Der Pflegefall - Olivia Monti - E-Book

Der Pflegefall E-Book

Olivia Monti

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Beschreibung

Anna Zerbst tritt eine Stelle als Pflegerin an. Sie soll den alten Herrn Brunt betreuen. In der Villa Brunt herrscht von Anfang an eine beklemmende Stimmung. Herr Brunt selbst ist schwer zu ertragen. Er ist mürrisch, greift die Menschen in seiner Umgebung an, beleidigt sie. Anna findet heraus, dass ihn nicht nur Altersbeschwerden, Hilflosigkeit und das lange Warten auf den Tod erbittern, Brunt war immer schon ein problematischer Charakter und in seiner Vergangenheit liegt so einiges im Argen. Das Hausmeisterehepaar, Nella und Markus Schmitts, erzählen Anna schließlich, dass sich Brunt an ihrer behinderten minderjährigen Tochter vergangen hat und er seinen einzigen Sohn, Tobias, ständig quälte. Auch soll es beim Tod von Tobias Mutter nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Herr Brunt hingegen erzählt eine ganz andere Geschichte. Als Anna mitbekommt, dass Nella, Markus und Tobias den alten Herrn schleichend vergiften, ringt sie mit sich, ob sie zur Polizei gehen soll. Hat es ein Monstrum nicht verdient, vergiftet zu weden? Wenn nun aber Herr Brunt doch kein Monstrum ist? Wem soll sie nur glauben?

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EPUB

Seitenzahl: 238




Olivia Monti

Der Pflegefall

Impressum

Der Pflegefall Olivia Monti Copyright: © 2018 Olivia Kleinknecht Cover: © Sammyboy77

Druck, Veröffentlichung und Vertrieb erfolgen über epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Konvertierung: sabine abels |

Der Pflegefall

Mein Arbeitsplatz hat sich in Rauch aufgelöst. Überall liegen Glassplitter und Schutt auf dem Boden. Rasen und Büsche sind ergraut. Es riecht nach Asche. Ich blicke zu den Nachbarvillen mit ihren bunten Gärten. Nebenan ist alles wie immer. Dann schaue ich erneut auf die verheerte Stelle. Die Farben dort sind gestorben.

Es passierte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Heute ist Dienstag, und ich bin froh, dass weder Nella Schmitts, die Frau des Hausmeisters, noch ihr Mann da sind. Das Dienstbotenhäuschen der Schmitts ist wie durch ein Wunder unversehrt geblieben.

Von meinen Sachen ist nichts mehr übrig: Meine Kleidung, meine Bücher, alles, was man so braucht, wenn man irgendwo länger wohnt, sind verbrannt. Den Monat August wird mir niemand mehr bezahlen. Und auch meinen Schaden wird keiner ersetzen. Nicht, dass ich etwas Wertvolles verloren hätte, aber immerhin Dinge, die ich jetzt nachkaufen muss.

Ich trat meine Stelle bei Herrn Brunt erst vor Kurzem an. Ich antwortete auf eine Annonce in der Lokalzeitung. Ist man nicht wählerisch, und das heißt in erster Linie, mit einem kleinen Lohn zufrieden, findet man auch als nicht ausgebildete Pflegekraft ziemlich rasch eine Stelle. Es ging mehr um Betreuung. Herr Brunt war nicht bettlägerig, nur alt, senil, wie Frau Schmitts behauptete, und schwach, kurz, nicht mehr in der Lage, sich selbst in seinem Haus zu versorgen.

Eigentlich könnte ich jetzt ein neues Leben beginnen. Es fällt mir aber schwer, sofort das nächste Kapitel aufzuschlagen. Ich bin müde. Ich brauche noch Zeit. Vor allem möchte ich mir klar darüber werden, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ich hatte gespürt, wie sich ein Gewitter zusammenbraute. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es krachte.

Irgendwann bin ich wieder zu Hause in meiner Zweizimmerwohnung mitten in der Stadt. Auf dem Weg war ich so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht mitbekam, wie ich nach Hause gelangte.

*

Mittwoch, früh am Morgen. Ich öffne alle Fenster. Kühle fließt herein. Ich stehe nur da und lausche dem Blubbern des Wasserkochers. Der Kocher ist quasi lebendig, er hat etwas von einem Tier. Dann gieße ich das sprudelnde Wasser langsam in den Kaffeefilter. Kaffeeduft. Ein guter Duft ist für mich wie die Anwesenheit einer Person. Ich habe gestern Abend noch Croissants besorgt. Beim Hineinbeißen blättert der Teig auf das weiße Schreibpapier, das ich bereitgelegt habe, und hinterlässt eine durchsichtige Fettspur.

