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Privatdetektiv Peter Marowski wird zu dem russischen Milliardär Kutusow gerufen, der in Baden-Baden eine prächtige Villa erworben hat und bereits bestens in der gehobenen Baden-Badener Gesellschaft integriert ist. Von Ihm erhält er den Auftrag, einen investigativen Karlsruher Journalisten, der ein Buch über die "reichen Russen Baden-Badens" schreibt. Ihm soll er die Rechte abkaufen. Doch der Auftrag geht gründlich daneben. Der Autor ist Tod, Markowski bewusstlos geschlagen und das Geld ist weg. Trotzdem ist sein Auftraggeber mit ihm zufrieden. Nach einer kurzen Ruhephase nehmen die Ereignisse abermals Fahrt auf. Sie enden in einem fulminanten Finale bei dem Markowski unterzugehen droht. Doch der Privatdetektiv behält den Kopf oben und überführt den Täter.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dietrich Knak
Der reiche Russe
Ein Baden-Baden Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Die Kaiser-Wilhelm-Straße gehört seit jeher zu den beliebtesten Wohnadressen Baden-Badens. Ganze fünf Fußminuten reichen, um im Kurpark zu flanieren, weitere drei und man kann in Edelboutiquen oder Galerien herumstöbern, in den Thermen planschen oder in Restaurants erlesen speisen. Auch gibt es hier noch die riesigen Grundstücke, auf denen man sich spielend verlaufen kann, während mittendrin stattliche Villen liegen, deren Bewohner keinen fremden Blicken ausgesetzt sind. Außerdem sorgt der hier beginnende Schwarzwald für eine überaus saubere, bekömmliche Luft. Immobilienmakler, die in dieser Ecke ein Grundstück an der Hand haben, betrachten sich zu Recht als echte Glückspilze.
Vor einem mit Laubblättern und vergoldeten Weinreben kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Tor mache ich Halt. Obwohl weder die Hausnummer noch der Name irgendwo zu sehen sind, weiß ich trotzdem, dass ich vor dem richtigen Grundstück stehe. Mein Vermieter, auf dessen Empfehlung ich komme, hat mich diesbezüglich eingeweiht. Ich lege meine Hand auf einen kleinen matt glänzenden Klingelknopf aus Edelstahl, gleichzeitig registriere ich, dass mich längst zwei Überwachungskameras ins Visier genommen haben. Eine kaum wahrnehmbar ins Eingangstor integriert, die andere am Stamm einer Uraltbuche installiert. Für mich kein Grund zur Beunruhigung. Ich sehe in den beiden nichts weiter als zwei gewerkschaftlich ungebundene Kollegen, die ohne zu lamentieren gewissenhaft ihrer Arbeit nachgehen. Und natürlich sind sie ein Indiz dafür, dass das Thema Sicherheit bei dem russischen Grundstückseigentümer einen hohen Stellenwert genießt.
Über eine Lautsprechanlage dringen russische Wörter zu mir. Gedehnt erwiderte ich in der einzigen Sprache, die mir geläufig ist: „Marowski! Ich habe einen Termin bei Herrn Kutusow!“ „Karascho!“ ist die Antwort, währenddessen sich das riesige Tor zu öffnen beginnt.
Ich muss zunächst einen asphaltierten, leicht ansteigenden Fußweg von etwa hundert Meter zurücklegen, bis ich vor einer aus hellem Sandstein erbauten Villa stehe. Das Gebäude verströmt etwas ungemein Kompaktes und durch die schmalen hohen Fenster und die kleinen Türmchen zugleich auch Sakrale, angesiedelt irgendwo zwischen Kirche und Festung. Vielleicht wollte der Bauherr Sicherheit und Glaube nahtlos miteinander in Einklang bringen. Ansonsten vergisst man auch hier das Thema Sicherheit nicht. So sind alle Parterre gelegenen Fenster mit einem Stahlgitter gesichert und flächendeckend Bewegungsmelder und Videokameras angebracht, auch benötigt man den richtigen Zahlencode, will man die Eingangstür der Villa öffnen.
Einem Reflex folgend, beginne ich darüber nachzudenken, wie man ohne Zahlencode unbemerkt in die Villa gelangen könnte. Bevor ich dazu komme, mich in die Sache zu vertiefen, öffnet sich die mit gusseisernen Beschlägen verzierte Eingangstür und ein glatzköpfiger Mann Mitte Fünfzig, gut einen Kopf größer als ich und dazu über und über mit Muskeln bepackt, schaut missmutig auf mich herab. Ich dagegen starre ihm wie hypnotisiert ins Gesicht, auf dem ich eine tiefe Narbe sehe, die seine linke Wange in zwei Hälften teilt. Offensichtlich werde ich von einem original russischen Bär mit den dazugehörenden Schrammen, erkämpft in den Weiten Sibiriens, empfangen. Ich steige mit der ausgestreckten Hand tapfer die Steinstufen zu ihm hoch. Doch er übersieht meine Begrüßungsgeste und erteilt mir per Kopfbewegung die knappe, aber unmissverständliche Anweisung, ihm ins Innere der Villa zu folgen.
Die Bibliothek, in die er mich führt, ist etwas ganz Exquisites. Dunkelbraune holzgetäfelte Wände, an der Decke filigrane mit Blattgold überzogene Stuckarbeiten, dazu Regale, die vom Fußboden bis unter die Decke reichen. Um in ihre oberen Bereiche zu gelangen, können verschiebbare Leitern genutzt werden. Gleich mehrere Sitzgruppen, bestehend aus wuchtigen Ledersesseln und schmalen Sofas, filigranen Holzstühlen und ebenso filigranen Couchtischen haben die Aufgabe, den vielen Büchern die Strenge zu nehmen. An einem nicht mit Regalen zugestellten Bereich der Wand steht unübersehbar ein klotziger Safe, gewissermaßen ein kleines fossiles Ungeheuer, welches in diesem so stilsicher eingerichteten Raum, wie ein Fremdkörper wirkt. Wäre ich der Eigentümer, würde ich ihn ohne zu zögern, in den Keller verbannen.
