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Der Stilllebenmörder: Psychokrimi E-Book

Lukas Hochholzer

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Beschreibung

Der stellungslose Lebensmitteltechniker Igor Kowalski fühlt sich schon des Längeren von „denen“ verfolgt und fragt sich zunehmend, wer eigentlich die Macht über seine Gedanken ausübt. Eine innere Stimme treibt ihn zu Taten von grausamer Brutalität.

Ein Ermittler-Duo bestehend aus dem erfahrenen Kommissar Steinhofer und seinem geistig labilen Gefährten Mayer werden zur Klärung der grausamen Mordfälle einberufen, wobei letzterer aber bald auf eigene Faust das Geheimnis der Stillleben, die an jedem Tatort aufgefunden werden, lüften muss – und hierbei selbst die Grenzen seines Verstands erreicht.

Ein beunruhigender Psychokrimi erzählt aus zwei Perspektiven, jener Kowalskis und jener des unbeholfenen Praktikanten Mayer, der sich allmählich im Labyrinth des facettenreichen Falls verirrt. Was ist wahr und was ist falsch, wem kann vertraut werden und wem nicht?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Lukas Hochholzer

Der Stilllebenmörder 

 

 

 

Lukas Hochholzer

Der Stilllebenmörder

 

 

 

ROMAN

 

November 2020 © 2020 Empire-Verlag Empire-Verlag OG, Lofer 335, 5090 Lofer

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Peter Wolf

Covergestaltung: Chris Gilcher für Buchcoverdesign.de https://buchcoverdesign.de

Coverabbildungen: Adobe Stock ID324728586, Adobe Stock ID66021824

Texturen: Designed by Freepik.com

Satz: Werneburg Internet Marketing und Publikations-Service https://werneburg-im-ps.de  

 

Der 2002 in Stadl-Paura (Oberösterreich) geborene Autor Lukas Hochholzer entdeckte bereits in jungen Jahren seine Liebe zum Schreiben. Nach einigen beim Internationalen Kinder- und Jugendbuchwettbewerb in Schwanenstadt ausgezeichneten Kinderbüchern widmete er sich 2017 seinem ersten Romanprojekt „Der Untergang von Florenz“.

Im Moment befasst er sich hauptsächlich mit seinem Studium der Technischen Mathematik in Linz und arbeitet nebenbei an diversen Krimi- und Thriller-Projekten. Besonderen Schwerpunkt legt er hierbei auf die Erarbeitung und Beschreibung psychischer Entgleisungen der Hauptfiguren.

Weiterführende Inhalte zu seinen veröffentlichten Werken finden sich auf seiner Webseite:

https://lukashochholzer.com/

I. Licht

13. November 1984

 

Kowalski blickte hinauf zum Himmel. In dieser sternenlosen Nacht enttäuschte das pechschwarze Nichts seine erwartungsvollen Augen wie ein leerer Raum, den er nur zu gerne gefüllt hätte. Doch das konnte er nicht. Er war machtlos gegenüber der gewaltigen Größe des Weltalls, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte. Kowalski blickte auf seine Armbanduhr. Wenigstens der schwache Schein des Mondes war mutig genug, den Himmel zu durchqueren, und das wenige Licht, das er ausstrahlte, reichte aus, Ziffern und Zeiger zu erkennen. Exakt halb elf, auf die Sekunde genau. Seiner Frau Eva hatte er gesagt, dass er noch eine Runde durch den Park spazieren und dann zurückkehren werde. Das war vor etwa vier Stunden. Ob sie sich denn um ihn sorgen würde? Vielleicht. Er beschloss, bald aufzubrechen, auch wenn er die Atmosphäre hier auf der Bank neben dem kleinen Ententeich bei angenehmer Kühle an diesem überraschend warmen Herbsttag mehr als nur beruhigend empfand – nein – er war für den Moment ganz und gar vollkommen, frei von den Ängsten und Problemen, die ihn tagtäglich plagten.

Kowalski war ein stellungsloser Lebensmitteltechniker aus Zattbrunnen, einem Ortsteil von Stegolsberg in Nordrhein-Westfalen. Etwas abseits vom Zentrum in der Nähe der weiten Nadelwälder, für welche die Region bekannt war, befand sich seine Lieblingskneipe, die er in solchen nachdenklichen Phasen nur zu gerne aufsuchte. Doch im Moment genügte ihm der Anblick der Natur, ohne nur einen Finger zu rühren. Manchmal wollte er einfach nur zusehen, die Dinge geschehen lassen und nicht selbst eingreifen. Kowalski fühlte sich in dieser Hinsicht oft frei – frei von »denen«.

Seit etwa einem Jahr begegneten ihm seine Mitmenschen auf eine andere Weise. Sie meinten, er hätte sich verändert, wäre nicht mehr in der Lage, sinnvoll Urteile zu fällen. Kowalski stempelte diese Kommentare als Irrsinn ab, er wusste, dass »sie« hinter ihm her waren. Auch wenn ihm niemand Glauben schenken wollte, er, und nur er, kannte die Wahrheit. Diese musste er verborgen halten, zu hoch das Risiko, dass die Falschen sie erführen.

Kowalski warf einen letzten Blick auf den Teich, bevor er über einen nur schlecht beleuchteten Weg nach Hause gehen wollte. Obwohl er sich selbst Vorwürfe machte, nicht bei Tageslicht spazieren zu gehen, erinnerte er sich daran, dass diese Nacht einzigartig werden würde und alle weltlichen Sorgen für immer nichtig erscheinen ließe. Und auch heute gäbe es nur einen finsteren Weg, den er zu begehen hätte.

Die von den Zweigen der Bäume herabgefallenen Blätter raschelten im schwachen Wind. Ein Schritt nach dem anderen brachte Kowalski näher zu seinem Ziel, doch der Pfad dorthin war nicht ungefährlich. Seine Verfolger waren seine ständigen Begleiter. Auch wenn er sie nicht sehen konnte, spürte er ihre beunruhigende Anwesenheit. Ein Gefühl, das durch seinen ganzen Körper strahlte und seine gesamte Lebenskraft stahl. Doch noch wäre der Kampf unentschieden, versicherte sich Kowalski, als er bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. 

