Der Pfad des Lao Chen - Lily Ashby - E-Book

Der Pfad des Lao Chen E-Book

Lily Ashby

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Beschreibung

Nach dem Tod seines Vaters in einer Schlacht macht sich der 14-jährige Lao Chen zu ihm auf ins Reich der Toten. Doch in der Zeit des Krieges lauert das Grauen überall, Lao Chen scheitert. Erst das ungewöhnliche Mädchen Kleine Sonne gibt ihm die Kraft, sich allen Prüfungen zu stellen. Nur gemeinsam können sie den Pfad beschreiten, auf dem alles Leben endet. »Das ist der Weg.« Die Worte des Richters hatten etwas Endgültiges in sich, als würde er Lao eine Schlinge um den Hals legen. Der nickte. »Ich weiß.«

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


DER PFAD DES LAO CHEN

 

LILY ASHBY

 

Für meinen Papa

 

 

 

 

1. Auflage März 2019

 

Copyright @ 2019 by Lily Ashby

Lektorat: Michael Lohmann, www.worttaten.de

 

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign, www.traumstoff.at

Coverillustration: Natascha Berger

Inhalt

Titelseite

Die Autorin

Impressum

China

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

Die Autorin

Lily Ashby wurde im Juli 1986 in Sachsen-Anhalt geboren. Nach dem Abitur verschlug es sie nicht nur beruflich in verschiedene Richtungen. Das Leben ist zu kurz, um nur an einem Ort zu verweilen. Die schönen Künste haben es Ashby genauso angetan wie die rauen Seiten, die das Leben bereithält. Schon von klein auf war sie nicht nur fasziniert von Literatur und Theater, sondern auch vom Wilden Westen, der Seefahrt und den Dingen, die uns immer wieder straucheln lassen.

 

Ashby lebt mit Mann und Hund in Nordrhein-Westfalen.

 

 

 

 

Mehr zur Autorin auf

https://twitter.com/xLily_ashby

https://www.facebook.com/LilyAshby.info/

Impressum

Lily Ashby

c/o Autoren.Services

Zerrespfad 9

53332 Bornheim

 

[email protected]

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch in Auszügen, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

 

China

während der östlichen Han-Dynastie

219 n. Chr.

I Lao Chen

Das Reich lag im Sterben.

Lao Chen stolzierte durch die steinernen Hallen des Fan-Schlosses und dachte an seine Mutter. Es war ihr nicht recht gewesen, dass er gegangen war, aber er war kein Kind mehr.

Lao beschleunigte seine Schritte. Der Gang führte unterhalb der Mauern entlang und verband den Süd-Turm mit dem West-Turm. Am Ende des Ganges befand sich eine lange Wendeltreppe, die hinauf in den Turm führte.

Er war kein gewöhnlicher Junge.

Er war der Sohn von Mi Chen, eines Offiziers hohen Ranges. Der Junge verehrte ihn, er war dem Vater mit so viel Leidenschaft in den Krieg gefolgt, dass er sich manchmal selbst vor der Treue in seiner Brust fürchtete. Ein Krieger brauchte ein starkes Herz, die Hand allein konnte ein Schwert nicht zum Sieg führen. Es waren Wille und Demut, gleichsam mit Ehre, Verantwortung und dem Gefühl, den eigenen Platz im Streit der zerrütteten Reiche zu kennen.

Das sagte sein Vater immer wieder. Und was der Vater sagte, galt. Gerade für den Sohn.

Lao kannte diesen Platz. Er würde eines Tages ein Offizier sein, und er würde die Männer mit derselben Stärke und demselben Feingefühl in den Schlachten führen, wie sein Vater es tat. Doch noch stand er in Vaters Dienste. Für diesen Krieg und für die Jahre, die kommen würden, bis er alt genug war, selbst über die Schlachten bestimmen zu können.

Lao hörte die klare Stimme von General Pang De, als er sich dem oberen Teil der Treppen näherte. In jedem seiner Worte lag so ein lautes Dröhnen, dass der Junge manchmal glaubte, die Wände würden unter seiner Stimme erzittern. Der General war ein ernster Mann mit spitzem Bart und eng stehenden Augen, über denen ein Wulst aus schwarzen Brauen wie eine dunkle Krone thronte. Er trug blaue Gewänder, die die blasse Haut in seinem Gesicht wie die eines Toten wirken ließ.

Lao verschnaufte auf der letzten Stufe. Fackellicht färbte das Mauerwerk in ein warmes, einladendes Gelb. Eine trügerische Stimmung, denn hinter der Tür, die den Aufgang vom Turmzimmer trennte, wurde über den Krieg entschieden. Der Junge stieß ein Seufzen aus.

Ein Krieg, der viele Leben gefordert hatte. Viele Männer. Und der sie jeden Tag aufs Neue einforderte.

 

Es war eine Zeit des Umbruchs.

Der Kaiser war tot und der Palast lag in Schutt und Asche. Das Reich zerfiel, seit Beginn der Revolte formten sich drei Mächte unter den aufsteigenden: Wei im Norden, Wu im Süden und Shu Han im Westen. Laos Familie lebte in einem Dorf in der Nähe von Luoyang, der Hauptstadt des Reiches. Sie gehörten dem Staat Wei an.

Hunderttausend Männer waren im Namen Cao Caos nach Fancheng gezogen. Er war der Kriegsherr des Wei-Reiches, dem auch Lao und sein Vater unterstanden. Man sagte, Cao Cao sei nicht nur ein überlegener Stratege, sondern auch ein feinsinniger Dichter. Lao hatte seinen Herren nie gesehen, er stellte ihn sich als großgewachsenen Mann mit bohrendem Blick und langem schwarzen Bart vor. Eine Stirn breit wie die eines Bullen, ein Mann, der am Tag Schlachten schlug und des Nachts in roten Gewändern Verse schrieb.

