Der Schlüsseldieb - Andreas Burkhardt - E-Book

Der Schlüsseldieb E-Book

Andreas Burkhardt

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Beschreibung

Während Leona Sturm um ihre Aufnahme in die Landesauswahl kämpft, wird Tinas wertvollstes Geburtstagsgeschenk gestohlen: ein signierter Fußball aus Portugal. Ohne ihre Freunde wäre die Suche aussichtslos, und Tina darf keinesfalls scheitern. Bliebe der Ball verschwunden, wäre nicht nur ein wertvolles Andenken verloren, sondern womöglich der Schlüssel zur größten Reise ihres Lebens.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Andreas Burkhardt

Der Schlüsseldieb

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Völlig verträumt

Reichlich beschenkt

Opas Erinnerung

Bettunruhe

Die tote Fliege

Duell auf der Wiese

Ungebetener Besuch

Die Erinnerung ist weg

Papa forscht nach

Zwischen Wien und Kilmarnock

Die Polizei legt los

Leo brennt

Das Daumenkino

Ein Hoffnungsschimmer

Vergessen ist leichter

Selbstverteidiger

Heimliche Fahndung

Rest zwei

Eine Einladung für mich

Sommercamp

Pongoland

Ein alter Bekannter

Fenstersturz

Auf dem Weg zu Alfred Speck

Das Gesichterzimmer

Sehnsüchtiger Papa

Der Schlüssel

In die Katakomben

Ein Gang voller Türen

Angreifer

Die andere Seite

Tina hin

Hooria

Tina zurück

Geheimes Nachwort

Leseprobe: Die Flüsterbank

Impressum neobooks

Völlig verträumt

Hagel und Sturm! Was war das für ein Spiel! Dauerregen prasselte auf meine Haare, von meiner Torwartkluft tropfte der Matsch. Alle Gegner und Freunde verschwammen vor meinen Augen.

„Pfeif endlich ab, Mann!“, rief ich zum Schiedsrichter. Doch ich hätte auf das Spiel achten sollen. Wie eine Faust schoss der Ball auf mich zu und traf genau mein Kinn. Die Pfütze vor meinem Tor wäre was für Wildschweine, dachte ich noch, da lag ich schon drin. Kalt und nass, viel zu echt für einen Traum!

Als ich mir die Pampe aus den Augen gewischt hatte, fandich eine Wand aus Beinen vor mir. Braunfleckige Schienbeinschützer und triefende Fußballschuhe. Die Spieler vom FC Mosern starrten mich wütend an.

„Was macht ihr hier?“, fragte ich. „Mit euch spiele ich nicht mehr! Ihr seid längst aufgestiegen.“

„Gib den Ball her!“, grunzte ihr fetter Kapitän. Doch ich konnte die Kugel nirgendwo entdecken. Als ich ratlos die Schultern hob, zog er mich mit einem Ruck an seine Brust.

„Gib ihn zurück, du Zwerg!“ Er schüttelte mich so heftig, als könnte die Pille einfach aus mir heraus fallen. Aber ich hatte doch gar nichts getan! Seine Augen fingen vor Wut an zu glühen, riesige Hauer wuchsen ihm aus dem Mund. Und seine Nase erst! Ich versuchte verzweifelt, mich loszureißen, doch er hielt mich gepackt, bis mir alle Kräfte schwanden. Weil auch seine Kumpane den Ball nicht entdeckten, warf er mich schließlich weg wie eine alte Cola-Dose. Regenrauschen war das letzte, was ich hörte. Alles wurde schwarz.

Beim Aufwachen hörte es sich fast genauso an. Draußen goss es in Strömen. Wetter zum Ausschlafen eigentlich, aber nicht heute! Es war der siebente Mai, mein elfter Geburtstag. Ich hätte losstürmen können, die Treppe hinunter, in die Stube, zu meinen Geschenken. Stattdessen lief ich zum Schreibtisch und schrieb meinen Traum auf einen Notizzettel. Vielleicht konnte ich ihn später einmal in einer Geschichte verwenden.

Gleich würden die anderen zu mir kommen. Sah ich auch nicht zu verschlafen aus? Doch! Mein kleiner Handspiegel log nicht: Schlafsand in den Augen und meine Haare drehten sich wie rote Korkenzieher überall hin. Bloß zurück ins Bett!

