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Weil er Stotterer ist, vertraut er ganz auf die Macht des geschriebenen Worts und setzt es rücksichtslos ein, zur Notwehr ebenso wie für seine Karriere. Ein Betrug – er nennt es eine schriftstellerische Unsorgfältigkeit – bringt ihn ins Gefängnis. Mit Briefen, Bekenntnissen und erfundenen Geschichten versucht er dort diejenigen Leute für sich zu gewinnen, die über sein Los bestimmen: den Gefängnispfarrer, den Drogenboss, den Verleger.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2019
Charles Lewinsky
Der Stotterer
Roman
Diogenes
Für Thomas,
der sich ein ganz anderes Buch gewünscht hat.
Ich aber, weil ich die Wahrheit sage,
so glaubet ihr mir nicht.
Johannes8,45
Die Wahrheit kann warten,
denn sie hat ein langes Leben vor sich.
Arthur Schopenhauer
Okay. Natürlich mache ich mit. Ich wäre dumm, wenn ich es nicht täte.
Halten wir unsere Abmachung fest: Sie sorgen dafür, dass ich den Posten in der Bibliothek bekomme, und ich verpflichte mich, Geschichten aus meinem Leben für Sie aufzuschreiben. Weil ich doch – Ihre Formulierung – eine Begabung für das Schreiben habe. Ein Talent, das ich nicht verschwenden darf. Sagen Sie.
Glauben Sie mir, Padre: Ich habe meine Talente auch bisher nicht verschwendet. Dass ich einmal Pech hatte und deshalb hier gelandet bin, war ein Zufall, mit dem nicht zu rechnen war.
Es ist ein fairer Deal. Win-win. Sie wollen einen Erfolg Ihrer Arbeit sehen und meinen, in mir das richtige Objekt gefunden zu haben. »Ich habe einen besseren Menschen aus ihm gemacht«, wollen Sie sagen können. Akzeptiert. Das ist Ihr Beruf, und der Versuch ist nicht strafbar.
Ich meinerseits brauche einen interessanteren Arbeitsplatz. Von morgens bis abends Kfz-Kennzeichen stanzen, dabei verblödet ein denkender Mensch. Zwölf Euro sechsunddreißig am Tag, und nur die Hälfte davon darf ausgegeben werden. »Damit ihr einen Grundstock habt für die Zeit nach der Entlassung.« Klar. Den Grundstock für die eine Nacht im Puff, die man nötig hat, wenn man hier rauskommt. »Auf den Entsafter gehen«, nennen sie das. Ich habe den Ausdruck vorher nicht gekannt.
Ich liebe Worte. Ich liebe es zu lesen, und ich liebe es zu schreiben. Beim Schreiben stottere ich nicht. Win-win.
Eine kleine Nebenbedingung: Wenn Sie in diesen Aufzeichnungen Dinge zu lesen bekommen, die Ihnen nicht gefallen, dürfen Sie nicht in einen Moralkoller verfallen. Ich sage Ihnen gleich: Es wird eine Menge geben, das Ihnen nicht gefällt. Abgemacht?
Abgemacht.
Dafür werde ich Sie nicht langweilen, versprochen. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass Sie in jedem Fall die Wahrheit zu lesen bekommen. Aber Sie werden den Unterschied schon erspüren. »Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.« Johannes, Kapitel 8, Vers 32. Wobei das mit der Freiheit relativ ist. Auch bei bester Führung muss ich noch zweieinhalb Jahre absitzen. Ich bin fest entschlossen, mich vorbildlich zu führen. An jedem Sonntag zum Gottesdienst.
Und am Donnerstag in Ihren Gesprächskreis, in dem Sie uns das Verbrechen abgewöhnen wollen wie die Anonymen Alkoholiker ihren Kunden das Saufen. Nicht wahr, Padre: Ich bin der interessanteste Teilnehmer, den Sie dort jemals hatten? Ich weiß Reue überzeugend darzustellen, und ein paar der Erlebnisse, von denen ich Ihnen berichtet habe, sind sogar tatsächlich passiert.
Ich habe Ihnen nach den Gesprächen manchmal eine Nachricht geschickt, weil ich mich wegen meiner Stotterei nicht richtig habe ausdrücken können. Es hat Sie fasziniert, dass ich mich in der Bibel so gut auskenne. Ich habe Ihnen bisher nicht erzählt, wo diese Spezialkenntnisse herkommen, und Sie haben meine Zitatenschleuder für Frömmigkeit gehalten. Aber damit hat es nichts zu tun. Im Gegenteil. Erklärung folgt. Lukas, Kapitel 21, Vers 19. Schlagen Sie’s nach, wenn Sie’s nicht auswendig wissen.
Auch mit meinem Stottern habe ich mich für Sie interessant gemacht. Man muss mit den Pfunden wuchern, die man hat. Ich stottere wirklich. Sehr heftig sogar. Und niemand kann etwas daran ändern.
Stottern, auch Balbuties genannt, ist eine Sprechweise, die …
Ach was. Schauen Sie in der Wikipedia nach. Stichwort »klonisches Stottern«.
Seit ich mich erinnern kann, spreche ich so kleingehackt. Nur als Säugling werde ich geschrien haben wie alle andern. Ich hatte die Sorte Kindheit, die Grund zum Schreien gibt.
Keine Angst, das wird hier keine Jammerarie von wegen schwere Jugend und nur deshalb vom Pfad der Tugend abgewichen. Das Lied können Sie bestimmt nicht mehr hören, so oft wird es Ihnen vorgesungen. Ich habe vor Gericht nicht herumgeheult, und ich werde es auch bei Ihnen nicht tun. Obwohl Ihr Beruf Sie eigentlich verpflichten würde, auf Heulereien reinzufallen.
Nicht wahr, Padre?
Als kleiner Junge habe ich davon geträumt, selber Priester zu werden. Können Sie sich das vorstellen? Ein Stotterer auf der Kanzel? »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Gei… Gei… Gei…«? Lewis Carroll, der von Alice im Wunderland, wollte auch Pfarrer werden, kam aber wegen seines Stotterns für den Beruf nicht in Frage. Ich kann Ihnen eine Menge berühmter Leute mit der gleichen Eigenheit aufzählen. Winston Churchill. Marilyn Monroe. Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Schriftsteller, Politiker, Schauspieler. Lauter Tätigkeiten, bei denen das Lügen zum Berufsbild gehört. Eine unterschätzte Kunstform.
Ich hätte den Pfarrerjob gut gemacht, denn er setzt ja keinen Glauben voraus. Man muss sich nur in andere Leute hineindenken können. Eine Berufsvoraussetzung, die Geistliche und Trickbetrüger gemeinsam haben.
Sind Sie jetzt beleidigt? Nehmen Sie’s als Beweis für meine Ehrlichkeit.
