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COMING-OF-AGE: Der Roman erzählt die Geschichte eines Kindes und Jugendlichen von 0 - 18 Jahren. Und dies seinem Erleben entsprechend, das sich aus vielen Parallelwelten zusammensetzt. Und seiner Wahrnehmung gemäß, die keine Zwangsläufigkeit und Reihung kennt. Fantastisch und diskontinuierlich und erst am Ende chronologisch, wenn er erwachsen wird. Kapitel für Kapitel hüpfen die Geschichten hin und her und schaffen Raum, dessen erfahrbare Ausdehnung sich im Grenzenlosen verliert. Sie beschreiben Zustände und Erlebnisse, die ohne Raster sind und ohne Zeitgitter: Kinder kennen keine Zeit, sie leben in der Gleichzeitigkeit und erleben jede neue Perspektive der Wirklichkeit als eine andere Welt: Wechselnde Identität – Außen und Innen oszillieren und geben ersten Erfahrungen besondere Plastizität und Poesie. Der Reichtum unseres Lebens ist nicht geordnet. Vergangenheit und Zukunft sind eine Funktion: In dem, was war, gewinnt es Realität, in dem, was sein wird, Identität. Das Heute aber ist schon vorbei, bevor es angefangen hat. Was heißt hier jetzt. Das Buch ist ein Puzzle, Puzzlesteine (Kaleidoskop!), dessen Bild sich vor dem Auge des Lesers allmählich zusammensetzt: Zu einer (inneren) Geschichte, mit Anfang und Ende, deren unterschiedlichste Aspekte die Offenheit und Zufälligkeit der Existenz betonen und nicht dessen scheinbare Stringenz: Zufall ist der beste Koch. Die Geschichte spielt zwischen 1949 und 1968. Im Wohlstand und Wirtschaftswunder, das gerade sein böses Wunder erlebt. Die Ruhe vor dem Sturm.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Peter Mussbach
Ein Puzzle 1949 – 1968
RAUMLOSER RAUM Blog von Peter Mussbach
www.peter-mussbach.de
© 2015 by Peter Mussbach
Alle Rechte vorbehalten
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-3773-5
Konvertierung: www.e-book-erstellung.de
Wenn er nicht so geblendet wäre, könnte er die Farbblitze des sanften Gewitters rund herum, das ihn sich schon längst einverleibt hat, besser erkennen. Was auch immer mit einem geschieht, so muss es wohl sein, wenn man im aufgewühlten Meer dahintreibt, unter oder über Wasser, denn atmen muss man nicht, hört er irgendwo.
Sagen kann er nichts, noch nicht einmal sprechen. Wenn er wenigstens stammeln könnte, Satzfetzen herauspressen wie „Aberomalieb“ oder „Raketetrakete“ oder „Glitzergeglitzer“ zum Beispiel, er würde sich doch nicht verraten wollen, schon gar nicht in einer solchen Situation, wo man drinnen nicht wissen kann, mit wem oder was man es draußen zu tun hat.
Bei allem seltsamen Zauber aber, hatte er nicht gerade noch versucht, herauszufinden, was das alles zu bedeuten hat? So erinnert er sich später das eine oder andere Mal, wenn er irgendwo vor einem offenen Fenster sitzt, und das Draußen wie beiläufig an ihm vorüber zieht: Was ist „Empfindung“, wenn alles sich wie selbstverständlich in Bewegung befindet? Und das Denken kreist, als würde es sich selber denken, obwohl es so richtig noch gar nicht da ist. Und, was sieht man, oder, was kann man denn sehen, wenn man durchs Fenster schaut. Der Blick um die Ecke, der macht nicht froh, wenn man sieht, was sich da so alles den Blicken entzieht: Seinen Augen kann man eben nur einen Schrittweit trauen.
Er erinnert sich, auf einem kalten, vom vielen Desinfizieren schwefelgelb ausgeblichenen Wachstuch gelegen zu haben, mit dem das Gestell oben auf der Metallplatte überzogen war, es hätte aus der Anatomie stammen können, oder aus der Pathologie.
Wie er sich da so liegen sieht, ahnungslos hingestreckt, hatte er damals überhaupt schon einen Anflug von Ahnung davon, was ein Wort wie „Gestell“ bedeutet, oben auf dem Gestell? Wo ist oben?
Später denkt er, dass er, der denkt, nichts anderes ist, als ein Abdruck der Welt, welche als Eindruck in ihm Wirklichkeit geworden ist. Was ihn nicht gedrückt hat, dafür hat er auch keinen Ausdruck. Und „Ich“ – davon spricht er nur selten, nur dann, wenn er nicht mehr weiter weiß. Was soll daran Denkenswertes sein.
Im Grunde seines Herzens fühlt er sich eigentümlich wohl und geborgen, wenn da nicht jetzt, wie aus heiterem Himmel, von oben auf ihn unerbittlich niederstrahlende Lichtlanzetten zu tanzen begonnen hätten, die in die Seele brennen. So entstehen Geschichten im Kopf, schwirrt es ihm durch die Schläfen, so schnell vergisst man das nicht. Wo er sich befindet, weiß er nicht. Es spielt auch keine Rolle. Er wird es nicht herausfinden können. Also lässt er es sein, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Die sengenden Lichtflunkerstrahlen, welche aus unermesslicher Höhe wie böser Regen auf ihn herabprasseln, pieksen in den Augen. Zum Schutz will er die Hände vors Gesicht halten, aber beide Arme seines Körpers sind fixiert, mit festen Gurten gehalten, so dass seine Augen unverwandt den Strahlen ausgesetzt bleiben. Selbst wenn er versucht, die Augen zur Seite, nach schräg oben oder links unten zu rollen, sein blickloser Blick vermag sich ihnen nicht zu entziehen. Könnte es nicht sein, dass die Feuerlichtpfeile gar nicht von oben, sondern aus dem tiefsten Inneren geflogen kommen und sich gleichsam wie Spieße in den Augäpfeln festhaken?
Bilder eines alles penetrierenden und perforierenden Sternenhimmelgelichter steigen in ihm auf, das im Widerschein der Erde erst Kontur verleiht, einem Sternensteinball, welchen die Gravitation gerade noch am Zügel hält.
Er versteht ohne zu verstehen: Das Gestell hält ihn fest. – Wenn er später Nachtbilder der Erde in Händen hält, ängstigen ihn weniger die vielen dunklen Gebiete unter seinen Augen, als vielmehr die Lichtballungen der Ballungszentren, welche von unten ihren Schein nach oben pulsen, als wären sie allein im Dunkel der Nachbarn. Tagsüber lässt es sich nur scheinbar leichter leben. Wo ist dann der Mond! Er grinst, wenn er manchmal auch tagsüber am Himmel steht.