Plötzlich steht ein Mann um die Sechzig vor mir, eine Spur kleiner als ich, dafür deutlich kompakter. In einem ovalen Gesicht mit starken Backenknochen, einer leichtgebogenen Nase und einem wuchtigen Schnauzbart liegen unter einer randlosen Brille kleine, hellwache Augen, die sich intensiv mit mir beschäftigen. Die wenigen Haare, die ihm verbliebenen sind, trägt er kurzgeschnitten. Bekleidet ist er mit einem offenen hellblauen Hemd und einer schwarzen Jeanshose. Schnickschnack jeglicher Art wie Halsketten oder Armbänder scheint er zu meiden. Lediglich am Ringfinger der rechten Hand entdecke ich einen schlichtgehaltenen Ehering. Auf den ersten Blick versprüht er die Aura eines Buchhalters, dessen Augen erst leuchten, wenn die Geschäftszahlen tiefschwarz ausfallen.
„Herr Marowski?“, fragt er in nahezu akzentfreiem Deutsch und reicht mir seine kräftige, leichtbehaarte Hand.
„Und Sie müssen Herr Valerie Kutusow sein“, gebe ich mich jovial.
Wir lächeln und schütteln uns die Hände. Und während er mich zu einer Sitzgruppe im hinteren Teil des Raumes dirigiert, fragt er: „Möchten Sie Tee, Kaffee, Wasser oder gar einen klitzekleinen Wodka?“
Ich verneine und nehme ihm gegenüber Platz.
„Übrigens“, nimmt der Russe das Gespräch mit einem Schalk um die Augen auf, „bei mir in Moskau sagt man zu Baden-Baden gerne Klein Moskau! Macht Ihnen das Angst?“
„Warum? Wir sind Mitglied der Nato! Die beschützt uns.“
Mein Gesprächspartner schaut mich einen Moment verblüfft an, dann lacht er derart scheppernd, dass sein Schnauzer wackelt. „Sie haben Humor!“ Nachdem er sich halbwegs beruhigt hat, fragt er: „Marowski, Ihr Name klingt irgendwie polnisch!“
„Ich kann Sie beruhigen: Marowski hat ausschließlich Tiroler Wurzeln!“
Kutusow klatscht in die Hände. „Humor und Tiroler, das passt. Übrigens, mein Freund Dr. Wohlleben hält große Stücke auf Sie. Sie sollen obendrein ein richtiger Privatdetektiv sein! So mit Lizenz und Waffenschein. Auch hätten Sie die Nerven, Ihre Waffe einzusetzen, falls es für Sie eng werden sollte.“
„Seit drei Jahren übe ich den Beruf aus!“, bestätige ich ihm stolz. “Seitdem trage ich bei Einsätzen eine Waffe.“
Kutusows Blick gleitet wohlwollend über mich hinweg. „Ich mag professionell agierende Menschen! Mit Amateuren hat man oft mehr Ärger als einem lieb ist!“ Jäh verdüstert sich sein Blick. „Kennen Sie einen gewissen Eugen Brandt?“ Der Russe spricht den Namen aus, als sei er durch und durch vergiftet.
Ich schüttele den Kopf.
„Ein Karlsruher Enthüllungsjournalist! Leider nicht von der besten Sorte!“ Kutusow lacht trocken. „Und dieser Herr glaubt tatsächlich ein Buch über meine Landsleute und mich schreiben zu müssen. Dagegen wäre natürlich nichts einzuwenden, vorausgesetzt er hielte sich an die Wahrheit. Doch wenn er uns unisono verdächtigt, wir würden zur russischen Mafia gehören, betrieben Geldwäsche, Waffenschmuggel, Drogenhandel, trinken schon am Vormittag Wodka und verprügeln obendrein mindestens einmal am Tag unsere Frauen! So etwas müssen wir uns nicht bieten lassen!“ Er legt eine Pause ein, danach fährt er erstaunlich aufgeräumt fort: „Nehmen Sie zum Beispiel mich! Ich bin Mathematiker und habe an meiner Bank den algorithmischen Aktienhandel eingeführt. Das wir damit inzwischen wie selbstverständlich arbeiten, hat man mir zu verdanken. Ich alleine habe die dafür notwendige Software geschrieben. Code für Code, Nacht für Nacht. Am Tag hatte ich andere Dinge zu erledigen. Das ging ein gutes Jahr so. Unter dem Strich ist es mir gelungen, die Mentalität meiner Landsleute in die Software einzubauen. Ich habe ihre Ängste, ihren Optimismus, ihr Schwanken, überhaupt, unsere russische Denke in Formeln gepackt. Doch Russland ist bekanntlich groß, unser Land hat viele Nationalitäten. Die meisten haben ihre ureigene Mentalität. Ein Tatar ist kein Baschkire, ein Tschetschene kein Russe. Manche befragen den Mond, andere die Sterne oder die nächsten lauschen auf jedes Wort ihres Popen oder Imans, andere wieder auf das, was Putin ihnen zu sagen hat. All das gilt es zu berücksichtigen. Ich kann mit Stolz behaupten, ich habe es halbwegs hinbekommen. Mittels meiner Software kann ich voraussagen, welche Entscheidung unsere Anleger in der jeweiligen Situation treffen wird. Das und nichts anderes ist die Quelle, aus der sich mein Vermögen speist! Und nun frage ich Sie: Was in Gottes Namen ist daran verwerflich? Bisher konnte es mir niemand sagen. “
„Ich auch nicht! Nur eins möchte ich Ihnen empfehlen: Gehen Sie gegen diesen Brandt juristisch vor! Wir haben in Deutschland nicht nur gute Zahnärzte, wir verfügen über ebenso gute Anwälte!“
„Das müssen wir anders hinbekommen! Ohne die Sache vor einem Gericht breitzutreten!“, höre ich eine Frauenstimme in unserer unmittelbaren Nähe sagen.
Überrascht wende ich mich der Stimme zu. Eine gut ein Meter siebzig große, gertenschlanke und ungemein drahtige Frau steht einen Meter seitlich von uns entfernt. Selbst mit geschlossenen Augen würde man erkennen, dass die Frau Tänzerin ist. Folglich müsste sie Kutusows zweite Ehefrau Elena sein. Die berühmte Ex-Primaballerina vom Bolschoi Theater. Auch das weiß ich von meinem Vermieter. Sie ist mindestens zehn Jahre jünger als ihr Mann. Ihr dunkles Haar, durchzogen von ein paar grauen Strähnen, hat sie im Nacken zu einem Knoten zusammengeführt. Sie ist keine Schönheit, dafür sind ihre Gesichtszüge ein wenig zu derb geraten, auch ihr schmaler Mund spielt nicht mit. Dennoch strahlt sie eine ungemeine Präsenz aus. Diese Frau zu übersehen, halte ich für nahezu unmöglich. Und das gilt nicht nur für die Bühne.
