Pfefferbüchse - Lily Ashby - E-Book

Pfefferbüchse E-Book

Lily Ashby

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Beschreibung

Cole Parker will Rache, doch jahrelang bleibt sein verhasster Bruder unerreichbar für ihn. Dann werden Gerüchte laut, über einen Mann im Norden und eine Waffe, wie es nur eine unter Tausenden gibt. Die Reise ist lang und bald muss sich Cole eingestehen, dass der Westen hässlichere Gesichter trägt als das seines Bruders. »Es gab kein Entkommen. Jeden Ort, den er erreichte, und jeden Menschen, den er traf – immer war sein Bruder ihm voraus gewesen. Harry William Parker. Er warf einen Schatten auf das Leben seines kleinen Bruders, und dieser Schatten hatte die Weite einer endlosen Wüste. Wie viele Schritte Cole auch zu gehen vermochte, es gab keinen Weg hinaus.«

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ähnliche


PFEFFERBÜCHSE

 

LILY ASHBY

 

Für Max und Markus

und für Marc

 

 

 

 

1. Auflage Juli 2017

 

Copyright @ 2017 by Lily Ashby

Lektorat: Michael Lohmann, www.worttaten.de

 

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign, www.traumstoff.at

Coverillustration: Natascha Berger

Inhalt

Titelseite

Die Autorin

Impressum

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

Die Autorin

Lily Ashby wurde im Juli 1986 in Sachsen-Anhalt geboren. Nach dem Abitur verschlug es sie nicht nur beruflich in verschiedene Richtungen. Das Leben ist zu kurz, um nur an einem Ort zu verweilen.

Die schönen Künste haben es Ashby genauso angetan wie die rauen Seiten, die das Leben bereithält. Schon von klein auf war sie nicht nur fasziniert von Literatur und Theater, sondern auch vom Wilden Westen, der Seefahrt und den Dingen, die uns immer wieder straucheln lassen. »Pfefferbüchse« ist Lily Ashbys Debütroman und der erste von drei Western.

 

Ashby lebt mit Mann und Hund in Nordrhein-Westfalen.

 

 

 

 

Mehr zur Autorin auf

https://twitter.com/xLily_ashby

https://www.facebook.com/LilyAshby.info/

Impressum

 

Lily Ashby

c/o Autoren.Services

Zerrespfad 9

53332 Bornheim

 

[email protected]

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch in Auszügen, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

I Brüder

Jedes Wort war gelogen.

Der alte Mann schwitzte, der Schweiß rann von seiner Stirn wie Blut aus einer Wunde. Doch Cole wusste, dass es nicht die Hitze war, die ihm zusetzte. Er war es. Cole Parker. Er war seinem Bruder so ähnlich geworden, dass eine Begegnung mit ihm selbst den härtesten Männern einen Schauer über den Rücken jagte.

Nervös fuhr der alte Mann mit der Zunge über seine Lippen. Noch mehr Lügen. Cole blieb ruhig, auch wenn er das wütende Dröhnen seines eigenen Herzschlages in den Ohren spürte. Cole wollte etwas von ihm. Etwas, das ihm nur Ken geben konnte. Ken Morrison. Der alte Mann war schon immer schwierig gewesen.

Cole blickte an ihm vorbei zum Tresen, hinter dem der Barkeeper mit zwei Männern sprach. Er kannte seinen Namen nicht. Seit ein Zechpreller den alten Barkeeper William Holt erschossen hatte, kam Cole nur noch selten in den Saloon. Er trank nicht – und er war in der Schankstube nicht gern gesehen. Die meisten Bewohner von Cattlebend gingen ihm aus dem Weg. Ihm und seiner Mutter. Doch er konnte die Verachtung sehen, die in ihren Augen brannte. Die Vorwürfe, die sie ihnen noch immer machten, und die Cole niemals die Schande vergessen ließ, die am Namen Parker klebte.

Sein Hals schnürte sich zu, und er merkte, wie er beide Hände geballt in den Schoß stemmte. Ken redete weiter. Von seinen Söhnen und von harten Zeiten; mit einem Seufzen wandte Cole seinen Blick von ihm ab und ließ ihn durch die Schankstube streifen. Es war Mittag und der Saloon nicht gut besucht. Außer den zwei Männern am Tresen saß nur noch ein weiterer Gast im hinteren Teil des Raumes. Cole hatte den Mann noch nie gesehen. Er schien auf jemanden zu warten, vielleicht auf eines der Mädchen, mit denen man sich im oberen Stockwerk vergnügen konnte.

Das Gerede des alten Morrison strapazierte seine Geduld.

»Ken, ich habe keine Zeit.« Coles Stimme klang heiser. »Ich brauche die Waffe.«

Ken verstummte. Er schob seinen Stuhl ein Stück zurück, als wolle er jeden Augenblick aufspringen. Cole sah ihn an; es schien, als wäre der Alte unter seinen bohrenden Blicken plötzlich wie gelähmt. Dabei war Cole Parker ein unauffälliger junger Mann. Nur ein Farmer, mit weichen Zügen auf dem sonnengegerbten Gesicht. Aber dieser Cole Parker war anders, und das wusste Ken.

Der Mann, der allein in einer Ecke des Saloons saß, zog ein Kartenspiel aus seiner Tasche. Cole beobachtete, wie er die Karten auf den Tisch legte. Eine nach der anderen. Seit der alte Morrison aufgehört hatte zu reden, war es still geworden im Saloon, der Platz am Klavier leer und die Männer am Tresen schweigsam. Cole glaubte, einen der Deputys von Marshall Evans zu erkennen. Der Linke von beiden, ein hagerer Mann mit schwarzen Haaren, trank Whiskey.

