Der Schatz des Arabers - Julie Bender - E-Book

Der Schatz des Arabers E-Book

Julie Bender

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Lebensstil
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

"Du kannst nicht schwimmen? Wozu gibt es Schiffe?" Simon, Schiffsjunge und Nachwuchspirat Sommerferien bei Opa Fridjof? Für den zwölfjährigen Henrik ist klar: Das kann nur langweilig werden. Doch da irrt er sich gewaltig! Denn sein Großvater schickt ihn mit einer magischen Schatzkarte auf Zeitreise. Er soll den sagenumwobenen Schatz eines arabischen Kaufmanns suchen. Im 14. Jahrhundert angekommen, findet sich Henrik auf einem Schiff des berühmten Seeräubers Störtebeker wieder. Mit den Piraten und seinen neuen Freunden Simon und Alina geht es auf eine abenteuerliche Schatzjagd. Der Steuermann Edo allerdings verfolgt bei der Suche seine ganz eigenen Pläne – und kommt Henrik damit mehr als einmal in die Quere …

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Seitenzahl: 295

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Der Schatz des Arabers

Zeitreise zu Störtebeker

Julie Bender

Mit Bildern vonClaudia Gabriele Meinicke

Inhalt

1. Opa Fridjofs Schatzkarte

2. Die Suche im Museum

3. Der unbekannte Pirat

4. Auf hoher See

5. Ratte trifft Wanze

6. Ein neuer Feind

7. Pech auf ganzer Linie

8. Vom Hering zum Hai

9. Die Mutprobe

10. Klar zum Entern!

11. Das Astrolabium

12. Ein Beweis weniger

13. Der Verdacht

14. Störtebekers Hauptquartier

15. Turm der Geschmeide

16. Das Geheimnis der Karte

17. Störtebeker in Sicht

18. Turm der tosenden Wasser

19. Das Duell gegen die Kralle

20. Der irre Nils

21. Nach dem Sturm

22. Der Verrat

23. Turm der Totenschädel

24. Dem Araber auf der Spur

25. Der Plan des Kopfgeldjägers

26. Die Felseninsel

27. Das Tor zum Sternenzelt

28. Im Höhlenlabyrinth

29. Am Ziel

30. Unter Wasser

31. Spannende Neuigkeiten

32. Die Jagd des Falken

33. Des Rätsels Lösung

34. Wieder zurück

35. Die Tauchfahrt

Anhang

Seefahrerwissen

Museen

Die Autorin

Die Illustratorin

Kapitel Eins

Opa Fridjofs Schatzkarte

Henrik öffnete die Tür. Das Erste, was er sah, war der Sessel mit den Schlangenlehnen, vor dem er als kleiner Junge immer Angst gehabt hatte. Beim Anblick der geschnitzten Reptilien, die sich in wildem Geknäuel um die Holzlehnen wanden, kroch dem Zwölfjährigen selbst jetzt noch eine Gänsehaut die Arme hinauf.

Auf dem Schlangen-Stuhl saß normalerweise Henriks Großvater. Obwohl das Ding recht unbequem war, hob Fridjof Janssen es als Erinnerung an die Zeit auf, als er Kapitän auf sämtlichen Weltmeeren gewesen war. »Sentimentaler Quatsch«, hatte Henriks Vater gesagt. Und gemeinsam mit Henriks Mutter seinen »Der-Alte-spinnt-doch-sowieso«-Blick aufgesetzt.

Woher die wohl so genau wissen wollen, dass Opa Fridjof nicht mehr alle Latten am Zaun hat, dachte Henrik. Wo sie doch pro Jahr allerhöchstens einen einzigen Besuch hinkriegen. Aber ihn hatten sie über die Sommerferien mal wieder zu ihm abgeschoben. Opa Fridjof hatte zwar am Telefon gesagt, er wolle ihn in ein Geheimnis einweihen – aber trotzdem wäre Henrik viel lieber mit seinen Eltern auf deren Expedition in die Türkei gefahren.

»Ich wünsche dir auch einen guten Morgen, mein Junge!«

Henrik war so in Gedanken versunken, dass er erschrocken zusammenfuhr. Auf der anderen Seite des Zimmers, das sich ganz oben in einem Hamburger Leuchtturm befand, sah er seinen Großvater an einem Tisch sitzen. Opa Fridjofs blassblaue Augen blitzten schalkhaft. Schnell erwiderte Henrik die Begrüßung und rutschte auf einen freien Stuhl. Auf der Tischplatte lag eine vergilbte Seekarte.

»Hast du dein letztes Geburtstagsgeschenk von mir dabei?«, fragte Opa Fridjof.

»Klar! Vielen Dank nochmal dafür. Das war eine Riesen­überraschung!« Behutsam nahm Henrik eine weiße Maus aus seinem Hemds­ärmel und setzte sie auf das Papier. Das Tier lief sofort zum Rand der Tischplatte und trippelte dort hin und her.

Opa Fridjof pflückte sich eine zweite Maus aus den Haaren und schüttelte ein paar angetrocknete Mäusekötel aus seiner hellgrauen Mähne. »Darf ich vorstellen? Störtebeker.«

»Klabautermann.« Henrik ließ den Mäuserich über seine Finger krabbeln. »Hab ihn so genannt, weil ich ihn von dir habe.«

»Sehr nett.« Opa Fridjof zog eine ausgefranste Augenbraue in die Höhe, grinste dann aber. »Wie geht’s deinen Eltern?«

»Blendend. Glaube ich jedenfalls.« Henrik senkte den Kopf. »Am Bahnhof haben sie nicht mal meine S-Bahn abgewartet. Sind gleich weiter zum Flughafen.«

»Die archäologische Expedition in der Türkei ist ihnen wohl sehr wichtig.«

»Alles ist ihnen wichtiger als ich.« Jetzt stiegen ihm schon wieder diese verdammten Tränen in die Augen.

