Der Ruf von Licht und Schatten - Anna-Lena Groß - E-Book

Der Ruf von Licht und Schatten E-Book

Anna-Lena Groß

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Beschreibung

Ein Traum? Es muss ein schlechter Traum sein! Anders kann es sich Liem nicht erklären, als er sich ohne Vorwarnung in Pangariell wiederfindet. Pangariell, eine Welt voller Magie aber auch Schrecken. Ihr König scheint von einer bösen Macht besessen und droht ewigen Schatten über das Land zu bringen. Alija, Freundin des Königs und Fürstin über die östlichen Lande, eröffnet Liem, dass ausgerechnet er dazu auserwählt sein soll, den Stein des Lichts zu finden, die Schreckensherrschaft zu beenden und das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten wieder herzustellen. Zusammen beginnt für sie eine abenteuerliche Reise, auf der Liem lernen muss, dass viele Dinge nicht so sind, wie ihr Ruf es vermuten lässt. Und während sie der Prophezeiung nachjagen, beginnen Traum und Realität immer mehr zu verschwimmen...

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2022

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WidmungIch widme dieses Buch René, meinem wunderbaren Mann, Lukas, meinem kleinen Sonnenschein und meinen Eltern, die immer an mich geglaubt haben und mir in jeder Lebenslage zur Seite stehen.

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt allen, die mich bei der Erschaffung des Buches unterstützt und an mich geglaubt haben. An René, an Anni, die den blutigen Anfang des Buchs begleitet hat und an meine Familie, die mich bei der Veröffentlichung unterstützt hat.

Doch vor allem geht mein Dank an Lars, der mir durch jede Schreib blockade hindurch geholfen und mich bis zum Ende angetrieben hat. Ohne dich wäre das Buch niemals fertiggestellt worden!

Inhaltsverzeichnis

Das Portal

Der Feenbusch

Pangara - Die Stadt des Königs

Das Herz

Warum

Erkenntnisse

Das Tagebuch der Schatten

Der Handel

Der Aufbruch

Auf der Reise

Der Traumwandler

Jarens Vergangenheit

Der Überfall

Der Räuberhorst

Die Vision

Die Flucht

Die Entscheidung

Dornfelden

Austrieb der Schatten

Der Plan

Der Pfad der Füchse

Die Stadt Kriss

Kapitän Carjo

Feuer

Auf hoher See

Schwarz wie die Nacht

Das Herz aus Gold

Der Geist des Wassers

Die Insel des Lichts

Zeit

Die Geschichte der Steine

Die Rückkehr

Ein unerwartetes Wiedersehen

Verbündete und Verräter

Schatten und Licht

Zurück zu Hause

1 Das Portal

Die Sonne schien durchs weit geöffnete Fenster und kitzelte ihn an der Nase. Nachdenklich kaute Liem an seinem Stift. Die letzte halbe Stunde hatte er damit zugebracht, am Schreibtisch seines kleinen Zimmers zu sitzen und nach draußen zu schauen. Eigentlich hatte er Lernzettel für die Uni schreiben wollen, doch stattdessen war er in Gedanken. Liem hatte sich eine Strategie für das LARP1 am Nachmittag zurechtgelegt. Er war mit seinen besten Freunden im nahegelegenen Wald verabredet, wo sie für ein Fantasy-Abenteuer-Rollenspiel im Sommer trainieren wollten. Nun betrachtete er stirnrunzelnd das leere Blatt vor sich. Dann sah Liem auf den kleinen Wecker auf seinem Nachttisch und stellte erschrocken fest, dass es schon beinahe ein Uhr war. In einer halben Stunde würde er sich fertig machen müssen. Mit einem entschlossenen Seufzer wandte er sich wieder dem Zettel zu und begann, die Überschrift auf das Blatt zu schreiben. Doch bereits während er das tat, wanderte sein Blick zu seinem Kleiderschrank, an dem - fein säuberlich aufgehängt - seine selbstgebaute Rüstung auf ihn wartete. Sofort wurde Liem klar, dass er heute sicherlich nicht mehr weit kommen würde. Also gab er auf, ließ den Stift fallen und klappte energisch das Buch vor ihm zu. Dann begann er, wie er stets zu betonen pflegte, sich zu gewanden. Der junge Mann streifte sich das dicke schwarze Leinenhemd über und begann sich den Brustharnisch und die Armschienen anzulegen. Das robuste, ebenfalls pechschwarze Leder war angenehm kühl auf der Haut und saß wie angegossen. Den Obergewändern folgten eine schwarze, weite Hose, Beinschienen und bequeme, weiche Lederstiefel – ebenfalls allesamt schwarz. Stolz betrachtete er sich im Spiegel. Die etwas längeren, dunklen, gelockten Haare, die ihm immer wieder in die Stirn fielen, und die goldbraunen Augen ließen ihn in der schwarzen Rüstung noch eindrucksvoller aussehen. Er war zwar nicht der Größte, doch er war gut gebaut und auf natürliche Weise muskulös.

Liem warf noch einmal einen Blick aus dem Fenster. Der Frühling hatte gerade erst begonnen, doch die Sonne schien schon mit erstaunlicher Kraft. Das perfekte Wetter für einen Nachmittag im Wald. Trotzdem beschloss Liem, auch seinen langen schwarzen Kapuzenumhang mitzunehmen. Zum einen, da er nicht wusste, wie lange sie bleiben würden und es im Schatten immer noch recht kühl war. Zum anderen, weil er es liebte sich seine Kapuze tief ins Gesicht zu ziehen, genau wie die mysteriösen Krieger in den Fantasy-Filmen.

Dann griff er sich seine Waffen - einen Zweihänder, den er sich auf den Rücken schnallte und zwei Dolche, die er an seinem Gürtel festband - und schmunzelte. Er freute sich jedes Mal auf die neugierigen Blicke der Nachbarn. Zwar waren die Klingen nicht echt, sondern nur aus Schaumstoff, aber durch eine Gardine aus dem ersten Stock sahen sie ziemlich authentisch aus. Schließlich schnappte Liem sich seine Ledertasche, band auch diese an den Gürtel und verließ den Raum. Sein Handy hatte er auf seinem Schreibtisch liegen lassen, denn was sollte er im Mittelalter mit einem Smartphone? Außerdem fürchtete er, es im Eifer des Gefechtes zu verlieren. Unten in der Küche stopfte sich Liem noch ein paar Kekse, die seine Mutter frisch gebacken hatte, in die Tasche, legte ihr eine Nachricht hin und verließ das Haus.

Liem genoss die Frühlingssonne, als er lässig auf den bekannten Pfaden durch den Wald schlenderte. Schon als Kinder hatten sein bester Freund Kai und er hier gespielt: Cowboys, Indianer, Detektive… Er schmunzelte. Manche Dinge änderten sich scheinbar nicht, selbst mit Anfang Zwanzig. Er kam zu einem kleinen Bach, der quer durch das Waldstück lief, und folgte ihm bis zum vereinbarten Treffpunkt. Als er dort ankam, saß Kai schon auf einem Baumstamm, der über den Bach gestürzt war und ihnen als „Brücke“ diente, und baumelte mit den Beinen.

„Ist das nicht herrlich heute?“, rief er, als er Liem entdeckte.

Dieser nickte.

„Hast du das schöne Wetter bestellt?“

Sie lachten beide. Kai trug seine gewohnte Mittelalterkleidung: Eine (ebenfalls selbstgebaute) Elfenrüstung aus dünnem, grünem Leder und dazu passende Stiefel und Accessoires. Sogar ein paar Elfenohren hatte er angelegt, die er so gut über zu schminken pflegte, dass sie mit seinen eigenen zu verschmelzen schienen.

„Wo ist der Rest?“, fragte Liem schließlich.

„Die müssten gleich kommen“, antwortete Kai.

Wie zur Antwort hörten sie ein Knacken und drei Gestalten in Umhängen stürzten sich auf Liem und brachten ihn zu Fall. Lautes Lachen ertönte und Justus, Laurenz und Hannah rappelten sich auf.

„Erwischt!“

Liem fluchte leise und klopfte sich das Laub von der Kleidung.

„Dann können wir ja endlich anfangen“, stellte Kai fest und sprang vom Baumstamm hinunter. Er überlegte kurz dann schlug er vor:

„Liem und ich gegen euch Drei?“

Widerstrebend stimmten die drei anderen zu. Jetzt konnte Liem sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er und Kai waren bessere Kämpfer und deshalb normalerweise nie ein Team. Schließlich trennten sie sich und begaben sich in unterschiedliche Ecken des Waldes. Zehn Minuten lang würden sie Schlachtpläne schmieden, dann sollte es losgehen.