Wei führte Krieg gegen Shu Han, das Reich des Kriegsherren Liu Bei. Cao Cao hatte seine Truppen im Süden des Flusses Huai positioniert, um eine Invasion durch Guan Yu abzuwehren. Doch Guan Yu, ein führender General unter Liu Bei, hatte seine Männer nach Norden geführt, um die Festungen der Provinz Fancheng einzunehmen.

Seit Juli hatten sie Stellung im Fan-Schloss bezogen, aber nur ein Teil der Männer befand sich im Inneren. Es war eine Festung aus dunklem Stein mit sechs Zinnen und einem breiten Wall. Die Truppen kämpften auf den flachen Ebenen im Umland. Die Festung lag in einer Niederung des Han Jiang, eines Flusses, der im großen Jangtsekiang mündete. Vor vierhundert Jahren hat der Kaiser seine Dynastie nach diesem Fluss benannt; der Han Jiang würde bleiben, doch die Han-Dynastie würde bald nicht mehr sein als ein Fetzen vergangener Zeit.

 

General Pang De hatte den Angriff des feindlichen Shu Han-Reiches zurückgeschlagen, doch die Lage war angespannt. Lao blieb vor der Tür stehen, er konnte neben Pang De auch seinen Vater und einen weiteren Offizier sprechen hören. Der Junge sah sich um, obwohl er wusste, dass ihm niemand die Treppen hinauf gefolgt war. Auch als Sohn eines hohen Offiziers gab es Geheimnisse, die ebenso wenig an seine Ohren drangen wie an die der Soldaten. Doch Lao war ein neugieriger junger Mann, für den eine geschlossene Tür kein Hindernis war. Er legte die Hand auf die Klinke und drückte sie vorsichtig nach unten. Der Junge hatte die Gespräche des Generals schon viele Male belauscht, er öffnete die Tür einen Spalt breit.

»Sie kontrollieren den Fluss«, hörte er Pang De sagen und ein Raunen kam aus der Reihe der Umstehenden. Seit Wochen hatte das Shu-Reich, wie man Shu Han kurz nannte, die Ufer des Han Jiang besetzt. »Sie schleppen Holz und Seile zu den Stellungen, unsere Männer kommen nicht nah genug an sie heran, um zu sehen, was Guan Yu im Schilde führt.«

›Ich werde Guan Yu töten‹, hatte Lao den General sagen hören, als sie nach Fancheng aufgebrochen waren, ›ich werde ihn mit meinen eigenen Händen zu Fall bringen. Denn wenn ich ihn nicht töte, so wird er mich töten.‹

Pang De war ein grausamer Krieger, die Soldaten erzählten viele Geschichten über ihren General. Er habe einem Mann den Kopf abgeschlagen und ihn vor die Füße seines Sohnes geworfen. Auf dem Schlachtfeld gab es keinen Platz für Tränen. Und keine Gnade. Dem Jungen war nicht wohl bei dem Gedanken, ein Feind könnte seinen Vater töten und ihn zwingen, den leblosen Körper anzuschauen. Aber er wusste, dass Angst keine Schwäche war, wenn man den Mut besaß, sich ihr zu stellen. Angst hatte den Jungen gelehrt, härter zu trainieren, um eines Tages der Mann zu sein, der dem Mörder seines Vaters zuvorkam, bevor der zur tödlichen Klinge greifen konnte.

»Es ist still auf den Ebenen geworden.« Laos Vater erhob das Wort. »Die Shu-Truppen haben sich zurückgezogen und unseren Männern macht der Regen zu schaffen. Das Gelände ist aufgeweicht, sie bleiben im Schlamm und Sumpfland stecken. Wir kommen nicht gut voran.«

»Wir müssen die Festung halten«, unterbrach Pang De den Offizier, »und die Kontrolle über den Fluss zurückerlangen.«

Dann wurde es still im Turmzimmer. Schweigen umhüllte die Männer und verbarg ihre Gedanken wie eine Wolke aus nebligem Dunst. Lao hielt die Hand vor den Mund, als fürchtete er, einer der Offiziere könnte seinen Atem hören. Schritte auf der anderen Seite der Tür, hastig drehte Lao sich beiseite. Nicht doch, er dürfte gar nicht hier sein. Das Herz hämmerte in seiner Brust, als er sich mit dem Rücken gegen das Mauerwerk drückte. Doch niemand öffnete die Tür. Erleichtert ließ der Junge die Schultern sinken. Glück gehabt! Ein hölzernes Schaben erklang, als würden die Klötzchen auf dem Tisch in der Mitte des Raumes hin und her geschoben werden. Es war eine Karte des Umlands.

»Deserteure.«

Ein Wort, das Lao aufblicken ließ. Sein Vater hatte es ausgesprochen und er hatte dem Sohn bereits als kleinen Jungen beigebracht, was es bedeutete. Deserteure waren Männer von Schande. Feiglinge. Es waren Soldaten, die die Farben ihres Reiches auf den Gewändern nicht verdienten. Nicht das Rot, nicht das Schwarz. Nicht einmal die Klinge in der Hand, die sie achtlos davonwarfen und die Männer im Stich ließen, an deren Seite sie so viele Tage und Nächte verbracht hatten. Aber sie waren auch ein mächtiges Werkzeug.

Der General murmelte. »Zeig mir, was du vorhast.« Mi Chen war ein guter Stratege, aber auch ein vorsichtiger Mann, der die Defensive nicht selten der Offensive vorzog.