Die Anwesenheit der anderen Männer beunruhigte Cole. Auch wenn sich keiner von ihnen nach ihm umdrehte, wusste er, dass Augen und Ohren auf ihn gerichtet waren. In einem Ort wie Cattlebend wurde immer geredet. Vor allem, wenn es um einen der Parker-Jungs ging. Die Nachricht, dass er mit dem alten Morrison gesprochen hatte, würde sich wie ein Feuer ausbreiten. Cole ergriff das Glas vor ihm und trank. Das Bier war warm und schmeckte abgestanden, aber er nahm noch einen weiteren Schluck. Einer der Männer am Tresen winkte dem Barkeeper zu. Cole fühlte sich unwohl. Unwillkürlich blickte er immer wieder zur Saloontür. Niemand kam oder ging, und auch er schien an diesem Ort gefangen zu sein. Gefangen in den eigenen Gedanken. Gefangen zwischen all den Männern, die ihn mieden, und in Kens endlosem Schweigen. Das Glas war leer. Cole stellte es zurück und atmete tief ein. Er sah Ken an, er wartete auf eine Antwort.

Der Alte räusperte sich. »Ich kann dir die Waffe nicht geben, Junge. Selbst wenn ich noch eine hätte, könnte ich es nicht.«

Cole wirkte unbeeindruckt. »Du hast eine«, sagte er, »und du wirst sie mir geben.«

Ken schnaufte scharf. »Ich verkaufe nur noch Colts, niemand schießt mehr mit Pfefferbüchsen.« Er drehte den Kopf zur Seite und starrte in die Luft. »Ich weiß, was du vorhast, ich habe die Gerüchte auch gehört. Wir alle haben sie gehört. Und du wärst verrückt, wenn du glaubst, dass du eine Chance hast. Selbst wenn du Harry findest, du bist ein toter Mann.«

Ein toter Mann. Coles Gesicht verzog sich zu einem bitteren Lächeln. Er war längst ein toter Mann, innerlich verfallen und verwest. Jede Faser, jede Menschlichkeit aus seinem Kadaver herausgepickt durch den beißenden Spott der Einwohner von Cattlebend. Manchmal hatte er daran gedacht, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wie sein Vater. Seinem Körper die Ruhe zu gönnen, nach der er sich seit zehn Jahren sehnte. Der Schmach entgehen zu können, der Bruder jenes Mannes zu sein, über dem man nur mit Verachtung sprach. Aber nie hatte er die Kraft gehabt, den Abzug zu drücken. Sobald er die Kühle des Laufs am Gaumen spürte, dachte er jedes Mal daran, dass sein Tod der letzte Triumph des verhassten Bruders wäre. Und ein Mensch wie Harry Parker durfte nicht triumphieren.

So ein Mensch musste hängen.

»Du schuldest es mir, Ken.«

Seine Stimme war brüchig. Es dauerte einen Moment, bis Cole seine Gedanken klar gefasst hatte. Es schien ihm, als schmeckte er bei jedem Wort sein eigenes Blut im Mund. Ken sah ihn nicht an. Er gab dem Barkeeper ein Zeichen und bestellte ein Glas Gin. Der alte Morrison war ein Säufer. Cole hatte gehört, dass seine Söhne ihn jeden Abend betrunken aus dem Schweinestall hievten. Vielleicht war es nur den Morrison-Brüdern zu verdanken, dass es den Waffenladen überhaupt noch gab.

Ken trank den Gin in einem Zug. »Ich schulde dir gar nichts.«

Doch Cole kannte ihn gut. Er hatte damit gerechnet, dass der alte Mann ihm die Pfefferbüchse nicht ohne Probleme überlassen würde. Dabei ging es nicht um die Waffe und auch nicht um sein eigenes Leben, alles drehte sich um Stolz und Schuld. Um Rache. Und um die Frage, wer die Verantwortung dafür trug, wenn ein Junge aus der Gesellschaft ausbrach. Wenn er die Seiten wechselte und eine Waffe ergriff, um sie gegen einen Menschen aus der Gruppe zu richten, deren Teil er sein ganzes Leben gewesen war.

Harry William Parker, den sie Pepperbox-Harry nannten. Ein Mann, von dem man sagte, er habe Hunderte erschossen. Häuser niedergebrannt und Vieh gestohlen. Der mit einer Bande immer noch durchs Land zog und dessen Steckbrief jede Stadt zu schmücken schien. Der Schweiß brannte in Coles Augen, er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und ließ dann die Arme sinken.

»Du warst es, Ken«, sagte Cole bestimmt und ohne Gnade. »Du hast meinem Bruder das Eisen in die Hand gelegt, durch das so viele Menschen starben.«

Ken zuckte die Schultern. »Harry war siebzehn und er hatte Geld. Ich bin nur ein einfacher Mann, der seine Frau und seine Kinder versorgen muss. Das ist mein Tageswerk, Cole. Auch wenn es dir nicht gefällt.«

Den Blick stur von ihm abgewandt, hielt der alte Morrison das leere Glas in der Hand und rührte sich nicht. Coles Körper bebte. Wut ließ seine Wangen glühen. Er wollte aufstehen, schreien und Ken am Kragen seines dreckigen Hemdes packen. Der alte Mann sprach von seinem Bruder, als wäre er nur ein Mann wie jeder andere gewesen. Der eines Tages in seinem Laden gestanden und eine Waffe gekauft hatte, um seine Familie zu schützen. Cole hatte vergeblich versucht, mit Ken darüber zu reden, was an jenem Nachmittag wirklich geschehen war. Der alte Mann blieb schweigsam. Vielleicht hatte er damals bereits geahnt, dass Harry andere Absichten mit der Waffe verfolgte. Und dennoch hatte er sie ihm verkauft.