„Elena! Was machst du hier?“, fragt Kutusow streng. Er gibt sich keine Mühe zu verbergen, dass es ihm nicht passt, sie hier zu sehen.
„Valerie entschuldige, ich suche Dostojewskis ‚Schuld und Sühne‘. Aber ich finde das Buch einfach nicht! Haben wir es überhaupt?“
„Selbstverständlich haben wir unseren Dostojewski!“ Der Hausherr kann seine Wut über eine derartige Frage nur mühsam unterdrücken. Offensichtlich hat ein gebildeter Russe dieses Werk stets zur Hand. „Es muss sogar eine Erstausgabe dabei sein“, fügt er mit eisiger Stimme hinzu.
Plötzlich entdeckt Elena Kutusow mich und kommt strahlend einen Schritt auf mich zu geschwebt „Ich ahne, wer Sie sind!“. Wobei ich den Eindruck habe, dass sie die Gabe besitzt, beim Gehen nicht den Parkettboden zu berühren, sondern es aus unerfindlichen Gründen versteht, über ihn hinweg zu schweben. Ihr Körper scheint in der Lage zu sein, die Gesetze der Schwerkraft zu ignorieren. Mit ihren dunkelbraunen Augen schaut sie mich schelmisch lächelnd an. „Sie sind der Herr Marowski! Der Privatdetektiv für die ganze Stadt! Unser lieber Freund Dr. Wohlleben hat Sie uns ans Herz gelegt. Und ich weiß: Sie sind sein Mieter!“
Ich lächle zurück. „Alles richtig!“ Beinahe hätte ich noch gnädige Frau hinzugefügt, konnte es jedoch noch geradeso unterdrücken.
„Übrigens, unser lieber Doktor, hat eine sehr hohe Meinung von Ihnen. Er ist überzeugt, dass Sie ein ausgezeichneter Kriminalist sind, der engagiert seinen Job erledigt. Auch wenn Sie hin und wieder ein wenig schläfrig wirken, davon sollte sich niemand täuschen lassen!“
Ich lache. „Nun, wenn Doktor Wohlleben es sagt, dann wird es wohl stimmen! Im Übrigen kann man in meinem Beruf wache Augen gut gebrauchen!“ Ich erhebe mich und reiche ihr die Hand. „Und Sie müssen Frau Elena Kutusow sein, die Ex-Ballerina vom Bolschoi.“
„Exakt, die bin ich! Es freut mich, dass Sie mich sofort erkannt haben. Wissen Sie, ich habe in Ihrem Land eine Menge Bewunderer. Was ich selbstverständlich zu schätzen weiß.“ Wir schütteln uns herzlich die Hand. „Herr Marowski, es wäre in jeder Beziehung zu begrüßen, wenn es zu keiner Veröffentlichung dieses fürchterlichen Pamphlets käme. Brandt verunglimpft uns Russen. Möglicherweise mag er uns nicht. Hat schlechte Erfahrungen mit uns gemacht. Ein Landsmann von uns hat vor ihm ausgespuckt oder ihn bestohlen oder ist rüde gefahren und hat sein Auto beschädigt! Aber, was haben mein Mann und ich damit zu tun. Wir stehlen, schlagen und spucken nicht! Alleine der Gedanke wie unsere zahlreichen deutschen Freunde auf ein Buch, in dem so viel schlechte Dinge über uns stehen, reagieren könnten, bereitet uns beiden allergrößtes Unbehagen.“
Kutusow quittiert die Szene mit einem zufriedenen Nicken. „In dem Punkt stimmen meine Frau und ich uneingeschränkt überein. Elena, setz dich doch zu uns!“
„Ich würde ja gerne, aber dazu reicht meine Zeit nicht!“ Zu mir gewandt fährt sie fort: “Ich muss in zwei Stunden im Karlsruher Theater sein. Die Leitung des dortigen Balletts möchte mich für die Choreographie eines Tschaikowsky Stücks gewinnen. Wenn die Bedingungen stimmen, werde ich wohl zusagen. Die sollen nämlich derzeit eine ganz anständige Company beieinander haben!“ Sie schenkt mir abermals ein Lächeln, ihren Mann dagegen übersieht sie erneut. „Also, meine Herren, einen schönen Tag noch.“
Elena Kutusow ist schon in der Nähe der Tür, da dreht sie sich noch einmal zu uns um. „Ach Valerie, spricht was dagegen, wenn Boris mich nach Karlsruhe fährt?“
„Nehmt den Maserati! Der sollte wieder mal gefahren werden. “
„Danke, Valerie! Es kann spät werden!“ Elena Kutusow verlässt, eine Melodie trällernd, schwebend den Raum.
„Nun haben Sie auch meine Frau kennen gelernt!“ Kutusow knetet wie befreit an seinem Schnauzer herum. „Kehren wir zu unserem Manuskript zurück! Ich habe bisher lediglich ein paar Seiten dieses Machwerks gelesen. Sie wurden mir zugespielt. Keiner von meinen Landsleuten, einschließlich meiner Wenigkeit, kommt darin gut weg! Deshalb sind wir fest entschlossen, eine Veröffentlichung, wenn es sich irgendwie einrichten lässt, zu vermeiden.“ Kutusow bearbeitet weiter seinen Schnauzer. „Das Buch „Die reichen Russen in Baden-Baden“ gehört nicht in eine Buchhandlung, sondern hat dort seinen Platz!“ Kutusow zeigt entschlossen auf den Safe.
