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Ausgerissene Augäpfel, Nägel in Händen und Füßen: Der renommierte englische Psychiater Patrick MacBride wurde auf brutale Weise an die Wand einer Hütte an den Kreidefelsufern der britischen Atlantikküste gekreuzigt. Das Skurrile: Der Mord erinnert haargenau an die Taten des kaltblütigen Serienmörders Douglas MacDonald, der bereits seit mehr als einem halben Jahr in einer psychiatrischen Anstalt für geistesabnorme Rechtsbrecher in der Großstadt South Swanmin einsitzt. Der von Erfolg und Ruhm gezeichnete Ermittler Norman J. Coleman begibt sich mit seiner frisch im Dienst befindlichen Kollegin Cindy Marlowe auf die Suche nach dem Täter. Gemeinsam stoßen sie auf ein Netz an Verstrickungen und Geheimnissen, welche in der Stadt und im öden Grasland der Peripherie verborgen liegen. Als die Entführung und Ermordung einer prominenten Influencerin die friedliche Idylle abermals erschüttert, stellt sich die Frage, ob in diesem Fall nur einer zur Rechenschaft gezogen werden kann – oder mehrere ein Geständnis ablegen müssen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Von Lukas Hochholzer sind bereits folgende Titel erschienen:
Der Untergang von Florenz (Band I-III)
Der Stilllebenmörder (Empire)Das Fenster in eine fremde WeltZigarrenschachtel
Lukas Hochholzer
GESTEHEPsychothriller
Juli 2022 © Lukas HochholzerErlenweg 1a, 4651 Stadl-Paura
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden.
Covergestaltung: germancreative auf de.fiverr.com
Coverabbildung: depositphotos.com (ID: 55256003)
Lektorat: Manuela Silbermayr
ISBN: 9798847039826
Ich habe eine spirituelle Seite, die sehr tief geht, aber ich gestehe offenherzig, dass ich der größte Sünder von allen bin.
- Johnny Cash
Der 2002 geborene und aus Stadl-Paura (Oberösterreich) stammende Autor Lukas Hochholzer entdeckte bereits in jungen Jahren seine Liebe zum Schreiben. Nach einigen beim Internationalen Kinder- und Jugendbuchwettbewerb in Schwanenstadt ausgezeichneten Kinderbüchern widmete er sich 2017 seinem ersten Romanprojekt »Der Untergang von Florenz«.
Im Moment befasst er sich hauptsächlich mit seinem Studium der Technischen Mathematik in Linz und arbeitet nebenbei an diversen Krimi- und Thriller-Projekten. Besonderen Schwerpunkt legt er hierbei auf die Erarbeitung und Beschreibung psychischer Entgleisungen der Hauptfiguren.
Weiterführende Inhalte zu seinen veröffentlichten Werken finden sich auf seiner Webseite: https://www.lukashochholzer.com
I
n Detective Chief Inspector Norman J. Colemans Augen glänzte das Bild des Mannes, der an die Wand vor ihm gekreuzigt wurde.
»Patrick MacBride, Psychiater in der Anstalt für geistesabnorme Rechtsbrecher in South Swanmin«, fuhr er mit trockener Stimmlage fort.
Coleman blickte hinüber zu seiner Kollegin Cindy Marlowe, die erst vor einigen Wochen ihren Dienst als Police Constable begonnen hatte. Sie hechelte, ihre Augenlider zuckten, sie verkrampfte ihr Gesicht und presste die Lippen aneinander.
»Ich verstehe es nicht«, flüsterte er in ihre Richtung und zog dabei die Augenbrauen fordernd hoch, als wolle er sie um eine Antwort bitten.
Marlowe stockte der Atem. Ihr rasendes Herz schien ihre Rippen zu zerbrechen, als der Anblick der Leiche ihre Netzhäute wie ein scharfes Projektil bombardierte. Allein die kranke Idee des Mörders ließ sie erschaudern: Die Nägel in den Armen und Beinen des Toten wurden gewaltvoll in sein Fleisch gebohrt, er wurde bei vollem Bewusstsein exekutiert. Aus den Wunden quoll getrocknetes Blut, das sich in feinen Linien über die Wand verteilte. Um sein Werk zu vollenden, hatte er ihm die Augäpfel herausgerissen und die noch verbliebenen Hautfetzen mit gelbem Seidengarn zusammengenäht.
»Was meinst du?«, fragte sie ihren Kollegen und versuchte dabei, das ängstliche Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.
»Sag du es mir!«
»Ich?«
Coleman schmunzelte. Er konnte sich dieses kleine Spiel nicht verkneifen und ermunterte seine unerfahrene Kollegin zum Rätselraten, obwohl er doch bereits, wie so oft, alles durchschaut hatte. Fast alles.
»Ich gestehe, dieses kleine Detail kann wohl nur mir auffallen. Immerhin habe ich mich lange Zeit mit einem beinahe gleichen Fall beschäftigt.«
Coleman knackte seine verspannten Finger, hob seine rechte Hand und deutete auf die Buchstabenreihenfolge, die über der Leiche mit roter Schrift auf die Wand angebracht war.
»Der Mord ist fast perfekt. Die Anordnung fällt genau in sein Muster. Die Art, in der er ihn hingerichtet hatte, stimmt exakt mit seinen früheren Morden überein. Sogar die gleichen Nägel hatte er verwendet. Aber ein Fehler ist ihm unterlaufen: Bei dieser Abkürzung, da hat er die Buchstaben vertauscht.«
Marlowe kniff die Augen zu und blickte Coleman fragend an. »Moment, über wen redest du?«
»Habe ich dir noch nicht von ihm erzählt?« In seiner Genialität war Coleman oft derart in seinen Gedanken verfangen, dass er nicht an die grundlegendsten Dinge dachte. Unter anderem etwa an die Tatsache, dass seine Mitmenschen nicht unbedingt seinen Verstand lesen konnten.
»Ich hatte vor ungefähr einem halben Jahr einen sehr ähnlichen Fall abgeschlossen. Damals ging es um einen Serienmörder, der seine Opfer auf die genau gleiche Weise umgebracht hatte. An eine Wand gekreuzigt, die Augäpfel herausgestochen und die Lider zugenäht. Nur kann er es nicht sein, da er in der Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher in South Swanmin festsitzt und ...«
»Und?« Marlowe riss die Augen weit auf, als ihr Kollege eine Sprechpause einlegte. Coleman strich sich über das Kinn, legte sich den Finger auf seine Nasenspitze und verstummte, als müsse er scharf nachdenken. Selbstverständlich lag ihm die Antwort bereits auf der Zunge, er wollte seine ahnungslose Kollegin nur zappeln lassen.
»Diese Abkürzung steht für einen lateinischen Spruch: Prope est ut fumo et igne concupiscentiae homicidii, das ist ein berühmtes Zitat von Shakespeare: ›Mord ist der Wollust nah wie Rauch dem Feuer‹. Aber hier liegt der Fehler. Die Zeit, in der das Verb steht, ist falsch. Es müsste im Präsens sein, doch bei dieser Abkürzung steht es im Präteritum. Dadurch ändert sich die gesamte Wortstellung, weswegen die Buchstaben durcheinander sind.«
»Dieser Serienmörder hat also immer diesen Spruch benutzt?«
»Korrekt, das war sein Erkennungszeichen, auch wenn ich mich wundere, wie er das Zitat ins Lateinische übersetzten konnte. Er hat nicht einmal einen Pflichtschulabschluss.« Coleman grinste. »Er hat ihn bei jedem Mord hinterlassen. Nur hier stimmt er einfach nicht. Es muss sich also um irgendeinen Nachahmungstäter handeln.«
»Verstehe«, entgegnete ihm Marlowe knapp und griff sich dabei auf den Bauch. Es war das erste Mal in ihrer Dienstzeit, dass sie eine Leiche zu Gesicht bekam. Und dann auch noch so grausam entstellt! Obwohl sie den anfänglichen Schock bei ihrem Eintreffen bereits überwunden hatte, kämpfte sie nun schon die ganze Zeit mit einem flauen Gefühl in ihrer Magengegend. Langsam kroch die Übelkeit ihren Rachen hoch und sie wartete nur mehr darauf, diese bestialische Mordszene wieder zu verlassen. Ein neidisches Gefühl durchschlich sie, als sie die ruhige und starre Mimik ihres Kollegen bewunderte, dem dieser Anblick scheinbar nichts ausmachte.