Liem schlich alleine durchs Unterholz. Kai und er hatten beschlossen, sich zu trennen, um nach den anderen zu suchen und sie schneller aufzuspüren. Er wusste, dass sein Freund nicht weit sein konnte, doch er sah ihn nicht. Kurz blieb er stehen, um zu lauschen, und schob sich dann schnell hinter einen Baum. Drei bekannte, leise Stimmen kamen stetig näher. Er spähte aus seinem Versteck und erblickte seine „Gegner“ keine zehn Schritte entfernt von ihm auf einer kleinen Lichtung. Hastig zog Liem sich zurück und dachte nach. Wenn er schnell genug war und sie überraschte, konnte er ihnen vielleicht jeweils einen, nach den LARP-Regeln tödlichen, Schlag verpassen, bevor sie ihn überwältigten. Als Rache für eben… Anschließend würden sie gezwungen sein, fünf Minuten zu warten, bis sie weiterspielen durften, so hatten sie es abgesprochen. Also würde er sogar genug Zeit haben, um danach wieder zu verschwinden. Kurz entschlossen packte er seinen Zweihänder, sprang aus seinem Versteck und stürzte sich auf seine Freunde. Diese waren tatsächlich nicht schnell genug. Aber auf jeden Fall waren sie gute Schauspieler. Sie ließen sich theatralisch zu Boden fallen und stellten sich tot.

„Ja!“, entfuhr es Liem und er nutzte seinen Adrenalinstoß, um wieder im Wald zu verschwinden.

Beim Rennen schaute er über die Schulter und warf seinen Freunden noch einen Blick zu. Alle Drei lagen noch immer gespielt regungslos am Boden. Als er wieder nach vorne sah, erschrak Liem. Er steuerte geradewegs auf einen dicken Baum zu. Verzweifelt versuchte er zu bremsen, doch er hatte zu viel Schwung und wusste, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen konnte. Instinktiv riss er die Arme hoch, um sein Gesicht zu schützen, und wartete auf den Aufprall...

Nichts geschah. Plötzlich blieb sein Fuß an einer Wurzel hängen und, das zweite Mal an diesem Tag, plumpste er unsanft ins feuchte Laub. Verwirrt rappelte er sich auf. Hatte er den Baum etwa doch noch verfehlt? Als er sich umwandte, sah er den fast einen Meter breiten Stamm einer alten Eiche vor sich. Er rieb sich ungläubig die Augen. Merkwürdig. Er hätte ihn voll treffen oder zumindest zwei Meter weiter links aufkommen müssen. Außerdem stellte er fest, dass sein Schwert verschwunden war.

‚Vermutlich habe ich es einfach fallen gelassen, als ich die Arme hochgerissen habe‘, überlegte Liem und ging ein paar Schritte um den Baum herum.

Da war nichts. Kein Schwert, keine entfernte Lichtung, keine Freunde. Nur Wald. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Das war wirklich alles sehr merkwürdig.

Er wollte gerade nach seinen Freunden rufen, da hörte er ein eigenartiges Geräusch. Es klang, als würde jemand mit langen Fingernägeln über Holz kratzen. Aus irgendeinem Grund stellten sich seine Nackenhaare auf und ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Statt also zu rufen oder zurück zu rennen, schlich er, so leise er konnte, in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Liem duckte sich hinter einen tiefhängenden Ast, dessen dicke, grüne Blätter ihn gut verbargen. Er wollte gerade durch diese hindurch spähen, da stutzte er. Grüne Blätter? Bei ihm zu Hause im Wald begannen an den Bäumen doch gerade die ersten Knospen zu sprießen. Doch bevor er sich weiter wundern konnte, lenkte ein erneutes Kratzen – diesmal lauter – seine Aufmerksamkeit zurück auf die Szene vor ihm. Er stand am Rand einer riesigen Lichtung, auf der lauter seltsame Wesen standen. Eine solche Lichtung gab es bei ihnen im Wald nicht. Und was waren das für Menschen? Liem stockte der Atem. Sie ähnelten zwar Menschen, die allerdings jemand mit Echsen oder Krokodilen gekreuzt zu haben schien. Sie standen aufrecht, doch ihre Körper waren von einem dicken Schuppenpanzer umgeben und aus ihren weit aufgerissenen Mäulern tropfte Geifer. Am schlimmsten jedoch waren der gierige - beinah wahnsinnige - Ausdruck ihrer vollständig schwarzen Augen und ihre tödlich aussehenden langen Klauen. Drei der Viecher standen vor einem riesigen Baum, der in der Mitte der Lichtung stand, und dessen Stamm sogar den der alten Eiche noch übertraf. An diesem hing ein Mensch mit rostigen Metallfesseln an Armen und Beinen, die ihn mit über Äste und um den Stamm herum gespannten Ketten an Ort und Stelle hielten. Liem wurde kalt, als er beobachtete, wie die Wesen dem leblosen Mann mit ihren messerscharfen Krallen den Leib aufschlitzten und gierig sein Blut leckten. Er stolperte rückwärts, geschockt von dem grausigen Anblick. Wo war er? Und was sollte das alles? War es nur ein böser Traum? Hatte er den Baum vielleicht doch voll erwischt und lag jetzt in einer Art Koma? Ungläubig schüttelte der junge Mann den Kopf und wich weiter zurück.

Plötzlich legte sich von hinten eine Hand auf seinen Mund und er wurde grob zurückgerissen. Im selben Moment hatte ihm eine zweite Hand seinen Arm auf den Rücken gedreht und schleifte ihn mit. Er wollte schreien, sich befreien, doch er brachte keinen Ton heraus. Panisch überdachte er seine Lage. Das war sein Ende! Er war nicht imstande, einen Finger zu rühren, so stark und unbarmherzig war der Griff, der ihn gefangen hielt. Bilder der Wesen und seines eigenen blutüberströmten Körpers schossen ihm durch den Kopf. Er keuchte und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Dann hielt sein Fänger plötzlich an. Erst jetzt spürte Liem, dass es menschliche Hände waren, die ihn hielten, keine messerscharfen Krallen. Ein Funken Hoffnung keimte in ihm auf, doch er schob ihn rasch wieder beiseite. Er konnte schließlich nicht wissen, ob die Person hinter ihm die bessere Alternative war. Liem spürte einen Lufthauch an seinem Ohr, dann hörte er eine Stimme, die kaum vernehmlich zischte:

„Wenn dir dein Leben lieb ist, würde ich keinen Mucks von mir geben.“

Er zog überrascht die Augenbrauen hoch. Es war eine weibliche Stimme und kaum nachdem sie den Satz beendet hatte, lockerte sich der Griff und die Hände ließen ihn schließlich ganz los. Liem zögerte. Was sollte er tun? Weglaufen? Doch wo sollte er schon hin? Zurück zu den Wesen sicher nicht! Also wandte er sich langsam um, wobei er sich bemühte, einen entschlossenen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Keinen Meter von ihm entfernt stand eine Frau. Obwohl ihr Alter schwer zu schätzen war, vermutete Liem, dass sie etwa in seinem Alter sein musste. Sie war kleiner als er, wenn auch nicht sehr viel und war ansatzweise muskulös. Sie trug eine aufwendige Rüstung aus Fell, Leder und silbernen Schnallen und Ihr mittellanges blondbraunes Haar fiel ihr in leichten Wellen über die Schultern. Sein Blick wanderte auf ihr Gesicht. Ein missbilligender Ausdruck lag darauf und sie funkelte ihn mit ihren dunklen Augen an. Sie waren braun, jedoch nicht so goldbraun wie die seinen, sondern eher wie die eines Rehs, dunkel und scheu. Eine feine dunklere Linie umschloss ihre Iris und trennte das Braun von dem Weiß. Sie schien abzuwarten, was er tat, doch Liem verschränkte nur die Arme, um seine zitternden Hände zu verbergen und schwieg. Er hielt es für das Beste, seinerseits abzuwarten. Er war weiß Gott kein Feigling, aber er würde versuchen alles zu vermeiden, was seine Situation verschlimmern könnte.

Die Frau musterte ihn abschätzend.

„Bist du verrückt? Oder einfach nur dumm?“, fauchte sie schließlich unfreundlich, aber nach wie vor leise.

Er starrte sie an. Damit hätte er nun wirklich nicht gerechnet. „Ich…“, setzte er an, doch sie schnitt ihm das Wort ab.

„Sich so nah an die Sangulcerie heranzuschleichen! Du kannst von Glück sagen, dass sie dich nicht gewittert haben! Oder hast du etwa den ungetrübten Wunsch, auf eine qualvolle Art zu sterben?“

Er wurde ärgerlich. So redete niemand mit ihm.

„Nein, den habe ich weiß Gott nicht! Ich wüsste aber auch nicht, was dich das angeht!“

Noch während er das sagte, kamen ihm Zweifel. Vielleicht war es nicht die klügste Idee gewesen, das zu sagen. Und sie dann noch einfach so zu duzen. Also lenkte er ein:

„Ich weiß ja noch nicht einmal, wie ich hier gelandet bin. Und Sangul-was?“

Ihre Augen weiteten sich einen Moment, dann spannten sich ihre Kiefermuskeln an. Der missbilligende Ausdruck wurde etwas weicher, wenngleich er nicht vollständig verschwand. „Sangulcerie“, sagte sie und Anspannung lag in ihrer Stimme, „Blutlecker. Sie stehen im Dienst des Königs.“ Die junge Frau machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach.