»Typisch Wissenschaftler eben«, winkte Opa Fridjof ab. »Lass sie doch ruhig nach ihrem vorsintflutlichen Kram graben …«

»Aber dieses Mal hätten sie mich wirklich mitnehmen können!«

»Stimmt.« Opa Fridjof griff nach den Mäusen, die mit grö­ß­tem Vergnügen die Karte anknabberten. Er setzte sie in seine Kapitänsmütze, die umgedreht auf dem Tisch lag, und sah eine Weile zu, wie sie darin herumtollten. »Doch glaub mir, mein Junge, auf diesen Expeditionen sind deine Eltern viel zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt. Wahrscheinlich würden sie überhaupt nicht bemerken, dass du da bist.«

»Aber ich könnte ihnen beim Vermessen der Fundorte helfen und die Daten in den Laptop eingeben!« Henrik presste die Lippen aufeinander. Dabei glitt sein Blick zur Wand, an der unzählige Seekarten und ausgeblichene Fotografien von Schiffen in Sturm und Brandung die Tapete pflasterten. Heute prangte genau in ihrer Mitte ein helles Viereck.

»Warum hast du das alte Ding von der Wand genommen?« Henrik besah sich das Papier auf dem Tisch. Es war eine Karte der Nordsee, mit Küstenlinien und Inseln, die schon vor langer Zeit vom Meer verschluckt worden waren.

Es klopfte, und Opa Fridjofs Haushälterin Mirja trat ein. »Ihr Tee, Kapitän Janssen. Für dich habe ich Saft mitgebracht, Henrik.« Mirja zwinkerte ihm zu: »Und Kekse. Deinen Koffer habe ich ins Gästezimmer des Kapitänshauses gebracht.«

Das Haus stand zusammen mit dem Leuchtturm auf dem Grundstück von Henriks Großvater. Der Turm war nicht mehr in Betrieb und auch nicht besonders hoch. Doch von dem Zimmer aus, in dem sie sich befanden, konnte man durchs Fenster bis weit auf die Elbe hinausblicken.

Mirja nahm die Sachen vom Tablett und platzierte sie geschickt um die Karte herum. Dabei runzelte sie die Stirn wegen der Mäuse. Die waren nämlich wieder aus der Mütze gesprungen und wuselten erneut über den Tisch. Unauffällig legte Opa Fridjof seine Hand über ein bisschen frischen Mäusedreck. Als Mirja wieder draußen war, schnipste er ihn auf den Fußboden. Dann strich er die Karte glatt und sah Henrik an.

»Dieses Ding hier, mein Junge, verschafft dir Sommerferien, wie du sie noch nie erlebt hast!«

Zweifelnd blickte Henrik auf das Gewirr von Inseln, Linien und Symbolen, mit denen die Karte übersät war. Er fand nicht, dass sie besonders wertvoll aussah. Im Gegenteil, das Papier hatte Wasserflecken und war an einigen Stellen sogar eingerissen. Dort, wo es früher einmal gefaltet gewesen war, hatten sich unansehnliche braune Linien gebildet. Die rechte obere Ecke fehlte.

»Ernsthaft – in dieser Karte ist deine Zukunft versteckt.« Opa Fridjofs sonst so warme Stimme hörte sich plötzlich rau und bedeutungsvoll an.

Henrik beobachtete, wie die beiden Mäuse Großbritannien umrundeten.

»Deine Geschichten sind ja immer wahnsinnig spannend«, meinte er zaghaft. »Aber Mama und Papa behaupten, das sei alles nur Unsinn.«

»Unsinn?« Opa Fridjof setzte sich seine Kapitänsmütze auf und zog sie mit einem Ruck fest. »Was alte Knochen und halb verrottete Gerätschaften angeht, mögen deine Eltern Experten sein«, sagte er, »doch von dem, was früher auf dem Meer los war, haben sie keine Ahnung!«

»Genauso wenig wie von mir«, flüsterte Henrik.

»Von uns.« Opa Fridjof schlug seinen Teebecher gegen Henriks Glas, dass es spritzte. Dann klopfte er eindringlich auf das Papier. »Ich habe hier eine Aufgabe für dich, die dein ganzes Können erfordert.«

Henrik stupste Klabautermann ans Brustfell. Der Mäuserich hängte sich an seinen Finger und baumelte dort, bis er wieder auf den Tisch plumpste.

»Und das wäre?«

»Ein verloren gegangenes Schiff mit einem Schatz finden! Du erzählst doch immer davon, dass du so etwas machen möchtest.«

»Ja, schon, …« Henrik vermied es, Opa Fridjof anzusehen. Meinte der das jetzt ernst? »Da ist aber nirgendwo ein Kreuz«, murmelte er schließlich.

»Das wäre ja wohl auch ein bisschen zu einfach, oder?« Vergnügt schrubbelte sich Opa Fridjof über seine grauen Bartstoppeln. »Die Karte stammt aus dem 14. Jahrhundert. Seit die Kaufleute der Hanse anfingen, ihre Waren mit dickbauchigen Koggen über die Nordsee zu verschiffen, gab es dort auch Piraten.« Sein Zeigefinger fuhr im Zickzack über die Karte. »Im Jahr 1313 kehrte ein mit Schätzen beladenes Piratenschiff nicht mehr von seinem Beutezug zurück.« Er machte eine Pause. »Niemand kennt die genaue Stelle, an der es untergegangen ist.«

»Und wie soll man es dann finden?«

Opa Fridjof seufzte und setzte Klabautermann und Störte­beker in seine Mütze. »Nicht man. Du sollst es finden.«

Henrik verschluckte sich am Saft und musste husten.

»Und du wirst es finden, davon bin ich überzeugt. Du bist nun alt genug dafür. Ich weiß, dass du das Zeug dazu hast, und das nicht nur, weil du mein Enkel bist.«

Jetzt übertrieb Opa Fridjof aber wirklich! Fast gegen seinen Willen schielte Henrik auf die Karte. War es tatsächlich möglich, mit ihrer Hilfe einen Schatz zu finden?