Igor und Eva Kowalski lebten in einer bescheidenden Wohnung im dritten Stock. Sie gehörten zu den wenigen noch verbliebenen Mietern. Die meisten waren weggezogen, da die Stadt das gesamte Viertel niederreißen wollte, damit die örtlichen Immobilienfirmen teure Villen für die Noblesse errichten konnten. Zugegebenermaßen war der Straßenzug, in dem die Kowalskis wohnten, mehr als heruntergekommen, aber das gab den Regierenden lange noch nicht das Recht, über das Schicksal der Bewohner zu entscheiden. Das Ehepaar Kowalski würde bis zum letzten Tag standhaft bleiben und ihr bereits dreißig Jahre altes Heim verteidigen. So dachte zumindest Herr Kowalski. Eva hingegen begegnete ihrem Mann mit gemischten Gefühlen. Die Stadt hatte ihnen und anderen Bewohnern der Wohnhäuser nebenan eine vier- bis fünfstellige Abfindung angeboten, damit sie endlich ihre Wohnungen räumten. Geld, das die beiden dringend brauchen könnten: Igor Kowalski war erst vor kurzem gekündigt worden und lebte von Sozialhilfe, während Eva Kowalski für wenige hundert Mark als Kassiererin in einem sehr beschaulichen Lebensmittelgeschäft angestellt war. Zugleich wollte sie aber wegen ihres guten Herzens nicht die realitätsfernen Hoffnungen ihres Mannes zerschmettern und nickte jedes Mal zustimmend, wenn er von seinen großen Geldträumen schwärmte, die alle Probleme im Nichts auflösen würden.

Das Paar hatte einen Sohn, der in Bonn Philosophie studierte und nur selten seine Eltern besuchen konnte. Er hatte sich mit seinem Vater schwer zerstritten und versuchte daher, den Kontakt mit ihm so weit wie möglich zu vermeiden, auch wenn es bei diesen Besuchen fast nie möglich war. Beim letzten Treffen sagte er seiner Mutter gar unter vier Augen, dass sein Vater nun endgültig den Verstand verloren hätte und so schnell wie möglich eingewiesen werden müsste. Er empfahl ihr, Abstand von ihm zu halten, da er unberechenbar sei und eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Zunächst empfand Eva diesen Rat nur als bösartig und glaubte, dass diese Meinung lediglich auf der Abneigung der beiden zueinander beruhte, doch mit der Zeit stellte sie selbst die seltsamsten Verhaltensweisen bei ihrem Mann fest, die sie noch einmal über diese Aussage nachdenken ließ. Besonders besorgniserregend fand sie seinen Verfolgungswahn, den sie erst einmal nur als Scherz oder kleine Spinnerei abtat. Doch als Igor häufiger todernst mit Kollegen in seiner Lieblingskneipe über dieses Thema sprach und zu Hause oftmals teilnahmslos ins Leere starrte, entwickelte sie selbst etwas Angst vor ihm. Obwohl der Drang, ihm zu helfen, größer als die Furcht vor ihm war, wurde es zunehmend belastender für sie, ihn auf seine Gefühlslage anzusprechen. Oftmals blockierte er ihre Anfragen und lenkte auf ein anderes Gesprächsthema ab. Er wusste wohl selbst, dass mit ihm etwas nicht stimmte, doch er konnte es nicht kontrollieren. Wenn er wieder einen dieser Anfälle hatte und stundenlag durch das Fenster den Straßenverkehr beobachtete, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen oder eine Miene zu verziehen, wirkte sein Geist auch noch eine Zeit lang danach wie ausgetauscht. Er würde über wilde Verschwörungstheorien reden und nicht mehr Herr seines eigenen Verstandes sein. In diesen Momenten kommunizierte er auch mit »ihnen«, in einer seltsamen, fremden Sprache, die niemand auf der Welt kannte. Erst einmal hatte Eva sich getraut, ihren Mann auf »sie« anzusprechen, doch er konnte sich an nichts mehr erinnern. Er sagte nur, dass er in der Früh plötzlich eingeschlafen und erst am Abend wieder aufgewacht sei.

Als Kowalski an diesem Abend zurückkehrte, blickte ihn seine Frau mit einem Gesichtsausdruck an, der schlicht als eine Mischung aus Verzweiflung und Unverständnis beschrieben werden konnte. Er bemerkte zweifellos ihre innere Unruhe, doch statt das Gespräch zu suchen, ignorierte er sie und verschwand für mehrere Stunden ins Wohnzimmer, um fernzusehen.

»Igor? Igor!«

Eva wartete vergeblich auf nur ein einziges Wort von ihm, doch das Einzige, was sie hörte, war das Knacksen der Dose Bier, die er öffnete, und wie er kurz darauf die Tür hinter sich zuschlug. Sie konnte diese Stille, die jeden Tag die Wohnung heimsuchte, nicht mehr ertragen. Es gab einen Grund, warum sich ihr Mann von jedem Menschen auf dieser Welt abschottete, doch diesen durfte sie nicht erfahren – auch wenn sie innerlich darum bettelte.

Vier Uhr. Kowalski hatte nun schon mehr als fünf Stunden lang ferngesehen – und nicht einmal einen Film, sondern dieselbe zwanzigminütige Werbesendung, die sich immer und immer wiederholte. Dabei ging es ihm gar nicht um den besonders stromsparenden Staubsauger, der angepriesen wurde, sondern um die geheime Botschaft, die »sie« für ihn in der Sendung eingebaut hatten. Er wusste, dass diese Nachricht irgendwo im Flimmern des Bildschirms versteckt war und er sie nur noch finden musste. Kowalski war gewiss niemand, der schon nach kurzer Zeit enttäuscht aufgab – nein, er musste diesen Auftrag erfüllen. Warum? Aus Angst vor »denen« vermutlich, obwohl er sich selbst immer als Auserwählter sah. Nur er sei dazu fähig, die Botschaften zu entschlüsseln.