»Im Augenblick kommt für mich nur ein gewisser Personenkreis in Frage, den ich verdächtigen würde. Das heißt, solange die forensische Abteilung noch keine konkreten Spuren gefunden hat, versteht sich.«
»Der wäre?« Marlowe verstand nicht, warum sie Coleman um jedes Wort aus seinem Mund bitten musste. Er schien doch ohnehin bereits alles durchblickt zu haben.
»Unser Mordopfer, der Psychiater, hatte sich nach der Festnahme und Einweisung des Serienmörders durch ein sehr erfolgreiches Buch einen Namen gemacht. Ich glaube, es hieß ›Die Odyssee des Bösen: Manifestation kindlicher Traumata und ihre Auswirkungen auf das Verhalten psychisch kranker Rechtsbrecher‹. Dieses handelte fast zur Gänze über das Fallbeispiel jenes Serienmörders, der sich bei ihm in Behandlung befand. Natürlich erwähnte er nicht seinen Namen, aber aus internen Quellen können wir mit Sicherheit sagen, dass sich das Buch mit seinen Leiden und seinen abnormen Verhaltensweisen befasste. Mein erster Gedanke wäre nun, dass sich der Serienmörder für diese ungewollte Darstellung seines Lebens rächen wollte. Womöglich heuerte er jemanden an, um seinem Peiniger das Leben zu nehmen. Auf die genau gleiche Weise, wie auch er immer seine Morde ausgeführt hatte. Oder vielleicht war es auch einer seiner anderen Patienten. Einer, der sich von ihm ungerecht behandelt fühlte und Inspiration bei ihm suchte. Dieser müsste allerdings aus der Anstalt ausgebrochen sein, was möglich, aber sehr schwierig ist.«
Marlowe nickte stillschweigend und hustete lautstark, während sie sich die Hand über den Mund hielt. Coleman beäugte unterdessen einen von Staub und Dreck überdeckten Spiegel, der an die Wand gegenüber von MacBrides Leiche angelehnt war und vom Boden bis zur Decke reichte.
»Ich werde kurz den Raum verlassen«, sagte sie hastig, als sie bereits den Türgriff umklammerte.
Coleman schmunzelte und blickte durch das zerschmetterte Glas eines Fensters, das lose an der Fassade dieser Bruchbude hing. Was hatte MacBride ausgerechnet in diese verlassene Ruine im öden Grasland der Atlantikküste verschlagen, die täglich von jugendlichen Banden und drogenabhängigen Obdachlosen heimgesucht wurde? Oder wurde er an diesen Ort verschleppt? Aber wozu? Warum hatte ihn der Täter genau hier und nicht bereits irgendwo auf seinem Weg durch dieses abgeschiedene Stück Land kaltgemacht? Wollte er, dass die Leiche möglichst schnell gefunden wird? Dass alle sein Werk bestaunen? Coleman hustete den Staub aus, den er eingeatmet hatte, strich sich ein weiteres Mal übers Kinn und verließ den Raum, um nach seiner Kollegin zu sehen.
Im Meereswasser spiegelte sich das Bild der Möwen, die knapp über den sanften Wellen ihre Runde flogen. Coleman näherte sich dem Felsen, auf dem Marlowe kniete und den Kopf tief nach unten hielt. Er hätte ihr sagen können, dass sie sich mit der Zeit an diese Fälle gewöhnen würde, dass sie eine geistige Widerstandskraft aufbaue. Aber das müsste sie ohnehin selbst lernen. Colemans kühle Natur zeigte sich einmal mehr, als er sich von seiner Kollegin abwandte, um einige Schritte weiter weg eine neue Spur zu inspizieren. Neben der Schotterstraße befand sich ein Halbkreis aus Kies, der an die baufällige Hütte anschloss. Der Schatten der aufgehenden Sonne kroch über das offene Dach der Hütte und endete genau an dem Punkt in dieser Fläche, an dem sich zwei tiefe Einkerbungen durch den Boden zogen.
»Reifenspuren«, deutete Coleman. Der Fund war nicht spektakulär, eher offensichtlich. Er erkannte an dem einzigartigen Muster eine besondere Abnützung der äußeren Reifenkanten, verursacht durch eine falsche Fahrzeugkonvergenz.
Für den Moment sollte diese Tatsache aber noch keine Rolle für den Fall spielen. Coleman wollte zuerst alle Spuren sammeln.
D
ie schmale Luke in der Eisentür wurde gehoben. Eine Hand winkte ihr im spärlichen Licht zu. Der Leuchtkegel schimmerte von außen durch die Öffnung in den Kerker. Ein Teller mit abgekauten Schweinerippen wurde ihr zugeschoben. Die Finger der Hand griffen den einzigen Knochen, an dem Fleisch hing, und nahmen ihn ihr wieder weg. Ein fürchterliches Kauen und Grunzen ertönte im gedämpften Schall der Tür. Die Hand warf ihr den abgekauten Knochen durch die Luke zu.
Olivia schlug mit den Fäusten auf den nassen Betonboden. Der Ort, an dem sie bereits eine Ewigkeit vegetierte. Sie biss die Zähne zusammen und ließ schließlich einen letzten kräftigen Schrei los. Ihr Körper schlug erschöpft auf den Boden auf.
»Warum lässt du mich nicht raus? Wer bist du krankes Monster?«, winselte sie. Hunger, Durst und Verzweiflung kroch wie ätzende Lava durch ihren Körper. Jeder Herzschlag fühlte sich schmerzhafter als der vorherige an. Die aufbrodelnde Magensäure griff die Schleimhäute ihrer Verdauungsorgane an. Sie hatte sich bereits unzählige Male in der stickigen Luft ihres Verlieses übergeben.
Ich halte diese verdammte Hitze nicht mehr aus! Durch das Gitter eines Luftschachts im oberen Bereich des Kerkers blies ein konstant warmer Zug auf sie nieder. Olivia riss sich alle Kleider vom Leib. Sie spürte ihre Haut verschmoren.
Gott, wo zur Hölle bin ich hier gelandet? Ein verzweifelter Gedanke nach dem anderen schoss durch ihren Verstand. Gerade eben war sie noch auf dem Weg zur Arbeit als Influencerin bei einer großen Marketing-Agentur in South Swanmin. Jetzt wünschte sie sich den Tod.
Ein weiteres Mal schloss sich die Luke. Olivia wusste nicht mehr, wie oft ihr Entführer dieses Spiel bereits getrieben hatte. Ihr Körper krampfte sich zusammen. Fiel in eine tiefe Ohnmacht.
Ein brennendes Gefühl auf ihren Augenlidern. Es weckte sie. Aus dem gleißenden Licht der geöffneten Tür stachen zwei Hände hervor. Diese packten sie an den Schultern. Ihre Gliedmaßen fühlten sich taub und gelähmt an. Sie hätte keine Möglichkeit gehabt, sich zu wehren. Im grellen Licht der Neonröhren konnte sie kaum mehr als die Unterarme dieses Ungeheuers erkennen. Die Hände schleppten sie durch einen schmalen Gang. Dieser schien kein Ende zu nehmen.
»Bitte, lass mich frei, ich gebe dir alles, was du willst!«, keuchte Olivia mit schwacher Stimme.
Sie erhielt keine Antwort. Eine Tür schlug auf. Sie zog ihren zermürbten Körper in einen Kellerraum. Sofort spürte sie eine Linderung des brennenden Gefühls in ihren Augen. Im Keller war es dunkel. Sie blinzelte. Fühlte die kühle Luft über ihre zerkratzte und verwundete Haut gleiten. Olivia empfand mehr Verzweiflung als Beschämung oder Erniedrigung. Ihre Emotionen waren durch den Horror betäubt. In ihrer verschwommenen Sicht erblickte sie in den nächsten Sekunden einen schmutzigen Heizöltank, einen Wäscheberg und eine Sammlung an rostigen Fahrrädern. Der Raum war mit Zeitungen und Schachteln zugemüllt, das Kellerfenster verschmiert, sodass nur einzelne Lichtstrahlen durch das Glas drangen.