„Wenn du nicht weißt, wie du hier gelandet bist, wo kommst du her?“

Ihr Blick wanderte über seine Rüstung und er sah etwas wie Verwirrung darin aufblitzen. Verwirrung war auch das, was Liem empfand. In seinem Kopf begannen sich die Gedanken zu drehen. Was sagte sie da? Und was für ein König? Er war doch nicht in Holland gelandet? Dann fielen ihm die Wesen wieder ein. Also entweder träumte er oder er musste sehr, sehr weit von zu Hause entfernt sein. In Holland jedenfalls nicht. Er sah sich noch einmal um. Es war ein Wald und die Baum- und Pflanzenarten kamen alles in allem dem nahe, was er aus seiner Heimat kannte. Aber es war ganz sicher nicht der Wald an seinem zu Hause. Er lauschte. Es war still, sehr still. Keine Autos oder sonstiger Verkehrslärm, keine Flugzeuge am Himmel. Weder den riesigen Baum auf der Lichtung, noch die Lichtung selbst, noch die Wesen, die darauf standen, hatte er jemals irgendwo gesehen. Weder in echt, noch in einem Film oder Videospiel. Jedenfalls konnte er sich nicht bewusst daran erinnern. Und er war sich ziemlich sicher, dass er zumindest Letztere nicht vergessen hätte. Durch die Wesen konnte er auch ausschließen, bloß in der Zeit zurück gereist zu sein.

„Ich schätze von etwas weiter weg”, antwortete er deshalb ausweichend.

Die Frau nickte. Sie schien weder überrascht noch verwundert zu sein, was Liem wiederum stutzig machte. Sie wirkte aus irgendeinem unerfindlichen Grund eher zufrieden. Dann wanderte ihr Blick nachdenklich in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

„Der arme Hund…“, murmelte sie und schüttelte gedankenverloren den Kopf.

Schließlich schien sie einen Entschluss zu fassen. Sie ging zu einer Baumwurzel und holte etwas daraus hervor. Es waren ein lederner Köcher und ein langer Bogen aus dunklem Holz. Nachdem sie ihn sich über den Kopf gestreift hatte, sagte sie nur:

„Wir müssen hier weg, sofort!“, packte Liem am Arm und zog ihn mit sich.

Er zögerte. Eile und so etwas wie Sorge hatten in der Stimme der Fremden mitgeschwungen. Das beunruhigte ihn. Sie schien nicht gerade der ängstliche Typ zu sein. Aber konnte er ihr vertrauen? Dann seufzte der junge Mann auf. Was blieb ihm schon anderes übrig? Also folgte er ihr bereitwillig, weg von den grausamen Wesen, die die Frau „Sangulcerie“ nannte, tiefer in den Wald hinein.

1 Ursprünglich kannte er LARP aus einem Video bei Youtube. Es war die Abkürzung für Life Action Role Playing, also Liverollenspiel. Das hieß, dass die Teilnehmer sich verkleiden (oder auch gewanden) und gemeinsam auf so genannten Conventions eine Geschichte durchspielen, oft im Bereich Fantasy. Während dieser Spielwochen(-enden), werden ganze Kriege und Schlachten inszeniert, die mit aufwendig gestalteten Schaumstoffwaffen ausgetragen werden. Alles dreht sich hierbei um ein bestimmtes Ziel, eine so genannte Quest, die zum Ende der Convention abgeschlossen wird.

2 Der Feenbusch

Die Dämmerung brach herein, als sie endlich Halt machten. Die ganze Zeit über hatten sie geschwiegen und die einzige Frage, die er versucht hatte zu stellen, wurde mit einem mahnenden Zischen beantwortet. Jetzt drehte sich seine Führerin zu ihm um.

„Wir sollten hier rasten. Warte hier, ich hole nur etwas Holz.“ Sie verschwand noch einmal zwischen den Bäumen, nur um kurz darauf mit Armen voller Holz zurückzukehren.

„Setz dich und ruh dich aus“, wies sie ihn an, als er sich nicht vom Fleck gerührt hatte.

Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ Liem sich auf einem umgestürzten Baumstamm nieder. Er war unsagbar müde und seine Füße schmerzten. Die fehlende Gewohnheit, weite Strecken zurück zu legen, machte sich eindeutig bemerkbar. Dennoch versuchte er so gut wie möglich, es sich nicht anmerken zu lassen. Trotzdem bemerkte er, dass die Fremde ihn ansah und ein Lächeln um ihren Mund spielte, während sie Holz stapelte. Dann kam sie zu ihm herüber und gab ihm etwas aus ihrer Tasche. Es war ein Stück Brot. Erst jetzt bemerkte Liem, dass er schrecklichen Hunger hatte und sein Magen vorwurfsvoll knurrte.

„Für einen von IHNEN schlägst du dich recht gut“, sagte die Frau aufmerksam. Dann drehte sie sich um und machte Anstalten, das Feuer zu entzünden. Liem ließ das Brot sinken.

„Was meinst du mit: einer von IHNEN?“

Sie schwieg eine Weile. Erst als das Feuer zu knistern begann, kehrte sie zurück und ließ sich neben ihm nieder.

„Wie ist dein Name?“, fragte sie schließlich anstatt einer Antwort.

Ihre Stimme klang ruhig und hatte jede Spur des Ärgers verloren. Er zögerte und sah sie abschätzend an.

„Ich heiße Liem“, antwortete er schließlich.

„Hör zu, Liem. Du bist hier in einer Welt gelandet, die wir Pangariell nennen. Ab und an kommt es vor, dass, wie aus dem Nichts, Fremde auftauchen. Fremde, wie du. Sie kommen durch Portale, die sich für wenige Minuten an zufälligen Orten auftun, und landen hier bei uns. Vermutlich gibt es so etwas auch bei euch. Jedenfalls...”

„Moment, was meinst du damit?”, unterbrach sie Liem, „Ich bin WIRKLICH in einer anderen Welt gelandet?”

Er überschlug ihre letzten Worte noch einmal in seinem Kopf. Dann holte er tief Luft, um seine Fassung zu bewahren.

„Und was meinst du mit: Portale öffnen sich an zufälligen Stellen und zu zufälligen Zeitpunkten? Kann man es nicht steuern oder voraussagen?”

Die junge Frau schürzte die Lippen. Offenbar konnte sie es nicht leiden, wenn man sie unterbrach.

„Sofern du nicht aus Pangariell oder einem der Königreiche jenseits des Meeres stammst und nicht weißt, wo du bist oder wie du hierhergekommen bist, dann ja! Du bist wirklich in einer anderen Welt gelandet. Was deine zweite Frage zu den Portalen angeht, Es ist geschrieben, dass sie der uralten Magie entspringen, mit der die Welten geschaffen wurden. Immer mal wieder kam es in der Geschichte vor, dass sich Portale öffneten, um Menschen und anderen Wesen den Weg in eine der anderen Welten zu erlauben. Soweit ich weiß, können sie nicht von Menschen geöffnet oder erschaffen werden. Es scheint eher, als würde das Schicksal sie nutzen, um den Lauf der Dinge zu verändern. Also kurzum: Nein - du kannst nicht einfach wieder zurückkehren!”

Liem war bei jedem Wort, das sie gesprochen hatte, der Mund ein wenig weiter aufgeklappt. Sein Gegenüber sprach jedoch ungerührt weiter.

„Seit einiger Zeit öffnen sich hier immer wieder neue Portale und neue Reisende kommen hier an. Weltenreiser, wie wir sie nennen. Allerdings…" Sie musterte Liem erneut. „Allerdings waren die anderen bisher seltsam gekleidet und nicht so gut ausgestattet wie du. Daher habe ich dich auch nicht gleich als einen von ihnen erkannt. Du trägst eine Rüstung. Bist du ein Krieger, dort wo du herkommst?"

Liem sah sie immer noch verwirrt an, da sein Kopf nach wie vor damit ausgelastet war, ihre Worte zu verarbeiten. Weltenreiser? Seltsam gekleidet? Krieger? Er sah an sich herab und musterte Alija noch einmal von Kopf bis Fuß. Wenn die junge Frau nicht gerade gewandet oder verkleidet war, war davon auszugehen, dass ihr Auftreten wohl der hiesigen Mode entsprach. Jemand aus seiner Welt in Jeans und T-Shirt oder gar im Anzug mit Krawatte, musste dann tatsächlich sehr seltsam und fehl am Platz wirken. Was für ein Zufall, dass er ausgerechnet in seiner LARP-Kleidung hier gelandet war. Gesetzt dem Fall, dass er hier war und nicht bloß träumte. Probehalber versuchte er sich zu kneifen. Es tat weh, doch er wachte nicht auf. Also konzentrierte er sich wieder auf das Gespräch. Da die Frau ihn immer noch prüfend und auch neugierig musterte, schüttelte er den Kopf und erklärte: „Nein ich bin kein Krieger. Ich trage die Rüstung nur ab und zu. Zu speziellen Anlässen… ist wohl Zufall, dass ich sie anhatte."

„Oder Schicksal…"

Schicksal - das Wort hatte sie eben schon im Zusammenhang mit den Portalen benutzt. Doch soweit es Liem betraf, gab es so etwas wie Fügung oder Schicksal nicht. Zufall und Glück, ja. Doch anstatt diese Überlegung zu diskutieren, fragte er:

„Du sagst, es kommen häufiger Weltenreiser hierher. Was ist mit ihnen, wo sind sie?"