Unten in der Küche rumorte es. Bis in mein Zimmer hörte ich, wie meine Schwester Leo den Tisch deckte: es klimperte und klirrte. Hatte sie etwa keine Lust? Egal! Geburtstage liefen immer gleich ab, und heute war ich die Glückliche.

Beim Zudecken segelte ein Zeitungsausschnitt von meinem Nachttisch, mit der Ligatabelle vom letzten Wochenende. Den wollte ich noch einrahmen, schließlich standen wir zum ersten Mal auf Platz eins. Alemannia Kückritz – wer hätte das gedacht, nachdem wir vor einem Jahr fast hingeworfen hätten! Mit Leos Vollstreckerkünsten und mir als Torfrau hatten die Gegner nichts mehr zu lachen. Ich war richtig stolz darauf und unsere Eltern noch mehr. Sie fuhren uns ohne Murren zu jedem Fußballspiel.

Eigentlich durften sie mich jetzt begrüßen kommen. Nun macht schon, dachte ich. Endlich tapsten sie die Treppe hoch: Leo das Grünauge, Mama Klara mit ihren langen Locken und Alex, mein segelohriger Papa. Ich hörte sie tuscheln. Erst vor meinem Zimmer wurden sie still. Ich zog die Bettdecke über die Nase und stellte mich schlafend. Die Türklinke knackte leise, alle huschten hinein, um mit einem Mal zu rufen: „Happy Birthday! Guten Morgen, Tina! Alles Gute zum Geburtstag!“ Sofort saß ich im Bett, doch sie drückten mich zurück in die Federn. Oh, Familienkuscheln, das war schön!

„Meine Sommersprosse, du wirst immer größer!“, lachte Mama.

„Selber Sprosse!“, umarmte ich sie fest. Gleichzeitig platzte ich vor Neugierde. „Wo sind die Geschenke?“ Ich befreite mich und lief nach unten. Mmmh, wie die Brötchen dufteten! Und frische Erdbeeren auf dem Tisch! Ganz schnell war eine stibitzt und ich stürmte weiter.

War es dabei? Es musste dabei sein! Oh ja, dort stand es: mein nagelneues Mountainbike mit knallroter Schleife!

„Du holst dir eine Beule, wenn du es weiter so umarmst“, grinste Papa von der Stubentür aus. Hinter ihm drängte sich Leo durch.

„Und hüpf‘ mal zum Frühstückstisch!“, rief sie.

„Ich habe Hunger!“ So wie sie mich anschaute, musste ich an einen Puma denken. Seit Leo für ihren Traum trainiert, verändert sie sich: Sie wirkt so stark, so entschlossen.

Ich schaute auf das Bild, das sie mir zum Geburtstag gezeichnet hatte. Fußballerblut stand unten in der Ecke. Auf dem Blatt zischten Blutkörperchen in Fankleidung auf ein herzförmiges Stadion zu. Ich habe es noch am selben Wochenende eingerahmt, denn Leo zeichnet hammermäßig!

Dafür kann sie schlecht auf’s Essen warten. Sie schob mich in die Küche, wo sich Mama gerade einen Milchzopf griff. Beim Aufschneiden lächelte sie verschmitzt. Papa goss ihr einen Kaffee ein und grinste ebenfalls. Leo kaute bloß und wollte mir nicht in die Augen sehen. War da noch was?

„Was versteckt ihr noch, Mama? Fußballschuhe? Einen Schwimmbadgutschein?“

Sie schüttelte den Kopf. „Da kommst du nicht drauf. Wir bekommen Besuch.“

„Wen? Lara und Mara? Meine Freunde habe ich längst eingeladen.“

Mama strich sich eine Locke hinters Ohr.

„Die meine ich nicht. Oma Anni und Opa Helmhold haben sich angemeldet. Extra für dich!“

„Echt?“ Das war schwer zu glauben. Meine Urgroßeltern aus Leipzig fahren nur noch selten weg. Aber da Mama sich so freute, musste es wohl stimmen. Ich sage zu Anni und Helmhold nur Oma und Opa. Für das „Ur“ bin ich zu faul. Opa Helmhold hat früher bei einem Fußballclub gearbeitet und Oma singt immer noch in einem Chor. Die beiden sind fast immer gut drauf, außer wenn Opa beim Kartenspielen schummelt. Oma erwischt ihn meistens, dann spielen sie Zanken.