Lao näherte sich der Tür und schob den Spalt eine Handbreite auf, um hineinsehen zu können. Er wollte einen Blick auf den Tisch erhaschen, bevor der General die Figuren beim Verlassen des Raumes in eine falsche Anordnung brachte. Man könne schließlich nie wissen, wer sich in die eigenen Linien schlich.

Der General stand in der Mitte der Männer, die sich um den Kartentisch versammelt hatten. Laos Vater stand neben ihm und schob die Klötzchen in den Norden der Festung. Es hielt sich noch ein dritter Offizier im Turmzimmer auf, der bisher geschwiegen hatte. Seine Stirn lag in Falten, besorgt musterte er die Stellungen, die der Vater des Jungen entstehen ließ. Lao konnte die Anspannung der Männer am eigenen Körper spüren, sie zog in seine Fingerspitzen und Zehen, und zerrte an ihnen wie ein gefräßiges Tier. Seine Wangen glühten, der Junge konnte kaum erwarten, eines Tages an derselben Stelle zu stehen wie sein Vater.

Der General schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, was du damit bezwecken willst, Chen. Ein weiteres Lager außerhalb der Festung wird von uns kaum von Nutzen sein.«

Während die Offiziere nur die rot-schwarzen Unterkleider aus dicken Leinen trugen, war Pang De in voller Rüstung im Turm erschienen. Der schwarze Schuppenhelm mit den Fasanenfedern an der Spitze ruhte am Rand des Kartentisches.

»Wir müssen herausfinden, was Guan Yu vorhat. Wenn wir Shu besiegen wollen, müssen wir sie von innen heraus angreifen.« Laos Vater deutete auf eines der Klötzchen, die Männer beugten sich über den Kartentisch. »Ich werde mit einem Trupp zum Han Jiang ziehen und die Männer dort in ein Gefecht verwickeln«, erklärte der Offizier. »Wir werden Männer als Deserteure tarnen und sie nach zwei oder drei Tagen zum Feind überlaufen lassen. Wir haben gute Spione in unseren Reihen, General, wir sollten Gebrauch von ihnen machen, solange wir noch können.«

Pang De ließ sich nicht anmerken, was er dachte. Er fuhr mit der Hand über seinen Schnurrbart und zwirbelte die Härchen an der Spitze zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Das könnte Verdacht erregen.« Die Stimme des Generals klang so tief wie das Brummen eines Bären.

Er drängte Laos Vater beiseite und nahm drei Holzklötzchen von der Karte. Zwei helle, die für das Shu-Reich standen, und ein dunkles für ihre eigenen Truppen. Er schob den Fasanenfederhelm ans andere Ende, der zuvor einen Teil der Karte verdeckt hatte. Der Junge presste die Lippen aufeinander und unterdrückte ein Fluchen, das ihm beinahe über die Zunge gerollt wäre. Der Helm verdeckte seine Sicht auf den Kartentisch, doch wenn er sich noch weiter über den Rahmen beugte, könnte er vielleicht trotzdem einen Blick auf die Aufstellung des Generals erhaschen. Lao legte die Hände an den Rahmen und schob seinen Oberkörper nach vorne, wie Pfeilspitzen trafen die Augen des Vaters die seinen. Chens Gesicht verfinsterte sich und Lao konnte die Worte auf seinen Lippen lesen, als er würde er sie laut aussprechen.

Verschwinde, Junge!

So leise er konnte, zog er die Tür ins Schloss und eilte die Stufen hinunter. Die Neugier hatte ihn zu weit getrieben, auch wenn er es nicht bereute, die Männer belauscht zu haben. Lao hatte nie verstanden, warum man die Soldaten in den eigenen Reihen so oft im Unklaren ließ. Es waren nicht die Strategen, die die Kriege gewannen, es waren die Waffen des Fußvolks auf dem Schlachtfeld. Lao blieb an der Treppe vor dem Turm stehen. Den Rücken gegen die Wand gelehnt, legte er den Kopf in den Nacken und schloss seine Augen.

Seine rechte Hand tastete nach dem Knauf des Schwertes, das er nicht bei sich trug. Sein Vater würde ihn rügen, er hatte Lao oft ermahnt, seine Klinge nicht abzulegen, wenn sie von Feinden umzingelt waren. Nicht einmal, wenn er sich schlafen legte, aber der Junge fühlte sich nicht wohl. Die Soldaten beneideten ihn, und er fürchtete, einer könnte ihm das Schwert entreißen, wenn sein Vater nicht in der Nähe war. Ihn niederschlagen und ihm alles nehmen, was sich ein einfacher Mann niemals leisten konnte. Der Junge hatte die Gier in ihren Blicken gesehen, manchmal verfolgten sie ihn bis in die Träume. Es war nicht nur eine Ehre, der Sohn eines Offiziers zu sein, es war auch eine Last, eine Verantwortung, von der er glaubte, sie niemals ausfüllen zu können. Lao seufzte. Der Schatten des Vaters schien größer als das Reich zu sein.

Sein Herz schlug schneller, als Schritte von den Wänden des verwinkelten Turmes bis nach unten drangen. Lao ging zu einer Öffnung und starrte in den Hof. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und als der Junge den Kopf drehte, blickte er in die Augen des Generals. Die Iris in ihnen war so dunkel, dass sie beinahe schwarz wie die Pupillen wirkte.

»Dein Vater will mit dir sprechen, Junge. Du solltest ihn nicht warten lassen.« Pang De sprach vertraut mit ihm, als wäre Lao einer seiner eigenen Söhne.

»Das werde ich. Danke, General.« Lao blickte Pang De hinterher, als der sich von ihm entfernte. Die Lamellenrüstung schepperte wie ferne Donnerschläge, die roten Bänder, die die Eisenplättchen zusammenhielten, funkelten bedrohlich, als wären sie aus Blut gewoben. Eine beeindruckende Erscheinung, die den Jungen träumen ließ. Vielleicht würde aus ihm auch einmal ein General werden. Der Junge stolzierte lächelnd durch den Gang, bis eine Schulter seinen Rücken berührte.

