Der Seewolf - Jack London - E-Book

Der Seewolf E-Book

Jack London

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Beschreibung

In 'Der Seewolf' entführt Jack London die Leser in die raue und unbarmherzige Welt der Seefahrt und des Überlebens. Der Roman folgt dem Literaturwissenschaftler Humphrey van Weyden, der nach einem Schiffsunglück von dem brutalen Kapitän Wolf Larsen auf dessen Fangschiff, der Ghost, gerettet wird. Londons prägnante Sprache und eindringlicher, realistischer Stil vermischen sich mit philosophischen Reflexionen über Menschlichkeit, Existenz und Natur, wodurch 'Der Seewolf' sowohl als Abenteuerroman als auch als tiefgründige Studie über die menschliche Psyche aufgefasst werden kann. Die Erzählung spielt in einem historischen Kontext, der stark von den Herausforderungen der frühen 1900er Jahre geprägt ist, was der Geschichte eine zeitlose Relevanz verleiht. Jack London, ein Meister des Naturalismus, war stark von seinen eigenen Erfahrungen als Seemann und seinen sozialen Überzeugungen geprägt. Seine Reisen und die widrigen Verhältnisse der nordamerikanischen Küstengegenden beeinflussten seine Erzählweise und die Charaktere seiner Geschichten. Der Autor kämpfte zeitlebens gegen die Ungerechtigkeit und sah in der Natur oft einen besitzergreifenden Feind, was sich in Wolf Larsens Charakter widerspiegelt. Diese Elemente aus Londons Biografie verleihen dem Text eine authentische Stimme und Intensität. 'Der Seewolf' ist eine fesselnde Lektüre für all jene, die sich für existenzielle Fragen, die Dynamik zwischen Mensch und Natur sowie die harten Bedingungen des Lebens auf See interessieren. Londons eindringlicher Stil und seine tiefgründige Analyse der menschlichen Natur machen dieses Werk zu einem unverzichtbaren Bestandteil der klassischen Literatur. Tauchen Sie ein in diese fesselnde Geschichte und erleben Sie die Herausforderungen, die die Protagonisten meistern müssen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jack London

Der Seewolf

Bereicherte Ausgabe. Eine fesselnde Seereise zwischen Macht und Freiheit
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Alaric Vance
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547668336

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Der Seewolf
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein eisengrauer Rumpf schneidet durch kalte Dünung, und an Bord prallen nackte Lebensenergie und zivilisierter Geist mit brutaler Wucht aufeinander. Diese verdichtete Bewegung trägt den Kern von Jack Londons Der Seewolf: das Meer als moralischer Prüfstand, die Mannschaft als Versuchsanordnung, die Macht als Frage nach Sinn und Recht. London formt die stählerne Bühne einer Robbenfangfahrt zu einem Resonanzraum existenzieller Entscheidungen. Der Leser betritt eine Welt, in der Körperlichkeit, Hunger, Kälte und Befehl die Sprache sprechen, und in der dennoch Argumente, Bücher und Ideen wie Rettungsringe im grauen Wasser treiben, erreichbar und zugleich erschreckend fragil.

Der Seewolf, 1904 erschienen, stammt aus der Feder Jack Londons, eines der prägenden Stimmen des amerikanischen Naturalismus. Das Buch entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts und kombiniert Abenteuererzählung mit philosophischer Auseinandersetzung. Im Zentrum steht ein gebildeter Beobachter, der nach einem Schiffsunglück von einem Robbenfängerschoner aufgenommen wird und dem charismatisch-tyrannischen Kapitän Wolf Larsen begegnet. Aus dem erzwungenen Mitfahren erwächst ein Kampf der Weltanschauungen, der in harte Arbeit, Gefahr und Disziplin eingebettet ist. London zielt auf eine Erkundung von Freiheit, Führung, Moral und Selbstbehauptung – ohne den Reiz, das Risiko und die Unberechenbarkeit des Meeres zu beschönigen.

Als Klassiker gilt Der Seewolf, weil es die Grenzen zwischen Abenteuerroman, psychologischem Porträt und Ideenroman wirkungsvoll überschreitet. London verankert die traditionsreiche Seefahrtsliteratur in einer modernen Sensibilität für soziale und geistige Konflikte. Das Werk beeinflusste Generationen, die das Meer nicht nur als Kulisse, sondern als inneren Spiegel begriffen, und prägte die Darstellung des charismatischen, ambivalenten Schiffsführers. In der Literaturgeschichte markiert es einen Knotenpunkt: zwischen dem Erbe Melvilles und der aufkommenden psychologischen Prosa des 20. Jahrhunderts. Seine langlebige Präsenz in Leselisten, Neuausgaben und Adaptionen zeugt von einer Wirkung, die weit über das Genre hinausreicht.

Thematisch bündelt der Roman Fragen, die zeitlos bleiben: Was trägt den Menschen, wenn Konventionen zerfallen? Genügt Stärke, wenn Sinn fehlt? Wie bewähren sich Werte, wenn sie keinen äußeren Schutz mehr finden? Die See liefert dafür eine kompromisslose Matrix. Arbeit, Wind, Wache, Schmerz und knappe Ressourcen stellen Behauptungen unmittelbar auf die Probe. Im Konflikt zwischen körperlicher Potenz und geistiger Selbstdefinition verdichten sich Überleben, Verantwortung und Würde zu einer Spannung, die jeder Leserschaft vertraut erscheint. Londons Erzählung bleibt dadurch nicht im Exotischen, sondern trifft die Mitte menschlicher Erfahrung – unter Segeln ebenso wie an Land.

Der Seewolf ist auch eine Schule des Denkens unter Druck. London führt Materialismus, Darwinismus, Egoismus und Humanismus in eine Reibung, die nicht akademisch bleibt, sondern Sehnen, Hunger und Schlafmangel kennt. Philosophische Positionen werden an Orten verhandelt, an denen ein falscher Knoten tödlich sein kann. Aus dieser Konstellation gewinnt das Buch seine intellektuelle Elektrizität: Ideen leuchten, weil sie etwas kosten. Der Roman stellt keine Lehrsätze auf, sondern prüft Haltungen, indem er sie in Handlung übersetzt. So entsteht eine Auseinandersetzung, die Kopf und Körper zugleich fordert und die Frage nach dem guten Leben in die Gischt schreibt.

Im Zentrum steht die Begegnung zweier Figuren, die einander spiegeln und herausfordern: ein kultivierter Beobachter mit feinen Sinnen und ein Kapitän, der körperliche Kraft, Willensstärke und scharfen Verstand verbindet. Ihre Dialoge, Blicke und Machtspiele bilden die Achse des Romans. Der Kapitän ist weder bloß Bösewicht noch Held, sondern eine unmenschlich scharfe Linse, durch die wir Welt, Arbeit und Freiheit sehen. Der Gerettete wiederum ist mehr als ein Opfer: Er ist Prüfstein für Bildung, Scham, Mut und Gewissen. Aus diesem Duett erwächst die unaufhörliche Spannung von Faszination und Abwehr, Bewunderung und Entsetzen.