„Fünf nach zwölf kommt der Zug an“, sagte Mama. „Bis dahin ist noch viel zu tun!“

Das bedeutete wohl Spülmaschinendienst für mich, denn Leo hilft lieber beim Kochen.

Papa ritt nach dem Frühstück auf dem Staubsauger durchs Haus, die Betten wollten bezogen und alle Zimmer aufgeräumt und geputzt werden. Als ich den Lappen endlich Leo überlassen konnte, blieb noch etwas Zeit für mich. Sollte ich weiter an meiner neuen Geschichte schreiben? Wie ein Schmetterling flatterte eine Idee in meinem Kopf: Auf der Wiese neben dem Einhornwald schauten die Tiere der Gegend einem Spiel zu, das die Wiesentrolle den Menschen abgeschaut hatten. Die Wiesentrolle wiederum hatten den Sumpftrollen eingeredet, dieses Fußballspielen unbedingt mal zu probieren. Das war nicht schwer, denn Sumpftrolle finden alles toll, was schmutzig macht. Und so spielten die beiden Troll-Mannschaften nun gegeneinander. Die edlen Einhörner fanden das nicht so lustig. Ein großes Einhorn warnte die kleinen sogar.

„Dieses Spiel ist nichts für euch! Ihr werdet euch die Beine brechen!“ Trotzdem trafen sich die Einhörnchen heimlich im Schutz der Tannen, um wenigstens zuzuschauen. Dem großen Einhorn blieb das nicht verborgen. Es war jedoch so weise, die Kinder nicht auszuschimpfen. Stattdessen beobachtete es das Spiel aus einem anderen Versteck. Als ausgerechnet dort der Ball hin flog – dem Einhorn genau auf den Kopf – da war das Durcheinander perfekt. Ach, Schreiben macht mir solchen Spaß!

Als eine Seite voll war, nahm ich schnell ein neues Blatt und schrieb weiter. Da flog meine Zimmertür auf.

„Wenn du nicht endlich runter kommst, kannst du deine Party allein feiern!“, rief Mama aufgebracht. Was war denn los?

„Ich schreibe doch nur an meiner Geschichte!“, sagte ich verwirrt.

„Aber nicht, wenn ich dich schon dreimal gerufen habe!“

Wie bitte? Ein Blick auf die Uhr verriet mir, warum sie so sauer war. Wenn der Zug aus Leipzig keine Verspätung hatte, standen meine Urgroßeltern schon auf dem Bahnhof. Ich hätte mich gern entschuldigt, aber Mama nahm mir das Papier aus der Hand.

„Du und deine Märchen!“, sagte sie nach kurzem Überfliegen. „Das Leben spielt sich hier ab, Tina, nicht in irgendwelchen Phantasiewelten! Jetzt komm endlich!“

Ich trottete ihr nach, erschrocken und enttäuscht. Meinte sie das ernst? Ich habe schon drei Fußballbücher geschrieben – alles aus dem echten Leben. Da war sie doch auch immer stolz, oder nicht? Auf meine Urgroßeltern konnte ich mich plötzlich kaum noch freuen.

Reichlich beschenkt

Zum Glück kam der Zug viel zu spät. Mama entspannte sich am Bahnsteig, denn wir hatten es nicht vermasselt. Auch der Regen ließ endlich nach. Traurig war ich trotzdem.

„Entschuldige bitte“, sagte Mama irgendwann. „Du schreibst schön. Ich war nur wütend, weil...“

„Ist schon gut, Mama!“, seufzte ich. Ihre Hand strich mir durchs Haar und ich schluckte meinen Ärger herunter.

Ob der Zug heute noch ankam? Wir warteten fast allein hier. Eine alte Dame redete mit ihrem Dackel und um die Fahrplantafel schlich ein Mann mit hochgestelltem Jackenkragen. Ich schaute auf das Gleis unter mir. Dort wuchs ein Löwenzahn mit dicken Tropfen auf der Blüte. Viele Züge kamen hier nicht vorbei, aber jetzt war es soweit. An der Hauptstraße fing es an zu bimmeln, die Schranken schlossen sich. Na, also! Eine rote Lokomotive erschien in der Ferne und wurde schnell größer.