»Warum hast du Papa nie davon erzählt?«

»Das habe ich! Er war nicht viel älter als du, aber er hat mir nicht geglaubt.« So traurig hatte Opa Fridjof noch nie geklungen.

»Was weißt du denn über das Piratenschiff?«, fragte Henrik. Vielleicht war an dem Ganzen ja doch etwas dran.

»Es ist während eines Sturms gesunken, als die Seeräuber vor der Steilküste einer unbekannten Insel ankerten, um frisches Wasser und Proviant aufzunehmen. Die Nordsee sah zur damaligen Zeit völlig anders aus als heute. Es gab viel mehr Inseln, die …«

»Und der Schatz?«, unterbrach Henrik.

»Der Schatz besteht aus mehreren Kisten, die mit Münzen, Edelsteinen und Schmuckstücken von unschätzbarem Wert gefüllt sind. Kostbare Armreifen, filigrane Broschen und allerfeinste Arbeiten aus Bernstein, mit Gold und Silber eingefasst. Und wer weiß, was noch alles. Der Fund würde die ganze Welt in Erstaunen versetzen!«

»Und wer hat die Schatzkarte gezeichnet?« Henrik wollte nun alles über die Sache wissen. Er spürte, wie sein Herz vor Aufregung schneller schlug.

»Auf dem Schiff waren nicht nur Piraten, sondern auch ein reicher arabischer Kaufmann, der mit den Ländern hier oben im Norden Handel trieb.« Gedankenverloren holte Opa Fridjof die Mäuse von seiner Mütze herunter und setzte sie mitten in die Nordsee. »Die Seeräuber hatten sein Schiff versenkt und ihn als Geisel genommen. Später wollten sie ihn gegen ein hohes Lösegeld wieder freilassen. So jedenfalls hat man es mir erzählt. Doch dazu kam es nicht mehr, vorher lief ihr Schiff auf die Klippen und ging unter. Der einzige Überlebende des Unglücks war der Araber. Er hat diese magische Karte entworfen und ein Entschlüsselungsgerät dazu gebaut. Damit wollte er den Schatz zu einem späteren Zeitpunkt wiederfinden.«

Mit weit aufgerissenen Augen hörte Henrik zu. Er konnte es jetzt nur schwer abwarten, den Rest der Geschichte zu hören. »Und weiter?«

»Vor 37 Jahren habe ich zusammen mit meinem besten Freund eine Zeitreise angetreten, um den Schatz zu suchen.« Opa Fridjof hielt den Blick fest auf Henrik gerichtet. »Ihm gehörten auch die Karte und das Gerät.«

»Eine Zeitreise …« Henrik bemerkte kaum, wie Klabautermann mit einem zarten Kratzen über seine Hand krabbelte.

»Ja, eine Zeitreise.« In Opa Fridjofs Augen leuchtete ein Funken Abenteuerlust. »Wir landeten an der deutschen Nordseeküste des Jahres 1362. Dort heuerten wir auf einer Kogge an, die uns zum Ausgangspunkt der Schatzsuche bringen sollte. Doch bereits nach zwei Tagen auf See ließ ein heftiger Sturm auch dieses Schiff kentern. Bevor die Wellen mich in die Tiefe reißen konnten, gelang es mir im letzten Moment, mich mithilfe der Karte und dieser kleinen Kugel hier zurück in die Gegenwart zu retten.« Er fischte ein Stück Bernstein in der Größe einer Murmel aus seiner Hosentasche und drehte es zwischen seinen Fingerspitzen. »Die Kugel hat die Farbe deiner Augen«, stellte er fest. Opa Fridjof hielt die Kugel gegen das Licht. Sie schimmerte geheimnisvoll.

Überrascht entdeckte Henrik in ihr einen Einschluss: einen winzigen Käfer, der vor Millionen von Jahren das Pech gehabt hatte, einem Tropfen Baumharz in die Quere zu kommen.

»Die Sturmflut, in die wir geraten waren, hat ganze Inseln weggespült«, erzählte Opa Fridjof weiter. »Mehr als hunderttausend Menschen sollen damals ums Leben gekommen sein. Mein Freund ist wahrscheinlich ebenfalls ertrunken«, fügte er leise und mit belegter Stimme hinzu.

Henrik ließ das alles eine Weile auf sich wirken. Ehrfurchtsvoll strich er mit seinen Fingerspitzen über die vielen Linien. Das Papier fühlte sich dick und knubbelig an. An den Stellen, wo es schon häufig angefasst worden war, glänzte es fettig. Die Karte übte eine beklemmende Faszination auf ihn aus. Die seltsamen Zeichen erschienen ihm wie bedrohliche Spinnentiere, die auf ihren verschnörkelten und verknoteten Beinen vom Rand her auf die Nordsee eindrangen. Das alte Papier roch eigenartig: muffig und irgendwie anregend zugleich.

Henrik erschauerte. »Wie funktioniert denn das Entschlüsselungsgerät?«, fragte er mit klopfendem Herzen.

»Wie ein Astrolabium. Du weißt doch noch, was ich dir über Astrolabien erzählt habe, oder?«

»Klar, das sind Scheiben aus Messing, mit denen man auf dem Meer nach den Sternen navigiert.«

Opa Fridjof nickte. »Arabische Seefahrer waren die Ersten, die sie benutzten«, sagte er. »Sie nannten diese Geräte auch Sternen-Nehmer.«

»Und was nützt uns ein Astrolabium bei unserer Schatzsuche?«

»Bei deiner Schatzsuche«, korrigierte Opa Fridjof erneut. »Natürlich habe ich versucht, zurückzukehren, weil ich wissen wollte, was aus meinem Freund geworden ist. Es hat nicht geklappt, vielleicht kann jeder Mensch die Zeitreise nur einmal machen.« Der Blick, mit dem Opa Fridjof auf die Karte starrte, war so verzweifelt, als ob er seinen Freund in genau diesem Augenblick in der Nordsee untergehen sah.