Ihr Entführer packte sie an den Haaren und zog sie hoch. Olivia erhaschte einen Blick auf seinen Körper. Er war zu Gänze vermummt. Er trug eine schwarze Robe. Sie reichte nur bis zu den Knöcheln. Sein Gesicht hatte er mit einer Sturmmaske verhüllt. Womit habe ich das nur verdient? Im Moment pochte dieser Satz so häufig durch ihren Verstand, dass sie ihn nur mehr zur Hälfte denken konnte, ehe er sie wieder überfiel.
Kurz ließ er von ihr los. Olivia lag regungslos auf dem Boden. Sie keuchte und hechelte. Die Luft war stickig. Es roch nach Verwesung. Ein Licht ging an.
C
olemans Blick schweifte über den Atlantik, dessen Wellen gegen die weißen Kreidefelsen schlugen, auf denen er seit einer Stunde in der Morgenröte dieses Freitags verharrte. Er spürte eine frische Ozeanbrise, die seinen Mantel knapp über dem Felsen, auf dem er stand, baumeln ließ. Sein Blick schwenkte zu den Kegelrobben, die sich am Ufer wälzten. Coleman stockte. Hier, in diesem beschaulichen Dorf, in welchem sich die kleinen Häuser und Hütten in Form eines Schwalbennests an die Steilküste anschmiegten, soll ein derart brutaler Mord verübt worden sein? Coleman versuchte, in sich zu gehen, den Verstand von allein arbeiten zu lassen. Normalerweise waren diese Eindrücke, diese stoische Ruhe, die er seit Jahrzehnten praktizierte, der Benzin für seine Gedankenzahnräder. Doch dieses Mal fühlte er sich alles andere als sicher. Als müsste er in seinem allerersten Mordfall ermitteln. Coleman hatte alle weiteren Schritte im Kopf. Natürlich hatte er einen Plan. Doch bereits jetzt stellte er sich eine unausweichliche Sackgasse vor, die ihn in der Zukunft begegnen würde, als könnte er dieses Hindernis bereits vor jeglicher Spurensuche vorhersehen.
»Geht es dir jetzt besser?«, fragte er Marlowe.
»Ja, ich denke schon«, nickte seine Kollegin.
Coleman wollte nur höflich sein. In seinen Gedanken durchdachte er bereits alle weiteren Schritte. Einmal mehr ließ er seine verspannten Finger knacken.
»Ich schlage vor, wir statten dem Serienmörder am Abend einen Besuch in der Psychiatrie ab.«
»Erst am Abend?«
»Ja, die Besuchszeiten beginnen erst um sechs Uhr. Diese Regel gilt auch für Beamte.«
Marlowe bejahte Colemans Aussage durch ein schlichtes Kopfnicken. Gerne hätte sie seine Worte erwidert, doch ihr fiel nichts ein. In ihrer Ausbildungszeit sprossen die Ideen wie Pilze aus dem Boden. Sie freute sich auf die Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei. Doch seitdem sie mit Coleman zusammenarbeitete, waren ihre Gedanken wie gelähmt. Sie fühlte sich wie ein unnötiges Anhängsel, das nur die Arbeit ihres Kollegen beobachtete, ohne selbst etwas beizusteuern. Nein, noch viel schlimmer, sie glaubte, seine Ermittlungen gar zu behindern. Nicht einmal den Anblick einer Leiche konnte sie verkraften!
Coleman drehte sich um und fixierte seinen Blick auf die baufällige Ruine, in der einer der bekanntesten Psychiater Englands an eine Wand gekreuzigt wurde. Er erinnerte sich, ihn vor nicht mehr als einem Monat getroffen zu haben. Coleman hatte den Serienmörder längst gefasst. Sie unterhielten sich bei einer Tasse Tee über den Roman, den MacBride kurz zuvor veröffentlicht hatte. Die Atmosphäre war trotz Colemans notorischer Unnahbarkeit locker, die Stimmung erstklassig. Das Gespräch schwankte von einem Thema zum anderen. Vielleicht hätte sich Coleman mehr für den Serienmörder und weniger für den Chardonnay interessieren sollen, dann würde er bereits mehr wissen.
»Cindy, also wenn es dir nichts ausmacht, wenn wir uns per Du ansprechen, ich werde uns jetzt zurück zum Polizeigebäude fahren. Bitte gehe die Akten durch, die ich dir gestern in der Nacht noch auf deinen Schreibtisch gelegt habe. Ich bin ab etwa halb sechs wieder in meinem Büro. Dann fahren wir in die Psychiatrie. Komm dann einfach zu mir. Mein Kollege hat dir ja bereits mein Büro gezeigt?«
»Ja, das hat er. Und was machen Sie, also ich meine, was machst du in der Zwischenzeit? Also, falls ich eine Frage habe?«
»Ich werde zunächst etwas in der Gegend herumfahren. Dann werde ich eine zweistündige Massagesitzung buchen, um den Kopf freizubekommen. Das hat mir bisher immer geholfen. Danach sehe ich weiter. Ich weiß dann eigentlich immer, was ich brauche, um klar denken zu können. Du kannst mich gegen Mittag wieder telefonisch erreichen, falls du irgendetwas brauchst. Wage es nicht, davor anzurufen. Das stört. Und auch danach bin ich nicht ständig zu erreichen. Vielleicht bade ich auch gerade in einem eiskalten See oder mustere das Verhalten der Leute im Park.«
»Alles klar.« Mehr entgegnete ihm Marlowe nicht. Etwas exzentrisch war Coleman ja doch, das hatte man ihr bereits gesagt. Aber solange er so seine Fälle lösen konnte, sollte das niemanden stören.
In Marlowes Bauchraum breitete sich ein warmes Kribbeln aus. Die Übelkeit war mit einem Schlag verflogen, als sie endlich Gewissheit hatte, die grauenerregende Mordszene wieder zu verlassen. Erleichtert atmete sie auf. Ihre Beine tanzten gelassen in die Richtung von Colemans Fahrzeug, als ihr Kollege einen unverhofft neuen Einfall hatte.
»Warte noch kurz«, rief er ihr zu und streckte den Arm aus, um sie am Fortgehen zu hindern.
»Was ist denn?« Marlowe verspürte einen Stich in ihrem nervösen Magen. Was hielt Coleman bloß jetzt noch auf?
»Da passt etwas nicht.« Coleman zeigte mit dem Ringfinger auf den löchrigen Giebel des Satteldachs der Ruine, durch die er auf den offenen First blicken konnte. Diese verrenkte Fingerhaltung, bei der mit dem Daumen seinen Zeige- und Mittelfinger gegen die Handfläche drückte und seinen kleinen Finger zur Seite abstehen ließ, war sein Markenzeichen. Coleman wollte damit allen das Nichtvorhandensein eines Eherings zeigen. Nie und nimmer würde er so leichtsinnig sein, sich dem Bund einer Ehe zu unterwerfen. Schon gar nicht jetzt, wo er von Erfolg und Geld überschwemmt wurde.
»Siehst du?«, sprach er zu Marlowe, der die erneute Anspannung ins Gesicht geschrieben stand. »Es gibt noch einen weiteren Dachstiel, der vielleicht nicht mehr als einen einzigen Meter neben einem anderen steht. Aus dieser Perspektive kannst du die beiden Holzpfähle kaum unterscheiden.«
»Das bedeutet?« Hilfesuchend starrte Marlowe auf Colemans Wagen, dessen bequeme Sitze ihr freundlich zulächelten. Sie müssten doch jetzt kein zweites Mal in dieses Horrorhaus gehen? Vorbei an diesem verstümmelten Leichnam?
»Es ist doch ungewöhnlich, dass die zwei so nahe beieinanderstehen. Findest du nicht? So als hätte man irgendwann etwas angebaut. Wenn ich mir die Wand nun genau ansehe und unsere Entfernung und den Sichtwinkel miteinberechne, dann deutet alles darauf hin, dass die Bruchbude aus mehr als nur dem einen Zimmerchen besteht, in dem MacBride abgemurkst wurde!«
Colemans Enthusiasmus war nicht zu bremsen. Wie aus einem Wasserfall ratterten die Worte aus seinem Mund, und mit jedem einzelnen Satz verstärkte er das Selbstlob, durch das er seine mentalen Begabungen nährte. In seiner Vorstellung tappte er sich auf die eigene Schulter und gustierte bereits eine Kostprobe der Euphorie, den Täter in naher Zukunft gefasst zu haben. Marlowes ängstlicher Blick war ihm dagegen gleichgültig.