„Wie viel bieten Sie dem Verfasser?“
„Fünfhunderttausend! Euro!“
Ich stoße einen Pfiff aus. „Und mich haben Sie dazu auserkoren, bei dem Herrn Sachbuchautor das Geld vorbeizubringen?“
„Ja!“
„Warum fahren Sie nicht selbst zu ihm? Ich meine, Ihr Deutsch ist absolut verhandlungsfest! Sollten Sie Angst haben alleine hinzufahren, könnte ich Sie begleiten!“
Die rechte Hand des Hausherrn klatscht verärgert auf die Armlehne seines Sessels. „Ich habe keine Angst! Der Grund ist ein anderer: Ich will mich nicht zu erkennen geben. Wer vermögend ist, sollte es, wenn es sich irgendwie machen lässt, tunlichst vermeiden. Ich wäre noch schneller erpressbar, als ich es ohnehin bin.“
„Das leuchtet mir ein! Und was sage ich, wenn Herr Brandt von mir wissen will, wer mich schickt?“
„Es gibt in dieser Stadt einen ‚Freundeskreis russischer Bürger in Baden-Baden‘. Wer dazugehört, braucht Sie nicht zu interessieren. Auch von mir wissen Sie nichts!“
„Und Sie sind der Vorsitzende des Vereins!“
Kutusow schüttelt den Kopf. „Der Vorsitz liegt in den bewährten Händen unseres allseits geschätzten Gulja Makarow! Ein zuverlässiger, ergebener und obendrein ein durch und durch ehrlicher Mensch. Leider handelt es sich hier um eine aussterbende Spezies!“
„Gehört er auch zu dem erlesenen Kreis der zehn Auserwählten, über die Eugen Brandt in seinem Buch schreibt?“
„Nein, nein! Unser Gulja hält sich gerne bedeckt. Nur wenn er gebraucht wird, ist er zur Stelle.“
„Ein Strohmann gewissermaßen.“
Kutusow zuckt mit den Schultern. „Ich kenne den Begriff nicht!“
Ich verzichte darauf, ihm das Wort Strohmann zu erklären. Ich bin mir sicher, er will ihn nicht kennen.
Kutusow geht zum Safe und streichelt sein Ungeheuer erst einmal ausgiebig. „Aufgetrieben habe ich meinen Freund, als ich noch an der Lomonossow Universität gearbeitet habe und zufällig die dortige Parteizentrale betrat, und zwar kurz nachdem es keine Partei mehr gab. In ihm wurden die Dokumente der Mitglieder aufbewahrt, die es ebenfalls allesamt nicht mehr gab. Mein Freund war somit überflüssig geworden. Ein paar Rubel reichten, und er gehörte mir. Eine Liebe auf den ersten Blick!“ Kutusow gibt geschwind eine irre lange Zahlenkombination in ein Tastenfeld ein und wartet bis ein Gong ertönt. Danach lässt sich die Tür des Ungeheuers problemlos öffnen. Der Russe entnimmt dem Safe ein kleines, schwarzes Aktenköfferchen, das er vor mir auf dem Couchtisch abstellt. Er schmunzelt. „Bei mir macht mein Freund endlich das, wozu man ihn gebaut hat: Den Besitz seines Eigentümers zu schützen! Ansonsten, Herr Marowski, ich würde mich freuen, wenn Sie die Sache noch heute angehen würden!“
„Wie Sie wünschen!“
Kutusow reicht mir Brandts Visitenkarte. Der Autor wohnt in Karlsruhe-Durlach. Schon als Kind bin ich öfter in Karlsruhe gewesen, um den KSC Fußball spielen zu sehen oder ins Kino zu gehen. Bei meinem Abgang schmeiße ich spontan all meine russisch Kenntnisse in die Arena: „ Gospadin Kutusow! Doswidanja!“
„Doswidanja, Gospadin Marowski!“, erwidert Kutusow sichtlich beeindruckt. Damit hatte er nicht gerechnet. „Und Grüße an meinen Freund Dr. Wohlleben!“
Vor dem Haus stoße ich auf Boris, der an einem Porsche herumwienert, während er mich weiterhin wie Luft behandelt. Dennoch bekommt auch er ein kräftiges „Doswidanja!“ zu hören. Wider Erwarten hebt er den Kopf, lächelt und antwortet auf Russisch. Auch wenn ich ihn nicht verstehe, werte ich es trotzdem als Fortschritt. Er reagiert zu mindestens. Vielleicht werden wir beide doch noch mal Freunde.
Auf der Kaiser-Wilhelm Straße fällt mir eine Anfrage an den Sender Jerewan ein. Stimmt es, dass Serge Sergejewitsch bei einer Tombola in Moskau ein Auto der Marke Moskwitsch gewonnen hat? Die Antwort des Senders: Im Prinzip ja. Nur war es kein Auto der Marke Moskwitsch, sondern ein Fahrrad der Marke Ural. Und bedauerlicherweise hat Serge Sergejewitsch dieses Fahrrad nicht gewonnen, sondern es wurde ihm bedauerlicherweise gestohlen.
Um ehrlich zu sein, ich habe mir von dem Besuch bei Kutusow entschieden mehr versprochen. Vor allem auf einen richtigen Auftrag gehofft, bei dem es um eine große Sache geht. Strenggenommen ist das, was er von mir verlangt, nicht mehr als ein besserer Botengang, der zwar leicht verdientes Geld verspricht, doch dieser Auftrag hat auch seinen Haken. Ich helfe Superreichen, Dinge unter den Teppich zu kehren, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen. Das hinterläßt ein ungutes Gefühl. Womit ich mich beruhige: Ich leiste nur ein ganz klein wenig Beihilfe. Selbst unter einem guten Mikroskop kaum erkennbar. Doch ich kann einen mildernden Umstand geltend machen: Mein Konto steht im Minus.
Zu Hause angekommen, rufe ich umgehend Eugen Brandt an. Ich gebe mich als Privatdetektiv zu erkennen, den „Der Freundeskreis russischer Bürger in Baden-Baden‘ beauftragt hat, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Der Autor ist umgehend bereit, mich zu empfangen. Kaum ist das Gespräch beendet, beschleicht mich so ein vages Gefühl, Brandt hat auf meinen Anruf gewartet.
Bei purem Sonnenschein, gepaart mit einem tief dunkelblau eingefärbten Himmel, an dem sich nicht das kleinste Wölkchen zeigt, dazu angenehmen fünfundzwanzig Grad Außentemperatur und das alles vermengt mit einer leichten Brise samtweichem Südwestwind, der es vom fernen Mittelmeer bis zu uns an den Oberrhein geschafft hat und mir dank des heruntergekurbelten Fensters zart die Kopfhaut streichelt, fahre ich völlig entspannt über die A5. Kaiserwetter höre ich meinen leider viel zu früh verstorbenen Vater voller Wollust sagen. Wenn bei ihm das Wetter stimmte, dann stimmte in der Regel auch das Übrige. Wobei seine Stimmungslage bei schlechtem Wetter ebenso rasant in die andere Richtung kippte. Ein wenig ist davon auch an mir hängen geblieben.