Am besten, ich fange ganz von vorn an. Um es mir leicht zu machen, tue ich so, als sei heute mein erster Arbeitstag bei Herrn Brunt. An diesen Tag kann ich mich besonders gut erinnern. Eine neue Stelle ist immer mit Angst beladen. Was erwartet einen? Wie schlimm wird es? Ist man der Aufgabe überhaupt gewachsen? Man hat Angst und zugleich ist man wie ein Raubtier auf dem Sprung, in Höchstform. Ich kann mich besonders gut an diesen Zustand erinnern. Wahrscheinlich bleiben solche Zustände besonderer Wachheit leichter in der Erinnerung haften. Bevor ich den Stift zwischen die Finger nehme, wische ich meine Hände am Küchenhandtuch ab.

*

Ich finde die Magnolienstraße auf Anhieb. Ich kenne das Villenviertel am Stadtrand. Eben noch drängte ich mich durch die U-Bahn im Lärm und Mief der zur Arbeit Strömenden in den dunklen Eingeweiden der Stadt. Jetzt ist es ringsum leer, ruhig, besonnt, grün. Keine Menschenseele ist hier unterwegs.

Die Nummer 71 liegt in einem großen Garten, fast in einem Park. Im Gegensatz zu den anderen Gärten gibt es keine Blumenbeete oder -rabatten. Es ist ein geräumiges Haus aus den Zwanzigerjahren. Das Haus wurde schon länger nicht mehr verputzt, sieht aber ordentlich aus. Schöne Gebäude altern auch gut, sage ich mir immer. An der Mauer zur Straße steht ein weiteres Gebäude, ein Dienstbotenhäuschen.

Bevor ich an der vergitterten Eingangstüre klingle, hole ich ein paarmal Luft und wische meine Haare aus der Stirn. Eine Frau in meinem Alter öffnet. Sie stellt sich als Nella vor. Nicht sehr groß und stämmig. Verräterischen Haarwuchs im Gesicht. Eine Frau in den Wechseljahren. Die mit dem Verlust an Attraktivität zu kämpfen hat. Vielleicht ist sie aber auch nie hübsch gewesen. Sie lächelt mich sogar an. Ich bin erleichtert, dass sie mich zuerst in die Küche bittet, einen Kaffee kocht und mich über vieles informiert, bevor ich meinem neuen Arbeitgeber gegenübertrete. Ich werde für Herrn Brunt Diät-Mahlzeiten zubereiten, ihm bei der Körperpflege, beim An- und Auskleiden helfen und ihm Gesellschaft leisten, wann immer er will, ferner sämtliche Zimmer aufräumen und reinigen, während Nella und ihr Mann im Haus die groben Putzarbeiten erledigen. Mindestens einmal am Tag soll ich Herrn Brunt zum Gehen bewegen. Ein paar Schritte in den Garten. Mehr möchte er nicht. Nachts schlafe ich im oberen Stock. Dort höre ich die Funkklingel von Herrn Brunt, der im Erdgeschoss schläft. Im Notfall muss ich auf einen roten Alarmknopf drücken. Dann kommt der Krankenwagen. Herr Brunt hat einen solchen Alarmknopf neben sich am Bett. Es ist das Übliche.

Nella zeigt mir noch die Küche in allen Einzelheiten, wie der Herd funktioniert, wo sich alles befindet, Lebensmittel, Geschirr, Töpfe ... Und sie händigt mir eine Liste aus, was Herr Brunt nicht essen darf. Alles ist ein bisschen alt ‒ die cremeweiße Farbe blättert mancherorts ab ‒, aber hell.

Nella führt mich in den oberen Stock. Die breite Holztreppe knarrt unter meinen Sohlen, als ich meinen schweren Koffer hinaufschleppe. Dort habe ich mein Zimmer und ein Bad für mich alleine. Das Zimmer ist mehr ein Schlauch, war vielleicht früher eine Abstellkammer. Die anderen Zimmer werden nicht mehr benutzt. Das Schlafzimmer mit Ehebett. Das Zimmer des Sohnes. Ein Büro- und Bibliothekszimmer. Nella lässt mich überall einen Blick hineinwerfen und schärft mir ein, die Zimmer geschlossen zu halten, damit nichts verdreckt. Oben muss ich nur alle zwei Wochen Staub wischen. Es riecht überall abgestanden. Das Eheschlafzimmer wirkt auf mich wie eine Gruft. Mein Zimmer hat als einziges nichts Totes. Es duftet sogar ein wenig nach zitronigem Deodorant.

Herrn Brunts Schlafzimmer wurde nach unten verlegt, weil er die Treppe schlecht hochkommt und keinen Treppenlift will. Ich atme auf. Ich habe ein ganzes Stockwerk für mich alleine. Das ist das erste Mal. Oft wohnt man in einem ganz kleinen Zimmer in derselben Wohnung mit der zu pflegenden Person und fühlt sich nur mitten in der Nacht ungestört, wenn alles schläft.