„Geh ein Stück zurück!“, bat Mama. Sie kann das Aufpassen nicht lassen. Dann fuhr der Zug schon ein. Nur drei Leute stiegen aus: Ein Herr mit Hut, der die alte Dame begrüßte, und meine Urgroßeltern. Der Mann am Fahrplan hatte wohl umsonst gewartet, denn mitfahren wollte er nicht.

„Oma! Opa! Da seid ihr ja!“ Ich umarmte sie fest. Omas Filzmantel roch süß nach Parfüm und Opas Bartstoppeln kratzen.

„Ist Leo auch da?“, schaute er sich um.

„Sie rechnet noch eine Physikaufgabe fertig“, erklärte Mama und führte uns zum Auto. Als wir zu Hause eintrafen, jonglierte Leo aber schon mit dem Fußball hinterm Haus. Opa schaute einfach zu, und sie ließ sich nicht ablenken. Über fünfzehn Mal tippte sie den Ball mit dem Kopf nach oben, erst danach fiel er runter.

„Bravo!“, klatschte Opa. „Hoffentlich hast du auch noch Zeit für etwas anderes als Fußball.“

„Nicht viel“, sagte Leo beim Händeschütteln. „Ich muss dir was zeigen, komm mit!“ Entschlossen schob sie Opa durch den Hintereingang ins Haus. Gut, dass Oma gerade in den Flur trat. Sonst hätte Leo glatt vergessen, ihr Hallo zu sagen.

„Ich hab‘ vom Landesverband eine Einladung bekommen. Schaut mal! Ich bin für die Auswahl nominiert!“

„Oh!“, staunte Opa. „Wolltest du nicht aufhören mit Spielen?“

Leo schaute ihn entrüstet an.

„Das ist doch ewig her! Ich will auf die Sportschule gehen! Wenn ich es schaffe, schneide ich mir die Haare kurz.“

„Bitte nicht!“, rief Mama von der Tür. Opa klopfte Leo auf die Schulter und lächelte nur. Ein paar Minuten später stürzten wir uns wie gierige Raupen auf den Nudeltopf. Selbst Oma und Opa verdrückten eine Menge und brauchten dann dringend ein Nickerchen. Wir anderen bereiteten das Haus für die Party vor. Die Sonne trocknete noch schnell die Terrasse, wie praktisch! Jetzt durften meine Freunde kommen.

Duncan klingelte als erster, mit einem dicken Strauß Blumen in der Hand. Er wohnt gleich gegenüber, was ein Glück für ihn ist. Mit seinem Teddy-Gang ist er kein guter Läufer. Aber Duncan ist das egal, denn beim Filmen stören große Füße nicht. Wie immer hatte er seine Videokamera dabei. Damit nahm er gleich Mattu auf, der ausnahmsweise ohne Computer erschien, dafür mit seiner Schwester Mara. Sie radelten gemeinsam auf unseren Hof.

„Mein Gott, Mattu!“, sagte Mama an der Tür. „Deine Mähne wird ja immer länger!“

„Ach, das scheint nur so. Gucken Sie sich mal Rapunzel an!“ Er zeigte auf Mara, die stolz den Kopf hob.

Mein Fußballkumpel Klem kam allein vorbei. Ich hörte ihn schon von weitem, weil er sich selbst etwas erzählte. Drinnen schwatzte er einfach weiter, irgendjemand würde schon zuhören. Lara zum Beispiel. Sie kann das am besten und tratscht auch nichts weiter. Sie würde mir bestimmt ein Gedicht zum Geburtstag schenken.

„Auspacken!“, riefen die Jungs, als alle beisammen waren.