Ästhetisch überzeugt Der Seewolf durch energische Prosa, präzise Seemannschaft und eine Ökonomie des Details. Windrichtungen, Leinen, Lasten und Lichter sind nicht Dekor, sondern Struktur. London nutzt die Technik der See, um Rhythmus und Druck zu erzeugen: Man spürt Decksneigung, Schiffsstoß, nassen Tauwerkgeruch. Zugleich verschränkt er diese Sinnlichkeit mit klar geführten Denkbewegungen. Die Handlung schreitet voran wie ein Bordmanöver – entschlossen, notwendig, ohne überflüssige Gesten. Daraus entsteht eine doppelte Sogwirkung: Die Leserinnen und Leser bleiben wegen der Gefahren wach und wegen der Fragen aufmerksam, die zwischen den Planken der Handlung auf- und abtauchen.

Entstanden ist das Werk in einer Zeit rasanten Umbruchs: Industrialisierung, Weltverkehr und soziale Spannungen setzten neue Maßstäbe für Arbeit, Körper und Macht. London, selbst mit Seefahrt und harter Arbeit vertraut, greift auf unmittelbare Erfahrung zurück und schärft sie literarisch. Der Roman erschien zunächst in Fortsetzungen, bevor er 1904 als Buch vorlag, und traf ein Publikum, das Abenteuer und Analyse zugleich begehrte. Diese doppelte Erwartung prägt die Komposition: die straffe Abfolge von Ereignissen einerseits, die Beobachtung von Milieu, Sprache und Herrschaftsverhältnissen andererseits. Das Meer wird so auch Chronist einer jungen, entschlossenen Moderne.

In der Rezeption wurde Der Seewolf früh als kraftvolle Ergänzung zur großen Tradition der Meeresliteratur gelesen und in eine Linie mit Autorinnen und Autoren gestellt, die das Schiff als moralisches Labor begreifen. Dass das Buch im Schul- und Hochschulkanon, in wissenschaftlichen Diskussionen und in populären Ausgaben präsent blieb, verdankt sich seiner doppelten Lesbarkeit: als packender Abenteuerroman und als Studie über Macht, Ethik und Identität. Kritische Debatten betonen, wie vielschichtig London seine Figuren anlegt und wie bewusst er den Leser ohne bequeme Gewissheiten lässt. Diese Offenheit hält das Werk diskussionsfähig – bis heute.

Sein Einfluss zeigt sich in unzähligen Nachhallformen: in maritimen Erzählungen, die das Schiff als Mikrokosmos von Gesellschaft fassen; in psychologischen Romanen, die den Bann charismatischer Autorität untersuchen; in Geschichten über Gefangenschaft und Selbstbehauptung unter prekären Bedingungen. Wiederholte Verfilmungen und Bühnenbearbeitungen belegen die visuelle Kraft der Vorlage, die Kontraste wie Stahl gegen Haut, Nebel gegen Lampenlicht, Befehl gegen Einspruch kunstvoll ins Bild setzt. Der Seewolf hat so ein Vokabular von Situationen geschaffen, in denen Führung, Gehorsam und Aufbegehren mit existenziellem Gewicht verhandelt werden – knapp, konkret, unausweichlich.

Wer dieses Buch heute aufschlägt, findet keinen musealen Klassiker, sondern eine unmittelbare Lektüreerfahrung. Empfehlenswert ist, es als doppelten Weg zu lesen: als Fahrt über unsicheres Wasser und als Gang durch innere Zimmer. Die Handlung liefert Atemnot, Frost und Gefahr; die Figuren liefern Reibung für das eigene Denken. Es lohnt, auf Arbeitsabläufe, Blicke, kleine Verschiebungen von Respekt und Trotz zu achten – hier erzählt der Roman am stärksten. Und es lohnt, die eigene Position zu prüfen: Was gilt mir Stärke? Was gilt mir Würde? Der Seewolf stellt diese Fragen ohne Schonung, aber nicht ohne Fairness.

In der Summe verbinden sich im Seewolf erzählerische Wucht, intellektuelle Neugier und eine unbestechliche Beobachtungskraft. Das macht das Buch dauerhaft anziehend: Es unterhält, weil es Gefahr zeigt, und es bildet, weil es Haltung prüft. Seine Themen – Machtmissbrauch, Verantwortlichkeit, Sinnsuche, Selbstformung unter Druck – sind unvermindert aktuell, sei es in Arbeitswelten, in politischen Konflikten oder im privaten Ringen um Integrität. Londons Roman bietet keinen einfachen Ausweg, aber ein verlässliches Terrain, auf dem man lernen kann, standzuhalten. Deshalb bleibt er ein Klassiker: ein Werk, das immer wieder neu und notwendig gelesen werden will.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Ein junger Literaturkritiker namens Humphrey van Weyden gerät nach einem Schiffsunglück vor San Francisco in Lebensgefahr und wird von der Robbenfangschooner Ghost aus dem Meer gezogen. Das Kommando führt Wolf Larsen, ein außergewöhnlich starker, gebildeter und kompromissloser Kapitän. Humphrey hofft auf rasche Heimkehr, erkennt jedoch, dass die Ghost nicht umkehren wird. Statt als Gast behandelt zu werden, wird er ohne Wahlmöglichkeit Teil der Besatzung. Mit dieser abrupten Verschiebung von der sicheren bürgerlichen Welt an Bord eines harten Fangschiffs setzt die Handlung ein und markiert das Grundkonfliktfeld zwischen Zivilisation und nacktem Überlebenskampf.

Humphrey, bisher ein Leben des Komforts gewohnt, wird in die raue Arbeitsroutine des Seealltags geworfen. Er muss einfache Dienste leisten, später härtere Arbeiten übernehmen und lernt, Wind, Kälte und ständige Gefahr zu ertragen. Die Ghost ist effizient, aber gnadenlos geführt: Disziplin bedeutet hier körperliche Arbeit, schneidende Befehle und sofortige Konsequenzen. Die Mannschaft besteht aus erfahrenen, oft verhärteten Männern, deren Loyalitäten vom Nutzen abhängen. Humphrey entdeckt die Kluft zwischen abstraktem Wissen und praktischer Fertigkeit. Die Erfahrungen auf Deck, an den Segeln und bei schwerer See zeigen ihm, wie fragil Sicherheit ist, wenn Naturgewalten und strenge Befehlsketten den Ton angeben.

Zentral wird die Begegnung zweier Weltbilder. Wolf Larsen vertritt eine radikal materialistische, auf Stärke und Selbsterhaltung gegründete Auffassung vom Leben. Er vereint körperliche Überlegenheit mit scharfem Verstand und argumentiert, Moral sei ein Luxus, den sich nur Mächtige leisten. Humphrey bringt humanistische Bildung, Mitgefühl und den Glauben an gesellschaftliche Regeln mit. Ihre Gespräche über Recht und Unrecht, Geist und Körper, Freiheit und Notwendigkeit bilden ein intellektuelles Gefecht, das die Handlung ständig begleitet. So verschiebt sich der Konflikt vom rein Physischen auf eine philosophische Ebene, die jede Alltagsszene an Bord kommentiert und vertieft.

Das Bordleben ist geprägt von gefährlichen Fangfahrten, harter Witterung und der Unberechenbarkeit des Ozeans. Die Arbeitsteilung ist strikt, Konflikte werden oft durch Härte geregelt. Der Schiffskoch, einzelne Matrosen und Offiziere spiegeln die Spannbreite menschlicher Reaktionen zwischen Anpassung, Zynismus und stiller Gegenwehr. Humphrey beginnt, praktische Fähigkeiten zu entwickeln: Knoten, Ausguck, Segelmanöver, Körperbeherrschung. Seine Wahrnehmung schärft sich, seine körperliche Konstitution verbessert sich. Gleichzeitig bleibt die ständige Drohung von Strafe und Unfall. In dieser Enge entsteht ein Labor für Macht, Loyalität und Angst, in dem jede Entscheidung, jede Geste Gewicht bekommt.