Cole biss die Zähne zusammen. Sein Kiefer schmerzte, auch wenn er es kaum wahrnahm. Es musste einen Weg geben, den alten Hund zu knacken. Ihn so unter Druck zu setzen, dass der nachgab. Doch Cole lief die Zeit davon, er brauchte die Waffe. Jetzt. Jede Stunde, die er länger in Cattlebend blieb, konnte seinen Bruder noch unerreichbarer für ihn machen. Wenn die Gerüchte stimmten. Cole schloss die Augen und atmete tief ein. Sie mussten wahr sein, an etwas anderes konnte er nicht denken. Man hörte schließlich immer wieder von den Kopfgeldjägern, die zum Canyon aufbrachen und mit Leichen auf ihren Pferden zurückkehrten. Der Skull Canyon, einer der übelsten Orte, von dem man in jeder Schankstube des ganzen Westens sprach. Dass es seinen Bruder dorthin verschlagen haben sollte, überraschte Cole nicht. Er war ein gesuchter Mann und ein Mörder war unter Scheusalen besser verborgen als unter Menschen.

Cole richtete sich auf. Den Kopf zur Seite geneigt, blickte er Ken an. Dieser sture Bock musste ein Gewissen haben. Ken Morrison war kein ruchloser Mann. Er war jemand, über den man kaum ein schlechtes Wort verlieren konnte. Doch Cole wusste, dass die Frauen auf den Straßen über ihn tuschelten, wenn er ihnen den Rücken zuwandte. Der alte Morrison, der sich langsam zu Tode soff. Auch wenn er versuchte, den Schein aufrecht zu erhalten, war er ein gebrochener Mann. Ein Mann, der tief in sich etwas verbarg, über das er nicht sprechen konnte. Aber Cole konnte es.

»Machst du dir nie Vorwürfe, Ken?«

Seine Zunge war pelzig, nur mühsam gingen die Worte über seine Lippen. »Die Menschen in dieser Stadt geben dir genauso die Schuld wie mir und meiner Familie. Sieh dich doch an, versoffen und nur noch ein Schatten deiner selbst!«

Er musterte den alten Mann abschätzig in seinem speckigen, mit Brandflecken durchlöcherten Hemd.

»Die schweren Zeiten, von denen du gesprochen hast ... liegt das vielleicht daran, weil sich niemand mehr in deinen Laden verirrt? Habe ich recht, Ken? Die Männer meiden dich, weil sie nicht vergessen können, was du getan hast? Dass du derjenige warst, der meinem Bruder die Waffe verkauft hat? Der alte Ken Morrison, der einen Mann zum Mörder gemacht hat.«

Er schwieg, aber seine Augen verrieten Cole, dass die alten Wunden in ihm bluteten, und der Schmerz schien unerträglich. Die Blicke des alten Mannes suchten die des Barkeepers, schweigend bestellte er ein neues Glas Gin.

»Du kannst es wiedergutmachen«, fuhr Cole fort, »und ich habe dir gesagt, wie. Du gibst mir die Waffe und in ein paar Tagen werde ich zurückkehren, um euch allen zu erzählen, dass Harry William Parker tot ist. Dann ist unsere Schuld beglichen, Ken, und wir können in Ruhe leben.«

Der alte Mann sah ihn nicht an. Er umklammerte das Glas Gin, als wäre es das Einzige, das ihm noch Halt geben konnte. Die Männer am Tresen lachten laut auf und der Barkeeper ließ beinahe eines der Gläser fallen. Ken seufzte.

Diese elenden Parker!

II Morrison & Söhne

Ken trank noch ein drittes Glas Gin, bevor sie den Saloon verließen. Seit Coles Appell an sein Gewissen hatten sie geschwiegen. Es war nur ein Versuch gewesen, nicht mehr, und doch schienen die Worte den alten Waffenhändler getroffen zu haben. Ein schmerzhafter Stich in eine wunde Stelle, den er zwar gut verbergen, aber nicht gänzlich verstecken konnte.

Cole folgte dem alten Mann, dem man den Alkohol nicht anmerkte, in ein paar Schritten Abstand. Vielleicht hielten die Gedanken an Harry seinen Verstand genauso klar wie Coles. So schwierig der alte Morrison auch war, er war ein guter Mensch. Vielleicht sogar einer der wenigen verbliebenen Freunde der Parkers. Cole blinzelte, als sie aus den Schatten der Vordächer traten und die Sonne ihm ins Gesicht schien. Er dachte an seinen Bruder und daran, dass er sie alle zu Opfern gemacht hatte. Opfern, denen es niemals vergönnt gewesen war, Rache zu nehmen. Bis zu diesem Tag.

»Wann brichst du auf?« Es war Ken, der die Stille brach.

»Noch heute«, antwortete Cole und blickte hinunter zu seinen Stiefeln, »sobald du mir die Waffe gegeben hast. Mit Allan und Ann ist alles geklärt, sie werden sich um die Farm kümmern, solange ich weg bin. Aber es wird nicht lange dauern, das verspreche ich dir.«

Ken zog die Braue hoch und brummte leise. Er war skeptisch, und Cole wünschte, er könne dem alten Mann deutlich machen, dass er es ernst meinte. Aber dem jüngsten Spross der Parker-Familie hatte man nie viel zugetraut, er war immer der Junge gewesen, der im Schatten seines Bruders gestanden hatte. Er konnte Pferde versorgen und ein Feld bestellen, aber keiner der Männer im Saloon würde verängstigt die Arme heben, stünde er mit einer Waffe vor ihnen.

Die beiden ungleichen Männer gingen die breite Straße entlang, die durch Cattlebend führte. Es war ein heißer Frühsommertag. Warme Luft flimmerte über den Vordächern, die die hölzernen Fassaden der Häuser zierten. Drei Frauen standen vor einem Schustergeschäft und lachten, Cole sah sich nach ihnen um. Es waren hübsche Frauen mit hellen, langen Kleidern. Er war noch nie einer Frau nahe gewesen, und der Gedanke schmerzte, dass keines der Mädchen in Cattlebend ihm Beachtung schenkte. Dabei hatte er keineswegs ein hässliches Gesicht, auch wenn ein wenig mehr Bartwuchs am schmalen Kinn ihn noch männlicher wirken ließe. Es war sein Name, mit dem keine Frau in Cattlebend an seiner Seite würde leben können. Wenn er jemals heiraten wolle, müsse er fortgehen. Doch die Bürde auf seinen Schultern wog schwer, und er würde lieber einsam sterben, als mit anzusehen wie ein Mädchen, das er liebte, darunter zerbrach.