Wo soll ich anfangen? In der Jugend, nehme ich an.
Meine Familie war kleinkariert wie ein Kreuzworträtsel. Eins waagrecht, sechs Buchstaben: »Natürliche Feinde jedes Kindes.«
ELTERN.
Mein Vater kämmte sich die Haare über seine Glatze. Mehr gibt es über seinen Charakter nicht zu sagen. Er war überzeugt, dass es niemand bemerken würde. Aber Gott, der ja von oben auf die Menschen schaut, sieht alles. Auch Glatzen. Obwohl der Gott, den mein Vater sich zurechtgebastelt hatte, immer auf seiner Seite war. Eine höhere Instanz, die jeden Prozess zu seinen Gunsten entschied. »Ich bin ein Sünder«, sagte er gern und erwartete Widerspruch. Denn was er wirklich meinte, war: »Eigentlich bin ich ein Heiliger.« Er war ein pingeliger Buchhalter der eigenen tugendhaften Taten. Buchhalter war er sogar wirklich.
Wenn Sie ihn sich vorstellen wollen …
Stellen Sie ihn sich besser nicht vor. Er war kein Mensch, der unvergessliche Eindrücke hinterließ. Außer auf meiner Haut.
Meine Mutter trug Kittelschürzen. Damit ist auch sie umfassend beschrieben.
Ich hatte zwei Geschwister, von denen nur noch eines lebt. Meine ältere Schwester heiratete mit achtzehn, war mit vierundzwanzig dreifache Mutter und wurde mit sechsundzwanzig von einer Straßenbahn überfahren. Selbstverständlich ein Unfall, etwas anderes hätte nicht ins Weltbild gepasst. Mein Bruder lebt noch, wenn man das ein Leben nennen kann. Er hätte gern eine Ausbildung zum Vorbild gemacht, Nebenfach Heuchelei, und nur weil es die Fächerkombination an der Uni nicht gibt, ist er dann eben Lehrer geworden. Deutsch und Religion. Ärgert sich jeden Tag darüber, dass er seinen Unterricht nicht nach Sprüche23, 13 führen darf. »Lass nicht ab, den Knaben zu züchtigen.«
Das war ein Lieblingszitat meines Vaters. Wir gehörten zu einer Gemeinde mit schlagkräftigen Argumenten.
Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich in meiner Familie niemanden beim Namen nenne. Es ist besser so. Meinen eigenen mit dem doppelt biblischen Vornamen habe ich immer gehasst. Johannes Hosea. Es müsste verboten sein, ein Kind so zu nennen. Johannes Hosea Stärckle.
Meine Eltern … Sagen wir: meine Erzeuger. Meine Produzenten. Die keine Ahnung hatten, in was für einem wenig erbaulichen Film ich einmal die Hauptrolle spielen würde. Obwohl sie mir von Anfang an das Schlechteste zugetraut haben. Nicht nur, weil ich gestottert habe. Aber auch.
Sie waren eifrige Mitglieder unserer Kirche. Die keine Sekte war, das betonten sie immer wieder. Es war DIEKirche, die einzige, in der die Bibel so verstanden wurde, wie sie ihrer Meinung nach verstanden werden musste, nämlich wörtlich. Ihr sollt keine anderen Bücher neben mir haben, nicht in eurer Wohnung und nicht in euren Köpfen. Darum, Padre, bin ich Ihnen in diesen Zitaten so überlegen. Sie haben den Frömmlerkram erst als Hans studiert, ich schon als Hänschen.
Die Gemeinde existiert nicht mehr, dafür habe ich gesorgt. Ich muss Ihnen das ein andermal erzählen. Die Klingel zum Lichterlöschen ertönt gerade, und in fünf Minuten wird es hier drinnen dunkel. Ein Unfug, wo es draußen noch hell ist. Noch hell wäre. Wenn man raus dürfte.
Wenn die allmächtige Hausordnung mir schon keinen Computer erlaubt, sorgen Sie wenigstens für anständiges Papier. Das sollte ein Teil unserer Abmachung sein. Mit verbundenem Maul ist schlecht dreschen.
Von den Erziehungsmethoden meines Vaters wollte ich erzählen. Ich empfand sie als schmerzhaft, er empfand sie als gerecht. Je nach Schwere der Schuld hatte er drei verschiedene Geräte dafür: einen Bambusstock, einen Gürtel und einen Tennisschläger. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie er zu dem Tennisschläger gekommen ist. Er war zutiefst unsportlich. Vielleicht hat er ihn eigens zu pädagogischen Zwecken angeschafft. Gründlichkeit gehörte zu seinem Charakter, und ich stelle mir vor, dass er sich vor dem Kauf ein Tennismagazin besorgt hat, um sich über die verschiedenen Modelle zu informieren. Mit bloßer Hand hätte er uns nie geschlagen, das wäre ihm zu persönlich gewesen.
Meine Mutter hielt sich bei Bestrafungen raus. Sie war eine begnadete Wegschauerin.
Ich wurde aus Fürsorge gezüchtigt, das habe ich von meinem Vater oft gehört. Aus väterlicher Liebe. Woraus ich schließe, dass er mich mehr geliebt haben muss als meine Geschwister.
Die Anzahl der Schläge wurde nicht im Voraus bekanntgegeben. Mein Vater behauptete, sie richte sich nach dem Grad der Reue, den er beim Malefikanten (er gebrauchte tatsächlich dieses Wort) feststellen könne. Ich habe früh gelernt, dass der wirkliche Maßstab ein anderer war. Wenn sich auf seiner Stirn Schweißtropfen bildeten und er schwer zu atmen begann, dann wusste man, dass sich die Prozedur für dieses Mal ihrem Ende näherte.
»Es tut mir mehr weh als dir«, sagte mein Vater jedes Mal. Wenigstens für diese Heuchelei habe ich mich viele Jahre später revanchieren können. Er lag im Krankenhaus, den Körper voller Metastasen, und sie fanden kein Mittel mehr gegen seine Schmerzen. Er schrie stundenlang, so laut, dass man ihm, obwohl Kassenpatient, ein Einzelzimmer gegeben hatte. Ich stand neben seinem Bett und sagte: »Es tut mir mehr weh als dir.« Ohne dabei ein einziges Mal zu stottern.
Ich habe Sie gewarnt: Die Wahrheit ist nicht immer erfreulich.
Wenn ich nicht gerade diese Szene erfunden habe. Es wäre mir zuzutrauen.
Bachofen hat mich nie geschlagen. Nicht selber. Aber natürlich trug er die Verantwortung dafür.
Sorry. Ich muss Ihnen erklären, wer Bachofen ist. Wer Bachofen war. Es gibt Leute, bei denen hat man das Gefühl, jeder müsse sie kennen. Weil man in einer Welt aufgewachsen ist, in der sie über allem thronten.