»Pass doch auf, Junge.« Die anderen beiden Offiziere aus dem Turmzimmer stolperten an ihm vorbei. Lao entschuldige sich und eilte dann zur Treppe. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um in Gedanken zu versinken.

Offizier Chen stand in der Tür, als sein Sohn die Fußspitze auf die obersten Stufen der steinernen Treppe setzte. »Du bist spät.« Ehe Lao etwas erwidern konnte, wandte sein Vater sich um und ging hinein, der Junge folgte ihm.

»Verzeih, Vater.« Er schloss die Tür.

Die Luft war stickig, als hätten Pang De und seine Offiziere sich viele Stunden in dem hohen Zimmer beraten. Auf dem Tisch brannte eine Kerze.

»Du enttäuschst mich.« Sein Vater stellte sich neben den Kartentisch. »Kauerst an der Tür wie ein Dieb. Wie ein Shu, nicht wie ein Junge des Reiches. Ich habe dir mehr als einmal gesagt, dass du dich von den Besprechungen fernhalten solltest, Lao.«

Der Junge sah ihn nicht an. Er spürte, dass sein Vater verärgert war. Aber welches Geheimnis gab es, von dem sein Sohn nichts erfahren durfte? Lao hatte nicht das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben. Er musterte den Kartentisch, die Figuren standen durcheinander. Natürlich, der General. Der Junge schüttelte den Kopf.

Als sein Vater bemerkte, worauf seine Augen ruhten, warf er ihm einen bitteren Blick zu. »Du sollst dich um die Dinge kümmern, die ich dir auftrage.« Lao erschrak über die Kälte in den Gesichtszügen seines Vaters. »Zeig mehr Respekt, du überschätzt dich.«

Der Junge hob den Kopf und blickte ihn an. »Es tut mir leid.« Auch wenn die Reue in der Stimme eine falsche war, erkannte er, den Vater enttäuscht zu haben.

»Bedauern ist keine Entschuldigung für ein unangebrachtes Verhalten, Junge.«

Mi Chen liebte seinen Sohn, und er hatte nicht vergessen, dass er selbst einmal ein Junge gewesen war. Doch am Zorn in seiner Stimme erkannte Lao, das es ihm ernst war. Er war zu weit gegangen. Ein unangenehmes Gefühl.

Lao spannte die Schultern, als wollte er seinem Vater damit beweisen, dass er kein Kind mehr war. »Du hast recht, es war unangemessen. Ich werde meine Neugier zügeln.«

Lügen, Lao, Lügen! Ein Versprechen, das du nicht halten kannst. Vielleicht konnte der Junge es tatsächlich nicht, aber er würde umsichtiger sein. Noch einmal würde Lao sich von seinem Vater nicht ertappen lassen.

Der Offizier war ein Mann von großem Wuchs, der sogar den General überragte. Er trug einen schwarzen Vollbart, der an den Wangen gestutzt war und am Kinn zu einem Ziegenbart zusammenlief. Seine Augen waren wach und halbmondförmig, in ihnen lag ein Schimmer von Grün, wenn das Licht hineinfiel, das Haar kurz, Zöpfe waren Mi Chen immer lästig gewesen. Er hatte auch Lao nahegelegt, sich das Haar zu stutzen. ›Ein Soldat ist hilflos wie eine Frau, wenn man ihm den Helm entreißt und das Band in seinen Haaren durchschneidet‹ waren seine Worte gewesen. Doch der Junge hatte nicht gehört, er mochte sein langes, schwarzes Haar. Er war lieber hilflos als nackt.

Mi Chen schritt durch das Zimmer und blieb vor der Fensterfront an der Ostseite des Turmes stehen. »Hast du mit den Armbrustschützen gesprochen?«

Der Junge nickte. Er hatte ihm aufgetragen, sich nach dem Zustand der Waffen zu erkundigen. In den letzten Tagen hatte es Probleme mit den Armbrüsten gegeben, da die Feuchtigkeit in das Holz gekrochen war.

»Die Männer sind angewiesen worden, ihre Waffen in die Türme zu bringen. Wenn der Regen anhält, werden wir mehr Bögen brauchen.« Lao hielt inne. »Und ich finde, der Bogen ist der Armbrust vorzuziehen. Er ist verlässlicher.« Er beneidete die Männer, die Pfeil und Bogen beherrschten, als wäre die Sehne ein Teil ihrer Hand.

»Das kann man nicht vergleichen, Lao«, widersprach der Vater und deutete mit einer Geste an, dass er zu ihm kommen sollte. »Ich möchte dir etwas zeigen.«

Sie stellten sich an eines der sechs schmalen Turmfenster und blickten über die Ebene vor dem Fan-Schloss. Das Gras ertrank in wässrigem, hellbraunen Schlamm und den Spuren Tausender Füße, die die Wiesen zu Schlachtfeldern gemacht hatten. Ein Tross Männer kämpfte sich durch das sumpfige Gelände zurück zur Festung.

Es regnete. Manchmal fragte Lao sich, ob es die Sonne hinter den Wolken überhaupt noch gab. Oder ob sie die Wei-Soldaten genauso verlassen hatte, wie das Glück, das sie in der Senke des Han Jiang festzuhalten schien.