 

Schnaufend schleppten zwei Pferde eine Kutsche durch die Straße, den Mann auf dem Kutschbock grüßte Ken mit einem Nicken. Ein junger Arzt, der des Öfteren in die Stadt kam. Cole hatte ihn vor ein paar Monaten mit seiner Mutter aufgesucht, aber auch er hatte ihr nicht helfen können.

»Warum möchtest du einen Bündelrevolver, Junge?«, fragte der alte Morrison und riss Cole aus seinen Gedanken. »Pfefferbüchsen sind veraltet, ich kann dir einen besseren Revolver geben.« Er blieb kurz stehen und musterte Cole. »Aber wenn ich mich recht erinnere ... hat dir mein Sohn nicht letztes Jahr eine gute Waffe verkauft?«

Cole nickte. »Ja, einen Pocket Paterson.«

Er hatte den .28-kalibrigen Colt nur ein Mal abgefeuert, um ein Rudel Kojoten zu verjagen, die sich in die Nähe der Farm verirrt hatten. Seitdem lag der Revolver auf dem Nachtisch seiner Mutter, Cole hatte daran gedacht, ihn wieder zu verkaufen. Aber es war die einzige Waffe im Haus, die seine Mutter duldete, abgesehen von der alten Schrotflinte seines Vaters in der Scheune.

»Einen Pocket Paterson, richtig«, wiederholte der alte Mann und seine Augen leuchteten voller Stolz auf. Ken Morrison war vernarrt in Waffen, wie man es von einem Händler erwartete, und auch nach Jahren erinnerte er sich genau, wem in Cattlebend er welchen Revolver oder welches Gewehr verkauft hatte. »Eine gute Waffe, aber auch nicht das Richtige für dich. Vielleicht einen Karabiner von Sharps, Kaliber .52. Das müsste gehen, ich habe noch zwei Stück im Laden.«

Ihre Augen und Kehlen brannten durch den staubigen Wind, der zwischen den Häusern wehte. Sie gingen der Mittagssonne entgegen, Kens Körper warf einen breiten Schatten auf Coles Gesicht. Nun spürte auch er den Schweiß auf der Stirn und im Nacken, sein Hemdkragen klebte unangenehm. Er fühlte sich dreckig, bevor er aufbrach, würde er sich umziehen müssen.

»Wenn du deinen Bruder stellen willst, brauchst du eine anständige Waffe.« Die Pfefferbüchse beschäftigte den alten Morrison noch immer. »Eine, mit der du geradeaus und nicht nur auf eine Armlänge Distanz schießen kannst. Keinen Bündelrevolver, Junge, wirklich nicht. Wir werden im Laden etwas für dich finden.«

Cole lächelte. Die Stimme des alten Mannes erinnerte ihn an seinen Vater. Kühl, aber dennoch fürsorglich. Ken würde ihm geben, was er verlangte. Er hatte sich längst entschieden, auch wenn in seiner Stimme noch immer ein leichter Widerstand mitschwang. Doch er irrte sich, der Bündelrevolver war nicht nur eine anständige Waffe, sondern das einzige Schießeisen, das er gebrauchen konnte. Natürlich wusste Cole um die Schwächen der Waffe und auch darum, dass ein Colt viel besser geeignet wäre. Auch ein geübter Schütze konnte mit einer Pfefferbüchse nur auf zwei oder drei Meter schießen. Zielen war durch das Laufbündel mit fünf und mehr Läufen beinahe unmöglich. Und nicht wenige Männer hatten sich beim Laden der Waffe selbst in die Brust geschossen. Aber für Cole spielte das keine Rolle, er hatte es sich in den vergangenen zehn Jahren so oft ausgemalt. Ein Bündelrevolver: der Anfang und das Ende von Pepperbox-Harry. Nur er und sein Bruder, auf einem staubigen, stoppeligen Feld. Die Stiefel getränkt in Harrys Blut, der ohne letzte Worte auf den Lippen durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe starb. Cole war nicht gewillt, ihm zuzuhören, denn es gab nichts, was sein Bruder ihm hätte sagen können. Keine Entschuldigung, nur den Tod.

»Es muss dieselbe Waffe sein, die du damals Harry verkauft hast«, erklärte Cole schließlich. »Wenn wir den Mistkerl nicht an den Galgen bekommen, soll er zumindest durch eine Kugel aus dem Lauf sterben, der ihn selbst zum Mörder gemacht hat.«

Es war pathetisch, das wusste er, aber er hatte die Rache bis auf das kleinste Detail geplant. Aufgezogen wie ein Theaterstück, auf einer Bühne von endloser Weite inmitten der Prärie. Der letzte Akt gehörte nur ihm, und auch wenn Ken verständnislos mit dem Kopf schüttelte, war es Cole, der die Feder führte. Niemand sonst.

 

Sie hatten den Waffenladen beinahe erreicht, Kens Familie lebte in einem der letzten Häuser am Rand der Stadt, dahinter erstreckten sich bereits die Farmen. Ein Meer aus Steinen und kleinen Büschen säumte den schmalen Weg, der hinter Kens Laden in die Steppe hinausführte. Abgelegen und von der Stadt aus kaum zu sehen, lag dort auch die Farm der Parkers.

Das Haus mit der verwaschenen dunklen Holzfassade und dem löchrigen Vordach gehörte dem alten Ken. Morrison & Söhne stand auf dem ehemals weißen Schild über der Veranda; im Schaufenster lagen einige Schrotflinten und ältere Gewehre. Die Männer stiegen die vier Holzstufen zur Veranda hinauf und blieben vor der Tür stehen. Cole konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal im Waffenladen gewesen war.