Seufzend fasste er sich wieder. »Unglücklicherweise habe ich das Astrolabium im Sturm verloren. Aber du brauchst dieses eine spezielle Gerät, um die Karte zu entschlüsseln. Du musst es unbedingt finden!«

»Wie soll ich das denn machen? Und wenn ich es habe, wo fange ich mit der Schatzsuche an? Los, erzähl weiter!« Erwartungsvoll sah Henrik seinen Großvater an.

Der jedoch stopfte sich Störtebeker unter die Mütze und lehnte sich mit einem Gähnen in seinem Stuhl zurück.

»Ich bin müde, mein Junge, das viele Reden hat mich angestrengt. Lass mich eine Weile ausruhen. Nachher erzähle ich dir den Rest, versprochen.«

Henrik wartete, bis Opa Fridjof es sich in einem Polstersessel bequem gemacht und die Augen geschlossen hatte. Dann nahm er leise die Schatzkarte vom Tisch, legte sie entlang der schmutzig-braunen Faltlinien zusammen und steckte sie in seine hintere Hosentasche. Klabautermann schlüpfte wieder zurück in seinen Hemdsärmel. Nun lag nur noch die Bernsteinkugel da. Bedächtig hob Henrik sie auf und umschloss sie mit der Hand. Sie fühlte sich warm an – und verheißungsvoll.

Es gab noch so viele Dinge, die er wissen musste: Wie trat man die Zeitreise an? Konnte man selbst bestimmen, wo und in welchem Jahr man landete? Und wer war dieser Freund, den Opa Fridjof in der Vergangenheit hatte zurücklassen müssen? Fragen über Fragen schwirrten in seinem Kopf herum. In ein oder zwei Stunden würde er alle Antworten kennen, dessen war sich Henrik sicher.

Doch darin sollte er sich gewaltig täuschen.

Kapitel Zwei

Die Suche im Museum

Drüben im Kapitänshaus packte Henrik seinen Koffer aus und dachte darüber nach, was er machen sollte, bis Opa Fridjof sich ausgeruht hatte. In einem Museum, das nur wenige Stationen mit dem Bus entfernt lag, könnte er die Schatzkarte vielleicht mit anderen Seekarten aus dem 14. Jahrhundert vergleichen. Henrik beschloss, dorthin zu fahren. Als er nach seinem Rucksack griff, fiel die Medaille heraus, die er auf der letzten Klassenreise beim Steilwandklettern gewonnen hatte. Er legte sie auf seinen Nachttisch und verließ das Haus.

Zwanzig Minuten später ging Henrik durch den Park, an dessen Rand das Museum lag. Auf seinem Weg kam er an einem Klettergerüst vorbei, das die Form eines Schiffes hatte. Da es ihn an eine Kogge erinnerte, kletterte er kurzentschlossen hinauf. Henrik stellte sich vor, es sei ein echtes Schiff auf hoher See:

Die bauchige Kogge lag schwerfällig in der See wie ein riesiger brauner Wal. Das Schiff kämpfte sich durch turmhohe Wellen, die pausenlos über die Reling schlugen. Auf dem schwankenden Gefährt schwappte das Wasser von einer Seite zur anderen. Ein halbes Dutzend Seeleute bemühte sich verzweifelt, es mit Schöpfeimern zurück ins Meer zu befördern, doch der kraftvolle Sog riss ihnen immer wieder die Füße vom Deck.

Im Bauch des Schiffs rang die andere Hälfte der Mannschaft damit, das Wasser, das ihnen unaufhörlich auf die Köpfe rann und mittlerweile aus allen Ritzen quoll, aus dem Schiffsrumpf zu pumpen. Das Gewicht des Wassers drückte die Kogge gefährlich tief auf die Seiten, so dass sie zu kentern drohte. Die Männer pumpten um ihr Leben, doch die aufgewühlte See fiel stets erneut über das Schiff her. Die Besatzung kämpfte einen aussichtslosen Kampf, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gab.

Kapitän und Schatzsucher Henrik Janssen hatte selbst das Ruder übernommen. Er war als Einziger an Bord stark und geschickt genug, die baumstammdicke Ruderpinne bei so schwerem Wetter zu führen. Unerschütterlich stand er unter dem Achterkastell. Das Schiff schwankte so sehr, dass der Kapitän abwechselnd den drohend schwarzen Himmel und die aufgepeitschte See sah. Doch der erfahrene Schiffer stand breitbeinig auf dem Deck und führte Kogge und Mannschaft mit sicherer Hand durch den Sturm.

»Hi, Henry, was treibst du denn da?« Eine plärrende Stimme riss Henrik unsanft aus seinen Träumen.

Ausgerechnet Mario! Henrik sah seinen ehemaligen Freund aufs Klettergerüst steigen. Er hatte das Format eines Kleiderschranks und besaß auch sonst dessen Eigenschaften: außen kantig, innen hohl. Und Leon natürlich! Der schmächtige Schleimer verschwand fast völlig hinter seinem bulligen Kumpel.

Mario, dessen Eltern ein Stück entfernt auf einem der Parkwege standen, baute sich vor Henrik auf. »Ich habe gehört, irgendwo in der Türkei hat ein Bauer eine zerfledderte Schriftrolle gefunden. Und deine Eltern glauben jetzt, dass es die Ladeliste der Arche Noah ist.« Er lachte abfällig.

Henrik pochte das Blut in den Ohren, aber vor Aufregung fiel ihm keine passende Antwort ein. Außerdem stimmte ja, was Mario sagte.

»Und dich haben sie mal wieder zu Hause gelassen«, spottete der weiter.

Henrik zuckte zusammen. Die Erinnerung daran, dass seine eigenen Eltern ihm nichts zutrauten, brannte wie ein glühendes Stück Kohle in seiner Brust.

»Stattdessen ist der berühmte Henrik Janssen auf den sieben Weltmeeren unterwegs!« Mario grinste höhnisch.