Jetzt kommt der schwierige Teil. Nella führt mich im Erdgeschoss in den Salon. Es sind eigentlich drei große, ineinandergehende Räume mit alt riechenden, dunklen Möbeln. Der ovale Esstisch und seine Stühle strahlen Trauer aus in ihrem schwarzen Holz. Nur die bunten Perserteppiche heben sich freundlich ab. Herr Brunt sitzt auf einem grauen Sofa vor dem Fernseher. Ich denke gleich, der Mann ist zu groß für das Sofa. Sein dünner Oberkörper ist seltsam lang. Auch die Beine sind es. Als ich in sein Gesicht sehe, wird mir unwohl. Sind es die Augen, die mich irgendwie stumpf anblicken, unbewegt, ohne Funkeln, ohne Glanz? Wie zwei trübe Knöpfe. Ist es sein zerfurchtes Gesicht, das fast schon entstellt wirkt? Oder was ist es? Ich stammle: „Ich bin Anna Zerbst.“

Seine Worte schneiden. „Interessiert mich nicht … Hauptsache, Sie machen Ihre Arbeit.“

Ich bin verwirrt und bleibe stumm vor ihm stehen, bis mich Nella am Ellbogen fasst.

„Sie können gleich mit dem Mittagessen anfangen“, sagt Nella, als wir wieder in der Küche sind.

In der Küche ist die Stimmung normal, drüben im Salon lag eine Schwere in der Luft. Ich selbst fühlte mich dort so schwer, als hingen Gewichte an mir. Gut, dass ich sofort ins kalte Wasser springen muss, keine Zeit zum Nachdenken habe. Der Anfang ist immer belastend. Alles ist neu. Ich muss mich erst zurechtfinden.

„Um zwölf hat das Essen auf dem Tisch zu stehen.“ Nellas Ton stört mich.

Aber gut. Ich habe noch Zeit. Jetzt ist das Essen das Wichtigste. Alles andere lerne ich später. „Ich mache Spaghetti mit Tomatensoße. Und Apfelmus zum Nachtisch. Geht das?“

„Sie wissen ja, alles laktose- und glutenfrei. Und nichts, was bläht. Kein Kohl, kein Kraut, keine Bohnenkerne … und Süßes nur in Maßen …“

„Ist Herr Brunt zuckerkrank?“

„Nein. Das einzig Ernsthafte sind sein empfindlicher Magen und der zu hohe Blutdruck. Medikamente muss er dafür nicht nehmen. Ab und zu nimmt er eine Schlaftablette.“

„Dann ist er praktisch nicht krank.“

„Nein, er ist nicht krank, nur alt. Und immer schlecht gelaunt.“

*

Ich bin schon fast fertig mit der Soße. Schneide nur noch ein paar Basilikumblättchen in feine Streifen, als es laut klingelt. Nella kommt mit einem Putzlappen in der Hand hereingerannt und ruft: „Los, Sie müssen zu ihm!“

Als ich in den Salon eile, ruft Herr Brunt mir entgegen: „Wann bringen Sie endlich mein Essen?“

Es ist erst elf. Aber das tut nichts zur Sache. Ich begreife, dass man am besten nichts entgegnet und gleich tut, was er verlangt. Ich schaffe es, die glutenfreie Pasta in sieben Minuten al dente zu kochen, es sind glücklicherweise Spaghettini, und auch noch Käse zu raspeln. Nella hilft sogar: „Warten Sie, ich decke rasch den Tisch. Hier ist eine Schüssel … Und bringen Sie die Weinflasche und das Wasser …“

Ich trage die Pasta-Schüssel und die Getränke auf. Die Spaghettini sehen nass aus und dampfen. Der Tisch ist gedeckt. Für eine Person. Nella hilft Herrn Brunt, vom Sofa aufzustehen. Er lehnt sich weit vor, um sein Körpergewicht zu Hilfe zu nehmen. Dann packt er Nellas Arm und zieht sich vollends hoch. Nella stemmt die Füße in den Boden und ächzt. Herr Brunt überragt Nella um zwei Köpfe. Wenn er aufrecht ginge, wäre er noch größer.

Herr Brunt hält sich am Tisch fest, bis Nella den Stuhl hinter ihm zurechtrückt. Seine Arme wackeln, vielleicht vor Anstrengung. Dann lässt er sich fallen. Der Stuhl knarzt laut.

Was soll ich jetzt tun? Muss ich ihm beim Essen helfen? Gabel für Gabel die Spaghettini mundgerecht aufdrehen?

