Der Prinz auf der Erbse - Karrie Fransman - E-Book

Der Prinz auf der Erbse E-Book

Karrie Fransman

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Beschreibung

Märchen sind oft die ersten Geschichten, die Kindern erzählt werden. Sie sind voller Magie, aber auch voller Klischees. Sie teilen die Welt in Gut und Böse und prägen unsere Vorstellung, wie Mädchen und Jungen sein sollen, von klein auf. Karrie und Jonathan haben sich beim Lesen der Märchen darüber geärgert, wie veraltet die Bilder sind, die wir unseren Kindern mitgeben, und wollten herausfinden, was passiert, wenn Rapunzel einen Bart herunterlässt und Dornröschen von einer Prinzessin erlöst wird. Die Wirkung ist verblüffend: All unsere Vorurteile, Zuschreibungen und Stereotypen liegen gestochen klar vor uns.

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALT

» Über das Autorenpaar

» Über das Buch

» Buch lesen

» Impressum

» Weitere eBooks der Autorin

» Weitere eBooks von Kein & Aber

» www.keinundaber.ch

ÜBER DAS AUTORENPAAR

Karrie Fransman schreibt und zeichnet visuelle Geschichten und Comics, die unter anderem in The Guardian, The Times, Time Out, The Telegraph, The New Statesman erschienen sind. Sie hat zwei preisgekrönte Graphic Novels veröffentlicht: The House That Groaned und Death of the Artist. Für das Britische Rote Kreuz entwickelte sie einen viel gelobten Comic über einen jugendlichen Flüchtling. Weitere Arbeiten von ihr sind unter karriefransman.com zu sehen.

 

Jonathan Plackett ist ein kreativer Technologe / Denker / Programmierer / Spieldesigner / Autor. Er hat sich darauf spezialisiert, spielerische und interaktive Erfahrungen zu schaffen, für Apps, Websites, Filter, Musikvideos, Spiele und Bücher. Über seine Arbeit wurde weltweit berichtet, darunter im Wall Street Journal, Der Spiegel, The Times, The Telegraph und in der BBC. Mehr Informationen finden Sie unter plackett.co.uk und über Twitter @jonplackett.

ÜBER DAS BUCH

Könige, die weinend am Fenster sitzen und sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind, Prinzessinnen, die in glänzenden Rüstungen Drachen erlegen, und Wölfinnen, die Großväter auffressen. Was wäre, wenn wir die Geschlechter in den alten Märchen einfach vertauschen?

 

Für Lyra(die andere Frucht unserer Gemeinschaft)

VORBEMERKUNG

Lieber Leser, liebe Leserin,

wir freuen uns, dass ihr euch die Zeit nehmt, denPrinz auf der Erbse zu lesen. Beginnen wollen wir damit, wie es zu diesem Buch kam.

 

Jonathan Plackett: Als ich klein war, las mein Vater meiner Schwester und mir Gutenachtgeschichten vor. Was wir nicht wussten, war, dass er das Geschlecht der Personen in den Büchern heimlich vertauschte. So wurde das Vorlesen für ihn viel interessanter und uns lieferte er aufregende, originelle Figuren, die nicht den gängigen Geschlechterklischees entsprachen.

Dreißig Jahre später bin ich Software-Entwickler und mit der Comicautorin und Künstlerin Karrie Fransman verheiratet. Wir haben selbst eine Tochter und wollen, dass sie in einer Welt aufwächst, in der kleine Mädchen stark sein und kleine Jungen ohne Zorn zu ihrer Verletzlichkeit stehen dürfen.

Darum habe ich mich gefragt, ob es möglich ist, einen Computer-Algorithmus zu entwerfen, der in jedem beliebigen Text alle gegenderten Figuren vertauscht, also »er« in »sie«, »Mrs« in »Mr«, »Töchter« in »Söhne« etc. umschreibt. Nach einigen zum Teil überraschenden und hartnäckigen Auseinandersetzungen mit den Besonderheiten der englischen Sprache ist es mir schließlich gelungen, ein benutzerfreundliches Computerprogramm zu entwickeln, das in jedem Text, mit dem man es füttert, die Gender-Verteilung umkrempelt.

