des Jahres danach sind nur noch verschwommene Schatten in meiner Erinnerung.
Seitdem trage ich eine Traurigkeit mit mir herum. Selbst wenn ich laut lache, ist in der Ecke meines Lächelns immer ein Schatten der Traurigkeit versteckt. Auch die Wut hatte sich lange Zeit in mir eingenistet, und ich weigerte mich, das Geschehene zu vergessen. Denn es ist alles meine Schuld ... Mums ...
„Ja, Carlos, ich weiß, dass wir im Moment wenig Aufträge haben, aber Kundenservice ist nicht meine Aufgabe.“
Mikes dröhnende Stimme schallt durch das Haus und reißt meine Gedanken von Mum weg. Eigentlich eine gute Sache. Wenn ich mich in den Erinnerungsbrunnen ihres zu frühen Todes vertiefe, verschwinde ich nur wieder in meinem Loch – und es hat Jahre gedauert, bis ich mich endlich daraus befreien konnte. Ich kann nicht dorthin zurückkehren. Nicht noch einmal.
Mikes Geduld und die Tatsache, dass er mir nicht eine Nacht von der Seite wich, war ehrlich gesagt lobenswert.
Es ist eine echte Belastungsprobe für eine Beziehung, wenn einer der Beteiligten nicht einmal mehr die Kraft hat, morgens aus dem Bett zu steigen. Aber Mike hat mich gerettet. Selbst nachdem die schlimmsten Covid-Wellen längst verebbt waren, arbeitete er weiter von zu Hause aus. Wenn er nicht gerade mit einer Online-Telefonkonferenz beschäftigt war, machte er mir eine Tasse Tee oder brachte mir ein neues Buch.
Ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass ich keines davon wirklich las. Ich starrte einfach nur ausdruckslos auf die Seiten und sah das verzerrte Gesicht meiner Mutter im Durcheinander der Buchstaben. Ich hatte weder den Mut noch die Courage, ihm in diesen ersten Monaten viele Wahrheiten zu sagen ...
Aber ein paar Jahre später fühlte ich mich endlich bereit, es noch einmal mit einer Familie zu versuchen. Familie. Das schönste Wort mit sieben Buchstaben im Wörterbuch, nicht wahr? Na ja, für mich auf jeden Fall. Und es ist alles, was ich mir wünsche, aber jeden Monat werde ich von einem weiteren negativen Schwangerschaftstest heimgesucht. Ich habe meine Ernährung umgestellt und mache mehr Sport. Ich benutze Eisprungmesser und initiiere an meinen fruchtbaren Tagen immer den Sex. Ich habe alles ausprobiert, was mir einfiel, aber nichts davon scheint zu funktionieren. Jetzt frage ich mich, ob es für Mike und mich nicht an der Zeit ist, jemanden aufzusuchen, der uns helfen kann. Uns testen zu lassen.
Ich befürchtete, dass dies auch meine Schuld war. Ich war so lange niedergeschlagen und lebte in einem Nebel der Trauer, dass mein Körper einfach nicht mehr wusste, was er tun sollte.
Die Situation verschlimmerte sich noch, als Mikes Unternehmen Entlassungen vornahm und seine Kollegen zu verschwinden begannen, als ob ein privater Scharfschütze in der Nähe stationiert wäre. Das machte Mike zu schaffen – er arbeitet seit zwanzig Jahren für dieselbe Firma –, und es zeigte sich auch in seinem Umgang mit mir. Jetzt war er es, der keinen Sex wollte. Man kann keine Familie gründen, wenn man emotional ausgelaugt ist, und das spürte ich. Also war es an mir, ihn zu retten. Die letzten sechs Monate waren nicht perfekt, aber sie waren verdammt nah dran.
Wir haben beide mit der Arbeit weitergemacht. Für mich ging es darum, eine neue Fantasy-Serie zu beginnen. Ich bin am besten, wenn ich schreibe, aber in meiner Trauerflaute habe ich das vernachlässigt. Glücklicherweise bin ich als Autorin im Selbstverlag meine eigene Chefin. Ich habe mir einen Zeitplan zurechtgelegt, nach dem mindestens fünftausend Wörter geschrieben sein müssen, bevor ich etwas anderes planen oder einbeziehen kann. Disziplin ist das A und O, wenn man selbstständig ist, und das Erreichen meiner täglichen Wortzahl steht an erster Stelle. Es ist so befriedigend zu sehen, dass sich meine harte Arbeit mit neuen Veröffentlichungen und vielen Buchverkäufen auszahlt.
Mike gehörte zu den Glücklichen, die nicht entlassen wurden – Gott sei Dank –, und obwohl sie die Büros und das Lager in London geschlossen haben, war er an der nächsten Lebensphase des Unternehmens beteiligt. Ich würde ja gerne umfassend über Mikes Job berichten, aber ich war noch nie zu 100 Prozent mit den Details vertraut. Das Wesentliche ist, dass er für ein millionenschweres Glücksspielunternehmen arbeitet, das Automaten herstellt und an die größten Kasinos der Welt liefert: Las Vegas, Dubai, Spanien, Australien ... Klingt eigentlich ziemlich glamourös, oder? Aber immer, wenn er gefragt wird, sagt Mike einfach, dass er in der Glücksspielbranche arbeitet, und belässt es dabei.
„Alle Schränke müssen nach Barcelona.“ Mike projiziert seine Stimme weiter in jeden Winkel des Hauses. „Sie sollten bereits von London aus verschifft worden sein, also gib mir ein Update, bitte.“
Die nächste Phase von Mikes Aufgabe besteht darin, das Unternehmen bei der Eröffnung eines neuen Lagers und Büros in Spanien zu unterstützen. Offenbar ist das billiger als im Vereinigten Königreich, aber man wollte nicht alle Mitarbeiter entlassen, die über entsprechende Kenntnisse verfügen. Da Mike seit seinem Schulabschluss mit siebzehn Jahren für die Firma arbeitet, kennt er sich in jedem Bereich des Unternehmens bestens aus. Er ist ein Gewinn, und ich bin so dankbar, dass sie das auch erkannt haben.
Dies fühlt sich wie unser Jahr an. Zugegeben, es hat gerade erst begonnen, aber zum ersten Mal seit langer Zeit ist es so, als ob sich alles zusammenfügt. Ich habe die Sextermine aus dem Kalender gestrichen und wir genießen es einfach, zusammen zu sein. Ich weiß, dass mein Körper auf diese Nähe auf die richtige Weise reagiert. Ich kann es fühlen.
Meine Bücher verkaufen sich wieder gut. Es gab eine besorgniserregende Zeit, in der ich die Dunkelheit nicht abschütteln konnte, um kreativ zu denken, meine Bücher zu schreiben und sie so zu vermarkten, dass sie von Lesern gefunden würden, die sie lieben.