Herr Brunt macht nur eine Handbewegung, als verscheuche er eine Fliege. Dann beugt er sich über den Teller. Sein Kopf hängt nach unten. Ich glaube, sein Kopf ist ihm zu schwer. Nella nimmt mich wieder am Ellbogen.

Beim Verlassen des Salons spüre ich eine Enge in der Brust. In der Küche verfliegt die Beklemmung wieder. Nella weist mich an, einen Diätkuchen zu backen. Um 15.00 Uhr trinkt Herr Brunt seinen Nachmittagskaffee. Das ist die einzige Mahlzeit, bei der ich mit ihm den Tisch teilen muss. „Und dass Sie das richtige Pulver benutzen! Brunt kriegt den magenschonenden Kaffee. Süßen können Sie ihn mit dem Zucker.“ Sie zeigt auf eine Dose mit braunem Zucker. Daneben steht ein Fläschchen mit der Aufschrift Süßstoff.

„Und wozu ist der?“, frage ich und zeige auf das Fläschchen.

„Morgens hat er immer Sodbrennen. Da kriegt er Süßstoff in den Kaffee. Schmeckt ekelig, das Zeugs. Für uns nehmen wir den normalen Zucker. Klar?“

Ich nicke und beobachte, wie Nella das Mittagessen für uns beide und ihren Mann vorbereitet. In der Küche gibt es noch eine Speisekammer. Dort befindet sich ein zweiter Kühlschrank und lagert das normale Essen, das Essen für uns, die Angestellten. Für uns gibt es heute Schweinekottelets, grüne Bohnen und Pommes frites. Die Klingel schrillt schon wieder. „Gehen Sie! Er ist fertig mit essen. Machen Sie ein paar Verdauungsschritte mit ihm im Salon.“

Ich habe schon wieder Angst. „Wie stützte ich ihn? Er ist so groß und schwer.“

„Keine Sorge, er hält sich an Ihrem Arm fest, und dann gehen Sie in seinem Tempo mit ihm auf und ab, bis er sich wieder setzen möchte, und zwar auf das Sofa vor dem Fernseher. Dort macht er dann auch seinen Mittagsschlaf. Ich räum solange ab.“

Beim Betreten des Salons sträuben sich die Härchen auf meinen Unterarmen, als ob ich anfange zu frieren. Herr Brunt stemmt sich vom Tisch hoch. Ich springe herbei, um ihm zu helfen. Er schafft es aber alleine, auf die Beine zu kommen. Er hängt sich bei mir ein, ohne mich anzusehen. Er sagt auch nichts.

Wir gehen mechanisch ganz langsam in den drei Zimmern auf und ab. Alle paar Schritte stützt er sich schwerer auf meinen Arm. Ich mache zwei Schritte, während er einen macht. Ich bin fieberhaft damit beschäftigt, sein Gewicht zu halten und gleichzeitig seinen Rhythmus nicht zu stören. Von meinen Achseln fließen warm und kitzelnd immer mehr Tropfen abwärts. Schon nach zwei Durchquerungen der Räume keucht Herr Brunt und steuert auf das graue Sofa zu. Er dreht sich mit dem Rücken umständlich zur Sitzkante. Ich halte ihn, so gut ich kann, an beiden Händen, bis er ins Polster plumpst.

„Die Fernbedienung!“

Zum Glück erblicke ich sie gleich auf dem Couchtisch und reiche sie ihm. Er schaltet den Apparat an. Ich bin Luft für ihn und verziehe mich wieder in die Küche.

Dort sitzt bereits Nellas Mann am Tisch. Sein klein gelocktes Haar wirkt wie Wolle. Er ist stark gebräunt. Ich bin froh, dass ich vor vollendete Tatsachen gestellt werde, jetzt muss ich nicht auch noch Angst davor haben, dass Nellas Mann hereinkommt, er ist schon da. Es ist immer schwierig, es mit neuen Personen zu tun zu bekommen. Du suchst sie dir nicht aus, du weißt nicht, was dich erwartet. Was sind ihre Schwächen, was ihre Laster? Wie nehmen sie dich wahr? Sind sie feindlich, sind sie freundlich? Da sitzt also Nellas Mann und nickt zur Begrüßung knapp mit dem Kopf. Nella zeigt auf meinen Stuhl. Ich setze mich. Auf dem Herd brutzeln die Schweinekoteletts im Fett und zischen die Pommes frites im Öl.

Herr Schmitts blickt in das spritzende Öl. „Und, wie war‘s?“, fragt er.

Ein bisschen hatte ich mich entspannt. In der Atmosphäre von anscheinender Normalität. Jetzt schrecke ich hoch, da ich auf keine Frage gefasst bin. „Merkwürdig“, bringe ich hervor.

„Tja, der Alte ist nicht einfach. Vor zwei Jahren ist er gestürzt. Seither hat er laufend abgebaut. Während der Zeit hat er schon zehn Pflegerinnen verschlissen.“

Ich sehe Herrn Schmitts nur an.