»Es gibt also noch einen Raum?«
»Womöglich. Lass uns das sofort überprüfen!«
Sofort wurde Marlowe wieder von einem säuerlichen Brennen in ihrer Speiseröhre und einem flauen Gefühl heimgesucht. Jetzt reiß dich endlich zusammen! Sie verurteilte ihre überhitzten Nerven und zwang sich zur Selbstbeherrschung. So konnte es nicht weitergehen. Sie wollte Coleman ihr Ja geben, doch sie hatte ohnehin keine Wahl. Ihr Kollege hatte sich bereits einige Schritte entfernt. Sie folgte ihm.
Colemans Stiefel stampften die hohen taunassen Grashalme nieder, die um die Ruine herum wucherten. Marlowes weiche Knie wankten ihm auf dem so entstandenen Pfad hinterher. Coleman erzählte ihr nebenbei von einem Journalisten, der in der Vergangenheit über alle Morde des Serienmörders in der Lokalzeitung berichtete, während sich Marlowe mit ihrem rutschigen Schuhwerk noch immer durch das Gestrüpp am Boden kämpfte. Kein bisschen drehte sich Coleman in ihre Richtung um. Seine Stimme war stark und laut genug, dass sie in alle Ferne gehört werden konnte. In dieser Pampa war es aber auch egal, wie vertraulich die Informationen waren, die er preisgab. Die ersten Häuser des Dorfs, zu welchem dieser Landstrich formell gehörte, waren meilenweit entfernt.
»S. Williams hieß er. Irgendwann hat er mit seinen Artikeln aufgehört, obwohl der Serienkiller noch immer aktiv war. Ich weiß selbst nicht, warum. Vielleicht ist er irgendwann selbst durchgedreht, weil er sich zu intensiv mit den brutalen Fällen beschäftigt hatte. So etwas soll es ja geben. An seinem Schreibstil habe ich beim Lesen der Berichte ja sofort bemerkt, dass er ein recht fragiles Nervenkostüm hat. Er hat sich immer mehrere Absätze seiner Artikel an dem eigentlichen Thema vorbeigemogelt, um dann irgendwie am Schluss in einem schüchternen Satzfetzen von dem Mordfall zu schreiben. Aber das sei nur so zum Rande erwähnt, es ist mir halt aufgefallen.«
Marlowe nickte.
»Ich hatte mir das sowieso schon gedacht. Nur wollte ich das noch von außen überprüfen. Nicht, dass ich noch etwas grundlos zerstöre.« Colemans starrer Rücken prangte Marlowe entgegen, er stand vor einem Spiegel. Sie befanden sich wieder im Inneren der Hütte.
»Dieser verschmierte dreckige Spiegel ist doch nicht zum Spaß an diese Wand angelehnt. Der Täter musste ihn hier platziert haben, bevor MacBride die Hütte betrat. Damit er bei seiner eigenen Hinrichtung zusehen konnte.«
Marlowe nickte und wandte ihren Blick von der Leiche ab. Abermals ergriff sie ein grässlicher Schauder.
»Was meinst du? Was hast du vor?«, fragte sie ihren Kollegen, genervt von ihrer eigenen aufgekratzten Stimme. Sie konnte schlichtweg nicht ruhig bleiben.
Coleman packte den Spiegel an der Oberkante, zog ihn ein Stück zu sich heran und warf einen vorsichtigen Blick auf den Bereich der Rückseite.
»Geh ein paar Schritte zurück, Cindy.«
Was hatte er schon wieder vor? Cindy folgte Colemans Worte. Bei jedem Schritt zurück kam sie der Leiche von MacBride näher. Ihre Gedanken rasten. Sie stellte sich vor, dass der Tote sie jeden Augenblick mit seinen bereits zu faulen beginnenden Armen packen und zu sich ziehen würde. Marlowe schrie erschreckt auf. Der Spiegel zerschellte am Boden. Die Glasscherben flogen in alle Richtungen. Sie verzog das Gesicht und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.
»Du hast den Spiegel auch nicht einfach zur Seite stellen können?«, fauchte sie Coleman an. Coleman beantworte ihre Panik nur mit einem müden Grinsen. »Das wäre doch langweilig gewesen«, lachte er. »Pass nur auf bei all den Scherben!«
Marlowe starrte ungläubig auf ihre Füße. Die Spur der Glassplitter reichte bis kurz vor ihre Schuhe. Hatte Coleman bei all seiner Intelligenz vergessen, dass die spitzen Stücke sie treffen hätten können? Oder war er einfach nur rücksichtslos und vom Schleier seiner Selbstüberzeugung benebelt? Vorsichtig hob sie einen Fuß nach dem anderen und überprüfte, ob sich einer der Splitter durch das Velours-Leder ihrer weißen Sneaker gebohrt hatte. Ein Glück, das die Schuhe nur vom feinen Sand des zerbrochenen Glases bedeckt waren. Sie trat zur Sicherheit einen weiteren Schritt zurück und spürte noch inmitten dieser Bewegung ihr Herz stehenbleiben, als ihr bewusst wurde, was nur in einem hauchdünnen Abstand zu ihrem Rücken lauerte.
Hinter dem Spiegel verbarg sich ein Loch in der morschen Holzwand. Die Bretter wurden bei diesem Abschnitt gewaltvoll herausgerissen. Der Spiegel diente demnach nur zur Abdeckung eines weiteren winzigen Raumes, der an die Hütte angebaut war. Coleman streckte ihr die Handfläche seines ausgestreckten Arms entgegen. »Bleib für einen Moment hier, ich muss mir das zunächst selbst ansehen«, keuchte er, als er bereits hinter der Wand verschwunden war. Marlowe hörte, wie ihr Kollege von einem Hustenanfall ergriffen wurde. Aus dem Kämmerlein strömte ein intensiver Duft, als hätte hier jemand Unmengen an Parfum versprüht. Und was lag da auf dem Boden? Ein Haufen frischer Rosenblüten? Hier in der Abstellkammer dieses reizlosen Kabuffs? Inmitten all der Angst wurde nun doch Marlowes Neugierde geweckt.
»Was siehst du, Norman?«
Coleman überlegte, wie er das Bild vor seinen Augen in Worte fassen sollte, doch es gelang ihm nicht.
»Cindy, das wirst du nicht glauben!«
Z
um ersten Mal hörte Olivia die Stimme ihres Peinigers.
»Ein paar Fotos sollen reichen, um ihn zufriedenzustellen. Aber für mehr bist du nicht zu gebrauchen. Du bist viel zu mager. Du treibst zu viel Sport. Er steht auf etwas festere Frauen. Nächstes Mal suche ich mir ein besseres Exemplar für ihn aus!«
Konnte das wirklich sein? War das tatsächlich die Stimme einer Frau? Eine Entführerin! Ein hoher, krächzender Klang, der durch Mark und Bein ging. Olivias Kopf wurde von ihrem Fuß auf den Boden gedrückt. Sie hörte das Knipsen eines Fotoapparats, der diese abscheuliche Szene festhielt.
Schon wieder wurde sie an den Haaren gepackt. Die Entführerin schleppte ihren entblößten und verwundeten Körper vom Kellerraum zurück in den Kerker. Olivia schlug mit Händen und Füßen um sich, doch ihre Verteidigungsversuche wurden nur von weiteren Tritten und Hieben erwidert.
»Lass mich los, lass mich endlich frei!« Olivia presste alle verbliebene Kraft aus ihrer Kehle. Das Schreien löste ein starkes Brennen in ihrem Rachen aus. Ihre Stimmbänder schienen zu zerreißen.
Olivia kauerte in einer Ecke ihrer winzigen Zelle. Ihre Entführerin griff in eine Tasche ihrer Robe. Hervor holte sie einen spitzen Gegenstand.
»Was ist das? Was hast du vor?« Olivias heftiger Atem ließ sie stottern. Hastig umklammerte sie ihre nackten Brüste, zog den Kopf noch weiter ein. Jetzt erst erkannte sie den Gegenstand: Eine Spritze! Aus ihr träufelte das giftgrüne Präparat, das ihr gleich verabreicht werden sollte.
»Ich werde dir nun ein Anästhetikum und ein Sedativum injizieren. Du zappelst mir zu sehr. Außerdem wirst du dich dann an nichts mehr erinnern können, was danach kommt.«
Olivia zuckte zurück, als sie die spitze Nadel zu Gesicht bekam. Sie begann, mit ihren Füßen und Händen von ihr weg zu robben, doch die Entführerin kesselte sie in einer Ecke der Zelle ein. Der feste Griff ihres tätowierten Arms umschlang ihren Hals und drückte ihren Körper gegen die Betonwände.