»Ich weiß, warum du das machen willst, aber du bist nicht er.« Ken griff in die Tasche seiner speckigen Hose und schien den Schlüssel zu suchen, bis ihm einfiel, dass die Tür des Ladens nicht verschlossen war. »Es heißt, dein Bruder könne einen Mann auf zwanzig Meter mit einem Bündelrevolver erschießen.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Ich glaube zwar nicht, dass dieses Gerede wahr ist, aber wenn jemand mit einer Pfefferbüchse umgehen kann, dann Harry. Dein Bruder ist ein Teufel, Cole.«

»Ich werde ihn aus der Nähe erschießen, Ken.« Cole schlug sich den Staub von den Stiefeln. »Lass das meine Sorge sein. Ich weiß, du meinst es gut, aber ich brauche nur die Waffe von dir und keine guten Ratschläge.«

Harte Worte. Cole konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn man versuchte, ihm ins Gewissen zu reden. Er wusste, was er tat. Er hatte zehn Jahre Zeit gehabt, über den Tag seiner Rache nachzudenken, und niemand kannte seinen Bruder so gut wie er selbst.

»Das ist Geschwätz, das weißt du doch.« Cole lehnte sich neben den Türrahmen. »Dummes Gerede von besoffenen Dreckskerlen, die nicht unterscheiden können, ob man auf zehn oder zwanzig Meter schießt.«

Ken drückte die Klinke und sah Cole unbeirrt an. »Der Canyon liegt neun oder zehn Tagesritte entfernt. Und glaubt man Marshall Evans, ist es eine gefährliche Route. Vielleicht schießen dich Plünderer vom Pferd und hängen dich auf, bevor du deinen Bruder überhaupt findest«, raunzte er bitter. »Wenn du auf die Pfefferbüchse bestehst, dann bitte, aber ich gebe dir noch einen Revolver oder besser eine Flinte mit.«

»Evans ist ein Idiot«, kommentierte Cole die Worte trocken. Er hasste den Marshall. »Ein arroganter Hurensohn, der keine Ahnung hat, wie man in einer Stadt für Ordnung sorgt. Ohne die Deputy Marshalls hätte man ihn doch schon längst einen Kopf kürzer gemacht.«

Cole spuckte auf die Dielen der Veranda. Noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass eines Tages eine Kugel Marshall Evans das selbstfällige Lächeln aus dem Gesicht wischen würde.

Der alte Mann schüttelte erneut den Kopf und betrat den Laden. Stickige Luft schwappte ihnen entgegen. Cole schob sich an Ken vorbei in den schmalen Verkaufsraum. Die Wände waren bis zur Decke mit Gewehren und Flinten behängt, einige Schaukästen mit Pistolen standen an den Seiten. Fast bedrohlich ragten die Läufe zweier Gewehre auf dem Tresen in die Mitte des Raumes. Ein Gefühl der Beklemmung breitete sich in Cole aus. Es schien, als wäre die Zeit an diesem Ort stehen geblieben, denn alle Erinnerungen, die er an Kens Waffenladen hatte, drehten sich um den unausweichbaren Blick in tiefschwarze Läufe. Und um Luft, in der man kaum atmen konnte.

Hinter der Theke, am anderen Ende des Verkaufsraumes, stand George Morrison, ein pausbäckiger junger Mann. Er war im selben Alter wie Cole. Gedankenversunken schob er eine Münze mit den Fingerspitzen über den Tresen und blickte erst auf, als sein Vater direkt vor ihm stand. Das Gesicht rot vor Hitze, strich er sich die fettigen Haare von der Stirn. Er stank nach Schweiß und Schwarzpulver.

»Bist ja früh wieder da«, rief er verwundert. »Mutter ist bei Evelyn, schon seit heute Morgen. Sie hat gesagt, du kommst später in den Laden.«

»Und die Jungs?« Ken beugte sich über einen Schaukasten neben dem Tresen. »Wo sind die Jungs, ich habe sie beim Frühstück nicht gesehen. Waren sie gestern Abend wieder im Saloon?«

George zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht, Vater, vielleicht sind sie im Stall.« Er lachte gehässig. »So fett wie die beiden sind, fallen sie unter den Schweinen doch nicht auf.«

»Rede nicht so über deine Brüder, George.« Ken fuhr seinen Sohn scharf an. »Und kümmere dich besser um den Laden, die Glasscheiben der Vitrinen sind völlig verdreckt. Niemand kauft einen Revolver, wenn er ihn vor Staub nicht erkennen kann.«

»Kauft doch sowieso keiner einen Revolver«, maulte George und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Das ist wegen der Tür, Vater. Muss sie den halben Tag offen stehen lassen, da weht der ganze Dreck und Staub hinein. Aber anders hält man es hier nicht aus, Evelyn kommt gar nicht mehr hierher.«

»Eine schwangere Frau hat im Laden auch nichts verloren.« Der alte Mann hatte das Gerede seines Sohnes endgültig satt. »Wenn du uns nun alleinlassen könntest, ich habe Kundschaft.«

George verzog das Gesicht, als der alte Morrison auf Cole deutete. Er würdigte ihn keines Blickes, auch wenn er direkt neben seinem Vater stand. Cole kannte den ältesten Sohn der Morrisons kaum. Als Kinder hatten sie ein paar Mal zusammen auf den Koppeln gespielt. George war immer ein Raufbold gewesen, dumm, schweigsam, aber sofort mit der Faust im Gesicht eines anderen, wenn ihm irgendetwas nicht passte. George schob sich hinter der Theke hervor und schlenderte an den Vitrinen entlang zur Tür.