Henrik fühlte einen Stich, denn tatsächlich war es seit jeher sein größter Wunsch, nach verschollenen Wracks zu tauchen und ihre Schätze zu bergen. Allerdings hatte er sich bisher noch nie überwinden können, die Planken eines Schiffs zu betreten, nicht einmal, wenn es fest vertäut im Hafen lag. Mit Mario war er im letzten Schuljahr häufig zusammen gewesen. Bis er herausgefunden hatte, dass der Blödmann sich mit anderen Schulkameraden hinter seinem Rücken über ihn lustig machte, weil Henrik Angst vor Wasser hatte und nicht schwimmen konnte.

»Hast du eigentlich schon angefangen, nach versunkenen Schätzen zu tauchen?«, fragte Mario prompt.

Henrik spürte seine Wangen brennen. »Genau das werde ich tun, und zwar eher als du glaubst!«, brach es aus ihm hervor.

»Ja, logisch, mit modernster Unterwassertechnologie. Und Schwimmflügeln!«

»Na, Trockenmorchel«, krähte nun auch Leon. »Es ist bestimmt wahnsinnig aufregend, mit dem Spielzeugding hier durch den Park zu schippern, oder?« Schnell verkroch er sich wieder hinter Marios breitem Rücken.

Henrik wollte ihm etwas erwidern, doch sein Kopf fühlte sich völlig leer an. Hilflos schluckte er die Beleidigungen hinunter und ballte nur wütend die Fäuste.

Dann drehte sich Mario abrupt um und walzte dabei seinen Schatten Leon fast über den Haufen. Anscheinend hatte er die Lust daran verloren, noch weiter Ärger zu machen. Ohne Henrik länger zu beachten, packte er Leon und zog ihn mit sich fort.

Frustriert lehnte sich Henrik ans Gerüst. Ihn quälte der Gedanke, dass alle an der Schule wussten, was für ein Feigling er war. Dann griff er in seine Hosentasche. Die zusammengefaltete Schatzkarte darin fühlte sich dick und tröstlich an.

Henrik lief über die Rasenflächen des Parks zum Museum für Hamburgische Geschichte. Dort angekommen, löste er ein Ticket und stieg die breite gewundene Treppe hinauf. Ungeduldig suchte er mehrere Räume nach Seekarten ab, fand aber keine.

Woher weiß ich, ob meine Karte überhaupt etwas taugt, wenn ich keinen Vergleich dazu habe? Enttäuscht ließ Henrik die Schultern hängen.

»Hallo, kann ich dir helfen?« Ein junger Museumsmitarbeiter kam mit einem Karton in den Armen auf Henrik zu. »Ich heiße Philipp«, meinte er freundlich.

»Ich bin Henrik. Ich suche Karten der Nordsee aus dem 14. Jahrhundert.«

»Da wirst du lange suchen müssen.« Philipp ließ den Karton auf den Boden gleiten und fuhr sich durch sein kurzes schwarzes Haar. »Seekarten waren zu der Zeit höchst selten.« Er öffnete den Karton mit einem Taschenmesser und wühlte in der Holzwolle herum. Nach und nach holte er einzelne Gegenstände daraus hervor: einen silbernen Kerzenleuchter, reich verziertes Besteck, eine Schiffsglocke aus Messing und ein antik aussehendes Fernrohr.

Henrik machte große Augen. »Woher kommt das alles?«

»Aus einem Wrack, das im 17. Jahrhundert vor der englischen Küste gesunken ist. So etwas haben wir aber schon reichlich.« Philipp verzog das Gesicht. »Mich interessiert viel mehr, wie man auf den Schiffen des Mittelalters gelebt hat. Darüber weiß man bislang nämlich nur sehr wenig.«

»Im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven steht doch ein Kog­­genwrack«, sagte Henrik. »Da war ich mal mit meinem Großvater!«

»Klar, die Bremer Kogge habe ich mir auch schon angesehen.« Philipp hantierte weiter im Karton herum. »Das Schiff ist ziemlich gut erhalten und deshalb äußerst beeindruckend. Es sank auf einer Werft, als es fast fertig war. Aber die einzigen Sachen, die auf dem Wrack gefunden wurden, waren eine Handvoll Werkzeuge, ein leeres Fass und ein halb vergammelter Schuh.«

»Ja dann …« Henrik wollte sich schon verabschieden, da zog Philipp etwas aus dem Karton, das sein Herz einen Schlag aussetzen ließ. Der Gegenstand war in durchsichtige Noppenfolie verpackt, und Henrik konnte nicht hundertprozentig erkennen, ob es das war, was er vermutete, doch Form und Größe stimmten. »Und was ist das?«, fragte er aufgekratzt.

»Pack’s selber aus, aber sei vorsichtig.«

Fieberhaft zog Henrik die Klebestreifen ab und wickelte das Ding aus, bis es schwer und glänzend in seiner Hand lag.

»Das ist ein Astrolabium«, erklärte Philipp. »Man kann auch Sternen-Nehmer dazu sagen.«

Henrik klopfte das Herz plötzlich bis zum Hals.

»Es ist nicht besonders selten.« Philipp raschelte mit der Holzwolle. »Ich habe viele dieser Navi­­gationsinstrumente in ande­­ren Ausstellungen gesehen.«

»Gab’s die schon im Mittelalter?« Gespannt hielt Henrik den Atem an.

»Auf der Nordsee noch nicht …«

Henrik kam es so vor, als raschelte die Holzwolle nicht nur im Karton, sondern auch in seinen Ohren, so aufgeregt war er.

»… aber bei den Arabern waren sie zu der Zeit bereits in Gebrauch. Dort benutzte man übrigens auch schon Seekarten.«

Erleichtert stieß Henrik die Luft aus. Es passte alles zusam­men: der arabische Kaufmann, das Astrolabium und die Schatzkarte.