»Lass das! Lass mich los!« Olivia konnte kaum noch sprechen, geschweige denn schreien. Ihr Gesicht lief rot an. Mit ihren Beinen strampelte und schlug sie um sich, doch jeglicher Verteidigungsversuch war vergeblich. Die Spritze kam immer näher.
»Hör sofort auf damit!« Olivia schrak auf. Das hatte doch nicht sie selbst gesagt? Oder wurde sie schon wahnsinnig? Das war doch die Stimme eines Mannes! Eine kieselige maskuline Stimme. Was es auch war, die Entführerin ließ für einen Moment von ihr ab. Olivia atmete erleichtert auf. Kam nun endlich ihre Rettung? In letzter Sekunde?
»Beweg dich kein Stück, sonst schlachte ich dich ab, anstatt dich nur zu betäuben!«, brüllte die Entführerin auf sie hinab.
Etwas anderes war Olivia auch nicht möglich. Nicht nur, dass sie sich nicht getraut hätte, nein, ihre Gliedmaßen fühlten sich an wie schwere Sandsäcke. Gelähmt und unlebendig.
Eine weitere Person betrat die Zelle. Wer zur Hölle war das? Das war doch kein Polizist! Wie viele Leute gehörten zu diesem kranken Spiel?
Es war ein kleingewachsener stark übergewichtiger Mann. Sein behaarter Bauch quoll unter seinem verschwitzen T-Shirt hervor. Das grelle Licht der Neonröhren strömte aus dem Flur in die Zelle und brannte auf seine langen fettigen Haare nieder. Er atmete schwer und griff sich lüstern auf die Anschwellung in seiner Hose.
»Du kannst sie doch nicht einfach mit der Spritze ruhigstellen! Ich will ihre Schreie hören!«
Die Entführerin legte die Spritze auf den Boden nieder. Die beiden schienen sich zu kennen. Was hatte das Ungeheuer vor? Olivia spürte wieder einen Brechreiz. Sie konnte ihre Magensäfte kaum zurückhalten, als sie dieser widerliche Anblick traf. Das musste doch alles ein Traum sein!
Der Mann schubste die Entführerin beiseite und packte Olivias rechten Arm. Er zog ihren nackten Körper hoch und presste ihn gegen seine durchnässte Kleidung.
»Komm, schrei für mich!«, flüsterte er in ihr Ohr. Der Gestank seines Atems war unerträglich. Olivia glaubte, jeden Augenblick von seinem kräftigen Arm erdrückt zu werden.
Ihre Schreie bestanden nur mehr aus einem gellenden Krächzen.
Sie ließ es über sich ergehen.
Warum konnte sie nicht schlichtweg von der Spritze niedergestreckt werden? Oder gleich erschlagen und ermordet werden? Dann wäre ihr diese Qual bei vollem Bewusstsein erspart geblieben.
C
olemans Hände fummelten durch den Kabelsalat in der staubigen Schachtel. Irgendeiner von diesen verdammten Anschlüssen muss doch passen! Marlowe saß auf der gegenüberliegenden Seite des Bürotischs. Sie stütze ihr Kinn in einer nachdenklichen Pose auf ihrer Faust ab und beobachtete wortlos ihren Kollegen. Diese von Papierfischchen zerfressene Kartonbox, die Coleman aus der hintersten Ecke der Archivkammer hervorgekramt hatte, beherbergte ein Sammelsurium aus verschiedenen Steckern, Kabeln und Adaptern aus der Zeit des letzten Millenniums. Es wäre ein Wunder, wenn irgendeiner dieser Anschlüsse für den USB-Port der Videokamera geeignet wäre, die er im Geheimraum der Ruine gefunden hatte.
Mit Gewalt probierte Coleman, ein Kabel nach dem anderen hineinzubohren. Marlowe schmunzelte. Gerne hätte sie sich weiter von seinen vergeblichen Versuchen amüsieren lassen. Nur würde das die Ermittlungen behindern.
»Gib mir mal die Kamera! Ich glaube, ich kann damit mehr anfangen.«
Coleman schubste ihr das Gerät zu. Marlowe setzte ein hämisches Grinsen auf. Coleman gab seinem Ruf als genialer Ermittler alle Ehre, dieses Bild hatte sich für seine Kollegin bestätigt. Doch mit dem Lauf der Zeit schien er nicht immer den gleichen Pfad zu teilen. Das war ihr bereits an seinem ulkigen obsoleten Nokia-Mobiltelefon aufgefallen, mit dem er ausschließlich telefonisch zu erreichen war. Marlowe warf einen kurzen Blick auf die Videokamera, zückte das Ladekabel ihres Smartphones aus ihrer Tasche und steckte es in den Anschluss.
»Passt genau!« Marlowe schob das Gerät wieder in seine Hände.
Coleman erwiderte ihr einen bitteren Blick und verband das Kabel mit seinem Computer.
»Ich hoffe, wir können die Dateien auf dem Teil noch retten! Wenn der Täter auf einem der Videos zu sehen ist, dann können wir den Fall heute noch für abgeschlossen erklären!«, scherzte Coleman und schlug ungeduldig auf die Knöpfe der Maus, um an seinem Computer in den Ordner des internen Kameraspeichers zu navigieren.
Natürlich würden sie den Täter nicht sehen. So simpel ist es nie. Sie könnten von Glück sprechen, wenn die Kamera nicht von irgendwelchen Urban Exploration-Abenteurern in der verlassenen Ruine vergessen wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Hütte, die auf einem Privatgrundstück in Besitz der Grafschaft Swanmin liegt, von Anhängern der Lost Places-Szene illegal betreten und erkundet wurde.
Marlowe tippte aufgeregt mit den Fingern auf dem Tisch. Es war kaum zu glauben, dass sich hinter dem Spiegel in der Ruine noch ein kleiner Geheimraum versteckte. Neben einem Teppich aus Rosenblättern, einer Wolldecke und einer geöffneten Kondompackung fanden sie noch diese nagelneue Videokamera. Der Zusammenhang zwischen den Gegenständen war offensichtlich. Die Frage war nur mehr, ob das Aufzeichnungsgerät auch in direkter Verbindung zum Mord an MacBride stand.
Coleman durchforstete die Dateistruktur der Videokamera, bis er auf einen der Ordner stieß, der mit Inhalt gefüllt war.
»Ein einziges Video! Nun gut, besser als nichts.«
Coleman klickte auf die Datei und wechselte die Ansicht auf Vollbild. Er drehte den Monitor zur Seite, damit auch Marlowe den Bildschirm sehen konnte.
Das Video zeigte den kleinen Raum, den Coleman hinter dem Spiegel entdeckt hatte. Die Kamera war in einer schräg nach unten gerichteten Position knapp unter der Decke ausgerichtet. Ein großer schlaksiger Mann mit Halbglatze betrat die Kammer und näherte sich einem Bett, das sich in der hinteren Ecke befand. Das Bett bestand nur mehr aus einer dreckigen und löchrigen Matratze. Sie schien vor Jahrzehnten hinterlassen worden zu sein. Der Stoff war schmutzig und zerfetzt, eine Hälfte der Bettkante war eingebrochen und verschmolz mit dem Schutt am Boden.
Es war schon ein merkwürdiger Fetisch, der ein Paar zu so einem Ort trieb, dachte Coleman. Er spürte beim Anschauen des Videos eine unbehagliche Vorahnung. Er erwartete, dass sich das Liebespaar gleich an einer Heroin-Spritze verletzen würde, die in der Matratze steckte. Oder von einer Horde von Kakerlaken überfallen werden würde.
Der Mann in der Aufnahme breitete ein frisches weißes Leintuch auf dem Bett aus, das er zuvor in der Hand trug.
»Ich habe mir schon immer gedacht, dass die Seelenklempner durch den täglichen Kontakt mit ihren Patienten ja früher oder später selber durchdrehen müssen! Welcher Vogel treibt es bitte in Gesellschaft von abertausenden Käfern, die in so einem widerwärtigen Bett leben müssen?«, lachte Coleman.
»Seelenklempner?«, erwiderte Marlowe. War Coleman da nicht etwas voreilig? Immerhin konnte man zu diesem Zeitpunkt im Video nur den Rücken des Mannes erkennen.