Die abgründige, ihn Jahre später ins Bodenlose stürzende Empfindung aber, dass die Sterne am Himmel nichts anderes sind als verspätete Signale aus einer vielleicht schon ewig dunklen Vergangenheit, die als Sternensterne schon nicht mehr existieren, obwohl man ihr Flunkern noch leuchten sieht, macht ihn unsicher und still. Bald wird es keine Sterne mehr geben, dann ist auch die Nacht verleuchtet und ein anderer Tag bricht an.
Der vage Schein von Vergangenem ist von da an für ihn als spürbarer Hauch in jedem und allem sichtbar enthalten. Und eine gedeihende Natur, die nicht auf der erdigen Kraft des Zerfalls beruht, ist keine Natur, sie würde unversehens verwesen, und alles Lebendige wäre auf immer getilgt. Dann gäbe es auch niemanden mehr, der die leblose Verwesung noch würde riechen können. Dann hätten es selbst die Hunde schwer.
Als die Hand des Chirurgen das Skalpell mit routinierter Geste vom OP-Tisch aufnimmt, ist er schon längst ins Nirwana, dessen frisch belebtes Nichts ihm eigentümlich vertraut vorkommt, abgetaucht. Die widerwärtigen, alles Fleisch verzehrenden Lichtfeuerpfeile sind verschwunden, jetzt amalgamiert mit Myriaden anderer Spektrallichter, die ihn wie spätsommerliche Glitzerluft umhüllen und erwärmen. In seinen mutmaßlichen Gedanken und Empfindungen, welche ihn allmählich verlassen, ganz geborgen, dreht er sich zur Seite und schläft ein.
Nach einer wunderbar langen Weile hat sich das Gewitter verzogen. Das flirrende Gelichter ist verschwunden, und sein Blick geht vor sich hin: Nass geschwitzt liegt er in seinem Bett, den süßlich stechenden Geruch von Äther in den Nasenhöhlen, der später, wenn er still sitzend den Kopf nach oben gereckt, den Nachthimmel studiert, um den Rätseln endlich auf die Spur zu kommen, immer wieder alles durchdringt: Äther und Äther. Er lacht.
Der Himmel will sich ihm um jeden Preis entziehen: Je schneller er rennt, je virtuoser er das Tempo wechselt und unvorhersehbare Haken schlägt, je überraschender er attackiert und wie aus dem Nichts nach oben hechtet, höllisch davon überzeugt, den Kometen endlich zu fangen, um ihn dann, glühend in seinen Händen, sofort wieder in den Himmel zurück zu schleudern wie bei einem irren Ballspiel mit der Ewigkeit, desto ruhiger und vollkommen unbeeindruckt dreht die Himmelsglocke wie von Geisterhand bewegt, immer in geschickter Distanz zu jeder seiner Bewegungen, die Achsen des Gewölbes von ihm weg und rückt den Kometen in unerreichbare Ferne, so dass er – letztlich nur noch ins Leere springend – zwangsläufig zu Boden stürzt.
Reglos liegt er im Wasser einer Sommerregenwiese, das noch aufgeregt kleine Wellen schlägt und spürt die Kälte schon zwischen der Haut. Mit dem treuesten Blick schaut er spielerisch um sich ins Dunkle wie ein Hund, hat ein nasses Fell, dumme Schuldgefühle im Bauch und zittert tierisch am ganzen Leib, als würde der Himmelskörper jeden Augenblick herabstürzen und Chaos anrichten. Der aber ist lange weg und nicht mehr zu sehen. Er richtet sich auf. Die Strahlen der zwischen den Bäumen aufgehenden Sonne fangen seinen Blick und Körper. Das Flimmern im Auge, das sie in ihm provozieren, das Glitzern um ihn herum, verwirrt ihn. Hat er sich zu allem Überfluss am Kopf verletzt. Sieht er Sterne?
Eine Weile hockt er mit angezogenen Beinen, welche seine Arme fest umschlungen halten, im Ungefähren und blinzelt erwartungsvoll ins Weite. Es ist still. Still! Er hat sein Gehör verloren. Die Resonanz seines Herzschlags schwingt in jeder seiner Adern, während die auf seiner bloßen Haut prickelnde Wärme der vor ihm aufgehenden Sonne eine unvermutete, nie gehörte Musik in jeder seiner Zellen provoziert – innen und außen im Einklang.
Im Haus, in dem er mit seinen Eltern wohnt, steht die Luft, obwohl alles neu ist: Villa und Gartenpark. Swimmingpool mit Unterwasserbeleuchtung – allgemeines Wirtschaftswunder. Irritiert reibt er sich manchmal die Augen. Kaum wahrnehmbarer Dunst macht die Bilder unscharf, zeitweilig verschwimmen die Gesichter. Woher das rührt, kann er aus den unterschiedlichsten Gründen nicht sagen. „Der steht in jedem Zimmer“, murmelt er vor sich hin, „wie der gelbschwarze Dunst auf einem alten Photo, der alles überzieht.“
Manchmal ist alles irgendwie schief, schief und bewegungslos. Sein Vater will davon nichts wissen. Er sieht aus wie eine grobe Mischung aus Jean Gabin und Ludwig Erhard als Sportler, also dick, ja unförmig, aber sehr beweglich. Und charmant mit vielen Verhältnissen. Das riecht er. Aber er riecht auch den süßbitteren Hauch, welcher aus dem brandneuen, hautengen Strickkleid seiner Mutter dringt. Manchmal, ganz ohne Grund.
„Was du wieder sagst, von welchem Geruch redest du?“ – Seine Mutter will das nicht hören, denn sie ist nach der Trümmerfrau die nächste Generation von Frau, die betont, einfach Glück gehabt zu haben: Das läge ja schließlich in der Luft, man käme wieder voran, nach all den Entbehrungen. Sie sagt das wie die Knef, sieht aus wie die Pulver, will aber so sein wie Lollobrigida. Da ist der Geruch wieder, eine Art Mandelgeruch. Bittersüß. Als Seidenpapier in der Luft, das klammfeucht die Konturen verklebt.
Häufig kommt Besuch; der heißt schnell „Freundekommen“. Freunde sind die, welche auch Glück gehabt haben und viel verdienen, weil sie es verdient haben. Neidisch ist man trotzdem aufeinander. Was der eine hat, hat man möglicherweise selber noch nicht: Es herrscht Aufbruchstimmung, da will keiner zurückstehen! – Man bestaunt den neuen Kühlschrank im Keller der Freunde und bestellt am nächsten Tag denselben. Eine Bar im Keller, die man sich leisten können muss, ist der Geburtsort der Party. Wenn man keine Party machen kann, weil man noch keine Kellerbar hat, kommt der Innenarchitekt und überholt die Freunde rechts. Dann ist drunten „richtig“ Party, was die anderen Freunde in ihrem Keller so nicht hinkriegen.