Liem sah, dass sie sich kurz auf die Lippe biss und in die Richtung zurücksah, aus der sie gekommen waren, bevor sie antwortete.

„Die Sangulcerie wurden ursprünglich darauf angesetzt, sie zu jagen, da der König fürchtete, sie könnten eine Bedrohung darstellen. Ich hatte die Möglichkeit, ein paar von Ihnen kennen zu lernen. Schwächlinge, verängstigt und dumm, allesamt. Sie sind den Wesen direkt in die Arme gelaufen. Aber die Sangulcerie hätten sie vermutlich auch sonst erwischt. Sie sind sehr findig und vor allem gierig. Wenn sie erst einen von ihnen gewittert haben, kennen sie keine Gnade.“

Sie sah Liem prüfend an. Er zwang sich, langsam den Mund wieder zu schließen und tief durchzuatmen. Sie hielt ihm einen Wasserschlauch unter die Nase.

Liem ignorierte ihn und starrte sie an. Das war ein Albtraum! War er wirklich in einer anderen Welt gelandet? Durch ein Portal, das das Schicksal mit Magie für ihn geöffnet hatte? Das nicht von einem Menschen wieder geöffnet werden konnte, um ihn zurück zu schicken? Das war derart surreal, dass er sich mit den Konsequenzen daraus im Moment nicht auseinandersetzen konnte. Auch wollte er nicht wie die anderen Weltenreisenden, wie ein dummer, verängstigter Schwächling vor ihr dastehen. Er holte noch einmal tief Luft, schaffte, seine Fassung zurück zu bekommen, und stellte die nächste Frage, die ihm bei ihren Worten in den Sinn gekommen war:

„Was hast du mit den Weltenreisern zu tun? Wieso wagst DU dich in die Nähe dieser Monster? Und wie heißt Du eigentlich?“

„Man nennt mich Alija. Ich versuche ebenfalls, die Fremden zu finden, das ist alles.“

Irgendetwas in Liem sagte ihm, dass das ganz und gar nicht alles war. Doch er war sich nicht sicher, ob er genau wissen wollte, was sie ihm alles verschwieg. Außerdem hätte sie kaum ihre ganze Lebensgeschichte erzählen können. Also musste er sich mit dem zufrieden geben, was er wusste. Faktisch war er ihr ohnehin restlos ausgeliefert. Zögerlich nahm er den Schlauch und einen Schluck daraus und gab ihn ihr zurück.

Sie war es, die über sein Leben oder seinen Tod entscheiden konnte.

‚Was schon bei der Versorgung mit Wasser anfängt’, dachte er resigniert.

Vielleicht war es einfacher, wenn er ihr zumindest nicht vollends misstraute. Was für rosige Aussichten!

„Und warum tut der König so etwas? Wieso dienen ihm solche Monster? Er muss grausam sein!“, entfuhr es ihm.

Alija sah ihm direkt in die Augen und in ihrem Blick lagen Bitterkeit und noch etwas anderes, unterschwelliges, was Liem nicht zu deuten wusste.

„Sei gewarnt, Liem.“ Ihre Stimme war beinahe ein Flüstern.

„Was dich hier erwartet, ist definitiv kein Paradies. Vieles hat sich verändert in den letzten Jahren. Ich kann dir helfen. Aber wenn du diese Geschichte überleben willst, wirst du mir folgen und bedingungslos vertrauen müssen.“

Ihr starrer Blick verharrte noch einen Moment auf seinen Augen, dann wandte sie sich ab und stand auf.

„Du solltest jetzt versuchen zu schlafen. Wir haben morgen noch einen langen Weg vor uns.“

„Aber…“, setzte Liem an, doch sie unterbrach ihn abermals.

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für weitere Fragen. Je mehr du weißt, desto weniger Chancen hast du.“

Stirnrunzelnd wickelte sich Liem in seinen Umhang, heilfroh, dass er ihn mitgenommen hatte. Wie sollte ihm Unwissenheit höhere Chancen verschaffen? Er lag noch lange wach und dachte über alles nach, was geschehen war, bis ihn die Müdigkeit übermannte.

Als er die Augen wieder aufschlug, fiel gerade der erste Sonnenstrahl durch das gräulich grüne Dämmerlicht des Waldes. Des Waldes? Auf einen Schlag war Liem hellwach und saß kerzengerade da. Wo war er? Sein Blick wanderte über eine kleine Lichtung, auf der er im weichen Moos lag. Vor ihm glühten die letzten Reste eines Feuers. Dann kehrten die Erinnerungen zurück. Stöhnend rieb er sich die Augen. Innerlich hatte der junge Mann gehofft, zu Hause in seinem warmen Bett aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war.

„Ah, du bist wach, gut“, holte ihn nun eine Stimme in die scheinbare Wirklichkeit zurück.

Er sah auf. Auf der anderen Seite der Lichtung stand Alija. Sie schien hellwach zu sein, nur der Ansatz dunkler Ringe unter den Augen verriet ihm, dass sie nicht geschlafen hatte. „Wir sollten aufbrechen.“

Liem rappelte sich auf. Seine Glieder waren starr, doch immerhin fror er kaum und fühlte sich erstaunlicherweise ausgeschlafen. Er würde heute gut mithalten können. Doch wo sollte das enden? Würde er jemals wieder nach Hause zurückkommen? Liem schob den Gedanken beiseite und fragte stattdessen: „Wo gehen wir eigentlich hin?“

Alija überlegte kurz, schüttelte dann jedoch den Kopf.

“Später…”

Elegant warf sie ihm einen Apfel zu.

„Komm!“

Sie wandte sich um und ging voraus. Liem wusste, dass er sobald keine weiteren Auskünfte mehr bekommen würde, also folgte er ihr widerstrebend in den dichteren Wald hinein.

Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien durchs Blätterdach, in dem versteckt die Vögel zwitscherten. Immer wieder hielten sie inne und Alija schien zu lauschen. Es war beunruhigend, befand Liem, dass sie offensichtlich so besorgt war. Als sie grade wieder losgelaufen waren, blieb seine Begleiterin so plötzlich abermals stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Sie streckte den Arm aus und auch Liem hielt an. Er lauschte. Dann hörte auch er es. Ein Knacken von morschen Ästen und ein Rascheln von Füßen im Laub. Sie hatten bisher keine Wege genommen und waren nur durchs Unterholz gegangen. Jetzt standen sie vor einem kleinen Weg, keinen Meter breit und doch deutlich zu erkennen. Sie waren noch hinter Ästen verborgen, doch vom Weg aus sicher zu sehen.

„Duck dich!“, zischte Alija und er tat wie ihm geheißen. Sie hockte sich neben ihn und legte den Finger auf die Lippen. Doch er hätte nicht im Traum daran gedacht, einen Mucks von sich zu geben, erst recht nicht, als er sah, was da auf sie zukam. Keine fünf Schritte von ihnen entfernt waren drei der Sangulcerie aus dem Wald getreten. Sie züngelten und fauchten. Er hörte ein leises Fluchen neben sich und wurde ohne Vorwarnung nach hinten gestoßen. Er fiel durch weiche Zweige voller bunter Blüten und saß schließlich mitten in einem duftenden Busch. Beim Aufprall schnappte Liem nach Luft. Ein süßlicher, betörender Geruch stieg ihm in die Nase und benebelte ihm die Sinne.

Bunte Farben und Lichter hüllten ihn ein. Von Fern erklang Musik, ein Lachen. Es kam näher und er sah wunderschöne Wesen, die sich im Tanze drehten, Wesen mit kleinen Flügelchen und umwerfenden Körpern, Feen. Sie wirbelten um ihn herum, lächelten ihn an und ihm wurde schwindelig und heiß vor Verlangen. Eine kam direkt auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und riss ihn aus der Illusion.

Er schüttelte den Kopf. Gelber Blütenstaub fiel aus seinen Haaren. Er hustete und sah im nächsten Moment Alija direkt in die Augen. Ihm wurde noch heißer und er spürte, wie er rot anlief. Gott, war das peinlich! Was war geschehen? Dann sah Liem, dass sie das erste Mal wirklich lächelte, sodass das Lächeln ihre Augen erreichte. Nein, vielmehr lachte sie ihn aus.

„Was zur Hölle war das? Und was sollte das? Wieso hast du mich da hinein geschubst?“, fragte er ärgerlich, um seine Verlegenheit zu verbergen. Lachend klopfte sie ihm das gelbe Zeug von der Rüstung.

„Das“, sie deutete auf den kunterbunt blühenden Strauch, „ist ein Feenbusch. Sein Blütenstaub verursacht, wenn man ihn einatmet, bisweilen bunte Halluzinationen und Träume. Der Vorteil ist, dass du jetzt immerhin nicht mehr nach deiner Welt riechst.“

Gerade wollte er ärgerlich etwas erwidern, dann dachte er über ihre letzte Bemerkung nach.

‚Du riechst nicht mehr nach deiner Welt‘.

Nachdenklich schürzte Liem die Lippen.

„Haben die Blutlecker meine Spur aufgenommen?“ Sie nickte.