 

Karrie Fransman: Als Jonathan mir den Algorithmus zeigte, war ich begeistert, und wir überlegten gemeinsam, was wir damit machen könnten. Ich schlug vor, ihn auf Märchen anzuwenden. Uns reizte die Idee, klassische Texte und moderne Technologie zu kombinieren und die Geschichten für zeitgenössische Leserinnen und Leser upzudaten. Auch als Comiczeichnerin war ich gespannt darauf, wie der Algorithmus die weltbekannten Märchen verwandeln würde, und mir dann die neuen Geschichten in Bildern vorzustellen.

Als Grundlage haben wir uns für die populäre Märchensammlung Lang’s Fairy Books entschieden, die zwischen 1889 und 1913 in englischer Sprache erschienen ist. Diese wunderschön kolorierten Bände sollten die besten Geschichten aus der ganzen Welt versammeln und einem breitem Publikum zugänglich machen, etwa Märchen von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve (»Die Schöne und das Tier«) und den Gebrüdern Grimm (»Hänsel und Gretel«, »Rumpelstilzchen«, »Schneewittchen«). Interessanterweise wurden auch Lang’s Fairy Books von einem Ehepaar herausgegeben. Allerdings heimste damals Andrew Lang, dessen Name auf dem Einband stand, den Ruhm ein, während die meiste Arbeit von seiner Frau Leonora Blanche »Nora« Lang geleistet wurde, insbesondere bei den späten Bänden, wie die Literaturwissenschaftlerin Andrea Day herausfand.

Märchen sind die ideale Gattung für den Gender-Tausch. Sie gehören zu den ersten Geschichten, die wir als Kinder hören, und liefern uns die Grundbausteine des Erzählens. Sie erlauben uns, Fantasien auszuleben, uns in Figuren hineinzuversetzen und Ungeheuer zu besiegen. Vor allem lehren sie uns den Unterschied zwischen »gut« und »böse« und die moralischen Codes, die unsere Gesellschaft beherrschen: Jungen sollen mutig an Bohnenranken hinaufklettern, um sich zu holen, was ihnen rechtmäßig zusteht, Mädchen sollen sich hüten, im dunklen Wald mit Fremden zu reden. Aber Märchen sind auch voller Magie und Feenstaub. Wenn wir uns eine Welt vorstellen können, in der Harfen singen und Ratten Kutscher werden, können wir uns dann nicht auch eine Welt vorstellen, in der sich Könige Kinder wünschen und alte Frauen keine Hexen sind?

Damit war Der Prinz auf der Erbse geboren. Allerdings müssen wir kurz innehalten und auf die Begriffe »Gender« und »Geschlecht« eingehen, beziehungsweise darauf, was wir hier eigentlich vertauschen. Wir behaupten keineswegs, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Zum Zweck der Diskussion benutzen wir hier den Ausdruck »biologisches Geschlecht« für alles, was mit dem Körper zu tun hat, und »Gender« oder »soziales Geschlecht« für die von Kultur und Gesellschaft konstruierten Geschlechterrollen. In den meisten Kulturen wird das soziale Geschlecht in »weiblich« und »männlich« aufgeteilt mit den dazugehörenden gesellschaftlichen Rollen, Normen und Verhaltensmustern, die sie unterscheiden. Doch heutzutage fühlen sich die Menschen immer wohler, auch den Raum zwischen den einander entgegengesetzten Vorstellungen von »Weiblichkeit« und »Männlichkeit« einzunehmen. Viele Menschen identifizieren sich als non-binär, queer, transgender, genderfluid, agender, other-gender und vieles mehr. Trotzdem spielt die Unterscheidung in »weiblich« und »männlich« im Denken der meisten Menschen noch eine Rolle, und auch in der Sprache. Indem wir die beiden dominanten Gender-Konstrukte vertauschen, wollen wir ihre Eindeutigkeit aufbrechen und die Menschen dazu bringen, die Annahmen zu hinterfragen, mit denen wir das soziale Geschlecht in unserer Gesellschaft aufladen.

 

Jonathan: Als wir ein paar Märchen durch den Gender-Swap-Algorithmus laufen lassen hatten, war uns klar, dass wir auf etwas Interessantes gestoßen waren. Vor unseren Augen entstanden faszinierende neue Figuren, und Stereotypen wurden aufgedeckt. Wir sahen Prinzessinnen in glänzender Rüstung, die zur Rettung schlafender Prinzen eilten. Könige, die nähend am Fenster saßen und sich ein Kind wünschten. Tugendhafte junge Männer, die dafür belohnt wurden, dass sie sich von den Makeln abstoßender Prinzessinnen nicht abschrecken ließen. Die Geschichten bekamen eine neue Dimension und machten mühelos die genderspezifischen Vorurteile im Originaltext sichtbar.