Mike hat eine feste Stelle und, was noch wichtiger ist, er kann weiterhin von zu Hause aus arbeiten. Obwohl seine Stimme durch die Wände hallt, wenn er an einer Telefonkonferenz teilnimmt, und er manchmal die Lautsprecher etwas zu laut aufdreht, fühlt es sich wie eine Kuscheldecke an, ihn in der Nähe zu haben. Er legt sich schützend um mich und das Haus, und ich freue mich jeden Morgen darauf, aufzustehen. Ich freue mich auch viel mehr darauf, wieder ins Bett zu kommen; wir haben im Moment eine solche Verbindung.
Der Gedanke lässt mich lächeln.
Während ich meinen Schreibtisch verlasse, um nach unten zu gehen, beginnt Mike eine weitere Telefonkonferenz. Sein Adamsapfel wirkt wie ein persönlicher Verstärker und seine Stimme füllt die Luft. In diesem Haus mit drei Schlafzimmern und dem, was in den letzten Jahren passiert ist – oder eben nicht –, haben wir das Glück, dass jeder von uns ein eigenes Zimmer zum Arbeiten hat. Ich hätte mir normalerweise nicht das kleinere der beiden Zimmer ausgesucht, denn ein kleines Zimmer hat etwas, das die Kreativität unterdrücken kann. Aber es war das Zimmer, das wir für unser Baby vorgesehen hatten, und während wir darauf warten, dass der kleine Wonneproppen zu uns kommt, habe ich das Gefühl, dass ich es für ihn warm halte.
Mikes Lautstärke dringt in meinen Arbeitstag ein. Ich kann mich aber nicht beschweren, denn ich lasse die Tür zu meinem Büro absichtlich weit offen. So viel mir dieser Raum auch bedeutet und so viel Hoffnung er mir auch bringen sollte, er kann sich manchmal auch erdrückend anfühlen. Nur die gleichen kleinen vier Wände anzustarren, ohne Öffnung, ohne Licht außer dem kleinen Fenster, durch das man auf die Wohnungen auf der anderen Seite des Feldes hinausschaut, gibt mir das Gefühl, dass es keinen Ausweg gibt. Die Tür muss offen bleiben, um das Gefühl des Eingesperrtseins zu vermeiden. Man muss die Dunkelheit auf jede erdenkliche Weise in Schach halten, nicht wahr?
Ich stehe verloren an der Spüle, meine Finger krümmen sich um meine Tasse – obwohl die Wärme schon längst aus dem bunten Steingut entwichen ist –, und ich starre auf meinen winzigen Garten hinaus. Mein grüner Vorort in Hertfordshire zerrt immer stärker am Rockschoß des Winters. Er liegt nur wenig nördlich von London, und vielleicht sind auch wir von den klimatischen Veränderungen in der Stadt betroffen, wo ein milder November und Dezember einem frostigen Start ins neue Jahr weicht. Wie dem auch sei – der Frost im Januar hat sich in den Februar hineingefressen, und ich versuche, die vernachlässigte, vom Eis gebeutelte Pflanze in der Ecke des Gartens zu ignorieren.
Ich sehne mich nach wärmeren Tagen. Ich habe die hellen Morgenstunden vermisst, die jeden Tag mit Schwung beginnen lassen. Das ist so viel einfacher. Und die milden Nachmittage, an denen ich in der gleißenden Mittagssonne mit einer eiskalten Dose Cola im Garten sitzen und auf meinem Laptop herumtippen kann. Perfekt. Wenn es nur so bleiben könnte und nicht diese klaustrophobischen Wochen des Sommers folgen würden, wo die Hitze einen Tag und Nacht erdrückt. Ich hasse sie genauso sehr wie die dunkle Tiefe des Winters.
Ich atme tief ein und versuche, meine Knochen aus ihrer Träumerei zu wecken, als ich Mike höre, bevor ich ihn sehe.
„Ruby, Ruby, Ruby.“
Er ruft meinen Namen in diesem singenden Ton, obwohl er weiß, dass ich ihn hasse.
Offensichtlich wurde ich geboren, lange bevor die Kaiser Chiefs in einem ihrer Hits die berühmt-berüchtigte Frage stellten, ob ein Mädchen namens Ruby wisse, was sie da tue, tue, tue. Ich gebe zu, dass ich das Wort berühmt-berüchtigt mit einem Augenrollen verwende, weil es für mich persönlich die nervigste Kombination aus Wortwiederholung und weinerlicher Melodie ist. Es könnte aber auch daran liegen, dass jeder, den ich seit 2007 getroffen habe, es mir vorsingt, als ob er gerade die lokale Karaoke-Kneipe betreten hätte.
In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass die Leute mein Gesicht mustern und versuchen zu erraten, wie alt ich bin: Könnte sie nach diesem Lied benannt worden sein? Nein, Kumpel, ich bin 1990 geboren, und 2007 habe ich mir höchstens Sorgen um mein Abitur gemacht. Mein Name kommt eigentlich von der Liebe meiner Großmutter zu Kenny Rogers und einem Mädchen, das seine Liebe nicht in die Stadt tragen sollte. Das, und mein Geburtsdatum, das zum Tag der Liebe gehört.
„Ruby, Ruby, Ruby“, wiederholt Mike, als er in die Küche tänzelt.
Ich setze ein Lächeln auf und drehe mich um, denn ich weiß, dass Mikes spielerische Art, mich zu rufen, nur bedeuten kann, dass er gute Laune hat. Ich würde es hassen, seine Seifenblase platzen zu lassen, bevor er überhaupt eine Chance hatte, mir zu sagen, was ihn so fröhlich macht.
„Was bringt dich denn so zum Singen?“
„Eine Beförderung.“ Er streckt seine Hände aus und macht eine große Geste: Tadaa! „Dieser Umzug nach Spanien, na ja, die Jungs da draußen wissen nicht so viel, wie sie dachten. Sie verstehen das Lagerhaus nicht und wissen nicht, wie es läuft. Nicht so, wie ich es in unserem Londoner Büro tat. Das hat zu einer großen Verzögerung bei der Eröffnung dort geführt.“
Mikes Stimme ist so lebhaft geworden wie seine Gesten, aber seine Worte sind viel zu hastig. Er muss mein Stirnrunzeln missverstehen, denn er hält plötzlich mitten im Armschwung inne und fragt, warum ich mich nicht für ihn freue.
„Natürlich bin ich glücklich! Wenn du glücklich bist, bin ich auch glücklich ... Aber worüber genau sind wir glücklich?“
„Über meine Beförderung, Ruby.“ Seine Arme fallen leblos herab.
Ich habe ihm die Laune verdorben, das merke ich an seinem Tonfall. An seiner Körperhaltung. Ich eile zu ihm, nehme seine Hände in meine und lächle. „Ich meinte doch nur, immer mit der Ruhe – aber erzähl mir alles!“
Er nimmt den Köder auf, befreit seine Hände und drückt mich mit einem Bärengriff an den Schultern. „Ruby, sie wollen mich für die Eröffnung in Spanien. Das Lagerhaus und die Büros.“
Mikes Grinsen ist so breit, dass ich beinahe jeden einzelnen seiner Zähne sehen kann.
„Aber ... wir leben in England.“ Ich klinge wie ein Volltrottel.