„Für uns ist es auch nicht einfach. Wenn ich jünger wär, wär ich schon längst fort. Mit zweiundsechzig will dich aber keiner mehr. Da giltst du heutzutage auf dem Arbeitsmarkt als halb tot.“

Ich erwidere vorsichtshalber nichts. Man darf am Anfang vor allen Dingen nichts zu Persönliches bemerken, das gibt schnell böses Blut. Am besten zu gar nichts Stellung nehmen, keine eigene Meinung äußern. So bin ich bislang nicht schlecht gefahren.

Nella stellt die Bohnen und Pommes frites auf einer Platte auf den Tisch und lädt mit einer Zange die Schnitzel auf unsere Teller: „Die letzte war einfach zu jung. Die konnte hier nicht mal schlafen, lag Nächte wach. Hat sogar behauptet, hier spukt’s.“

„Die war viel zu hübsch für ne Pflegerin.“ Herr Schmitts greift mit seiner hornhautgepanzerten Hand in die heißen Pommes frites und schiebt ein paar in den Mund.

Nella zieht ihren Stuhl schleifend vom Tisch. „Die war vor allem zu hübsch für dich und Brunt!“

Ich habe schon viele unangenehme Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen erlebt. Eine Menge haben Altersdepressionen und lassen ihre Wut an dir aus. Sie kommandieren dich herum und beschimpfen dich. Inzwischen habe ich gelernt, es nicht persönlich zu nehmen. Manche wissen selbst nicht mehr so genau, was sie sagen. Andere lassen alles heraus, was sie vorher, vielleicht ein Leben lang, zurückgehalten haben. Ich habe diesbezüglich das Wort Gefühlsinkontinenz aufgeschnappt, finde es aber unwürdig; dennoch es geht in die Richtung. Ein Damm der Zivilisation bricht. Alle schlechten Erlebnisse kommen hoch, die Flut strömt durch die Bresche. Ich bin diejenige, die das Schmutzwasser überspült. Ich muss daraus wiederauftauchen, mich ins Trockene retten und sehen, dass es an mir abperlt. Oder ich ertrinke … „Es scheint nicht einfach zu sein hier“, sage ich, während ich die Bohnen weiter weg von den Pommes frites an den Tellerrand schiebe. „Können Sie mir vielleicht ein paar Tipps geben? Wie soll ich mich Herrn Brunt gegenüber verhalten?“

Nella schluckt ihren Bissen mit Apfelsaft hinunter. „Brunt stört einfach alles. Am besten, Sie tun so, als seien Sie gar nicht da. Dann kommen Sie am ehesten ungeschoren davon.“

Ich wische meinen Mund mit der dünnen Papierserviette ab. „Wird er denn handgreiflich?“

„Nein, keine Angst“, beeilt sich Nella mir zu versichern.

„Ist mehr verbal, wie es so schön heißt“, fügt Herr Schmitts hinzu. „Die junge Hübsche hat sich das alles zu Herzen genommen.“

Nella blickt ihren Mann scharf an. „Die sollte besser Kinder hüten.“

„Da magst du recht haben ... Es ist ein Job wie jeder andere. Wenn du Soldat bist, kannst du dich auch nicht beklagen, dass der Feind auf dich schießt.“

Herrn Schmitts Bemerkung beruhigt mich. Ein Job wie jeder andere. Ich habe es wieder mit einer schwierigen Person zu tun. Schwierige Personen sind in dem Beruf die Regel. Also ist alles normal.

*

Endlich bin ich alleine. Von eins bis drei darf ich mich in meinem Zimmer ausruhen. Mich stört einzig, dass die Türe keinen Schlüssel hat. Heute Nacht klemme ich den Stuhl unter die Türklinke. Vielleicht aber auch nicht. Wer soll schon hereinkommen? Nachts sind nur ich und Herr Brunt im Haus. Herr Brunt schafft es sicher nicht, alleine die Treppen hochzusteigen. Ich strecke mich auf dem Bettüberwurf aus und döse bei offenem Fenster vor mich hin. Ein Rückzugsort ist eine Wohltat. Hier drinnen muss ich kein freundliches Gesicht machen für Menschen, die ich nicht kenne und die sich auch keine Mühe geben, zu mir höflich zu sein. Mein Eindruck ist, je älter wir werden, desto schwerer werden die Masken, die wir in der Öffentlichkeit tragen. Bis wir sie zum Schluss fallen lassen. Weil wir keine Kraft mehr haben. Und was kommt dahinter zum Vorschein? Nicht gelebtes Leben, ungestillte Gefühle, Bitterkeit, Gram, Trauer, Wut, Verdruss …