Unter anderem hatte ich für dieses Vorhaben einen Algorithmus entworfen, weil ich die Welt aus einer anderen Perspektive als meiner eigenen sehen wollte. Manche Veränderungen waren vorhersehbar, aber andere offenbarten Feinheiten, die mir bisher nicht aufgefallen waren, zum Beispiel, dass Frauen nun automatisch zuerst genannt wurden, »Schwestern und Brüder« oder »Gretel und Hänsel«. Das Beste aber war, dass Frauen endlich Macht und eine Vielfalt an Rollen zur Verfügung hatten, während Männer die Chance bekamen, zu ihrer Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit zu stehen und für ihr gutes Herz belohnt zu werden.

Das Projekt löste einige interessante Gespräche mit unserer Lektorin Louisa Joyner aus. Sie hatte gleich verstanden, welches Potenzial das Verfahren hatte. Wir entschieden uns, sehr streng vorzugehen und den Wortlaut der alten Märchen bis auf die umgegenderten Wörter zu erhalten. So blieben manche antiquierten Ausdrücke wie »verschmachten« oder »Rocken« stehen, die auf die Zeit verweisen, als die Geschichten niedergeschrieben wurden. Gleichzeitig spiegelte sich in den Beziehungen zwischen den Figuren die heteronormative Weltanschauung der jeweiligen Entstehungszeit. (Für dieses Problem müssen wir einen anderen Algorithmus entwickeln!)

Die Texte bis auf den Gender-Swap unberührt zu lassen, hieß aber vor allem, dass wir die Geschichten nicht mit unseren eigenen Vorurteilen und Ansichten beeinflussen konnten. Märchen wurden über die Zeiten immer wieder umgeschrieben, aber niemand hat einfach nur die Geschlechter vertauscht. Doch genau das hat uns interessiert, weil wir die Interpretation der neuen Geschichten allein den Leserinnen und Lesern überlassen möchten.

Manche der gegenderten Wörter waren leicht zu ändern – »Mann« zu »Frau« oder »sein« zu »ihr«. Dann gab es Wörter, die wir kulturell mit »Männern« und »Frauen« assoziieren, wie Namen, Titel und Kleidung. Wir beschlossen, auch diese zu vertauschen. Aus »Hans« wurde »Hanna«, aus »Fee« wurde »Zauberer«, und aus »Kleid« wurde »Anzug«. Zwar ist es eine schöne Vorstellung, dass Menschen heißen können, wie sie wollen, und anziehen können, worin sie sich am wohlsten fühlen, doch für unser Projekt wäre es zu verwirrend gewesen. Statt eine Utopie zu entwerfen, in der solche Etiketten keine Rolle mehr spielen, entschieden wir uns, die existierende Welt umzukrempeln, samt ihren binären Vorstellungen, was ein »Mann« oder eine »Frau« sein soll. Wir wollen, dass sich dieses Buch liest, als könnte es einem Paralleluniversum entstammen, wo Frauen an der Macht sind und immer schon waren.

Die größte Schwierigkeit des Gender-Tauschs ergab sich bei biologischen Ereignissen wie Sex oder Geburt. Zum Glück hatten wir es in den Märchen nur mit Letzterem zu tun. Wir haben heiß diskutiert, ob ein Mann ein Kind zur Welt bringen kann (»Vielleicht hat er es aufgefangen, als es herauskam?«) oder ob ein verzauberter Hahn Eier legen kann (»Warum nicht – er ist doch verzaubert?«). Außerdem hatten wir ein interessantes Gespräch über Rapunzels Haar: Wie kommt ein zwölfjähriger Junge zu einem turmlangen Bart? Mit der gleichen Magie, die einem zwölfjährigen Mädchen turmlanges Haar beschert, nehmen wir an.