„Erst den Kuchen essen!“, rief Mama noch lauter, als ich eigentlich mein Fahrrad vorführen wollte. Na schön! Ich trug die frischen Muffins zur Terrasse, wo mein roter Renner glänzte. Die anderen Sachen wollte ich eigentlich später auswickeln, auch die glänzende Kugel von Oma und Opa. Meine Gäste drängelten jedoch, also musste ich wohl. Mit Maras bunter Schachtel fing ich an: ein großes Pferde-Puzzle. Ich musste an meine Einhorn-Geschichte denken. Dann kam Lara dran. Sie hatte wirklich etwas aufgeschrieben. Ich durfte es nur niemandem zeigen, damit keiner lachte. Mattu und Klem kicherten trotzdem. Sie hatten sich abgesprochen und schenkten mir jeder eine Drei-???-Geschichte. Als ich schon anfing, mich zu bedanken, zog Duncan noch eine kleine Schachtel aus der Hosentasche.

„Der Blumenstrauß ist von meinen Eltern“, sagte er. „Ich schenke dir ein Kino!“

„Gutscheine sind immer gut“, meinte Leo. Sie hoffte bestimmt, etwas abzustauben, aber aus der Schachtel zog ich etwas anderes. Duncan hatte mir ein Daumenkino gebastelt, mit selbst geknipsten Fotos. In seiner Medien-AG filmte er gerade Bohnen beim Wachsen. Für mich hatte er eine dicke Tulpe fotografiert und die Bilder zu einem kleinen Büchlein geheftet. Wenn ich die Blätter schnell durch die Finger gleiten ließ, schien die Knospe zu wachsen. Nach ein paar Sekunden platzte die gelbrote Blüte heraus. Ein tolles Geschenk!

„Ihr seid echt spitze, Leute! Dankeschön!“ Ich umarmte meine Freunde alle nacheinander. Auch die Jungs!

Die Glitzerkugel kam als letzte an die Reihe. Sicher wieder ein Fußball, dachte ich, davon bekomme ich alle Nasen lang neue. Ein großer Briefumschlag hing daran mit einem Fan-Schal vom 1.FC Lok Leipzig, tausend Küssen von Uroma und Uropa und einem Zehner für Süßigkeiten. Ich setzte mich zu ihnen aufs Sofa, damit sie beim Auspacken zusehen konnten.

„Lok-Fan bin ich eigentlich nicht“, sagte ich leise. Über Geburtstagsgeschenke meckert man nicht. Vielleicht würde ich in meinem Zimmer einen Platz finden. Als ich das Papier abgezogen hatte, dachte ich, Oma und Opa wollten mich reinlegen. Das Ding war steinalt, das Leder hart und brüchig. Spielen konnte man damit nicht mehr. Immerhin glänzte der Ball golden, aber das war nur Farbe, und die fiel auch schon ab. Irgendwo hatte ich den schon mal gesehen.

„Der ist doch aus deiner Vitrine, Opa!“

„Ja. Das stimmt, meine Kleine.“

Nenn mich nicht Kleine und schenk’ mir nicht so altes Zeug, dachte ich. Mit Sicherheit zog ich ein finsteres Gesicht. Opa lächelte hartnäckig und sagte: „Bei den vielen Fußballsachen, die du schon hast, lässt sich kaum noch etwas Besonderes finden. Wir haben uns für ein Andenken entschieden. Dass ist die schönste Erinnerung an meine Fußballzeit.“

„Deine schönste Erinnerung?“ Das klang spannend. Meine Freunde spitzten die Ohren. Ich sah mir den Ball genauer an. Jemand hatte ein Autogramm darauf gekritzelt, aber ich konnte es kaum lesen.

„Ich erkenne ein ’E’ und ein ’o’. Wer hat hier unterschrieben?“

In diesem Moment stürzte Papa in die Runde. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er weg gewesen war. „Alles auf zur Schnitzeljagd!“

Mattu und Klem sahen sich an. Ihre Mienen sagten mir alles: Papa verwechselte uns mit Kleinkindern! Dann sah ich das Navigationsgerät in seiner Hand. Alles klar! Er hatte nur das Wort verwechselt.

„Geocaching, super!“, sprang Leo auf. Da begriff es auch der Rest der Bande.

„Kommt ihr mit?“, fragte ich Oma und Opa, aber sie wollten lieber auf dem Sofa bleiben.

„Geht ihr mal auf eure Schnitzeljagd!“, sagte Oma. „Wir setzen uns ein bisschen in die Sonne.“

Alle anderen liefen aus dem Haus, um den ersten Hinweis zu suchen. In den Rosen am Hintereingang entdeckten wir ihn: Eine eingerissene Folie mit ein paar Sätzen. Leo griff in die Dornen, zuckte aber zurück.