In Höhe Rastatt denke ich darüber nach, wieviel Geld ich Kutusow für den Auftrag in Rechnung stellen kann. Einerseits darf es nicht zu viel sein, denn überhöhte Forderungen gefährden schnell die Basis für weitere Aufträge, anderseits muss es sich für mich selbstverständlich lohnen. Vielleicht sollte ich meinem Vermieter einfach um Rat fragen. Er kennt sich in diesen Dingen zweifellos besser aus.
An der Ausfahrt Karlsruhe-Durlach verlasse ich die A5 und biege mit meinem Golf 1.4 Trendline, Baujahr 1998, ausgestattet mit einem 74 PS-Motor und dem bemerkenswerten Kilometerstand von 238 415 wie sein Tacho unzweideutig ausweist, auf die vierspurige Durlacher Allee ein. Ich schaue auf die Armbanduhr. In zwei, allerspätestens drei Minuten habe ich mein Ziel erreicht. Auch bin ich mir sicher, dass Brandt unterschreiben wird. Der Mann wäre ein kompletter Volltrottel, täte er es nicht. Fünfhunderttausend Euro, vorbei an jeder Steuer, sind wahrlich kein Trinkgeld! Der Betrag reicht, um in ein neues Leben einzusteigen.
Der Autor wohnt im Zentrum des Karlsruher Stadtteils Durlach, in einer schmalen Straße mit blankgewetztem Kopfsteinpflaster und vielen kleinen Fachwerkhäusern, in denen es Parterre hier und da kleine Geschäfte oder urigen Weinlokale gibt. Ich würde mich nicht wundern, wenn eine Pferdedroschke die Straße entlang geholpert käme, in der mittelalterlich angezogene Leute sitzen, Wein trinken und dazu schlüpfrige Minnelieder singen. Ansonsten besitzt die Straße auch ihr Alleinstellungsmerkmal: Sie hat keine Bürgersteige. Doch vielleicht ist es gerade das, was sie zu dieser Postkartenidylle aus einer längst untergegangenen Zeit macht.
Ich stelle meinen Wagen unmittelbar vor Brandts Haus ab, einem zweistöckiges Fachwerkgebäude mit rotglänzenden Dachziegeln, kleinen grüngestrichenen Fensterrahmen und einer im selben Farbton gehaltenen Haustür. Ein alter großdimensionierter Daimler, gesteuert von einem Türken, der mich misstrauisch beäugt, gleitet im Schritttempo an mir vorbei. Der Mann erweckt den Eindruck, als fungiere er hier als Sheriff. An der Haustür gibt es nur ein Namensschild, auf dem Eugen und Ulrike Brandt aufgeführt werden. Für einen zweiten Mieter ist das Haus entschieden zu klein ausgefallen. Ich lege meine Hand auf die einzige Klingel. Höchstens zwei, drei Sekunden verstreichen, dann dringt aus einer Sprechanlage eine männliche Stimme, die mich förmlich anblafft: „Sind Sie endlich da!“
Ohne mir die Zeit zu lassen, ihm zu antworten, surrt es und die Haustür lässt sich öffnen. Kaum stehe ich mit einem Bein im Hausflur, flammt an der Decke eine unruhig flackernde Neonleuchte auf. Kurz darauf öffnet sich die Wohnungstür, und ich schaue dem Sachbuchautor Eugen Brandt in die Augen. Wie ich finde, ein ausgesprochen imposanter Mann um die Fünfzig, fast einen Kopf größer als ich, dazu ein langes, markantes Gesicht, mit großen, ausdrucksstarken Augen, die leicht zu funkeln scheinen und mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung auf mich herabschauen. Eine dunkelbraune Haarsträhne, durchsetzt von einem leichten Grauton, hängt ihm über der Stirn. Ansonsten werde ich das Gefühl nicht los, ich schaue Robert Redfort ins Gesicht. Wobei er mehr die dunkelhaarige Variante verkörpert. Ich gehe mit der ausgestrecktem Rechten und einem breiten Lächeln im Gesicht auf ihn zu. „Herr Brandt, es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich habe schon viel von Ihnen …“
„Ja, ja, schon gut!“, unterbricht er mich und reicht mir eher beiläufig die Hand, während sein Kopf mir das Zeichen gibt, ihm zu folgen. „Wir sind unter uns!“, fährt er im Gehen fort. „Meine Frau ist im Geschäft. Sie wird erst nach 13 Uhr da sein, dann macht sie unser Essen. Wir haben also gut zwei Stunden Zeit. Wenn es Ihnen recht ist, ziehen wir uns in mein Arbeitszimmer zurück.“
Ich nicke, währenddessen er mich in einen gut fünfzehn Quadratmeter großen und nahezu quadratischen Raum führt. Ich sehe zwei kleine Fenster, die zur Straße hin liegen und so wenig Tageslicht hereinlassen, dass selbst jetzt um die Mittagszeit, wo die Sonne im Zenit steht, zusätzliches Lampenlicht benötigt wird, um hier arbeiten zu können. Ansonsten ist die Einrichtung spartanisch und zugleich irgendwie heimelig wie die ganze Gegend hier. Ich sehe zwei IKEA- Sessel, ein mit Plüschstoff bezogenes Sofa, einen derb zusammengezimmerten Schreibtisch, auf dem ein Telefon, eine Arbeitslampe im Jugendstil, ein eingeschalteter Laptop und ein hp-Drucker stehen. Einen guten Meter entfernt haben zwei mit Büchern und Manuskripten vollgestopfte Regale, sowie ein kleiner runder Tisch, übersät mit schmutzigem Geschirr; Büchern, Zeitschriften und losen Manuskriptblättern, ihren Platz gefunden.
Ich setze mich in den Sessel, der einen Hauch mehr Tageslicht als sein Kollege zu bieten hat und lege mir den Aktenkoffer auf die Knie. Der Hausherr lässt sich in seinem Bürosessel nieder. Offenbar will er mir zu verstehen geben, dass er mir gegenüber auf Distanz bedacht ist.
„Wie wird man eigentlich Privatdetektiv?“, nimmt Brandt das Gespräch auf.
„Man geht ins Rathaus und holt sich eine Konzession.“
„So einfach ist das?“
„So einfach ist das!“, erwidere ich beiläufig nickend.