Bachofen war der Big Boss unserer Kirche. Ihr Guru. Er hatte die Gemeinde gegründet und behandelte sie als seinen Privatbesitz. »Der Älteste« nannte er sich und legte Wert darauf, auch so angesprochen zu werden. Ein Wunsch, den ich gut verstehen kann. Wenn ich Bachofen hieße, würde ich Briefe auch lieber mit einem Titel unterzeichnen wollen. Ich habe immer viel Sorgfalt darauf verwendet, mir einen passenden Namen auszudenken.
Für meinen Vater war der Älteste die höchste Autorität in allen Glaubensfragen. Andere Fragen kannte er nicht. Niemand wusste die Bibel so gut auszulegen wie Bachofen, sie war – entschuldigen Sie, Padre, aber manchmal kann ich mir solche Wortspiele nicht verkneifen – Auslegeware für ihn.
Als es keinen Zweifel mehr geben konnte, dass meine Stotterei mehr war als nur die sprachliche Ungeschicklichkeit eines kleinen Jungen, wurde beschlossen, dass ich Bachofen vorgeführt werden müsse. Meine Schwester hat mir später erzählt, man habe mir zu diesem Anlass meine ersten langen Hosen gekauft. Das mag so gewesen sein, ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiß noch, dass mich meine Mutter zwischen ihre Knie klemmte und mich so heftig kämmte, dass sich die Zinken des Kamms in meine Kopfhaut bohrten. Das war ihr Beitrag zur Feierlichkeit des Moments. Mitkommen durfte sie zur Audienz nicht. »Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde.«
An der Tür von Bachofens privatem Sanktum gingen wir Kinder mit sanftem Schaudern vorbei, so wie einen die dunkle Ecke in der Geisterbahn auch beim dritten Besuch noch ängstigt. Hier unerlaubt einzutreten, das hatte man uns eingebleut, war mindestens so verboten wie ein Stehenbleiben an dem Zeitungskiosk gegenüber von unserem Betsaal. Und genauso ohne Begründung.
(Woher das Kiosk-Tabu kam, habe ich später entdeckt: Es wurden dort auch Zeitschriften mit unbekleideten Frauen verkauft.)
Bei meiner ersten direkten Begegnung mit Bachofen muss ich wirklich noch sehr klein gewesen sein, sonst hätte ich sein Studierzimmer nicht als riesige Halle erlebt. Bei späteren Besuchen schrumpfte der Raum immer mehr, bis es schließlich nur noch ein ganz gewöhnliches Zimmer war. Das Bühnenbild immer dasselbe: Ein mächtiger Schreibtisch, auf dessen Platte nichts stand als ein Kruzifix, so dass man gar nicht anders konnte, als an einen Altar zu denken. Damit kontrastierend ein Stuhl von theatralischer Bescheidenheit. Ein Bücherregal, vollgestopft mit Bibelausgaben in den verschiedensten Sprachen. Nicht dass Bachofen die alle gesprochen hätte. Aber bei seiner internationalen Berühmtheit, das wollte er damit signalisieren, war es durchaus denkbar, dass eines Tages ein Finne vor der Tür stehen würde, um sich Rat bei ihm zu holen, ein Spanier oder ein Massai – da musste er vorbereitet sein, um für jeden die richtige Stelle aufschlagen zu können.
Diesmal war mir die Tür nicht verboten. Wir traten ein, und mein Vater verneigte sich. Dann fasste er auch mir in den Nacken und drückte meinen Kopf nach unten. Ich nehme an, dass es so war. Vielleicht hat sich dieses Detail auch erst später in meine Erinnerung eingefügt, weil ich diese Art der Begrüßung so oft mit angesehen habe. Vor dem Ältesten verneigte man sich, das war die Regel, und wer ihm eine Sünde zu gestehen hatte, ging in die Knie. Es gab eine Menge Sünden in Bachofens Kirche. Eine Menge Kniefälle.
Bachofen legte meinem Vater segnend die Hand auf den Kopf und fragte: »Was führt dich zu mir, mein Sohn?« Rede ich mir etwas ein, wenn ich behaupte, dass mir der Satz schon damals seltsam vorkam? Mein Vater war bedeutend älter als der Älteste. Bachofen muss, wenn Sie mir auch diesen schlechten Scherz gestatten, der jüngste Älteste weit und breit gewesen sein.
Um den Grund unseres Besuches zu illustrieren, musste ich das Vaterunser aufsagen. Im Stress der Situation kam ich über »Unser Vater im Hi… Hi… Hi…« nicht hinaus, was in dieser Umgebung wie eine besonders teuflische Blasphemie geklungen haben muss. Bachofen nickte, so wie er, wie ich in den nächsten Jahren noch oft beobachten konnte, immer nickte, wenn jemand mit einer Frage zu ihm kam. Er wollte damit zeigen, dass er das Problem nicht nur verstanden, sondern auch schon eine Lösung dafür gefunden hatte. Von denen er nur zwei Arten kannte: Buße oder Schläge.
In meinem Fall entschied er sich nicht für Buße.
Es hat einen Jungen in der Gemeinde gegeben, ein paar Jahre älter als ich, dem haben sie seine Homosexualität aus dem Leib geprügelt. Oder aus der Seele. Je nachdem, ob die Liebe zu Männern von Viren verursacht wird oder von Dämonen. Eine Erfolgsgeschichte, die man gern an mir wiederholen wollte.
Jetzt sind Sie dran, Padre. Ein kleines Quiz: Wo in der Bibel steht etwas über Stotterer, außer dort, wo sich Moses wegen seiner schweren Zunge vom Gang zum Pharao drücken will? Na?
Ich stelle mir vor, wie Sie jetzt in Ihrem Büro sitzen, das auch nicht viel größer sein wird als unsere Zellen, und nachdenken.
Im Fall jenes anderen Jungen hätten Sie zweifellos besser abgeschnitten. Die Bibelstellen, die den Schwulen die Hölle versprechen, lernt man bestimmt schon im ersten Semester Theologie. 3. Buch Mose, Römer, Korinther, Galater, sehr gut, Padre. Eine glatte Eins. Aber wo wird Stotterern die Strafe Gottes angedroht? Und wo steht das Versprechen, dass ihr Sprachproblem heilbar ist? Die beiden Verse haben mir mehr blaue Flecken eingetragen als alles andere.
Sie kommen nicht drauf? Schwach, Padre, sehr schwach. Sie haben Theologie eben nur an der Universität studiert und nicht bei Bachofen.
Ich schlage Ihnen ein kleines Spielchen vor: Ich gebe Ihnen ein paar Tage Zeit zum Nachdenken, und in der nächsten Lieferung bekommen Sie dann die Antwort. Vorausgesetzt, das Schreibpapier, das Sie für mich besorgen werden, gefällt mir.
