Der Sommer der Freiheit 3 - Heidi Rehn - E-Book

Der Sommer der Freiheit 3 E-Book

Heidi Rehn

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Beschreibung

Liebe in schwierigen Zeiten - Teil 3 des sechsteiligen Serials »Der Sommer der Freiheit« Selma ist die Tochter einer angesehenen Zeitungsverlegerfamilie und fährt mit ihrer Familie wie jedes Jahr in die Sommerfrische nach Baden-Baden. Man genießt das elegante Ambiente, die Konzerte und Bälle. Selma hat gerade – zum Entsetzen der Mutter! – das Autofahren gelernt und wartet ungeduldig auf die Ankunft ihres Verlobten Gero. Da lernt sie bei einem Ausflug ins nahe gelegene Elsass den französischen Fotografen Robert kennen – und es ist um sie geschehen. Doch wir schreiben das Jahr 1913, und bald wird der Geliebte zu den Feinden zählen …

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MOBI

Seitenzahl: 150




Heidi Rehn

Der Sommer der Freiheit 3

Serial Teil 3

Knaur e-books

Über dieses Buch

Es begann im Sommer 1913

Selma ist die Tochter einer angesehenen Zeitungsverlegerfamilie und fährt mit ihrer Familie wie jedes Jahr in die Sommerfrische nach Baden-Baden. Man genießt das elegante Ambiente, die Konzerte und Bälle, Selma hat gerade – zum Entsetzen der Mutter! – das Autofahren gelernt und wartet ungeduldig auf die Ankunft ihres Verlobten Gero. Da lernt sie bei einem Ausflug ins nahe gelegene Elsass den französischen Fotografen Robert kennen – und es ist um sie geschehen.

Inhaltsübersicht

Erster Teil18. Kapitel19. Kapitel20. KapitelZweiter Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel
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Erster Teil

Aufbruch

Sommer 1913 bis Sommer 1914

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18

Ein mulmiges Gefühl beschlich Selma, als sie den Schlüssel im Schloss zu Geros Wohnung umdrehte.

»Du kommst spät«, empfing er sie noch im Flur. Es schien, als hätte er direkt hinter der Tür auf sie gewartet. Längst trug er seinen Frack, wenn auch die Weste noch offen stand und die losen Enden der Fliege ungebunden um den Hals lagen.

»Auf den Straßen war viel los. Stell dir vor, mitten auf dem Kurfürstendamm stand ein von zwei Ochsen gezogenes Fuhrwerk quer und hat den gesamten Verkehr …«

»Spar dir deine Ausflüchte«, unterbrach er sie barsch und klappte seine goldene Taschenuhr auf, warf einen verärgerten Blick darauf. »Um acht müssen wir bei Bernruth in der Bismarckstraße sein.«

Er begleitete diese knappe Ansage mit einem Hochziehen der linken Augenbraue, bevor er den Deckel der Uhr mit einem lauten Klacken wieder zuschnappen ließ. Fehlte nur noch, dass er die Nase rümpfte, als er ihren Aufzug musterte. Sein Urteil über ihr lanvinblaues Frühlingskostüm fiel offenbar vernichtend aus.

»Wie du weißt, kann der Alte Unpünktlichkeit auf den Tod nicht ausstehen.«

Damit wandte er sich ab und machte, die Hände auf dem Rücken verschränkt, einige Schritte von ihr weg.

»Warum fährst du nicht allein zu ihm und erzählst ihm irgendeine Geschichte von wegen ich wäre plötzlich erkrankt oder dergleichen?«, fragte sie. Sie war froh, dass Gero das Personal fortgeschickt hatte. Wenn er diese Laune hatte, mochte sie keine Zeugen um sich wissen. »Wahrscheinlich hat dein alter Sozius eh nur die üblichen Griesgrame um sich versammelt. Bestimmt kommt der Glatzkopf Gersfeld mit seiner schwerhörigen Gattin, Baron von Gütlingen sowieso, und auch die Hammersteins dürften wieder mit von der Partie sein. Oder haben sich die beiden Streithähne endlich scheiden lassen? Welch ein Segen wäre das für die Berliner Gesellschaft, insbesondere für die Juristen und ihre Angehörigen, die sie bei Dinners ertragen müssen. Ich weiß leider nie, was ich mit diesen doppelkinnbewehrten Frauen reden soll, während ihr Männer euch zum Rauchen in die Herrenzimmer zurückzieht. Der Duft der Mottenkugeln, der in ihren Federboas und Pelzkrägen steckt, ist für die Damen wohl das beste Parfum. Weder für Kabarett noch für Kintopp interessieren sie sich, ganz zu schweigen von irgendwelchen Büchern oder Zeitschriften, die sie gelesen haben könnten. Und Mode ist erst recht kein Thema. Poiret und Madame Paquin halten sie für eine Champagnermarke. Das ist wohl alles nicht mehr ihre Zeit. Kein Wunder, wenn man schon beim Thronantritt des Kaisers keinen Walzer mehr getanzt hat, weil einem schon damals die schnellen Drehungen den Atem geraubt haben.«