„Am Telefon haben Sie mir gesagt, dass „Der Freundeskreis Russischer Bürger in Baden-Baden“ Sie beauftragt hat, das Gespräch mit mir zu suchen.“
„Exakt!“
„Übrigens, eine illustre Gesellschaft, in dessen Auftrag Sie zu mir kommen. Jede Menge Millionäre, sogar Milliardäre. Dieser oder jener nicht ganz koscher. Aber, damit erzähle ich Ihnen sicher nichts Neues!“
Ich überhöre seinen Kommentar. „Sie sollen momentan an einem Buch mit dem Titel ‚Die reichen Russen in Baden-Baden‘ arbeiten.“
Während sich ein leichtes Schmunzeln auf sein Gesicht legt, tippt er mit dem Zeigefinger seiner Linken auf seine Nasenspitze und verkündet fast triumphierend: „Da hat mein wertes Näschen wieder einmal richtig vermutet!“
Ich ziehe es vor zu schweigen.
„Junger Mann, eins vorab!“, fährt Brandt selbstgefällig fort, „Wie immer freue ich mich auf den Moment, wenn ein Buch von mir es bis in die Buchhandlungen geschafft hat. Übrigens habe ich eine treue Fangemeinde, die schon voller Ungeduld auf „Die reichen Russen in Baden-Baden“ wartet! Vor allem interessiert sie, wie ein ganz gewöhnlicher Russe, einer wie Sie und ich – und das waren sie ja alle mal, die es in mein Buch geschafft haben - zu so entsetzlich viel Geld gekommen sind. Gewissermaßen aus dem Stand heraus!“
„Herr Brandt, das verstehe ich! Und es freut mich für Sie, dass Ihre Bücher auch gelesen werden! Was ja nicht immer der Fall ist.“ Auf einmal finde ich, es ist an der Zeit, Tacheles zu reden. Ich straffe meinen Oberkörper. „Doch davon mal abgesehen, bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, dass der Freundeskreis Ihnen die Rechte zu Ihrem im Entstehen befindlichen Buch abkaufen möchte! Und man hat mich befugt, Ihnen ein Angebot zu unterbreiten.“
„Damit es ja nicht zu einer Veröffentlichung kommt!“
Ich zucke mit den Schultern. „Das entzieht sich meiner Kenntnis! Ich kann Ihnen nur sagen, der Vorsitzende des Freundeskreises Herr Gulja Makarow findet, dass Sie in diesem Buch entschieden zu weit gehen. Prostitution, Rauschgift, Waffenhandel, das ist starker Tobak! Damit können Sie sich gewaltigen Ärger einhandeln!“
Er schaut mich belustigt an. „Wollen Sie mir etwa drohen?“
Ich gebe mich pikiert. „Wer spricht von drohen! Es geht eher um juristische Auseinandersetzungen, mit denen man Sie überziehen könnte. Bis hin zu einem Erscheinungsverbot! In dem Fall würden Sie leer ausgehen.“
Brandt winkt belustigt ab. „Glauben Sie mir, als investigativer Journalist bin ich derartigen Ärger gewohnt. Trotzdem habe ich alles heil überstanden. Und was in meinem neusten Buch steht, ist besonders sorgfältig recherchiert. Ich sage Ihnen: Kein Anwalt und auch sonst niemand, kann mir ans Bein pinkeln! Und dieser Gulja Dingsda schon gar nicht!“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Herren dieses Vereins so etwas vorhaben. Es soll selbstverständlich im gegenseitigen Einvernehmen….“
„Welche Herren gehören eigentlich zu diesem merkwürdigen Konstrukt russischer Bürger in Baden-Baden? Etwa die zehn, über die ich schreibe?“
„Herr Brandt, ich kenne weder eine Mitgliederliste, noch hat sich ein Mitglied mir gegenüber zu erkennen gegeben. Mit Ausnahme seines Vorsitzenden, Herrn Gulja Makarow.“
„So, so!“
Da mir dieser Brandt allmählich suspekt wird, entschließe ich mich, Fakten sprechen zu lassen. Bedächtig hebe ich den Deckel des Aktenkoffers hoch, anschließend kippe ich ihn auch noch leicht an, damit mein Gesprächspartner einen vollen Blick auf seinen Inhalt werfen kann. „Herr Brandt, das Geld in diesem Koffer gehört ohne Abstriche Ihnen!“ Danach hole ich den Vertrag hervor und schwenkte ihn. „Vorausgesetzt, Sie unterschreiben!“
„Was steht in dem Vertrag?“
„Dass Sie alle Rechte an dem Manuskript „Die reichen Russen in Baden-Baden“ an den Förderverein, der mich schickt, abtreten.“
„Sie wollen mich also kaufen!“
„Nicht Sie, nur Ihr Manuskript!“
Brandt zeigt auf den Koffer. „Wieviel Geld ist da drin?“
„Fünfhunderttausend Euro!“ Ich halte ihm den Koffer hin. „ Sie können es gerne nachzählen.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ Brandt schließt die Augen und lacht abgehackt. „Lächerliche Fünfhunderttausend! Für das wichtigste Werk, das ich je geschrieben habe! In das all mein Herzblut geflossen ist! Mindestens zwei Jahre lang, ausschließlich nur recherchiert und geschrieben! Bin mehrmals nach Moskau geflogen, um dort Dutzende von Informanten zu beschäftigen! Und die machen das nicht für einen Apfel und ein Ei. Kurzum: Ich habe gewaltige Vorleistungen erbracht! Mich bis über beide Ohren verschuldet. Doch das ist mir mein Buch wert.“
„Natürlich ….!“, stottere ich, während ich den weitgeöffneten Koffer auf meinen Knien instinktiv ein Stück weiter in seine Richtung kippe, um ihm eine noch bessere Sicht auf den Inhalt zu ermöglichen. Doch er scheint mein Bemühen gar nicht mitzubekommen.
„Dass Sie sich damit zum willigen Handlanger von reichen, oft auch kriminellen Russen instrumentalisieren lassen, dass ist Ihnen hoffentlich klar?“, befindet Brandt in einem verächtlichen Ton.
Mir wird jäh bewusst, dass ich unverrichteter Dinge heimkehren muss. Brandt denkt nicht daran, sein Manuskript für Fünfhunderttausend zu verkaufen. Das Einzige, was mir jetzt noch zu tun bleibt: Ich muss einen geordneten Abgang hinbekommen.