Mehrere Ereignisse unterstreichen die brüchige Ordnung auf der Ghost. Jagdmanöver geraten in riskante Situationen, Wetterwechsel fordern Crew und Material, und Spannungen zwischen Männern mit widersprüchlichen Interessen nehmen zu. Wolf Larsen hält das Schiff mit unnachgiebiger Entschlossenheit zusammen und nutzt Stärke, Kalkül und Furcht. Gerüchte, Missgunst und stille Bündnisse kursieren, während die Arbeit weitergehen muss. Humphrey gerät zwischen die Fronten, lernt jedoch, Gefahren zu antizipieren und Konflikte zu entschärfen, ohne seine Überzeugungen aufzugeben. Diese Entwicklungen bereiten eine Atmosphäre vor, in der persönliche Entscheidungen zunehmend über Sicherheit, Anerkennung und das eigene Selbstbild entscheiden.

Eine unerwartete Rettungsaktion bringt weitere Zivilisten an Bord, darunter die Schriftstellerin Maud Brewster. Ihre Anwesenheit verändert das Gefüge: Zwischen Literatur, Intellekt und rauer Seefahrt entsteht ein neues Spannungsfeld. Maud und Humphrey finden gemeinsame Gesprächsebenen, während Wolf Larsen die Situation aufmerksam und eigennützig prüft. Der Kontrast zwischen äußerer Wildnis und innerem Dialog wird schärfer. Menschliche Nähe, Rücksicht und gegenseitiger Respekt treten deutlicher hervor, stehen jedoch im Widerstreit mit den harten Bedingungen und dem herrschenden Führungsstil. So gewinnt die Geschichte neben physischer Bewährung eine emotionale und geistige Dimension, die Entscheidungen komplexer und folgenreicher macht.

Der Druck wächst: Anstrengung, Verletzungen und die Unbarmherzigkeit der See hinterlassen Spuren. Erschöpfung, Unfälle und die Logik der Jagd bringen Schiff und Besatzung in prekäre Lagen. Die Ghost trägt sichtbare Zeichen der Belastung, und auch innere Risse werden spürbar. Nicht nur die Natur, auch die Menschen werden zum Risiko, wenn Misstrauen und Selbsterhaltungstrieb überhandnehmen. Humphrey erkennt, dass Orientierung, Mut und handwerkliche Kompetenz überlebenswichtig werden. Der Handlungsfluss verdichtet sich, Entscheidungen müssen schneller fallen, und die Grenzlinie zwischen Kontrolle und Kontrollverlust wird schmaler. In dieser Phase werden Prioritäten klarer, zugleich steigt das Risiko jeder Handlung.

Humphreys Entwicklung schreitet fort: Aus dem passiven Beobachter wird ein handelnder, verantwortungsbewusster Mensch, der planen, improvisieren und führen kann. Gemeinsam mit Maud schärft er Sinn für das Machbare, übt Selbstdisziplin und baut auf Vertrauen. Kenntnisse über Navigation, Proviant, Reparaturen und Sicherheit wachsen zu einer Strategie der Selbstbehauptung zusammen. Diese Lernkurve spiegelt die thematische Bewegung vom abstrakten Idealismus zur erprobten Tatkraft. Gleichzeitig bleibt die moralische Frage offen, wie weit man gehen darf, um sich und andere zu schützen. Die Vorbereitung auf kommende Prüfungen bildet den Übergang zu einer entscheidenden Bewährungsphase.

Die Geschichte steuert auf eine Konfrontation hinaus, in der nicht nur körperliche Stärke, sondern auch Charakter, Urteilskraft und Mitmenschlichkeit gewogen werden. Der Roman betont die Spannung zwischen nackter Macht und verantworteter Freiheit und zeigt, wie Ausgesetztheit Werte auf den Prüfstand stellt. Ohne entscheidende Wendungen vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Die Erfahrungen auf See verwandeln die Beteiligten und klären, welche Haltung in Extremsituationen trägt. Der Seewolf vermittelt als Gesamtbotschaft, dass Selbstachtung, Können und moralische Standfestigkeit mehr als Ideale sind – sie werden unter Druck zu Werkzeugen des Überlebens und zur Grundlage persönlicher Erneuerung.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der Seewolf spielt zeitlich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und räumlich zwischen der Bucht von San Francisco und den kalten Fanggründen des Nordpazifiks, insbesondere der Beringsee. Der Roman eröffnet in dichtem Nebel der Bay, wo reger Fährverkehr, frühe Dampfschifffahrt und gefährliche Strömungen zusammentreffen. Die Handlung verlagert sich sodann auf die Robbenfangschooner, die entlang der Aleuten, der Pribilof-Inseln (St. Paul, St. George) und bis nahe japanischer Gewässer operieren. Diese See- und Küstenräume waren damals Schauplätze internationaler Konkurrenz um Naturressourcen, heikler Rechtsfragen und klimatischer Härten, die die Handlung strukturell und thematisch prägen.

Die Schiffswelt des Romans bildet eine abgeschlossene, hierarchische Gesellschaft, die zur maritimen Arbeitswelt der Westküste passt. San Francisco war in den 1890er Jahren eine schnell wachsende Hafenmetropole, deren Waterfront von harter Lohnarbeit, gewerkschaftlichen Kämpfen, aber auch von Zwangsrekrutierungen geprägt war. Die lange Dauer der Nordpazifikfahrten – Monate fernab staatlicher Kontrolle – verstärkte die faktische Allmacht des Kapitäns und die Prekarität der Mannschaft. Die raue See, die Kälte und der Nebel boten dabei nicht nur Kulisse, sondern historische Realität: ein Grenzraum, in dem wirtschaftliche Not, rechtliche Grauzonen und naturhafte Gewalt das Zusammenleben bestimmten.

San Franciscos Aufstieg nach 1869, als die transkontinentale Eisenbahn den Hafen zum Haupttor des Pazifik machte, brachte einen dichten Fähr- und Frachtschiffsverkehr in der nebelreichen Bay. Kollisionen gehörten zur städtischen Erfahrung; spektakuläre Havarien – etwa der Untergang der City of Rio de Janeiro 1901 am Golden Gate – prägten das Sicherheitsbewusstsein. Staaten und Reeder reagierten mit besseren Leuchttürmen, Nebelsignalen und Inspektionen, doch blieb der Schiffsraum gefährlich. Der Roman knüpft daran an: Die fiktive Kollision, die den Protagonisten ins offene Meer verschlägt, spiegelt einen urban-maritime Alltag, in dem technische Modernisierung und Naturgefahr untrennbar verschränkt waren.

Die Robbenjagd im Nordpazifik entwickelte sich seit dem späten 18. Jahrhundert unter russischer Vorherrschaft; die Pribilof-Inseln wurden 1786 als Hauptkolonien des Nördlichen Seebären (Callorhinus ursinus) erschlossen. Nach dem Alaska-Kauf 1867 pachtete die US-Regierung die Landjagd an die Alaska Commercial Company (1870–1890), später an die North American Commercial Company (ab 1890). Parallel expandierte die pelagische Jagd von US-, britisch-kanadischen und später japanischen Schiffern auf offener See. Die Orte, Jahreszeiten und Methoden, die London schildert, entsprechen dieser Wirtschaftsgeografie: kleine, schnelle Schoner suchten weit verstreut nach wandernden Herden, angetrieben von hohen Fellpreisen.