 

Karrie: Sobald der Text getauscht war, konnte ich mit den Illustrationen beginnen. Die Aussicht, diese weltberühmten Geschichten zu zeichnen, die schon tausendfach illustriert worden sind, schüchterte mich am Anfang natürlich ein. Aber ich vertraute darauf, dass mir der Gender-Swap einen neuen Ansatzpunkt liefern würde. Ich beschäftigte mich mit klassischen Märchenillustrationen und -gemälden und entdeckte bald Muster – die passive Haltung und die entblößte Kehle der Prinzessinnen; die Kleider, die ihnen an manchen Stellen am Körper zu kleben scheinen, während sie gleichzeitig verrutschen. Ich kopierte diese Bilder mit vertauschten Gendern, um ihre Wirkung zu testen. Dann begann ich nach und nach, meine eigenen umgekrempelten Versionen zu entwerfen, wobei ich in jedem Bild auf die neuen Machtverhältnisse achtete. Ich beschäftigte mich auch mit der Herkunft der Märchen, Frankreich im achtzehnten Jahrhundert bei »Die Schöne und das Tier«, Dänemark im neunzehnten Jahrhundert bei »Däumeline«, ließ mich von Stoffen und Möbeln der Länder und Epochen, aus denen die Geschichten stammten, inspirieren und verwendete leuchtende Farben, um die Bilder modern zu machen. Ich arbeitete mit Tinte und Aquarellfarben – bis das Buch fertig war, waren meine Hände monatelang bunt verschmiert.

Die Arbeit am Prinz auf der Erbse hat uns beiden großen Spaß gemacht, aber wir wollen auch ernste Fragen aufwerfen. Unser Ziel ist nichts Geringeres, als die geschlechterbezogenen Stereotypen, die uns seit frühester Kindheit in diesen Geschichten mitgeliefert werden, bloßzustellen und zu durchkreuzen.

In unserer kleinen Familie wirkt das Buch jetzt schon. Kürzlich zeigte ich unserer zweijährigen Tochter ein Bild für »Rotkäppchen und die böse Wölfin«, an dem ich am Morgen im Atelier gearbeitet hatte. Zu sehen war die riesige böse Wölfin, die sich über den kleinen Jungen mit der roten Kappe beugt. Unsere Tochter war fasziniert und betrachtete das Bild eingehend. Später am Abend, als wir eine Tiersendung von David Attenborough sahen, fragte ich sie: »Was für ein Tier wärst du gern?« Da antwortete sie, ohne zu zögern: »Eine große böse Wölfin!«

 

Wir hoffen, dass euch dieses Buch gefällt, zum Nachdenken anregt und euch die Welt aus einem neuen Blickwinkel zeigt.

Wenn ihr eure Gedanken und Beobachtungen mit uns teilen wollt, kontaktiert uns gern über genderswappedstories.com oder Social Media – @KarrieFransman und @JonathanPlackett.

 

 

Karrie Fransman & Jonathan Plackett

DER SCHÖNE UNDDIE BESTIE

(nach Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve)

Es war einmal in einem fernen Land eine Kauffrau, die mit ihren Geschäften so erfolgreich war, dass sie es zu großem Reichtum gebracht hatte. Und da sie außerdem sechs Töchter und sechs Söhne hatte, scheute sie keine Kosten, ihre Kinder mit allem zu verwöhnen, was ihr Herz begehrte, denn so waren sie es gewohnt.

Durch eine unerwartete Laune des Schicksals aber wendete sich ihr Glück eines Tages. In ihrem Haus brach ein Feuer aus, das alles bis auf die Grundmauern niederbrannte, die prächtigen Möbel, die Bücher, die Bilder, Gold, Silber und alle Schätze, die darin waren; und dies war erst der Anfang ihrer Sorgen. Denn die Kauffrau, der das Glück bisher stets hold gewesen war, verlor zur nämlichen Zeit alle Schiffe, die sie auf See hatte, durch Schiffbruch, Piratinnen oder Feuer. Ihre vermeintlichen Geschäftsfreundinnen in Übersee ließen sie im Stich; und am Ende fiel sie aus größtem Reichtum in bittere Armut.