„Ja, Babe, das tun wir.“ Er lacht. „Aber es gibt diese Dinger am Himmel, die nennen sich Flugzeuge ... Na jedenfalls, die können einen in fast jedes Land bringen, das man besuchen möchte.“
„Ha, ha.“
Er lässt mich los und hüpft in der Küche herum. „Natürlich bin ich immer noch in London, arbeite von zu Hause und helfe dem Team bei der Planung und dem Zeitplan von hier aus. Aber sie werden mich auch ein paar Mal im Monat in Spanien brauchen, um beim Training und bei der Umsetzung zu helfen und –“
„Ein paar Mal im Monat?“ Ich unterbreche ihn, denn ich bin entsetzt über diesen Vorschlag. „Sie werden doch sicher dafür bezahlen, dass du so oft reist. Warum können sie nicht einfach jemanden einstellen, der in Spanien lebt?“
Jetzt ist er es, der mich stirnrunzelnd ansieht. „Ruby, das ist eine großartige Chance für mich. Das Unternehmen hat so viele Leute entlassen, aber mich haben sie ausgewählt – mich und meine Fähigkeiten –, um weiterhin eine entscheidende Rolle zu spielen.“
„Natürlich, es ist nur so unerwartet.“ Ich nehme einen tiefen Atemzug. „Es tut mir leid. Herzlichen Glückwunsch, Babe.“
„Damit hättest du anfangen sollen“, murrt er.
Natürlich hat er recht. Warum kann ich dann nicht durch die Küche gehen und ihn umarmen? Ich stehe wie angewurzelt da, aber Mike starrt mich an und wartet offensichtlich auf eine Antwort. „Ja, damit hätte ich anfangen sollen, bitte verzeih mir.“
„Das ist wirklich eine großartige Gelegenheit, Babe“, wiederholt er, und ich fühle mich schuldig, weil ich ihm seine Begeisterung genommen habe. „Es wird nur für ein paar Tage am Stück sein ...“
Mike verstummt, und ich bin gezwungen, den Abstand zwischen uns zu überwinden und ihn zu umarmen. „Ich bin so stolz auf dich. Und genauso sollten sie all dein Wissen und deine Hingabe für die Firma anerkennen.“ Er blickt auf mich herab. „Glückwunsch. Ehrlich!“
Wir küssen uns sanft, bevor er sich zurückzieht und eine weitere Bombe platzen lässt: „Ich fliege nächste Woche hin, um das Team zu treffen und mich persönlich vorzustellen.“
„Nächste Woche? Und was ist mit Valentinstag?“
Mike lacht und geht zum Kühlschrank. „Hast du etwa Angst, du könntest die ganze Romantik verpassen, Babe?“
Ich täusche vor, mich übergeben zu müssen. Der Valentinstag selbst ist erfunden. Wenn man nur an einem Tag im Jahr seine Liebe zeigt und übermäßig teure Blumen kauft, ist sie nicht echt. „Nein, ich meinte ...“
„Ja, ich weiß, was du gemeint hast“, erwidert er und blickt über seine Schulter zu mir zurück. Er hat sich in den letzten sechs Jahren sehr verändert, aber sein Markenzeichen, das glatt rasierte Gesicht, hat sich nie verändert; es lässt ihn immer noch jung und sehr attraktiv aussehen. „Du hast deinen Geburtstag gemeint, und ich würde diesen Tag niemals verpassen, Ruby.“
Ich bin mir nicht einmal sicher, warum mir das als Erstes in den Sinn gekommen ist. Es ist ja nicht so, dass der fünfunddreißigste Geburtstag ein großer Meilenstein wäre, aber ich schätze, der Gedanke, ihn allein zu verbringen ... Ich könnte Stef oder Nancy anrufen, sicher, aber wir alle wissen, dass Freundschaften in den Dreißigern mindestens eine Woche Vorlaufzeit bedeuten, damit alle Zeit haben. Und selbst wenn sie Zeit hätten, wäre ich in der Nacht immer noch allein und ...
„Und, was meinst du?“ Mikes Stimme reißt mich aus meinen egoistischen Gedanken.
„Worüber?“
„Ich habe mit meinem Chef über Termine und Flüge gesprochen, und er möchte, dass es sowohl für mich als auch für das Unternehmen funktioniert. Ich fliege also am Freitagmorgen zurück, und wenn ich zu Hause bin, hast du gerade dein tägliches Pensum geschafft. Dann kann ich uns Abendessen kochen und wir können es uns gemütlich machen und einen Film sehen. Du darfst dir natürlich einen aussuchen. Hört sich das nach einem schönen Geburtstag an?“
„Klingt wunderbar. Solange wir zusammen sind, ist alles wunderbar.“ Aber mein Magen krampft sich zusammen. „Und wann fliegst du?“
„Gleich am Mittwochmorgen. Dieses erste Mal sind es nur zwei Nächte“, antwortet er, während er die Kühlschranktür schließt, und dreht sich dann mit einem weiteren Grinsen zu mir um. „Jetzt, wo das geklärt ist, meinst du, wir könnten meine gute Neuigkeit feiern? Wir haben allerdings keinen Schampus da, also geh ich schnell zum Laden um die Ecke.“
„Gut. Ich gehe mich frisch machen.“
Mike schafft es nur bis zur Küchentür, bevor er es sich anders zu überlegen scheint, sich umdreht und mir ein keckes Zwinkern zuwirft. „Andererseits ... vielleicht könnten wir stattdessen auf ein paar Bier in den Pub gehen?“
Ganz ehrlich gesagt: Das sagt mir wenig zu. Wir gehen nie in den Pub und mir wird plötzlich sehr übel. Ich spreche das alles nicht laut aus. Ich bin mir bewusst, dass ich ihm schon genug die Laune über seine große Neuigkeit verdorben habe. „Klar, warum nicht? Die Abwechslung wird uns sicher gut tun.“
Er reibt sich erfreut die Hände. „Aber du ... du machst dich doch trotzdem frisch, oder? Darin unterscheiden wir uns nämlich gewaltig, wenn wir von zu Hause aus arbeiten. Du siehst aus, als wärst du gerade aus dem Bett gekommen.“
Obwohl es im Scherz gesagt wird, fahre ich mir verunsichert mit der Hand durch mein ungewaschenes langes Haar. Und als ich an meiner bequemen, grauen Jogginghose herunterschaue, bemerke ich einen kleinen Teefleck. Okay, der Mann hat nicht ganz unrecht. „Ja, natürlich“, sage ich und hoffe, dass meine Dose Trockenshampoo nicht ganz leer ist. „Ich mach schnell ...“
Aber Mikes Aufmerksamkeit ist von seinem Telefon abgelenkt. Mein Herz flattert ein wenig schneller und mein Magen verkrampft sich, also schleiche ich mich aus dem Zimmer und mache mich auf den Weg nach oben. Ich stapfe die Treppe hinauf, als ob es das Schwerste wäre, was ich tun könnte. Meine Oberschenkel sind schwer wie Zement, und es fühlt sich an, als hätte ich den ganzen Vortag im Fitnessstudio verbracht und meine Beine trainiert. Schwer. Unnachgiebig.