»Siehst du die Männer, Lao? Das sind gute Soldaten, aber sie brauchen gute Waffen, um den Kampf zu gewinnen.« Er seufzte. »Ich kann sie ihnen nicht geben. Niemand kann das. Es ist ein schwieriger Krieg, und manchmal bin ich mir nicht sicher, ob wir ihn gewinnen können.«

Er sah seinen Vater selten zweifeln, und er wunderte sich, ob die Lage tatsächlich so ernst war, wie sie schien. Wenn sie es war, würde jeder Soldat gebraucht werden. Jedes Schwert.

»Ich möchte mehr tun, Vater.« Lao wandte den Blick von den tiefschwarzen Wolken ab. »Die Männer sehen mich nicht als einen von ihnen an. Als wäre ich nur ein Junge, der ... «

»Weil du das nicht bist.« Mi Chen fuhr dem Sohn schroff ins Wort. »Du bist ein Kind, Lao, es wird noch ein paar Jahre dauern, bis aus dir ein Krieger wird. Und du tust einen wertvollen Dienst in diesen Mauern.«

Lao blies die Backen auf. »Rüstungen polieren und Kleidung nähen?« Er wollte dem Vater nicht widersprechen, aber er war es leid, den Offizieren dienen zu müssen. »Wie soll ich schlafen können, wenn Soldaten da draußen ihr Leben lassen, während ich mich um solche Dinge kümmere?«

Mi Chen schüttelte den Kopf. »Manchmal frage ich mich, ob du jemals so weit sein wirst, Lao. Ein Krieger? Bist du dir überhaupt bewusst, was das bedeutet?« Der Offizier musterte die Soldaten auf der Ebene. »Ein Junge, der nicht einmal sein Schwert bei sich trägt, wird auch kein guter Soldat. Und niemals ein Offizier.«

Die Worte des Vaters schmerzten, auch wenn Lao wusste, dass er ihn nicht verletzten wollte. Er sollte einmal ein anständiger Mann werden, ein guter Krieger. Ein Mann, auf den die Familie stolz sein konnte.

Er senkte den Kopf. Aus der Stimme des Offiziers sprach viel Weisheit, aber auch viel Schmerz. Schmerz konnte blind machen. »Ich möchte lernen, Vater. General Pang De ist ein großartiger Stratege.«

»Das ist er.« Mi Chen nickte. »Aber darum geht es nicht, worauf willst du hinaus, Junge?«

»Es ist ein Geschenk, dein Sohn zu sein und den Männern so nah zu stehen, die die Schlachten für das Reich schlagen.« Lao warf einen Blick über die Schulter auf den Kartentisch. Es würde dem Vater nicht gefallen, was Lao zu sagen hatte, aber er konnte die Worte nicht länger auf der Zunge behalten.

»Ich bin dein Sohn. Ich möchte wissen, was vor sich geht. Ich lausche nur an Türen, weil du mir so vieles verschweigst. Ich werde ein großer Mann sein, und für jeden großen Mann ist es vonnöten, dass er lernt.«

»Wenn du ein Mann sein willst, hör auf, wie ein Kind zu widersprechen. Männer folgen Befehlen.« Wieder die Kälte in der Stimme, als spräche er mit einem Feind, und nicht mit seinem Sohn.

Offizier Chen ging in die Mitte des Raumes und musterte die Klötzchen, die nicht an Ort und Stelle standen. Der Junge biss sich auf die Unterlippe, der Vater verstand einfach nicht, dass ein Mann niemals etwas lernen konnte, wenn er unsinnigen Befehlen folgte. Vielleicht war es kindlich, die Dinge in Frage zu stellen, vielleicht war es ein Zeichen von Schwäche, seine Neugier nicht zügeln zu können – doch es hatte nicht wenige Männer gegeben, die nur deswegen den Sieg erringen konnten, weil sie entschieden hatten, nicht auf das zu hören, was ein anderer sagte. Lao würde nicht nachgeben.

»Wir werden also aufbrechen.« Der Junge sprach es nicht als Frage aus, als er sich dem Kartentisch näherte. »Du musst es mir nicht verschweigen, Vater, ich weiß, dass ihr ein Lager im Norden errichten wollt.«

Vorsicht, Junge, schien der mahnende Blick seines Vaters ihm sagen zu wollen, doch dann seufzte er. »Das werden wir. Morgen bei Sonnenaufgang.«

Chen nahm eines der hellen Holzklötzchen vom Tisch und drehte es zwischen den Fingern der rechten Hand.

»Das wird nicht unbemerkt bleiben.« Lao legte den Kopf schief und schritt an die Seite seines Vaters. »Der Norden ist von Feinden besetzt. Das hat der General gesagt.« Er beugte sich tief über den Kartentisch und sah eine schöne, säuberlich ausgearbeitete Abbildung der Festung und des Umlands. Über die Jahre war die Farbe verblasst und rissig geworden, das Blau des Han Jiang schimmerte gräulich wie dreckiger Schnee. Jemand hatte schwarze Linien mit Kohle zu den Hügeln gezogen, die die Ebenen der Festung säumten. Der Junge fragte sich, warum man das Fan-Schloss in der Senke des Flusses errichtet hatte. Es gab ringsum Wälle, die die alten Mauern vor steigendem Wasserspiegel schützten.

Er starrte auf die Holzklötzchen am Rand, die nicht mehr waren als grob geschnitzte Würfel. Er musste sich eingestehen, dass sie im Nachteil waren. Der Feind hatte Stellung entlang des Flusses und auf den Hügeln bezogen, es würde nicht leicht werden, die Festung noch weitere Wochen zu halten.

»Wir werden Männer in die feindlichen Linien schleusen. Wir müssen wissen, was am Fluss vor sich geht.« Wenn sein Vater über den Krieg sprach, glich die Stimme der des Generals. Seine Worte waren scharf wie Pfeilspitzen, als könne er den Feind mit ihnen durchbohren.