Man legt das Dekolletee frei und stelzt durch die Wohnzimmerhallen wie in Schöner Wohnen, dessen Hefte sich in der Bibliothek stapeln, weil sie die Hausbar ist. Und man spielt Tennis, schließlich will man fit bleiben und hasst den Gedanken, älter zu werden. Wer nicht mithält, sitzt ersatzweise auf dem Schiedsrichterstuhl und zählt 30 zu 40, bevor „Einstand“ ist.
Draußen in den Gartenanlagen steht Tropenholz vor den Fenstern, die bis zum Boden reichen. Die Heizungskörper drinnen haben sie versenkt, damit man ungehindert ins Freie treten kann. Der Fernseher läuft, es herrscht Heiteres Beruferaten: Wenn der Stargast kommt, zieht sich das Rateteam die Masken vor die Augen und stochert sich ein Bild zu Recht: „Ihr Haar ist dunkel und ihr Mann heißt Giller, dann können sie nur Nadja Tiller sein.“
Immer gibt es Stoffservietten, die montags frisch auf den Tisch kommen. Am Wochenende erinnern sie mit ihren ekelhaft gelbbraunrötlichen Flecken an das zu Tode desinfizierte Wachstuch mit seinen gelbbraunrötlichen Stockflecken, auf dem er operiert wurde, als er knapp ein Jahr alt war.
Gemeinsam mit seinen Eltern sitzt er am Tisch, der mal größer, mal kleiner wirkt, je nachdem, wie die Stimmung ist. Die Dinge rücken von ihm ab oder rücken ihm auf den Pelz. Er kann sich nicht helfen: Wie er sich fühlt, so sieht er. Und was er sieht, so fühlt er.
Sonntagmorgen. Gemeinsames Frühstück. Heute rückt ihm sein Vater auf die Pelle, ganz dicht vor ihm sein riesiges Gesicht, so schmal war der Tisch noch nie. Zwischen seinen ungeschlachten Fingern hält er ein vom Zweiten Dienstmädchen sorgsam gepelltes Ei, dessen dünnflüssigen Dotter er sabbernd in sich hineinschlürft. Da rennt er zur Toilette, weil er sich übergeben muss. Wenn er seinen kurzen Oberkörper endlich über das Becken beugt, kommt nichts als ein wenig gelbbraunrötlich anmutender Schleim aus seinem aufgerissenen Gesicht: Ladehemmung. Gefangen.
Der Vater seines Vaters war Antinazi. „Es liegt eben in der Familie!“ Darauf beharrt sein Vater, als wolle er es ungeschehen machen, in der Partei gewesen zu sein.
„Hacket ihn ab, denn er ist zu nichts nütze“, titelte der Völkische Beobachter über seinen Großvater, als der Mitte der dreißiger Jahre in der Universitätsaula eine gewagte Rede gegen den Braunen Terror gehalten hatte. Sein Sohn hörte ihm zu. Er stand an der weit geöffneten Tür des überfüllten Saales; sollte es brenzlig werden, hätte er schnell das Weite suchen können. „Der Mut meines Vaters damals ist noch heute zu bewundern“, sagt er später.
Als Anwalt verdient sein Vater so viel Geld, dass er sich selber manchmal die Augen reibt. Seit Ende der vierziger Jahre führt er die erste Kanzlei der Stadt, die er angesehen und erfolgreich betreibt. Schon damals hatte er gute Beziehungen, die Entnazifizierung war kein Problem.
Als er sich genötigt sieht, seinen Sohn endlich aufzuklären, „bevor es zu spät ist“, wie seine Mutter sagt, setzt er ihn sich im Wintergarten auf den Schoß: „Ziehe niemals einem Mädchen das Höschen von der Scham, wenn es nicht will“, sagt er ihm, „stell dir vor, die sagt im Nachhinein noch, du hättest sie vergewaltigt, das kostet, besonders, wenn du sie geschwängert hast. Unseren Ruf kannst du dann ohnehin vergessen.“ Seine Mutter, die stets kontrolliert wirken möchte und vorgibt, alles im Griff zu haben, hat nichts im Griff. Vielleicht redet sie deshalb in unangenehmen Situationen immer wieder von Bertha Krupp: „Die war tapfer und versuchte zusammenzuhalten, was zusammenzuhalten war, aber alles hatte selbst sie nicht im Griff.“
Im Griff hat sie ihn nur einmal, da ist er gerade mal ein halbes Jahr alt. Sie muss ihn wickeln, weil die Dienstmädchen frei haben. Und wieder schreit er wie am Spieß, weil er ihre groben Griffe nicht erträgt. Die Halsschlagadern schwellen, im Kopf kommt kein Blut mehr an, und er droht – wie immer in solchen Situationen – ohnmächtig zu werden und sinkt leblos zur Seite. Da packt sie ihn kopfüber und prügelt ihn kräftig durch, so, wie der Kinderarzt es ihr geraten hatte. „Schließlich habe ich schon zwei Kinder verloren, was sollten wir denn machen“, sagt sie zu seinem Vater, „aber immerhin, es hat etwas gebracht, er hat das nie mehr wieder gemacht.
In seiner Mutter herrscht unbestimmbare Unruhe. Das ist ihr einziges, wahres Geheimnis. Egal wie ihr zumute ist, sie ist angespannt. Bald schon wirft sich sein Vater in die Arme der Miezen vom Tennisclub. Und er übt nachmittags nach der Schule stundenlang Klavier, nur um sich der Mutter zu entziehen. Oder er haut in sein Zimmer ab. Oder er radelt davon und keiner weiß, wo er steckt. Oder er kriegt Magenschmerzen und darf im Bett bleiben. Ein weiteres „Oder“ bleibt ihm nicht.
Auf dem Flügel, auf dem er übt, „wie ein Wahnsinniger“, spottet sein Vater, stehen die in Silberrahmen gezwängten Familienangelegenheiten: Die Photos seiner beiden toten Brüder zum Beispiel. Oder der merkwürdige Vater seiner Mutter, sein „schiefer“ Großvater, der ihm ein Rätsel ist, ganz im Gegenteil zum Vater seines Vaters, der ein offenes und lustiges Gesicht hat – ein echter Antinazi. Oder sein Vater als Nachrichtenoffizier im besetzten Paris, der gerade zum Militär eingezogen, jung und frisch, keck dem Feind ins Gesicht schaut. Oder seine Mutter, adrett im Tenniskostüm. Oder, schön wie Grace Kelly, vor dem Bayreuther Festspielhaus.
Auf einer Photographie sieht er sich selbst, wenn er spielt, wie er da beim Spazierengehen einem Teddybären gleich zwischen seinen Eltern hängt. Die hat er selber auf den Flügel gestellt. Früher lag sie im Keller im Schrank, unter hundert anderen versteckt. – Immer dann, wenn er eine ohnmächtige Wut im Bauch hat, donnert er auf die Tasten und lässt die Bilder auf dem Flügel tanzen wie verrückt: „Du spielst ganz toll, mein Junge“, sagt sein Klavierlehrer zu ihm, „warum aber immer so laut?“ Damit die Bilder tanzen“, antwortet er lakonisch.