Als ich das Badezimmer erreiche, keuche ich schon. Ich ziehe an der Schnur, um das Licht einzuschalten, und merke, dass ich es nicht brauche, da es erst kurz vor 13 Uhr ist, aber der Raum ist so dunkel. Alles fühlt sich so dunkel an.
Schwindel. Alles dreht sich.
Ich lasse die Schnur los, traue aber meinen Beinen nicht zu, mich ohne Unterstützung aufrecht zu halten, also rutsche ich die Wand hinunter und ziehe meine Knie zu mir heran. Als ich die Stützposition einnehme, kommen mir ohne Vorwarnung die Tränen. Große, schwere Schluchzer sprudeln von irgendwo tief in mir herauf, während ich krampfhaft versuche, Luft in meine Lungen zu saugen. Es ist schmerzhaft.
Das ist schon einmal passiert. Nur einmal. Ich dachte, ich hätte das Gefühl verdrängt. Mike darf mich nicht so sehen. Er kann es nicht wissen ... Aber diese zusätzliche Sorge ebnet nur den Weg für Verwirrung und Unklarheit in meinem Kopf. Sie erlaubt es der Benommenheit, weiter anzugreifen. Sie übernimmt die Kontrolle. Der Raum dreht sich. Die Badewanne, das Waschbecken, die Toilette. Sie alle wirbeln um mich herum. Ich kann nicht tief genug einatmen. Meine Brust ist so eng, so einschnürend, so fordernd.
Einatmen. Ausatmen. Rasch. Zu schnell, ich kann nicht mithalten, ich kann nicht atmen.
Ich bin allein.
Ich werde sterben.
Ich werde allein sterben, genau wie sie ...
Mittwochs, an meinem freien Tag, besuche ich meine Großmutter. Nun ja, nicht jede Woche, denn meine liebe kleine Gran kann ein zänkisches altes Biest sein – was ich mit Liebe sage –, das darauf besteht, dass ich sie nicht erdrücke. Einmal besuchte ich sie drei Mittwoche hintereinander, und da ich keine „Neuigkeiten“ für sie hatte, sagte sie: „Ruby, meine Liebe, ich lebe jetzt stellvertretend durch dich. Also besorg dir bitte ein Leben und komm erst wieder, wenn du ein bisschen Klatsch und Tratsch aus der Außenwelt für mich hast.“ Ich kann nur hoffen, dass ihre Worte genauso liebevoll gemeint waren wie meine eigenen.
Gran lebt in einem Pflegeheim im Zentrum von London. Der kleine Wohnblock könnte eigentlich überall stehen, denn sie hat das Gebäude seit ihrem Einzug nicht mehr verlassen. Ihr Verstand mag zwar noch messerscharf sein, aber ihre Beweglichkeit ist es nicht mehr. Ihr Körper hat sie schon vor vielen Jahren aufgegeben.
Vor Covid hatte sie bei meiner Mutter gelebt, aber es war für beide zu viel geworden. Die Rolle der Tochter, Krankenschwester und Pflegerin forderte unweigerlich ihren Tribut, und Gran konnte sehen, dass es Mum zermürbte, obwohl keine von beiden es zugeben wollte.
So zog Gran also Anfang 2020 um, und ich kann nicht umhin, mich zu fragen, ob die Dinge anders wären, wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt. Wäre Mum vielleicht noch am Leben?
Ich lege meinen regenbogenfarbenen Schal enger um meinen Hals und ziehe die Schultern zurück, während ich tief einatme. Ich muss aufhören, diese Art von Gedanken in meinen Kopf zu lassen, wann immer sie wollen. Sie sind zu düster. Zu deprimierend. Ein letzter Blick in den Spiegel an der Eingangstür: Ich sehe besser aus, als ich nach der Flasche Wein gestern Abend im Pub dachte. Und die eine Flasche war für mich allein, denn Mike trinkt nur Bier.
Natürlich hatte ich nicht vor, so viel zu trinken, denn eigentlich wollte ich ja gar nicht hingehen. Aber dann habe ich mich hinreißen lassen. Dadurch habe ich meine fünftausend Wörter nur schleppend erreicht, und es war harte Arbeit. Ich bin mir sicher, dass ich sie morgen noch einmal gründlich überarbeiten werde, aber sie sind geschrieben, und das ist die Hauptsache. Eine lange, heiße Dusche hat mir geholfen, mich mehr wie ein Mensch zu fühlen; und dass ich mir heute Morgen die Mühe gemacht habe, mich zu frisieren und zu schminken, war eine schöne Abwechslung. Der Himmel bewahre mich davor, bei Gran aufzutauchen und auszusehen wie ein Statist aus einem Zombie-Film.
„Mike“, rufe ich von der Haustür aus und warte mit der Hand auf dem Türknauf auf eine Antwort. Es kommt keine, aber er ist heute Morgen ruhiger als sonst. Entweder hat ihn der Alkohol härter getroffen, als ich dachte, oder er ist damit beschäftigt, seine erste Reise nach Spanien zu planen. Bei Letzterem schaudert es mich, und ein schwerer Stein fällt mir in den Magen. Meine Augen brennen, plötzlich, ohne jede Vorwarnung. Mikes neue Beförderung hat eine solche Angst mit sich gebracht, dass mir schon der bloße Gedanke daran die Tränen in die Augen treibt.
Und diese quälenden Erinnerungen ... aber nein, der Egoismus muss aufhören. Es geht nicht um mich, es geht um Mike, und die Beförderung ist wirklich eine großartige Gelegenheit für ihn.
Ich muss aufhören, die Dunkelheit wieder hereinzulassen. Ich schüttle sie ab, räuspere mich und schreie lauter. „Mike!“
„Was? Ich bin mitten in einem Meeting.“
„Ich fahre zu Gran, wir sehen uns heute Abend.“
Keine Antwort. Ich warte noch ein paar Sekunden, aber es ist klar, dass er nicht reden kann, also gehe ich zur Haustür hinaus. Er wird mir sicher eine SMS schicken, wenn er fertig ist.
Mike weiß, dass ich ein paar Stunden weg sein werde, denn es dauert eine Ewigkeit, um nach Victoria zu kommen. Es ist wohl meine Schuld, dass ich die öffentlichen Verkehrsmittel benutze, anstatt mit dem Auto zu fahren, wenn ich Gran besuche. Zum einen ist das Parken immer eine Qual, aber der Hauptgrund ist, dass ich die Straßen von London absolut hasse. Der zu große Kreisverkehr um die Hyde Park Corner, die unzähligen Fahrspuren auf der Buckingham Palace Road, die Doppeldeckerbusse und die ungeduldigen Taxifahrer. Das alles reicht aus, um einen Autofahrer in den Wahnsinn zu treiben. Da ist mir eine offene Autobahn lieber, auf der jedes Auto sein eigenes Tempo fährt und Abstand zu den anderen hält. Wenn es darum geht, Gran zu besuchen, nehme ich die Strapazen der gut einstündigen Zugfahrt gerne auf mich und lese lieber ein gutes Buch als mich über den Verkehr aufzuregen, sage ich mir.