»Ich hätte nicht gedacht, dass mein Junge so eine gute Frau findet«, platzte es aus Ken heraus, als sein Sohn schließlich gegangen war. Er lächelte stolz. »Er mag manchmal ein Dummkopf sein, aber in Evelyn hat er wirklich sein Glück gefunden. Vielleicht solltest du dir auch ein Mädchen suchen, Cole. Was ist mit Ann?«

Aber Cole hatte ihm nicht zugehört. In einer Vitrine an der Seite des Tresens, abseits der anderen Waffen, lag in einem kleinen, mit rotem Stoff gefütterten, hölzernen Koffer ein sechsläufiger Revolver. Die Fächer für das Pulverfässchen und den Ladestab waren leer, als hätte jemand die Dinge mit Absicht herausgenommen, um die Waffe nutzlos zu machen. Cole erkannte den Revolver auf den ersten Blick, es war eine Pfefferbüchse von Allen & Thurber. Ihr markantes Aussehen und der dumpfe Knall, wenn man eine Kugel aus einem der Läufe abfeuerte, hatte sich in Coles Gedanken gebrannt. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er seinen Bruder stellen konnte.

III Pfefferbüchse

Es war im Frühling, Cole erinnerte sich nicht mehr an den Tag. Er wusste nicht, ob es morgens oder abends gewesen war oder ob sein Bruder und er zuvor gestritten hatten, aber er erinnerte sich noch an die Angst. Angst, die in jeden Muskel seines Körpers gekrochen war und ihn gelähmt hatte. Er war fünf Jahre alt gewesen und stand zitternd in der Unterhose vor seinem Bett, auf der Brust der kühle Hauch einer Waffe. Sein Bruder hatte das Gewehr des Vaters gestohlen. Ungeschickt hielt er es in den Händen, den Lauf auf Coles Herz gerichtet.

»Papa wird dich totschlagen«, hatte Cole gesagt, doch Harry hatte nur gelacht.

»Das merkt er gar nicht. Ich lege es nachher zurück. Bald kaufe ich mir auch eine Waffe, und weißt du, was ich dann mache? Dann gehe ich weg und reite überall hin, wo ich will. Und wenn Butterfly und ich etwas brauchen, dann nehmen wir es uns einfach.«

»Aber das ist böse«, hatte Cole erwidert und die Hände um den kalten Lauf geschlossen. »Papa sagt, böse Männer werden gehängt.«

Er war sich so clever vorgekommen, als könne er mit dieser Wahrheit jedes Übel des Westens auslöschen. Als Kind hatte Cole noch daran geglaubt, dass auf böse Taten der Tod folgte, doch sein Bruder hatte schon damals eine andere Auffassung von Gut und Böse gehabt.

»Da irrst du dich, kleiner Bruder.«, Harry hatte das Gewehr sinken lassen. »Man hängt die Männer nur, wenn man sie erwischt. Und ich lasse mich nicht erwischen, Butterfly auch nicht. Bevor man uns fassen kann, sind wir längst über alle Berge.«

 

Noch heute lief Cole ein Schaudern über den Rücken, wenn er an diesen Tag dachte. An das zahnlückige Lächeln seines Bruders und an die Waffe auf der eigenen Brust. Es war eine der frühsten Erinnerungen an Harry. Später hatte sein Bruder eine ordentliche Tracht Prügel bekommen. Als ihr Vater nach Hause kam, hatte er nämlich bemerkt, dass jemand das Gewehr im Schrank verschoben hatte. Nur einer seiner Söhne konnte es gewesen sein. Der Ältere, der Unberechenbare. Doch auch die Fäuste des Vaters konnten den damals zehnjährigen Jungen nicht die Vorstellung aus dem Kopf schlagen, die er Jahre später in die Tat umsetzen sollte: sich das zu nehmen, was er wollte.

Eine alte Geschichte, aber eine, an die Cole unweigerlich denken musste, als er die Pfefferbüchse vor sich sah. Diesmal würde er es sein, der die Waffe auf das Herz des Bruders richtete. Vielleicht wurden nicht alle bösen Männer gehängt, aber eines Tages würde die Gerechtigkeit sie einholen. Daran glaubte Cole noch immer.

 

»Es ist dir ernst.« Ken sprach es nicht als Frage aus.

Der alte Mann sah sich um, als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich allein waren. George war nicht mehr zu sehen und die Straße vor dem Laden leer gefegt wie der Vorplatz eines Galgens nach der Hinrichtung. Er schritt an Coles Seite, öffnete vorsichtig die Vitrine und reichte ihm den Bündelrevolver. Behutsam ergriff Cole die Pfefferbüchse, seine Wangen glühten vor Aufregung. Er drehte die Waffe in der Hand und musterte sie. Sechs Läufe, keine Trommel, Kaliber .31. Kein guter Schwerpunkt, das Laufbündel machte den Revolver zu schwer. ›Allen & Thurber Worcester Patented 1837 Cast Steel‹ stand auf den Laufschienen. Der Hammer hob sich, als Cole den Abzug drückte, nach jedem Schuss drehte sich das Laufbündel eine Öffnung weiter. Obwohl Colt-Revolver die Pfefferbüchsen abgelöst hatten, gab es keine Waffe im Westen, mit der man schneller schießen konnte. Klick. Klick. Der Revolver war nicht geladen, natürlich nicht. Cole fuhr mit den Fingerspitzen über die Rankengravur des Rahmens, jede Vertiefung sauber und gleichmäßig gearbeitet. Die Griffschalen aus dunklem Nussholz lagen gut in der Hand. Langsam verstand er die Faszination seines Bruders für diese Waffe. Pepperbox-Harry, so sagte man, habe nie mit etwas anderem geschossen.

 

Mit einem Räuspern entfernte sich Ken. Cole nahm im Augenwinkel wahr, wie der alte Mann in einer Tür neben dem Tresen verschwand. Er konnte hören, wie eine Schublade aufgerissen wurde, dann das Klirren von Metall, schließlich betrat Ken wieder seinen Laden. In der Hand hielt er ein kleines, dunkelbraunes Ledersäckchen.