Und noch einmal. Die Sendung begann wie etliche Male zuvor. Kowalski drehte die Lautstärke auf null herab. Vielleicht könnte er sich so besser konzentrieren, dachte er. Im Raum herrschte nun eine furchterregende Stille, die jedennormalen Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Kowalski kniete wie ein kleines Kind, das seine Lieblingsserie gebannt aufsaugt, vor dem Fernsehgerät, und starrte mit weit geöffneten Augen auf die Bilder vor ihm. Er war so sehr in dieser Sendung gefangen, dass ihm nicht einmal auffiel, wie die eben noch perfekte Stille von einer leichten Brise, die durch die zwei halbgeöffneten Fenster in das Wohnzimmer schlich, zerstört wurde. Auch das fröhliche Zwitschern der Vögel, die draußen auf den Stromleitungen ihre Lieder sangen, holte ihn nicht aus dieser Welt, zurück, von der er besessen war. Dann folgten noch weitere aufdringliche Geräusche: das störende Rasseln eines Weckers, den Kowalski zuvor auf den Fernsehtisch gestellt hatte, um das wichtigste Ereignis seines Lebens nicht zu versäumen, das konstante Ticken einer Uhr, das laute Brummen einer Kaffeemaschine in der Küche nebenan, die Hupgeräusche der Fahrzeuge auf der Straße draußen, das Prasseln der Regentropfen auf das blecherne Dach der Garagen des Wohnhauses, das Wehen des fast schon sturmartigen Windes und das daraus folgende Flattern der Vorhänge vor den immer noch nicht geschlossenen Fenstern.

Kowalski wachte auf. Er kauerte in einer – einem Fötus gleichen – Position am Boden und blickte verwirrt auf das große schwarze Nichts vor ihm, das sein gesamtes Sichtfeld umfasste. Er drehte sich auf den Rücken und starrte auf die tapezierte Zimmerdecke über ihn. Kowalski hatte eine Vermutung, die sich allerdings erst bestätigte, als er sich zum Sitzen aufrichtete. Er befand sich noch im gleichen Wohnzimmer, aber es war bereits Tag. Seltsam, gerade eben war es noch mitten in der Nacht gewesen und Kowalski hatte die Staubsaugerwerbung im Fernsehen verfolgt. Er wendete seinen Blick nach rechts und erkannte, dass sein rechter Arm auf dem ausgesteckten Stromkabel des Fernsehers lag. Daraus schlussfolgerte er, dass er wohl irgendwann in der Nacht eingeschlafen und auf das Kabel gefallen sein musste, wodurch sich dieses aus der Steckdose gelöst und das Fernsehgerät vom Stromnetz getrennt hatte.

»Bitte, nein … nicht«, murmelte er mit lallender Stimme.

Kowalski vergaß völlig auf diesen äußerst bedeutsamen Termin heute, und im Halbschlaf, in dem er sich noch befand, fiel ihm nichts Besseres ein, als den Fernseher wieder einzuschalten und weiter nach geheimen Zeichen in der Werbung zu suchen. Doch statt besonders leisen Staubsaugern und kräftigen Rabattversprechen für Erstkunden bekamen seine Augen nur ein monotones Testbild zu sehen. Der Sender war richtig, aber er schien nicht den ganzen Tag zu übertragen. Kowalski hämmerte mit seinen Fingern auf den wenigen Knöpfen des Röhrenfernsehers herum, ehe er verzweifelt die Aussichtslosigkeit seiner Lage erkannte. Er wusste noch immer nicht, welche Botschaften ihm entgangen waren, und würde er nur etwas länger den Werbesendungen zusehen, müsste er alle Rätsel entschlüsseln, da war er sich sicher. Doch das konnte er jetzt nicht mehr. Kowalski zuckte panisch am ganzen Körper. Seine Zähne klapperten vor Nervosität und der Angstschweiß lief ihm über das Gesicht. Er hatte versagt und »sie« würden sich für seine Unfähigkeit rächen. Das glaubte er nicht, das wusste er.

»Nein, nein, bitte!« Abermals, aber dieses Mal noch viel verzweifelter, bettelte er die finsteren Mächte um Gnade an.

Würden sie ihm noch ein einziges Mal verzeihen? Wer weiß. Er musste sich beeilen. Wenn er jetzt noch schnell zur Apotheke ginge und seine Medikamente abholte, könnte er den ganzen restlichen Tag vorm Fernseher verbringen undendlich die Zeichen herausfiltern, wie es von ihm gefordert wurde.

Kowalski durfte auf keinen Fall Zeit verlieren. Er stand auf, wagte einen flüchtigen Blick auf die Uhr und stellte mit Erschrecken fest, dass es bereits fast Mittag war und er den ganzen Vormittag untätig verschlafen hatte. Trotzdem wusste er, dass seine Frau auch erst vor kurzem das Haus verlassen haben musste, da er ja vorhin die Kaffeemaschine gehört hatte und niemand anderes im Haus war – oder doch nicht? Er wusste es nicht. Kowalski holte eine bunte Regenjacke aus dem Kleiderschrank hervor. Er hasste Farben. Beim Verlassen der Wohnung bemerkte er auf einem Kasten einen leeren Zettel und einen Stift. Das hatte wahrscheinlich seine Frau dort hinterlassen. Weshalb, wusste er noch nicht, aber er würde sie vielleicht später fragen.

An diesem Tag verzichtete er sogar auf seine morgendliche Tasse Kaffee, die er nur pur trank. Er hasste Milch und Zucker. Doch er würde es auch so zur Apotheke schaffen, redete er sich selbst ein, während er bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Wenigstens flutete der Regen in Strömen durch die Straßen. Kowalski liebte es, ab und zu im Regen zu stehen und einfach nass zu werden. Er hasste die Sonne. Nur wenn er eine Straße überqueren musste, wagte er es, um sich zu schauen. Sonst fixierte er mit seinem Blick stets den Boden unter ihm. Selbst, als er nach einer gefühlten Ewigkeit die Apotheke erreichte, sprach er die Verkäuferin nur mit gesenktem Blick an. Er wusste nicht einmal, wie sie aussah, obwohl er hier schon seit Monaten seine Medikamente abholte.