„In dir erkennt man die typische Frau nach der Trümmerfrau“, sagt sein Vater zur Mutter, „du hast das Gröbste hinter dir und willst jetzt endlich das schöne Leben“, nachdem er im Halteverbot bei laufendem Motor ewig auf seine Frau gewartet hat, die noch schnell im Laden ihre Bestellungen abholen muss. „Und mit dir habe ich die beste aller Partien gemacht!“, antwortet sie. – Das erzählt sie auch jedem in der Stadt, wenn sie in ihrem Karmann Ghia mit einem der Dienstmädchen beim Einkaufen unterwegs ist: „Ich helfe beim Wiederaufbau und mache alles schön. Und mein Mann hilft mir dabei, weil er gut verdient.“
Am Abend legt man vor dem neuen Fernseher die Füße hoch und macht es sich gemütlich. Jeden Abend, wenn man zuhause ist und keinen Besuch hat. Bald gibt es schon zwei Kanäle, was zwischen ihm und seinem Vater zum Krach führen kann. Die Mutter lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie erzählt von ihren Einkäufen, während der Vater die umfangreiche Briefmarkensammlung komplettiert und nur die Tagesschau sehen möchte: „Du wirfst mein Geld zum Fenster raus“, sagt er. Sie aber springt auf und macht vor laufendem Programm mit einer quietschenden Pirouette vor dem Fernsehgerät ihr eigenes Programm: „Nun sieh doch hin, das nennst du Geldverschwendung, das neue Kostüm, du hast es noch gar nicht angeschaut, es ist doch wie für mich gemacht, findest du nicht auch, so schau doch her!“ Weitere Pirouetten. Er verzieht sich nach oben, in sein Kinderzimmer und zieht die Tür hinter sich zu.
„Träumt sie etwa von einem anderen, einem ungeahnten Leben?“ Er denkt an seine Mutter. „Vater will ein anderes“, glaubt er, ist sich aber nicht sicher. Sein Kopf kreiselt. „Meine Eltern?“ – er ist verwechselt worden!
Als die Gedanken endlich in seinen Gefühlen versinken, fühlt er sich ganz unvermittelt eigentümlich beschwingt. Die angenehme Dunkelheit, welche sich in seinem Zimmer vor ihm ausbreitet, belebt der Lichtscheinhauch einer fernen Straßenlaterne, welche draußen in den vom Nachtwind leise bewegten Zweigen vor sich hin schaukelt. In sanft schimmernder Wellenbewegung spielt der Raum mit seinen Proportionen und Konturen, eröffnet ihm raumlose Landschaften, die in zartem Wechsel beinahe unmerklich ihren Charakter verändern: Nähe und Ferne paaren sich, drinnen ist draußen und draußen drinnen. Er macht sich auf den Weg; dorthin will er.
Er hat noch nicht ein paar Schritte getan, als er hinter sich die bramarbasierende Stimme seines Großvaters hört, der, als er sich erschrocken umwendet, in der jetzt weit geöffneten Zimmertüre aufragt und mit ausfahrenden Gesten ihm von wilden Jagden berichtet. „Merkwürdig“, denkt er, „was macht mein ‚schiefer' Großvater hier?“ – Hat seine Mutter ihm ihren Vater nachgeschickt, um ihn zurückzuhalten?
Der Großvater erzählt ihm von seinen Kasperlepuppen, die ihm den Schlaf geraubt hätten: Selbst er, der Großvater, hätte es zunächst für unmöglich gehalten, so entfährt es dem aufgebrachten Alten mit schwerem Atem, aber die Gretel und der Teufel hätten an der weit ausschwingenden Lampe gehangen und sich über ihn – den Witwer da unten allein im Bett – lustig gemacht und dabei auch noch demonstrativ wild Zärtlichkeiten ausgetauscht, so dass die Lampe beinahe aus ihrer Verankerung gerissen und ihm auf den Kopf geflogen wäre. Wenn, Gott sei Dank, nicht im letzten Augenblick das Krokodil gekommen wäre und von der Kommode aus warnende, ja flehende Zeichen nach oben zu Gretel und Teufel und Himmel hin gemacht hätte, um das Allerschlimmste zu verhüten. Als plötzlich, für ihn vollkommen überraschend, um sein Bett herum ein wahrer Veitstanz verrückt kostümierter Affen losgegangen wäre, die ihn daran hätten hindern wollen, das Bett fluchtartig zu verlassen, was doch die letzte Möglichkeit gewesen wäre, dem Inferno zu entkommen. In Panik habe er sich aufgerichtet, mit buchstäblich zu Berge stehenden Haaren, als er mit einem Male den Paradiesvogel auf sich herabstürzen sah. Dessen mörderischer Attacke habe er zwar mit einem verzweifelten Satz zur Seite gerade noch ausweichen können. Aber dann – mit gefrorenem Blut in gefrorenen Adern – sei er in seinem Bett erstarrt, weil eine Armee aus Mickeymausfiguren in Ritterrüstungen vom Fußende des Bettes gespenstisch mechanisch über die Bettdecke gegen ihn vorgerückt kam und ihn dazu gezwungen habe, sich mit unbeholfenen Sätzen ans Kopfende seines Bettes zurückzuziehen, wobei er sich, nicht nur als Großvater, lächerlich vorgekommen sei, weil er beinahe sein Gesicht verloren hätte. Denn unter seinem völlig zerwühlten Kopfkissen heimtückisch versteckt, habe ein Nilpferd auf ihn gewartet, um ihm, dem Großvater, einen halben Todesstoß zu versetzen und ihn mit seinen wilden Hauern in den Hintern zu beißen. Vor Schmerz habe er aufgeheult, was die Gretel augenblicklich mitleidsvoll dazu veranlasste, sich den anzüglichen Fängen des Teufels zu entreißen, um sich – im freien Fall von der Lampe wie eine weltberühmte Akrobatin – nach unten in seine Arme zu werfen. Sofort habe die Gretel angefangen, herzzerreißend zu weinen, um urplötzlich und vollkommen überraschend, ekstatisch aufzulachen und ihn so inbrünstig an die Brust zu nehmen, wie er, der Großvater, es in seinem ganzen langen Leben von keiner Frau je hätte sich erträumen dürfen.
Am nächsten Morgen erzählt er begeistert beim Frühstück davon, dass der Großvater ein Verhältnis mit der Gretel hat: „Sie ist ihm einfach ins Bett gesprungen“, und das ist dem Großvater in seinem ganzen Leben noch nie passiert, dass eine Frau so mir nichts dir nichts ihm in sein warmes Bett hüpft, und das auch noch splitterfasernackt von oben wie ein Himmelsgeschenk, so dass er – ohne es richtig zu wollen – einen Steifen kriegt.