Es blieb ihr nichts als ein kleines Haus in einer abgelegenen Gegend über hundert Wegstunden von der Stadt entfernt, wo sie bis dahin gelebt hatte, und dorthin musste sie sich nun mit ihren Kindern zurückziehen, die bei der Aussicht auf das andere Leben, das sie nun erwartete, verzweifelt waren. Die Söhne hofften erst, dass ihre Verehrerinnen, derer es so viele gab, solange sie reich waren, sie sofort bei sich aufnehmen würden, da sie kein Haus mehr hatten. Bald aber mussten sie feststellen, dass sie in ihrem Unglück allein waren und dass ihre einstigen Freundinnen sogar ihrer eigenen Extravaganz die Schuld an ihrem Schicksal gaben und keinerlei Absicht zeigten, ihnen zu helfen. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die Hütte zu ziehen, die mitten im tiefsten Wald stand und ihnen wie der unglücklichste Ort auf der ganzen Welt erschien. Da sie kein Geld für Bedienstete hatten, mussten die Söhne der Kauffrau alle Pflichten unter sich aufteilen, und die Töchter mussten die Felder bestellen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie trugen schlichte Kleider und lebten von dem, was der Boden hergab. Und die Söhne hörten nicht auf, ihren Verlust zu beklagen und sich nach den Annehmlichkeiten und Lustbarkeiten ihres früheren Lebens zu sehnen. Nur der Jüngste versuchte, tapfer und heiter zu bleiben. Wohl war er, als das Unglück seine Mutter befiel, ebenso traurig gewesen wie seine Geschwister, aber es dauerte nicht lang, und er fand zu seiner früheren Zuversicht zurück, machte das Beste aus der neuen Lage, versuchte, seine Mutter und Schwestern, so gut er konnte, aufzuheitern und seine Brüder zu überreden, sich seinen Tänzen und Liedern anzuschließen. Doch sie taten nichts dergleichen, sondern erklärten, dass er, weil er nicht so trübsinnig war wie sie, kein besseres Leben verdient habe. In Wirklichkeit war der Knabe viel hübscher und viel tüchtiger als sie; seines liebreizenden Äußeren wegen wurde er seit jeher »der Schöne« genannt. Zwei Jahre vergingen, und die Familie hatte sich allmählich an das neue Leben gewöhnt, da wurden sie von einer neuen Nachricht aus der Ruhe gerissen. Die Kauffrau erfuhr, dass eins ihrer Schiffe, das sie für verloren geglaubt hatte, wohlbehalten und mit reicher Ladung in den Hafen zurückgekehrt sei. Alle Töchter und Söhne dachten sogleich, dass ihre Armut damit ein Ende hätte, und wollten unverzüglich in die Stadt zurückziehen. Doch ihre Mutter, die besonnener war, bat sie, noch ein wenig zu warten, und beschloss, obgleich Erntezeit war und sie bei der Feldarbeit nur schwer entbehrlich war, zuerst selbst in die Stadt zu reisen und Erkundigungen einzuholen. Nur der jüngste Sohn hegte Zweifel, ob sie bald wieder so reich wären wie zuvor, oder wenigstens wohlhabend genug, um sich in einer kleineren Stadt anzusiedeln und wieder die Vorzüge der Gesellschaft zu genießen. Und so bestürmten die anderen die Mutter mit ihren Wünschen nach teuren Kleidern und Edelsteinen, während der Schöne, der vernünftig war, sich bescheiden zurückhielt. Der Mutter war sein Schweigen nicht entgangen, und sie fragte ihn: »Nun, Schöner, was soll ich dir mitbringen?«

»Mein einziger Wunsch ist, dass du gesund nach Hause kommst«, erwiderte er.

Doch diese Antwort ärgerte seine Brüder, die das Gefühl hatten, er rüge sie wegen ihrer unbescheidenen Wünsche. Die Mutter dagegen war von seinen Worten gerührt, aber weil sie fand, dass er sich in seinem Alter gewiss über hübsche Geschenke freuen würde, drängte sie ihn, sich auch etwas auszusuchen.