*

Um drei Uhr stehe ich vor Herrn Brunts grauem Sofa und weiß nicht, was ich tun soll. Herr Brunt schnarcht und röchelt abwechselnd. Seinen Körper durchläuft ein wiederkehrendes Zucken. Haustiere zucken manchmal so. Dann träumen sie wahrscheinlich davon zu jagen oder gejagt zu werden. Den Kuchen und zwei Gedecke habe ich aufgetragen, der Kaffee steht unter einer gesteppten Haube auf dem Tisch. Nella kommt herein und sagt: „Sie müssen ihn aufwecken.“

Ich versuche es zu zaghaft. Meine Stimme ist zu leise. Nella schüttelt seinen Oberarm und ruft laut: „Kaffee, Herr Brunt!“

Herr Brunt regt sich, richtet sich schließlich seufzend auf: „Am liebsten wäre ich tot.“

Nella sieht mich an und verdreht die Augen. Dann hilft sie ihm auf die Beine.

Herr Brunt und ich, wir sitzen jetzt ganz alleine am Tisch. Als ich den Kuchenschieber in die Hand nehme, fühlt er sich so glitschig an, dass er mir beinahe aus der Hand rutscht.

„Was ist Ihre Ausbildung?“, fragt er wie aus heiterem Himmel.

„Ich habe vor Urzeiten Geschichte und Französisch studiert.“

„Und was tun Sie dann hier?“

„Es … gab keine andere Stelle für mich.“ Mir wird immer wärmer.

„Und vorher?“

„Ab und zu habe ich als Aushilfskraft an einem Gymnasium unterrichtet …“ Mir wird heiß.

„Dann haben Sie ja keine Ahnung!“

Es dauert einen Moment, bis ich antworten kann. Da steckt dieser Kloß in meinem Hals. „Ich arbeite schon seit fünf Jahren in der Pflege.“

„Schlecht bezahlt.“

„E-es gibt aber immer Stellenangebote.“

„Fürs Alter haben Sie dann sicher keine Reserven.“

Ich versuche den Kloß hinunterzuschlucken. „Zu wenig.“

„Und dann soll es der Staat richten ...“

„Wenn ich in Pension gehe, fürchte ich, hat der Staat kein Geld mehr für so etwas.“

„Da können Sie nur eine Packung Schlaftabletten schlucken.“

Es kostet mich Kraft zu antworten. „Sie sagen es.“

Herr Brunt sieht mich an, ohne mich zu sehen: „Machen Sie sich nichts draus. Mir geht’s auch nicht besser.“

Der Rasenmäher von Herrn Schmitts schneidet unsere Unterhaltung ab. Rrrrrrrm hin. Rrrrrrrm her. Rrrrrrrm hin. Rrrrrrrm her. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Geräusch für mich einmal wie Musik sein könnte. Plötzlich würgt Herr Schmitts den Rasenmäher ab, der Motor gurgelt ein letztes Mal auf. Ich sehe Herrn Schmitts wild zur Straße hin gestikulieren. Am Gartenzaun steht eine Frau, alt und hager. Sie fuchtelt mit emporgerecktem Arm und schreit. Als Schmitts sich daranmacht, den Rasen zum Gartentor zu überqueren, hinkt sie rasch weiter.

Herr Brunt blickt ihr nach, als kenne er sie. Ich beiße mir auf die Zunge. Beinahe hätte ich ihn gefragt, wer sie ist.

*

Ich will gerade das Kaffeegeschirr abtragen, als Nella mit einer flachen Schüssel hereinkommt und sie vor dem Sofa vorsichtig auf den Boden stellt, damit das schaumige Wasser nicht überschwappt.

„Ist das Wasser auch schön warm?“

„Sicher, Herr Brunt. So wie immer.“

Herr Brunt sieht mich an. „Alte Leute frieren nämlich ständig.“

Nella verschwindet wieder und kommt mit einem Pedicure-Set zurück. Ich habe schon öfters Fußnägel geschnitten, tue es aber immer ungern. Die Gefahr, ins Fleisch zu schneiden, ist groß, insbesondere beim Abknipsen der eingewachsenen Nägel.

Herr Brunt liest die Zeitung. Er beobachtet mich nicht, während ich seine im Wasser runzlig gewordenen, papierweißen Zehen bearbeite. Warum muss das Altern mit Hässlichkeit einhergehen? Wäre nicht eine Welt denkbar, in der alles ein Ende hat, ohne zu verfallen und zu verfaulen?