„Den habe ich sogar schon einmal gesehen, als ich ohne anzuklopfen ins Badezimmer komme und den Großvater sehe, wie er sich rasiert. Unten, unter seinem Busch heraus, wächst eine riesige Palme empor, mit einem kleinen glitzernden Tropfen als Krone oben drauf, wohl um die Bienen anzulocken“, sagt er mit der Stimme eines Botanikers.
„Wenn dein Großvater zu Besuch ist, hat man ihn im Badezimmer nicht zu stören“, sagt seine Mutter, „im Duschzimmer liegt die Zahnpasta, was musst du da auch im Badezimmer herumschnüffeln!“ – „Der darf ja sogar in meinem Bett schlafen, wenn er zu Besuch ist, und ich muss in die Ritze“, versucht er sich zu wehren. „Damit ist jetzt Schluss, dafür sind wir alle zu alt“, sagt sein Vater entschieden, „das nächste Mal schläfst du unten auf dem Klappbett und lässt gefälligst deinen Großvater in Ruhe!“ „In Ruhe“, murmelt er an seiner Semmel kauend, „von wegen Ruhe, der Großvater ist ganz hipp, hipp, hurra nach der Nacht mit der Gretel.“
„Warum ist Großvater nicht da und frühstückt mit uns“, ruft er plötzlich aus, der Großvater soll endlich kommen, wie lange braucht er denn noch oben im Bad mit der Gretel?“ „Dein Großvater ist tot, mein Lieber“, sagt sein Vater, „der ist nicht oben im Badezimmer, den haben wir schon längst begraben, der ist jetzt unten, unter der Erde!“ – „Aber wieso denn“, ruft er zornig, „Großvater ist oben mit der Gretel im Badezimmer, der ist nicht tot.“ Er springt auf, wobei er beinahe die Teekanne umstößt und läuft hoch ins Badezimmer, wo der Großvater sich gerade den Scheitel zieht. „Wo ist denn die Gretel?“, fragt er neugierig.„Die liegt noch in deinem Bett“, lacht der Großvater schief, der mit zusammengekniffenen Augen seinen Scheitel im Spiegel betrachtet. „Darf die Gretel da nicht sein?“ „Doch“, sagt er, „das Kasperle aber auch!“ – “Schweinkram!“, zischt der Großvater und starrt ihn plötzlich mit stechenden Augen an: „So ein Schweinkram, zu dritt!“
„Was für ein Sommer“, durchfährt es ihn. Er kann noch nicht richtig sprechen, aber fühlt, wie er denkt: Er ist noch ein Kind. Denken und Fühlen gleichzeitig.
Sein Sommer heißt „Warms“, da ist das „S“ vom Sommer drin, wenn es warm ist. Und warm kann es schon im April sein, selten im Oktober, „es sei denn, man wohnt in Oberbayern“, erklärt ihm Tante Emmi, „da gibt es den berühmten Altweibersommer im Oktober.“
„Meine Güte, wer hätte das gedacht, schon Ende September, nein, um Gottes Willen, es ist ja schon Anfang Oktober …, wie die Zeit vergeht!“, sagt seine Mutter beim Mittagessen wie aus heiterem Himmel und tupft sich mit der Serviette kapriziös die Schläfen. „Wo die ersten, nicht mehr zu übersehenden Falten vom vielen Reiben nur schlimmer werden“, warnt sein Vater, der manchmal schrecklich ehrlich sein kann. – Ehrlich ist er selber auch. Aber instinktiv vermeidet er es, seiner Mutter alles zu sagen, obwohl er noch gar nicht richtig sprechen kann.
„Sie erträgt Direktheit nur in homöopathischen Dosen“, scherzt Tante Emmi mit ihm, während sie bei einem Waldspaziergang Unfug treiben. Sie weiß, dass er kein Wort versteht, aber dasselbe denkt. – „Du willst am liebsten nach Oberbayern, nicht wahr?“, juckst sie. „Oh ja“, antwortet er begeistert, „alte Weiber!“ – „Nein, bitte, das sagt man nicht, Sommer mit alten Weibern, nun also!“, Tante Emmi ist nicht mehr zu halten. Er auch nicht: „Bayern oben Bayern … Obernbayern!“
Obernbayern! – „Du erinnerst dich nicht, das darf doch nicht wahr sein, nun ja, es ist ja auch schon ein paar Jährchen her!“, sagt sein Vater amüsiert, während die Mutter ihm noch etwas Gulaschsuppe nachlöffeln lässt, die es dienstags oder donnerstags als Mittagssuppe gibt, wenn es Ende April noch oder Anfang Oktober schon kalt ist. Er sitzt und staunt: Obernbayern! Eine wirklich komische Geschichte, aber – beim besten Willen – die ganze Geschichte sagt ihm nichts, es ist ewig her, er kann sich einfach nicht mehr an sie erinnern; für ihn bleibt das Ganze eine Geschichte. „Aber ‚alte Weiber', das sagt dir doch sicherlich noch etwas, oder nicht“, hakt seine Mutter nach, wobei sie achtlos dem Ersten Dienstmädchen die Rosenthal-Terrine in die Hände drückt, damit die Suppe in der Küche noch einmal richtig heiß gemacht wird: „Nicht warm, verstehen Sie?“, sagt sie dem Dienstmädchen kalt, „heiß, nicht warm!“ Sein Vater lacht immer noch: „Obernbayern … Obernbayern!“ Und jetzt ist auch die Verzweiflung in seinem Lachen zu hören, wie so oft in letzter Zeit.
„Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich mich an die alten Weiber im Sommer nicht mehr erinnern kann – eine wirklich trockene Angelegenheit, da muss man lachen. Aber vielleicht ist es besser so“, sagt er sich, „da steckt irgendetwas Kaltes drin“, und zieht sich den Pullover über.
Tante Emmi hat gerade ein lustiges Photo entdeckt: „Und morgen habe ich wieder Geburtstag, meinen sechsten Geburtstag“, sagt er stolz. „Und hier bist du noch ziemlich klein“, sagt Tante Emmi und zeigt ihm das Bild.
Gemeinsam sind sie auf sein Drängen hin im Keller dabei, den Erinnerungsschrank zu durchwühlen und zu plündern, denn sein Erinnerungsschloss hat er noch nicht im Kopf, so weit hat er sich bislang nicht vorgewagt.