Sie kicherte. Während sie vor sich hin schwatzte, löste sie unter dem Kinn den Knoten ihres Schals, nahm den Strohhut vom Kopf. Beiläufig äugte sie zu Gero. Halb hatte er sich wieder zu ihr umgedreht. Sie nahm das als Bestätigung, dass ihre Taktik aufging und die harmlose Plauderei seine Stimmung aufbesserte. Im Dämmerlicht des Flurs konnte sie seine Gesichtszüge zwar kaum erkennen, meinte aber, ein erstes Zucken um die weichen Lippen zu entdecken. Bis Gero plötzlich auf sie zuschoss, ihr Handgelenk so fest umklammerte, dass sie vor Schmerz aufschrie. Der Hut glitt zu Boden. Gero versetzte ihm einen achtlosen Tritt, während er sie böse anfuhr: »Rede keinen Unsinn! Du weißt genau, wie wichtig diese Menschen für mich sind. Und letztlich auch für dich. Wie sonst, glaubst du, verdiene ich mein Geld, um dir ein Auto zur Verfügung zu stellen, deine geliebten Poiret-Modelle zu kaufen und dich nahezu täglich zu deinem Amüsement bis in die Morgenstunden auszuführen, bis zur Besinnungslosigkeit mit Champagner abzufüllen und mit Austern vollzustopfen?«

»Du tust mir weh!«, presste sie zwischen den Lippen hervor. Als er nicht lockerließ, flehte sie leise: »Lass mich los. Bitte!«

Vergebens. Er drückte die Finger noch fester um ihr Handgelenk, hob es an und verdrehte ihr den Arm. Sie ging in die Knie, begann sich wie eine gequälte Kreatur vor ihm zu winden. Tränen schossen ihr in die Augen, ob vor Schmerz, Empörung oder Scham, weil sie beide sich auf einmal in einer entwürdigenden Position zueinander befanden, wusste sie kaum so recht zu unterscheiden.

Als sie in sein wutverzerrtes Gesicht sah, zuckte sie vor Schreck zurück. Einen derartigen Ausdruck hatte sie nie zuvor in seinen grünblauen Augen gesehen. Furcht überfiel sie. Plötzlich wünschte sie sich sehnlichst, er hätte Erika und Julia nicht in die Dienstbotenkammer unterm Dach geschickt. Mehr als drei Stockwerke trennte sie von ihnen. Auf ihre Hilfe konnte sie nicht bauen.

»Was hast du eigentlich den ganzen Tag gemacht? Wo hast du wieder gesteckt?« Ein weiteres Mal verstärkte er den Druck seiner Hand. Ihre Knie gaben nach, sie knickte noch tiefer ein. »Hast du dich wieder mit diesem Robert herumgetrieben, hast dich von ihm in zwielichtigen Posen ablichten lassen und dir mit ihm das Maul über die deutsche Verdrießlichkeit zerrissen?«

»Gero, bitte, du weißt nicht …«, versuchte sie abermals, ihn zur Räson zu bringen.

»Ich weiß sehr wohl, meine Liebe!«, brauste er umso lauter auf, um dann wieder die vollen, weichen Lippen zu einem gefährlich dünnen Strich zusammenzuziehen und mehr böse zu zischen, als wirklich deutlich zu artikulieren: »Im Gegensatz zu uns ist der Franzose ja ein wahrer Lebemann und weiß die Annehmlichkeiten des unbeschwerten Daseins ganz besonders hoch zu schätzen. Wie heißt es noch links des Rheins so genüsslich? Savoir-vivre – ja, davon versteht dein lieber Freund wirklich etwas. Nennt sich Künstler, aber was gehört schon groß an Kunst dazu, sich einen optischen Apparat vor die Augen zu halten und im richtigen Moment auf einen simplen Knopf zu drücken? Wovon er dagegen umso mehr versteht, ist, sich auf Kosten anderer das Leben leicht zu machen. Während die einen in ihren Büros fleißig sind und sich die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie ihr Geld verdienen, ist unser Herr Fotograf lieber damit beschäftigt, die Frauen der hart arbeitenden Männer mit seinen Torheiten zu unterhalten. Was rede ich harmlos von ›unterhalten‹? Wir beide sind doch stets offen miteinander. Erwachsen sind wir sowieso. Da kann ich die Dinge also ruhig beim Namen nennen und es dir rundheraus auf den Kopf zusagen: Ins Bett zerrt er dich und vögelt dich, bis dir der Verstand aus den Ohren …«