Während Philipp weiter den Karton auspackte, untersuchte Henrik das Gerät. Die Messingscheibe war dünn wie ein Fünfzig-Cent-Stück, aber doppelt so groß wie seine Handfläche. In ihrer Mitte war ein Zeiger befestigt, der von einer Seite bis zur anderen reichte. Auf jedem Ende des Zeigers saß ein quadratisches Metallstück mit jeweils einer Öffnung, so klein und rund wie mit einem Locher gestanzt.

Henrik drehte den Zeiger spielerisch mal links und mal rechts herum. Dann kniff er ein Auge zu und spähte mit dem anderen am Zeiger entlang durch die beiden kleinen Öffnungen.

»Durch die Löcher in den Visieren peilst du den Polarstern an«, erklärte Philipp. »Auf der Skala kannst du dann ablesen, wie weit nördlich auf der Erde du dich befindest.«

Henrik musterte das Gerät in seiner Hand, das mit einem Wirrwarr von Zahlen, Zeichen und unterschiedlich großen Kreisen übersät war. Er untersuchte den Sternen-Nehmer noch eine Weile und stellte den Zeiger auf die unterschiedlichen Symbole. Leider waren es völlig andere als die auf seiner Schatzkarte.

»Wenn du dich für das Mittelalter interessierst, empfehle ich dir unsere Ausstellung über die Hansezeit.« Philipp nahm das Astrolabium zurück. »Dort kannst du sogar in den nachgebauten Laderaum einer Kogge gehen! Außerdem erwartet dich dort schon jemand«, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Was? Waren Mario und Leon etwa auch hier? Philipp konnte doch gar nicht wissen, dass sie sich kannten! Henrik öffnete den Mund, um nachzufragen, aber der Museumsmitarbeiter hatte ihm bereits den Rücken zugekehrt und sortierte die ausgepackten Gegenstände in eine Vitrine. Daher murmelte er nur ein kurzes »Tschüss« und ging mit einer unguten Vorahnung in die angegebene Abteilung.

Kapitel Drei

Der unbekannte Pirat

Philipp hatte recht, der nachgebaute Bauch der Kogge war tatsächlich cool. Henrik blieb einen Augenblick davor stehen, denn im Inneren sah es dämmrig aus und ein wenig unheimlich. Er spähte vorsichtig hinein, doch von Mario und Leon war nichts zu sehen.

Als Henrik an einigen Holzfässern vorbei in den Koggenrumpf ging, erfasste ihn ein unheimliches Gefühl. Langsam drehte er sich nach links. Zwei düstere Augenhöhlen starrten ihn an. Erschrocken wich Henrik einen Schritt zurück. Das leere Augenpaar gehörte einem schmutzig braunen, aber glänzend polierten Totenschädel. Er stand in einem Glaskasten. Im Halbdunkel hatte Henrik den Eindruck, die hohlen Augen würden ihn beobachten. Aber das Gruseligste sah er erst, als er genauer hinschaute: Ein rostiger Eisennagel, so dick wie ein Besenstiel, durchbohrte den Totenkopf und spießte ihn auf einen Holzbalken. Der Teil, der aus dem Schädel herausregte, war so lang wie Henriks Unterarm.

»Wie ich sehe, habt ihr bereits Bekanntschaft geschlossen!«

Henrik schrak heftig zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass Philipp hinter ihn getreten war.

»Wer … oder was … ist das?«, fragte er heiser.

»Wer das ist, kann zu diesem Zeitpunkt niemand mit Bestimmtheit sagen.« Philipp kratzte sich am Hinterkopf. »Aber ich kann dir verraten, wo er herkommt. Bauarbeiter haben ihn im Hamburger Hafen ausgebuddelt. Und zwar genau an der Stelle, wo man zur Zeit des berühmten Piraten Störtebeker Dutzenden von Seeräubern den Kopf abgeschlagen hat.«

»Warum hat man ihn denn …?« Henrik brach ab. Tapfer bemühte er sich, seinen Schrecken zu verbergen, doch so ganz wollte es ihm nicht gelingen.

»Weshalb man ihn festgenagelt hat?« Philipp grinste. »Diese zweifelhafte Ehre wurde nach einer Hinrichtung sämtlichen Piraten zuteil. Man befestigte ihre abgeschlagenen Köpfe auf Holzpfählen und stellte sie in der Hafeneinfahrt auf. Alle Seeleute, die mit ihren Schiffen den Hamburger Hafen anliefen oder verließen, mussten sie zwangsläufig sehen. Und gerade das wollte der Hamburger Rat damit bezwecken. Die Männer sollten Angst vor dem bekommen, was ihnen blühen würde, falls sie selbst zu den Seeräubern überliefen.«

»Und was ist das Besondere an diesem Kopf?«

»Bevor er aufgenagelt wurde, hat man ein Loch aus seiner Schädeldecke herausgestanzt. Offenbar wollte man damit erreichen, dass er nicht auseinanderbrach.«

»Aber der war doch schon tot, da ist das doch egal.«

»Nicht, wenn die Gesichtszüge erhalten bleiben sollten. Die verrutschten nämlich ganz schön, wenn der Schädel kaputtging.« Philipp verzerrte das Gesicht zu einer schiefen Grimasse.

Henrik dämmerte es langsam: »Der Schädel hat einem wichtigen Mann gehört, oder?«

Philipp nickte und zeigte auf die Beschriftung an der Vitrine.

Störtebekerschädel, las Henrik. »Ist das etwa der Totenkopf des berühmten Piraten Klaus Störtebeker?« Bei diesem Gedanken prickelte ihm die Spannung bis unter die Kopfhaut.