Fünfhundert Blatt. Universalpapier. Für alle Drucker und Kopierer geeignet. Weder liniert noch kariert. Gut ausgewählt, Padre. Ich habe es noch nie gemocht, eingeengt zu werden.
Sie haben dem Packen einen Zettel beigelegt, mit dem Vermerk: Jesaja32,4. Bravo, die halbe Antwort haben Sie gefunden. »Der Stammelnden Zunge wird fertig und reinlich reden.« Die andere Hälfte, diejenige, auf die Sie nicht gekommen sind, war schmerzhafter für mich. Sprüche18, 6: »Die Lippen des Narren bringen Zank, und sein Mund ringt nach Schlägen.«
Ringt nach Schlägen. Wenn Bachofen die Bibel auslegte, lief es oft darauf hinaus. In meinem Fall hieß sein Rezept: einmal stottern – ein Schlag auf die Hand. Religiös verbrämte Aversionstherapie. »Der einzelne Schlag braucht ja nicht heftig zu sein«, sagte er noch und ließ sein strenges Gesicht gütig werden. Er übte solche Verwandlungen vor dem Spiegel. Ich habe das nie beobachtet, aber es kann nicht anders gewesen sein.
Für meinen Vater muss Bachofens Verdikt ganz schön schmerzhaft gewesen sein. Wo ihm doch jeder Hieb mehr weh tat als mir.
Wenn man jemandem das Stottern wirklich auf diese Art abgewöhnen könnte, ich wäre Bachofen heute dankbar. Aber die Methode funktionierte nicht. Nicht bei mir. Und dabei hatte sich ihr Prinzip in jenem andern Fall, auf den die Gemeinde immer noch stolz war, doch so gut bewährt. Es ist leichter, seine Homosexualität zu verbergen, als so zu tun, als stottere man nicht.
Wussten Sie, dass Bambus beim Schlagen manchmal splittert und dass sich die Splitter in die Haut…
Nein. Ich will Sie nicht mit Schauergeschichten langweilen. Obwohl es meine Erfahrung ist, dass Berichte über die Leiden anderer Leute von den meisten Menschen als attraktiv empfunden werden. Daher die Beliebtheit von Märtyrern. Ist es nicht so, Padre?
In diesen Aufzeichnungen fühle ich mich verpflichtet, Ihnen einen gewissen Unterhaltungswert zu bieten, nur schon, um sicherzugehen, dass Sie auch Ihren Teil unserer Abmachung einhalten. Was ich Ihnen als Nächstes erzählen will, wird Sie amüsieren, hoffe ich. Die Geschichte müsste einem Mann Ihres Berufes gefallen.
Es war an meinem zehnten Geburtstag, in einem Alter also, in dem man sich noch einredet, die Wirklichkeit würde sich nach den Plänen richten, die man für sie macht. Wo man noch glaubt, man könne etwas aushecken und das funktioniere dann auch tatsächlich wie gewünscht. Was ich mir damals ausdachte, war naiv und ging schief, aber ein paar Tage lang schien es seine Wirkung zu tun.
Magische Tage.
In unserer Familie war es üblich, dass vor dem Abendessen eine Losung in der Form eines Bibelverses bestimmt wurde, über die man dann während der schweigend eingenommenen Mahlzeit nachdenken sollte. In Klöstern, so die Begründung, wurde das auch so gehandhabt, und unser Streben nach Heiligkeit sollte nicht geringer sein als das eines Mönchs. Für gewöhnlich war es das Privileg meines Vaters, den entsprechenden Bibelvers auszusuchen. Ich kam schon früh dahinter, dass seine Wahl meist dazu diente, eine Entscheidung zu untermauern, die er ohnehin schon getroffen hatte. Mit ein bisschen Suchen lässt sich in der Heiligen Schrift für fast alles ein Beleg finden. Wie etwa für die Frage, ob wir Kinder am Karnevalsfest unserer Schule teilnehmen sollten. (Die Bibel war dagegen.)
Immer an ihrem Geburtstag durften auch andere Familienmitglieder dieses Ehrenamt versehen. Das ersetzte die Geschenke, die wir nicht bekamen. Ich wusste also im Voraus, wann ich an der Reihe sein würde, und hatte genügend Zeit, darüber nachzudenken, wie ich die Gelegenheit nutzen sollte. Andere Jungen dieses Alters phantasieren sich als Mittelstürmer ins Endspiel der Weltmeisterschaft oder als Astronaut auf einen fremden Planeten. Mir fehlten die entsprechenden Vorbilder. In der Bibel kommen gerade mal zwei Superhelden vor: Goliath und Samson. Der eine verliert gegen eine simple Steinschleuder, und der andere wird geblendet. Keine Rollen, in die man sich gern hineinträumt. Aber Propheten, das wusste ich, waren Leute, auf die man hörte, gewichtige Leute, und so beschloss ich, selber einer zu werden.
Wahrlich, ich sage euch, also lautete der Bibelvers, den ich meiner Familie an jenem Abend ans Herz legte: »Ich will über euch kommen und euch strafen, so ihr den Blinden in die Irre führt und den verlacht, der schwerer Zunge ist.« Sie kennen die Stelle natürlich.
Sie kennen sie nicht? Sehr gut, Padre. Schon wieder eine Eins. Es gibt diesen Vers nicht. Aber er wirkt echt. Eine stilistisch tadellose Luther-Kopie. Ich war ein frühreifer Formulierer. Sie haben meine Begabung schon richtig erkannt.
Heute kann ich nicht mehr beschwören, dass ich als Zehnjähriger tatsächlich geglaubt habe, ich würde mit dieser Fälschung durchkommen. Immerhin war ich so vorsichtig, den Satz dem Propheten Maleachi zuzuschreiben, der im Alten Testament an letzter Stelle kommt und den nie jemand zitiert. In der Propheten-Hackordnung ist er so unwichtig wie hier in der JVA ein Häftling, der nur drei Monate abzusitzen hat und nichts Lohnendes mitbringt, kein Geld und keinen attraktiven Körper. Man nimmt zur Kenntnis, dass er existiert, aber niemand befasst sich mit ihm.
»Ich will euch strafen, so ihr den verlacht, der schwerer Zunge ist.« Wahrscheinlich habe ich »Zu… Zu… Zunge« gesagt.
Die anderen schwiegen und kauten. Pellkartoffeln, wenn ich mich richtig erinnere. (Ich erinnere mich überhaupt nicht. Aber Pellkartoffeln gab es bei uns dauernd.)
Niemand kam auf den Gedanken, dass ich den Vers erfunden haben könnte. So etwas war undenkbar. Deshalb hielt mein Vater es auch nicht für notwendig, den Satz nachzuschlagen. Vor dem Schlafengehen strich er mir anerkennend über die Haare, was er sonst nie tat. Auch meine Mutter war sichtlich stolz auf ihren frühreifen Bibelkenner.
