Der Schrei - Peter Mussbach - E-Book

Der Schrei E-Book

Peter Mussbach

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Beschreibung

Schauplatz New York: Zwei Männer – Hacker der eine, Shootingstar der internationalen Klassikszene der andere – schlittern in eine labyrinthische Verschwörung hinein. Der Mann, der ihre Wege zufällig zusammenführt, ist tot. Und hat eine kryptische Botschaft hinterlassen, die beide auf eine Odyssee schickt – bis sie in einem mörderisch gut getarnten Netz zappeln, das Wissenschaftler und die NSA gesponnen haben. Um das Überleben der Menschheit zu sichern. Aber heiligt der Zweck alle Mittel? Maschinen, die Denkoperationen beherrschen – und Menschen, über deren Dasein diese Maschinen zunehmend gebieten, das ist der Zustand der sogenannten zivilisierten Welt im 21. Jahrhundert. DER SCHREI erzählt von der Hybris der Wissenschaft, die, unbeschadet aller Segnungen, auch eine neue Büchse der Pandora geöffnet hat – in Form eines Thrillers. Bis hin zur aktuellen Debatte um Neurotechnologie, Cyborg und Quantencomputer, der – im Vergleich zu herkömmlichen Maschinen – schier unvorstellbare Rechenkapazitäten besitzt, und außerdem absolute Sicherheit garantiert, weil er nicht zu hacken ist: Eine perfekte Waffe für die, die nach absoluter Macht streben. Das Buch greift damit brandheiße Themen der Gegenwart auf.

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Seitenzahl: 537

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Peter Mussbach

Der Schrei

Film zum Film

Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich.Thomas Bernhard

Der Schrei Film zum Film

www.peter-mussbach.de

© 2015 by Peter Mussbach

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung unter Verwendung des Fotos

“Brooklyn Bridge showing painters on suspenders”

© NYC Department of Records

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-3772-8

Konvertierung: www.e-book-erstellung.de

MERRY CHRISTMAS

1

Der Mond stand fahl über mächtigen, zerklüfteten Felsen, die sich – wie aus bleischweren Albträumen aufgeschreckt – drohend aufbäumten, wenn das Scheinwerferlicht über sie hinwegfegte. Frederik stieß ein böse gellendes Lachen aus und gab wie besinnungslos Gas. „Habt wohl Angst, ihr lichtscheues Gesindel“, schrie er über den Schnee dahinpreschend, bremste das Snowmobile aber sofort wieder ab, weil er glaubte, eine Antwort gehört zu haben.

Das Hochgebirgsplateau, auf dem er, den steilen, engkurvigen Pass hinauf, jetzt angekommen war, wirkte wie eine unwirkliche, durchsichtige Landschaft. Hier hätte Kubrick seine Mondlandungen fälschen sollen, nicht in seinen verdammten Filmstudios, dachte er, würgte den Motor ab und schaltete den Scheinwerfer aus. Angespannt blieb er auf seinem Stahlpferd hocken und lauschte – hatte er gerade nicht den Angriffsschrei des Indianers vernommen, so durchdringend, dass er das Wummern seiner brandneuen Maschine glatt übertönt hatte?

Verunsichert blickte er sich um und verlor sich im Anblick der Schnee- und Felsenlandschaft, über die der eisige Wind fegte und ihr ein riesiges Gesicht formte. Unwillkürlich kniff er die Augen zusammen und glaubte sich tatsächlich auf einer riesigen, leicht geneigten Totenmaske wiederzufinden, die ihn aus leeren Augenhöhlen anstarrte und im Vollmondlicht leuchtete als würde sie sich jeden Moment aufrichten und zu ihm sprechen.

Nervös fingerte er nach seinen Zigaretten und erstarrte, denn mit einem Mal hörte er seinen Verfolger wieder, jetzt deutlich, allerdings noch in der Ferne. Sein wildes Geschrei hallte im Echo der Bergmassive nach. Hektisch drückte er den Anlasserknopf, gab wieder Gas und schoss in engem Bogen die schmalen Serpentinen hinunter der Rothaut entgegen: Diesmal würde ihn der Indianer nicht überrumpeln, dachte er, heute würde er ihn stellen und endgültig vernichten, den Oberkörper in Angriffsstellung tief über die Maschine gebeugt und den Scheinwerferkegel als Laserschwert vor sich. Frederik grinste, er war gewappnet.

Ekstatisch raste er über die eisglatte Passstraße, die wie ein langgezogenes Spiegelbild unter ihm hinweg glitt – Frederik kopfunter. Dort, wo der Wind den Schnee verweht hatte, geriet seine Maschine gefährlich ins Schlingern und richtete sich für Augenblicke auf wie ein scheues Pferd. Dem gab er unerbittlich die Sporen und jagte durch die mondfahle Wüstenei.

Wieder dieser höllische Kopfschmerz! „Durchhalten“, jaulte er auf und spannte jeden Muskel an, den Kopf im Nacken, die scharf geschnittene Nase witternd in der Luft. Seine langen schwarzen Haare wirbelten im Nachtwind und seine Augen - stahlblau wie Lapislazuli – funkelten angriffslustig. Mit trotzig aufgeworfenen Lippen starrte er vor sich hin – seinetwegen konnte der Azteke jetzt kommen.

2

„Was ist mit dir? Du bist auf einmal ganz bleich um die Nase … du schwankst ja! Komm, setz dich, ich helf dir!“

„Es geht schon Marc, bitte …!“

Mit einer eher beiläufigen, aber unmissverständlichen Geste, die den abweisenden Tonfall unterstrich, entzog sich Mrs Miller ihrem Ehemann und trat, sich demonstrativ abwendend, zur Seite. Und Miller hielt wie auf Kommando inne, ließ die Arme zu Boden sinken und spielte einen Moment lang verlegen an der Applikatur seiner Frackhose.

„Das Fieber hat dir zugesetzt, Nathalie, ich wollte dir bloß helfen“, murmelte er und sah sie irritiert an.

„Ich hatte gerade das zweite Gesicht, mein Gott, Frederik ist etwas zugestoßen“, erwiderte sie wie um sich zu entschuldigen, strich sich durchs Haar und tupfte sich mit einem feinen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Das Taschentuch trug sie in letzter Zeit immer bei sich, zusammengeballt in der rechten Hand, das sollte helfen, ihre plötzlichen Hustenanfälle zu ersticken. Entsetzen blitzte aus ihren graugrünen Augen, ihre Hand zitterte.

„Du und dein zweites Gesicht!“

„Frederik ist etwas zugestoßen, oben in den Bergen!“, insistierte Nathalie. „Du musst sofort Hilfe holen!“

„Beruhige dich, du bist ja völlig überspannt!“

Miller platzte der Kragen, ganz aus dem Stand heraus und ohne irgendwelche Vorzeichen. Mit puterrotem Kopf, der im Kerzenlicht der ausladenden Wohnhalle wie eine No-Maske wirkte, versuchte er zwar noch an sich zu halten, presste seine Lippen aufeinander, als wolle er Trompete blasen, und wippte dabei hin und her, aber das alles half ihm nichts: „Ich halte das nicht mehr aus, Nathalie, es reicht, hörst du!“, brach es aus ihm heraus.

„Ich fleh dich an, Marc, so tu doch was!“

„Erinnerst du dich, vor zwei Jahren, da standen wir auch schon vor unserem Weihnachtsbaum und warteten auf Frederik, der in der Dunkelheit auf seinem Snowmobile unterwegs war und ewig nicht zurückkam? Und du warst in hellster Aufregung. Diese Idée fixe verfolgt dich schon seit Jahren, deine Ängste haben sich verselbstständigt, du bist wahnhaft, und das mittlerweile chronisch. Wenn es nach deinen schwarzen Gedanken ginge, wäre Frederik längst unter der Erde.“

„Hier in den Bergen gerät er zuweilen völlig außer sich und verliert die Kontrolle. Einmal hat er mich auf seinem Mobile mitgenommen, nie mehr wieder, das sag ich dir! Er ist völlig ausgerastet und panikartig von der fahrenden Maschine gesprungen. Gott sei Dank waren wir nicht so schnell, das Ding hat von allein angehalten, es ist in einer Schneewechte stecken geblieben. Mir ist nichts passiert, wie durch ein Wunder … Ich ruf da jetzt an, warte einen Augenblick!“

„Du machst uns lächerlich“, seufzte Miller, als Nathalie vom Telefonat zurückkam. Krachend warf er sich in einen Sessel aus lichtweißem Leder und Aluminiumgestell, das seinem Gewicht gerade noch standhielt, und goss sich kopfschüttelnd Scotch und dann Soda ein, wobei sich das Zischen der Kohlensäure wie zwergenhaftes Gekicher über ihn lustig zu machen schien, was ihn dazu veranlasste, mit der Faust unwirsch auf die Glasplatte zu schlagen. Nathalie nahm auf einem ihm direkt gegenüber stehenden Holzstuhl aus Mahagoni Platz und machte ein Gesicht, als sage sie Garde! Und Miller, der gerade seinen Whisky Soda ex getrunken hatte, ließ irritiert das Glas in der Luft stehen und starrte sie an.