»Möglich«, antwortete Philipp. »Der Schädel hat ungefähr 600 Jahre lang im Hafensand gelegen, also genau so lange, wie der Piratenanführer tot ist. Das haben Fachleute bereits herausgefunden. Es könnte Störtebeker sein. Aber es ist nicht bewiesen. Obwohl man anhand der Schädelstruktur sogar das Gesicht rekonstruiert hat.« Philipp zeigte auf einen lebensecht aussehenden Kopf neben dem Totenschädel. »Das Problem ist, dass heutzutage keiner mehr weiß, wie Störtebeker wirklich ausgesehen hat.«

Henrik betrachtete die Nachbildung, einen wild aussehenden blonden Burschen mit blasser Haut, schmalen Wangen und einer auffallend großen Nase. Auf dem breiten Kinn spross ein spärlicher Bart, die schulterlangen Haare hingen wirr vom Kopf herab. Sie waren strohig und verfilzt. Der Mund des Mannes war halb geöffnet und ließ am Oberkiefer eine beachtliche Schneidezahnlücke erkennen. Die blauen Augen, die man ihm verpasst hatte, sahen Henrik durchdringend an.

»Störtebeker soll doch auch blond gewesen sein und blaue Augen gehabt haben!«

»Das mag sogar stimmen.« Philipp nickte bedächtig. »Aber anhand des Schädels kann man es nicht nachvollziehen. Der hat ja weder Augen noch Haare.«

»Mhmm …« Henrik kaute auf seiner Unterlippe. »Kann man Augen- und Haarfarbe nicht mittels der Gene rauskriegen, die im Schädelknochen sind?«, fragte er.

»Das haben Wissenschaftler versucht, doch leider hat es nicht funktioniert«, erwiderte Philipp. »Aber selbst, falls es geklappt hätte, wäre das kein Beweis dafür, dass es sich um den Kopf Störtebekers handelt. Blond und blauäugig zu sein, ist hier in Norddeutschland nichts Besonderes. Ausnahmen bestätigen die Regel«, fügte er hinzu und fuhr sich lachend durch seinen schwarzen Schopf.

Nachdem sich Philipp verabschiedet hatte, sah Henrik noch eine Weile vom Piratengesicht auf den Totenschädel und wieder zurück. Handelte es sich bei diesem Mann wirklich um Störtebeker? Die Person des berüchtigten Piratenanführers war geheimnisumwittert und dieser Schädel äußerst rätselhaft.

Nachdenklich schnappte sich Henrik einen der ausliegenden Museumszettel mit dem nachgebildeten Gesicht darauf. Er faltete das Papier zusammen, steckte es in den Rucksack und ließ seinen Blick ein letztes Mal über den Totenkopf und den beeindruckenden Nagel schweifen. Dabei kroch ihm ein unbestimmtes Angstgefühl die Wirbelsäule hinauf.

Als Henrik den Raum verließ, sah er auf der Museumsuhr, dass es noch zu früh war, um zu Opa Fridjof zurückzukehren. Plötzlich hörte er Marios Stimme. War der Blödmann mit seinen Eltern und Leon also doch ins Museum gekommen!

Henrik stürzte zurück zur Kogge. Keinesfalls wollte er seinen beiden Klassenkameraden noch einmal begegnen! Panisch blickte er sich um. Bei einem der Holzfässer, die übereinandergestapelt im hinteren Bereich des Laderaums lagen, klaffte der Deckel ein Stück auf. Henrik nahm ihn vollständig ab, kroch schnell in die Tonne und verschloss sie wieder. Ein paar Minuten lang saß er reglos da und horchte darauf, ob Mario und Leon kamen. Aber es blieb still.

Seufzend umfasste Henrik seine Unterschenkel und legte den Kopf auf die Knie. Sein Versteck war geräumig genug, dass er mit locker angezogenen Beinen darin sitzen konnte. Es war dunkel, nur durch ein Astloch in der Größe einer Haselnuss sickerte etwas Licht herein. Er spürte, wie sich Klabautermann in seiner Hemdtasche zum Schlafen zusammenrollte.

Henriks Augen hatten sich mittlerweile an das Dämmerlicht gewöhnt, er holte seine Schatzkarte hervor und betrachtete sie. Ihm fiel auf, dass die Küsten der Nordsee, die auf dieser Zeichnung Westsee hieß, zu Lebzeiten Störtebekers noch ganz anders ausgesehen hatten als heute. Die ausgefransten, un­übersichtlichen Küstenabschnitte, das Gewirr von versteckten Buchten und die unzähligen, vor dem Festland liegenden Inseln waren mit Sicherheit damals für Piraten und Strandräuber gut geeignete Schlupfwinkel gewesen.

Nun untersuchte Henrik die fremdartigen Zeichen. Sie hatten eine unheimliche Wirkung auf ihn. Ihm war es, als ob sie anfingen, sich langsam um den Rand der Karte zu bewegen wie Sternbilder über das nächtliche Himmelszelt. Konnte das sein? Henrik spürte einen starken Sog, so, als ob er sich durch die Linien zwängen und in das Wasser der Westsee eintauchen wollte. Heftig schüttelte er den Kopf, um dieses seltsame Gefühl wieder loszuwerden.

Die Sache ist sowieso sinnlos, dachte er verzweifelt. Ich habe panische Angst vor einer Fahrt auf dem Wasser. Wie soll ich es da jemals schaffen, nach einem Wrack zu suchen, das irgendwo unter Wasser liegt? Dann jedoch dachte er daran, was Opa Fridjof gesagt hatte: Der Fund würde die ganze Welt in Erstaunen versetzen! Henrik holte die Bernsteinkugel hervor und umschloss sie fest mit der Hand. Es fühlte sich gut und richtig an.

Henrik atmete tief durch und gab sich einen Ruck. »Ich werde den Schatz finden!«, sagte er zu sich selbst. »Außerdem löse ich das Rätsel um den Störtebekerschädel und beweise, dass es tatsächlich der Kopf des berühmten Piraten ist!«

Eine neue Aufregung durchströmte ihn. Henrik nahm die Schatzkarte zwischen beide Hände und ließ die Bernsteinkugel über die unregelmäßige Oberfläche kullern. Nach einigem Hin und Her rollte sie in eine flache Mulde, die sich in der Mitte des Papiers befand.