Widerwillig kramte er in seiner Hosentasche und reichte ihr ein zerknülltes Stück Papier, auf dem das Rezept gedruckt war. Bei den Mitarbeitern waren Herr Kowalski und sein eigenartiges Auftreten, das ihm selbst aber völlig normal vorkam, alles andere als unbekannt. Sie hatten sich damit abgefunden, ihre Arbeit bei ihm einfach hinter sich zu bringen und zu hoffen, dass er möglichst schnell das Gebäude verlassen würde, denn insgeheim hatten sie alle etwas Angst vor ihm.

»Ziprasidon, zwei Mal täglich 40 Milligramm, Sie kennen das Medikament?«

Wortlos riss er die Tablettenpackung an sich und verstaute sie mit einem lieblosen Handgriff in seiner Jackentasche. So schnell er die Apotheke betreten hatte, verließ er sie auch wieder. Er wollte nur noch nach Hause fliehen, diese gehassten Tabletten schlucken, damit seine Frau endlich Ruhe geben würde, und den restlichen Tag die Werbesendungen im Fernsehen nach Hinweisen untersuchen. In seinen eigenen vier Wänden fühlte er sich wohler als irgendwo anders. Das trifft vielleicht auf viele Leute zu, aber für Kowalski war es der einzige Ort, an dem er sich wohlfühlen konnte. Er hasste die Außenwelt, fremde Menschen und allgemein die gesamte Gesellschaft, da alle bis auf ihn blind waren vor der unerträglichen Wahrheit, die nur Kowalski kannte.

Als Kowalski hektisch durch das verzweigte Straßennetz der Stadt irrte, überkam ihn plötzlich das seltsame Gefühl, in die Straßenbahn, die sich ihm gegenüber einer Haltestelle der Siebzehnerlinie näherte, einsteigen zu müssen. Er wusste zwar, dass diese in die völlig falsche Richtung fuhr und er nicht einmal eine Fahrkarte mit sich führte, doch er konnte diesem spontan aufkommenden Drang nicht widerstehen. Schließlich stieg er in die Bahn ein und rechtfertigte diese Entscheidung damit, dass seine Intuition ihn noch nie betrogen hatte. Möglicherweise wollten »sie« ihm einen wertvollen Hinweis geben, wo er denn zu suchen hätte.

Stotternd und mit den Rädern auf den nassen Schienen quietschend, bewegte sich die Straßenbahn allmählich in Richtung Innenstadt. Neben Kowalski befanden sich in diesem Fahrzeug nicht mehr als drei weitere Personen, die mit gelangweiltem Blick in die unendliche Leere der stickigen Luft in der Straßenbahn starrten. Obwohl er die Anwesenheit ihm unbekannter Leute in der Regel vermied, war es doch von großem Interesse für ihn, ab und zu die typischen Alltagshandlungen, die für jeden anderen selbstverständlich gewesen wären, wie ein Außerirdischer, der die Erdbewohner studierte, zu beobachten. Ein älterer Mann unmittelbar vor ihm befeuchtete beispielsweise alle paar Sekunden seinen Zeigefinger mit der Zunge, um die Zeitung, die er in den Händen hielt, leichter umblättern zu können. Eine junge Frau auf dem Sitz vor ihm mit den Kopfhörern eines Walkmans tappte andererseits im Rhythmus der Musik, die sie hörte, mit dem linken Fuß auf dem Boden. Kowalski war einerseits fasziniert von diesen menschlichen Handlungen, andererseits aber auch verstört, da er sich nicht vorstellen konnte, so ignorant und gleichgültig durch die Welt zu taumeln wie der Großteil der Menschheit.

»Lügner!« Kowalski zuckte mit dem Kopf und stammelte leise bei diesem Ausruf, sodass ihn niemand hörte. Er wusste gar nicht, warum er dies sagte, er konnte es aber auch nicht steuern.

Die Fahrt bis zur nächsten Haltestelle war relativ kurz und Kowalski spürte erneut einen dieser unerklärbaren Dränge, genau hier und nicht irgendwo anders die Straßenbahn zu verlassen. Er wartete ungeduldig auf das Öffnen der Türen und rannte hinaus auf die vielbefahrene Straße vor ihm. Ohne auch nur die Zeit für einen Blick nach links oder rechts zu vergeuden, überquerte er im Eiltempo die Fahrbahn. Dann blieb er kurz stehen und prüfte die Uhrzeit auf seiner Armbanduhr. Exakt dreizehn Uhr. Kowalski bereute es zutiefst, so viel wertvolle Zeit mit sinnlosem Herumfahren verbracht zu haben. Selbstverständlich wollten ihm keine dunklen Kräfte Hinweise geben, sie wären alle nur eine Einbildung. Kowalski wusste von seiner geistigen Störung und er erkannte, dass nur diese Tabletten ihm Abhilfe verschaffen könnten. Wenn er geheilt werden wollte, musste er diese einnehmen, auch wenn sich seine inneren Dämonen dagegen wehrten. Nur er selbst wäre in der Lage, diesen Kampf zu gewinnen.

Kowalski blickte in diesem besonders seltenen Moment der Klarheit ein letztes Mal mit leicht tränenden Augen auf seine Armbanduhr, ehe er wieder in eine Straßenbahn der Siebzehnerlinie stieg – dieses Mal aber zurück in die andere Richtung. Er musste auf schnellstem Wege nach Hause. Nicht um den ganzen Tag Werbesendungen zu verfolgen, sondern um sich selbst und andere zu schützen. Nur zu Hause wäre er für niemanden eine Bedrohung. Kowalski wusste, dass diese Momente, in denen ihn die Symptome seiner Krankheit nicht plagten, oft von nur sehr kurzer Dauer waren und er sie deshalb unbedingt ausnutzen musste. Er sprang noch schnell zwischen die sich bereits schließenden Türen in die Straßenbahn und suchte sich einen freien Platz. Dieses Mal waren viel mehr Personen um ihn herum, doch er analysierte nicht ihre menschlichen Handlungen. Er blieb nur ruhig auf seinem Sitzplatz und versuchte mit größter Anstrengung, sich nicht wieder von den Verführungen seiner Dämonen zum Wahnsinn verleiten zu lassen.