Die Beringsee-Kontroverse (1886–1893) eskalierte, als US-Kreuzer ab 1886 britisch-kanadische Sealer in internationalen Gewässern aufbrachten, um die Herden zu schützen. 1891/1892 schufen USA und Großbritannien ein modus vivendi mit vorläufigen Beschränkungen. Das internationale Schiedsgericht tagte 1893 in Paris und entschied gegen exklusive US-Ansprüche jenseits der Drei-Meilen-Zone, erließ aber Schutzregeln: eine sommerliche Schonzeit (Mai–Juli), ein Sperrradius um die Pribilofs und Verbote bestimmter Fangmethoden (u. a. Feuerwaffen). Der Roman zeigt genau diese Grauzonen: die Jagd am Rand legaler Zonen, das Ausnutzen von Lücken und den Wettlauf um Beute trotz diplomatischer Auflagen.

Trotz Regelungen kollabierten die Bestände: Schätzungen zufolge sank die Seebärenpopulation in den Jahrzehnten um 1900 von rund zwei Millionen auf wenige Hunderttausend Tiere. Erst die Nordpazifische Robbenkonvention von 1911 (USA, Großbritannien/Kanada, Russland, Japan) stoppte die pelagische Jagd und etablierte ein Ertrags- und Schutzregime. Henry Wood Elliotts Berichte (1870er und 1890er Jahre) hatten zuvor alarmiert. Im Roman wird die ungehemmte Jagd als ökonomische Notwendigkeit und moralische Abstumpfung gezeigt: Jeder Schuss ist Profit – und zugleich Teil eines größeren, historisch realen Ausbeutungszyklus, der internationale Abkommen schließlich unvermeidlich machte.

Jack London fuhr 1893 als junger Matrose auf der Sophie Sutherland von San Francisco in die japanischen Gewässer und weiter in die Beringsee. Er lernte Stürme, Nebel, Eisschollen, rauen Drill, harte Hierarchien und die Technik der Robbenjagd aus erster Hand kennen. Diese Monate prägten seine genauen Schilderungen von Rigg, Wacheinteilung, Bootseinsatz und dem gefährlichen Bergen der Felle. London verarbeitete Erlebnisse noch im selben Jahr literarisch und legte damit das Fundament für die Seedarstellungen des Seewolf. Die Authentizität der Arbeitsabläufe, Orte und Risiken im Roman ist direkt auf diese historische Fahrt zurückzuführen.

Die Praxis des Shanghaiens – das gewaltsame oder betrügerische Anheuern von Seeleuten – war an der US-Westküste vom späten 19. Jahrhundert an berüchtigt. In San Franciscos Barbary Coast agierten prominente Krimps wie „Shanghai“ Kelly (James Kelly) seit den 1850ern; ähnliche Figuren wirkten in Portland („Bunco“ Kelly) und Astoria. Obwohl das Shipping Commissioners Act von 1872 Verfahren ordnete, florierte das System von Vorschüssen („blood money“), Kneipenfallen und Scheinverträgen. Der Roman greift diese Realität auf, indem er das Festhalten eines Passagiers an Bord und die faktische Entrechtung der Mannschaft zeigt – Symptome einer Arbeitswelt, in der Gewalt Personalpolitik ersetzte.

Als Gegenkraft formierten sich Seemannsgewerkschaften. Die Sailors’ Union of the Pacific entstand 1885 in San Francisco; die International Seamen’s Union folgte 1892, maßgeblich geprägt von Andrew Furuseth. Das White Act (1898) reduzierte Strafen für Desertion und untersagte körperliche Züchtigung auf US-Schiffen, blieb jedoch oft zahnlos. 1901 eskalierte der Konflikt an der Bay im City-Front-Streik, als Hafenarbeiter, Schauerleute und Teamster Arbeitgebern und privaten Sicherheitskräften gegenüberstanden. Der Seewolf spiegelt die Vorkriegszeit der Seamen’s-Act-Reformen von 1915: eine Ära, in der Kapitänsmacht und Profitdruck noch häufig über Recht und Würde der Seeleute triumphierten.

Die Wirtschaftskrise der Panik von 1893 brachte bankrotte Eisenbahnen, Kreditklemme und Massenarbeitslosigkeit (1893–1897). Proteste wie Coxey’s Army (1894) machten soziale Not sichtbar. In Kalifornien zwangen knappe Jobs und niedrige Löhne viele junge Männer in gefährliche Beschäftigungen – auch zur See. Jack London, aus prekären Verhältnissen in Oakland stammend, ergriff 1893 selbst die Chance auf einem Fangschoner. Der Roman trägt die Spuren dieser Krisenerfahrung: Er zeigt eine Welt, in der Menschen aus ökonomischem Zwang Hierarchien akzeptieren, Gewalt dulden und moralische Grenzen verschieben – ein Spiegel der sozialen Verwerfungen des Jahrzehnts.

Die Verbreitung des Sozialdarwinismus prägte die 1890er Jahre. Aufbauend auf Darwins Evolutionstheorie (1859) popularisierten Herbert Spencer („survival of the fittest“, 1860er) und in den USA William Graham Sumner die Idee, gesellschaftlicher Erfolg sei natürliche Auslese. Parallel zirkulierten materialistische und machtethische Lesarten (Nietzsche wurde in den 1890ern breit rezipiert). Der Roman bindet diese Debatten exemplarisch ein: Wolf Larsen verkörpert eine radikal materialistische, utilitaristische Weltauffassung, die menschliche Bindungen negiert. Die Konfrontation mit einem gebildeten, moralisch reflektierenden Protagonisten macht die zeitgenössische Auseinandersetzung um Wissenschaft, Ethik und Gesellschaftsordnung konkret erfahrbar.

Die Klassengegensätze der Gilded Age prägten auch die Bay Area. Die „Big Four“ der Eisenbahn (Stanford, Crocker, Huntington, Hopkins) symbolisierten Kapitalmacht, während Hafenarbeiter, Seeleute und Migranten in engen Quartieren lebten. San Francisco vereinte Opernhäuser und Herrenclubs mit Elendsvierteln und der rauen Waterfront. Der Roman nutzt diese Realität: Ein wohlhabender Literaturkritiker trifft auf eine Schiffsgesellschaft, in der Herkunft nichts zählt und körperliche Stärke entscheidet. Diese Gegenüberstellung spiegelt die soziale Topografie der 1890er: Reichtum und Bildung garantierten Sicherheit an Land, verloren aber auf See – im ökonomischen Grenzraum der Rohstoffausbeutung – ihre Schutzwirkung.

Technologisch markierte die Zeit den Übergang von Segel zu Dampf. Fährverbindungen in der Bay setzten auf Dampfkraft, während viele Robbenfängerschooner Segel nutzten: leise, wendig, kostengünstig. Internationale Kollisionsregeln wurden Ende der 1880er/1890er (nach der Washingtoner Konferenz 1889) überarbeitet und traten in den 1890ern in Kraft; Nebelsignale und Fahrtrichtungsrechte sollten Kollisionen mindern. In den USA beaufsichtigte die Steamboat Inspection Service (ausgebaut seit den 1850/70ern) Sicherheit, doch blieb Nebel brandgefährlich. Die Eröffnung des Romans mit einer Nebelkollision verweist auf diesen realen Technik-Mix und die Grenzen regulativer Versuche, Risiko vollständig zu bannen.

