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Drago, der rote Drache, ist jung und ehrgeizig. Er will der beste und stärkste Drache sein und überschätzt sich selbst. Als er Tian Lung, den Himmelsdrachen zum Kampf fordert, bricht er ein Tabu. Zur Strafe wird er in die Welt der Menschen verbannt. Wie es ihm dort ergeht und ob er wieder in seine geliebte Drachenwelt zurückkehren darf, erzählt diese Geschichte...
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2016
1. Abgestürzt
2. Unter Menschen
3. In der Stadt
4. Im Park
5. Glücksdrache
6. Rückkehr
Einem ahnungslosen Beobachter bot sich auf den ersten Blick das gewohnte Bild: Es war eine liebliche Hügellandschaft hier im Nordosten Chinas, mit dem bizarren Bergmassiv des Huang Shan, der „gelben Berge“, die sich an diesem sonnigen Frühsommertag im Hintergrund abzeichnete.
Einige Menschen arbeiteten auf den grünen Hügeln. Sie wollten die Ernte dieses Tages, den berühmten Maofeng-Tee, gut heimbringen. Nichts schien diese friedliche Idylle zu stören. Und doch passte bei genauer Betrachtung etwas nicht ins Bild.
Dort, wo die sanften, grünen Hügel, die wie leichte Wellen anmuteten, in die raue Berglandschaft übergingen, lag, hoch auf einem der Hügel, ein Wesen, das dort eigentlich nichts zu suchen hatte: Ein riesiger, roter Drache, der zu schlafen schien. Unregelmäßig und stoßweise ging sein Atem, und sein massiger, roter Körper war übersät mit kleineren und größeren Wunden. Und ein genauer Beobachter hätte erkennen können, dass der Drache gar nicht schlief – er war ohnmächtig. Doch dann stöhnte der Drache leise auf und ein Zucken durchlief seinen mächtigen Leib.
Woher kam nur diese Wärme? Drago glaubte, in einem Backofen zu stecken. Und dazu dieser schreckliche Traum. Der Drache drehte langsam seinen großen Kopf und öffnete vorsichtig eines seiner riesigen Augen. Das helle Licht traf wie goldene Blitze sein Auge, das er schnell wieder schloss. Er fühlte sich erschlagen und sein ganzer Körper schmerzte. Behutsam und unendlich langsam gelang es ihm schließlich, die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Er musste blinzeln und langsam drehte er den Kopf von den goldenen Blitzen weg, die ihm noch immer in die Augen stachen und fühlte eine kurze Erleichterung.
Doch dann schrie er auf und seine gewaltige, furchterregende Stimme hallte von den Bergen wider. „Nein“, brüllte Drago, „das darf nicht sein“, und versuchte, sich aufzurichten. Doch ein wilder Schmerz durchzuckte ihn. Alles tat ihm weh und sein Kopf dröhnte. Was in aller Welt war nur geschehen? Er versuchte, sich zu erinnern. Aber sein Kopf schmerzte zu sehr und alles war verschwommen und unklar.
Er war verletzt, das war klar. Drago sah auf seinen zerschundenen Körper. Die vielen Wunden an den Seiten und am Rücken zeugten von mächtigen Prankenhieben, die ihn getroffen haben mussten. Und in seinem herrlichen, blau schimmernden Zackenkamm, der vom Kopf bis zur Schwanzspitze reichte, klaffte ein tiefer Riss. Das alles war für einen Drachen, der zu kämpfen gewöhnt war, nicht ungewöhnlich. Außergewöhnlich aber war, dass er alle diese Verletzungen einzeln spürte.
Die Welt, aus der er kam, kannte wohl Kampf und Sieg, Niederlagen und Wunden, die der Gegner schlug. Aber sie hinterließ keine bleibenden Spuren. Dieses intensive Gefühl der Körperlichkeit war neu für Drago. Die Drachen, die seine Welt bevölkerten, lebten, solange es Zeit für sie war. Sobald ihre Zeit abgelaufen war, verschwanden sie einfach im Reich der Schatten, aus dem sie irgendwann gekommen waren. Nun aber spürte Drago zum ersten Mal die Vergänglichkeit – seine Vergänglichkeit. Und das schmerzte ihn mehr als all’ die Wunden an seinem Körper, die er nun vorsichtig leckte.
Schließlich richtete er sich mit einiger Mühe auf und sah sich um. Sanfte, grüne Hügel umgaben ihn und hell schien die Sonne von einem wolkenlosen, zartblauen Himmel. Und nun spürte er auch die Hitze, mit der die Sonne unbarmherzig auf seinen schuppigen Panzer und geschundenen Körper brannte. Es war ein merkwürdiges, unangenehmes Gefühl. Drago sah sich wieder um. In einiger Entfernung versprach ein einzelner, mächtiger Baum Schatten.
‚Wo nur, wo waren seine geliebten Berge geblieben`? dachte Drago. Er sah zwar Berge im Hintergrund. Aber das waren nicht seine Berge. Sie waren klein, geradezu mickrig im Vergleich zu denen in seiner Heimat.