»Zündhütchen«, erklärte er und kam auf Cole zu, »und Papierpatronen, ich habe sie selbst gemacht. Vorne das Kaliber und hinten das Schwarzpulver. Du musst sie nur noch im Lauf festdrücken, bevor du schießt. Und achte darauf, dass sie trocken bleiben, am besten verstaust du die Munition in einer Tasche.«

Er legte das Säckchen an die Seite der Vitrine. Cole hatte noch nie mit Papierpatronen geschossen, doch er wusste, dass es ihm das Laden der Waffe erleichtern würde. So konnte er Kugel und Treibladung direkt in den Lauf geben, anstatt beides einzeln einfüllen zu müssen. Er brauchte nur einen Ladestab, aber Cole erinnerte sich, einen in der Schublade des alten Schreibtischs in der Scheune gesehen zu haben. Vielleicht hätte er auch Ken danach fragen können, aber er wollte die Zeit des alten Mannes nicht länger strapazieren als notwendig. Einen Ladestab konnte er in jeder Stadt auftreiben. Cole steckte die Hand in die rechte Gesäßtasche seiner Hose und zog ein kleines Bündel zerknitterter Geldscheine hervor. Zehn Dollar. Vor wenigen Jahren hatten Bündelrevolver noch um die vierzig Dollar gekostet, aber die Waffe war stark veraltet und Cole hoffte, dass Ken ihm einen guten Preis machen würde. Als er dem Waffenhändler die Dollarnoten entgegenstreckte, winkte der abwehrend mit der Hand.

»Du musst mir nichts dafür geben«, erklärte der alte Mann mit brüchiger Stimme, als läge etwas Schweres auf seiner Brust, das ihm kaum Luft zum Atmen ließ. Er hatte sich von Cole entfernt und stand nun in der Mitte des Raumes.

»Hör zu, Junge.« Er sprach langsam, als dächte er bei jedem Wort nach. »Wir hatten kein gutes Verhältnis, seit dein Bruder die Stadt verlassen hat. Es war für uns alle eine schwierige Zeit. Das muss ich dir nicht erzählen, aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich deine Familie immer sehr gemocht habe. Auch deinen Bruder Harry.«

Der alte Mann hielt inne, stumm ging er ein paar Schritte in seinem Laden auf und ab, bis er schließlich im fahlen Lichtschein des Schaufensters stehen blieb. Cole beugte sich über den Tresen und sah ihn an. Ken wirkte verloren, wie etwas Fremdes, das nicht hierher gehörte. Allein zwischen den Waffen, die von den Wänden auf sie herabblickten. Dominierend und kalt. Eisen und Holz, das über Leben und Tod entschied. Über Schicksale und Familien. Cole schluckte. Die Hand noch immer fest um den Griff der Pfefferbüchse geschlossen, spürte er, wie sein Körper langsam zu zittern begann.

Er war der Rache noch nie so nah gewesen. Noch nie so kurz davor, die gesamte Last zu verlieren, die er zu lange hatte tragen müssen. Ihm wurde bewusst, dass er nur hinausgehen und seinen Bruder stellen musste. Der Gedanke machte ihn rastlos wie einen Wildhund, der das frische Blut eines verletzten Tieres roch. Cole fuhr mit der Zungenspitze über seine rauen Lippen. Es war an der Zeit. Es gab nichts mehr, worüber er noch mit dem alten Morrison reden wollte. Es schien ihm, als wäre ein ganzer Tag vergangen, seit sie sich im Saloon getroffen hatten. Cole musste weiter, zu Ann und zu Allan. Es gab so viele Dinge, die er noch erledigen musste.

 

»Ken«, rief Cole und musterte den alten Mann, der gedankenversunken zwischen Schrotflinten und Revolvern stand. »Ich danke dir.«

Er nahm das Ledersäckchen mit den Zündhütchen und Papierpatronen, band es an die Schlaufe seines Hosenbundes, und hob dann erneut die Pfefferbüchse an, die er auf dem Tresen abgelegt hatte. Cole trug kein Holster bei sich. Er überlegte einen Augenblick und verstaute die Waffe in der Gesäßtasche der Hose, danach ging er um den Tresen herum. Sein Vater hatte ein Holster besessen, vielleicht lag es in der großen Truhe, die auf dem Flur neben der Treppe stand. Cole würde nachsehen, sobald er zuhause war. In Gedanken schon längst bei Ann und der Farm, bemerkte er nicht, dass der alte Mann auf ihn zu kam. Cole blieb so nah vor ihm stehen, dass er den fauligen Atem riechen konnte. Der alte Kerl versperrte ihm tatsächlich den Weg.

Cole schnappte harsch nach Luft, versuchte aber, ruhig zu bleiben. »Ich muss wirklich gehen«, knurrte er.

»Es tut mir leid, mein Junge, was du durchgemacht hast in den letzten Jahren«, flüsterte Ken weinerlich, als hätte er Coles Worte nicht gehört, und legte ihm die schweißnassen Hände auf die Schultern. »Aber denk noch einmal darüber nach, versprich es mir. Selbst wenn du deinen Bruder tötest, ändert das nichts, für keinen von uns. Denn die Menschen in dieser Stadt vergessen nie, ich denke, das weißt du.«

Er senkte den Kopf und seufzte. »Vielleicht hast du recht, Cole, vielleicht hätte ich deinem Bruder die Waffe nicht verkaufen sollen, aber ich trage keine Verantwortung dafür. Nicht für das, was er später getan hat. Und du auch nicht, du warst ein Kind. Das, was passiert ist, kann nicht mehr gut gemacht werden. Nicht in diesem Leben und in keinem anderen, auch nicht durch Harrys Tod.«

Grob stieß Cole den alten Mann von sich weg und löste sich aus seinem Griff. »Das ist Gerechtigkeit, Ken!« Er war wütend. »Mein Bruder muss sterben und das weißt du.«

»Es liegt nicht an dir, dich darum zu kümmern. Dafür gibt es den Sheriff und die Kopfgeldjäger, auch dein Bruder kann sich nicht für immer vor ihnen verstecken.«

Cole hatte genug gehört, er stapfte an dem alten Mann vorbei und blieb abrupt vor der Ladentür stehen. Ken irrte sich, sein Bruder konnte sich ewig vor seinen Häschern verstecken. Das Kopfgeld auf Harry William Parker war hoch, aber die Männer, die nach ihm suchten, kehrten mit leeren Händen zurück. Sein Bruder glich mehr einem Phantom als einem Menschen, wie etwas, das man nicht erreichen und fassen konnte.