Es ist bitterkalt, und eine eisige Brise schlägt mir ins Gesicht, als ich aus dem Vorgarten auf unsere Straße abbiege. Ich ziehe meinen Schal weiter hoch, so dass er mein Kinn bedeckt, und stopfe meine Hände in die Manteltaschen. Wie an den meisten Tagen in meinem Leben ist mir Bequemlichkeit wichtiger als Stil, und so wird mich die dicke, wattierte Oberbekleidung auf dem zehnminütigen Spaziergang zum Bahnhof gut schützen.
Unser Haus liegt in der Mitte des Viertels, so dass ich die Straße überqueren und die Gasse hinaufgehen könnte – ein schmaler Durchgang zwischen den beiden Häusern gegenüber, der weder einen Namen hat noch auf Google Maps zu finden ist, aber die Abkürzung ist den Einheimischen als Umgehung von dieser Seite der Stadt zur Hauptstraße bekannt. Mike besteht darauf, dass es der schnellere Weg zum Bahnhof ist, aber ich hasse es, durch den Trubel auf der Hauptstraße zu laufen. Ich laufe viel lieber an den Häusern unserer Nachbarn vorbei und dann an den Häusern in den umliegenden Straßen, bevor ich am oberen Ende der Hauptstraße ankomme und alle Geschäfte verpasst habe. Außerdem ist mein Weg schneller, ich mag mich nur nicht mit ihm darüber streiten.
Ich biege also rechts ab und gehe langsam am Haus unserer unmittelbaren Nachbarin vorbei. Bei einigen Gelegenheiten habe ich mit der Frau – ich glaube, ihr Name war Sharon – gesprochen, nur im Rahmen einer höflichen Unterhaltung. Aber ich weiß nichts über sie, außer, dass sie zwei sehr laute Kinder haben, die ich durch die Wände hören kann. Und dass sie letztes Jahr ein Trampolin in ihrem Garten aufgestellt haben. Zum Glück war es erst am Ende des Sommers, so dass es nicht mehr viel Zeit zum Spielen gab, und ich bete zu Gott, dass es von einem Windstoß weggeblasen wird, bevor die Sonne uns wieder ihren jährlichen Besuch abstattet.
Das hört sich ziemlich furchtbar an, nicht wahr? Ich liebe Kinder, nur eben nicht die lauten von nebenan.
Auf der linken Seite, etwas weiter oben, ist das dunkle Haus. So nenne ich es seit dem Tag, an dem wir hierher gezogen sind. Ich war natürlich noch nie drinnen, aber es hat einfach diese Aura, die es umgibt. Selbst von außen fühlt es sich kalt an – selbst im wärmsten Sommer – und wirkt einfach dunkler als alle anderen Häuser in der Umgebung. Es besteht aus Ziegeln, wie alle anderen in der Straße, aber dieses hier ist düsterer. Dunkler. Trauriger. Dreckig, irgendwie.
Vielleicht hat es mehr mit dem Mann zu tun, der dort wohnt ... dem Spinner, wie ich ihn nenne. Mike rollt immer mit den Augen, wenn ich das tue, und sagt, dass all die Dokumentationen über wahre Verbrechen, die ich mir ansehe, meinen Verstand mit düsteren Vorurteilen infiziert haben. Aber das ist es nicht. Es ist die unheimliche Art und Weise, wie einen der Spinner anstarrt, wenn wir uns in der Sackgasse begegnen. Er steht aufrecht und selbstbewusst da, aber auf eine steife Michael-Myers-Art, wie in Halloween, und seine glänzenden Augen sind starr. Man spürt, wie sie sich in einen hineinbohren, noch lange nachdem man an ihnen vorbeigegangen ist. Aus diesem Grund wende ich heute meinen Blick schnell von seinem alles überschattenden Haus ab, nur für den Fall, dass ich ihn dabei erwische. Das würde für den ganzen restlichen Tag ein kribbelndes Gefühl in meinem Magen hinterlassen.
Ein Haus, an dem ich nicht vorbeikomme, ohne seine Bewohnerin zu sehen, ist das letzte – oder das erste, je nachdem, aus welcher Richtung man kommt. Picky Patty, so lautet Mikes Spitzname, steht immer am Fenster, strategisch an der Haustür oder sogar auf der Straße, und lauert unschuldigen Passanten auf, um sie in ein Gespräch zu verwickeln. Ich glaube nicht, dass ich jemals vorbeigelaufen bin und sie nicht gesehen habe.
Das erste Mal traf ich Patty, weil sie ein Paket für uns angenommen hatte. Da wir ein Ehepaar sind, das sein Haus kaum verlässt, ist das für uns ein seltenes Ereignis. Ich hatte die Zustellkarte gesehen, als ich von meinem Besuch bei Gran zurückkam, und hoffte, Mike würde beim Nachbarn in der ersten Etage vorbeischauen, um das Paket abzuholen, wenn er von einem Besuch bei seinem Bruder zurückkam. Er war keine fünf Minuten im Haus, als Patty mit einem an ihn adressierten Päckchen an die Tür klopfte. Sie nutzte den Besuch gut und erzählte uns von der WhatsApp-Gruppe in der Sackgasse, von der Nachbarschaftswache, die sie zusammen mit einigen Anwohnern organisiert, und von ihrer Idee eines lokalen Buchclubs.
Natürlich schlug Covid ein paar Wochen später zu, und nachdem ich mich – körperlich und seelisch – wieder aufgerappelt hatte, fühlte es sich nicht richtig an, mich allen als die neue Nachbarin vorzustellen. Wahrscheinlich hat das auch bei Patty einen schlechten Eindruck hinterlassen, und ich bin mir jetzt nicht sicher, ob wir es sind, die ihr aus dem Weg gehen, oder ob es andersherum ist. Wir bleiben sowieso lieber für uns.
Und heute, als ich an ihrem Haus mit dem gepflegten und sehr offenen Vorgarten vorbeikomme, sehe ich die Frau am Fenster ihres Wohnzimmers stehen – zumindest nehme ich vom Grundriss meines eigenen Hauses her an, dass es ihr Wohnzimmer ist. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sie ist Anfang sechzig, aber ich denke immer, sie sieht so viel glamouröser und modischer aus als ich. Ich kann gerade noch erkennen, dass sie heute ein Oberteil mit Leopardenmuster und einem dezenten Rüschendetail an der Schulter trägt, und ihr Haar ist kerzengerade und perfekt geschnitten. Sie streicht sich die seitlichen Fransen leicht von den Augen weg, und gerade als ich denke, dass ich wegschauen sollte, winkt mir Patty zu, so wie es die Queen von ihrem Podium auf dem Balkon aus zu tun pflegte. Bevor ich zurückwinken kann, hält sie sich ein Telefon ans Ohr und ist verschwunden.
Das war seltsam. Patty hat mir noch nie zugewunken.