„Weihnachten vor zwei Jahren, gleich nach Frederiks erstem großen Konzert, seinem Durchbruch zur Weltkarriere, hab ich Angst bekommen um ihn, Ikarus ist auch abgestürzt; weil er der Sonne zu nahe kam, hat er die Götter herausgefordert.“

„So lass doch die Götter sein! Frederik wollte nur sein neues Snowmobile ausprobieren und ist losgefahren, als du noch im Bad warst. Lass ihm diese Momente, ich bitte dich! Die letzten Monate waren wirklich nicht leicht für ihn …“

Miller stemmte sich unvermittelt aus dem Sessel und kam auf Nathalie zu. Er zögerte, blieb schließlich direkt vor ihr stehen und blinzelte unsicher. „Komm, lass dir einen Kuss geben“, sagte er endlich kaum hörbar. „Die Rettung ist unterwegs, du wirst sehen, bald steht dein Sohn gesund und glücklich vor dir“, Miller wippte auf den Zehen und schaute hilflos auf seine Frau, die ins Kaminfeuer starrte und fahrig ihre langen Haare durch Daumen und Zeigefinger gleiten ließ.

„Willst du nicht für mich singen?“, fragte er unvermittelt in die Stille. Mit wirbelnder Geste wies er zum Konzertflügel, der unweit des großen Kamins in einem Seitentrakt stand. Durch dessen Glasfront ragte das Matterhorn herein – mächtig im Mondlicht schwebend wie eine Kulisse, ausgeliehen von Cinecittà. „Ich begleite dich, wenn ich darf, einmal im Jahr kannst du mir doch die Freude machen …“

Miller, der immer noch vor seiner Frau stand und nicht wusste, wohin mit seinen Händen, beugte sich tief zu ihr hinunter, als sei dies der Ansatz zu einem Kniefall. Stattdessen aber fasste er unbeholfen nach ihrer Hand, half ihr beim Aufstehen und wollte sie zum Instrument ziehen.

„Lass mich …!“, Nathalie machte sich los, ging zum Fenster, schaute hinaus und versuchte ihre Fassung wiederzugewinnen.

Das Chalet der Millers lag hoch über Zermatt in den Schweizer Alpen – von einem offensichtlich anthroposophischen Architekten entworfen, der jeden rechten Winkel hasste und das Areal so fantastisch in die Felslandschaft eingepasst hatte, dass es von fern praktisch unsichtbar war, obwohl es hohe Mauern umfriedeten. Die aber verliefen nicht wie üblich orthogonal und horizontal, sondern imitierten die schroffen Konturen des Gesteins, vor dem sie aufgerichtet waren – bizarre Wellen und jähe Auf- und Abschwünge, aus jenem Granit, der sich vor Urzeiten hier aufgetürmt hatte.

Weihnachten feierten Millers immer in den Bergen, weitab vom Schuss, wie Miller zu sagen pflegte. Und Nathalie atmete jedes Mal auf, wenn sie aus dem Helikopter stieg; sie hasste den Winter in London, wo die Familie eigentlich lebte. Schon ihrer schwachen Lungen wegen kam sie so oft wie möglich hierher, besonders gerne im Sommer wenn sie sich wochenlang zurückziehen konnte und oft stundenlang unter dem stahlblauen Himmel saß. Dann übermannte sie zuweilen ein ozeanisches Gefühl, ihr Körper zerfloss und sie fühlte sich eins mit dem All.

Frederik war der Einzige, der sie bei ihren Ausflügen begleiten durfte. Er kam aber nur selten mit, denn er hasste es, in den Bergen herumzusitzen und nicht reden zu dürfen.

Miller stand eine Zeitlang wie bestellt und nicht abgeholt im Raum. Dann ging er zu ihr und zog sie zum Flügel. Nathalie, die äußerst widerwillig folgte, gelang es nicht, sich seinem Griff zu entziehen.

„Ich kann jetzt nicht, ich bringe keinen Ton heraus, nachher, wenn Frederik da ist, singe ich, versprochen.“

Miller ließ los und hockte sich schwer atmend auf den Klavierstuhl, wo er mit losen, etwas holprigen Akkordfolgen die Tastatur zu malträtieren begann.

„Das Ding ist verstimmt“, murmelte er, kräuselte seine gefärbten, getrimmten Augenbrauen und lauschte den schiefen Tönen nach. „Wenn ich auch nicht spielen kann“, rief er selbstverliebt, „so hör ich mit meinen siebenundsechzig immerhin noch wie ein Luchs!“

Mrs Miller stand ihrem Ehemann am Ende des Flügels gegenüber und blätterte gedankenverloren in Frederiks Klavier- und Geigennoten. Mit gesenktem Kopf äugte der zu ihr hinüber und improvisierte weiter so gut es ging – nur langsamer jetzt und wärmer im Ausdruck, als wolle er die kalten und dunklen Gedanken vertreiben. In ihrem überlangen cremefarbenen Seidenkleid, das sie ohne jeglichen Schmuck trug, wirkte sie noch anziehender und begehrenswerter als sonst. Mit fiebrigem Prickeln in den Händen ließ er sich zu einigen tollkühnen Arpeggien hinreißen, drückte dabei das linke Pedal, um die flirrenden Töne etwas zu dämpfen, und wagte nicht mehr aufzublicken, um nicht zu viele falsche Töne zu produzieren. Nathalie, die immer noch völlig abwesend in Frederiks Noten blätterte, achtete nicht auf seine Etüden.

Miller blickte plötzlich auf und verlor sich unwillkürlich im Anblick seiner Frau, wobei er in den Anfangstakten von Stille Nacht, Heilige Nacht stecken blieb und die Passage immer wieder wiederholte, mal in Dur mal in Moll. Mein Gott, dachte Miller, was gäbe ich dafür, sie wieder in die Arme nehmen zu dürfen, ihr durchs glänzende Haar zu fahren, mich in ihren Augen zu verlieren und ihren Mund zu küssen, der noch immer so verführerisch ist wie in jener glücklichen Nacht bei dem Sponsorenempfang in der MET, als ich das Glück hatte, sie kennenzulernen, Nathalie, eine gefeierte Opernsängerin und die Frau meiner Träume. Sie hatte sich ebenso prompt in ihn verliebt, erst einige Auftritte abgesagt, ihn dann Hals über Kopf geheiratet und einige Jahre später sogar ihre Karriere an den Nagel gehängt – in diesem Charakterzug der unbedingten Willensstärke erkannte er sich wieder.

Mittlerweile war Nathalie neben ihren Mann getreten, legte ihre Hand auf seine rechte Schulter und ließ ihre Fingerspitzen mit dem Polster spielen, das er in seinen Frack hatte einbauen lassen, um oben herum noch breiter zu erscheinen, als er ohnehin war.

„Bist du wieder mal traurig, wegen mir deine Karriere aufgegeben zu haben?“, murmelte er und hielt abrupt inne ohne aufzuschauen.

„Es war wegen Frederik, Marc, was redest du?“

„Du könntest doch einmal mit Frederik gemeinsam auftreten, du weißt, wie gern er dich begleitet. Jedes Mal, wenn ich euch beiden zuhöre, bin ich, wie soll ich sagen, irgendwie in einer anderen Welt!“ Miller war ins Träumen geraten, legte seine Hände in den Schoß, wendete sich ab und ließ seinen Blick so rasch über jede einzelne Elfenbeintaste der Klaviatur nach links gleiten, als spiele er einen rasanten chromatischen Lauf virtuos hinunter in die schwarzen Tiefen der Bassregion, wo ihm augenblicklich wieder Frederik in den Sinn kam.

„Nein, wirklich“, lachte Nathalie auf, „mit meinem Sohn sollte ich auftreten … wer will hier wen lancieren, würden die Leute denken. Und außerdem, ich will keinen Stress mehr! Ich konnte Stress noch nie ertragen.“

„Ihr musiziert so wunderbar zusammen, da denkt keiner an einen PR-Gag. Du wirst sehen, Frederik wird das für eine grandiose Idee halten.“

„Du und deine Sicht auf die Dinge! Ein Comeback, einfach so? Du glaubst doch nicht, dass ich mich auf den ganzen Firlefanz einlasse, den Frederik da um die Ohren hat. All die Fototermine, die Interviews, womöglich auch ein Werbeclip ... nein danke! Du kennst den Musikmarkt von heute nicht, der ist mittlerweile industriell ebenso durchorganisiert wie alles andere. Wenn du nur ein Auge für Frederik hättest, dann würdest du verstehen. Dieser Markt ist mörderisch, sage ich dir, wirklich menschenverachtend! Es ist schon eigenartig, für einen Hirnforscher von Rang ist in deinem Kopf manchmal wirklich sehr wenig Welt vorhanden. Und wir beide sind auch das reinste Klischee, wenigstens nach außen hin ... der berühmte Neurowissenschaftler und seine verträumte ehemalige Starsängerin, so steht es doch in den Gazetten. In Wahrheit aber bist du derjenige, der sich in seinen Irrlichtern verliert und ich stehe auf dem Boden und bin Realistin.“

„Ja, ja, du und deine Realität und dein zweites Gesicht! Du machst uns beide noch verrückt.“

„Du hast Recht, ganz offenkundig mache ich Frederik manchmal konfus und sogar aggressiv, nur weil ich es nicht schaffe, meine Sorgen vor ihm zu verbergen. Er meidet mich mehr und mehr.“

Miller zog Nathalie behutsam auf seinen Schoß.

„Was sollen wir nur machen?“, Nathalie schlang ihren Arm um seinen Hals. „Irgendwas müssen wir doch tun, Marc!“

„Ich arbeite doch ohnehin schon mit allen Spezialisten zusammen, die es gibt, bessere Ärzte könnte Frederik nicht haben“, sagte Miller nach einer Weile und legte, so behutsam er es vermochte, den Arm um ihre schmale Hüfte.