»Nun, liebe Mutter«, sagte der Jüngste, »wenn du darauf beharrst, so bitte ich dich, mir eine Rose mitzubringen. Ich liebe Rosen so sehr und habe, seit wir hier sind, keine mehr zu Gesicht bekommen.«

Schließlich reiste die Kauffrau ab und begab sich auf schnellstem Weg in die Stadt, wo sie allerdings erkennen musste, dass ihre einstigen Geschäftspartnerinnen in dem Glauben, sie sei tot, die Ladung des Schiffes unter sich aufgeteilt hatten. Selbst nach sechs Monaten der Mühen und Ausgaben war sie nicht reicher als zuvor und hatte nur gerade so viel Geld eintreiben können, wie ihre Reise kostete. Schlimmer noch, sie war gezwungen, die Stadt bei ungünstigstem Wetter zu verlassen, und als sie nur noch wenige Meilen von zu Hause entfernt war, drohten Kälte und Erschöpfung sie zu überwältigen. Sie wusste zwar, dass sie mehrere Stunden brauchen würde, um den Wald zu durchqueren, doch sie sehnte sich so nach dem Ende der Reise, dass sie den Entschluss traf weiterzuziehen; dann brach die Nacht herein, und der tiefe Schnee und der bittere Frost machten ein weiteres Fortkommen zu Pferd unmöglich. Weit und breit war kein Haus zu sehen; der einzige Unterschlupf, der sich ihr bot, war der hohle Stamm eines alten Baums, und dort kauerte sie die ganze Nacht, die ihr vorkam wie die längste Nacht ihres Lebens. Trotz ihrer Müdigkeit hielt das Heulen der Wölfe sie wach, und selbst als endlich der Tag anbrach, erging es ihr kaum besser, denn das Schneegestöber hatte jeden Weg unkenntlich gemacht, und sie wusste nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollte.

Nach einiger Zeit entdeckte sie einen Pfad, und obwohl er anfangs so uneben und glitschig war, dass sie mehrmals hinstürzte, wurde er allmählich besser und brachte sie schließlich zu einer Allee, die zu einem prächtigen Schloss führte. Die Kauffrau wunderte sich, dass auf der Allee kein Schnee lag und dass die Orangenbäume, die rechts und links standen, voller Blüten und Früchte hingen. Als sie den Schlosshof erreichte, sah sie vor sich eine Freitreppe aus reinem Achat, und sie ging hinauf und durchschritt mehrere prunkvoll eingerichtete Säle. Die behagliche Wärme, die sie empfing, weckte ihre Lebensgeister, und sie spürte, wie hungrig sie war; doch es schien in dem riesigen prächtigen Schloss keinen Menschen zu geben, an den sie sich wenden konnte. Über allem lag eine tiefe Stille, und als sie der Wanderung durch die leeren Säle und Galerien müde wurde, machte sie in einem kleineren Zimmer halt, in dem ein helles Feuer brannte und ein Sessel einladend vor dem Kamin stand. Weil sie dachte, das Zimmer sei für jemanden hergerichtet, der gleich käme, setzte sie sich, um auf die Schlossherrin zu warten, und sank bald in einen süßen Schlaf.

Als sie nach einigen Stunden von großem Hunger geweckt wurde, war sie immer noch allein. Aber nun stand ein Tischchen vor ihr, auf dem ein reiches Mahl gedeckt war, und da die Kauffrau seit einem Tag und einer Nacht nicht gegessen hatte, verlor sie keine Zeit und bediente sich in der Hoffnung, dass sie bald die Gelegenheit bekäme, ihrer fürsorglichen Gastgeberin zu danken. Doch niemand kam, und selbst, als sie wieder einschlummerte und nach einem langen Schlaf gänzlich erfrischt erwachte, war niemand zu sehen. Aber das Tischchen war erneut frisch gedeckt mit einem köstlichen Frühstück, Kuchen und Obst. Allmählich begann die Stille ihr Angst zu machen, und sie beschloss, alle Säle noch einmal zu durchsuchen, doch vergebens. Keine einzige Bedienstete war zu finden. Im ganzen Palast gab es kein Lebenszeichen. Als die Kauffrau überlegte, was sie tun sollte, gestattete sie sich die Fantasie, alle Reichtümer, die sie sah, würden ihr gehören, und sie überlegte zum Spaß, wie sie die Schätze zwischen ihren Kindern aufteilen würde. Dann ging sie hinaus in den Park, und obwohl im Rest des Landes Winter herrschte, schien hier die Sonne, und die Vögel sangen, und die Blumen blühten, und die Luft war mild und süß. Entzückt von allem, was sie sah und hörte, sagte die Kauffrau zu sich: »Es ist, als wäre all das für mich gedacht. Ich will schnell nach Hause reiten und meine Kinder holen, um die Kostbarkeiten mit ihnen zu teilen.«