Am nächsten Tag durfte ich stottern, soviel ich wollte, ohne dafür bestraft zu werden. Genauso am übernächsten. In meinem kindlichen Optimismus glaubte ich, das würde jetzt immer so weitergehen. Ich hatte, meinte ich, durch die Kraft meiner Phantasie die Wirklichkeit verändert und fühlte mich der ganzen Welt überlegen. Ein wunderbares Gefühl, nach dem man süchtig werden kann. Nach dem ich süchtig wurde. So wie ein Glücksspieler immer wieder ins Casino rennt, weil er einmal gewonnen hat.
Natürlich hatte ich auch schon früher mal gelogen, wenn sich die Notwendigkeit dafür ergab, hatte behauptet, ich wisse nicht, wer den Apfel gestohlen oder den Teller zerbrochen habe. Das ist nicht dasselbe. Zur Selbstverteidigung die Wahrheit verdrehen, das kann jeder. Dazu bedarf es keiner besonderen Begabung. Aber dasselbe kreativ zu tun, schöpferisch, das schaffen nur wenige. Der Moment, in dem ich diese Fähigkeit in mir entdeckte, war ein Wendepunkt für mich. Mein Damaskuserlebnis, um es in Ihrem Jargon zu sagen. So muss sich Picasso gefühlt haben, als er zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hielt. Mozart, als er sich zum ersten Mal auf einen Klavierstuhl setzte. Al Capone mit seinem ersten Revolver.
Man soll sich nicht bei sich selber auf die Couch legen, aber wenn ich an damals zurückdenke, meine ich zu erkennen, dass sich in diesen paar Tagen nach dem zehnten Geburtstag meine spätere Berufswahl entschied. Obwohl Sie einwenden werden, dass das, was ich all die Jahre betrieben habe, kein Beruf war. Einigen wir uns auf »Berufung«. Das war es auf jeden Fall. Ich wurde dazu berufen. Auch ohne brennenden Dornbusch.
Das Glück hielt zwei Tage an. Oder drei. Dann kam der Sonntag.
Nach dem Morgengottesdienst berichtete mein Vater dem Ältesten stolz von seinem bibelkundigen Sohn. In der Gemeinde erzählte man sich von Bachofen, er kenne die ganze Bibel auswendig, Wort für Wort, aber vielleicht war das nur Hype, und im Fall Maleachi hat er heimlich in der Konkordanz nachgeschlagen. So oder so: Meine Fälschung flog auf.
Diesmal kam der Tennisschläger zum Zug.
Man hat mir das Lügen nicht aus dem Leib prügeln können, so wenig wie das Stottern. Deshalb, Padre, werden Sie nie wissen, ob ich etwas von dem, was ich Ihnen hier berichte, auch tatsächlich erlebt habe. Vielleicht, wenn wir uns länger kennen.
Nein, Padre. Nein. Nein. Nein. NEIN. Nicht mit mir. Ein Deal ist ein Deal.
Sie haben es beim Direktor nicht durchsetzen können, haben Sie gesagt. Er zweifelt an meiner Eignung, haben Sie gesagt. Wem will er die Bibliothek denn sonst anvertrauen? Einem der Analphabeten, von denen es hier wimmelt? Leute, die noch nicht mal das buchstabieren könnten, was sie sich auf den Bizeps haben tätowieren lassen?
Oder will er abwarten, ob der Mann, der die Bücher in den letzten Jahren verwaltet hat, vielleicht doch wieder eingeliefert wird? Aber der hat nun mal seine Zeit abgesessen, und es wäre doch sehr optimistisch, sich darauf zu verlassen, dass er noch einmal einen Menschen im Suff halb totschlägt. § 224 Strafgesetzbuch. Ich habe die Paragraphen so gründlich auswendig gelernt wie die Bibelverse.
Ob es unbedingt der Posten in der Bibliothek sein müsse, haben Sie gefragt. Ja, Padre, es muss. Der Job in der Küche, den Sie mir als Ersatz anbieten, ist nicht dasselbe. Obwohl Sie manchen hier im Haus mit dem Druckposten glücklich machen würden. Kartoffeln schälen ist nicht die geistige Anregung, die ich brauche. Wir haben eine Abmachung, Sie und ich, und ich erwarte, dass sie eingehalten wird. Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.
Sie haben mir den Posten versprochen, als ob es überhaupt kein Problem für Sie wäre, ihn mir zu vermitteln. »In diesen Dingen hört der Direktor auf mich«, haben Sie gesagt. Weil die Bibliothek doch auf Ihre Anregung hin eingerichtet wurde. Ihnen unterstellt ist. Ihr persönliches Revier. Sie haben behauptet, Sie müssten nur mit den Fingern schnipsen, und schon könne ich anfangen, die Bücherregale neu einzuordnen. Und jetzt? Vergeblich geschnipst. Leere Versprechungen.
Sie sind ein Hochstapler, Padre. Ein geistlicher Trickbetrüger. Haben mir etwas zugesagt, was nicht in Ihrer Macht lag. Das hätten Sie nicht tun dürfen. Wer sein Wort nicht halten kann, soll wenigstens die Klappe halten.
Haben Sie es überhaupt versucht? Oder behaupten Sie es nur? Waren Sie am Ende zu schüchtern? Es würde zu Ihrem kraftlosen Typus passen. Vielleicht – in Ihrem Gewerbe kennt man sich mit symbolischen Handlungen aus – haben Sie gewartet, bis der Direktor auf Dienstreise war, haben sich in sein leeres Büro geschlichen und meinen Namen geflüstert. Lautlos.
Oder haben Sie ihn tatsächlich gefragt und keinen Erfolg gehabt? Haben gleich wieder den Schwanz eingezogen, weil er Ihnen nicht aus Dankbarkeit für den Vorschlag um den Hals gefallen ist? Man will es sich mit dem Big Boss nicht verderben. Und ich soll jetzt mit einer Position als Suppenumrührer abgespeist werden.
Danke, Padre. Verbindlichsten Dank für Ihr großzügiges Angebot. Aber wenn ich es mir recht überlege, macht mir die Arbeit an der Prägemaschine großen Spaß. Katschong, katschong, katschong.