»Ja, MacBride! Diese eine lange Locke an seinem Nacken, die von seinen Haaren noch übriggeblieben ist. Daran habe ich ihn sofort identifiziert! Das Video muss kurz vor seiner Ermordung aufgezeichnet worden sein! Das Datum der Datei stimmt mit dem Tag des Mordes überein! Leider ist keine Uhrzeit angegeben.«
Gebannt blickten Coleman und Marlowe auf den Bildschirm. Marlowes Gesicht nahm eine leicht rötliche Farbe an. Ihr wurde bewusst, wie weit sie in die Intimsphäre des Opfers eindrangen, um den Fall zu klären. Ein unwohles Gefühl durchschlich sie. Sie beobachtete, wie MacBride seinen grünen Pullover abstreifte und eine schlanke Frau mit blonden Haaren und einem Korb voller Rosenblätter ins Bild trat. Die Frau stellte den Korb am Boden ab und drehte sich für einen kurzen Augenblick um.
»Moment, spul da noch einmal zurück!«, rief Marlowe auf.
Coleman hatte ebenfalls bemerkt, dass ein Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde erkenntlich war. Doch in der knappen Zeitspanne waren kaum mehr als einige unscharfe Pixel zu sehen. Er bewegte die Maus auf der Zeitleiste, um einige Momente zurückzuspringen.
»Pause!«, schrie Marlowe und schlug mit ihrem Zeigefinger reflexartig auf die Leertaste, um die Aufnahme zu stoppen.
»Die Frau kenn ich doch! Die arbeitet in dem kleinen Kaffeehaus in New Swanmin!«
New Swanmin, das war das beschauliche Kaff, an dessen äußerster Grenze die Hütte stand, in der MacBride ermordet wurde. Coleman war durch die Ortschaft erst ein einziges Mal durchgefahren, als er sich auf dem Weg von seinem Arbeitsplatz in der Großstadt South Swanmin zum Tatort befand. Wäre der Dorfkern nicht mit zwei Ortstafeln beschildert, so wäre er ihm bei seiner Durchreise vermutlich nicht einmal aufgefallen. Er bestand aus nicht mehr als zwei gegenüberliegenden Back-to-Back-Häusern, Reihenhäuser, die sich eine gemeinsame Rückwand teilen. Einen kleinen Supermarkt glaubte er auch noch neben der Hauptstraße zu erkennen. Doch ein Kaffeehaus wäre ihm niemals ins Auge gestochen. So etwas konnte er doch nicht übersehen haben?
Coleman warf seiner Kollegin einen faustischen Blick zu. Er wusste, dass Marlowe aus dieser peripheren Gegend stammte und einige der Leute kannte. Doch selbst dann wäre es noch ein allzu großer Zufall. Und warum sollte die Frau in einem Kaffeehaus arbeiten? MacBride hatte ihm beim letzten Treffen erzählt, seine Frau sei in einer Versicherungsfirma in Bristol angestellt.
»Gut, notiert«, erwiderte Coleman knapp. »Wir werden das Video später weiterschauen. Es ist Mittagspause.«
Coleman schaltete den Monitor aus und stemmte seine Arme gegen den Tisch, um in einem Ruck aufzustehen. Marlowes Augen folgten seinem Rücken. Er war bereits durch die Tür verschwunden. Und jetzt? Coleman konnte doch nicht einfach die Ermittlungen unterbrechen, wo es doch am spannendsten wurde? Was war nur in ihn gefahren? Lag es daran, dass sie ein Detail erkannt hatte, dass er nicht bemerkt hatte?
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ls Olivia schwer verletzt, nackt und orientierungslos, mitten in der Nacht am Rand einer Landstraße aufwachte, war das stechende und dämpfende Gefühl einer Spritze das Letzte, das in ihren Erinnerungsfetzen hängenblieb. Wie konnte es dazu kommen? Die Entführerin hatte doch davon abgelassen, ihr die einschläfernde Substanz zu verabreichen, kurz bevor sie vergewaltigt wurde? Oder wurde ihr das Mittel später verabreicht? Olivia konnte es nicht sagen. Ihr Gedächtnis bestand nur mehr aus einzelnen traumatischen Bildern, die sich auf die Leinwand ihres geistigen Auges eingebrannt hatten und wie ein Film durch ihren Verstand zogen.
Olivia keuchte und griff sich auf die große Wunde in ihrem Bauchraum, aus der Blut strömte. Die Verletzung war frisch. Das Blut sprudelte ungebremst heraus. Sie musste ihr während der Fahrt aus dem Kerker zu dieser abgelegenen Straße zugefügt worden sein, als Olivia allmählich aus ihrem Dämmerzustand aufwachte. Wenigstens war die Wirkung des Schmerz- und Beruhigungsmittels aus der Spritze noch ausreichend, damit alle ihre Empfindungen betäubt waren. Nicht nur die körperlichen Schmerzen waren ausgeschaltet, auch ihre geistigen Funktionen waren auf ein Minimum heruntergefahren. Sie wusste, dass sie in wenigen Minuten bis Stunden an den Folgen der schweren Läsion verbluten würde, dass zu dieser Zeit an diesem Ort unmöglich ein Auto vorbeifahren und der Fahrer sie sehen würde, und dass sie ohne ihr Mobiltelefon unmöglich einen Krankenwagen herbeirufen könnte. Und nichts konnte ihr in diesem benebelten Zustand gleichgültiger sein.
Olivia legte sich auf den Schotterstreifen neben der Straße und schloss ihre Augen. Die Nacht erreichte Minusgrade, doch sie konnte keine Kälte fühlen. Ihre Gedanken waren wie Wassertropfen, die beim Aufprallen auf eine heiße Herdplatte sofort verdampften und sich im Nichts auflösten. Sie war ihrer Umwelt kaum bewusst und hoffte, am nächsten Morgen in ihrem Bett aufzuwachen. Dann würde sie die wohlig warmen Sonnenstrahlen genießen, durch ihre allmorgendliche Yoga-Routine Energie tanken, ihren süßen Quinoa-Frühstücksbrei löffeln und am späten Vormittag ihrer Arbeit als Influencerin nachgehen.
W
ozu die Eile? Es sind doch nur mehr zwei Minuten! Vielleicht können wir den Täter auf der Aufnahme erkennen!«, rief Marlowe ihrem Kollegen nach.
Coleman befand sich bereits am Gang. Er lief hektisch, zögerte kurz und blieb dann doch endlich stehen, als Marlowe ihm bereits einige Meter hinterhergelaufen war.
»Was ist los?« Marlowe starrte in seine kastanienbraunen Augen. Das Einzige, was sie von Coleman erwarten konnte, war das Unerwartete. Keine seiner Handlungen schien berechenbar zu sein.
»Ich kann mir das Video nicht ansehen!«, erwiderte er und wollte sich bereits wieder umdrehen.
»Bitte? Was?« Das konnte er doch nicht ernstmeinen!
»Ich will nicht wissen, wie es ausgeht. Noch nicht. Ich möchte mir den weiteren Verlauf zuerst selbst erdenken, und dann vergleiche ich meine Theorie mit der Aufnahme«, antwortete er hastig.
»Warum siehst du es dir nicht einfach zu Ende an?«
»So gehe ich bei jedem Fall vor, Cindy. Ich will nicht voreingenommen sein, das könnte mich blenden. Wenn ich einfach alles auffresse, was mir serviert wird, vergesse ich darauf, mir eigene Gedanken zu machen. Dann besteht das Risiko, ein wichtiges Detail in Zukunft zu übersehen.«
Marlowe verstummte für einen Augenblick. Colemans Taktiken erschienen ihr immer ungewöhnlicher.
»Und was hast du jetzt vor?«
»Ich brauche jetzt etwas Ruhe und Abgeschiedenheit zum Denken. Von meinen Plänen habe ich dir bereits am Vormittag berichtet. Für eine Massagesitzung wird es zeitlich nicht reichen. Aber ich versuche, mir anderweitig einen klaren Kopf zu verschaffen. Für dich gilt: Schau dir das Video bis zum Ende an. Am Abend komme ich wieder, kurz bevor wir den Serienmörder in der Psychiatrie besuchen. Dann erzählst du mir, was du gesehen hast.«
Marlowe wollte ihm ein Nicken entgegen, doch Coleman war bereits durch die Tür des Haupteingangs verschwunden. Sie schüttelte den Kopf, bereitete sich eine Tasse Kaffee zu und kehrte zurück ins Büro.