Es ist schrecklich, das zu sagen, aber es hat sich diese Woche kaum gelohnt, Gran zu besuchen. Sie war nicht gut drauf, und wenn man bedenkt, wie wenig sie heute geplaudert hat, bin ich mir nicht einmal sicher, warum. Normalerweise liebt sie guten Klatsch und Tratsch, und ich liebe es, mit ihr über Gott und die Welt zu reden.
Es ist schwer zuzugeben, aber ihre Stimmungsschwankungen haben in den letzten Monaten zugenommen; sie sind so unberechenbar wie das Wetter im April. Wenn sie ein Handy hätte, könnten wir uns wenigstens öfter und freier unterhalten, aber Gran verachtet die Idee, weil sie glaubt, dass ständige Erreichbarkeit die „echte“ Kommunikation ruiniert. Das ist wohl eine Frage der Generation.
„Außerdem könntest du mir mit Leichtigkeit eine dieser Faxnachrichten schicken“, hatte sie eines Tages gesagt – offensichtlich hatte sie das Wort „Text“ nicht ganz verstanden –, „um zu sagen, dass du auf dem Weg zu mir bist. Wenn du in Wirklichkeit mit einem G&T im Pub hockst und ich bekomme nichts davon mit.“
An diesem Punkt gab ich den Versuch, sie zu überreden, auf.
Es ist nicht so, dass ich Gran nicht sehen möchte, natürlich möchte ich das, aber es ist ja auch nicht nur eine kurze Busfahrt die Straße hinunter. Als ich heute Abend endlich den Schlüssel in der Haustür umdrehe, ist die Sonne schon längst untergegangen und alle Gelenke in meinem Körper tun mir weh. Mit einem großen Seufzer der Erleichterung heiße ich mich zu Hause willkommen.
„Da bist du ja.“ Mike stürzt sich auf mich, sobald ich die Schwelle überschritten habe. „Wo warst du denn so lange?“
„Bei Gran. Das habe ich dir doch gesagt.“
„Ich habe dich ungefähr eine Milliarde Mal angerufen“, fährt er fort, während er sich umdreht und in die Küche geht. „Du hättest vielleicht mal rangehen können, Ruby. Ich habe mir wirklich langsam Sorgen gemacht.“
Ich ziehe meinen Mantel aus und mein Handy aus der Tasche, während ich ihn aufhänge. Ich schaue auf das Display: zehn verpasste Anrufe. Mist ...
„Tut mir leid, Babe, es war auf lautlos gestellt, weil ich es hasse, unterwegs zu telefonieren. Ich habe immer Angst, meine Haltestelle zu verpassen“, sage ich in Richtung Küche. Ich bin mir nicht sicher, ob Mike zuhört, bis ich höre, wie er eine Bemerkung darüber macht, dass meine Nase doch immer in irgendeinem Buch steckt, da verpasse ich meine Haltestelle auch nicht. Da hat er auch wieder recht, um ganz ehrlich zu sein.
Meine Rückenmuskeln spannen sich vor Kälte an, und ich zittere, als wäre ich immer noch im Freien. Wie kann er die Heizung nicht eingeschaltet haben? Es ist verdammt kalt hier drinnen. Ich lege mein Handy auf den Konsolentisch und greife nach dem Thermostat. Und tatsächlich, die Heizung ist ausgeschaltet. Das bringe ich sofort in Ordnung und drehe die Temperatur auf zwanzig Grad hoch; es wird warm. Jetzt brauche ich nur noch eine Tasse Tee.
Der Wasserkocher sprudelt bereits, als ich die Küche betrete. Ich bedanke mich bei Mike und schenke ihm ein Lächeln, bekomme aber nur ein knappes Nicken als Antwort.
„Ich habe mich entschuldigt, Mike, bitte sei nicht so.“
Sein Gesichtsausdruck verändert sich, als hätte ich ihm einen Schlag auf die Wange verpasst. „Ich soll nicht so sein? Verdammt noch mal, ich habe mir Sorgen gemacht.“
„Du weißt, dass ich fast den ganzen Tag weg bin, wenn ich zu Gran fahre“, antworte ich, während ich mir den Tee mache. „Obwohl es kein toller Besuch war, denn sie schien heute nicht sonderlich an einem Gespräch interessiert zu sein, leider.“
„Das ist doch Zeitverschwendung“, murmelt er, fährt aber schnell fort, bevor ich die Chance habe, zu widersprechen: „Ich meine nur, du solltest vorher anrufen, bevor du losfährst. Es ist ein langer Tag für dich, und wenn sie nicht in der Lage ist, dich zu empfangen ...“
Ich bin zwar nicht völlig anderer Meinung als er, aber es fühlt sich nicht gut an. „Nein, ich könnte sie nicht allein lassen, nur weil sie sich gerade nicht gesprächig fühlt. Vielleicht sind das die Tage, an denen sie mich am meisten braucht.“
Mike bellt ein Lachen, ein furchtbar sarkastisches Geräusch, und setzt seinen Disput fort. „Du fährst also stundenlang durch die Londoner Innenstadt und zurück, und wofür?“ Er hält nicht inne, um mich antworten zu lassen. „Ich weiß, dass sie deine Gran ist, Ruby, aber sie ist nicht mehr dieselbe Frau, die sie einmal war. Sie braucht wahrscheinlich mehr Ruhe und weniger Stimulation. Und ich bin hier und mache mir Sorgen um dich, obwohl ich arbeiten sollte, weil ich nichts mehr von dir gehört habe, seit du das Haus verlassen hast.“
Ich bin zu müde, um zu streiten, und ich schätze, es gibt da diese nette Krankenschwester, die in Grans Pflegeheim arbeitet. Vielleicht könnte ich mich mit ihr darüber unterhalten, Gran öfter anzurufen, als Kompromiss. Ich beiße mir auf die Lippe und nicke, so dass Mike denkt, ich sei einverstanden. Ich schlinge meine Arme um seine Taille und warte, bis er mich ebenfalls umarmt, bevor ich mich entschuldige.
„Du hast recht, und es tut mir leid“, sage ich an seiner Schulter und genieße die Wärme, die er ausstrahlt. „Ich hätte dich wenigstens wissen lassen sollen, dass ich auf dem Weg nach Hause bin.“
Er küsst meinen Kopf, lässt seine Lippen dort einen Moment verweilen, und mein Magen kribbelt. Ich streichle mit meinen Händen langsam seinen Rücken hinauf und hinunter, schiebe meinen Kopf zu ihm hinauf und drücke meine Lippen auf seine. Das flatternde Gefühl verstärkt sich, und gerade, als es beginnt, abwärts zu wandern, zieht Mike sich zurück und zwinkert mir zu.
„Lass uns erst essen“, sagt er. „Ich bin am Verhungern. Ich habe beim Warten auf dich einen richtigen Appetit bekommen.“
Er kichert, als er sich von mir entfernt, und greift dann in die Küchenschublade. Er holt die Speisekarte seines Lieblings-Chinarestaurants heraus, zwinkert mir hoffnungsvoll zu und schwenkt das Papier in der Luft wie eine weiße Fahne. Nur ist es kein Friedensangebot, denn ich hasse diesen verdammten Ort. Aber dann wiederum ... Er hat sich Sorgen um mich gemacht, und es war alles meine Schuld, weil ich mich in meinem Taschenbuch verloren hatte und nicht auf mein Handy geschaut habe.