»Da sind viele Soldaten.« Lao wurde schwer zu Mute und er war beinahe froh, dass er nicht derjenige war, der den Soldaten die Befehle erteilte. »Wenn wir wirklich Deserteure in ihre Reihe schleusen wollen, wird das kein einfaches Unterfangen werden. Der Feind ist skeptisch.«

Wir. Er sprach nicht von ihnen, es war immer nur ein ›wir‹. Er und sein Vater. Er und die Männer, zu denen Lao gehören wollte. Auch er war Teil dieses Krieges.

»Man kann sich nicht sicher sein, Junge.« Sein Vater verschränkte die Arme vor der Brust. »So ist es nun einmal im Krieg, aber wer sich nicht in Gefahr bringt, wird auch nicht den Sieg davontragen.«

Der Junge pfiff durch die Zähne. Er hatte eine Idee. »Was wäre, wenn nur ein Mann geht? Das ist doch besser, oder?«

Wer sich nicht in Gefahr bringt ... sein Vater hatte es eben gesagt, man musste etwas wagen, um den Krieg zu gewinnen. Nur ein Mann. Ein Mann, der alles entscheiden würde. Sein Herz schlug schneller. Lao konnte bereits die Nachtluft auf den Lippen schmecken, wenn er daran dachte, sich in der Dunkelheit davonzuschleichen.

Ja, warum nicht? Warum nicht er?

»Sie werden jeden Mann mit Pfeilen spicken, der es wagt, sich ihnen zu nähern.« Mi Chen fuhr mit der Hand durch den Bart an seinem Kinn. »Man muss sehr vorsichtig vorgehen.«

»Nicht aber, wenn man ein Kind ist, Vater.« Lao lächelte. »Der Krieg hat so viele Opfer gefordert, dass es kein seltener Anblick mehr ist, wenn sich ein Waise zwischen die Linien verirrt.« Er fühlte sich berauscht von dem Gedanken, dass er das Rätsel lösen könnte. »Warum nicht?« Die Worte drangen so leicht über Laos Lippen, als hätte seine Zunge sie jahrelang zurückgehalten. Er hatte keine Angst vor dem, was auf der anderen Seite lauerte.

Und wenn er zurückkehrte, würde er der Junge sein, über den alle sprachen. Lao Chen. Der, der herausgefunden hatte, was der Feind im Schilde führte. »Wir brauchen keine Deserteure. Keine Spione.« Er war aufgeregt und verhaspelte sich beim Sprechen. »Lass mich gehen, Vater. Ich kenne die Soldaten, ob es die unseren oder die am Fluss sind. Sie werden das Kind in mir sehen, nicht den Mann.«

Das Kind, nicht den Mann.

Naive Worte, doch der Junge hatte sich nie etwas daraus gemacht, seine Gedanken auszusprechen. Lao trug das Herz so deutlich auf der Zunge wie ihre Bogenschützen Pfeile im Köcher.

Mi Chen blickte auf ihn herab. Er presste die Lippen aufeinander und wog den Kopf zu einem Schütteln. Dummkopf, schienen seine Augen sagen wollen, doch er schwieg. Er öffnete den Knoten, der den Gürtel seiner Robe zusammenhielt. Die Roben der Offiziere waren schwarz, nur die Bänder an den schrägen Rändern leuchteten feuerrot. Das Gewand war einfach, ohne Knöpfe oder Verzierungen. Der Offizier streifte sich das Gewand von den Schultern und reichte es Lao, verwundert streckte der Junge die Hände danach aus.

Was soll das, fragte Lao sich. Seine Fingerspitzen griffen nach dem dicken Leinenstoff der Robe. »Soll ich die Kleider waschen, Vater?«

Es war ein merkwürdiger Zeitpunkt, ihm die Kleidung zu überreichen, vielleicht wollte sein Vater Lao daran erinnern, was seine Pflichten hinter den Mauern waren.

Mi Chen raffte die weiße Unterkleidung über die nackte, aufgeschuppte Haut. »Zieh die Robe an, mein Sohn.«

Lao stutzte. »Ich soll?«

»Du hast mich verstanden.«

Und der Junge gehorchte. Sein Vater beobachte, wie er das Gewand über die Kleider stülpte. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Lao versank darin, die Robe reichte bis zum Boden. Seine Hände kamen erst zum Vorschein, als er die Arme nach oben riss. »Sie passt nicht.« Der Junge blickte an sich herab.

Das Gewand glich einem Reissack. Wie sehr er sich doch von seinem Vater unterschied! Die Wangen des Jungen glühten rot, wie die Zierbänder, die die Robe säumten. Lao verstand und er schämte sich.

»Sieh dich an, Lao, du bist ein Kind, das die Kleider eines Mannes trägt.« Mi Chen sagte es ohne Bitterkeit. »Du kannst sie nicht ausfüllen. Du musst wachsen und reifen, lernen und mit Demut deinen Aufgaben nachkommen. Dann, Sohn, nur dann wirst du auch eines Tages in die Kleider passen, für die du dich entschieden hast.« Er lachte. »Aber nicht heute.«

Lao schluckte schwer. Sein Vater hatte viel Leid gesehen, er hatte Männer getötet und Verräter aus den eigenen Reihen hingerichtet. Mi Chen sprach nicht darüber, doch seitdem der Junge ihn begleitete, kannte er die Bilder. Hässlich, als würde das Schlechteste im Manne selbst die Feder führen.

Man sagte den meisten Offizieren nach, dass sie grausam waren, aber Mi Chen war ein besonnener Mann. Er schätzte den Wert eines Lebens.

Lao kam sich albern vor. »Es war ein Gedanke, Vater.«

War es das, Lao? Oder hattest du dir nicht tatsächlich die Hoffnungen gemacht, du könntest etwas erreichen, das den anderen Soldaten verwehrt ist?