Ich weiß, ich bin gerade dabei, mich bei Ihnen ein für alle Mal unbeliebt zu machen. Sie möchten, dass ich das Kreuz schlage, stattdessen sage ich: »Sie können mich kreuzweise.« Ich singe Highway to Hell, wo Sie doch Kumbaya hören wollen. Solche Kunden mag man als Seelsorger nicht. Aber das ist der Vorteil, wenn man beschissen wurde: Man braucht auf den andern keine Rücksicht mehr zu nehmen. Was Sie mögen oder nicht mögen, kann mir ab sofort egal sein. Ich muss nicht mehr versuchen, einen guten Eindruck auf Sie zu machen. Muss mich nicht mehr einschleimen wie all die andern, die sich am Donnerstag bei Ihrem Gesprächskreis so wundermild betragen, als ob sie Kamillentee in den Adern hätten. So fromm tun, als ob sie sich nichts Schöneres vorstellen könnten, als dem süßen Jesulein die vollgeschissenen Windeln zu wechseln. Glauben Sie mir, Padre: Die Leute kommen nicht zu Ihren Blabla-Runden, weil sie sich beim Frühstück die Milch der frommen Denkungsart in den Kaffee gerührt haben, sondern einzig und allein der Abwechslung halber. Wer bei Ihrem Seelenreinigungstheater mitmacht, kommt aus seiner Zelle raus und darf eine Stunde länger fernsehen.
Oder haben Sie tatsächlich geglaubt, Sie würden mit Ihrem Gequatsche die Welt verbessern? Und der böse, böse Mann hat jetzt Ihre Illusionen zerstört? So sind wir Schwerverbrecher nun mal. Warum sollten mich Ihre Gefühle kümmern, wenn ich für mein Kümmern nichts bekomme? Warum sollte ich mich an meinen Teil der Abmachung halten, wenn Sie den Ihren nicht erfüllen? Ich habe mehr als vierzig Jahre gebraucht, um all das zu erleben, was Sie von mir erzählt haben wollen – warum sollte ich Ihnen diese Erinnerungen schenken? Wahres gegen Bares. Sie machen Ihren Job auch nicht aus reiner Herzensgüte.
Glauben Sie mir, Padre: Sie lassen sich etwas entgehen. Ein ganzer Stapel unerzählter Geschichten hätte für Sie bereitgelegen. Die werden Sie nun nie zu lesen bekommen. Eine Speisekarte voll ausgesuchter Spezialitäten hätte ich Ihnen präsentiert, aber jetzt ist die Küche für Sie geschlossen. Weil sich herausgestellt hat, dass Sie ein Zechpreller sind.
Ich hätte Ihnen von Menschen erzählen können, die ich ruiniert habe, so vollständig und gründlich zur Sau gemacht, dass sie es vorgezogen haben, tot zu sein. Sie werden nun nie erfahren, wie ich das fertiggebracht habe. Sie können versuchen, es sich auszudenken, aber dafür fehlt Ihnen die Phantasie. Wenn Sie als Pfarrerin Scheherazade Geschichten erfinden müssten, um nicht hingerichtet zu werden – Sie würden schon die erste Nacht nicht überleben.
Ich hätte Ihnen auch von Menschen berichtet, die ich glücklich gemacht habe. Denen ich ihr Geld abgenommen habe und die mir trotzdem bis zum Tod dankbar waren. Das ist ein zirkusreifes Kunststück, glauben Sie mir. Sie hätten einen Platz in der ersten Reihe bekommen, dort, wo man das Sägemehl und die Elefantenscheiße riecht, aber Sie waren zu geizig, um den Eintrittspreis zu bezahlen.
Um Ihnen von all den Dingen zu berichten, die ich gelebt habe, hätten die fünfhundert Blatt nicht ausgereicht. Jetzt ist es halt anders gekommen. Schon vorbei, und der Packen ist noch kaum angebraucht. Sie können ihn abholen lassen. Ich habe keine Verwendung mehr dafür. Um sich den Hintern damit abzuwischen, ist das Papier zu glatt.
Auch beruflich haben Sie versagt. Meine Seele wollten Sie retten und haben es nicht geschafft. Ihr Projekt ist gescheitert, noch bevor es richtig angefangen hat. Gut gemeint reicht eben nicht aus. Sonst wäre es meinem Vater auch gelungen, mir das Stottern abzugewöhnen. So viel anders als Bachofen sind Sie gar nicht, Padre. Auch wenn Sie im Rollkragenpullover durch die Gänge laufen und sich ungeheuer weltoffen geben. Bloß weil man Theologie studiert hat, ist man noch kein Kirchenlicht. Vielleicht sollten Sie besser Ornat tragen. Ein Soldat ohne Uniform ist nur ein Heckenschütze. Das Beffchen macht das Äffchen.
Aber alles hat auch seine guten Seiten. Ich muss keine heuchlerischen Kirchenlieder mehr mitsingen. Wenn ich singe, stottere ich nicht. Ist Ihnen das aufgefallen? Man sagt, ich hätte einen hübschen Bariton. Auch auf den werden Sie in Zukunft verzichten müssen. Meine Stimme bekommen Sie nicht mehr.
Ende, Schluss, aus. Und dabei hätten wir beide von unserer Abmachung profitiert.
Schade.
Während ich meinen Ärger zu Papier bringe, merke ich, dass ich die Berichte, die Sie von mir haben wollten, ganz gern geschrieben hätte. Vielleicht wäre so etwas wie ein Buch daraus geworden. Die Spur von meinen Erdentagen zwischen zwei Pappdeckeln. Etwas in der Richtung zu hinterlassen hätte mir gefallen. Einen Baum habe ich nie gepflanzt und auch keinen Sohn gezeugt. Soweit ich weiß.
Es hat nicht sollen sein. Ein guter Titel für eine Autobiographie. Passend für alle Lebensläufe. Es hat nicht sollen sein.
Es hat nicht sollen sein, dass ich Bibliothekar werde. Dabei wäre ich dafür geeignet. Leser mit den richtigen Büchern zusammenzubringen stelle ich mir vor wie eine Partnerschaftsvermittlung. Es braucht Menschenkenntnis, und die habe ich.
Oder doch nicht. Ich habe auch geglaubt, man könne sich auf Ihr Wort verlassen.
Nun also doch? Warum nicht gleich?
Nein, der falsche Ton. Danke, Padre. Ich nehme zurück, was ich über Sie gesagt habe. Ich hätte das nicht schreiben sollen. Sie haben es nicht verdient.
Andererseits, wenn ich mir den Ablauf überlege… Zuerst teilen Sie mir mit, dass ich den Posten nicht bekomme, daraufhin beschimpfe ich Sie, und dann bekomme ich ihn doch. Es fällt schwer, da keinen Zusammenhang zu vermuten. Post hoc und so weiter.
Sind Sie nach meiner Standpauke tatsächlich ein zweites Mal zum Direx gegangen? Mit welchen neuen Argumenten? Haben Sie an seine christliche Nächstenliebe appelliert und ihn gebeten, Ihr Seelenrettungsprojekt mit meiner Bestallung als Bücherverwalter zu unterstützen? Oder haben Sie ihn erpresst? In Ihrer Position wissen Sie so manches über seine Amtsführung, auch Dinge, die er nicht gern in der Zeitung lesen würde. Oder hat er seine Meinung von sich aus geändert?
Ich mag es nicht, wenn ich blind fahren muss.