Die Frauenrechtsbewegung gewann um 1900 an Fahrt. 1890 entstand die National American Woman Suffrage Association (NAWSA) durch Zusammenschluss älterer Verbände; in Kalifornien wuchs die Mobilisierung, bis 1911 das Frauenstimmrecht im Bundesstaat erkämpft wurde. Parallel etablierten sich Frauen als Autorinnen, Kritikerinnen und Journalistinnen. Die Figur Maud Brewster spiegelt diesen historischen Wandel: eine gebildete, berufstätige Frau, die intellektuell auf Augenhöhe agiert und praktische Kompetenz beweist. Ihre Präsenz an Bord, fern konventioneller Salons, verweist auf die gesellschaftliche Verschiebung, die die Bewegung anstrebte – auch wenn der Roman 1904 vor den kalifornischen Erfolgen erschien.

Die Meiji-Restauration (1868) machte Japan zur maritimen Macht, sichtbar in moderner Flotte, Industrie und Fischerei. Japanische Pelagik-Fänger aus Häfen wie Hakodate tauchten in den 1890ern vermehrt im Nordpazifik auf, was Konflikte um Quoten und Schutzzeiten verschärfte. Der russisch-japanische Krieg (1904/05) unterstrich den Anspruch Japans auf Präsenz im Nordpazifik. Zwar thematisiert der Roman keinen Krieg, doch situieren seine Fahrten in Gewässern nahe japanischer Inseln den Robbenfang in einem Raum wachsender asiatischer Konkurrenz. Begegnungen und Rivalitäten auf See verweisen auf diese geopolitische Realität, die später in der Konvention von 1911 institutionalisiert wurde.

Die frühe US-Naturschutzbewegung gewann um 1900 institutionelle Gestalt: Audubon-Gesellschaften (ab 1886/1896), Pelican Island als erstes Wildschutzgebiet (1903), Ausbau der Fischereiverwaltung (Bureau of Fisheries). Besonders einflussreich waren Henry Wood Elliotts Studien zu den Seebären (1870er, 1890er), die drastische Bestandsrückgänge belegten und internationale Abkommen anstießen. Der Roman zeigt den Moment vor der Wende: Jagd ohne Rücksicht auf Nachwuchs, Marktpreise als alleiniger Maßstab, Natur als auszubeutende Ressource. So beleuchtet die Geschichte die historische Schwelle, an der Naturschutz von moralischer Appellform zur staatlich-diplomatischen Politik wurde.

Der Seewolf fungiert als Kritik an den gesellschaftlichen Härten seiner Zeit, indem er die Schiffswelt als Miniatur einer Klassengesellschaft zeichnet: eine autoritäre Wirtschaftsordnung, in der Profit, Gewalt und Willkür über Recht und Mitmenschlichkeit dominieren. Wolf Larsen verkörpert den zeitgenössischen Sozialdarwinismus und entlarvt dessen soziale Kälte; die Zwangsrekrutierung und Misshandlung der Mannschaft spiegeln reale Arbeitsverhältnisse vor den Reformen. Zugleich macht die rücksichtslose Robbenjagd die zerstörerische Logik ungezügelter Ressourcenausbeutung sichtbar und antizipiert den Naturschutzdiskurs. Indem der Roman moralische Verantwortung gegen nackte Macht stellt, kritisiert er die Ungleichheiten, rechtlichen Defizite und ökologischen Blindheiten der 1890er Jahre.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jack London (1876–1916) war ein US-amerikanischer Schriftsteller der Progressiven Ära, dessen Werk Abenteuerliteratur, Natur- und Gesellschaftsschilderung auf markante Weise verband. Aus Erfahrungen in Arbeit, Seefahrt und Grenzräumen formte er eine knappe, energische Prosa, die internationale Leserschaften gewann und bis heute nachwirkt. Seine bekanntesten Bücher – darunter Der Ruf der Wildnis, Wolfsblut und Der Seewolf – prägten Vorstellungen von Wildnis, Überleben und Moral im Konflikt mit harschen Umweltbedingungen. Zugleich erreichten seine Reportagen und Essays breite Aufmerksamkeit, weil sie soziale Missstände, Klassenkonflikte und städtische Armut beleuchteten. London gilt als prominente Stimme des literarischen Naturalismus in den Vereinigten Staaten.

London wurde in San Francisco geboren und wuchs in der Bay Area auf. In jungen Jahren arbeitete er in Fabriken, auf Schiffen und als Wanderarbeiter; diese Erfahrungen prägten seinen Blick auf Arbeit, Risiko und Solidarität. Er bildete sich umfangreich autodidaktisch über öffentliche Bibliotheken fort und immatrikulierte sich in den mittleren 1890er-Jahren kurzzeitig an der University of California, Berkeley. Intellektuell beeinflussten ihn unter anderem Charles Darwin, Herbert Spencer und Strömungen des Naturalismus; sozialkritische Impulse bezog er auch aus marxistischer Literatur und zeitgenössischer Reportage. Sprachen und Erzählformen der Seefahrt und des Grenzraums gaben seinem Stil Rhythmus, Präzision und unmittelbare Anschaulichkeit.

In den späten 1890er-Jahren begann London regelmäßig Kurzgeschichten in US‑Magazinen zu veröffentlichen. Stoffe und Schauplätze bezog er häufig aus seiner Teilnahme am Klondike‑Goldrausch von 1897/98, die seine Vorstellung von Entbehrung, Konkurrenz und Kooperation schärfte. Mit dem Erzählband The Son of the Wolf (1900) etablierte er sich als markanter Chronist des Nordens. Den internationalen Durchbruch brachte 1903 Der Ruf der Wildnis, gefolgt von Der Seewolf (1904). Leserinnen und Leser reagierten besonders auf die strenge Dramaturgie, die Perspektiven auf Tier‑ und Menschenverhalten sowie auf die präzise, reportagehafte Beobachtung, die Abenteuerstoffe mit sozialen und moralischen Fragen verknüpfte.

Parallel zu erfolgreichen Romanen entwickelte London ein breites Sach- und Reportagewerk. The People of the Abyss (1903) schilderte Großstadtarmut im Londoner East End; The Road (1907) fasste Wanderjahre und Obdachlosigkeitserfahrungen essayistisch. Als Korrespondent berichtete er 1904 vom Russisch‑Japanischen Krieg und 1906 als Augenzeuge vom Erdbeben von San Francisco. Reisen im Pazifik mündeten in South Sea Tales und dem Reisetagebuch The Cruise of the Snark. Seine Kurzprosa – etwa To Build a Fire – demonstrierte eine zugespitzte, experimentierfreudige Darstellung von Naturgewalt und menschlicher Entscheidung. London schrieb schnell und viel, ohne die Recherche- und Erfahrungsgrundlage seiner Stoffe preiszugeben.

Gut belegt ist Londons sozialistisches Engagement seit den späten 1890er‑Jahren, das Vortragsarbeit, Parteiarbeit und polemische Essays einschloss. In Bänden wie The War of the Classes und Revolution and Other Essays formulierte er Klassenanalyse und Kapitalismuskritik; der Roman The Iron Heel (1908) entwarf eine düstere Dystopie oligarchischer Herrschaft. Auch Martin Eden (1909) reflektiert die Spannungen zwischen künstlerischem Ehrgeiz, Markt und Selbstbehauptung. Diese Texte stehen mit den Abenteuerromanen in einem Dialog: Themen wie Arbeit, Disziplin, Überleben und Gemeinschaft erscheinen sowohl in wilder Natur als auch in urban‑industriellen Kontexten, was Londons Profil als politisch sensibilisierten Erzähler schärfte.