Nach langer Zeit erreichte er schlussendlich seine Wohnung und legte seine Schlüssel auf den Schrank neben der Tür. Er entsann sich, dass seine Frau diesen Morgen einen leeren Zettel und einen Stift auf eben diesem Schrank platziert hatte. Neugierig suchte er das gesamte Möbelstück ab, bis er schließlich in einer Schublade ganz unten fündig wurde. Mit kräftiger Schrift hatte sie das Wort »Omega«, also die Bezeichnung für den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, niedergeschrieben. Kowalski starrte mit konfusem Blick auf das Stück Papier und legte es rasch wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück, da er sowieso nicht daraus schlau werden würde. Die Tabletten stellte er in der Küche ab. Er würde sie erst am Abend einnehmen müssen. Nachdem er noch den Staub vom Fensterbrett abgewischt hatte, wurde er aus dem Nichts von einem starken Hustenanfall übermannt, der ihn in die Knie zwang. Kowalski lehnte sich mit dem linken Arm gegen die Wand und stützte sich mit der rechten Hand am Boden ab, während er verzweifelt nach Luft rang. Wenige Augenblicke später war der Husten verschwunden, doch der Reiz lag immer noch beklemmend im Rachen. Gewiss lag dieser Anfall nicht am Staub, Kowalski war einfach nur erkältet, das regnerische Wetter der letzten Tage hatte Spuren hinterlassen, redete er sich ein. Mit Mühe stand er auf und beschloss, für eine Weile im Fernsehsessel zu entspannen. Nicht, um wieder in die Welt der Werbungen abzutauchen, sondern um einfach nur Ruhe zu finden. Seine geistige Erkrankung setzte Kowalski auch körperlich enorm zu, weswegen er oft Pausen machen musste, auch wenn er für gewöhnlich den ganzen Tag nur im Haus verbrachte.

Immer noch etwas angeschlagen steuerte er auf den Sessel zu, in dessen weichen Pölstern er förmlich versank. Seine Gedanken schweiften von einer Erinnerung zur nächsten, kreisten um Arzttermine und Verpflichtungen, ehe er in einen tiefen Schlaf fiel, von dem er aber nach kürzester Zeit wieder aufwachen sollte. Seine Frau stürmte durch die Wohnungstür, eine Hand hielt sie auf die Stirn ihres schmerzverzogenen Gesichtes. Sie war völlig blass, wirkte unbeschreiblich schlapp und konnte nur mit größter Anstrengung auf beiden Beinen stehen.

»Hilfe, Hi-i-i-…«, krächzte sie mit einem schmerzverzogenen Gesichtsausdruck.

Kowalski sorgte sich um Eva, als er ihren Anblick verarbeitete. Er wollte sie auf ihren Zustand ansprechen, doch sie lallte nur mit letzter Kraft, dass sie von unglaublichen Magenkrämpfen geplagt würde. Kowalski starrte immer noch ahnungslos auf seine Frau, als diese mit krampfartigen Bewegungen zu Boden sank. Gegen Mittag war sie doch noch wie immer zur Arbeit gegangen, wie konnten sich die Beschwerden so rapide entwickeln? Er war ratlos und wollte sich nicht weiter mit ungesicherten Spekulationen belasten, daher entspannte er wieder in seinem Sessel. Doch seine Frau ließ ihn nicht los:

»Du weißt, was du zu tun hast. Du weißt es!«, schrie sie in einem befehlerischen, gar aggressiven Ton, bevor ihre Stimme endgültig versagte.

Kowalski lehnte sich zurück. Der Blick aus dem Fenster, vor dem er den Fernsehsessel ausgerichtet hatte, war atemberaubend. Mittlerweile kämpfte sich schon wieder die Sonne durch die grauen Wolkenfelder und ließ mit ihren Strahlen ein Lichtkonzert am Himmel entstehen. Die Aussicht war so beeindruckend, dass Kowalski gar nicht mehr hätte schlafen können. Seine Müdigkeit verflog und er wurde immer tiefer in das Himmelsblau gezogen. Tiefer und tiefer, nichts anderes war mehr von Bedeutung. Nur diese eine besondere Farbe und das grelle Glitzern der Sonne waren wichtig. Kowalski wurde in einen Bann gezogen, der ihn wie ein Strudel in einem Fluss immer weiter weg von der sicheren Oberfläche bewegte. Die Wolken hatten sich nun vollständig verabschiedet und er war dieser bekannten, aber doch so fremden Dimension ausgesetzt. Eine tiefe Männerstimme sprach aus den Weiten des Himmels heraus und Kowalski lauschte ihren Worten.

»Igor!« Kowalski wollte antworten, doch er konnte es nicht. Seine Gedanken waren in diesem Moment ohne Bedeutung. »Du weißt!«, rief die Stimme, ehe sie in einem Echo verblasste. Und Kowalski wusste. Er wusste alles, was es zu wissen gab und mehr benötigte er nicht.

Kowalski kehrte zurück. Eigentlich waren die Vorhänge vor dem Fenster geschlossen und er hätte nie einen blauen Himmel sehen können, doch diese Realität wurde ihm niemals zuteil. Warum denn auch, seine Wahrnehmung fand auch nicht in der realen, also zumindest nicht in dieser Welt, statt. Kowalski sprang aus seinem Fernsehsessel auf, öffnete schwungvoll die Vorhänge und warf noch einmal einen letzten Blick auf die mächtige Wolkendecke draußen, aus der Fluten von Regenwasser herabstürzten. Schade, im Radio hätten sie für heute wenigstens ein bisschen Sonnenschein vorausgesagt. Kowalski fühlte sich erstaunlich energiegeladen und ging zielstrebig in die Küche, wo er sich einige Stück von seinem Lieblingskäse aufschneiden wollte, um diese dann bei einem gemütlichen Fernsehnachmittag zu verspeisen. Wer weiß, vielleicht gab es das neue Staubsaugermodell bereits zu kaufen? Nachdem er den Käse auf dem Fernsehtisch in zahlreiche kleine Würfel zerteilt hatte, verspürte er starken Durst und wollte sich noch ein Glas Wasser holen. Als er zurückgekehrt war, lag seine Frau blutverschmiert mit einem gewaltig großen Messer in der Brust auf dem Boden. Sie war zweifelsfrei tot. Kowalski ärgerte sich zunächst, dass er über sie hinwegsteigen musste, freute sich aber dann sofort wieder auf das Fernsehproramm. Voller Erwartung wechselte er auf den Werbekanal und blickte mit riesigen Augen auf die Staubsauger, die präsentiert wurden. Tatsächlich war das neueste Modell bereits erhältlich. Er würde sofort dort anrufen und einen Staubsauger bestellen. Den bräuchte er ohnehin, wo er sich doch ab sofort allein um den ganzen Haushalt kümmern müsste. Auf seine hypochondrische Frau konnte er sich ja nicht mehr verlassen.