Patsch! Eine laut schallende Ohrfeige unterbrach seine Boshaftigkeit. Verdutzt gab er ihren Arm frei, legte sich die Hand auf die schmerzende Wange und verstummte.

Sie war nicht weniger verwundert als er. Es war ihr ein Rätsel, wie sie es geschafft hatte, trotz der misslichen Lage, in die er sie gebracht hatte, mit der linken Hand so weit auszuholen, dass sie derart heftig hatte zuschlagen können. Sobald sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, überfiel sie Scham, wie sehr sie beide die Kontrolle über sich verloren hatten: Nicht nur, dass er ihr Gewalt angetan hatte – sie hatte darauf mit Gleichem reagiert! Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht, spürte von neuem Tränen in den Augen aufsteigen.

»Oh Gott, Gero! Liebster! Was ist nur … Verzeih mir, ich weiß nicht … Ach, ich glaube … Nein, ich bin untröstlich! Was ist nur mit uns los? Wie konnten wir uns so gehen lassen? Ich kann es mir nicht erklären. Wahrscheinlich sind wir einfach zu erschöpft. All die vielen Aufregungen der letzten Wochen …«

»Lass gut sein.« Er nahm die Hand von der frisch rasierten Wange. Seine Stimme klang seltsam normal. Fassungslos stierte sie auf den roten Abdruck, den ihre Finger auf seiner Haut hinterlassen hatten. Jeder einzelne war bestens erkennbar, als hätte er sich fest darauf eingebrannt. Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken.

»Wir haben wohl beide für einen Moment die Contenance verloren«, erklärte Gero tonlos.

Sie stutzte, gebot sich, geduldig zu sein. Wartete, hoffte, sehnte ein Wort der Entschuldigung auch von seiner Seite herbei, immerhin hatte er den ersten Schritt in die falsche Richtung getan.

Eine halbe Ewigkeit standen sie schweigend voreinander. Ziellos starrte Gero an ihr vorbei ins Leere. Schließlich löste sie sich aus der Starre und wollte sich nach dem Hut bücken, der kaum eine Armlänge von ihr entfernt auf dem Boden lag.

»Selma, Darling, bitte verzeih mir!« Überraschend kam Gero ihr zuvor, nahm den Hut vom Boden auf und kniete vor ihr nieder, um ihn ihr gesenkten Blickes zu reichen. Als sie den Hut aus seinen Händen entgegennahm, schlang er plötzlich die Arme um ihre Taille, presste das Gesicht gegen ihren Schoß und begann hemmungslos in den zarten Stoff ihres Rocks zu schluchzen.

Zunächst war sie völlig überrumpelt, dann peinlich berührt, wurde endlich von einer Welle grenzenlosen Mitleids erfasst. Geros Schultern bebten im Rhythmus seines Weinens. Das Schluchzen ging alsbald in ein jämmerliches Wehklagen über. Zögernd hob sie die Hand, haderte einen Lidschlag lang mit sich, bevor sie sie behutsam auf seinen Kopf legte und durch das lichter werdende blonde Haar strich. Darüber beruhigte er sich, hielt sie allerdings weiterhin fest umklammert.

Eine Weile verharrten sie so voreinander, bis sich sein Atem plötzlich beschleunigte. Wieder drückte er sein Antlitz in ihren Schoß, löste jedoch die Arme um ihre Taille, um seine Hände auf ihren Hintern wandern zu lassen. Sie erstarrte. Behutsam begannen seine Finger über ihr Gesäß zu streichen, sanft kreisend erst, dann immer rascher und nachdrücklicher. Zugleich wurde sein warmer Atem noch schneller. In Selma schwand das Mitleid, machte einer anderen Regung Platz. Ihr Herz schlug ebenfalls heftiger. Sie wagte kaum, sich zu bewegen, um den zarten Keim des Begehrens nicht zu zerstören.