„Na gut“, sage ich mit einem verkniffenen Lächeln. „Gib die übliche Bestellung auf, dann kann ich sie abholen, wenn ich meine Tasse ausgetrunken habe.“
Einer der Gründe, warum ich den örtlichen Chinesen hasse, ist, dass sie nicht liefern. Wer will sich für ein Essen zum Mitnehmen extra auf den Weg machen? Die ganze Freude und das Vergnügen, nicht zu kochen, besteht darin, dass sie es einem nach Hause bringen. Aber nein, nicht der Weiße Drache. Und er liegt mitten auf der Hauptstraße, es macht also auch keinen Sinn, mit dem Auto zu fahren, weil das Essen kalt und fettig wäre, bevor man einen Parkplatz findet. Falls man überhaupt einen Platz findet.
Mike beugt sich vor und küsst mich fest auf die Lippen. „Du meldest dich freiwillig zum Abholen?“
„Das ist ja wohl das Mindeste, was ich tun kann“, sage ich und erwidere seinen Kuss, weicher und leichter.
„Ich glaube, dafür wird heute Abend jemand Glück haben.“
„Das will ich doch hoffen.“
Er gibt mir einen Klaps auf den Hintern und verlässt die Küche.
***
Der Rückweg vom Weißen Drachen dauert nur zehn oder fünfzehn Minuten, je nachdem, wie zügig man geht. Heute Abend ist der Drang, zu rennen, unerträglich stark. Aber ich habe Angst, dass ich Mikes süß-saure Soße aus dem winzigen weißen Behälter verschütte, wenn ich zu schnell laufe.
Es fühlt sich noch dunkler an als vor einer Stunde auf dem Rückweg vom Bahnhof. Das ist beunruhigend. Es ist so still und so kalt, als ob ich das frostige Weiß in der Luft hören könnte.
Jedes Mal, wenn ich über meine Schulter schaue, ist niemand da. Keiner folgt mir. Aber da sind Schritte in den Schatten. Es ist nicht nur mein Atem an diesem eisigen Abend. Ich kann die Schritte und das Keuchen hören. Die Helligkeit der Hauptstraße liegt nun hinter mir, als ich die Seitenstraße hinuntergehe, die zu der Gasse gegenüber von meinem Haus führt.
Die Gasse. Mist.
Ich hätte diesen Weg nicht nehmen sollen. Die Gasse hat nur eine Straßenlaterne, in der Mitte an der Biegung von einer Seite des Weges zur anderen. Im toten Winkel, wo man weder von der Straße, die zu ihr führt, noch von der Sackgasse, in der ich wohne, gesehen werden kann.
Die Schritte werden schneller.
Ich will zuhören, will wissen, woher der Fremde hinter mir kommt, aber mein Atem ist außer Kontrolle. Wie Trommeln in meinen Ohren, die meinen Körper anflehen, sich nicht mehr zu bewegen, sich zusammenzukauern und zu beten, dass die Person in der Annahme, ich sei die Verrückte, weitergeht. Aber ich kann nicht aufhören, und meine eigenen Schritte nehmen an Tempo auf, als ob nicht ich, sondern sie das Sagen hätten. Meine überreizte Fantasie und meine Vorliebe für alles, was mit wahren Verbrechen zu tun hat, veranlassen mein Gehirn, Signale an meine Füße zu senden, bevor ich sie überhaupt wahrnehmen kann.
Scheiß auf die süß-saure Sauce, heißt es jetzt.
Ich balle die weißen Tragetaschen zu einer Faust und jogge. Schnell.
Meine Schritte hallen wider, wenn sie auf den Boden stampfen. Ein zweites Aufstampfen. Ist es ein Echo, oder bewegt sich der Fremde auch schneller? Ich kann es nicht ertragen, mich umzudrehen. Der Wind klatscht mir ins Gesicht, und meine kalte Nase beginnt zu triefen. Meine Augen auch. Meine Sicht verschwimmt.
Die Abzweigung in die Gasse ist gleich da vorne, nur noch fünfzig Meter, aber da wird es schlimmer sein. Es wird noch dunkler und abgelegener sein. Ich versuche, einen Blick auf die Häuser zu erhaschen, während ich an ihnen vorbeirase. Schaut da jemand aus dem Fenster? Könnte ich an eine dieser Türen klopfen? Keiner würde antworten. Keiner hilft mehr Fremden.
Er hechelt hinter mir. Näher. Er hat aufgeholt.
Ich kann jetzt nicht anhalten. Mit gesenktem Kopf, als ob ich dadurch schneller werden würde, dränge ich mich, schneller zu laufen. Meine Beine fühlen sich an wie abgestorbenes, splitterndes Holz, aber ich renne tapfer weiter den Bürgersteig entlang und biege in die Gasse ein. Alles, was ich sehen kann, sind meine strahlend weißen Turnschuhe, die sich so schnell bewegen, wie es mein untrainierter Körper zulässt. Das Rascheln der immergrünen Bäume über mir vermischt sich mit meinem Atem und dem Keuchen im Hintergrund.
Ich höre es bis zur Mitte der Gasse, bis zur Straßenlaterne an der Kurve, die zu meiner Sackgasse führt. Die Schritte des Fremden bleiben stehen.
Ohne nachzudenken bleibe ich ebenfalls stehen. Keuchend drehe ich mich um und erblicke eine schemenhafte Gestalt, die nur etwa drei Meter entfernt ist. Sein Gesicht ist dunkel und von einer Baseballkappe verdeckt, und er steht einfach nur da. Unbeweglich. Starrt. Ich spiegele seine Position aus purer Angst.
Die Gestalt ruckt nach vorne, und ich schreie. Die beiden Tüten mit dem Essen fallen auf den Boden, die Plastikbehälter purzeln heraus, und ich drehe mich um und renne los. Ich laufe schneller, als ich jemals zuvor gelaufen bin, durch die verbleibende Hälfte der Gasse. Das Haus ist in der Ferne, ich kann das Licht meines Schlafzimmerfensters sehen, das die Gasse wie ein Leuchtfeuer erhellt. Ich höre nichts hinter mir, traue mich aber nicht, noch einmal anzuhalten. Ich muss einfach nur nach Hause kommen. Nur noch ein paar Meter.
Ich schlage gegen die Eingangstür, hämmere und rufe Mikes Namen.
„Hilfe“, schreie ich, als meine Faust auf das Glas trifft. Selbst wenn die Gestalt mir gefolgt ist, bin ich jetzt in Sicherheit. Er kann mich doch nicht vor meiner Haustür angreifen, oder? Oder etwa doch? Oh Gott. „Mike. Mike, Mike!“, rufe ich weiter und klopfe gleichzeitig.
Eine Hand berührt meine Schulter. Ich schreie und trete, rufe Mikes Namen, damit er mich rettet, während ich mit den Armen nach meinem Angreifer schlage. Ich tue alles, um ihn aufzuhalten, bis jemand kommt, um mir zu helfen.