Während er fasziniert den im Röhrenfernseher flackernden Bildern zusah, fiel ihm etwas ein, das ihm schon viel früher hätte bewusst werden sollen. Er erinnerte sich an die letzte Nacht, in der er fest davon überzeugt war, dass diese seine Augen für immer öffnen und ihn für »sie« endlich bereit machen würde. Kowalski konnte nicht mehr länger die Ankunft von »denen« erwarten, er wusste, dass es nun Zeit war, aber »sie« traten bisher noch nicht in Erscheinung. Derweil hatte er all ihre Anweisungen befolgt, er wollte endlich die Wahrheit empfangen, nach der er schon sein ganzes Leben lang suchte. Kowalski schaltete das Fernsehgerät aus und lenkte seinen Blick auf seine Frau, die regungslos am Boden lag. Sie war von dunkelroten Flecken überzogen. Seltsam, vielleicht hatte sie Rotwein verschüttet. Und warum bewegte sie sich nicht? Vielleicht schlief sie, mutmaßte er. Und das Messer in der Brust? Ein Unfall in der Küche wahrscheinlich. Vielleicht wollte sie Zwiebeln schneiden und hatte, ungeschickt wie sie war, unabsichtlich eine Flasche Wein zerbrochen. Kowalski hatte Verständnis für ihr teilnahmsloses Erscheinungsbild, auch er würde sich recht schlapp fühlen, wenn ein großes Messer seine Brust durchstoßen hätte. Was ihr auch fehlte, er würde sie erst morgen fragen, denn jetzt musste er den geheimen Kräften dienen, um diese nicht zu enttäuschen.

Schon wieder: Kowalski verspürte einen dieser unerklärlichen inneren Dränge, die ihm sagten, was er zu tun hätte. Dieses Mal forderten sie ihn auf, die Wohnung zu verlassen. Es war nicht klar, wohin sie ihn schicken wollten, doch er war sich ziemlich sicher, dass die Reise zu seiner Lieblingskneipe in Stegolsberg führen müsste. Wenn er überhaupt einmal außer Haus ging, dann nur an diesen Ort. Warum also nicht auch heute? Kowalski musste immer gewohnten Mustern folgen, sonst geriet er in Panik. Es würde ihm also keine andere Option übrigbleiben und »sie« wussten das bestimmt auch. Er ließ sich von seiner Intuition leiten und diese war niemals im Unrecht. Er stand auf und wollte noch seine Jacke für draußen holen. Zum Glück war diese in einem monotonen Grau. Als er das Treppenhaus hinabsprintete, wurde er plötzlich wieder durch einen starken Hustenanfall für einige Zeit außer Gefecht gesetzt. Er wusste nicht, ob dies etwas Ernsteres zu bedeuten hatte oder ob ihn einfach nur die Symptome einer Erkältung plagten, doch sich jetzt für Tage im Bett auszukurieren, war undenkbar. Kowalski hatte Pflichten, die er unbedingt erfüllen müsste, wollte er nicht Opfer von »denen« werden.

»Eine Sache habe ich aber noch vergessen. Nicht wahr?«, flüsterte er sich selbst zu. »Die Tabletten, Igor!« Er musste sie jeden Tag nehmen. Kowalski starrte auf die Treppen vor ihm, während er tief in Gedanken versank. Doch er wusste schnell eine Antwort auf die Frage, die er sich selbst gestellt hatte – und diese lautete: Die Medikamente würden ihn zerstören und von innen wie ein Wurm einen Apfel aushöhlen. Er verlöre seine Persönlichkeit und all das, was ihn ausmachte; und noch schrecklicher, er verlöre den Kontakt zu »ihnen«. Diese Nebenwirkungen konnte er unmöglich tolerieren. Er stürmte zurück in die Wohnung und griff nach der noch ungeöffneten Schachtel mit den Tabletten. Anschließend öffnete er das Fenster im Bad und ließ sie durch die kühle Nachtluft in den Rhododendronbüschen, die neben dem Wohnhaus im Garten wucherten, verschwinden. So würde er sie, da war er sich sicher, nie wieder finden – und niemand konnte ihn zwingen, diese noch ein einziges Mal einzunehmen. Kowalski atmete tief durch. Endlich! Endlich fühlte er sich frei. Die Medikamente waren für ihn wie eine gierige Schlange, die sich immer fester und fester um seinen Hals schlang, um ihn schließlich langsam zu töten und dann zu verspeisen. Die Ketten, die den Draht zwischen ihm und »denen« zu schmelzen versuchten, waren gebrochen. Kowalski fühlte sich nicht nur frei, er war auch frei.

»Seht, ich bin euer Diener!«, raunte er »ihnen« zu.