Er zog die Robe aus und blickte auf den Kartentisch. Vielleicht hatte sein Vater recht, vielleicht war es noch nicht an der Zeit für ihn, eines der Klötzchen zu werden, das man auf einer Karte herumschob. Es war ein befremdlicher Gedanke, dass ein Stück Holz über Leben und Tod Tausender Soldaten entschied.

Mi Chen nahm die Robe und zog sie über. »Gehen wir.«

II Demut

Sie stiegen die Stufen hinab. Schweigend folgte Lao seinem Vater, sein Blick haftete auf der Offiziersrobe. Eine schmerzhafte Lektion, die noch lange in ihm brennen würde, aber der Junge spürte, der Tag würde kommen, an dem er dem Vater beweisen konnte, dass er bereit war, die Kleider auszufüllen. Auch wenn dieser Tag nicht heute war.

Sie erreichten das Quartier. Die Tür knarzte, als Mi Chen sie aufschob. Es war ein karger Raum mit einer Matratze am Boden, die Offiziere genossen nur wenige Annehmlichkeiten in den alten Mauern.

Er reichte seinem Sohn einen Stapel schmutziger Wäsche und wies ihn an, seine Rüstung zu säubern und zu ölen, bevor er am nächsten Tag das Schloss verlassen würde. Der Dienst für die Offiziere war das oberste Gebot des Jungen, doch es war eine Knochenarbeit, die Rüstungsteile mit Melkfett oder Ölen einzureiben, um sie vor Rost zu schützen. Nicht nur Regen verursachte Rost, auch Schweiß und die Feuchtigkeit in der Luft. Manchmal sehnte Lao sich nach den Schlachtfeldern, obwohl er wusste, dass er großes Glück hatte, nicht in den Tod geschickt zu werden.

Er nickte seinem Vater zum Abschied zu und verließ mit einem Seufzen die Kammer. Arbeit, Lao, es ist deine Pflicht. Und es ist wichtig, dass du sie verrichtest, so wie dein Vater es gesagt hat. Doch er war es leid, der Junge zu sein, der Wäsche wusch und stundenlang in den Kellerräumen hockte, um Rüstungen zu polieren.

Der Junge drängte sich an einer Gruppe Soldaten vorbei, die die Risse an ihrer Unterkleidung flickten. Ihre Gesichter waren ernst und gezeichnet von den Kriegen zwischen den streitenden Reichen. Ihre Blicke leer, einer der Männer hatte ein vernarbtes Gesicht, ein anderer saß am Boden und kaute auf seiner blutigen Lippe. Sie stanken nach Schweiß und faulen Eiern, ihre Haare trieften von der Nässe, die seit Tagen in der Luft lag.

Ein Mann mit kahlem Kinn legte sein Hemd beiseite und versperrte dem Jungen den Weg. »Sag dem Offizier, wir hungern. Hast du mich verstanden?« Er warf Lao einen Blick zu, doch der sah ihn nicht an.

Die Panzerung der Soldaten war nicht so prunkvoll wie die seines Vaters. Die Männer trugen Lamellenrüstungen aus schmalen Eisenplatten, die Brustkorb und Rücken bedeckten. Einfache, kurze Rüstungen, doch jeder Mann konnte dankbar sein, wenn er eine sein eigen nennen konnte. Seit dem Zerfall des Reiches waren so viele Schlachten ausgetragen worden, dass die meisten Männer nicht mehr als einen Speer oder ein Schwert besaßen.

Die Rüstungsteile wurden an den Schultern zusammengebunden, die Stoffe darunter schimmerten rot und weiß. Rost überzog das Eisen, jeder Regentropfen hinterließ eine braune Stelle, und Regengüsse gab es auf dem Schlachtfeld so zahlreich wie Tote.

Der Soldat spuckte auf den Boden. »Hey, bist du zu fein, um mit uns zu reden, was? Kleiner Scheißkerl.«

Lao seufzte. Ohne ihn zu beachten, schritt er an ihm vorüber. Der Mann streckte die Hand nach ihm aus, als wolle er ihn zurückhalten, doch einer der anderen Männer räusperte sich.

»Lass ihn.« Der Mann war barfuß.

Die meisten Soldaten trugen Sandalen mit dünnen Sohlen. Ein Wulst aus Leinen schützte die Füße bei Kälte und langen Märschen. Doch die Nässe war in die Fasern gekrochen, sie hatte die Stoffe nachgiebig und rissig gemacht – ebenso wie den Willen der Soldaten.

»Aufgeblasener Wicht«, knurrte der Mann mit dem kahlen Kinn, als der andere Soldat ihn zu seinen Kameraden führte.

Der Junge verschloss die Ohren davor, auch wenn es ihm nicht leichtfiel. Spott war sein täglicher Begleiter hinter den Mauern.

Lao spürte die Blicke der Soldaten im Nacken, als er sich von ihnen entfernte. Seine Schritte hallten von den Wänden des finsteren Ganges. In der Innenseite waren Öffnungen ins Mauerwerk eingelassen, um in den Hof blicken zu können. Lao blieb vor einem der Fenster stehen, im Inneren der Festung standen sieben kleine Gebäude, die Männer hatten zwischen ihnen Baracken und Zelte errichtet. Schwere Pferdeleiber rieben sich in einem Verschlag aneinander, die Wei-Truppen verfügten nur über eine Handvoll berittener Soldaten. Kavallerie wurde als Stoßtrupp in die feindlichen Linien getrieben, seit ein paar Jahren zog man den Tieren sogar eine Rüstung aus Eisen über, dennoch überlebten nur wenige Pferde die Angriffe. Es brach Lao das Herz, wenn er daran dachte, wie Pfeile die Tiere durchbohrten. Wie ihre Spitzen Ross und Reiter zum Fallen brachten. Wuchtige, blutige Pferdekörper, die nicht selten die unter sich begruben, die soeben noch auf ihren Rücken gesessen hatten.