„Ruby.“
Mikes Stimme reißt mich aus der Dunkelheit. Ich öffne meine Augen und sehe, dass er es ist, auf den ich einschlage. Es sind Mikes Hände auf mir.
„Was zur Hölle ...“
„Mike, oh mein Gott, was ist hier los?“ Ich lasse meine Hände sinken und sehe mich um. Die Haustür ist noch geschlossen. „Was machst du denn da?“
„Ich bin gekommen, um dich zu suchen. Du hast dein Handy auf der Konsole vergessen und bist seit Ewigkeiten weg.“
Mein Hecheln ist immer noch stark und schnell. Genauso wie die Verwirrung. „Dann warst du das also ... in der Gasse eben?“
„In der Gasse?“ Er runzelt die Stirn. „Nein, ich bin bis zur Hauptstraße gefahren. Als du nicht beim Chinesen warst, wusste ich, dass wir uns gerade verpasst haben müssen. Ich habe gerade angehalten“ – er deutet auf unser Auto, das in der Bucht links neben dem Haus geparkt ist –, „und sah, wie du wie eine Verrückte an die Tür geklopft hast. Warum hast du nicht deine Schlüssel benutzt? Und warum weinst du?“
Ich werfe mich in seine Arme und warte, bis meine Atmung wieder einigermaßen normal wird, bevor ich ihm alles erkläre. „Jemand hat mich verfolgt. Dann haben sie mich gejagt. Ich habe nicht einmal an meine Schlüssel gedacht, ich dachte nur, du würdest die Tür öffnen.“
„Was zum Teufel ...“ Mike verstummt, zieht mich vor sich her und untersucht jedes Stückchen von mir. „Ruby, bist du okay?“
Ich schaue ihm über die Schulter und sehe nichts außer den Büschen unseres Vorgartens und den Häusern, in denen jedes Fenster in warmem Licht erstrahlt. Da ist kein Fremder. Keine Gestalt. Keiner, der mir folgt.
„Ruby, ist alles in ...“
„Mir geht es gut. Es ist niemand mehr da. Aber ... oh Mist, ich habe das Essen fallen lassen, als ich losgerannt bin.“
„Dein Ernst? Lass mich mal nachsehen gehen.“
Ich packe Mike am Arm. „Nein. Bitte geh nicht.“
„Ich muss nachsehen, ob der Typ noch da ist, Rubes.“
„Nein“, sage ich kopfschüttelnd und fühle mich peinlich berührt und dumm. Wenn mich jemand verfolgt hätte, wäre er in der Gasse sicher weiter auf mich zugekommen. Was, wenn es eine unschuldige Person war, die auf dem Weg nach Hause war, und ich sie erschreckt habe? „Lass es einfach, bitte.“
„Und was ist mit dem Abendessen?“
„Das ist eh nicht mehr zu retten, ich werde uns etwas anderes machen. Können wir jetzt bitte reingehen?“
Mikes Seufzen macht meine Demütigung nur noch größer. Ich hoffe, niemand hat gesehen, wie ich durch den Vorgarten gestürzt bin.
Ich schaue mich um, während Mike mit seinem Schlüsselbund klimpert, mein Bein wippt auf der Stelle und ich warte ungeduldig. In der Sackgasse ist es still: keine ein- oder ausfahrenden Autos und keine Schritte in der Ferne. Ich recke den Hals und hebe mein Ohr zum schwarzen Himmel, verzweifelt darauf bedacht, die allerkleinste Bewegung in der Nähe auszumachen. Doch da ist nichts.
Mike ist total laut. Jammert, was es denn jetzt zum Abendessen geben solle, und leuchtet das Haus aus wie den Blackpool Tower. Die Turnschuhe sind ausgezogen. Er pustet auf seine Hände, als käme er gerade aus einem Wintersturm zurück ins Warme. Ich gleite schnell hinter ihm her, verzweifelt bemüht, die Welt und die Dunkelheit auszusperren.
Ja, mach ruhig noch eine Lampe an, Mike. Mach so viel Lärm, wie du kannst, um mich aus dem Griff der Gasse zu reißen. Aber als ich mich beeile, die Tür abzuschließen, kann ich nicht anders, als durch die Glasscheibe zu schauen. Für ein paar Sekunden verdeckt eine schattenhafte Gestalt das Licht von der Straße.
Dann ist sie weg.
In der darauffolgenden Woche wache ich auf und höre das dumpfe Summen von Mikes Stimme, das durch die Wände dringt. Seine Anrufe haben früh begonnen und sind lauter als sonst. Es ist untypisch für mich, auszuschlafen, aber der Schlaf war das ganze Wochenende lang ein grausamer Fremder. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, war ich wieder in dieser Gasse – die schattenhafte Gestalt hinter mir, die sich beschleunigenden Schritte, die erstickende Gewissheit, dass mich jemand verfolgt. Es ist nicht so, dass Mike mir nicht glaubt, aber ich konnte den Unmut in seiner Stimme hören, als er sagte: „Du hast so eine blühende Fantasie, Ruby. Das ist ein Geschenk. Aber manchmal musst du sie ein bisschen zügeln.“
Von wegen Geschenk.
Er glaubt, dass, wenn tatsächlich jemand hinter mir war, es sich wahrscheinlich nur um einen unschuldigen, sich auf dem Heimweg befindenden Nachbar gehandelt habe. Den hätte ich zu Tode erschreckt, als ich schreiend losgerannt bin, meinen Imbiss ihm vor die Füße geworfen habe. Ich bin nicht überzeugt, aber seine Worte haben ausgereicht, um mich zum Schweigen zu bringen. So sehr, dass ich den größten Teil des gestrigen Tages in meinem Büro verbracht habe, viel später als normal für einen Montag, und Mike schien es nicht einmal zu bemerken. Wahrscheinlich hat Arsenal gespielt.
Ich schwinge meine Beine über die Bettkante und reibe mir das Gesicht, wobei ich mir die Handflächen fest auf die Augen presse. Trotz des frostigen Februars bemüht sich das Sonnenlicht tapfer, durch die Vorhänge zu dringen. Ich muss die Schwere in meinem Kopf abschütteln und aufhören, über den potenziellen Straßenräuber nachzudenken. Mikes Lachen dröhnt aus seinem Büro und reißt mich aus meinen Gedanken. Seine Stimme dringt heute nicht nur durch die Wände, sondern auch durch meinen Schädel. Ich muss hier raus. Ich brauche Luft. Platz.
Nach einer kurzen Dusche, bei der die Haare nicht einer einzigen Seifenblase gewürdigt wurden, ziehe ich mir schnell eine Jeans und einen bequemen Pullover an. Ich werfe einen Blick in Mikes Büro und sage ihm, dass ich ins Café gehe, um zu schreiben.
„Ich dachte, du wärst mit dem Schreiben schon weiter.“ Er blickt nicht einmal von seinem Bildschirm auf. „Du warst gestern fast den ganzen Tag da drin.“
„Bin ich auch“, lüge ich. „Ich brauche einfach nur einen Tapetenwechsel.“