Vielleicht, es passt zwar nicht zu dem Charakter, den Sie von sich präsentieren, vielleicht hatte es gar nie ein Nein gegeben, und Sie haben die Absage erfunden, damit ich, als es dann doch ein Ja wurde, denken sollte: Toll, wie er sich für mich einsetzt! Wenn es so war, haben Sie damit einen biblischen Sinn für Effekte gezeigt. Wasser in Wein verwandeln, nachdem man sich schon damit abgefunden hat, die Hochzeit alkoholfrei zu feiern. Tote zum Leben erwecken. Mir den erwünschten Posten genau in dem Moment beschaffen, als ich schon nicht mehr daran glaubte. Um sich damit in unserem Zweikampf eine bessere Position zu verschaffen. Und sagen Sie jetzt nicht, diesen Zweikampf gebe es nicht. Wo immer zwei Menschen miteinander zu tun haben, findet ein Duell statt. Manchmal mit ungleich verteilten Waffen, aber ein Zweikampf ist es jedes Mal. Das liegt in unserer Natur. »Die beste aller Welten besteht dadurch, dass Eins das Andre auffrisst«, sagte Schopenhauer. Kain gegen Abel, Vater gegen Sohn, Versicherungsvertreter gegen Kundin. In unserem Fall: Bekehrer gegen zu Bekehrenden. Wie auch immer, diese Runde geht an Sie.
Heute früh war ich deprimiert. Unerfüllte Hoffnungen. Die ganze Zeit hatte es mich nicht gestört, aber jetzt fand ich es furchtbar, zur Arbeit in die Blechwerkstatt eskortiert zu werden. In der Bibliothek arbeitet man allein, und ich hätte ohne Begleitung gehen dürfen, aber offensichtlich hat man mich für eine Beförderung von Stufe C auf Stufe B noch nicht würdig befunden. Ich hatte mich auf Manna gefreut und wurde mit trockenem Brot gefüttert. Hatte mich auf Shakespeare eingestellt und bekam Müller IV. (Keine Ahnung, wie er wirklich heißt. Aber dieser eine Aufseher hat ein so langweiliges Gesicht, dass er gar nicht anders heißen kann als Müller IV.) Wegen der Lage meiner Zelle war ich immer der Letzte, der abgeholt wurde, wie bei einem Schulbus, der jeden Morgen dieselbe Route fährt. Ich reihte mich brav in die Einerkolonne ein, aber als wir bei der Werkstatt ankamen, stand mein Name nicht auf der Liste der eingeteilten Häftlinge, und Müller IV musste mit mir zu meiner Zelle zurücklatschen. Was ihm gar nicht gepasst hat. Wenn schwächliche Leute in ihrer Routine gestört werden, fangen sie gern an herumzubrüllen.
Zu diesem Zeitpunkt hatten sich meine Hoffnungen schon längst in Befürchtungen verwandelt. Wenn der Padre mich wirklich für den Bibliotheksposten vorgeschlagen hat, war meine Überlegung, wenn er den Antrag gestellt und nicht bewilligt bekommen hat, dann hat er den Direx damit vielleicht auf den Gedanken gebracht, mich an eine andere Arbeitsstelle zu versetzen. Jetzt, wo ich mich an die Kfz-Kennzeichen schon ganz gut gewöhnt habe. Natürlich langweilt man sich dabei, aber immerhin ist der Lärm in der Werkstatt so groß, dass man sich nicht zu unterhalten braucht. Was mir als Stotterer entgegenkommt. Es gibt unangenehmere Arbeitsplätze. Die Wäscherei etwa. Was dort alles so läuft und wer dabei das Sagen hat, werden Sie ja wissen. So wie die Anstaltsverwaltung es bestimmt auch weiß, aber lieber nicht zur Kenntnis nimmt. War es das, womit Sie den Direx erpresst haben?
Es passiert selten, dass ich meine Zelle für mich allein habe, und eigentlich dürfte ich gar nicht von »meiner« Zelle sprechen. Aber »unsere Zelle« klingt zu vertraut für eine Gemeinschaft, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ambros (fahrlässige Tötung) ist kein allzu unangenehmer Schlafgenosse. Er nervt zwar mit seinen langfädigen Erklärungen, eigentlich sei er unschuldig, weil er die totgefahrene Oma gar nicht habe sehen können, und so richtig betrunken sei er auch nicht gewesen, aber man muss ihm ja nicht zuhören. Er ist schon ganz zufrieden, wenn man ab und zu ein zustimmendes »Hm« von sich gibt. Sonst ist wenig Negatives über ihn zu sagen, außer dass er ständig vor sich hin singt und beim nächtlichen Onanieren stöhnt, als ob er gerade den Orgasmus aller Orgasmen hingekriegt hätte. Man hat uns wohl zusammengelegt, weil wir beide nicht zur Kategorie der Hartgesottenen gehören.
Ich schweife ab, tut mir leid. Wenn man noch mindestens zweieinhalb Jahre Zeit für seine Erzählungen hat, kommt man gar nicht so ungern vom Hundertsten ins Tausendste. Und Sie selber haben ja auch genügend Zeit, um sich meine Geschichten zu Gemüte zu führen. So wie ich die Karrierechancen in Ihrem Beruf einschätze, sitzen Sie hier vermutlich länger als ich. Lebenslänglich. Oder bis zur Pensionierung.
Also. Ich hatte die Zelle für mich allein und war ohne Programm für den Tag. Durch das Raster der Verwaltung gefallen. Auf der einen Liste stand ich nicht mehr, und wo ich neu eingetragen war, darüber hatte man mich noch nicht informiert. Ich war ein freier Mensch, wenn man das in einer JVA sagen kann.
Zuerst einmal – sorry, Padre – habe ich in aller Ruhe geschissen. Man muss die Gelegenheit nutzen, wenn man das für einmal ohne Gesellschaft tun kann. Bevor ich hierherkam, habe ich den Luxus eines wirklich stillen Örtchens zu wenig geschätzt. Es leuchtet ja ein, dass man nicht jede Zelle mit einem eigenen Badezimmer versehen kann, aber einen Vorhang würde man sich schon wünschen. Obwohl er natürlich dazu benutzt würde, alle möglichen Dinge anzustellen, bei denen man nicht durch den Türspion beobachtet werden will.
Ich weiß, das ist nicht die Sorte Schilderung, die Sie sich von mir erhoffen, und in der Regel werde ich Sie mit solchen trivialen Dingen auch nicht belästigen. Aber es war so, wie es war.