„Die dürften sie aber soeben verloren haben. Aber Vorsicht, einige Menschen empfinden den Blütenstaub des Feenbaums aphrodisierend. Und damit kommen wir zu meinem ersten Rat, wenn du in Pangariell überleben willst: Halte dich von allzu hübschen Mädchen fern.“

„War Rat Nummer eins nicht: Halte dich von den Sangulcerie fern?“

Sie blinzelte erheitert.

„Na, wie auch immer!“

Dann drehte sie sich um und ging zu einem kleinen Baum herüber, wo sie sich wiederum an der Baumwurzel zu schaffen machte. Nun staunte Liem nicht schlecht, als sie einen Zweihänder daraus zu Tage förderte.

„Wo kommen die ganzen Waffen her?“, entfuhr es ihm.

Wiederum spielte ein Lächeln um ihre Mundwinkel.

„Das ist und bleibt mein kleines Geheimnis.“

Sie zwinkerte. „Kannst du kämpfen?“, fragte sie dann. „Du wärst vermutlich sicherer mit einer Waffe, allerdings nur, wenn du auch weißt, wie man damit umgeht.“

Überrascht musterte er sie.

„Für mich?“

„Wenn du damit umgehen kannst?“

Liem zögerte noch einen Moment, dann ging er auf sie zu und nahm ihr die Waffe aus der Hand. Alija beobachtete ihn, als er das schwere Schwert in der Hand wog. Er ließ es vorsichtig durch die Luft schwingen. Adrenalin und ein Gefühl von Macht durchfluteten seinen Körper. Er drehte es noch einmal in der Hand und sah nachdenklich darauf hinunter. Es war ein gutes Gefühl, nun nicht mehr wehrlos zu sein, wenn er weiteren Monstern begegnete. Doch er hoffte, dass er es nicht wirklich würde benutzen müssen, denn er war sich nicht sicher, was er tun würde, wenn es soweit war. Konnte er ein anderes Geschöpf - vielleicht sogar einen Menschen - damit töten, wenn sein Leben davon abhinge? Er hoffte, dass er es nicht würde herausfinden müssen. Eilig steckte er die Klinge zurück in die Schwertscheide und befestigte sie an seinem Rücken. Alija musterte ihn eingehend, dann nickte sie zufrieden und sagte schlicht:

„Wir sollten weitergehen. Es ist noch etwa eine halbe Tagesreise.“

Mehr erklärte sie nicht und Liem blieb keine Zeit weitere Fragen zu stellen, denn Alija verschwand bereits zwischen den nächsten Sträuchern.

3 Pangara - Die Stadt des Königs

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen ihnen entgegen. Alija und Liem hatten eben den Wald verlassen und wanderten nun über freie Flur. Auch hier erinnerte ihn nichts an etwas, das er schon einmal gesehen hatte und schon gar nicht an zu Hause. Sie waren umgeben von Feldern und vereinzelten Wiesen, die jedoch größtenteils Brach zu liegen schienen. Das wenige Getreide, was dort wuchs, wirkte grau und kümmerlich. Liem atmete tief durch. Der Rest ihres Tagesmarschs war ohne weitere Vorkommnisse verlaufen und sie hatten eine Weile geplaudert. Nichts Verfängliches, doch er wusste nun, dass es westlich von ihnen und der Hauptstadt ein höheres Gebirge und im Osten ein Meer gab, hinter dem andere Königreiche lagen, und dass das Königreich Pangariell, in dem er sich nun befand, seit etwa vier Jahren von König Paal von Pangariell regiert wurde. Weitere Fragen dazu hatte Alija jedoch geflissentlich ignoriert. Liem betrachtete sie nachdenklich. Trotz des Misstrauens, dass er ihr gegenüber noch immer empfand, musste er sich eingestehen, dass sie etwas an sich hatte, das er mochte. Auch wenn er nicht recht verstand, warum sie ihm nicht sagen konnte - oder wollte - wo er hier herein geraten war.

Alija war stehen geblieben und fixierte etwas am Horizont. Als er ihrem Blick folgte, sah er mächtige Mauern aus dem Boden aufragen.

„Was ist das?“, fragte Liem neugierig.

„Das ist Pangara“, antwortet seine Führerin gedankenverloren. Als sie Liems hochgezogene Augenbrauen bemerkte, ergänzte sie schmunzelnd.

„Die Hauptstadt von Pangariell und das Ziel unserer heutigen Reise.“

„Wir gehen in die Stadt? Warum?“

Sie schwieg einen Moment und sah wieder auf die Stadt. Schließlich antwortete sie:

„Dort kann ich dich am besten Schützen.“

„Warum?“, fragte Liem noch einmal und Alija biss sich auf die Lippe.

„Die Sangulcerie suchen noch immer nach dir. In der Stadt dürfen sie nicht töten und auch an den Stadttoren haben sie keinem Menschen etwas anzutun. Hier gibt es andere Sitten und Regeln.“

„Daran halten sie sich?“

„Ich werde dafür sorgen, dass sie sich daran halten.“

Ihre Stimme war ernst und enhielt keinen Zweifel.

Liem nickte langsam. Wenn sie glaubte, dass er in der Stadt am Sichersten war, musste er ihrem Urteil vertrauen.

„Kann mir da auch jemand helfen, nach Hause zurückzukommen?“, fragte er dennoch hoffnungsvoll.

„Vielleicht…“, erwiderte sie erneut ausweichend.

Liem atmete resigniert aus und schluckte.

„Also gut“.

Er wollte weitergehen, doch Alija stand noch immer wie angewurzelt da. Sie sah ihn an.

„Liem“, begann sie langsam, „vertraust du mir?“

Liem blinzelte überrascht. Was war das für eine Frage? Normalerweise, wenn Frauen so ankamen, verhieß das nichts Gutes. Und das, wo sie sich doch erst seit gestern kannten.

Als er nicht sofort antwortete, sondern sie sprachlos musterte, fragte sie noch einmal nachdrücklich:

„Ich meine, vertraust du darauf, dass ich dir helfen will, Liem?”

„Ich… ich weiß nicht… ich…“, stotterte er, „ich denke schon.“

Ihre Augen funkelten und ihre Stimme war sehr ernst, als sie sprach.

„Hör zu. Wenn wir in die Stadt kommen, wirst du vermutlich eine Menge Geschichten, Gerüchte und Reaktionen über mich aufschnappen. Wenn du ihnen Glauben schenkst und mir nicht ausreichend vertraust, kannst du dich genauso gut hier umbringen.“

Es klang nicht wie eine Drohung, mehr nach einer Feststellung. Liem schluckte. Allein, dass sie ihn darauf hinwies, rief widersprüchliche Gefühle in ihm wach. Sie wusste, wie man über sie sprach. Sie vermutete, dass Liem nicht gefallen würde, was er über sie hörte. Die Frage war nur, was genau sie mit dieser wagen Andeutung meinte, warum es diese Gerüchte gab und wie viel sie mit der Wahrheit gemein hatten.

Andererseits hatte sie ihm bisher das Leben gerettet.

„Warum hilfst du mir?“, fragte er schließlich.

„Weil ich glaube, dass du es Wert bist, gerettet zu werden.“

Es war eine schlichte Feststellung und offenbar würde sie keine weitere Erklärung liefern. Denn damit wandte sie sich ab und ging ein Stück, blieb jedoch noch einmal stehen, um zu sehen, ob er ihr folgte. Letztendlich blieb ihm auch nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, wenn er nicht alleine durch die Wälder streichen wollte, in denen ihm blutgierige Monster nachjagten. Also beschloss er, ihr - beziehungsweise auf ihre Hilfe - vorerst zu vertrauen und folgte der jungen Frau in Richtung Stadt.

Schließlich gelangten sie an ein großes Tor. Die riesigen, metallbeschlagenen Torflügel waren geschlossen und nur eine kleine Tür, die darin eingelassen war, versprach ihnen Einlass. Liem blickte empor. Bis knapp zwölf Meter über ihm erstreckte sich die dicke Steinmauer zum Schutze der Stadt. Die einzelnen Quader, aus denen sie gebaut war, schienen aus dem Fels gehauen und hier in beachtlicher Höhe wieder aufgestapelt worden zu sein. Über die Krone der Mauer strahlte ein letzter Kranz der Abendsonne.

„Lass dir keine Angst anmerken, das spüren sie.“

Alijas Stimme war kaum mehr ein Flüstern an seinem Ohr und ihm lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter.

Dann straffte sie die Schultern, trat auf die Tür zu und klopfte energisch an. Ein Fenster wurde geöffnet.

„Alija von den östlichen Landen verlangt Einlass.“

Liem schauderte. Ihre Stimme war kalt und herablassend.

Die Tatsache, dass nun ein Blutlecker das Tor öffnete, verbesserte die Situation keineswegs. Dann stutzte Liem - VON den östlichen Landen. War sie etwa adelig? Er überlegte, sie später danach zu fragen.

Alija trat durch das Tor. Doch als Liem ihr folgen wollte, versperrte ihm die Echse den Weg.

Sie fauchte bedrohlich.

„Waasss willssst du, Fremder?“

Der junge Mann zuckte zusammen, doch dann erinnerte er sich an Alijas Worte und straffte die Schultern.