In den 1910er‑Jahren verlegte London seinen Lebensmittelpunkt auf eine große Ranch in Sonoma County, wo er landwirtschaftlich experimentierte und weiter schrieb. Das geplante Wohnhaus, Wolf House, brannte 1913 kurz vor dem Einzug ab, wurde jedoch als Motiv seiner Ausdauer und Projektion künstlerischer Ambitionen erinnerungswürdig. Wichtige späte Werke sind u. a. Burning Daylight (1910), The Scarlet Plague (1912), The Valley of the Moon (1913), The Mutiny of the Elsinore (1914) und The Star Rover (1915). 1916 starb London auf seinem Anwesen. Sein produktiver Rhythmus und gesundheitliche Belastungen prägen die Wahrnehmung seiner späten Jahre, ohne die literarische Energie zu mindern.

Londons Vermächtnis zeigt sich in anhaltender weltweiter Verbreitung, zahlreichen Übersetzungen und beständigen Neuauflagen. Seine Figuren und Stoffe wurden oft verfilmt und adaptiert, während die Forschung seine Beiträge zum Naturalismus, zur Abenteuerliteratur, zur Arbeiter‑ und Reiseliteratur fortlaufend neu bewertet. Debatten über zeittypische rassische und koloniale Stereotype in Teilen des Werks gehören ebenso zur Rezeption wie die Würdigung seiner ökologischen Sensibilität und seines Blicks auf Arbeit und Klasse. Orte seines Lebens und Schreibens sind museal erschlossen; sein Name steht heute für erzählerische Verdichtung, dokumentarische Genauigkeit und die Verschränkung von sozialer Analyse mit dramatischer Erzählkunst.

Der Seewolf

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

ich weiß kaum, wo beginnen, wenn ich zuweilen auch im Scherz Charley Furuseth alle Schuld gebe. Er besaß ein Sommerhaus in Mill Valley, bezog es aber nur, wenn er sich die Wintermonate vertreiben und Nietzsche und Schopenhauer[1] lesen wollte. Kam der Sommer, so zog er ein heißes, staubiges Dasein in der Stadt mit unablässiger Arbeit vor. Wäre es nicht meine Gewohnheit gewesen, ihn allwöchentlich zum Wochenende zu besuchen, so hätte ich mich eben an jenem Montagmorgen im Januar nicht auf den Wassern der Bucht von San Franzisko befunden.

Das Schiff, auf dem ich mitfuhr, bot alle Sicherheit. Die Martinez war eine neue Dampffähre, die ihre vierte oder fünfte Fahrt auf der Route Sausalito-San Franzisko zurücklegte. Aber der dichte Nebel, der die Bucht wie mit einer Decke überzog, war gefahrdrohend. In der Tat erinnere ich mich noch der sanften Erregung, mit der ich meinen Platz auf dem Oberdeck gerade unterhalb des Lotsenhauses eingenommen hatte, während die Geheimnisse des Nebels meine Phantasie umspannten.

Ich dachte daran, wie bequem die Arbeitsteilung war, die mich der Mühe enthob, Nebel, Winde, Gezeiten und Schifffahrtskunde zu studieren, und mir doch erlaubte, meinen Freund jenseits der Bucht zu besuchen. Ich stellte Betrachtungen über den Vorteil der Spezialisierung des Menschen an. Das Sonderwissen eines Lotsen und eines Kapitäns genügte für viele Tausende, die ebensowenig von See und Schiffahrt verstanden wie ich. Und ich wiederum hatte es nicht nötig,meine Kräfte auf das Studium unzähliger Dinge zu verschwenden, sondern konnte mich auf einige wenige konzentrieren, wie augenblicklich auf eine Untersuchung der Stellung E. A. Poes zu der übrigen amerikanischen Literatur - worüber ich, nebenbei bemerkt, gerade einen Aufsatz in der Zeitschrift Atlantic geschrieben hatte.

Als ich an Bord gekommen war, hatte ich beim Durchschreiten der Kajüte einen beleibten Herrn mit den Augen verschlungen, der in die Atlantic und offenbar gerade in meinen Aufsatz vertieft war.

Ein Mann mit rotem Gesicht unterbrach meine Betrachtungen. Er warf geräuschvoll die Kajütentür hinter sich zu und stapfte schwerfällig aufs Deck. Der Rotgesichtige warf einen raschen Blick auf das Lotsenhaus, betrachtete den Nebel, stapfte hin und her (es sah aus, als hätte er Prothesen) und blieb endlich spreizbeinig und mit einem Ausdruck herber Freude im Gesicht neben mir stehen. Ich ging wohl nicht fehl in meiner Vermutung, daß er seine Tage auf dem Meere verbracht hatte.

„Scheußliches Wetter! Ein Wetter, das einem vorzeitig graue Haare verschafft!" rief er und nickte in die Richtung des Lotsenhauses.

„Ich hätte nicht geglaubt, daß hier besondere Kunst nötig sei!" antwortete ich. „Es sieht so einfach aus wie das Abc. Der Kompaß gibt die Richtung an. Entfernung und Fahrgeschwindigkeit sind bekannt. Man sollte meinen, daß alles mit mathematischer Genauigkeit zu berechnen wäre!"

„Kunst!" schnaubte er. „Einfach wie das Abc! Mathematische Genauigkeit!" Er schien sich zu recken, stemmte sich nach hinten gegen den Wind und starrte mich an: „Wie steht es zum Beispiel mit, Ebbe und Flut hier unter der Golden Gate?" fragte oder brüllte er vielmehr. „Welche Fahrt macht die Ebbe? Wie läuft die Strömung, he? Bitte, horchen Sie mal! Die Glocke einer Ankerboje. Wir sind gerade darüber! Merken Sie, wie wir den Kurs ändern?"

Aus dem Nebel erklang das klagende Stöhnen einer Schiffsglocke, und ich sah, wie der Lotse das Steuerrad mit großer Schnelligkeit drehte. Das Läuten, das eben noch vor uns zu tönen schien, kam jetzt von der Seite. Unsere eigene Schiffspfeife fauchte heiser, und eine schrille kleine Pfeife, die wie verrückt pfiff, war gerade vor uns und anscheinend sehr nahe. Auf der Martinez wurden Gongs angeschlagen.

Unsere Schaufelräder hielten an, ihr Pulsschlag starb, setzte dann wieder ein. Die schrille kleine Pfeife voraus klang wie das Zirpen einer Grille in dem Geschrei großer Tiere, schoß seitwärts durch den Nebel und wurde schnell schwach und immer schwächer.

„Den sticht der Hafer[2]", sagte er. „Ich wünschte fast, wir hätten den kleinen Hammel in den Grund gebohrt!"