Es schüttelte ihn. Er spürte den Wind auf seinen Wangen, der durch das Fenster wehte. Wind, der Geschichten in sich trug. Von Tränen und Trauer. Von Leben und Tod. Lao hörte ein Flüstern über den Zinnen, als wäre es erfüllt mit den Stimmen der Toten. Er schloss die Augen, da waren nicht nur Tränen, da war mehr. Lachen. Hoffnung. Denn der Staat Wei würde die Reiche einen, und dann würde Frieden herrschen. Erkauft mit dem Blut Hunderttausender, doch wann hatte man Frieden je geschenkt bekommen?

Der Wind fuhr in sein schwarzes Haar, das er zu einem Zopf zusammengebunden trug; es reichte bis an die Mitte seines Rückens. Lao war ein schmächtiger junger Mann von vierzehn Jahren, er besaß ein schönes Gesicht mit schmalem Kinn und hohen Wangenknochen. Runde, eng anliegende Ohren und eine hohe Stirn. Seine Brauen waren buschig, trotz der feinen Züge ließen sie den Jungen ernst wirken. Dunkelbraune Mandelaugen rundeten sein Gesicht wie eine Zierde ab; er würde einmal viele Herzen brechen, hatte seine Mutter gesagt. Er schmunzelte, wenn er an ihre Worte dachte. Sein Herz schlug für das Reich. Für den Vater. Und für Cao Cao, auch wenn die Soldaten munkelten, dass der Kriegsherr ein grausamer Mann sei.

Lao war kein Soldat – eine schmerzhafte Wahrheit – auch wenn er es verstand, mit dem Schwert umzugehen, dem Jian. Sein Vater hatte eine edle Klinge für ihn anfertigen lassen, sie war sein wertvollster Besitz: ein Eisenschwert von siebzig Zentimetern Länge. Nur wohlhabenden Männer und Offiziere konnten sich solch eine Klinge leisten. Das Schwertblatt der einfachen Soldaten blieb oberhalb des Heftes stumpf, nur das Drittel an der Klingenspitze war scharf und tödlich. Laos Schwert war anders.

Er hatte sich immer gefragt, warum der Teil oberhalb des Heftes stumpf war, denn keine der Techniken, die er gelernt hatte, sah das Blocken mit der Klinge vor. Sein Vater hatte ihn ermahnt, die Traditionen nicht infrage zu stellen, dennoch hatte er seinem einzigen Sohn eine besondere Klinge schmieden lassen, die in der Länge des Blattes gänzlich scharf war, eine schwere Waffe, deren Handhabung Lao auch nach Monaten nicht zufriedenstellend beherrschte.

Sein Vater hatte recht.

Wie soll ein Offizier aus ihm werden, wenn er nicht einmal seine Klinge bei sich trug? Aus Angst, man könnte ihn bestehlen. Lao wusste, dass er den anderen Männern nicht gewachsen war.

Das Kind, nicht den Mann.

Ein Segen und ein Fluch zugleich.

Als Lao durch den Gang zur Waschkammer ging, hörte er die Häme einiger Soldaten hinter dem Rücken.

Die Männer lachten gehässig. »Na, Lao, nimmst du meine vollgeschissenen Hosen mit?«

»Wasch deine Hosen selbst!« Dummköpfe. Trottel.

Er ballte die Faust.

Genug! Wie lange wisst du dir das noch gefallen lassen? Wehr dich, Lao. Zeig ihnen, dass sie sich irren in dem, was sie in dir sehen. Zeig ihnen, dass du mehr bist.

Der Tag war jung, sobald er die Aufgaben des Vaters erledigt hatte, würde er mit dem Schwert üben. Und eines Tages würde Lao die Kleider ausfüllen, dann würde niemand mehr über ihn lachen.

Er eilte durch die düsteren Gänge, die sich in das Innere des Fan-Schlosses fraßen. Fackeln erhellten seinen Weg. Die Schritte verfingen sich dumpf zwischen den hohen Mauern, doch da war noch ein anderes Geräusch. Er blieb stehen. Er konnte hören, wie der Regen gegen das Mauerwerk prasselte, jeder Tropfen laut wie ein Faustschlag. Rauschen. Dröhnen. Als würde die Festung am Rand eines Wasserfalles stehen.

Lao seufzte. Der Regen ängstigte ihn mehr als die Klingen der fremden Soldaten.

 

III Das Erbstück

Die Gesichter der Männer waren starr wie die der Steinskulpturen, die vor dem kaiserlichen Palast gestanden hatten. Teile von Luoyang lagen noch immer in Trümmern, auch wenn es dreißig Jahre her war, seit die Stadt zerstört worden war. Lao hatte Zeichnungen der Krieger gesehen, meterhoch sollen sie gewesen sein, gearbeitet aus weißem Kalkstein. Auch hatten die Bildhauer sie mit Rüstungen und Schwertern ausgestattet, doch am Ende war es Aberglaube gewesen, dass sie lebendig werden würden, wenn der Kaiser in Gefahr war.

General Pang De und Offizier Chen gingen voraus, als sie in der Dämmerung mit einem Tross von einhundert Männern die Festung verließen. Vierhundert weitere würden aufschließen, sobald sie die Ebene nach Norden verlassen hatten.

Lao blieb zurück.

Er hatte vergeblich versucht, seinen Vater davon zu überzeugen, ihn mitzunehmen.

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ISBN: 978-3-7394-4552-6