„Musste das sein?“, knuffte Mama Papa in die Seite.

„Glaubst du, Geheimnisse werden einfach so gelüftet?“, fragte er.

Ich schnappte mir aus der Gartenhütte seine Lederhandschuhe, einen Augenblick später las ich vor: „Schwerer Raub auf dem Gelatineplaneten! Diebe auf der Flucht! Beute verschollen! Hohe Belohnung ausgesetzt!“ Darunter stand ein Koordinatensatz, der uns auf die Suche schickte. Wir verwandelten uns augenblicklich in Detektive.

Opas Erinnerung

Der Gelatineplanet hat seine geklauten Gummitiere nie wieder gesehen. Du kannst dir denken, wo sie gelandet sind.

In der Kiste, die wir beim Geocaching fanden, entdeckte ich noch ein Geschenk für mich: ein e-Book-Lesegerät mit lieben Grüßen von der Ilmenauer Verwandtschaft. Tolle Sache und eine tolle Party! Da war die Welt noch in Ordnung.

Als es am Abend ruhiger wurde, wollte ich mehr über Opas schönste Erinnerung erfahren. Ich machte es mir an seiner Seite gemütlich und hörte ihm zu. Leo stellte mir sogar ein Ginger Ale auf den Tisch.

„Wie du weißt, habe ich lange für den 1. FC Lok gearbeitet“, sagte Opa. „Mit Massagen habe ich die Spieler fit gehalten und sie behandelt, wenn sie sich im Spiel verletzten. Durch ganz Europa bin ich mit der Mannschaft gereist. Alle zwei Wochen ein Pokalspiel, da war richtig was los! Einmal sind wir sogar ins Finale gekommen. Der Ball hier stammt von einem unserer besten Spiele.“

„Meinst du Champions League oder Europa League?“, fragte ich ihn. Opa schüttelte den Kopf.

„Die gab es zu meiner Zeit noch nicht. Da wurde Europapokal gespielt und davor noch Messestädtepokal. Im Dezember 1966 hatten wir einen sehr berühmten Spieler zu Gast. Er hieß Eusebio und kam aus Portugal.“

„Aus Lissabon?“, fragte Leo. Opa nickte. Leo hat eben Ahnung.

„Fünfundsiebzigtausend Leute kamen damals ins Stadion“, sagte Opa. „Leider hat das Wetter an dem Abend nicht gehalten. Es stürmte und schneite, die Fußballer rutschten nur so über den Rasen. Das waren die Portugiesen natürlich nicht gewöhnt. Ihr Betreuer schaffte es in der Halbzeit kaum, alle wieder auf die Beine zu bekommen. Da bin ich mit in ihre Kabine gegangen, hab’ bandagiert und massiert. Sie haben sich sehr gefreut.“

Leo stutzte. „Du hast euren Gegnern geholfen? Wieso das denn?“

„Weil wir Sportsfreunde waren. Es ging nicht nur ums Gewinnen. Wir freuten uns so sehr über den Besuch, dass wir alles für sie getan hätten. Wir wollten gute Gastgeber sein.“

„Aha. Habt ihr sie auch gewinnen lassen?“

„Natürlich nicht! Wir haben sie 3:1 geschlagen. Ganz Europa hat über uns gestaunt.“

„Und wieso haben sie dir dann den Ball geschenkt?“, fragte ich.

„Als Dankeschön für meine Hilfe. So freundlich wie bei uns in Leipzig wurden sie nicht überall empfangen. Eusebio hat ihn mir vor dem Rückspiel gleich in die Hand gedrückt. Wer weiß, ob er es danach noch getan hätte.“

„Weil ihr sie aus dem Pokal geworfen habt?“

„Richtig.“

„Also waren sie gar nicht so stark?“

„Oh doch! Mit die beste Mannschaft in Europa.“

„Und ihr habt trotzdem gewonnen?“

Opa nickte stolz und ich drückte ihn.

„Deine Erinnerung gefällt mir“, wollte ich gerade sagen, als er plötzlich zusammenzuckte.

„Ist alles in Ordnung?“, stutzte ich. Oma warf einen besorgten Blick auf ihn.