„Irgendwelche Medikamente, irgendein operativer Eingriff muss Frederik doch damals geholfen haben? Nach dem halben Jahr in Ryans New Yorker Klinik wurde er schließlich als gesund entlassen, wie ihr nicht müde wurdet zu behaupten. Warum macht ihr nicht dieselbe Therapie mit ihm wie damals, als er elf war und alles losging. Ihr habt mir doch versichert, dass er geheilt sei und seine Anfälle nie wieder kämen.“

„Sie kommen aus heiterem Himmel und überfallen seinen Körper so gnadenlos mit Krämpfen, dass es jedes Mal furchterregend ist. Du hast sie ja nicht mitbekommen, damals vor acht Jahren, als du ihn in der Klinik umsorgtest und die Nerven verlorst, weil seine Krankheit für dich eine Chimäre blieb. Denn in der Tat, in den Intervallen erschien er völlig unauffällig. Ryan, Jack und ich versuchten alles, was uns zu Gebote stand, um ihm zu helfen. Aber jegliche Form von Therapie versagte, und die Diagnose blieb im Dunklen. Selbst die Langzeit-Video-EEG-Aufzeichnungen waren völlig unauffällig, und das sind sie bis heute. Und dann, wider aller Erwarten, mit einem Paukenschlag, den offenbar keiner gehört hatte, war der Spuk vorbei, wir waren völlig überrascht … Frederik hatte seine rätselhafte Krankheit abgeschüttelt wie einen bösen Albtraum und keiner wusste, wie und warum.“

„Aber letzten August ist der Azteke wieder über ihn hereingebrochen, nach langer Zeit und so überraschend, dass ich es zunächst gar nicht wahrhaben wollte. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir es hier mit einer anderen Dimension zu tun haben, Marc, Frederik kämpft gegen das Böse wie der Junge Damien im Film ‚Omen‘ mit dem Antichrist.“

Miller zuckte zusammen, als hätte man ihm mit einer Nadel ins Rückenmark gestochen. Nach einem Moment eiskalter Stille stimmte er seine Tonlage zur atonalen Sachlichkeit hinunter. „Langsam fürchte ich um seine Karriere, Nathalie. Wie will der Junge das nur durchhalten? Und darüber hinaus, wenn die Medien von seinen Anfällen Wind bekommen, dann wehe ihm und uns allen. Die werden ihm noch eine Drogen- und Tablettensucht an den Pelz heften, ich will gar nicht dran denken, was da alles auf uns zukommen könnte …“

Mit einem kräftigen Ruck hob Miller seine Frau hoch und hielt sie noch eine Sekunde, bis er sie sicher auf den Boden setzte. Dann drängte er sich zwischen ihr und dem Klavierstuhl vorbei und eilte zu seinem Scotch, starrte ins leere Glas und goss sich im Stehen nach. Beim Soda zögerte er. Missmutig beäugte er die Flasche, stellte sie schließlich mit lautem Knall auf die Glasplatte zurück und genoss den Whisky pur.

Nathalie Miller war am Flügel stehen geblieben und schaute – beleuchtet wie im Stummfilm – durch die hohe Glasfront aufs Matterhorn.

„Der Azteke macht mir grässliche Angst. So wie Frederik seine Anfälle beschreibt, diese fürchterliche Gestalt, die da auf ihn zugeritten kommt, um ihm das Herz aus dem Leib zu schneiden und ihm den Kopf abzuhacken – der reine Horror! Im Oktober, du warst wieder einmal auf einem Kongress, habe ich zum ersten Mal einen seiner Anfälle miterlebt, ich hab bislang nicht gewagt, es dir zu erzählen. In London war das, bei uns zu Hause nach Frederiks Konzert in der Royal Albert Hall. Lynn Parser und Rudolph Fleischman waren noch zu einem Drink mitgekommen. Ich ging hoch in sein Zimmer, weil ich ein furchtbares Krachen hörte. Frederik stand mit wild aufgerissenen Augen im Flur und erkannte mich nicht. Durch die offene Tür sah ich einen zertrümmerten Stuhl und Chaos überall – er sah aus wie ein wilder Indianer, es war grauenvoll.“ Während sie sich die Tränen abtupfte, brach es aus ihr heraus: „Ich hatte entsetzliche Angst. Unaufhörlich schüttelte er seine langen schwarzen Haare und schlug wild um sich, ohne sich von der Stelle zu bewegen!“

„Wenn ich nur wüsste, womit wir es bei diesem verfluchten Azteken zu tun haben“, unterbrach Miller schmallippig, als wolle er einen Geist zur Strecke bringen.

„Das hab ich mich noch nie zu fragen getraut.“

„Aber ich habe ihn gefragt, Nathalie, immer wieder, er weiß es ebenso wenig. Jack erinnert die ganze Sache mehr und mehr an eine Hysterie . Stell dir das bitte mal vor, eine Seelenkrankheit des letzten Jahrhunderts, an der praktisch nur Frauen erkrankten … Jack steht in letzter Zeit irgendwie neben sich, ist dir das nicht auch schon aufgefallen?“

„Er macht sich eben furchtbare Sorgen! Wenn man hilflos mit ansehen muss, wie Frederiks Zustand sich von Monat zu Monat verschlechtert, greift man schnell zu einem Strohhalm.“

„Wenn es wenigstens eine waschechte Epilepsie mit eindeutigen Grand-mal-Anfällen wäre, aber nein, und jetzt redet Ryan von pseudo-epileptischen Anfällen, was soll das heißen, das ist doch keine Diagnose. Psychogen bedingte dissoziative Anfälle, so ein Unfug, mein Sohn hat doch keine Angststörung oder Depression, das belegen die psychiatrischen Gutachten einwandfrei. Frederik und eine posttraumatische Belastungsstörung, Frederik, das sexuell missbrauchte Kind, ja haben die sie noch alle, all die beschissenen Untersuchungen die letzten Jahre, ich will gar nicht dran denken! Jedes Mal, wenn uns eine neue Technologie zur Verfügung stand, schöpften wir wieder Hoffnung. Aber nein, wiederum nichts, nicht den geringsten Hinweis, es ist wie verhext …!“

Miller sank in sich zusammen und starrte blicklos vor sich hin. „Wenn er wenigstens auf irgendeine Medikation ansprechen würde. Aber selbst psychopharmakologisch ist nichts zu machen. Auch Xanax, sein Alprazolam, auf dem er völlig widersinnig besteht und das er unkontrolliert einnimmt, zeigt keinerlei Effekt.“

„Vielleicht sind es doch übersinnliche Phänomene, die da im Spiel sind, wer weiß? Frederik hat manchmal etwas Ekstatisches an sich, so, als würde etwas in ihn hineinfahren, wie er neulich das 4. Klavierkonzert von Rachmaninov bei den Proms in der Royal Albert Hall gespielt hat, er war wie entrückt … so habe ich das Konzert noch nie gehört, von Arturo Benedetti Michelangeli vielleicht, aber das ist lange her. Vielleicht ist der Azteke ja nichts anderes als die Personifikation einer numinosen Energie, die ihn da erfasst … und du willst mir einreden, es gäbe kein zweites Gesicht? Ihr seid alle blind vor euren Maschinen geworden, ihr Wissenschaftler! Wo Frederik nur bleibt? Es ist ihm etwas passiert, ich bin mir absolut sicher!“

3

„Um Gottes Willen!“

Nathalie Miller warf ihre Hände in die Luft und starrte mit aufgerissenen Augen zum Helikopter, der gerade mit einem riskanten Manöver auf dem weißen H des Landeplatzes aufgesetzt hatte, von dem im heftigen Schneesturm nur noch der Querstrich als überdimensionales Minuszeichens übrig geblieben war. Sobald der Rettungshubschrauber sicheren Bodenkontakt hatte, sprang Frederik mit einem Satz aus der Maschine, strauchelte und landete bäuchlings im Schnee. Da verlor sie endgültig die Fassung.

„Um Gottes willen, Frederik …!“, rief sie ihrem Mann nach, aber Miller, der seinem Sohn entgegeneilte, konnte sie im dumpfen Donnern der Rotorblätter nicht hören.

Ein gewaltiges Unwetter war urplötzlich über die Landschaft hereingebrochen und hatte den Vollmond verschluckt – für Nathalie ein untrügliches Zeichen, das das zweite Gesicht bestätigte. Und als sie dann zum Telefonhörer griff und ihr mitgeteilt wurde, dass Frederik tatsächlich verunglückt sei, nahm sie diese Nachricht so gefasst entgegen, dass Miller ein Schauder über den Rücken lief. „Ich wusste es!“, hatte sie nur gesagt und ihn angesehen, als existiere er nicht.

Die großen Fluter, die den Landeplatz umstanden, strahlten ohne Effekt in den stockfinsteren Himmel und ließen – trotz zusammengekniffener Augen – nichts als weißes wirres Flimmern vor schwarzem Hintergrund erkennen. In ihren Pelzmantel mit hochgeschlagenem Kragen gehüllt, hielt sich Nathalie schützend die Hände vor den Mund und starrte zu ihrem Sohn, dem sein Vater umständlich aufhalf. Unter ihrem Mantel wehte das überlange Seidenkleid hervor und provozierte den Eindruck, sie schwebe über der Schneelandschaft, wo sie doch tatsächlich mit Stöckelschuhen im tiefen Schnee stakte, die sie bei all der Aufregung vergessen hatte, gegen festes Schuhwerk einzutauschen.