Zuversichtlich lief er die Treppen hinunter, bis er schließlich durch die breite Eingangstür die Vollendung seiner angestrebten Freiheit erreichte. Er warf einen besorgten Blick auf seine Armbanduhr und erkannte, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Seine Lieblingskneipe schloss in einer Stunde ihre Pforten und »sie« hätten auch nur begrenzt Geduld. Er entschuldigte sich gedanklich bei »ihnen« für sein träges Verhalten. Eigentlich hätte er viel gewissenhafter und rascher arbeiten müssen. Er hoffte, dass »sie« ihm noch einmal verzeihen würden. Kowalski startete den Motor seines hellblauen VW Golf I und rollte langsam aus der Mietgarage auf die Straße. Die »Taverne Poseidon«, wie sie so schön und einfallslos hieß, lag nur etwa zehn Fahrminuten entfernt, etwas außerhalb des Ortszentrums in der Nähe der Nadelwälder. Er würde ohnehin nichts trinken, beschloss er, denn er wusste, dass er nur wegen »ihnen« um diese Uhrzeit noch seine geliebte Wohnung verließ und für »ihre« Botschaften völlig empfänglich sein müsste.

Der Verkehr war ungewöhnlich ruhig, normalerweise waren die Straßen auch in der Nacht mit einigen Fahrzeugen gefüllt, doch heute war er der einzige. Selbst, als er auf die Hauptstraße auffuhr, war er allein mit dem Schein der Straßenlaternen – und auch diese waren zu dieser Zeit überflüssig, denn kein einziger Fußgänger bevölkerte den Bürgersteig. Leicht ermüdet erreichte er schlussendlich das Lokal, auf dessen Dach ein enorm großer, beleuchteter Hai angebracht war, dessen Neonröhren immer wieder ausfielen und dann wieder hell erstrahlten. Kowalski parkte sein Fahrzeug neben den anderen. Scheinbar hatte er den letzten Parkplatz erwischt und das bedeutete, dass noch viele Leute in der Kneipe sein müssten. Das verunsicherte ihn ein wenig, da er Menschen überhaupt nicht mehr ertragen konnte. Er konnte ihnen nicht vertrauen und sie würden ihn für wahnsinnig halten. Das ergäbe keine gute Mischung. Kowalski wusste, dass letztere Einschätzung ungerechtfertigt war. Immerhin wusste er als einziger die Wahrheit und er würde sein Wissen heute Nacht mit dem letzten Mosaiksteinchen, das ihm noch bis zur einzigartigen geistigen Vollkommenheit fehlte, vervollständigen – und er wusste zudem die echte Wahrheit und nicht die Lügen, die von machtbesessenen Regierungen verbreitet wurden. 

Er betrat die Kneipe und seine Vermutungen wurden tatsächlich bestätigt. Fast alle Tische waren von Gästen okkupiert, die sich heiter unterhielten. Müde schienen sie bei ihrer unbeschwerten Laune nicht zu werden, es wirkte so, als würde jeder von ihnen noch bis zum Morgengrauen bleiben. Kowalski fand keinen Platz, an dem er weit von den anderen weit genug abgeschottet hätte sein können, also setzte er sich zur Bar und senkte seinen Blick weit nach unten, bevor ihn noch jemand ansprechen könnte. Dieser Plan ging aber nicht auf, denn kurze Zeit später wurde er von einer Kellnerin nach seiner Bestellung gefragt. Da er in den sozialen Normen in gewisser Weise gefangen war, bestellte er ein kleines Bier. Vielleicht würde er mit einem Getränk weniger auffallen, dachte er.

»Schön, dich wieder einmal hier zu sehen, Igor. Igor?« Perplex starrte die Kellnerin auf den stillen Mann vor ihr, der mit einem verrückten und verstörten Blick auf den Tresen starrte, ehe sie fortging. An was dachte er? Und warum war es nicht so gesellig wie sonst? Was war bloß mit ihm geschehen?

Kowalski wagte es trotz aller Ängste und Sorgen, seine Umgebung zu mustern. Er sah einen Haufen ignoranter Arbeitsbienen, die für die Königin, die sie zur Versklavung selbst gewählt hatten, im Alkohol ihre wahren Wünsche, von denen sie glaubten, sie nie erleben zu dürfen, zu ertränken versuchten. Er fixierte seinen Blick so sehr auf die anderen, dass er gar nicht die Stimme der Kellnerin hörte, die ihn auf das Bier, das sie ihm gebracht hatte, aufmerksam machte.

»Igor, hier. Deine Lieblingssorte. Igor?« Abermals versuchte sie, an ihn heranzukommen, doch vergeblich. Er schwieg.

Lustlos schob er ihr ein paar Mark zu und verzichtete auf das Wechselgeld. Er fühlte sich hintergangen – hintergangen und betrogen durch seine eigenen Gedanken. Niemals hätte er hierher kommen dürfen. Es war alles umsonst, nichts von dem, was er glaubte, ergab an diesem Ort Sinn. Wo war denn nun die Erkenntnis? Kowalski verzweifelte, denn er konnte nicht mehr länger warten. In der Aussichtslosigkeit fiel ihm nichts Besseres ein, als sein Gesicht auf das Glas Bier vor sich zu legen, sodass er mit einem Auge fast die kreisrunde Oberfläche des Getränks vor ihm berührte. Er würde nichts davon trinken, denn es mache ihn dumm, den falschen Propheten gegenüber gehorsam, und würde die Tore zu »ihnen« schließen. Alkohol war ein feines Mittel, um die Massen ruhig zu halten, das wusste natürlich auch die Politik, denn sonst wäre er trotz der Gefährlichkeit nicht eine der wenigen legalen Drogen. Ihm war es egal, was andere über seine Ansichten dachten, denn er wusste, dass sie sowieso alle Unrecht hatten.

Kowalski verengte sein Sichtfeld immer mehr auf das Bier, denn er hatte eine gewisse Vorahnung, was nun geschehen würde. Er wurde wie schon so oft zuvor regelrecht von dem, was er sah, aufgesaugt. Seine Gedanken wanderten in die hintersten Winkel seines Kopfes, denn von nun an zählte lediglich die Einheit von allem, was einst war, was ist und was einmal sein wird. Seine Pupillen erweiterten sich ins Unermessliche und er schwebte bereits wieder in dieser einen Welt, die er nur zu gern bis in alle Ewigkeit zu bewohnen begehrte. Doch das war nicht möglich, nur in diesen seltenen Phasen durfte er Einsicht in dieses Universum erhaschen.

»Igor!« Die Stimme rief viel lauter als beim letzten Mal. »Ein letzter Schritt!«

»Wohin?« Zum ersten Mal konnte Kowalski in dieser Dimension sprechen und er war neugierig, was ihn nun erwarten würde.