Sein unberechtigter Wutausbruch belustigte mich, und während er in seiner Empörung auf und ab stapfte, überließ ich mich wieder der Romantik des Nebels. Und wahrlich: Romantisch war dieser Nebel, wie der graue Schatten unendlicher Mysterien, die über diesem dahingleitenden Fleckchen Erde brüteten, während die Menschen, winzige Sonnenstäubchen und -fünkchen, zu krankhaftem Wohlgefallen an der Arbeit verdammt, ihre Holz- und Stahlmechanismen durch das Herz dieses Mysteriums zu jagen suchten, sich blindlings ihren Weg durchs Unsichtbare bahnten und sich Worte der Zuversicht zuschrien, obgleich ihnen das Herz vor Ungewißheit und Furcht zitterte. Das Lachen meines Gefährten brachte mich wieder zu mir. Auch ich hatte getastet und gezappelt, während ich mir einbildete, scharfsichtig das Geheimnis zu durchschauen.

„Hallo! Da kommt uns jemand ins Gehege!" sagte er. „Hören Sie? Er kommt schnell. Gerade voraus! Ich wette, er hört uns noch nicht. Es weht in der falschen Richtung."

Die frische Brise kam uns gerade entgegen, und ich hörte deutlich die Schiffspfeife ein wenig'seitwärts und dabei dicht vor uns.

„Fähre?" fragte ich.

Er nickte und fügte dann hinzu: „Würde sonst nicht so wie nach der Richtschnur laufen!" Er lachte unterdrückt. „Da oben werden sie unruhig."

Ich blickte hinauf. Der Kapitän hatte Kopf und Schultern zum Lotsenhaus herausgestreckt und starrte gespannt in den Nebel, als könnte er ihn durch bloße Willensanstrengung durchdringen. Sein Gesicht war besorgt wie jetzt auch das meines Gefährten, der an die Reling gestapft war und ebenso gespannt in die Richtung starrte, aus der er die unmittelbare Gefahr vermutete.

Dann kam es. Es geschah mit unfaßbarer Schnelligkeit. Der Nebel wich, wie von einem Keil gespalten. Der Bug eines Dampfschiffes tauchte auf, zu beiden Seiten Nebelfetzen mitziehend wie Seegras auf der Schnauze des Leviathans. Ich konnte das Lotsenhaus sehen und bemerkte einen weißbärtigen Mann, der sich, auf die Ellbogen gestützt, weit hinauslehnte. Er trug eine blaue Uniform, und ich entsinne mich noch, wie sauber und freundlich er aussah. Seine Ruhe wirkte unter diesen Umständen furchtbar. Er beugte sich dem Schicksal, marschierte Schulter an Schulter mit ihm und berechnete kühl den Schlag. Wie er so dalehnte, warf er uns einen ruhigen und nachdenklichen Blick zu, als berechne er genau den Punkt des Zusammenstoßes, und nahm nicht die geringste Notiz von unserm Lotsen, der, blaß vor Wut, schrie: „Nun habt ihr's fertiggebracht!"

Als ich mich umsah, nahm ich wahr, daß die Bemerkung zu einleuchtend war, um noch einer Erläuterung zu bedürfen.

„Halten Sie sich an irgend etwas fest", sagte der Mann mit dem roten Gesicht zu mir. Er polterte nicht mehr. Es schien, als wäre er von der übernatürlichen Ruhe des andern angesteckt.

Ehe ich noch seinen Rat befolgen konnte, war der Zusammenstoß schon erfolgt. Wir mußten wohl gerade mittschiffs getroffen worden sein. Ich sah nichts, und der fremde Dampfer war schon aus meinem Gesichtskreis geglitten.

Die Martinez krängte stark, das Holzwerk krachte und splitterte. Ich wurde auf das feuchte Deck geschleudert, und bevor ich mich aufrichten konnte, hörte ich auch schon das Kreischen der Frauen. Es waren die unbeschreiblichsten, haarsträubendsten Töne, die ich je gehört, mich packte ein panischer Schrecken. Mir fiel ein, daß in der Kajüte ein Haufen Rettungsgürtel lag, ich wurde aber von der wildstürmenden Menge Männer und Frauen an der Tür aufgehalten und zurückgedrängt. Ich weiß nicht mehr, was in den nächsten Minuten geschah, wenn ich auch die deutliche Vorstellung habe, daß ich von den Gestellen an Deck Rettungsgürtel herunterriß, die der Mann mit dem roten Gesicht den hysterischen Frauen umlegte. Dieses Bild ist meinem Gedächtnis so scharf und deutlich eingeprägt wie ein wirkliches Bild. Es ist ein Gemälde, das ich immer noch vor mir sehe: die zackigen Ränder des Loches in der Kajütenwand, durch das der graue Nebel hereinwirbelte und kreiste - die leeren Sitze, auf denen alles herumlag, was den Eindruck plötzlicher wilder Flucht erweckte: Pakete, Handtäschchen, Schirme, Überzieher; der beleibte Herr, der meinen Aufsatz studiert hatte und jetzt, in Kork und Segelleinen eingeschlossen, die Zeitschrift noch in der Hand hielt und mich mit eintöniger Dringlichkeit fragte, ob ich an eine Gefahr glaube; der Mann mit dem roten Gesicht, der schwerfällig auf seinen Prothesen stapfte und tapfer einer Frau nach der andern den Rettungsgürtel umschnallte, und schließlich das Tollhaus kreischender Weiber.

Das Entsetzen trieb mich an Deck hinaus. Ich fühlte mich krank, elend und voller Ekel. Ich setzte mich auf eine Bank. Schemenhaft sah und hörte ich, wie Männer umherliefen und versuchten, die Boote hinabzulassen. Die Szene war genauso, wie ich sie aus Beschreibungen in Büchern kannte. Das Tauwerk klemmte sich fest. Nichts klappte. Ein Boot mit Frauen und Kindern wurde an den Davits hinuntergefiert. Es füllte sich mit Wasser und kenterte. Ein anderes hing noch mit einem Ende oben, während das andere schon unten war, und so blieb es hängen. Der fremde Dampfer, der unser Unglück verschuldet hatte, ließ nichts von sich hören, obwohl man meinte, daß er uns zweifellos Boote zu Hilfe schicken würde.

Ich stieg zum unteren Deck hinunter. Anscheinend sank die Maitinez sehr schnell, denn ich sah das Wasser jetzt dicht unter mir. Viele Passagiere sprangen über Bord. Die im Wasser waren, schrien, man solle sie wieder an Bord holen. Aber kein Mensch kümmerte sich um sie. Ein Schrei ertönte: „Wir sinken!" Ich wurde von der jetzt eintretenden Panik angesteckt und stürzte mich in einer Flut von Körpern über Bord.

Wie ich ins Wasser kam, weiß ich nicht mehr, was ich aber sofort begriff, war, warum alle, die drinnen schwammen, sich so sehnsüchtig auf den Dampfer zurückwünschten. Das Wasser war kalt - so kalt, daß es schmerzte. Als ich hineinsprang, hatte ich ein Gefühl, als wäre ich in Feuer geraten. Die Kälte drang bis ins Mark, sie war wie der Griff des Todes[1q]. Vor Angst und Schrecken schnappte ich nach Luft, versuchte zu atmen, bevor mich noch der Rettungsgürtel an die Oberfläche getrieben hatte. Der Salzgeschmack brannte mir im Munde, und ich erstickte fast an der beißenden Lauge, die mir Kehle und Lungen füllte. Aber das furchtbarste war die Kälte. Ich fühlte, daß ich nur wenige Minuten aushalten konnte. Rings um mich im Wasser rangen und zappelten Menschen. Ich hörte, wie sie sich gegenseitig anriefen. Daneben hörte ich das Plätschern von Riemen; offenbar hatte der fremde Dampfer seine Rettungsboote herabgelassen. Die Sekunden flogen, und ich wunderte mich, daß ich immer noch lebte. Meine unteren Gliedmaßen waren ganz empfindungslos, eine eisige Starre krallte sich mir ums Herz und durchdrang es. Kleine Wellen brachen unausgesetzt mit boshaft schäumenden Kronen über meinen Kopf hinweg und in meinen Mund und drohten mich immer wieder zu ersticken.