Merkwürdig, dachte er, die passt da rein, als ob sie genau dort hingehört.

Kapitel Vier

Auf hoher See

Es stank erbärmlich! Nach altem Fisch. Und nach etwas, das Henrik nicht kannte. Allmählich kam er zu sich, er musste eingeschlafen sein. Seine Arme und Beine taten ihm so weh, dass er sich kaum bewegen konnte. Seine Kleider waren klamm und er fror. Er saß immer noch im Fass, aber irgendetwas stimmte nicht. Henrik hatte das Gefühl, dass sich das Fass bewegte. Die Schatzkarte war ihm von den Knien gerutscht, er faltete sie zusammen und steckte sie in die Hosentasche. Die Bernsteinkugel legte er auf den Fassboden. Tatsächlich rollte sie sachte hin und her.

Henrik fing den Bernstein wieder ein und lugte durch das Astloch. Komischerweise standen und lagen jetzt viel mehr Fässer im nachgebauten Laderaum der Kogge. An den Wänden erkannte er hölzerne Schlafpritschen mit körpergroßen Fellsäcken. Henrik riss erstaunt die Augen auf, schlagartig war er hellwach.

Nun hörte er auch Geräusche: Es knarrte und knarzte, dass es ihm durch Mark und Bein fuhr. So etwas hatte er im Museum nicht gehört. Außerdem bemerkte er ein regelmäßiges Schlagen, so, als ob ein Schiff durch hohe Wellen stampfte.

Die Erkenntnis traf Henrik so hart, als wäre ihm ein Fassdeckel gegen den Kopf gedonnert: Er befand sich mit einer richtigen Kogge auf hoher See! Ihm wurde schwindelig vor Angst. Oder kam das von diesem ständigen Schwanken? Er versuchte, sich auf das Astloch zu konzentrieren. Und dazu noch dieser grässliche Gestank!

»Ich muss an die frische Luft!« Er stemmte sich hoch.

»Dann komm doch raus!«, antwortete das Loch.

Henrik zuckte zusammen. Er spürte, wie Klabautermann in der Brusttasche hin und her zappelte. Verstört heftete er seinen Blick auf die kleine Öffnung.

»Ich spreche mit einem Loch in einem Fass!«, sagte er fassungslos. »Bin ich irre?«

»Das wirst du bestimmt, wenn du noch länger in dieser stinkenden Tonne hocken bleibst. Komm raus und erzähl mir, warum du dich da drin verkrochen hast!«

Der Fassdeckel wurde abgenommen, und ein Junge mit tintenblauen Augen und einem Gesicht, das über und über mit Sommersprossen bedeckt war, sah zu Henrik hinein. Seine kurzen strohblonden Haare standen ihm vom Kopf ab wie die weichen Borsten einer Kleiderbürste, nur ungleichmäßiger. Er war etwa so alt wie Henrik. Der starrte ihn an.

Der Junge trat einen Schritt zurück und legte den schweren Deckel ab. »Warum hast du alle Pelze aus dem Fass geräumt, bevor du reingeklettert bist? Hast du nicht gefroren?« Er deutete auf einen Haufen kostbarer Felle, die achtlos hingeworfen neben der Tonne lagen.

Henrik beugte sich vor und blickte verständnislos auf die Pelze. Sein Mund klappte auf, aber er war unfähig, einen Ton hervorzubringen.

»Kannst du nicht sprechen? Ich heiße Simon und bin Schiffsjunge an Bord.«

»Henrik Janssen«, krächzte Henrik. »Kannst du mir sagen, wo ich bin?«

»Klar kann ich das«, lachte Simon. »Du bist auf der Nordstern, einem Schiff der Likedeeler. Das bedeutet Gleichteiler-Piraten«, fügte er stolz hinzu. »Wir gehören zur Flotte des stärksten und mutigsten Mannes, den ich kenne. Sein Name ist Störtebeker!«

»Störtebeker? Etwa der Störtebeker?«

»Dachte ich’s mir doch, dass du von ihm gehört hast!«

Die Gedanken schossen in Henriks Kopf hin und her wie ein Schwarm wild gewordener Heringe. Befand er sich tatsächlich auf einem Piratenschiff des Mittelalters, noch dazu unter dem Kommando Störtebekers? Hatte er die Zeitreise aus Versehen schon angetreten und würde dem berühmten Piraten gleich gegenüberstehen? Die Heringe in seinem Kopf begannen, Pirouetten zu drehen. Mit weichen Knien sank er in die Tonne zurück.

Simons sommersprossiges Gesicht neigte sich erneut zu ihm hinein.

»Du genießt es wohl da drinnen, was? Ist dir das nicht zu glitschig? Sieht aus, als ob vor den Fellen gesalzene Fische in den Fässern waren.« Simon zog die Nase kraus. »Und das sieht man nicht nur, man riecht es auch. Die Pfeffersäcke, die später diese Pelze als Mäntel tragen, werden stinken, als seien sie gewöhnliche Fischweiber!« Er grinste.

»Pfeffersäcke«, wiederholte Henrik, noch immer ungläubig.

Simon schürzte verächtlich die Lippen. »Diese reichen Hansekaufleute stinken normalerweise eher nach Geld als nach Fisch«, sagte er.

Henrik sah an sich hinunter. An seinen Klamotten klebten glänzende Fischschuppen und weißes Salz. Ich muss endlich aus dieser Tonne raus!, dachte er.

Nachdem er aus dem Fass geklettert war, blickte Henrik Simon neugierig an: Schließlich war dies seine erste Begegnung mit einem 600 Jahre alten Gleichaltrigen.

Simon musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und sagte: »Dein Hemd zuckt!«

Henrik öffnete den Klettverschluss der Brusttasche und fischte seinen Mäuserich heraus. »Das ist Klabautermann.«

Er gab die Maus für einen Moment an Simon, während er selbst im Rucksack nach Futter suchte. Der Schiffsjunge strich dem Tierchen vorsichtig über den zarten Rücken.