Der Schachbuchautor erhebt sich. Er verschränkt die Hände hinter dem Rücken, um den Mund legt sich ein breites, abfälliges Grinsen, das nichts Gutes ahnen lässt, so kommt er auf mich zu. Als er vor mir steht, fragt er hämisch: „Plagt Sie nicht Ihr Gewissen? Kommen Sie damit ohne weiteres klar?“
„Wenn ich Sie recht verstehe, lehnen Sie das Angebot ab!“, erwidere ich beiläufig und bemühe mich, cool zu bleiben. Gleichzeitig sehe ich an seinem boshaften Blick, dass er mit mir noch nicht fertig ist.
„Oder haben Sie möglicherweise gar kein Gewissen? Gehören schlichtweg zu den Typen, die für ein paar Kröten jedem reichen Rindvieh in den Arsch kriechen!“
Wie meistens, wenn ich angegriffen werde, kommt es in meinem Kopf zu einer Kette von winzigen Explosionen, in deren Folge ich unberechenbar werde. Abrupt schließe ich den Koffer, stelle ihn ab und erhebe mich. Ich trete ganz nahe an Brandt heran und schnappe mir mit der Rechten blitzschnell seinen Hemdkragen, dann ziehe ich ihn zu mir heran, sodass er meinen Atem spüren kann. „Ja, ich arbeite für richtige Russen! Ja, die haben ihre eigenen Gesetze! Ja, die können auch richtig wehtun! Das sind nicht nur feine Leute mit geschliffenen Manieren!“ Ich drücke noch eine Spur fester zu, sodass er kaum noch Luft bekommt und zu röcheln beginnt. „Aber damit kann ich bestens leben! Wissen Sie, was mich dagegen ungleich mehr ankotzt?“
Brandt schüttelt den Kopf, auch wenn es ihm kaum möglich ist.
„Dieses widerliche Gutmenschengehabe! Es kotzt mich an! Ich kann gar nicht sagen wie es mich ankotzt! Sie verdammter, aufgeblasener, hohler Frosch! Was denken Sie, wer Sie sind? Der liebe Gott etwa: Der wie ein Gockel umherschreitet und denkt, er kann sich alles erlauben!“
Brandt scheint mit einem Schlag den Ernst der Lage zu begreifen. Ich sehe es an seinen unruhig flackernden Augen, die mich eben gerade noch ruhig und kalt angeschaut haben. Offensichtlich wird ihm bewusst, dass er zu weit gegangen ist, und ich nicht gewillt bin, ihm sein lockeres Mundwerk durchgehen zu lassen. Auch wird ihm klargeworden sein, dass ich deutlich stärker bin als er.
„Nehmen Sie nicht alles wörtlich, was ich sage!“, stammelt er entschuldigend, während ich ihn wieder freigebe. Geradezu fluchtartig kehrt er zu seinem Bürosessel zurück. Ich setze mich ebenfalls wieder. Brandt dagegen öffnet rasch eine Schreibtischschublade und entnimmt ihr ein kleines Buch. „Ich habe da etwas für Sie!“ Er schmeißt das Büchlein in meine Richtung, sodass es mit einem Platsch direkt auf meinen Knien landet. „Eine kleine Entschädigung, dafür, dass ich mich im Ton vergriffen habe! Wissen Sie, so kurz vor der Fertigstellung eines Buches ist man immer mit den Nerven am Ende!“
Ich bleibe stumm. Zugleich stelle ich befriedigt fest, dass meine Attacke Wirkung gezeigt hat und es mir gelungen ist, ihn auf Normalmaß zurückzustutzen.
„Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass mein Versuch, damit russisch zu lernen, kläglich gescheitert ist“, bekennt er freimütig. „Nun ja, ich war schon in der Schule kein Held was Sprachen anbelangte! Mit anderen Worten: Ich brauche dieses Büchlein wirklich nicht mehr! Machen Sie es besser als ich!“
Es ist ein dürftig gebundenes Exemplar, ausgestattet mit einem grauen Pappeinband auf dem „Russisch in einer Woche“ steht, darunter ist ein Bild mit Kremltürmen zu sehen sowie zwei Autorennamen, die für einen Deutschen geradezu unaussprechlich sind. „Danke!“, murmele ich und lasse „Russisch in einer Woche“ in der Innentasche meines Jacketts verschwinden. Danach fahre ich, um Sachlichkeit bemüht, fort: „Ich werde noch heute mit Herrn Gulja Makarow reden. Soll er mir sagen, wie es weitergeht.“
„Machen Sie es!“
Den Griff des Geldkoffers fest in der Linken, den Oberkörper kerzengerade und die Nase steil in die Höhe gereckt, lasse ich den Autor, ohne mich zu verabschieden oder ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, zurück. Als ich die Türklinke herunterdrücke, höre ich, wie er mir hinterherruft: „Herr Marowski, dann bis Morgen! Sagen wir zur selben Zeit! Und entschuldigen Sie nochmals! Eigentlich bin ich ein ganz auskömmlicher Mensch! Fragen Sie meine Frau!“ Ich war schon im Hausflur, da schrie er mir hinterher: “Und bauen Sie keinen Unfall!“
Ich fasse seinen letzten Satz als einen Hinweis auf, dass er durchaus am Verkauf seines Manuskripts interessiert ist. Offenbar ist das was er hier abzieht, nichts weiter als eine Show, um den Preis mit allen Mitteln in die Höhe zu treiben. Moralische Beweggründe kann ich bei ihm nicht erkennen. Kutusow muss entscheiden, wie der Ankauf weitergehen soll. Wobei mir die Lust vergangen ist, mich hier jemals wieder blicken zu lassen. Aber den Geldboten spielen kann locker auch jemand anderes erledigen.