„Mir geht’s gut“, sagte er. „Ich habe mich nur gerade an etwas erinnert – wie ein Blitz aus heiterem Himmel sozusagen. Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe!“

„Was ist dir denn eingefallen?“

„Eusebio… Also vielmehr der Moment, an dem er mir den Ball überreicht hat. Das war nicht gerade eine feierliche Übergabe, weißt du. Eher eine Heimlichtuerei, möchte ich meinen. Er passte mich in einem unbeobachteten Moment ab und sagte in gebrochenem Deutsch, der Ball wäre der Schlüssel für die größte Reise meines Lebens: „Dieser Ball… kennt keine Mauern. Glaube fest daran… du wirst sehen!“ Das hat er gesagt.“

„Komischer Spruch“, bemerkte Leo.

„Das finde ich auch“, sagte Opa. „Aber damals kam er mir gar nicht seltsam vor – mal abgesehen von der großen Reise. Schließlich war ich schon bis nach Asien geflogen, nicht nur nach Portugal. Jedenfalls blickte Eusebio mich verschwörerisch an. Ich glaubte, er sprach von der Mauer, die Ost- und Westeuropa voneinander trennte. Dort standen sich Völker als Feinde gegenüber. Nur wenn sie sich zu Sportwettkämpfen trafen, wurde die Grenze ein wenig überwunden. Wir Leipziger waren das beste Beispiel dafür. Trotzdem hatte ich das Gefühl, er meinte etwas völlig anderes. Leider konnte ich ihn nicht danach fragen, der Augenblick war kurz. Bloß ein Wort sagte er noch – nicht auf Deutsch. Ich komme nicht mehr drauf… Irgendwas mit Ufo glaube ich… Oder Fugo? Tut mir leid! Wer weiß, was in dem Ball noch drin steckt, Tina. Vielleicht findest du es selbst heraus.“

„Du könntest echt Geschichten schreiben!“, staunte ich Opa mit großen Augen an. „Vielleicht ist er eine Funkstation und kann wirklich Ufos anrufen. So eine Reise könnte lang werden.“

„Wirklich spannend“, nickte Leo anerkennend. Opa freute sich sehr.

„Vielleicht werdet ihr selbst bald so spannende Dinge erleben. Beim Fußball ist alles möglich.“

Wir lächelten uns vielsagend an, und jeder dachte sich seinen Teil. Sollte Leo es wirklich zur Fußballschule schaffen, konnte ich mir gut vorstellen, was sie erleben würde. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob Opa das gemeint hatte. Er hatte mir einen Ball geschenkt, eine Erinnerung und ein Geheimnis.

Was für eins, glaubst du?

Bettunruhe

Mama, Papa und meine Urgroßeltern spielten noch den ganzen Abend Rommé. Leo und ich durften zwar noch ein bisschen mitspielen, allerdings nur bis die letzte Brauseflasche leer war. Freilich nuckelten wir so lange wie möglich daran, trotzdem mussten wir irgendwann ins Bett. Ich nahm Opas Ball mit ins Zimmer und unter meine Decke. Wie viel Trubel machen fünfundsiebzigtausend Leute? Die Stadien in unserer Nähe sind längst nicht so groß. In Cottbus passen dreiundzwanzigtausend rein, in Dresden zweiunddreißigtausend. Ich müsste mal nach Dortmund fahren, überlegte ich. Würden die einen fetten Brausebauch wie mich überhaupt rein lassen? Oh Mann, wie es in mir gluckerte! Als ich einschlief, träumte ich sogar von Brause: Weil ich mit meinem Bauch auf keinen Sitz passte, musste ich im Stadion auf dem Spielfeld stehen. Schwarz und gelb gekleidete Männer trugen eine riesige Flasche in den Anstoßkreis. Ich wollte sie gar nicht haben, aber ich musste trinken, trinken, trinken...

Ich wachte auf und musste pinkeln. Dass im Bad noch Licht brannte, nahm ich nicht weiter ernst. Normal sind ja bloß Mama oder Papa drin, da spielt es keine Rolle. Also bin ich rein, dachte nicht an den Besuch. Und wie ich mich im Tran so auf die Schüssel hockte, keifte Oma auf einmal los.

„Geh raus! Ich mache meine Nachttoilette.“