Draußen angekommen schlich Coleman zu seinem Fahrzeug. Er stieg ein, legte seinen anthrazitfarbenen Mantel auf den Rücksitz und rollte das Fenster der Fahrerseite hinab. Er war jetzt auf nichts Dringenderes als auf die kühle Herbstluft angewiesen, die ins Wageninnere blies.
Coleman fuhr zügig vom Parkplatz ab und rollte auf die Landstraße. Er überschritt die übliche Geschwindigkeitsbegrenzung von sechzig Meilen pro Stunde und umklammerte mit festem Griff das Lenkrad, um nicht aus den scharfen Kurven zu fliegen. Er müsste noch in das kühle Nass des Upper Easthurst Lakes eintauchen. Ein See in seinem Heimatdorf. Nur wenn er diese traditionelle Routine abschließen würde, wie am Anfang eines jeden Falls, könnte sich Erfolg abzeichnen.
Auf dem Weg blieb er bei einem Café stehen und bestellte sich einen Becher Grünen Tee mit braunem Zucker zum Mitnehmen. Er vertrug keinen Kaffee, er machte ihn zappelig und unkonzentriert. Wie immer wartete er, bis das Getränk auf eine lauwarme Temperatur abgekühlt war, um es daraufhin in einem Schluck zu leeren.
Der See befand sich in einem abgelegenen Waldgebiet. Hier war er allein und ungestört. Der Wind peitschte gegen die Äste der Sträucher am Uferrand. Blätter lösten sich von den Zweigen und verteilten sich auf der Wasseroberfläche. Coleman liebte es, unter die Laubdecke zu tauchen, als würde er unter einer dicken Eisschicht schwimmen, wo ihm die Sorgen der Welt plötzlich fern waren. Er streifte sich alle Kleider vom Leib und sprang ins Wasser. Coleman fröstelte, sein Körper vibrierte. Er zwang sich, noch einige Sekunden unter Wasser zu bleiben. Wie ein U-Boot navigierte er durch den finsteren Schleier, in den kein bisschen Licht drang. Coleman ruderte sich wieder an die Oberfläche. Er rang nach Luft, steuerte zurück zum Ufer, trocknete sich mit einem alten Laken ab, das er in seinem Kofferraum verstaut hatte, und schlüpfte wieder in sein Gewand. In dieser Einöde würde niemand die zusätzlichen Pfunde an seinem Bauch sehen können. Und eigentlich interessierte ihm die Meinung anderer Menschen sowieso nicht. Er lief zu seinem Fahrzeug und drückte das Gaspedal durch.
D
as Erscheinungsbild des Gebäudes erinnerte an ein Gefängnis. Der hohe Metallzaun, der das Areal von der Außenwelt abschirmte, das Pförtnerhaus am Eingang, an dem ein Uhrturm angebaut war, die mächtigen Ziegelsteinwände im viktorianischen Stil, der triste Rasen und die leeren Tische und Bänke für jene Patienten, denen ein Ausgang gewährt wurde.
Coleman und Marlowe warteten angespannt darauf, von einem der Mitarbeiter der psychiatrischen Klinik am Besuchereingang empfangen zu werden. Fünfzehn Minuten waren seit dem vereinbarten Zeitpunkt verstrichen. Es ist verwunderlich, dass ein Volk, das so viel Wert auf Höflichkeit und Umgangsformen legt, solche Schwierigkeiten hat, eine Uhr zu interpretieren.
»Ich hätte es nicht anders erwartet«, merkte Coleman an und warf seiner Kollegin einen Blick zu.
»Dass niemand kommt?«, fragte Marlowe nach.
»Nein, dass das Video so ausgeht. Ich hatte diese Vermutung bereits, als wir die Videokamera gefunden haben. Den Täter haben wir zwar erwartungsgemäß nicht auf der Aufnahme erhascht, aber das, was zu sehen war, wird noch ein sehr wichtiges Puzzlestück sein. Und falls du die Frau im Video tatsächlich kennst, wären wir bereits um Meilen weiter«, stellte er klar.
»Natürlich«, antwortete Marlowe und versuchte dabei, den sarkastischen Unterton in ihrer Stimme so gut wie möglich zu unterdrücken.
»Auf dem Spiegel befand sich exakt ein Handabdruck«, erklärte Coleman. »Frauen haben im Schnitt kleinere Hände als Männer und daher auch einen ausgeprägteren Tastsinn, weil die Nervenbahnen dichter aneinandergedrängt sind. MacBrides Hände sind um einiges größer. Und keine Mörderin wäre so leichtsinnig, ihren Handabdruck so offensichtlich zu hinterlassen. Also muss sie es bei dem Techtelmechtel belassen haben. Keine allzu schwere Schlussfolgerung, oder?«, entgegnete er seiner Kollegin.
Auf der Aufnahme war der Psychiater zu sehen, wie er sich mit einer Frau auf einer schmuddeligen Matratze in der Hütte vergnügte. Jene Hütte, in der einige Stunden später sein Leichnam gefunden wurde. Am Ende der Aufzeichnung griff die Frau zu einem Schal, den sie ihm um den Hals band. Marlowes Augen blitzen auf und der Schweiß perlte an ihren Wangen ab, als sie sah, wie die Frau den Schal immer fester um seinen Hals würgte. Sie dachte, den Mord aufgeklärt und Colemans Eigensinn berichtigt zu haben. Bittere Enttäuschung suchte sie heim, als deutlich wurde, dass es sich nur um ein Liebesspiel handelte und die Frau den Schal wieder abnahm.
Endlich wurden Coleman und Marlowe von einem der behandelnden Ärzte begrüßt. Ein großer stämmiger Mann in schwarzer Stoffhose und weit geschnittenem hellblauen Kapuzenpullover. Ganz anders als das stereotype Bild des Psychiaters im weißen Kittel und dem unter dem Arm eingezwängten Klemmbrett. Diese Kleidung war ein Relikt aus der Vergangenheit, die heutzutage außer aus hygienischen Gründen in einer somatischen Untersuchungs- oder Behandlungsstation nicht mehr zeitgemäß war. Jedoch konnte er in einem derart legeren Gewand auch kaum von den Patienten unterschieden werden. Etwas Seriöseres hätte dem noch recht jung wirkenden Seelenarzt sicherlich nicht geschadet, überlegte Coleman.
»Guten Abend, wir haben telefonisch einen Termin vereinbart. Besuch von Douglas MacDonald«, sagte Coleman. »Punkt achtzehn Uhr, wie besprochen«, fügte er nach einer kurzen Sprechpause hinzu und hielt ihm seine Armbanduhr entgegen.
»Ja, verstehe«, antwortete er ausdruckslos und griff auf den schweren Schlüsselbund, der an seinem Gürtel befestigt war, um das Metallgittertor im Zaun zu öffnen.
»Sie hätten vielleicht eine lange Hose anziehen sollen«, sagte er zu Marlowe. Diese warf ihm einen verdutzten Blick zu. Dieser Novembertag war überraschend warm. Sie wollte auch in der Übergangszeit zwischen Sommer und Herbst nicht auf die Schätze aus ihrer Garderobe verzichten.
»Bitte?«
»Greifen Sie das nicht falsch auf, aber der überwiegende Anteil unserer Patienten ist männlich und könnte das als falsches Signal interpretieren. Ich möchte Ihnen nur ungern wünschen, dass sie sich später in der Psychiatrie bedrängt fühlen. Ich bringe Sie zu Mr Jacobson.«
Marlowe schüttelte den Kopf.
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er Mann betrat den Kerker, in dem er Olivia gequält und vergewaltigt hatte. Seine Komplizin war in der Arbeit. Sie hatte einen Teil ihrer Berufskleidung auf einen Wäscheständer im Keller aufgehängt, um diese zu trocknen. Ein türkisblauer Kasack, das ist eine dreiviertellange Bluse. Der Mann streifte es von den Stangen der Deckenmontage ab und drückte es auf sein Gesicht. Seine Nase verirrte sich tief in den Stoff hinein. Trotz des Waschmittels roch er noch immer den Duft seiner geliebten Frau. Er öffnete seinen Gürtel, der eng an seinem runden Bauch anlag, und steckte sich das Kleidungsstück in seine Hose. Zehn Jahre waren sie nun schon verheiratet. Ihr machte es nichts aus, dass er sich an fremden Frauen verging. Nein, sie liebte es, wenn sie die schmerzerfüllten Schreie der Opfer hörte. Das war ihre gemeinsamen Leidenschaft.