Zurück in meiner Wohnung lasse ich den Geldkoffer wutschnaubend auf den Schreibtischplatte krachen. Mein Körper schmerzt mir derart, dass man meinen könnte, ich hätte einen Boxkampf hinter mir, bei dem mein Gegner mich mehrmals auf die Bretter geschickt hat. Das kann nur daran liegen, dass Eugen Brandt in einem gravierenden Punkt Recht hat. Wenn ich auch nicht zu sagen vermag in welchem. Während der Rückfahrt habe ich ausschließlich über die Frage nachgedacht: Marowski, wo sind deine Ideale geblieben, mit denen du diesen Beruf einmal angetreten hast? Eigentlich wollte ich für Menschen da sein, die in die Bredouille geraten sind und meine Hilfe brauchen. Und das auch dann, wenn sie es sich nicht leisten können. All das ist längst in die Oos gespült worden und von dort weiter in den Rhein. Jetzt dösen meine Vorsätze auf dem Grund der Nordsee vor sich hin. Und je länger ich über diesen vermaledeiten Auftrag nachdenke, umso unerträglicher wird er! Teufelszeug! Ich bin sogar bereit sowohl auf das Honorar als auch auf die angefallenen Nebenkosten zu verzichten. Wobei ich als erstes die Fünfhunderttausend Euro bei Kutusow abliefern werde. Die Schuhe habe ich noch an den Füssen! Und von morgen früh an halte ich mich bereit, die Anrufe älterer Herrn entgegenzunehmen, die ihren jungen Frauen nicht über den Weg trauen. Auch wenn es sich dabei wahrlich nicht um die Aufträge handelt, die mir vorschweben. Es ist jedoch ehrlich verdientes Geld. Egal, dieser Geldbotenservice ist für mich definitiv beendet! Entschlossen greife ich zum Telefon.
Mein russischer Mandant meldet sich derart schnell, dass man meinen könnte, er hätte auf meinen Anruf gewartet. „Herr Marowski, wie ist es gelaufen?“ Als ich nicht gleich antwortete, fährt er fort: „Hat es womöglich nicht so geklappt, wie wir uns das gedacht haben?“
„Das kann man wohl sagen! Herr Brandt hat mich abblitzen lassen! Fünfhunderttausend sind ihm zu popelig.“
„Wieviel will er?“
„Hat er mir nicht verraten. Nur eins ist klar: Es ist ihm zu wenig! Der Mann behauptet sogar, er habe sich wegen dem Buch verschuldet!“
„Entschuldigung, Herr Marowski, ich hätte Ihnen gleich mehr mitgeben sollen. Das war mein Fehler.“
Und urplötzlich ist es mit meiner Beherrschung vorbei. Ich schreie ins Telefon. „Dieser Mensch hat mich aufs Übelste beleidigt. Hat mich miesen Arschlecker genannt! Stellen Sie sich vor: Arschlecker! Und das war nicht alles!“ Ich muss erst einmal Luft holen, bevor ich in der Lage bin, weiterzusprechen. „Doch was das Schlimmste an allem ist: Der Mann hat verdammt noch mal irgendwo Recht!“
„Nun beruhigen Sie sich erst einmal!“ Kutusows Stimme bekommt einen Tonfall, als spricht er zu einem Kind, welches dringend die tröstenden Worte eines Erwachsenen braucht. „Herr Marowski, ich kann Ihnen versichern, dass Sie kein Arschlecker sind. Eher alles andere, nur das nicht. Ich sage so etwas nicht nur so daher, ich kenne mich mit Menschen aus!“ Nachdem Kutusow eine Weile schweigt, fragt er unvermittelt: „Was ist dieser Brandt überhaupt für ein Mensch?“
„Ein aufgeblasener Moralapostel! Er zählt sich zu den Guten, die der liebe Gott auserkoren hat, um die vom Verfall bedrohte Welt zu retten. Eine Art Supermann aus amerikanischen Filmen.“ Ich lege eine Pause ein, dann fahre ich resigniert fort: „Auch möglich, dass die Chemie zwischen ihm und mir nicht stimmt! Wir haben uns nur kurz in die Augen gesehen und schon mochten wir uns nicht! Wie Polen und Russen! Oder Griechen und Türken! Wir stoßen uns gegenseitig ab! Sind wie Plus und Plus!“
„Unsinn!“, erwidert mein Mandant entschieden. „Der Mann pokert! Er will mehr Geld! Den Wunsch können wir ihm doch erfüllen!“
„Herr Kutusow, mir ist es inzwischen egal, ob er pokert: Schicken Sie bitte einen anderen zu ihm! Ich möchte mit dem Auftrag definitiv nichts mehr zu tun haben!“
„Und warum sollte ich?“
„Weil ich den Mann hasse! Und er hasst mich! Wir drehen uns gegenseitig die Hälse um!“, danach schreie ich aufgebracht in den Apparat. „Ich will kein Honorar, ich will keine Fahrkosten, ich will nichts!“
„Herr Marowski, ich betrachte den Auftrag keineswegs als abgeschlossen! Sie stehen nach wie vor in der Pflicht, ihn zu Ende zu bringen! Und aus noch einem Grund müssen Sie es tun. Brandt erwartet Sie und niemand anders! Selbst wenn er Sie hassen sollte!“
„Nein, Sie bekommen Ihre Fünfhunderttausend zurück und das war’s!“
Kutusow überhört mein Argument. „Ich garantiere Ihnen, Ihr morgiger Besuch verläuft entschieden erfolgreicher als der heutige.“ Seine Stimme wird weich und verbindlich. „Ich verstehe Sie ja. Der Mann hat Sie beleidigt, Sie gekränkt, Ihnen wehgetan. Ein stolzer Mann wie Sie steckt das nicht einfach weg. Ich hätte daran auch zu knappern. Aber das geht vorüber! Also Kopf hoch! Im Übrigen, korrumpierbar ist nahezu jeder. Gerade diese Gutmenschen! Ich hatte mit diesen Typen oft zu tun. Die kippen, wenn es um den eigenen Vorteil geht, besonders schnell um.“
„Ein zweites Treffen endet garantiert in einer Schlägerei! Für einen endet sie möglicherweise sogar tödlich!“, erwiderte ich.
„Es gibt noch einen Grund, warum Sie es machen müssen: Je weniger Leute in den Ankauf des Manuskripts involviert sind, desto besser. Und daher wird meine Tochter Natascha Ihnen erst einmal weiteres Geld bringen. Packen Sie es zu den Fünfhunderttausend. Im Koffer ist doch noch Platz?“
„Das ist nicht das Problem!“
„Dann kann ja nichts schiefgehen! Sagen wir, sie wird Morgen Vormittag gegen zehn Uhr bei Ihnen sein. Danach fahren Sie umgehend ein zweites Mal zu Brandt nach Karlsruhe!“
„Herr Kutusow, auch wenn Sie sich weigern, mich zu verstehen: Ich habe meine Grundsätze! Und wenn ich nicht will, dann will ich nicht!“ Geradezu pathetisch ergänze ich:„ Für Nichts auf der Welt!“