Der Lärm wurde undeutlich. Das letzte, was ich noch hörte, war ein Chor von verzweifelten Schreien in der Ferne, der mir sagte, daß die Martinez untergegangen war. Dann - wieviel Zeit verstrichen war, weiß ich nicht - kam ich in einem plötzlichen Anfall überwältigender Angst zu mir. Ich war allein. Ich hörte weder rufen noch schreien - nur das Plätschern der Wellen, das gespensterhaft von der Nebelwand widerhallte. Eine allgemeine Massenpanik ist nicht so furchtbar wie die, die einen einzelnen Menschen packen kann, und die Beute einer solchen Panik war ich. Wo trieb ich hin? Der Mann mit dem roten Gesicht hatte gesagt, daß die Ebbe unter der Golden Gate hinausströmte! Dann wurde ich also auf die hohe See hinausgetrieben! Und der Rettungsgürtel, der mich trug, konnte er nicht jeden Augenblick in Stücke gehen? Ich hatte gehört, daß diese Dinge oft aus Papier und Binsen gemacht waren, die sich schnell vollsogen und alle Tragfähigkeit verloren. Und dabei hatte ich nicht die geringste Ahnung vom Schwimmen! Ganz allein trieb ich, offenbar mit der Strömung, in die graue, chaotische Unendlichkeit hinaus.

Wie lange das dauerte, weiß ich nicht. Ich wurde ohnmächtig, und als ich erwachte, erblickte ich, fast über meinem Kopfe, den Bug eines Fahrzeuges, das langsam aus dem Nebel auftauchte, und darüber, dicht hintereinander, drei dreieckige, prall vom Wind geblähte Segel. Wo der Bug das Wasser durchschnitt, schäumte und gurgelte es heftig, es schien geradewegs auf mich loszukommen. Plötzlich tauchte der Bug nieder und überschüttete mich klatschend mit einem mächtigen Wasserschwall. Dann glitt die lange schwarze Schiffswand so nahe vorbei, daß ich sie mit den Händen hätte greifen können. Ich versuchte es, mit einem wahnsinnigen Entschluß, meine Nägel ins Holz zu krallen, aber meine Arme waren schwer und leblos. Wieder wollte ich rufen, brachte aber keinen Ton heraus. Das Heck des Schiffes schoß vorbei, sank in ein Wellental. Ich sah flüchtig den Mann am Ruder und einen anderen, der nichts zu tun schien, als eine Zigarre zu rauchen. Ich sah den Rauch, der sich von seinen Lippen löste, als er langsam den Kopf wandte und in meiner Richtung über das Wasser blickte. Es war ein gleichgültiges, unüberlegtes Schauen, etwas ganz Zufälliges, Zielloses.

Für mich aber bedeutete dieser Blick Leben oder Tod. Ich sah, wie das Schiff vom Nebel verschlungen wurde, ich sah den Rücken des Rudergastes und sah, wie der Kopf des andern Mannes sich wandte, sich ganz langsam wandte, wie sein Blick das Wasser traf und zu mir hinschweifte. Er schien in tiefe Gedanken versunken, und mich packte die Furcht, daß seine Augen mich, selbst wenn sie mich träfen, nicht sehen würden. Aber sie sahen mich, blickten gerade in die meinen! Er sprang ans Ruder, schob den andern beiseite und drehte fieberhaft das Rad, während er gleichzeitig irgendwelche Befehle schrie. Doch das Schiff schien seinen Kurs fortzusetzen und war fast im selben Augenblick im Nebel verschwunden.

Ich fühlte, wie ich in eine Ohnmacht glitt, und versuchte mit aller Willenskraft gegen die erstickende Leere und Dunkelheit, die mich zu überwältigen drohten, anzukämpfen. Kurz darauf hörte ich Ruderschläge, die immer näher kamen, und die Stimme eines Mannes. Als er ganz nahe war, hörte ich ihn ärgerlich sagen: „Zum Donnerwetter, warum antwortest du nicht?" Er meinte mich. Mit diesem Gedanken versank ich in Leere und Finsternis.

Ich schien in einem mächtigen Rhythmus durch ungeheure Räume zu schwingen. Flimmernde Funken sprühten und schossen an meinen Augen vorbei. Ich wußte, es waren Sterne und schimmernde Kometen, die mich auf meinem Fluge von Sonne zu Sonne umgaben. Als ich die äußerste Grenze meines Schwunges erreicht hatte und gerade zurückschwingen wollte, ertönte donnernd ein Riesengong. In einer unermeßlichen Zeitspanne hatte ich, eingelullt von dem Säuseln sanfter Jahrhunderte, ein Gefühl großer Freude und überdachte meinen ungeheuren Flug.

Aber mein Traum wandelte sich, denn daß es ein Traum war, sagte ich mir selbst. Der Rhythmus meines Fluges wurde immer kürzer. Schwung und Rückschwung wechselten mit verwirrender Hast. Kaum konnte ich Atem schöpfen, so ungestüm wurde ich durch den Himmelsraum geschleudert. Immer häufiger und schrecklicher donnerte der Gong, auf dessen Klang ich jedesmal mit namenlosem Entsetzen wartete.

Dann war mir, als würde ich über rauhe Sandflächen geschleift, die weiß in der Sonne glühten. Ein unerträgliches Angstgefühl packte mich. Meine Haut wurde ausgedörrt in der Pein des Feuers. Der Gong dröhnte und toste. Die flimmernden Lichtpunkte schossen in unendlichem Strom an meinen Augen vorbei, als ergösse sich das ganze Sternensystem in den leeren Raum. Ich rang nach Luft, atmete schmerzhaft und öffnete die Augen. Zwei Männer knieten neben mir und beschäftigten sich mit mir. Der mächtige Rhythmus, den ich empfunden hatte, war das Rollen des Schiffes im Seegang. Der entsetzliche Gong war eine Bratpfanne, die bei jeder Bewegung des Schiffes klirrte und rasselte. Der scheuernde, sengende Sand waren harte Männerhände, die meine bloße Brust rieben. Meine Brust war rot und wund, und ich konnte winzige Blutstropfen aus der zerrissenen, entzündeten Haut hervorquellen sehen.

„Jetzt ist's genug, Yonson", sagte der eine der Männer. „Kannst du nicht sehen, wir schrubben ihm ja die ganze Haut ab!"

Der Angeredete, ein Mann von schwerem skandinavischem Typ, hörte auf, mich zu reiben, und erhob sich verlegen. Der Mann, der gesprochen hatte, war offenbar ein „Cockney" (geborener Londoner), zartgliedrig und mit glatten, fast weiblichen Zügen, der sicher das Glockengeläut Londons mit der Muttermilch eingesogen hatte. Eine schmutzige Leinenmütze und ein ebenso schmutziger Leinenschurz um die Hüften verrieten, daß er der Koch des Schiffes war, auf dem ich mich befand.

„Na, wie fühlen Sie sich jetzt, Herr?" fragte er mit der gezierten Untertänigkeit, die auf Generationen trinkgeldbeflissener Ahnen schließen ließ.