Mit einem Mal riss sich Frederik von seinem Vater los und rutschte die letzten Meter seiner Mutter in die Arme.

„Schön, dich zu sehen!“, raunte er ihr ins Ohr. Und sie, der Tränen übers Gesicht rannen, schien alles um sich herum vergessen zu haben.

„Nun los, hoch ins Haus“, schrie Miller. „Nathalie wird sich noch den Tod holen!“

„Ja, ja doch“, konterte Frederik, „wir gehen ja schon!“

„Ach, da sind Sie ja endlich. Doktor …?“

„Rank“, sagte der Notarzt, der in die Runde getreten war.

„Gehen Sie mit Nathalie schon mal voraus, Rank, ich

folge mit Frederik“, befahl Miller und stieß Rank Richtung Aufgang zum Chalet.

„Okay Sir … übrigens, die Landung wäre beinahe schief gegangen, haarscharf an der Katastrophe vorbei. Wie Sie für diesen Landeplatz überhaupt eine Genehmigung bekommen haben, ist mir ein Rätsel.“

„Ihrem Sohn ist nichts passiert, Mrs Miller“, sagte Rank, der sich bei ihr untergehakt hatte und sie mit Bedacht die schneeverwehten Stufen vom Landeplatz hoch zum Chalet zurückführte. Nathalie, die wortlos neben ihm herging, wirkte gelöster, ja entspannter und nahm eine um die andere Stufe zügiger und sicherer. „Er hat wirklich Massel gehabt, keinerlei Verletzungen, scheint alles okay soweit“, beruhigte sie der Arzt.

„Und seine Hände … was ist mit seinen Händen?“ Nathalie blieb stehen und drehte sich zu Frederik um, der in einiger Entfernung hinter ihr mit Miller die breiten Treppen hoch stapfte und seine Hände salopp in den Anoraktaschen stecken hatte. „Mit seinen Händen ist alles in Ordnung, keine Bange.“

„Also, das wär’s, Rank!“

Sichtlich erleichtert lachte Miller so penetrant auf, dass unangenehme Schlagechos durch die weite Vorhalle hin und her sausten. Rank kratzte sich irritiert am Ohr und verabschiedete sich. Aber Miller hielt ihn am Ärmel zurück und begann zu flüstern: „Sagen Sie, hat Frederik irgendwas gesagt? Hat er erzählt, was passiert ist und vor allem wie?“

„Nein. Der Unfall muss ziemlich heftig gewesen sein, das Snowmobile war nur mehr ein Schrotthaufen, aber ihm ist nichts passiert, er war voll da, als wir ihn gefunden haben, Sir, aber erzählt hat er nichts. Nichts Wichtiges jedenfalls. Er hat nur rumgealbert und wollte ganz einfach nach Hause, schließlich sei Weihnachten, hat er gesagt. Er hat eine Gehirnerschütterung und eine transitorische Amnesie. Also erst mal Ruhe, passen Sie auf ihn auf. Sollte sich sein Zustand verschlechtern, rufen Sie an.“

„Willst du noch Tee, Darling?“

„Ja, mit viel Rum, Nathalie, nur nicht so sparsam wie gerade!“

Frederik fläzte sich auf einer großen weichen Couch neben seiner Mutter und schaute abwesend durch die Glasfront auf die illuminierte Bergwelt, in der sich das Unwetter so schnell wieder verzogen hatte, wie es gekommen war. Jetzt schneite es nur noch wenige dicke Flocken und die schroffen Bergzüge, die im Mondlicht schwebten, machten Nathalie Angst, als sie Frederiks Blick folgte. Aber sie vermied es über ihr zweites Gesicht auch nur ein Sterbenswort zu verlieren, atmete stattdessen tief ein, begann sofort zu husten und unterdrückte die bellenden Atemstöße mit ihrem Taschentuch, das sie fest auf die zusammengepressten Lippen drückte.

„Die Lungenentzündung hat dir ganz schön zugesetzt, aber man darf ja nichts sagen“, übertönte Frederik die Szene, strich sich kopfschüttelnd die langen schwarzen Haare aus seinem markanten Gesicht, räusperte sich wie angesteckt, nahm einen großen Schluck von seinem Tee und ließ sich in die Kissen zurücksinken.

„Lach nicht, wenn ich das jetzt sage, Nathalie, aber wie wär’s, wenn wir mal gemeinsam ein Konzert geben würden, das wär doch megageil, oder?“

„Wie kommst du denn darauf, habt ihr euch etwa abgesprochen? Genau das hat Marc auch vorgeschlagen, als du unterwegs warst.“

„Weiß gar nicht, was da oben passiert ist, hab einen totalen Filmriss … was hast du, Nathalie? Du bist ja plötzlich ganz bleich.“

„Lass mich einen Augenblick! … Was hast du da gerade gesagt? Das ist wirklich unheimlich!“

„Was ist los mit dir?“

„Das Ganze ist eine Schnapsidee, zu der ihr euch offenbar heimlich verabredet habt, dein Vater und du. ‚Weltstar Frederik mit seiner Mutter am Bein!‘ Nein wirklich, ich seh schon die Headlines vor mir.“

Nathalie lachte gekünstelt auf, strich mit den Fingerspitzen über den Seidenstoff ihres Abendkleids, als seien da Falten, zupfte es wie beiläufig etwas über die Schulter und ließ ihren Blick zu Boden sinken – vom Saum bis zu den Knien war das Kleid völlig verschmutzt. Das Schneewasser war zwar getrocknet, hatte aber graue Schlieren und hässliche Flecken hinterlassen.

„Ich glaube, ein solches Comeback sollten wir vergessen, mein Lieber. Ich werde mich doch nicht lächerlich machen. Außerdem hast du im Augenblick ohnehin viel zu viel um die Ohren. Wenn ich an dein erstes sogenanntes Doppelkonzert denke … du am Klavier und an der Stradivari gleichzeitig, einmal live, einmal als Hologramm, ob das nicht doch zu viel Technik wird? Ich kann mir das nicht so richtig vorstellen, aber Lynn meint, die Performance wird exorbitant, so wenigstens hat sie sich am Telefon ausgedrückt …“

„Nein, nein, Jack, das kannst du ihm alles gleich selber sagen, einen Moment, ich geb ihn dir …“

Mit mächtigen Schritten kam Miller durch die Wohnhalle und ging mit ernster Miene zu Frederik und Nathalie. „Ja du kannst dir vorstellen, wie erleichtert wir alle sind. Was? Du willst ihn sofort sehen, wie soll das denn bitte gehen?“

Miller blieb stehen und blickte sorgenvoll zu seinem Sohn.

„Nein, nein, soweit alles in Ordnung im Augenblick. Glaub mir, du musst dir wirklich keine Sorgen machen, er liegt neben Nathalie auf dem Sofa und trinkt schon wieder Rum aus Teetassen. So, jetzt geb ich ihn dir, ich skype dich inzwischen an, dann können wir alle gemeinsam noch ein bisschen plaudern. Nathalie wird staunen. Ist meine Weihnachtsüberraschung.“

Voller Vergnügen reichte Miller seinem Sohn das Mobile und ging zu einem in die blanke Felswand eingelassenen Bücherregal, wo er die Brille auf seine klobige Nase setzte und sich an einer ihm offensichtlich wenig vertrauten technischen Anlage zu schaffen machte.

„Hallo Jack ... wie, ja, es geht bestens, glaub mir, Glück gehabt! Nein, mir fehlt nichts, nur ein neues Snowmobile. Aber im Ernst, total schade, dass du Weihnachten nicht mit uns feiern kannst. Das erste Mal ohne dich … aber sag mir, wie geht es mit dem Herzen? Kannst du nicht wenigstens über Silvester ein paar Tage rüberkommen? … Ach, wie schade, ja, ich verstehe, die lange Reise. Wie, was … du musst mich unbedingt treffen, so schnell wie möglich und unter vier Augen? Was ist los mit dir Jack, soll ich mich beamen oder was? … Aber ja doch, die nächsten Konzerte werd ich morgen absagen … nein, du musst dir keine Sorgen machen.“

Plötzlich zuckte Frederik zusammen und begann am ganzen Leib zu zittern, als hätte er einen Stromschlag erlitten. Völlig überraschend war Jack Hunters Konterfei in der Wohnhalle aufgetaucht und schwebte – wie ein durchsichtiger Riese, der mal eben hereinschaut – mitten im Raum. Nathalie sprang auf und starrte entgeistert auf die Erscheinung und Frederik, auf der Couch hinter ihr, verdrehte leichenblass die Augen und presste sich die Hände an die Ohren, als höre er die Sirenen singen.

„Na, was sagt ihr jetzt, ihr beiden, merry christmas!, das ist meine Weihnachtsüberraschung für euch“, konnte er seinen Vater noch hören, dann sank er zurück und wurde ohnmächtig. „HSS, das neue Holographic Skype System, gestern eingetroffen und schon installiert“, rief Miller ekstatisch, klatschte in die Hände wie ein dickes Kind und blinzelte auf das technische Wunderwerk, ohne Frederik zu beachten. „Jack, du siehst aus wie ein echter Flaschengeist, man könnte meinen, du bist es wirklich, aber wenn man in dich hineingreift, merkt man, dass du nur eine Chimäre bist.“

„Frederik“, schrie Nathalie, die sich umgedreht hatte und ihn da liegen sah, erschrocken auf.