»Harry sollte längst an einem Galgen verfaulen und sich das madige Fleisch durch Krähen und Kojoten von den Knochen reißen lassen, aber niemand kommt an diesen Scheißkerl heran«, schrie Cole bitter und ballte die Hände. »Ich bin der Einzige, der ihn töten kann, Ken. Mein Bruder macht keine Fehler, aber er hat mich schon immer unterschätzt. Und das wird sich niemals ändern.«

Der alte Mann hatte Cole den Rücken zugewandt und musterte eine Hawken Rifle, die schief in der Halterung an der Wand hing. »Du willst Rache«, sagte er, »aber du wirst die Gerechtigkeit nicht finden, die du suchst.«

»Was weißt du schon, du alter Wirrkopf«, schnaubte Cole und musste sich zügeln, Ken nicht noch schlimmere Beleidigungen an den Kopf zu werfen.

Er verschwendete nur seine Zeit. Der alte Mann hatte ihm gegeben, was er verlangte, und das, was Ken noch zu sagen hatte, wollte Cole nicht hören. Er war ein Sturkopf, genau wie sein Bruder. Nur mit Mühe konnte er dem Drang widerstehen, die Tür aufzureißen und hinter sich ins Schloss knallen zu lassen. Auch wenn die Wut ihn rasend machte, wusste er, dass der alte Mann es gut meinte. Cole atmete tief durch. Er dachte daran, was wäre, wenn er nicht zurückkehren würde. Er wollte nicht, dass der letzte Eindruck, den er Ken hinterließ, der eines undankbaren Jungen war.

Also drehte er sich um und lächelte, auch wenn das Lächeln auf seinen Lippen ein falsches war. Der alte Mann wirkte plötzlich ausgezehrt. Das grelle Tageslicht, das Kens Gesicht durch das Fensterglas streifte, zog tiefe Furchen um seine Augen. Ken war alt geworden, und Cole schien zum ersten Mal zu bemerken, dass die schweren Jahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen waren.

»Ich danke dir für den Bündelrevolver, und ich weiß deine Ehrlichkeit zu schätzen.« In Coles Stimme lag so viel Sanftheit, dass sie sich fremd anhörte. Nervös wippte er auf seinen Füßen hin und her, bevor er sich das Hemd zurechtrückte und noch einmal den Blick des alten Mannes suchte. »Alles Gute, Ken. Ich wünsche es dir und deiner Familie von Herzen.«

Der alte Mann nickte.

Kein Wort des Abschiedes. Der Junge wusste, dass der Alte ihm nachsah, als er die staubige Straße zu den Farmen nahm. Auch als Cole die letzten Häuser der Stadt längst hinter sich gelassen hatte, schien er noch immer Kens bohrenden Blick im Nacken zu spüren. Er glaubte, die Gedanken des alten Mannes in seinen eigenen lesen zu können – und sie ließen ihn erschaudern. Cole Parker, nicht mehr als ein weiterer Parker, der mit einer Waffe aus dem Hause Morrison hinauszog und vielleicht nie mehr zurückkehren würde.

IV Ann

Heiße Luft flimmerte am Horizont und ließ den Blick auf die Farm vor seinen Augen verschwimmen. Das Land der Parkers lag abseits von Cattlebend, nur selten ging Cole den steinigen Pfad zu Fuß. Meist nahm er eines der Pferde, um die Stadt aufzusuchen. Der Weg zu den Farmen war anstrengend, vor allem an Tagen wie diesem, wenn die Sonne erbarmungslos im Nacken brannte. Cole stieg einen Hügel hinauf, der von Gestrüpp umwuchert war. Das dunkelrot geschieferte Dach der Farm schimmerte durch die kargen Äste hindurch. Seit dem Tod seines Vaters kümmerte sich Cole um das Land, doch das Haus samt Scheune und den zwei Stallungen verfiel zusehends. Die Rinder hatte er verkauft, um Geld und Zeit zu sparen, nur vier Pferde waren ihm und seiner Mutter geblieben. Thunder, Pumpkin, Snowball und Butterfly. Kindische Namen, die er und sein Bruder sich vor Jahren ausgesucht hatten, bis auf den von Thunder. Den jungen schwarzen Wallach hatte er von einem benachbarten Hof übernommen. Seit die Rinder-Stallungen leer standen, warf die Farm kaum noch Geld ab. Cole hatte oft daran gedacht, das Land zu verkaufen und mit seiner Mutter in ein Haus in der Stadt zu ziehen. Aber die Vorstellung, die Weiden, Wiesen und Pferde nicht mehr um sich zu haben, brach ihm das Herz.

Von Weitem konnte Cole den Stall der Pferde sehen. Die Scheune war windschief. Regen und Sand hatten die Maserungen der Hölzer zerfressen, und es glich einem Wunder, dass das Dach noch dichthielt. Allan sagte, er müsse bald eine neue Scheune für die Pferde bauen, aber Cole hatte nicht viel dafür übrig. Er liebte die Pferde, dennoch fiel ihm die Arbeit jeden Tag schwerer. Wenn er die Tiere am Abend von den Weiden zurück in die Stallung führte, erschienen sie ihm wie eine weitere, viel zu schwere Last. Vielleicht sollte er zwei oder drei Pferde verkaufen.

Cole schritt am Weidenzaun entlang und blieb im Schatten eines Baumes stehen. Mit der Hand fuhr er an die Gesäßtasche seiner Hose, als wollten seine Finger sich vergewissern, dass die Waffe noch da war. War sie.

Cole kniff die Augen zusammen, um die Weide im gleißenden Sonnenlicht überblicken zu können.

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Texte © Copyright by Copyright @ 2017 by Lily Ashby

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ISBN: 978-3-7393-9231-8