Die Zeitung raschelt. „Fertig?“

„Ich creme Sie nur noch ein.“ Ich spüre Höcker und Beulen unter meinen Fingern. Hühneraugen und hervorstehende Knochen. Genauso werden meine Füße auch einmal aussehen und sich anfühlen. Es ist natürlich, aber doch gewöhnungsbedürftig. Am wenigsten überrascht uns der Alterungsprozess bei Personen, die über lange Zeit täglich mit uns altern. Das Altern geschieht so allmählich, dass man es fast nicht bemerkt. Nur ab und zu gibt es ein Erwachen.

*

Ich gehe mit Herrn Brunt im Garten auf und ab. Alle paar Meter pausieren wir. Er kommt rasch außer Atem, schnauft. Nach fünf Minuten will er nicht mehr. Wir setzen uns auf eine Gartenbank. Es ist ein strahlender Tag. Es duftet nach Blüten und gemähtem Gras. Ein Lüftchen kühlt mein Gesicht. Ich sehe mich neugierig um, betrachte die Villen in den Nachbargärten. Herr Brunt stiert mit gerunzelter Stirn zu Boden. Er macht den Eindruck, als nehme er mich gar nicht mehr wahr, als sei er weit weg.

„Möchten Sie wieder ins Haus?“, frage ich, nachdem er eine halbe Stunde lang so mit hängendem Kopf dasitzt. Er schreckt auf, sieht mich an, als hätte er mich noch nie gesehen, und versucht dann, sich von der Sitzfläche hochzustemmen.

*

„Was soll ich jetzt tun?“, frage ich Nella. In den ersten Tagen bin ich immer wieder ratlos, weil ich den Haushalt und meine Aufgaben noch nicht genau kenne.

„Ihre Vorgängerin hat an dem Tag immer oben die Bibliothek abgestaubt.“

„Und Herr Brunt?“

„Den könne Sie bis zum Abendessen vor dem Fernseher alleine lassen.“

*

Nella reißt zuerst die Fenster des muffigen Raums auf. Dann drückt sie mir den Staublappen und das Holzspray in die Hand. „Dort ist die Leiter für die oberen Regale. Die Bücher mit dem Handstaubsauger. Und machen Sie nicht am Safe rum.“

„Was ist da drin?“, frage ich, bevor ich mir auf die Zunge beißen kann.

„Herr Brunt meint, die Banken sind nicht mehr sicher.“

„Ja, dann ist da Bargeld drin? … Ist das nicht gefährlich?“

„Fragen Sie mich nicht. Ich hab hier nichts zu sagen.“

Darf Nella mir überhaupt verraten, was im Safe ist?

„Und passen Sie auf die Fotos auf. Die Letzte hat zwei runtergefegt, das Glas ist zersprungen.“

Auf zwei Regalen stehen Familienfotos vor den Büchern. Aufnahmen aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren.

„Der da ist Tobi, sein Sohn. Da war er noch klein.“ Nella zeigt auf ein weiteres Bild mit einem älteren Jungen. „Das ist auch Tobi. Abiturfeier. Danach gibt’s keine Aufnahmen mehr von ihm. Und das dort hinter ihm war seine Mutter, Frau Brunt.“

„Frau Brunt lebt nicht mehr?“

„Als ich und mein Mann hier angefangen haben, war Brunt schon Witwer. Keine Ahnung, ob er vorher weniger griesgrämig war.“

Als Nella draußen ist, sehe ich mir die Fotos näher an. Die Gesichter lächeln harmlos.

Meine Arbeit ist zu großen Teilen öde. Aber sie hat auch manches Aufregende. Jedes Mal dringe ich in ein neues Universum ein, komme mit einer Geschichte in Berührung, die sich über Jahrzehnte hinzieht und ihre ganz eigene Logik hat. Es gibt Romane und Romänchen. Tragikomödien und Tragödien. Und selten ist am Schluss etwas komisch.

*

Das Ende des ersten Tages ist immer das Beste. Ich strecke mich in meinem Zimmer auf dem Bett aus und bin einfach nur froh, ihn überstanden zu haben. Die Tür ist zu. Nichts und niemand darf mich in meinen vier Wänden stören. Mein Zimmer ist heilig. Noli me tangere. Am ersten Abend richte ich mich mit besonderer Sorgfalt ein, stelle persönliche Gegenstände auf, Fotos von meinen Freundinnen und mir, von meinen verstorbenen Eltern, hänge ein paar Plakate an die Wand, die Skyline von Chicago, aufgenommen in den Dreißigern, ein verblasstes Fresko von Paulo Uccello, Shaun the Sheep auf grellgrünem Rasen. Ich weiß, es passt nicht zusammen. Jedenfalls strahlt Shaun the Sheep zumindest Komik und Zärtlichkeit ins Zimmer ab. Auf den Tisch an der Wand stelle ich die Kaffeetasse meiner Großmutter, durchsichtiges, geraffeltes Porzellan, handbemalt mit Rosen. Wenn man lange alleine lebt, wendet man sich den Gegenständen zu und sucht ihnen Gefühle abzugewinnen. Meine Großmutter ist für mich in ihrer Tasse noch anwesend. Tausende Male hat sie sie benutzt. Ich stelle mir vor, die Tasse hat während dieser intensiven Nutzung ihre Gedanken und Gefühle gespeichert und strahlt sie noch aus. Ein paar meiner Kleider hänge ich nicht in den Schrank, drapiere sie über den einzigen Stuhl.