„Bringen Sie sofort ein feuchtes Tuch, Timothy, ich hole Frederiks Tabletten!“ schrie Miller seinem Butler zu, der gerade Champagner servierte. „Bleib du bei Frederik, ich bin gleich wieder da.“

„Frederik, was ist, hörst du mich überhaupt?“, schrie Jack, der als überdimensionales Hologramm entsetzt auf seinen Schützling herabblickte.

„Timothy, so lassen Sie die blöden Lappen und schalten Sie sofort das verdammte Gerät aus. Nun machen Sie schon, was stehen Sie noch so dumm rum?“

„Ich kann das Gerät nicht bedienen, Mr Miller hat es erst heute Morgen installieren lassen. Es sollte eine Überraschung sein, wo Mr Hunter doch dieses Jahr nicht mit uns feiern kann.“

„Die Überraschung ist gelungen, Timothy, schalten Sie das verdammte Ding aus, irgendwie, diese Technik macht uns noch alle verrückt!“

Nathalie sprang auf, rauschte zur Bücherwand und griff nach einer schwarzen Box, die sie so vehement auf den Granitboden knallte, dass es krachte und die Funken sprangen. Schlagartig wurde es dunkel.

„Was ist denn jetzt schon wieder? Timothy, nun tun Sie schon was, sind Sie noch da?“

„Ja.“

„Warum funktioniert das verdammte Notstromaggregat nicht? Haben Sie Streichhölzer?“

Hilflos stolperte Nathalie mit weit ausgestreckten Armen durchs Dunkel. „Frederik, so sag doch was!“ Und als sie keine Antwort bekam, blieb sie im Finstern stehen und wusste nicht weiter.

4

„Glaub mir, Liebling, es ist besser so, dein Zustand ist zu labil, du musst zu Ryan nach New York. Erst dein Unfall, dann dein Zusammenbruch vorhin, als wäre Jack ein böser Geist …“

„Das scheiß Hologramm ist mir auf den Geist gegangen. Dieses penetrante Sirren in der Luft – ich mit meinen empfindlichen Ohren.“

„Wie auch immer, lass uns auf Nummer sicher gehen. Jack weiß Bescheid, er will dich morgen in der Klinik besuchen. Am Telefon wirkte er geradezu erleichtert, dass du kommst, was er nur hat, vielleicht sein Herz … Auch Lynn ist informiert. Bis zum Doppelkonzert auf der Jungfernfahrt ihres neuen Schiffs wird sie alles für dich absagen. Mit ihr hast du das große Los gezogen. Eine bessere Agentin könntest du nicht finden und dabei hat sie mit ihrem Medienkonzern wirklich einiges um die Ohren.

„Ich weiß, ich weiß, du sagst immer dasselbe.“

„Man kann es nicht oft genug sagen: Lynn beschützt dich. Von ihren Erfahrungen kannst du nur profitieren, denn dieses verfluchte Musikbusiness hat im Grunde mit Musik nichts mehr zu tun. Viel eher mit einem Affentanz marionettenhafter Selbstdarsteller. Bald haben wir nur noch David Garetts, du wirst sehen. Hörst du mir eigentlich zu?“

„Aber ja doch, Lynn ist ein Energiebündel, und sie liebt ihre Arbeit. Und sie steht zu dem, was sie tut. Und sie liebt die Musik wie wir! Und ihr beide seid beste Freundinnen“, betete Frederik seine Antwort herunter wie ein Glaubensbekenntnis und beobachtete müde durch die hell erleuchteten Fenster des Learjets, der auf dem Rollfeld von Zürich-Kloten auf ihn wartete, eine dunkelhäutige Schöne, die ihm bekannt vorkam. Sie war offenbar mit den letzten Reisevorbereitungen beschäftigt und sah gerade aus dem Fenster.

„Ava!“ Ungläubig strich er sich den Schnee aus den Haaren und schüttelte sie übermütig. Mit zusammengekniffenen Augen spähte er zum Jet, wobei seine scharf geschnittene Nase im gelbbraunen Licht der Bodenbeleuchtung eklatant hervortrat.

Ava hatte er gerade erst in New York kennengelernt. Auf einer Party nach seinem ersten Klavierabend in der Carnegie Hall in Jacks Haus am Washington Square Park. Nathalie hatte sie mitgebracht, weil Ava mit ihr im Konzert und so hingerissen von ihm und seinem Spiel war, dass sie ihn unbedingt kennenlernen wollte.

Ava und Nathalie waren trotz ihres Altersunterschieds enge Freundinnen. „Nathalie hat meinem Vater das Leben gerettet“, hatte sie ihm auf der Party erzählt. „Beide haben sich vor zwanzig Jahren bei einer Produktion von Lucia di Lammermoor an der MET kennengelernt. Deine Mutter debütierte in der Hauptrolle und mein Vater war ihr Coach und Korrepetitor. Er hat ihr so grandios durch die Rolle geholfen, dass sie ihm ewig dankbar ist. Er habe ihr jegliche Angst vor der Höllenpartie genommen, ihr Triumph sei nur ihm zu verdanken, das betont sie immer dann, wenn Vater Tränen in die Augen treten, wenn sie ihn besucht. Kurze Zeit später erkrankte er an Krebs und Nathalie hat alles dafür getan, dass er medizinisch in die besten Hände kam und alle Rechnungen beglichen. Ohne sie wäre Vater längst tot, wir hätten uns das alles nicht leisten können.“

Frederik hatte sich nur vage auf ihre Worte konzentriert, vielmehr auf die Schöne selbst, die ihm gegenüber auf einem mit Chintz überzogenen Sessel saß, der – mit leuchtenden Frühlingsblumen bedruckt – ihm den Eindruck vermittelte, er säße vor einem Bild von Gaugin oder vor einer Kitschpostkarte aus Hawaii oder einer jungen Whitney Houston, da war er sich nicht so sicher.

Ava hatte ihre langen Beine übereinandergeschlagen und rauchte. Ihre weich geschwungenen Lippen machten ihn völlig kirre, sodass er ihrem Blick nicht lange stand hielt und lieber die Blumen anstarrte, in denen sie wie in einem Liebesnest auf ihn zu warten schien.

Ava war Mestizin und absolut Frederiks Typ. Die Nacht hatten sie im Appartement ihrer Freundin Cheyenne verbracht, die Physikerin an der Columbia University und vor kurzem zu einem Forschungsjahr am Massachusetts Institute of Technology in der Nähe von Boston aufgebrochen war. Ava selbst war Testpilotin bei der NASA gewesen, hatte dann aber alles hingeworfen, weil ihr Freund, der in ihrer Staffel geflogen war, über der Wüste von Nevada abgestürzt und ums Leben gekommen war. Nach einem Studium der Astrophysik war sie jetzt in einem Team der NASA, das an bemannten extraterrestrischen Flügen ins All arbeitete und auch für den Erfolg von Curiosity mitverantwortlich war.

Cheyenne hatte ein elektrisches Klavier in ihrem Appartement stehen, das im Arthur Tower lag, im 34. Stockwerk, direkt gegenüber der MET, was purer Zufall war. Er hatte sich sofort ans Instrument gesetzt und festgestellt, dass man mit dem Ding viel mehr machen konnte, als er gedacht hatte.

„Spiel was für mich“, hatte Ava begeistert ausgerufen. Und er hatte gespielt, Musik und Liebe, auf beiden Instrumenten. Nackt waren sie am Klavier gesessen und er hatte Bachchoräle intoniert, mit vollem Nachhall wie in der Kirche, während sie – die Kopfhörer auf den Ohren und nur durch ein langes dünnes Kabel mit ihm und seinem Spiel verbunden – mit schwebenden Bewegungen durch den Raum tanzte wie entrückt. Und er hatte auf die MET hinuntergeschaut, die im nächtlichen Lichterglanz zu seinen Füßen lag und gespielt, Bach mit ihrem Körper im Kopf.

„Die Maschine wartet, Mr Miller, wir müssen los. In wenigen Minuten haben wir Nachtflugverbot, dann kriegen selbst Sie keine Starterlaubnis mehr!“

Mit einem Mal war Ava lachend in der Tür des Jets aufgetaucht und winkte. „Hallo Frederik, hereinspaziert!“

„Ava, das ist aber eine Überraschung, merry christmas. Was machst du denn hier?“

„Das erzähl ich dir, wenn du an Bord bist!“

„Also los“, Nathalie gab sich einen Ruck „bei Ava bist du gut aufgehoben. Ein Glück, dass ich sie erreicht habe. Außerdem ist ein Arzt an Bord, dein Vater und ich haben alles arrangiert.“

„Wie Marc nur so schnell die Crew zusammengetrommelt hat, und das am Heiligen Abend, ein Wahnsinn!“

„Ava hab ich ins Herz geschlossen. Sie könnte meine Tochter sein. Und sie kennt sich aus, im Leben wie in der Wissenschaft. Früher sagte man, ‚sie ist gebildet‘, heute heißt es, ‚sie weiß Bescheid‘. Leider sehen wir uns zu selten, sie hat einfach viel zu viel um die Ohren bei der NASA.“

Nathalie versuchte ein Lächeln, formte den Mund zum liegenden Halbmond und blickte Frederik mit ängstlichen Augen an.

„Nun mach kein Theater“, platzte Frederik heraus. „Du hast Angst, das seh ich doch. Wir telefonieren!“

„Der Arzt bekommt einen Notfall herein, so ein Mist, er hat gerade abgesagt“, rief Miller, der hinter Ava in der Flugzeugtür erschienen war und kopfschüttelnd die Gangway heruntergehastet kam.