„Mein „Errrrinnerungsschrrrank“, sprudelt es halsbrecherisch aus ihm heraus, während er selbst auf wackeligen Beinen unterwegs ist: „Das wird besser werden“, stichelt seine Mutter, „wenn du endlich in der Schule bist, in der Schule lernt man richtig laufen, weil man dort auch Sport machen muss.“ – Er aber will keinen Sport machen: „Kletterstange ist scheiße“, schreit er, „sich wie ein Affe nach oben ziehen tut weh, so ohne Boden unter einem!“
Natürlich kennt er das Photo. Er hat es manchmal schon zwischen den Fingern gehabt. „Es ist ein seltsames Photo“, denkt er, als er es jetzt wieder in der Hand hält und unsicher betrachtet: Das Photo wirkt irgendwie unheimlich, als hätte es ein Geheimnis, ein gemeines Geheimnis – ein leeres Geheimnis. „Das Photo ist ...“, murmelt er und starrt vor sich hin, „so ein Dunst und Gespenster.“ – „Leer?“, fragt Tante Emmi nach, als könnte sie Gedanken lesen, „da bist du doch drauf, mit deinen Eltern.“ „Ja“, antwortet er traurig, „als Teddybär!“
Erstaunt nimmt sie ihn in die Arme, wobei das Photo, das er jetzt hinter ihrem Rücken mit beiden Händen fest hält, unter seinen Tränen verschwimmt, so dass er nichts mehr erkennen kann. „Ja“, schluchzt er, „auf dem Photo ist schon was drauf, aber man sieht alles und nichts.“ „Keineswegs, mein Dicker: rechts steht dein Vater“, beruhigt Tante Emmi und wiegt ihn sanft, „und links deine Mama, und du stehst hier, in der Mitte zwischen deinen Eltern, wo soll denn da ein Teddybär sein?“ „Doch, da ist ein Teddybär“, ruft er wütend, „ich, der Teddybär!“
„Nein doch, erinnerst du dich nicht, deinen Teddy hattest du doch damals im Sommer schon verloren. Alle haben dich nach deinem heiß geliebten Teddybär gefragt, den du immer mit dir rumgeschleppt hast, du aber wolltest plötzlich von Teddybären nichts mehr wissen, und den Neuen, den ich dir schenkte, hast du einfach verschenkt, das war nicht nett von dir.“ „Ich kann Teddybären nicht leiden“, sagt er ernst und fährt mit seinem kleinen Zeigefinger fahrig über das Bild: „Ich will nicht wie Teddybär zwischen Vater und Mutter rumhängen, mit den Ekelhosen, da, sieh, wo es doch so warms ist.“ „Das sind aber schöne Hosen, du“, versucht Tante Emmi ihn aufzuheitern, „das sind ganz feine Hosen, die sind sicher von Bleyle.“ „Blleille … das kratzt!“ Er schüttelt sich und rubbelt an seiner trockenen Haut: „Die kratzen und sind immer zu warms!“ „Deine Eltern schauen lustig aus, wie sie da im Photo stehen!“ Tante Emmi lächelt ihm aufmunternd zu und will ihn ablenken. „Nein, i wo, die sind steif, steif wie Puppen!“, wehrt er sich verzweifelt. „Aber nein“, erwidert Tante Emmi, „so schau doch hin, wie sie stolz lachen!“
Als er sich das Gesicht seiner Mutter ganz nahe vor Augen hält, „wie bei einer Großaufnahme“, sagt Tante Emmi und schmunzelt, kommt zum Kratzen noch ein unheimliches Frösteln hinzu: „Kaltwarm ist das Photo“, ruft er entsetzt, „irgendwie dazwischen, Tante Emmi, warms wie Hautkratzen und kalts wie Mamapapa – ich bin nicht der auf dem Bild da, das musst du doch sehen! – Wie alt bin ich da eigentlich?“, fragt er nach einer Weile unvermittelt und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, „wann war das bloß?“ Tante Emmi kann sich daran auch nicht mehr so genau erinnern, und beide einigen sich darauf, dass er damals auf dem Photo genauso alt ist wie ein Knirps, welcher zum ersten Mal in seinem Leben einen Satz fehlerfrei sagen kann, zum Beispiel: „Es ist warm!“ oder: „Es ist kalt!“ – „Warmskalts“ kommt selten vor.
„Kann man sich überhaupt an etwas genau erinnern, Tante Emmi?“ – Tante Emmi lacht: „Wie schön sie lacht“, denkt er, während er ihr in ihr offenes Gesicht schaut und am liebsten ihr Herz drücken würde, weil sie so „schnuckelig“ ist. Tante Emmi zögert einen Moment und denkt nach: „Ja, ich erinnere mich jetzt“, antwortet sie ihm ruhig, „schnuckelig, ja richtig, schnuckelig ist damals dein Lieblingswort gewesen, erinnerst du dich nicht auch? Schnuckelig war für dich doch alles, was warm ist, so wie dein Sommer von April bis Oktober; Altweibersommer, sagt dir das nichts mehr?“ Er versteht nicht: „Heute, mit dir“, juchzt er, „ist es schnuckelig, besonders schnuckelig, denn draußen ist es warm und mit dir auch … mit dir ist es immer warm, auch im Winter oder im Keller – also ist es doppelt schnuckelig, nicht wahr, einfach doppelt!“
„Ja“, scherzt Tante Emmi, „wie das Photo, das ist auch doppelt!“ „Was meinst du damit, warum ist das Photo doppelt, es ist doch nur eins und hat keinen Zwilling?“ – „Doppelt, weil sich in jedem Photo damals und heute vermischen, die Vergangenheit mit der Gegenwart: Wenn du das Photo anschaust, dann hast du ein Photo in der Hand und eines im Kopf, also ein doppeltes Photo: Ein Hand- und ein Kopfphoto gleichzeitig.
Lange schaut er das Bild an und versucht sich zu erinnern: „Also, ich weiß nicht“, sagt er, „mein Kopf sagt nichts, da ist kein Bild. Bei mir ist nichts doppelt, das Bild ist allein, ohne Zwilling und leer, nur hier in der Hand.“ „Aber hier“, sagt Tante Emmi und gibt ihm ein anderes Photo, „daran erinnerst du dich doch, da sind wir beide drauf und schwimmen in deinem Waldsee.“ „Ja, klar“, antwortet er begeistert und quietscht, „das Bild hier ist doppelt!“
Mit Tante Emmi spielt er besonders gerne, vor allem Welt und Leben, wie Tante Emmi es schelmisch nennt – das kann man nicht mit allen spielen, eigentlich nur mit Tante Emmi.
„Spielen wir Welt und Leben“, ruft er Tante Emmi zu, die gerade zu Besuch ist, „lass uns wieder in den Keller zu unserem Erinnerungsschrank gehen und heute Denken und Welt spielen, das haben wir noch nie gespielt, bitte Tante Emmi!“ „Als Gedankenspiel mit unseren Bildern von der Welt“, antwortet sie Augen zwinkernd, nimmt ihn bei der Hand und geht mit ihm nach unten zu ihrem gemeinsamen Wunderschrank, „in dem wir heute einmal richtig mit unseren Gedanken jonglieren“, sagt sie wie ein Zauberin, die schon in den Kisten wühlt, damit es richtig phantastisch wird.