»Liebste«, keuchte Gero und schaute zu ihr auf. In seinen grünblauen Augen lag eine Verlorenheit, die sie zutiefst erschütterte. Sie beugte sich vor, wollte sein Gesicht mit beiden Händen umfassen, in seinen Blick eintauchen, um zu seinem Innersten vorzudringen. Er aber ließ sie nicht gewähren. Im nächsten Moment schon stand er aufrecht vor ihr, presste ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund und drängte sie mit großer Entschlossenheit ins Berliner Zimmer. Ein weiteres Mal fühlte sie sich überrumpelt. Hin- und hergerissen zwischen dem eigenen, stärker werdenden Verlangen und dem Erstaunen, wie rasch seine Stimmung von Verzweiflung in Wollust umgeschlagen war, wollte sie ihn auf Abstand halten. Ihre halb erhobenen Arme waren ihm jedoch ein falsches Signal. Seine Augen funkelten, um seine blutleeren Lippen spielte ein seltsam entschlossener Zug. Ehe sie sich versah, zwang er sie rücklings auf das breite Sofa vor dem Fenster. Während er sie mit dem Knie festhielt, riss er sich Frack und Weste vom Leib, schleuderte die Fliege beiseite und nestelte an seiner Hose herum.

»Gero, bitte!« Sie richtete sich halb auf. Entschlossen drückte er sie zurück aufs Sofa und verschloss ihren Mund ein weiteres Mal mit einem allen Widerstand aufzehrenden Kuss.

In einer Mischung aus Verzweiflung und Leidenschaft fiel er über sie her. Erst suchte sie sich ihm mit aller Kraft zu widersetzen, dann spürte sie eine eigenartige Willenlosigkeit, die in einem ähnlichen Verlangen nach Nähe und Zärtlichkeit endete wie bei ihm. Letztlich ging es nur darum, im frisch durchlebten Kummer nicht allein zu bleiben, einen Halt zu finden, um nicht rettungslos unterzugehen. Gemeinsam entledigten sie sich ihrer restlichen Kleider, dabei eifrig darum bemüht, die Lippen nicht voneinander zu lassen und ihre Zungen immer gieriger in den Mund des anderen zu stoßen.

Sanft tasteten ihre Hände seinen nackten Rücken hinunter, feierten ein herzliches Wiedersehen mit all den Unebenheiten, die sie so lang nicht mehr hatte berühren dürfen, um schließlich zu der vertrauten Stelle in seiner linken Leistenbeuge zu wandern. Sobald sie die rauhe Haut seiner Narbe an ihren Fingerkuppen fühlte, war es vollends um sie geschehen. Sie wusste, in diesem Moment gehörte er ganz ihr so wie sie ihm. Aufstöhnend spreizte sie die Beine, nahm den Geliebten in sich auf. In wunderbarem Einvernehmen glitten sie auf der Woge der süßesten Lust davon.

Als Selma erwachte, erfüllte Dämmerung den Raum. Die Lichter der Straßenlaternen rund um den Savignyplatz warfen bizarre Muster an die stuckverzierte Decke. Schwer lastete Geros Leib auf ihr, der rechte Schulterknochen drückte ihr die Luft ab. Vorsichtig bewegte sie sich. Der Schweißfilm auf ihrer Haut machte sie frösteln, klebte ihre Körper aneinander.

»Was ist?«

Gero schlug die Augen auf und sah sie mit einem ungläubigen Ausdruck an. Der Lichtstreif einer Laterne fiel auf sein Antlitz und leuchtete es grell aus wie ein Scheinwerfer. Es schien, als begreife er erst allmählich, was geschehen war. Dann breitete sich blankes Entsetzen, rasch gefolgt von tiefer Scham, auf seinem Gesicht aus.

»Selma, Darling«, stieß er kaum hörbar zwischen den Lippen hervor. »Verzeih! Ich begreife nicht, was vorhin mit mir los gewesen ist.«

Ohne sie noch einmal anzuschauen, glitt er von ihr herunter und sank zu Boden. Splitternackt, den Rücken gegen das Sofa gelehnt, die Knie an die Brust gezogen, saß er da, schlug sich die Hände vors Gesicht und versank in Verzweiflung.

Zunächst war Selma erleichtert, allein auf dem Sofa zurückzubleiben. Sie tastete nach Geros Hemd, das halb über der Lehne hing, und zog es sich über die frierende Brust. Von dem süßlich-herben Geruch der Baden-Badener Batschari-Zigaretten, der ihm anhaftete, wurde ihr schwindlig. Blanke Verwunderung vernebelte ihr die Sinne. Wie kam es, dass sie vor wenigen Stunden erst in Roberts Armen höchsten Genüssen entgegengeschwebt war und sich nun nicht weniger verzückt neben Gero wiederfand?