„Aber was soll’s mein Junge, wir haben keine Zeit mehr. Wenigstens hast du eine flotte Flugbegleiterin dabei. Ohne einen zweiten Piloten hätten wir das auf die Schnelle nicht hingekriegt. Rob fliegt dich nach New York und Ava bringt die Maschine sofort wieder zurück. Ich muss morgen überraschend in mein Institut nach London, es ist dringend. Meine Mitarbeiter sind wieder mal mit ihren Auswertungen nicht klar gekommen. Die Reduktion kognitiver Prozesse bei Computerspielen, damit schlagen wir uns ja schon geraume Zeit herum. Die Ergebnisse müssen unbedingt an den Verlag zur Publikation. In der zweiten Januarwoche werde ich sie auf einem Kongress in Sydney präsentieren. Da muss ich hin, deshalb kann ich auch bei der Premiere deines Doppelkonzerts nicht dabei sein, was mir wirklich leid tut. Sei froh, dass du kein Hirnforscher geworden bist, da stochert man manchmal ganz schön mit der allgemeinen Stange im allgemeinen Nebel herum, wie Nietzsche sagt. Übrigens“, Miller zog Frederik eng an sich, „niemand an Bord weiß vom Anlass deiner Reise, auch Ava nicht, es ist besser so!“

Sichtlich erleichtert umarmte Miller seinen Sohn und drückte ihn fest an seinen massigen Körper.

„Aber fliegt nicht zum Mars, auch wenn Ava bei der NASA arbeitet, wie gesagt, ich brauche die Maschine morgen, versprochen?“

Marc Miller lachte auf und küsste Frederik zum Abschied auf die Stirn.

„Ciao Caro!“, rief Nathalie noch, dann war Frederik rasch in der Maschine verschwunden.

„Nun komm schon, Nathalie“, rief Miller durch die halb geöffnete Schiebetür des Helikopters, der auf dem Vorfeld parkte. „Du wirst dir noch eine Erkältung holen!“

Sie reagierte nicht. Regungslos verharrte sie auf dem Rollfeld und konnte den Blick nicht vom Flugzeug lassen, das sich in die Schneenacht erhoben hatte. Sie weinte. Und ihr fein geschnittenes Gesicht, das im Licht der Lampen alle Farbe verloren hatte, wirkte um Jahre gealtert.

„Wird schon alles werden, Frederik, pass auf dich auf“, flüsterte sie.

5

„Wow, das ewige Eis … so klar hab ich die Arktis bislang noch nicht gesehen, man erkennt ja selbst im Mondlicht praktisch jeden Spalt … da, da unten rechts, sieh mal, diese Formation dort, sieht doch aus wie Mister Jack Hunter persönlich, ein riesiges Gesicht wie aus Nazca-Linien geformt , diesen riesigen Scharrbilder in der Wüste von Peru …“

Ava und Frederik klebten mit ihren Nasen am Kabinenfenster und schauten gebannt in die wolkenlose Tiefe, die im fahlen Mondlicht so unwirklich heraufleuchtete wie ein raumloser Raum unterm Vergrößerungsglas.

„Landebahnen für Außerirdische, bis zu mehreren hundert Metern große Figuren, die als Linien von den Nazca-Indianern in das Wüstengestein eingeritzt wurden, ich bin mal drübergeflogen, ist wirklich eindrucksvoll, überdimensionale Figuren wie Affen, Kolibris oder Spinnen, die nur aus der Luft zu erkennen sind. Eine wird sogar Astronaut genannt, na bitte! Damals bekam man offenbar ab und zu mal Besuch von anderen Sternen. Heute rufen wir hilflos ‚Hallo, ist da jemand?‘ durch unsere Radioteleskope ins All, aber niemand antwortet. Klarer Fall: Die wollen einfach nichts mehr mit uns zu tun haben, die Aliens, die haben die Schnauze voll vom Menschen!“

„Nichts als Eis! Und es hört und hört nicht auf. Kein Schwanz zu sehen, noch nicht mal ein Außerirdischer!“

„Früher war die Erde mal ein einziger Eisball, da war es wesentlich ungemütlicher“, kommentierte Ava trocken, hatte auch schon die Hand unter seinem Sweatshirt und begann ihm so langsam und zart den Rücken zu kraulen, dass es auf der Haut knisterte.

„Hey, sag bloß, der Globus ein einziger Eisball“, lächelte Frederik total unter Strom, „das haben wir doch hoffentlich hinter uns? Warum hörst du auf? Mach doch weiter …!“ Demonstrativ krümmte er den Rücken und zog die Schultern etwas nach vorne, hielt still und redete zögernd weiter:

„Obwohl, zu warm ist auch beschissen. Ende des Jahrhunderts ist das Eis weg, behaupten manche, fast alles ist bereits angetaut, hab ich neulich gelesen.“

„In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts war es genauso warm wie heute. Und vor 5000 bis 8000 Jahren war die Eisfläche noch weitaus geringer als jetzt, es war nämlich drei Grad wärmer.“

„Was willst du damit sagen?“

„Dass sich die Dinge ändern, will ich sagen. Die Natur folgt dem permanenten Wechselspiel ihrer Kräfte und beileibe nicht unserer Hybris und Willkür. Welche Wahnvorstellung den Menschen wohl heimsuchte, als er glaubte, er hätte sie im Griff?“

„Die Natur hat immer Recht, hat Debussy mal gesagt“, fuhr Frederik dazwischen, „der Mensch hat die Natur bislang noch gar nicht wahrgenommen, hat er behauptet!“

„In jedem Fall hätten wir besser daran getan, beizeiten mit ihr im Einklang zu leben. Stattdessen haben wir unseren Planeten an den Rand seiner Kapazität gebracht und zwingen ihn in die Knie. Und der wehrt sich und reagiert, das ist doch völlig natürlich, schließlich ist die Biosphäre ein lebendiger Organismus. Und dass es jetzt wärmer wird, ist demzufolge auch kein Wunder!“ Ava umfasste Frederiks Hüfte und zog ihn langsam an sich. „Zuviel Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre, da wird es eben wärmer. Und wir heizen den Vorgang mächtig an und fackeln uns noch ab.“

Ava hielt inne, schaute Frederik mit ihren Mandelaugen frech ins Gesicht und verzog die Lippen zu einem Kussmund. Dann setzte sie sich auf ihn. „Der menschliche Superorganismus ist Teil der Natur und folglich ihren Gesetzmäßigkeiten unterworfen wie jeder andere Organismus auch. Das merkt man doch schon, wenn man dem Superorganismus nur ins Auge schaut und ihn an die Hose fasst ... Aber im Ernst!“, Avas Stimme machte einen weiten Sprung die Tonleiter hinunter: „Es ist doch lächerlich, dass manche Idioten sich freuen, ans Öl da unten ranzukommen. Kann denen doch gar nicht schnell genug gehen, bis alles Eis geschmolzen ist …“

Ava hatte sich derart in Rage geredet, dass sie sich verschluckte und wütend wurde. „Apropos“, hustete sie, „am Anfang der Erdgeschichte gab es kein einziges Sauerstoffatom in der Atmosphäre, erst das Leben selbst hat mit seiner Photosynthese für seine Existenzbedingungen gesorgt, sonst könnten wir gar nicht atmen, ach was, was rede ich, sonst wären wir in aller Ewigkeit überhaupt nicht entstanden!“

„Mein Gott“, stöhnte Frederik auf, „du machst mich ganz schwindlig! Lass uns doch mal drüber nachdenken, wie die Ewigkeit so aussieht, was hat sie für ein Gesicht? Sieht sie lustig aus oder traurig, was meinst du? Frederik beugte sich nach dem Champagnerglas, tunkte seinen Finger hinein und ließ ihn Ava lutschen. „Wie soll ich mir die Dame vorstellen, Baby?“

„Vielleicht ist die Ewigkeit ja auch ein Mann, wer weiß“, flüsterte sie und versank in ihm.

„Wie lange haben wir noch?“, fragte Frederik, der, vom Heißhunger überfallen, etliche Sandwichs in sich hineinstopfte.

„Eine knappe Stunde. Schade, ich könnte ewig mit dir so durch die Gegend gondeln.“

„Ist schon krass mit uns, verrückte Gespräche und verrückte Liebe, und das alles auch noch in schwindelerregender Höhe, fehlt nur noch ein elektrisches Klavier hier an Bord, muss mit Marc mal reden ... Warum hast du eigentlich nicht angerufen?“

„Es ging nicht, Darling, ich hatte einfach keine Zeit, keine Stunde, glaub mir, ich saß in Houston fest.“

„Aber aus Zürich hättest du dich wenigstens melden können.“

„Du tust ja so, als ob ich nichts mehr von dir wissen wollte. Nein, nein, ich musste mich um meinen Vater kümmern, der unbedingt einen alten Schulfreund noch mal besuchen wollte. Ich habe Vater schon seit langem versprochen, ihn auf der Reise nach Zürich zu begleiten. Er ist über achtzig wie sein Freund, der nicht mehr reisen kann, aber Gott sei Dank noch total fit im Kopf ist. Er war früher Kernphysiker am CERN und hat sich sein Leben lang am Standardmodell der Teilchenphysik abgearbeitet.“

„Hicks!“, rief Frederik albern und rülpste, als wäre ihm vom vielen Champagner Kohlensäure aus dem Magen hochgeblubbert.