„Ich verlange, meiner Begleiterin zu folgen.“

Auch seine Stimme klang, wie er zufrieden feststellte, kalt und fest und duldete keinen Widerspruch.

Der Wächter musterte ihn genau und zögerte. Als er sich zu Alija umwandte, konnte auch Liem einen Blick auf sie erhaschen. Ungeduldig sah sie den Wächter an und trat dann einen herausfordernden Schritt auf ihn zu.

„Er reist mit mir. Gibt es ein Problem?“, fragte sie unfreundlich.

Der Sangulcerie fauchte und zischte widerwillig.

„Nein Herrin.“

Dann trat er beiseite und Liem betrat die Stadt. Herrin… Er sah Alija an. Sie hatte ihn so oft vor den Sangulcerie gewarnt, die sie jetzt als Herrin ansahen. Was hatte das alles zu bedeuten? Was war ihre Stellung in der Stadt und wie stand sie eigentlich zu dem König? Er dachte an ihre Bitte, ihr zu vertrauen. Es viel ihm schwer, doch er schob die Befürchtungen beiseite. Stattdessen schloss er ein paar Schritt zu ihr auf und fragte leise:

„Und was jetzt?“

„Jetzt gehen wir dorthin, wo du im Moment am sichersten bist. Ich bringe dich zum König.“

Fassungslos starrte Liem seine Begleiterin an. Zum König? Der wollte ihn doch tot sehen?

„Du willst mich in die Höhle des Löwen bringen? Zu dem Menschen, der die anderen aus meiner Welt umbringen lässt?“, er musste sich zwingen, seine Stimme ruhig zu halten. Sie nickte kaum merklich.

„Vertrau mir. Du wirst wieder heile aus der Stadt herauskommen. Der König wird dich brauchen, dich um etwas bitten. Egal was es ist, solange es nicht zu deinem sofortigen Tod führt, willige ein. Das verschafft uns Zeit.“

Uns… Sie hatte uns gesagt. Liem überlegte. Würde SIE ihm weiterhelfen? Konnte er ihr glauben?

Liem seufzte innerlich und schob dann seine Zweifel beiseite. Jetzt schien es ohnehin zu spät. Also folgte er ihr durch die Straßen der Stadt.

Die Gassen wurden von kleinen ein- und zweigeschossigen Häusern gesäumt. Sie hatten wenig mit den Häusern gemein, die Liem von zu Hause kannte. Einige waren schlicht aus ungleichmäßig behauenen Steinen mit Dächern aus einfachen Holzplanken oder Schindeln errichtet worden. Zwischendrin stand das ein oder andere Fachwerkhaus mit steinernem Sockel. Je weiter sie in Richtung der Burg kamen, desto mehr Häuser waren mit einem gewissen Charme erbaut und mit kleinen Türmen, aufwändigen Holzpergolen auf flachen Dächern und schmucken Vordächern gestaltet worden. Doch offensichtlich hatte in der ganzen Stadt schon länger niemand mehr etwas gepflegt oder erneuert. Viele der Häuser wirkten schäbig und heruntergekommen und immer wieder waren einige Gebäude sogar ganz eingestürzt.

In den Schatten kauerten Menschen mit ausgezehrten Gesichtern. Halb verhungert und schmutzig. In den Augen von einigen funkelte Hass, der Liem erschreckte, doch ein Großteil von ihnen saß regungslos mit trübem Blick da. Als Alija erhobenen Hauptes an ihnen vorbeischritt, zogen sie sich sogar noch tiefer in ihre dunklen Ecken zurück. In der Luft lag eine beinahe greifbare Spannung, in die sich Nuancen von Furcht und Angst mischten. In Liem kamen Zweifel auf, die er jedoch rasch energisch beiseiteschob. Wer weiß, was diese Leute ihr alles zuschrieben und wie viel davon der Wahrheit entsprach. Sie hatte tatsächlich wohl daran getan ihn vorzuwarnen...

An allen Straßenecken patrouillierten Wachen. Immer zu zweit und in Sichtweite der anderen Wachtrupps. Als er ihre Augen sah, stellte er fest, dass sie bei den meisten von ihnen vollständig schwarz waren. Keine Iris. Keine Pupille. Kein Weiß. Nicht einmal eine Reflektion des Lichts. Liem schauderte. Sie wirkten tot und leer. Wenn sie an ihnen vorbeikamen, blieben die Männer stehen und verneigten sich kurz, bevor sie weiter gingen. Doch Alija ignorierte sie und würdigte die meisten nicht einmal eines Blickes. Dieses Verhalten bestätigte Liem darin, dass sie in der Hierarchie in dieser Stadt (oder sogar dieses Landes?) weit oben stehen musste. Sie erreichten einen großen Platz, auf dessen gegenüberliegender Seite eine weitere Mauer mit einem großen Burgtor lag. An ihr hingen steinerne Grimassen, menschliche sowie Echsen-artige Köpfe, zu stummen Schreien verzerrt wie Wasserspeier. Vor den Toren standen Wachen, deren Uniformen etwas hochwertiger als die der Stadtwache aussahen. Palastwache, mutmaßte Liem. Auch ihre Augen waren vollständig schwarz. Sie hielten sie nicht auf, doch als sie den Torbogen passieren wollten, trat ihnen jemand in den Weg. Es war ein Mensch, ein Mann, kaum älter als sie. Er hatte kurzes blondes Haar, das vorne hochstand. Den Brustpanzer seiner augenscheinlich teuren Rüstung (sie sah nach eine Spezialanfertigung aus) zierte ein Wappen, wie es auch die Wachen der

Stadt getragen hatten. Doch im Gegensatz zu den ihren waren seine Augen nicht schwarz, sondern von einem strahlenden Blau.

„Da ist ja unsere kleine Alija“, sagte er leise, aber nicht unfreundlich.

Alija schnaubte leise.

„Kanu.“

Der junge Mann sah von ihr zu Liem hinüber und runzelte die Stirn. Alija folgte seinem Blick.

„Das ist Liem. Er kommt von sehr weit weg und wünscht eine Audienz beim König.“, sagte sie ruhig. „Würdest du ihn zu ihm bringen?“

Beide Männer starrten sie an.

‚Was sagt sie da? ‘, schoss es Liem durch den Kopf? ‚Sie lässt mich alleine?‘

Doch bevor einer von ihnen etwas erwidern konnte, fuhr sie fort:

„Ich sollte vorher zu ihm gehen und dafür sorgen, dass er ihn anhört. Das ist wichtig. Es ist besser, wenn ihr dann zusammen nachkommt.“

Kanu nickte langsam.

„Na schön. Liem sagst du?“

Sie nickte knapp. Dann wandte sie sich direkt an Liem.

„Liem, das ist Kanu, ein alter Freund von mir und hoher Wächter des Königs. Geh mit ihm, bei ihm bist du weitestgehend in Sicherheit. Wir werden uns bald wieder sehen, versprochen.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging. Liem wollte ihr nachrufen, kam sich aber albern bei dem Gedanken vor und schwieg. Er wollte vor diesem Kanu keine Unsicherheit zeigen.

Dieser musterte ihn eingehend und lächelte dann.

„Willkommen in Pangara.“

Dann wurde Kanus Miene wieder ernst.

„Du brauchst eine Audienz?“, fragte er neugierig mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und hast Alija überzeugt, dass dein Anliegen wichtig genug ist, um dich zu König zu bringen.“

Liem biss die Zähne zusammen und überlegte, was er sagen sollte. Er hatte schließlich selbst keine genaue Ahnung, warum genau er zum König sollte. Schließlich nickte er einfach.

„Du hast großes Glück, dass sie dich hergebracht hat.“

Liem musterte ihn forschend.

„Ach ja? Wieso? Wer ist sie denn?“

Kanu lächelte, halb grimmig, halb belustigt:

„Das weißt du nicht? Wie bist du dann auf sie gekommen?“

„Wir haben uns zufällig getroffen“, antwortete Liem ausweichend, „also, wer ist sie?“

„Alija ist Prinzessin der östlichen Ländereien von Pangariell, Tochter des Herzogs, obgleich sie auf den Titel wohl keinen besonderen Wert legt. Sie hat einen gewissen Einfluss auf den König. Alles weitere sollte sie dir lieber selbst erzählen. Und jetzt sollten wir gehen und den König nicht warten lassen“, sagte er.

Liem folgte ihm verwirrt und nachdenklich ins Innere der Burg.

4 Das Herz

Sie betraten eine große steinerne Eingangshalle und Liem stockte der Atem. Nie in seinem Leben hatte er etwas Vergleichbares gesehen. Vor ihm nahm eine riesige Flügeltür, die mit Malereien und Blattgold verziert war, den Großteil der Wand ein. Rechts und links davor führten breite Treppen über eine Galerie in das obere Stockwerk. Die Mauern aus Steinquadern waren mit dicken Wandteppichen verhängt, die Bilder von Schlachten oder Jagdszenen zeigten. Einer der Teppiche, der oben an der Galerie hing, zog Liems Aufmerksamkeit auf sich. Es war eine Stickerei in Rot und Gold und zeigte einzig ein Auge, das ihn geradewegs anzusehen schien.