Nella unterstützt mich beim Richten des Abendessens. Fettarmer Käse, Diätwurst, Maisbrot, fast einen Liter Wasser und Wein.

Herr Brunt isst abends vor dem Fernseher. Er verlässt seinen Platz dort erst, wenn er zu Bett geht. Meist nach den Acht-Uhr-Nachrichten. Abends müssen wir ihn nicht duschen, er putzt sich nur die Zähne. Nella hilft mir, Herrn Brunt auszukleiden. Er hält sich solange am Waschbecken im Bad fest. Ich habe Angst, seine Arme knicken ein, sie wackeln und zucken. Er hebt jeweils ein Bein, sodass wir ihm die Hose und die Socken ausziehen und die Windelhose und darüber den Pyjama anziehen können. Da Herr Brunt immer durstig ist und Unmengen Wasser trinkt, müsste er nachts mehrmals aufstehen. Um den Pflegekräften und auch ihm selbst das zu ersparen, sind alle übereingekommen, es mit Windeln zu probieren. Unterhemd und Hemd legt er, auf dem Bett sitzend, selbst ab. Das heißt, er wirft beides vor dem Bett auf den Boden, sodass man sich zu seinen Füßen bücken muss, um die Kleidungsstücke aufzusammeln.

„Gute Nacht. Wenn Sie etwas brauchen …“, ruft Nella noch, bevor wir gehen.

„Dann klingle ich“, ist die Antwort im Text des Stücks.

Herrn Brunts Schlafzimmer ist fast so klein und länglich wie mein Zimmer. Es geht nach hinten. Das Fenster ist vergittert. An den Wänden fallen mir helle Flecken auf der grauen Tapete auf, Abdrücke von abgehängten Bildern. Das einzig Tröstliche ist der taubenblaue Teppichboden.

„Sind Sie verheiratet?“, hat er mich gefragt.

„Nein.“

„Haben Sie einen Freund?“

„Leider nicht.“

„Irgendwann spielt das auch keine Rolle mehr.“

Er wollte damit vielleicht sagen, dass im hohen Alter vieles egal ist, weil man es sowieso nicht mehr erreichen kann.

Wenn Herr Brunt zu Bett gebracht ist, bin ich frei. Zumindest im Haus.

*

Am ersten Abend bin ich immer erledigt. In jedem Haushalt warten neue Aufgaben. Das ist aber nicht der Hauptgrund. Es sind die neuen Menschen, die mich am meisten anstrengen. Ich glaube, das kommt daher, dass ich ein paar Jahre völlig alleine gelebt habe. Fast ohne Freunde und ohne Familie. Ich war lange Zeit arbeitslos. Du kannst mit niemandem mehr ausgehen, da du kein Geld ausgeben kannst, und irgendwann wirst du auch nicht mehr eingeladen. Man wird seltsam, zieht sich zurück, und andere Menschen fangen an, einen anzustrengen. Es war für mich ein ungeheures Wagnis, meine erste Pflegestelle anzunehmen. Ich hatte nur eine vage Vorstellung von meinen Aufgaben und traute mir eigentlich zu dem Zeitpunkt gar nichts mehr zu. Ich habe es auch nur gewagt, nachdem ich in einer Zeitung einen Artikel über die vielen unbedarften Pflegekräfte gelesen hatte, die der Markt einfach aufsaugt, da ein so hoher Bedarf besteht. Es gab einen Gedanken, der mich vorantrieb: Wenn fast jeder so eine Stelle annehmen konnte, dann konnte ich es vielleicht auch. Anfangs fühlte ich mich nicht nur krank vor Angst, ich war die verkörperte Angst. Am vierten Tag meiner ersten Beschäftigung schwappte die Angst dann in Euphorie um. Ich hatte es geschafft. Ich hatte mich freigeschwommen. Ich war ins Leben zurückgekehrt, wenn auch in ein etwas trübes Leben, aber Hauptsache, ich lebte wieder.

Am ersten Abend gehe ich daher möglichst früh zu Bett. Sehe noch etwas fern auf meinem Tablet. Das Fernsehen lullt mich ein. Und ein Buch tut dann noch den Rest. Wenn ich jede Zeile mehrmals lese und sie immer noch nicht verstehe, ist es Zeit, das Buch aus der Hand zu legen und das Licht auszumachen.

*