Er kämpfte sich aus dem Kellerraum zurück in das kleine Verlies. Bei seinem starken Übergewicht fiel es ihm schwer, ein Bein vor das andere zu setzen. Seine Schenkel rieben aneinander. Der Schweiß tröpfelte ein weiteres Mal von seinen Haaren herab und hinterließ eine unregelmäßige Spur am Boden, ähnlich dem silbrigen Schleim einer Schnecke. Er watschelte durch die Kammer und suchte nach einem Briefumschlag, den seine Frau am gestrigen Abend für ihn hinterlassen hatte. Darin befanden sich ausgedruckte Fotos, in denen Olivias nackter und von Wunden übersäter Körper festgehalten war. Sie hatte ihm versprochen, den Umschlag über Nacht in dem Kerker liegen zu lassen.
Der Mann drehte sich im Kreis. Er durchsuchte alle Ecken und wurde nicht fündig. Wie kann sich das dreckige Weibsstück einfach nicht an ihr Wort halten? Die Fotos waren für ihn bestimmt!
In letzter Zeit spürte er bei ihr vermehrten Widerstand. Sie brachte ihm weniger Opfer und reinigte die Spuren nach einer Folterung nicht mehr. Beim Wegschaffen der betäubten Verletzten packte sie kaum noch an und ließ ihm die schwere Arbeit über. Das war doch keine Liebesbeziehung mehr! Und trotz all seiner Schläge wurde sie nicht gehorsamer! Ein Anfall von Wut ergriff ihn, als er an sie dachte. Er schlug um sich und trat mit seinen Schuhen die brüchigen Wandfliesen des Kerkers ab, ehe er erschöpft aufgab. Sein Herz raste. Er spürte ein Stechen in seinem Kopf. Die viele Bewegung würde seiner Gesundheit schaden, überlegte er. Er dürfte sich von seiner Frau nicht provozieren lassen. Sie diente ihm und nicht er ihr.
S
amuel Jacobson, Leiter der Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher in South Swanmin, stand auf der Türschwelle zur Zelle von Douglas MacDonald, einem der notorischsten Schwerverbrecher des Inselstaats. Elf unschuldige Seelen hatte er auf dem Gewissen. Jeden einzelnen hatte er bei vollem Bewusstsein gekreuzigt. Manchmal auf eine Wand, andere Mal auf die Decke oder auf einen Küchentisch.
Coleman spähte durch einen Spalt zwischen Samuels Rücken und dem Türrahmen auf den Serienmörder, den er vor wenigen Monaten in dieses kleine Loch gebracht hatte. Seine Zelle, in der er jeden Tag mit starken Medikamenten sediert wurde, um seinen Wahnsinn im Zaum zu halten. Da gehörst du kranker Bastard auch hin, dachte Coleman und schmunzelte schadenfroh. Douglas MacDonald war bis zu diesem Tag der größte Fang, den er in seiner Karriere erreicht hatte. Er erinnerte sich zurück an die Tage nach seiner Verhaftung. Coleman wurde von Interview-Anfragen überschwemmt. Jede Zeitung, vom Wochenblatt eines winzigen Dorfs in Schottland bis zur Sun wollte unbedingt eine Schlagzeile über den Mann landen, der mit seinen Taten seit Monaten die Medienlandschaft unter dem Namen »Der Kruzifix-Killer« heimsuchte.
Marlowe musterte das Geschehen am Gang, während Samuel seinen Patienten über den Besuch informierte. In der Zelle nebenan entfachte ein Streit zwischen einem der Bewohner und dem Personal. Ein dürrer alter Mann in verfärbter Unterhose und fleckigem Unterhemd stürmte aus seinem Zimmer und schlug auf die Ärzte ein. Er habe sich doch gewaschen, schrie er, und zeigte mit einem Finger auf seine zerzausten Haare, auf die er etwas Wasser gesprenkelt hatte, um ihnen weiszumachen, er hätte sich geduscht. Ein anderer spazierte friedlich in Begleitung einer der Mitarbeiter durch den Flur, trug ein Hasenkostüm, hielt eine Klobürste in der Hand und hatte sich ein Nudelsieb über den Kopf gestülpt.
Als Coleman und Marlowe der Eintritt gewährt wurde, herrschte eine kaum zu beschreibende Atmosphäre in dem kleinen Zimmer, in dem es ganz im Gegensatz zur verbreiteten Vorstellung keine vergitterten Fenster oder Fixiergurte an der Bettkante gab. Ein Raum, wie man ihn aus jedem Krankenhauszimmer kennt. Nur, dass sich in diesem ein Pfleger befand, der sich als Aufsicht neben die Tür gestellt hatte. Dazu eine junge Dame, die vor kurzem ihre Ausbildung im Polizeidienst vollendet hatte und das nun folgende Gespräch auf ihrem Notizblock transkribierte und dann ein blutrünstiger Killer mit Narben im Gesicht sowie rot unterlaufenen Augen, die den Mann gegenüber von ihm anstarrten – der Ermittler, der ihn damals überführt hatte und in diese Anstalt verfrachtete.
MacDonalds Miene wirkte bedrohlich. Seine Lippen formten ein sardonisches Lächeln. Er hielt seinen Kopf steif an der gleichen Stelle, als wäre er eine Statue. An den unregelmäßigen Wangenzuckungen schloss Coleman beim ersten Blickkontakt, dass MacDonald diesen Schein an Souveränität nicht mehr lange wahren konnte. Er würde jeden Augenblick zerbrechen, wenn ihm bewusst wurde, dass er hier hoffnungslos eingesperrt war. Wie eine Henne in einer Legebatterie.
»So sehen wir also wieder, Norman«, spottete er mit einem süffisanten Grinsen.
Wenigstens brachte er ein Wort heraus. Coleman hatte befürchtet, er würde schweigen oder einen Anfall simulieren. Coleman versetzte sich in seine Lage. Würde er dem Menschen helfen, der sein gesamtes Werk zunichtegemacht und ihn in eine Psychiatrie verschleppt hatte?
»Worüber willst du reden, Norman, ha? Meinen letzten Mord, mein Opus Magnum? Das allergrößte Kunstwerk, das ich vollbracht habe? Willst du etwas dazulernen? Willst du wissen, wie Leute wie ich denken? Ist es das?«
Coleman antwortete nicht. Was würde geschehen, wenn er ihn einfach so lang wie möglich ignorierte?
»Das ist es doch! Gib’s zu! Du hast nichts drauf. Du musst von den Großen lernen, den wahren Übermenschen! Aber hör zu, Douglas redet nicht so einfach! So leicht ist das nicht, wenn man mit einem Meister sprechen will!«
Coleman war fasziniert, wie lange er diese Maske der Überlegenheit bereits aufrechterhalten konnte. In jedem einzelnen seiner Worte spiegelte sich der Wunsch nach Anerkennung wider. Er spürte in seinem Echo den Anschein einer Forderung, als bettelte er darum, dass er sich auf sein bemitleidenswertes Spiel einließ.
»Achso«, erwiderte Coleman nüchtern. »Was willst du denn, damit du mit mir sprichst?«
»Für den Anfang«, überlegte MacDonald, »reicht ein Burger.« Er schleckte sich über die Lippen. »Aber nicht dieser eklige Fraß aus der Patientenküche! Ich will das Tagesmenü aus dem Besuchercafé, damit das klar ist!«
»Wenn das vom Pflegepersonal erlaubt wird«, flüsterte Coleman in die Richtung des Aufpassers, der das Geschehen aus einigen Metern Entfernung beobachtete. Er nickte und zuckte mit den Schultern. »Na gut, wenn du das willst, sollst du es auch bekommen.« – »Hier!« Coleman schob seiner Kollegin eine zerknüllte Zwanzigpfundnote zu, die er aus seiner Hosentasche geangelt hatte. »Cindy, bitte sei so gut und bring ihm den Burger. Behalt dir das Wechselgeld!«
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Epilog
Nachwort
Leseprobe »Der Stilllebenmörder«
Leseprobe »Zigarrenschachtel«
Danksagungen
Cover