‚Ein Drache‘, schoss es Liem augenblicklich durch den Kopf. Obwohl man den Rest des Wesens nicht sehen konnte, war er sich doch hundertprozentig sicher. Während er noch mit offenem Mund auf den Teppich starrte, holte Kanu ihn in die die Wirklichkeit zurück.

„Beeindruckend, nicht wahr?“

„Es wäre schön, wenn die Stadt etwas von dieser Schönheit abbekommen hätte.“

Verlegen klappte Liem seinen Mund zu.

Kanu sah ihn forschend an und seine Mundwinkel zuckten amüsiert. Dann jedoch wurde er wieder ernst.

„Das solltest du König Paal gegenüber vielleicht nicht äußern. Auch sonst würde ich empfehlen, Kritik eher für dich zu behalten. Aber nun komm, wir wollen den König nicht warten lassen. Denk daran, dich tief zu verneigen und bleib unten, bis er das Wort an dich richtet.“

Liem nickte.

„Sonst noch etwas?“

Kanu zögerte und schien zu überlegen. Dann grinste er, doch seine Augen blieben hart.

„Versuch nicht, seine Majestät zu töten. Du hättest keinen Erfolg. Es würde lediglich dazu führen, dass dein Kopf, so wie die der anderen, unsere Burgmauer ziert.“

Dann drehte sich Kanu um und ging auf die große Flügeltür zu. Liem schluckte und starrte dem anderen Mann ungläubig nach. Die Grimassen-Köpfe über dem Tor - sie stammten von Lebewesen? Was war das für ein König? Und wie waren sie so geworden? Sein Magen verkrampfte sich und er machte sich auf das Schlimmste gefasst, als er Kanu folgte. Das könnte ja heiter werden.

‚Doch wenn es meine einzige Chance ist zu überleben und damit vielleicht auch nur die geringste Chance besteht, irgendwann, irgendwie nach Hause zu kommen‘, dachte Liem grimmig, ‚sollte ich besser weder Angst noch Schwäche zeigen‘.

Stattdessen setzte er eine unbewegliche Miene auf und trat entschlossen durch die Tür. Dahinter fand er sich in einem noch prachtvolleren Saal wieder. Eindeutig der Thronsaal, wie Liem feststellte. An der kurzen Seite zu seiner Rechten führten einige Stufen auf ein Podest, auf dem ein schwarzgoldener Stuhl stand. Darauf saß ein Mann mit langem, schwarzem Haar unter einer farblich zum Stuhl passenden Krone. Überrascht stellte Liem fest, dass auch der König keine zehn Jahre älter sein konnte als er. Ob es in diesem Land überhaupt alte Menschen gab? Als sie in der Mitte eines dicken roten Samtteppichs angekommen waren und der König sie erblickte, machte Liem eine elegante Verbeugung. Er war heilfroh, dies schon häufiger auf LARP-Conventions geübt zu haben. Dabei bemerkte er im Augenwinkel Alija, die mit gefalteten Händen am Fuß des Podestes stand und vor sich auf den Boden starrte. Sie war also doch bei seiner Audienz dabei. Ob das für ihn jetzt ein gutes oder ein schlechtes Omen war, wusste er nicht zu sagen. Doch es stimmte ihn etwas zuversichtlicher.

„Liem!“, erklang eine Stimme, die sich über die hohe gewölbte Decke durch den ganzen Raum zu ergießen schien. Für Liems Geschmack klang sie etwas zu ... erfreut.

„Nicht so förmlich!“

Der König lachte. Es war ein kaltes Lachen, welches Liem einen Schauder über den Rücken laufen ließ. Als Liem den Blick wieder hob, stand der König auf und machte eine ausladende Handbewegung:

„Sei mir Willkommen, in meinem Schloss ebenso wie in meinem Land. Ich bin Paal, König und mächtigster Mann von Pangariell!“

‚An Selbstüberzeugung mangelt es ihm jedenfalls nicht‘, ging es Liem durch den Kopf und er musste ein Augenrollen unterdrücken. Stattdessen erhob er die Stimme:

„Es ist mir eine Ehre Eure Majestät. Eure Gastfreundschaft entzückt mich zutiefst.“

Paal war mit lockeren Schritten die Stufen heruntergekommen und ein amüsiertes Funkeln stand in seinen strahlend grünen Augen. Er trug prachtvolle Gewänder aus schwarzem Samt über einem weißen Hemd, an seinem Gürtel funkelte ein mit Runen verzierter, prachtvoller Dolch.

‚Er wäre gutaussehend‘, überlegte Liem, ‚wären da nicht die Überheblichkeit und die Spur von Wahnsinn in seinen Augen.‘

„Ihr hattet um eine Audienz gebeten, die ich so großmütig war zu bewilligen. Also, Liem, was führt Euch zu mir? “ Liem zögerte einen Moment. Was sollte er sagen? Diesbezüglich hatte Alija ihm keine Instruktionen gegeben. Vielleicht stünden seine Chancen besser, wenn er dessen Ego etwas schmeichelte. Nach kurzer Überlegung antwortete er:

„Ich bin nicht ganz freiwillig hier in Pangariell. Mir kamen Geschichten über Eure Macht zu Ohren und ich dachte, wenn Ihr tatsächlich so mächtig seid, wie man sagt, könntet Ihr mir gewiss helfen, nach Hause zurück zu kehren.“

Der König schlenderte um ihn herum und Liem spürte seine Blicke auf sich, als er ihn von allen Seiten musterte.

„Interessant… Ihr gefallt mir. Aber sagt mir, warum sollte ich meine Kraft einsetzen, um Euch zu helfen?“

„Hmm…, weil ich Euch gefalle?“, erwiderte Liem unschuldig und war von sich selbst überrascht. Normalerweise war er nicht so schlagfertig. Aber sein Freund Kai hatte schon früher behauptet, dass Liem in Stresssituationen einen kühlen Kopf behielt und über sich hinauswuchs. Vielleicht konnte ihn das jetzt retten. Sein Gegenüber lachte leise und umkreiste ihn abermals mit prüfendem Blick. Schließlich hielt er ihm die Hand hin.

„Nun, Liem, seid mein Gast und ich bin mir sicher, wir werden bis morgen eine für beide Seiten akzeptable Lösung finden.“

Liem fiel ein Stein vom Herzen - das war besser, als er befürchtet hatte. Und doch hoffte er, dass es sich nicht zum Schlechten wenden würde. Er ergriff die Hand und machte eine knappe Verbeugung, bei der er seine Stirn Richtung Hand neigte.

„Vielen Dank für Eure großzügige Einladung.“

Während er das tat, geschah etwas Merkwürdiges. Er fühlte sich, als würde sein Geist in den Körper des anderen Mannes hinein gesogen und fand sich in vollkommener Dunkelheit wieder. In der Mitte des dunklen Raumes bewegte sich etwas, pulsierte. Etwas vollkommen Schwarzes. Dunkler als die Dunkelheit selbst. Doch nein, ein winziger Lichtpunkt kämpfte hoffnungslos gegen das Dunkle an.

Irgendetwas war gerade mit ihm geschehen, das wusste Liem und ein Gefühl machte sich in ihm breit, dass er nicht sehen SOLLTE, was er gerade sah. Er wich davor zurück und sein Geist wurde in seinen eigenen Körper zurückgezogen. Der König sah ihn verwirrt an und schnell ließ Liem dessen Hand los. Was war das? Wie konnte das passiert sein?

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Paal und seine Stimme klang wieder kühl und etwas misstrauisch.

„Nein, alles bestens“, erwiderte Liem schnell. „Ich war nur gerade in Gedanken über all das, was passiert ist, und dankbar über Euer Angebot.“

Paal nickte, dann schien er zu überlegen und hob schließlich die Stimme.

„Marie!“

Eine Zofe betrat den Saal und verbeugte sich tief.

„Bring doch bitte unseren Gast in sein Gemach. Und sag in der Küche Bescheid, wir haben heute einen zusätzlichen Gast.“

Sie verneigte sich abermals und sah Liem erwartungsvoll an.

Der König wandte sich ebenfalls wieder ihm zu.

„Marie wird sich um Euch kümmern. Wann immer Ihr etwas benötigen solltet, lasst sie rufen.“

Liem nickte.

„Vielen Dank Eure Majestät.“

Dann verbeugte er sich ein letztes Mal, ging auf Marie zu und folgte ihr aus dem Thronsaal durch die Eingangshalle ins obere Schlosswerk. Erst als die großen Flügeltüren sich hinter ihm geschlossen hatten, wagte er es, tief durch zu atmen. Was war da eben geschehen? Vermutlich konnte er von Glück reden, dass Paal nichts bemerkt hatte. Denn wenn er sich nicht irrte, hatte Liem gerade Paals Herz gesehen.

5 Warum

Als sich die großen Türen geschlossen hatten, hob Alija den Kopf und warf einen Blick in Richtung des Königs. Sie triumphierte innerlich, behielt aber den harten Ausdruck auf ihrem Gesicht bei und wartete gespannt.