„Ist das ist nicht lustig“, ruft er mit leuchtenden Augen, während sie in den alten und bunt zerbeulten Kartonschachteln mit Rätselschrift auf den Deckeln herumschnüffeln, „da sind sie ja wieder, unsere Altjungphotos: Wo ist denn nur das Photo mit dem Teddybär?“, nörgelt er ungeduldig, „mal sehen, ob da heute noch der Teddybär drauf ist!“
Beide aber können das Photo nicht finden, es hat sich in Luft aufgelöst. „Das ist auch nicht so schlimm“, meint Tante Emmi, während er schon weint, „du kannst dich doch an das Photo erinnern, letzte Woche erst haben wir es gemeinsam angeschaut, das hast du doch jetzt im Kopf?“ „Ja doch“, antwortet er, „aber heute ist es wieder nicht doppelt, weil es verschwunden ist. Heute ist es nur im Kopf, wo ist es denn, das Photo, es will einfach nicht doppelt werden!“ – „Wenn du dich aber ohne das Photo in der Hand einfach so an den warmen Sommerabend damals erinnerst, wo alles so schnuckelig ist, dann brauchst du auch dein Teddybäralleinphoto nicht mehr, das dir Angst macht. Dann ist alles warms und juckt nur noch ein bisschen, oder etwa nicht?“ „Ja, dann ist das Bild im Bauch, das ist schön, ein schönes Bauchbild!“, sagt er und kratzt sich am Kopf.
„Dann stapfst du in deiner Erinnerung durch den Stadtpark, das Eichhörnchen, mit dem du dich gut verstehst, kommt vom Baum runter, und du brauchst noch nicht einmal mehr einen Teddybären, den kannst du wegwerfen“, provoziert sie ihn, „wie damals, als du den armen Bären ein paar Tage, bevor das Photo gemacht wurde, heimlich im Gartenabfall vergraben hast, damit der blöde Teddy endlich weg ist. Und wenn der Gärtner anderntags das Laub und die verfaulten Wurzeln mit dem Teddybären in seiner Schubkarre abtransportiert, dann hast du mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun, und ich werde nicht noch einmal so dumm sein, dir einen Neuen zu schenken, denn du willst ja keinen mehr und verschenkst ihn.“
„Nein, also wirklich Tante Emmi“, ruft er überrascht und weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll, „du kannst Gedanken lesen, jetzt hast du mich erwischt! Ich wollte nicht mehr der Teddy meiner Eltern sein, den sie nur achtlos knuffen, ohne ihn anzuschauen, und mich wie einen nassen Sack durch die Gegend schleifen lassen. – Aber sag mal, Tante Emmi, woher weißt du das alles, die Sache mit meinem Teddybären, meine ich, ich war doch alleine im Garten und keiner hat mich gesehen, da habe ich doch aufgepasst!“ “Ach, mein Schatz“ – Tante Emmi fällt ein Stein vom Herzen: „Ich bin oben zufälligerweise am Fenster gestanden und habe mitbekommen, wie du deinen Teddy unten im Gartenabfall begraben hast!“ „Tante Emmi, Tante Emmi“, ruft er mit einem Mal und krallt sich erregt in ihrem schönen Körper fest, „dann weißt du ja alles! – Mir ist ganz schwindlig … ich sehe nur noch Lichtfeuergeglitzer, ich möchte dich küssen, darf ich … auf den Mund, du … du bist mir doch hoffentlich nicht böse?“ „Ich war dir nie böse, ich habe die Sache mit dem Teddybären nur einfach nicht verstanden, und wenn ich ehrlich bin, heute erst verstehe ich dich!“ – Eine Weile sitzen beide stumm vor ihrem Erinnerungsschrank und hängen den Gedanken nach – Denken und Welt und Welt und Denken.
„Wo bist du? Ist es jetzt warms und schnuckelig?“, flüstert ihm Tante Emmi nach einer Weile zu: „Bon voyage, mein Herz!“, sagt sie ruhig und will ihn nicht stören. Tante Emmi aber kann er nicht mehr hören; abwesend sitzt er da und schaut zu, wie sich viele Puzzlesteine vor seinen Augen langsam zu einem Bild zusammenfügen: An einem Sommerabend im frühen Oktober sieht er sich im Stadtpark sitzen, kratzt sich an seinem runden Kinderbauch und wiegt sich im lauen Abendwind, alleine in einer frisch gemähten Wiese sitzend.
Während er da hockt und seinen verschwommenen Erinnerungen und Schwalben nachschaut und nur mehr Grüngrün um sich herum sieht, ist es Sonntagabend geworden, jener verdammte Phototeddybärsonntag.
Wo seine Eltern abgeblieben sind, daran kann er sich nicht erinnern, gerade war er gemeinsam mit ihnen noch spazieren.
Jahre später. Es ist Winter, bitterkalt draußen und mitten in der Nacht. Noch ein halbes Jahr, dann hat er sein Abitur und wird sich in Luft auflösen. Er sitzt in einem der großen Kellerräume, der jetzt sein Arbeitszimmer geworden ist, in welchem er all diejenigen Erinnerungsstücke zusammengetragen hat und aufbewahrt, die für ihn von besonderer Bedeutung sind: Zu den unterschiedlichsten Zeiten hingekritzelte Zeichnungen, Zitatzettel oder japanische Sinnsprüche ohne Sinn zum Nachdenken, Zeitungsausschnitte, Bildreproduktionen und sogar einige wenige Autographen, von Anja Silja zum Beispiel. Schließlich auch tolle Schmuddelphotos und andere, die nur eine ungefähre Bedeutung für ihn haben, weswegen er diese auch nicht wegschmeißen will. Ein heilloses Chaos, in das Ordnung zu bringen kein Zettelkasten der Welt schafft, sondern nur Aby Warburg, denn der hat die Pinn-Wand erfunden und ihn damit auf die Idee gebracht.
Jetzt ordnet sich das Durcheinander wie von selbst, wenn er hunderte von Zettel, abgerissene Servietten, Briefe und Briefchen, Papiere, vollgekritzelt mit eigenen Gedanken und Empfindungen, getrocknete und in Lieblingsbüchern gepresste Eichenblätter auf die entsprechenden Wandtafeln, welche alle Rollen haben, mit kleinen Silbernadeln heftet.
Nun schweben all die ihm im Augenblick so herzensteuren Erinnerungen zum Anschauen, Betrachten und Sinnieren an schmalen, hoch gestellten Tafeln um ihn herum wie ein kleiner Wald, der, wenn man in ihm herumwandert, in Zeitlupe seine Bäume tanzen lässt, weil sie Beine haben. Dann beginnen die Erinnerungen, nach denen er gerade sucht, plötzlich aufzuleuchten wie Sterne, die man zwischen den Astkronen greifen kann. Unwillkürlich lacht er auf. Er erinnert sich an seinen Kometen. „Meine Güte, das ist schon lange her, der ließ sich einfach nicht einfangen, und ich lande in der Pfütze.“
Jeder Tafelbaum trägt eigene Erinnerungsfrüchte: So gibt es beispielsweise eine Tanteemmi-, Muttervater-, Onkelkurtsegeln-, Potzblitzmutter-, VaterOnkelkurt-, oder Mutterchefarztsohnwand.