„Hey, als Musiker kennst du dich ja verdammt gut aus.“

„Hatte im Internat Kosmologie als Pflichtfach und Physik sowieso! Da staunst du, was?“

Frederik trank stolz wie ein Kind den Rest Champagner aus der Flasche und wischte sich mit bloßem Unterarm über den Mund. „Jetzt haben sie das Higgs-Teilchen ja endlich gefunden. Mit dem Large Hadron Collider, dieser ultra Protonenkanone, haben sie es so richtig urknallen lassen und das Teilchen nachgewiesen und identifiziert. Jetzt ist das Standardmodell der Physik, das ja eine Quantenfeldtheorie darstellt, endlich komplett. Es beschreibt alle bekannten Phänomene des Mikrokosmos: die subatomaren Bestandteile der Materie und die Kräfte, die zwischen den Teilchen wirken und sie zusammenhalten wie Superkitt. Die Kräfte bestehen ebenso aus Materie, die als Teilchen zwischen ihren Partnern so irrsinnig schnell hin und her flitzen, dass einem Hören und Sehen vergeht. Das Photon aber schießt dabei den Vogel ab: Denn es ist Teilchen und Welle gleichzeitig, ein hybrider masseloser Bursche und so schnell wie Licht. Denn er ist das Licht und der kräftigste und stärkste von allen – er verkörpert die elektromagnetische Kraft. Alle diese Kerle sorgen dafür, dass uns die Welt nicht um die Ohren fliegt. Und jetzt kommt der Hammer, denn ohne das Higgs-Feld gäbe es überhaupt keine Materie ...“

Frederik stockte. Plötzlich schob Ava, die in der winzigen Küchenkombüse aufgeräumt hatte, den Abtrennvorhang zur Seite und blickte ihm mit verschmitzten Augen ins Gesicht wie ein Clown.

„Was schaust du so, ohne das gäb es dich gar nicht! Etwas mehr Respekt vor Mr Higgs aus dem schottischen Hochland, der 1964 die ganze Sache theoretisch ins Rollen brachte. Das ganze Universum ist ein Quantensirup, hat er behauptet, und damit hat er Recht behalten. In Schottland war übrigens auch mein Internat!“

Ava grinste übers ganze Gesicht und fuhr sich durch ihre schwarzen Locken. Dabei nickte sie ihm animierend zu und ließ ihre Hände vor ihrem sagenhaften Oberkörper kreisen, als könne sie nicht abwarten, bis er weiter reden würde.

„Und außerdem, du darfst dich wirklich freuen, dass es dich überhaupt gibt, denn Materie gibt’s nur vier bis fünf Prozent im Universum … Glück gehabt!“ forderte sie Frederik heraus. „Da draußen gibt’s nämlich noch was ganz anderes als sichtbare Materie … dunkle Materie nämlich und dunkle Energie, solltest du eigentlich wissen … geheimnisvolle Nachtmahre, die als unsichtbare Ströme das All durchziehen – sie halten die Galaxien zusammen und ziehen das Universum auseinander wie keltische Bösewichte, wo es doch aufgrund der Schwerkraft nach dem Urknall wieder in sich zusammenstürzen müsste. Das Dunkle setzt den Physikern ganz schön zu, wer will schon gern vor dem Nichts stehen und es auch noch zugeben, wenn er das Nichts messen soll. Also haben sie sich für jedes Materieteilchen ein Antiteilchen erfunden, eine Art Paralleluniversum ... vielleicht nur, um es sich einfacher zu machen, schließlich will man ja wissen, was man, verflucht, messen soll …!“

Frederik zog Ava an sich und küsste sie. Dann begann er ihre Seidenbluse aufzuknöpfen und liebkoste ihren dunklen Hals. „Wenn ich Antimaterie wäre, hätte ich dich schon längst gefressen, es hätte grell aufgeblitzt und paff gemacht, wir beide hätten uns in Luft aufgelöst und wären wie im Liebestod für immer vereinigt.“

„Hey, was soll der Kitsch. Liebestod, dass ich nicht lache! Du glaubst doch nicht, dass ich mich von dir fressen lasse. Als Materie hab ich Power und vor allem Gravitation und zieh dich einfach in mich rein. Aber nein, was red ich, viel schöner wäre es, wenn wir uns einfach verschränken würden, wie Quanten das können. Dann wären wir auf wunderbare Weise vereint, identisch schwingend wie ein Körper und doch zwei.“

„Verschränkung?“

„Erzähl ich dir das nächste Mal“, flüsterte sie und schlang ihre Arme um ihn.

„Manchmal ist Kitsch doch toll, oder? Aber mit dir ist Bach besser. Denn wenn man Bach liebt, ist es leichter, die Rätsel der Welt in ihrer ganzen Dimension wenigstens zu erahnen. Seine Musik ist vielleicht gar nicht seine, vielleicht hat er sie nur aufgeschrieben, weil er den Strom der Evolution spürte. Man muss dieser Bewegung nur mit den Fingern folgen, um sie anschaulich werden zu lassen ...“ Sanft drang er in sie ein und summte die wundersame Melodie aus Bachs 2. Klavierkonzert, das er ihr im Arthur-Tower schon mal vorgespielt hatte.

„Da wartet ja schon die nächste, sieht mir aber nicht wie ein Fan aus“, rief Ava amüsiert ins Flugzeug, während sie mit einiger Anstrengung die Bordtür aufstemmte und die Gangway ausfahren ließ.

„Ach Susan, die holt mich ab, natürlich, hatte ich schon vergessen, das hat mit gerade noch gefehlt“, murmelte Frederik, der aus dem Fenster linste, sofort schlechte Laune bekam und sich mit verdrehten Augen in seinen Sitz zurückfallen ließ.

„Na, keine Lust auszusteigen?“, lachte Ava, die ihn von der Tür aus beobachtete, durch welche die Kälte der New Yorker Nacht rasch in die Maschine drang. „Also los, Darling, du willst doch nicht etwa wieder mit mir zurück nach Zürich? Die Dame wartet.“

„Die Dame ist gewiss nicht der Grund meines Besuchs.“ Missmutig zwängte sich Frederik aus seinem Sitz. „Was soll’s, also los!“

„Ich hoffe, der Flug war okay. Können wir Ihnen noch irgendwie behilflich sein?“, fragte der Pilot, der im Cockpit mit seinem Logbuch beschäftigt war.

„Nein, Rob, herzlichen Dank, die letzten Wochen über hab ich mich nicht so gut gefühlt wie auf dem Flug. Wenn Sie die Maschine steuern, fühlt man sich immer sicher.“

„Übrigens, Ihr Konzert in der Carnegie Hall vor ein paar Wochen, ich war schwer beeindruckt, so schnell macht Ihnen das keiner nach.“

„Danke, ich wusste gar nicht, dass Sie in meinem Konzert waren, Ava fand es auch toll, die saß in der ersten Reihe.“

Überschwänglich umarmte Frederik seine Stewardess und küsste ihre Lippen. Susan sah zu, er spürte ihren Blick im Rücken. Er holte tief Luft, hielt den Atem an und drehte sich um. Beschwingten Schrittes eilte er die Gangway hinunter und rief noch im Laufen: „Hallo Susan, steigen Sie

doch bitte schon mal ein, ich hab’s eilig!“

6

„Gut, dass Sie da sind. Mr Hunter hat mich über alles informiert. Er bat mich, Sie abzuholen. Wir fahren sofort zur Klinik von Dr. Forster, er wartet, Sie haben Glück, dass er nicht schon in Kalifornien ist wie immer um diese Zeit. Mit den Untersuchungen beginnen wir gegen elf. Sie können also erst mal ausschlafen. Mr Hunter wird Sie morgen Nachmittag in der Klinik besuchen, die besten Grüße von ihm und toi, toi, toi.“

„Falsch, Susan, absolut falsch. Wir fahren jetzt erst mal zu Jack nach Greenwich Village, wenn Sie die Güte hätten, das dem Chauffeur mitzuteilen!“

„Frederik, ich bitte Sie, Mr Hunter hat mich ausdrücklich gebeten, Sie unverzüglich in die Klinik zu bringen!“

„Wenden!“, schrie Frederik in der verspiegelten Stretchlimousine, „49 Washington Square Park North, bitte!“

Mit einer langgezogenen Kurve wendete die Limousine bei nächstbester Gelegenheit und schwebte Richtung Downtown. Susan, die ihm gegenüber saß, auf einem Ledersessel, mit dem sie in ihrem schwarzen Ledermantel gleichsam verschmolz, nestelte unentwegt an ihrem Marderhundkunstpelzkragen, der ihr eine vulgäre Präsenz verlieh. Eine aufgeplusterte, magersüchtige Jungmanagerin, die immer nur Druck verbreitete – für einen Moment stellte sich Frederik Susan im Bett vor und gähnte laut. Holzhacken war nicht seine Sache.

Susan hatte ihren Job in Jacks Unternehmen nur, weil sie seine Nichte, die Tochter seiner früh verstorbenen Schwester war, da war Frederik sich sicher. Sonst hätte sie keine Chance gehabt. Susan passte einfach nicht zu ihm. Wie sie seine Forschungen koordinierte und ihm dabei half, sich mit Kollegen in aller Welt auszutauschen, wusste er beim besten Willen nicht.

„Noch mächtig was los da draußen“, brummte er beiläufig, „wie spät ist es eigentlich?“

„Halb drei“, antwortete Susan. Und ich weiß nicht, ob es gut ist, Mr Forster warten zu lassen.“

„Was, erst halb drei? Seltsam, ich bin noch gar nicht müde und Ryan kann warten. Haben Sie noch was vor für den Rest der Nacht, nur so?“

Susan zupfte gekünstelt an den rötlich schimmernden Haaren ihres Kragens, aus dem ihr schmaler Kopf herausragte wie ein aufrecht stehendes Ei.