„Eine interessante Wahl“, murmelte der König und sah sie forschend an. Wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist, umrundete er sie. Er legte den Kopf schief.

„Warum ausgerechnet er, Lija? Warum ausgerechnet jetzt?“

Sie erwiderte seinen Blick ohne mit der Wimper zu zucken.

„Weil ER der Erste ist, der genug Mut und Verstand besessen hat, um es bis hierher zu schaffen und auch vor einer Audienz mit dir nicht zurückgeschreckt ist. Damit dürfte er, nach meinem ersten Eindruck, zumindest den Hauch einer Chance haben, dies zu überleben. Alles weitere wird sich zeigen.“

Der Mann ihr gegenüber nickte nachdenklich.

„Er ist klug. Und da er ein Schwert hat, gehe ich davon aus, dass er nicht gänzlich unfähig ist, es zu benutzen. Du hättest es ihm sicher nicht gegeben, wenn die Gefahr bestünde, dass er sich eher selbst damit verletzt. Wir werden schauen, was ich mit ihm anfangen kann.“

Ein freudloses Lachen kam aus Alijas Mund.

„Tu nicht so scheinheilig, Paal, König von Pangariell! Du weißt genau, was du mit ihm anfangen willst! Mehr Bestätigung brauchst du nicht, um einen Versuch zu wagen, selbst wenn es sein sicherer Tod wäre.“

Die Worte klangen bitter. Paal sah sie unverwandt an und kam schließlich ein paar Schritte auf sie zu, bis er mit dem Kopf an ihrem Ohr war und sich ihre Schultern berührten.

„Du hast diese Entscheidung über ihn getroffen, kleine Alija, als du ihn hergebracht hast. Doch sag mir, wie lange hast du es mir verschwiegen? Hast du wirklich nur auf den Richtigen gewartet? Oder hast du vielleicht endlich erkannt, welche Macht auch du hättest, wenn du nur treu an meiner Seite stündest?“

Die Frau wandte sich ab und verließ, ohne ein weiteres Wort, ohne Erlaubnis und ohne Verbeugung den Raum. Kanu sah ihr nach. Sie war die Einzige, die sich etwas derartiges erlauben konnte. Zumindest noch. Er sah Paal an. Sein Freund sah Alija widerwillig und beinahe gekränkt nach. Kanu seufzte leise. Und sie war die Einzige, die ihn – wenn auch nicht körperlich – verletzen konnte.

‚Eines Tages wird das für sie böse Konsequenzen haben‘, dachte Kanu besorgt und hoffte inständig, dass „eines Tages“ noch eine ganze Zeit auf sich warten lassen würde.

6 Erkenntnisse

Liem stand in dem Zimmer, in das Marie ihn geführt hatte. Er war frisch gebadet und hatte noch das kratzige Handtuch um die Hüften geschlungen. Während des Bades, waren ihm immer wieder Dinge wie ‚Was ist das hier nur?‘, ‚Das muss ein Traum sein, nur ein böser Traum!' oder ‚Das gibt es doch gar nicht, das DARF es gar nicht geben‘ durch den Kopf gegangen.

Doch schließlich hatte er es aufgegeben. Es würde ihn zu nichts führen, also war es besser, sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Es gab zwei mehr oder weniger logische Erklärungen für das Ganze: Er träumte oder - was erschreckender wäre – er war tatsächlich in eine andere, grausame Wirklichkeit gereist. Er kniff sich noch einmal in den Arm, presste sich die Hände auf die Augen und versuchte aufzuwachen. Doch er blieb wo er war. Trotzdem hätte Liem nur allzu gerne an einen Traum geglaubt. Er würde jedoch nicht riskieren, sich darauf zu verlassen, irgendwann heile zu Hause aufzuwachen. Auch war all das beinahe zu skurril um seiner eigenen Phantasie zu entspringen.

Seine Gedanken wanderten zur Audienz. Was war da eigentlich geschehen? Als er den König berührte, hatte es sich angefühlt, als habe sein Geist seinen eigenen Körper verlassen und wäre in dem des Königs gelandet. Aber so etwas war unmöglich! Man konnte nicht mit seinem Geist in den Körper anderer Menschen eintreten. So etwas gab es allenfalls in Fantasy-Geschichten! Er rieb sich über das Gesicht. Allerdings war er, wenn er Alija glaubte, auch durch ein Portal hier gelandet, was es auch nicht geben dürfte. Oder hing es mit der Welt zusammen, in der er sich befand? Konnte hier jeder, der Körperkontakt zu einem anderen Menschen hielt, in dessen Körper (oder war es die Seele gewesen?) blicken? Hatte Alija, als sie ihn von den Sangulcerie weggezogen hatte, etwa auch in seine Seele geblickt? Was würde sie dort sehen?

Von den ganzen Fragen brummte Liem der Kopf und er bekam Kopfschmerzen. Alleine würde er so nicht weiterkommen. Sollte er jemanden danach fragen? Doch was war, wenn es auch in dieser Welt nicht normal war? Wenn er nicht hätte sehen dürfen, was er gesehen hatte? Vielleicht sollte er es für sich behalten und es weiter beobachten. Vielleicht waren es doch nur die Müdigkeit und die Anspannung gewesen. Das Pochen hinter seinen Schläfen wurde stärker. Daher schob Liem auch diese Gedanken beiseite und ging stattdessen in seinem Kopf die Optionen durch, die er nun hatte.

Er saß hier fürs erste fest, weil - so glaubte es Alija - das Schicksal ihn hergebracht hatte und die Portale, die ihn vielleicht zurückführen könnten, zufällig an vorher nicht bekannten Orten auftauchten. Er war am Hof eines wahnsinnigen Königs, der ohne weiteres seine Monster losschickte, um Menschen zu töten. Ohne Grund, ohne tatsächliche Bedrohung für ihn oder sein Königreich. Ihm war nicht zu trauen und nicht nur das. Liem wurde das Gefühl nicht los, dass dieser König sehr gefährlich war und man bei ihm sehr vorsichtig sein musste, was man sagte oder tat.

Eben dieser König würde etwas von ihm verlangen, hatte Alija gesagt. Er hatte die Option, es anzunehmen, wenngleich er keine Ahnung hatte, was auf ihn zu kam, oder es auszuschlagen. Die Konsequenzen für letzteres mochte er sich nicht ausmalen. Also würde er annehmen müssen.

Alija… Prinzessin Alija, korrigierte er sich in Gedanken. Sie hatte gesagt, er solle den Auftrag annehmen, um dadurch Zeit zu gewinnen. Doch wie stand sie wirklich zum König? Kanus Aussagen hierzu waren auch wenig hilfreich gewesen. Sie hatte auf der Reise nicht geklungen, als würde sie seine Entscheidungen gutheißen. Doch wenn sie hier in der Stadt so eine Macht hatte, warum hatte sie den Blutleckern nicht einfach befohlen, ihn leben zu lassen und offiziell zum König zu bringen? Oder ihnen die Befehlsänderung überbracht, von der sie gesprochen hatte? Warum hatte sie ihn vor den Wesen versteckt und dann doch zum König gebracht, damit er eine Aufgabe für ihn erledigen konnte? Arbeitete sie für ihn? Aus freien Stücken oder weil sie keine andere Wahl hatte? Oder verfolgte sie gar eigene Ziele? Vielleicht tat er ihr auch unrecht und sie wollte ihn wirklich nur retten? Liem seufzte.

Und Kanu? Liem hatte den Eindruck, dass er Alija mochte, sie so etwas wie Freunde waren. Auf ihn hatte er jedenfalls sehr nett gewirkt und war deutlich offener ihm gegenüber gewesen als Alija. Aber auch er war ein Diener von Paal. Und nicht nur irgendeiner. Als oberster Wächter des Königs und nach seinem Auftreten zu schließen, hatte er eine mächtige Stellung am Hofe inne. Und die bekam man nur mit Einfluss und Vertrauen. Doch vielleicht konnte er durch ihn Informationen über das alles hier bekommen.

Er rieb sich über das Gesicht. Wem konnte er trauen? An wen sollte er sich halten? Und wenn sie alle so eng miteinander verbunden waren, machte es dann einen Unterschied? Alija hatte ihn bisher gerettet, beschützt und - soweit er es bis hierher sagen konnte - ihn nicht belogen. Er hatte ihr schon einen Vertrauensvorschuss gegeben und zumindest bis jetzt hatte es sich noch nicht gerächt. Er würde vorsichtig sein, aber sich an sie halten. Das war im Moment die beste Option, die er für sich sah.

Da klopfte es vorsichtig an der Tür. „Herein“, sagte Liem und Marie trat ein mit einem Arm voller frischer Kleider. Sie begann ihn einzukleiden. Er hatte die bereit gelegten Sachen selbst anziehen wollen, da er sich albern vorkam, wenn eine fremde Frau ihm dabei half. Aber sie hatte sich nicht davon abbringen lassen. Ansonsten war die Dienerin höflich und unaufdringlich, wenngleich sie etwas mechanisch wirkte. Auch hatte sich Liem zunächst an ihre Augen gewöhnen müssen. Sie waren vollständig schwarz, so wie die der Wachen, und wirkten genauso leer - ohne eigene Persönlichkeit.