»Du weißt!« Und er wusste.

Nacht. Er befand sich wieder in seinem VW Golf I, aber nur geistig, das konnte er mit Sicherheit sagen. Der Wagen fuhr von allein. Er rollte mit gemäßigtem Tempo entlang einer abgelegenen Landstraße, die durch einen dichten Wald führte. Kowalski wurde durch eine unbekannte Kraft gegen den Fahrersitz gedrückt, er hatte aber keine Angst, da er all dem, was geschah, vertraute. Das war eine seiner Eigenheiten. Manchmal ließ er die Dinge einfach ihren Lauf nehmen, ohne einzugreifen. Eine Methode, die er sich angewöhnt hatte, um mit seiner Umwelt klarzukommen. Kowalski starrte in die Leere der Nacht, während er allmählich das Auftreten einer Kälte spürte, die in den Wagen drang und ihn wie den Hauch verlorener Seelen umgab. Er wusste nicht, wohin die Reise führte, aber er blieb ruhig. Mit der Zeit drehte er die Heizung an, um der unangenehm niedrigen Temperatur entgegenzuwirken. Er wagte nun erstmals einen genauen Blick durch die Fenster auf die Bäume des Waldes, die links und rechts von der Straße emporstiegen. In ihnen bemerkte er seltsame Schattenkreaturen, die durch die Äste streiften und eine mächtige schwarze Rauchwolke hinterließen. Einige von ihnen wirkten besonders anziehend auf ihn, obwohl ihm völlig bewusst war, dass sie ihn nur zu falschen Entscheidungen locken wollten. Er durfte nicht ihrem Charme unterliegen und musste stattdessen möglichst auf seinen Verstand als einziges vernünftiges Werkzeug seines Geistes vertrauen.

Die Schattengestalten glichen in ihrer Form durchaus Menschen, die vorgaben, auf Kowalskis Seite zu stehen. Anfangs gaben sie harmonische Melodien von sich, aber bald verwandelten sich diese in echte Wörter und Sätze. Sie versuchten, ihn zum Halt zu bringen, doch er dachte sich, schlau genug zu sein, um nicht in diese Falle zu tappen. Egal, wie oft sie probierten, ihn umzustimmen, Kowalski blieb standhaft und fokussierte nur die Fahrbahn vor sich. Mit Erfolg. Durch seine gedankliche Manifestation verschwanden die Schatten allmählich und er kehrte wieder in die vorherige Atmosphäre zurück. Der Spuk sollte aber noch nicht zu Ende sein. Vor ihm verschwanden alle Bäume, sie wurden durch eine eintönige Wiese ersetzt. Die Straße nahm zudem einen unerwarteten Verlauf. Kowalski musste durch eine scharfe Linkskurve lenken, nach der er schließlich einen weiten See direkt am Wegesrand erkannte. Ein Ausläufer dieses Gewässers lief sogar unter der Straße hindurch, weswegen er seine mentale Reise über eine schmale Holzbrücke fortsetzen musste. Die Umgebung war lediglich durch den Schein eines glühend gelbweißen Mondes erleuchtet, der plötzlich am Himmel sichtbar wurde und immer näher zu kommen schien. Für Kowalski war das ein schlechtes Omen, er konzentrierte sich wieder darauf, alle äußeren Reize zu ignorieren. Er musste nur auf der Straße bleiben, um diese Prüfung zu bestehen.

Mittlerweile kehrten die Bäume zurück, der Weg verlief auch wieder kerzengerade, der Mond verschwand, bedauerlicherweise begannen seine Scheinwerfer zu flackern. Er musste sich darauf einstellen, auch ohne jegliche Beleuchtung auf der Straße zu bleiben, sollte das Licht vollständig ausfallen. Kowalski atmete erneut tief durch. Er war entschlossen, diese Situation zu meistern, und er redete sich ständig ein, einfach nur alle Störungen gekonnt zu ignorieren, um diesen Test zu bestehen. In diesem Augenblick meldete sich das Autoradio mit den aktuellen Nachrichten, aber selbst diese brachten ihn vorerst nicht aus der Ruhe. Im nächsten Moment wurde er wieder von den Stimmen der Schatten angegriffen, die nun vom Rücksitz seines Fahrzeugs zu kommen schienen. In Kowalskis Kopf loderte ein Feuer der Nervosität und Furcht auf. Er wusste, dass er diese eingebildeten Reize nur durch die Beherrschung seiner Gedanken vernichten konnte, doch gleichzeitig fühlten sie sich so real an, dass er an seiner Urteilsfähigkeit zweifelte. Die Straße wurde immer enger, sodasslediglich sein eigener Wagen gerade noch Platz hatte. Die Scheinwerfer flackerten ein weiteres Mal, ehe er wieder von einem frostigen Wind angeblasen wurde. Kowalski bremste etwas ab, bevor er eventuell ein Hindernis übersähe. Er sah Kreaturen vor sich herumschwirren, die er aber nicht eindeutig identifizieren konnte. Zu schnell schossen sie vor seinen Augen von einer Seite zur anderen. Kowalski verspürte nun ein starkes Übelkeitsgefühl und Ermüdung, wodurch er gezwungen war, kurz anzuhalten, obwohl er sich der Gefahren bewusst war, die bei Stillstand auf ihn lauerten. Er schloss nur für den Bruchteil einer Sekunde seine Augen, bevor er sich dazu entschied, trotz seines Unwohlseins das Ritual fortzusetzen. Ab hier hielt er seinen Kopf starr, um nur in eine einzige Richtung, nämlich nach vorn, zu blicken. Er konnte sich nicht erlauben, von hinterhältigen Kräften übermannt zu werden, sobald er sich auf ihre Erscheinungsformen konzentrierte.

Das Fahrzeug begann zu stottern. Es plagte sich merklich, in Bewegung zu bleiben. Nach etwa einem halben Kilometer, in dem er nichts Neues vor Augen bekam, wurde er schlussendlich von einer roten Ampel überrascht.

---ENDE DER LESEPROBE---