„Wie meinen Sie, Frederik?“, fragte sie und versuchte ein Lächeln, das sich weigerte, ihr ins Gesicht zu treten.

„Nun, so, wie ich es gesagt habe …“ Mit einer abruptem Bewegung zog er den Reißverschluss seines schwarzen Anoraks auf, unter dem er lediglich ein kurzärmliges Sweatshirt trug, fläzte sich extrem weit zurück in die Polster, legte beide Arme ausgestreckt auf den Rücken der Sitzbank und schaute Susan völlig neutral ins Gesicht, als sei seine Anmache der Ausdruck abstrakter Neugier. „Machen Sie doch mal den Champagner auf, der hinter Ihnen steht, aber schenken Sie mir nicht zu viel ein, sonst geraten meine Blutwerte vor den Untersuchungen noch außer Kontrolle!“

„Die Reise muss ganz schön anstrengend gewesen sein, Frederik“, konterte sie.

„Meine Reise war absolut ruhig und äußerst entspannend!“

„Oh ja“, lachte Susan gekünstelt auf. „Mit einer Schwarzen im Himmel … da ist es sicher ganz schön heiß geworden!“

„So heiß, dass die Gletscher schmolzen! Man konnte das ewige Eis sehen!“

„Was soll daran schon ewig sein? Die Veränderungen, die da auf uns zukommen, werden uns noch eine kleine Ewigkeit beschäftigen, mehr Zeit haben wir nämlich nicht mehr ...“

Mit einem Mal bremste die Limousine ab. Frederik musste sich festhalten, sonst wäre er Susan auf den Schoß gefallen. „Was ist denn los?“, rief er entnervt.

„Ein Stau, Sir“, antwortete die Stimme des Chauffeurs verzerrt durchs Mikrofon.

„Stau! So eine Scheiße!“

Frederik schaute nach draußen.

„Ach, wir sind ja gleich da, hinter dem nächsten Block links, da ist ja schon der Washington Square Park!“

„Versteh nicht, was da los ist, Sir, normalerweise ist hier immer frei, um diese Zeit erst recht“, hörte er die Krächzstimme. „Wollen Sie ein Glas Orangensaft?“, fragte Susan. „Wollen Sie ein Glas, hab ich gefragt?“ Ohne zu antworten riss Frederik die Wagentür auf und sprang ins Freie. Abrupt hielt er inne und starrte ungläubig auf die Straße. Der Verkehr stand still und vor lauter Menschen war praktisch kein Durchkommen. „Ich geh den Rest zu Fuß, es sind ja nur noch ein paar Meter.“ Mit einer ausfahrenden Geste warf er die schwere Tür der gepanzerten Limousine ins Schloss und entfernte sich im Getümmel.

„Aber hallo“, rief ihm plötzlich einer zu, den er versehentlich gerempelt hatte.

„Sorry“, blaffte Frederik zurück und sah sich einem Extremtyp in Leder gegenüber, gepierct bis zum Gehtnichtmehr. Der wollte ihm offensichtlich an die Wäsche gehen.“

„Na, Schöner, das nenn ich aber ne Überraschung! An Christmas darf man doch jedes Päckchen auspacken!“ „Lass das“, rief Frederik und schlug ihm auf die behaarte Hand. Ich steh nicht auf Leder. Und auf Männer erst recht nicht, okay?“

„Hey, du wirst doch noch einen Augenblick Zeit haben für mich, ist ja sowieso kein Durchkommen hier ... stehender Verkehr!“

„Was ist los?“

„Vorne ist was passiert, alles staut sich, siehst du doch selber!“

Plötzlich zog ihn der Ledertyp eng an sich und biss ihm ins Ohr. Frederik schrie auf und riss sich los. „Du hast sie wohl nicht alle!“ Er hielt sich das Ohr und hastete weiter.

„Wenn man ein Star ist, muss man sich nicht wundern, wenn die Leute auf einen fliegen, vor allem wenn man ohne Bodyguard herumläuft“, rief ihm der widerliche Kerl nach. Frederik riss es herum. Aber der Typ war weg, er hatte sich in Luft aufgelöst wie weggebeamt. Plötzlich schoss ihm Jack Hunters überdimensionales Hologrammgesicht durchs Hirn, das ihn für Momente in eine andere Welt katapultiert hatte. In seinem Kopf schwirrte es, Schweiß trat ihm auf die Stirn, er hastete weiter im Zickzack, immer darauf bedacht, niemanden anzurempeln. Gleich war er bei Jack, dann würde der leibhaftig vor ihm stehen.

Als Frederik den Park erreicht hatte und von der 5th Avenue in die Washington Square North einbog, war er bei Hunters Stadtvilla angekommen. Nur ein paar Schritte entfernt sah er das Haus im Schneetreiben, die Flocken tanzten wie Konfetti durch die Luft und die Bäume des Parks wirkten wie übergroße Schattenrisse vor unsichtbarer Kulisse. Und Jacks Haus schien My home is my castle zu singen wie in einem Dickens-Roman und machte das Broadway Christmas Musical perfekt.

Jetzt erst bemerkte er den Leichenwagen, der vor dem Haus parkte. Alles war mit einem Mal unwirklich still – Frederik hielt den Atem an und strich sich ungläubig die Haare aus dem Gesicht. Einige der Passanten, die an den Absperrungen neugierig stehen geblieben waren, bekreuzigten sich oder murmelten hinter vorgehaltener Hand, während der Sarg über die hohe Eingangstreppe auf die Straße getragen wurde. Frederik schwankte, für einen Moment sah er nur noch das Glitzern des Konfettischnees und den Sarg, der durch flimmerndes, silberglänzendes Nichts schwebte.

„Wo kommst du denn her? Ich wusste gar nicht, dass du in New York bist!“

Mit ihren kurzsichtigen Augen blinzelte Alice Bookspan zu Frederik hoch, der im Vergleich zu ihr ein Hüne war. Alice schien überrascht, als hätte Frederik sie erwischt. Das lag offensichtlich an dem schrägen Vogel, mit dem sie im Gespräch war. Der passte nun wirklich nicht zu ihr mit seinem abgefahrenen Outfit.

„Entschuldigen Sie mich jetzt bitte“, wimmelte sie den Jungen ab, der Frederik neugierig betrachtete, sich aber dann, als Frederik ihn einen Moment fixierte, rasch abdrehte und in den Park verschwand.

„Kommen Sie, gehen wir ins Haus hinüber“, flüsterte Alice, die weinend dem Leichenwagen nachsah, der sich in Richtung Broadway in Bewegung gesetzt hatte.

„Wo ist Jack, Alice, was ist los?“, stammelte Frederik und hielt sie am Arm fest. „Vorhin habe ich doch noch mit ihm telefoniert! Das war doch nicht Jack, den sie da gerade aus dem Haus getragen haben?“

„Ach …!“ Kopflos rannte er über die Straße und war durch den Vorgarten und über die breite Eingangstreppe blitzartig in der offenen Tür verschwunden.

7

„Hey Jack, ich bin’s, wie verabredet!“

Frederik, der ins Haus gestürzt war und durch die Vorhalle über die ausladenden, aber ziemlich verwinkelten Holztreppen in den ersten Stock hinaufhetzte, pochte das Herz bis zum Hals, so arhythmisch wie ein irres Paukensolo von Xenakis. Endlich stand er im Flur vor Hunters Arbeitszimmer.

„Jack ...?“

Frederik klopfte ungeduldig an die getäfelte Holztür und wartete. Wenn Jack sein Hörgerät nicht trug, bekam er manchmal nur die Hälfte mit. Er drückte die Messingklinke, trat ein und hielt inne.

Das geräumige Zimmer war leer, niemand war da und kein Licht brannte. Er blinzelte in die Düsternis, reckte den Hals und hielt seine Nase in die stickige Luft, als wolle er Witterung aufnehmen. Im gelben Schein der Lampen, der von der Straße hereindrang und kubistisch verzerrte Licht- und Schattenflächen auf Boden und Wänden zauberte, wirkte alles tot – wie die Welt auf einer Daguerreotypie, die nur mehr ihr verblichenes Abbild zeigt, von graugelben Schlieren und schwärzlichen Wolken überzogen. Da stand der riesige Schreibtisch aus amerikanischem Eichholz, von vollgeschriebenen Zetteln und Manuskriptstapeln übersät, mit aufgetürmten Folianten in Goldprägung und zerlesenen chinesischen Fachbüchern überladen und Computern, deren alte konkave Monitore die Umgebung verzerrend und zerdehnend spiegelten. Und Jacks Stuhl war leer, da saß niemand.

Ohne das Licht anzuschalten, betrat er den Raum, schloss sachte die Tür und ging leise zum Schreibtisch. Vorsichtig setzte er sich auf den javanischen Holzstuhl mit den geschwungenen Armlehnen, auf dem Jack – schon seines Hüft- und Rückenleidens wegen – am allerliebsten gearbeitet hatte, und blickte durch die hohen Fenster auf den Park. Es schneite – der Konfettischnee, ach ja, die Schattenriss-Arie der Bäume und Jacks Sarg, der durch die Luft schwebte wie von Geisterhand getragen: Frederik schüttelte den Kopf über sich und seine Erlebnisse, die sich manchmal in seinem Kopf verselbstständigten, als wären sie inszeniert.