Sie lehnte sich vor, betrachtete Geros in der Dämmerung unschuldig weiß schimmernden Leib. Ein Moment blitzte die Erinnerung an Roberts sehnig-kraftvollen, sonnengebräunten Körper vor ihr auf. Dem Vergleich hielt Geros jungenhafte Ungelenkigkeit nur schwerlich stand. Dann aber klang Roberts Stimme in ihr auf, wie er sie inständig auf die hehre Freundschaft eingeschworen hatte. Die Vernunft gebot ihr, seinem Flehen nachzugeben und ihre Affäre ein für alle Mal zu vergessen. Sie hatte Gero. Ihre Zukunft lag an seiner Seite.

Ein wundervoller Frieden erfüllte sie plötzlich. Sacht pustete sie durch Geros Haar, freute sich zu sehen, wie er den Kopf langsam zu ihr drehte. Als sie seinen schüchtern fragenden, zaghaft hoffenden Blick gewahrte, begriff sie. Warum war sie nicht eher darauf gekommen? Viel zu sehr hatte der Gedanke an Robert sie in Atem gehalten.

»Du bist traurig, weil etwas zu Ende ist«, stellte sie vorsichtig fest, um ihm, sobald sie den Schmerz in seinen Augen aufkeimen sah, tröstend den Finger auf die Lippen zu legen. »Du musst mir nichts erklären, Liebster. Schon beim Aufstehen war mir so, als wäre der heutige Tag bestens geeignet, um für klare Verhältnisse zu sorgen.«

»Was meinst du damit?« Gero schob ihren Finger von seinem Mund, hielt ihre Hand jedoch fest. Seine Mimik wechselte zwischen Panik, von ihr seiner Affäre mit Ansgar wegen bloßgestellt zu werden, und Verständnislosigkeit, wieso sie das ausgerechnet auf diese Weise ansprach.

»Keine Sorge!« Zärtlich küsste sie ihn auf die Stirn. »Es ist alles in Ordnung. Lass uns noch einmal ganz von vorn beginnen. Das Vergangene liegt hinter uns. Vor uns haben wir die ganze Welt!«

»Danke, Darling.« Gero streckte auch die zweite Hand nach ihr aus. In stillem Einvernehmen fanden und verschränkten sich ihre Finger ineinander. Behutsam zog er sie zu sich herunter. Sobald sie neben ihm zu sitzen kam, fiel er ihr um den Hals, vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge.

»Was ist nur los gewesen?«, fragte sie leise. »Warum waren wir in den letzten Monaten so weit voneinander entfernt? Mir ist gerade, als kehrte ich vom Mond zu dir zurück.«

»Ich freue mich einfach nur, dass du den langen Weg auf dich genommen hast und wieder bei mir bist«, erwiderte er leise. »Lass uns hier sitzen und schweigen. Ich fühle mich so endlos müde.«

»Mir ist kalt«, erklärte sie nach einer Weile.

»Ich werde dafür sorgen, dass du nie mehr frierst, Darling.« Behende erhob er sich, half ihr ebenfalls hoch, nahm sie galant auf seine Arme und trug sie den langen Flur hinunter ins Schlafzimmer.

Rührung überkam sie. Auf einmal war ihr danach, ihn wortlos ans Herz zu drücken. Sie beglückwünschte sich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Gero brachte ihr mehr als aufrichtige Freundschaft entgegen.

Kaum lagen sie in dem weichen, mit unzähligen Kissen und Decken gepolsterten Bett, richtete sie den Blick nach oben, in den vorgeneigten Spiegel. Als sie ihrer beider Körper so züchtig nebeneinander verhüllt erblickte, musste sie lauthals lachen.

»Was ist?« Schläfrig hob Gero den Kopf.

»Es ist einfach nur komisch, so mit dir hier zu liegen«, erklärte sie und legte ihm die Hand auf die Wange, sah ihn an. Sie genoss den frischen Duft nach Lavendel, der in der knisternden Seidenwäsche hing.

»Mein Vater hat mich heute früh darum gebeten, mehr auf meinen guten Ruf zu achten und nicht immer so spät nach Hause zu kommen. Er ist sehr um meine Unschuld besorgt. Ich habe ihn damit beruhigt, dass du auf mich aufpasst.«

»Genau das tue ich jetzt.« Wieder umschlang er sie. Die Wärme seines verschwitzten Körpers tat ihr gut.

»Hör bitte nie mehr damit auf, gut auf mich aufzupassen«, raunte sie ihm ins Ohr.

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19

B