Wenn sich etwas auf eine falsche Wand verirrt hat, wird es unverzüglich auf eine andere Wand gesteckt, wo es besser aufgehoben zu sein scheint: Mit einem Mal werden ihm dann die Beziehungen, Entsprechungen und Zusammenhänge zwischen den Dingen deutlicher, manche springen förmlich hervor, weil bestimmte Erinnerungskostbarkeiten – zufälliger- oder überraschenderweise – sich so nahe gekommen sind, dass ihm ein Licht aufgeht.
Ein einzigartiges, sich immer wieder neu formierendes Puzzlelebenserinnerungsspielbild ergibt sich da, aus rollenden Tafelbäumen bestehend und fliegenden Papiererinnerungsschwalben, die zwischen den sich hin und her bewegenden Pinnwänden herumschwirren und ihren Ort, ihre Tafel suchen, die nämlich, wo sie im Augenblick ihr Nest haben.
Alles ist in steter Bewegung begriffen, nichts ist fixiert: Ein Puzzlebild, das sich in sich beständig verändert, da braucht er seinen Himmelspuzzlestein für rechts oben nicht mehr. Als es ihm in der Hose kneift und er ungläubig den Stein aus seiner Hosentasche zieht, lacht er schallend auf: „Du kommst jetzt auf die Nichtswand, die neben meiner Sternenlichtflunkerwand steht, und da bleibst du erst mal eine Weile!“
Direkt neben sich, auf dem Schreibtisch, hat er seit neuestem einen Diaprojektor stehen, der, wenn er ihn wie gewöhnlich ohne Dias einschaltet, seinen Erinnerungsbildern einen neutral genialen Rahmen verschafft. Die Bilder, die er sich gerade vorstellt, kann er dann im leeren Lichtrechteck an der Zimmerwand gegenüber betrachten – Kopf-, Bauch- und Schmuddelbilder.
Heute Nacht ist der Projektor ausgeschaltet: Ihm ist langweilig! Das kommt selten vor – er hasst Langeweile, „sie ist das Schlimmste aller Gefühle, dagegen ist Traurigkeit ein Klacks“, sagt er sich und hat keine Idee, wie er sich ablenken soll. Unwillkürlich, ganz ohne Impuls, greift er zu einer der Pinnwände, die zufälligerweise nahe an seinem Schreibtisch steht, und zieht blind einen Erinnerungsfetzen vom Baum.
Wie ein Los hat er plötzlich ein Photo rücklings vor sich auf dem Schreibtisch liegen. „Soll ich es umdrehen? Oder nicht?“, fragt er sich zögerlich, ein unbestimmtes Grummeln im Bauch. Unvermittelt tritt das Teddybärphoto vor seine Augen. Automatisch schaltet er den Projektor ein und lässt das Losphoto ungesehen vor sich liegen. – „Auf diesem Photo bin ich nicht gut getroffen“, sagt er, als er es vor sich an die Wand projiziert sieht. Tante Emmi kommt ihm in den Sinn, und er erinnert sich an ihren Altweibersommer, an schnuckelig, warmskalts und leer.
Altweibersommer : Es ist Anfang Oktober, Sonntagnachmittag und warm. Die Familie ist im Stadtpark unterwegs – Spazierengehen! Er hängt zwischen seinen Eltern, die ihn durch den Park schleifen: An ihren Händen baumelt und strampelt er durch die Luft und über die Erde, weil sie ihn über den Kies zerren, um ihn im nächsten Moment nach vorne oben zu schleudern. Einen Augenblick spürt er noch Boden unter den Füssen, ehe seine Beine nach hinten weggerissen werden, bis er im nächsten Moment hinauf in die Luft fliegt und in hohem Bogen sofort zurück nach hinten, wo er unsanft auf dem Kies landet, dabei beinahe auf die Schnauze fällt, aber von den Händen der Eltern sofort wieder nach vorne zum nächsten schiefen Luftsprung gerissen wird. „Flieg Teddy, flieg und immer wieder, flieg du Teddy!“, rufen seine Eltern besinnungslos. Plötzlich aber lässt einer von beiden los und er landet in der frisch gemähten Wiese und will nicht mehr aufstehen.
„Dann bleibst du eben liegen und wir holen dich morgen wieder ab“, ruft seine Mutter, wendet sich triumphierend von ihm ab, hakt sich extravagant bei seinem Vater unter und geht mit ihm davon. Er aber rührt sich nicht: „Nein“, denkt er, „die warten nur darauf, dass ich ihnen hinterherlaufe!“ – Mucksmäuschenstill liegt er im Gras und lauscht, wie sich beider Schritte entfernen. Endlich wagt er aufzublicken, weil ein sirrendes Pfeifen an seinem Ohr vorbeizischt und sich als Schwarzlichtpfeil von Schwalben in den abendgrünen Bäumen verliert: „Grün und fliegen gehören zusammen“, denkt er, „Duft und Bäckerei sind weiß und Himmel und Eichen blau.“ Das aber kann sich ändern, je nachdem, was man eben so erlebt.
„Der Sonntag geht beschissen los, wie beinahe jeder Tag die Wochen zuvor, ich sehe jetzt alles klar vor mir.“ – Er legt seine Beine auf den Schreibtisch, zündet sich noch eine Zigarette an und lässt den Diaprojektor laufen: Jetzt sieht er das Bild als Film. Am Nachmittag wird das Photo gemacht werden – Teddy zwischen Eltern.
„Insgeheim bin ich froh, dass ich meinen Teddybären nicht mehr im Arm halten muss“, sagt er sich, während er da so allein im Bett liegt und keine Lust auf Frühstück hat. „Den habe ich gestern im Gartenabfall weggeschmissen, so schnell kommt mir keiner mehr ins Bett!“
Ein Teddybär muss alles mit sich geschehen lassen: Morgens wird er auf den Boden geschmissen, wenn man aufstehen muss und in die Schule hetzt, weil man wie immer zu spät ist. Da liegt er dann erst einmal, bis das Zweite Dienstmädchen aufräumt und ihn unachtsam wieder aufs frisch bezogene Bett wirft, wobei sie ihm noch schnell die Schultergelenke verdreht, damit er niedlich aussieht.
Dann sitzt er womöglich den ganzen Tag dösig mit sich rum, um am Abend, beim Schlafengehen, von der Mutter nervös betatscht zu werden, wobei das blöde Steifftier