Ich saß also da, länger als notwendig, die Ungestörtheit genießend, als ich den Umschlag entdeckte. Das bräunlich-graue Recyclingpapier, mit dem die Verwaltung beweisen will, wie umweltbewusst sie ist. Der Brief war mir vorher nicht aufgefallen, weil er auf der Hälfte des Tisches lag, die Ambros gehört. Wir haben uns die Flächen, die wir gemeinsam benutzen müssen, exakt aufgeteilt, mein halber Tisch, dein halber Tisch, meine Seite des Waschbeckens, deine Seite des Waschbeckens. Man trainiert sich darauf, die Hälfte des andern nicht zur Kenntnis zu nehmen, um zumindest die Illusion einer Privatsphäre zu haben. Ambros zum Beispiel lässt immer die Kreuzworträtsel herumliegen, die er mit solcher Begeisterung löst, oder besser gesagt: nicht löst, weil es ihm an der nötigen Allgemeinbildung fehlt. Wenn ich auch nur einen Blick darauf werfen würde, ich könnte dem Drang nicht widerstehen, die leeren Felder für ihn auszufüllen oder seine Fehler zu korrigieren. Einmal, weil drei der Buchstaben schon da waren, hat er für »Römische Göttin der Liebe« PENIS hingeschrieben.
Hat er nicht. Aber es wäre ihm zuzutrauen.
Der Brief lag auf seiner Hälfte, und ich hatte ihn, im wahrsten Sinn des Wortes, übersehen. Aber jetzt fiel mir ein, dass, wer immer den Umschlag in der leeren Zelle deponiert hatte, von unserer Aufteilung ja nichts wissen konnte. Es war also möglich, dass das Schreiben für mich bestimmt war. Nehmen Sie es nicht als unappetitliches, sondern nur als komisches Detail: Ich bin mit nacktem Hintern zum Tisch gehumpelt, die Beine von der Unterhose aneinandergefesselt, als ob ich in einem amerikanischen Krimi dem Richter vorgeführt würde.
Sie wissen, was in dem Schreiben stand. Danke, Padre.
Mein Vorgänger hat die Bücher nach den Farben der Umschläge sortiert. Ich schwöre es! Kabale und Liebe (hellgrün) steht neben einem Bildband mit klassischen Automobilen (dunkelgrün). Ein Katalog existiert überhaupt nicht. Als Erstes werde ich …
Ach was. Sie wollen Geschichten lesen, keine Umbaupläne für Bücherregale. Ich habe auch eine wirklich dicke Praline von einer Geschichte für Sie bereit. Das haben Sie sich mit Ihrer Stellenvermittlung verdient. Sex und Gerechtigkeit. Eine Mischung, mit der in Hollywood schon sehr viel Geld verdient wurde.
Ich war damals dreizehn oder vierzehn, ein pickliger Gymnasiast, gerade erst dabei zu entdecken, dass man seine tiefer gelegenen Organe auch zu anderen Zwecken benutzen kann als zum Pinkeln. Damals lernte man das langsamer als heute. Mit all den einschlägigen Webseiten hat ein durchschnittlicher Schüler heute schon mit zwölf mehr Geschlechtsakte gesehen als früher der fleißigste Spanner in einem ganzen Leben. Wir gehörten noch zu der Generation, die über diese Dinge nur gerüchteweise Bescheid wusste. Was wir natürlich nicht zugaben.
Der größte Aufschneider in dieser Beziehung war Nils, der König der Könige in unserer Klasse. Er hatte sich diesen Rang auf die übliche Weise erworben: durch die Bereitschaft, bei der kleinsten Provokation seine Muskeln spielen zu lassen. Oder auch ohne Provokation. So viel anders als hier in der JVA ging es an unserer Schule nicht zu. Die Lehrer zogen es vor wegzuschauen. Auch wie hier.
Wie alle andern kannte Nils die Details des weiblichen Körpers nur von den kruden Zeichnungen auf diversen Klotüren und aus heimlich weitergeflüsterten Gerüchten. Was bei dieser stillen Post herauskam, hätte jeden Studenten der Anatomie zum Staunen gebracht. Aber seine Unkenntnis hinderte ihn nicht daran, vor uns den großen Anbaggerer und Frauenaufreißer zu spielen und mit Abenteuern zu prahlen, die er nicht erlebt hatte. Wenn er nach Einzelheiten seiner erfundenen Erlebnisse gefragt wurde, kaschierte er alle Wissenslücken mit dem Satz: »Der Gentleman genießt und schweigt«, wobei er, in der Art aller Halbgebildeten, das uralte Klischee für eine brillante Neuschöpfung hielt. Originalität ist meist nur mangelnde Quellenkenntnis.
Seine Aufschneidereien hätten mich nicht weiter gestört, aber leider fühlte er sich verpflichtet, seine generelle Überlegenheit auch dadurch zu beweisen, dass er sich regelmäßig ein Opfer suchte, das er dann vor versammelter Mannschaft fertigmachte.
Was konnte es für ein besseres Opfer geben als einen Mitschüler, dessen Familie zu einer Sekte gehörte? Der keinen Satz zu Ende sprechen konnte, ohne über die eigene Zunge zu stolpern?
Nils hatte ein eigenes Wort für meine Sprachstörung erfunden, nicht »Stotterer« nannte er mich, sondern »Stototterer«, eine Worterfindung, auf die er unendlich stolz war. Er liebte solche verbalen Verdrehungen. Weil ich seinen Prügeln nichts entgegenzusetzen hatte, nannte er mich statt »Stärckle« gerne mal »Schwächle«.
Sein Lieblingsspiel bestand darin, mich auf dem Nachhauseweg oder in einer Ecke des Schulhofs abzufangen und mich eine Schnellsprechübung aufsagen zu lassen, den »Cottbuser Postkutscher« oder »Fischers Fritz fischt frische Fische«. Er hätte ebenso gut verlangen können, ich solle mich in einen Vogel verwandeln und über das Schulhaus fliegen. Wenn ich es nicht schaffte – natürlich schaffte ich es nicht –, wendete er die gleiche Methode an wie mein Vater, nur dass er in den Bestrafungen, die er sich für mich ausdachte, bedeutend einfallsreicher war. Zum Beispiel hatte er an seiner Jacke ein Ansteckzeichen mit dem Signet seines Fußballclubs, und mit der Nadel …
Sie können es sich vorstellen.
Ich würde Ihnen Nils gern als hässliches Monster beschreiben, das Äußere so mies wie der Charakter. Aber im Gegensatz zu den meisten von uns hatte ihn der Wachstumsschub, den wir alle gerade durchmachten, nicht die Proportionen verlieren lassen, und von der Akne war er auch verschont geblieben. Ein ausgesprochen gutaussehender Junge. Mittelstürmer in der Juniorenmannschaft. Und, ein besonderer Ehrentitel: Verwalter der Bußenkasse, in die jeder einzuzahlen hatte, der nicht pünktlich zum Training erschien oder sich sonst gegen die Regeln des Vereins verging. Als Schüler war er mittelprächtig, nur seine Aufsätze wurden von unserem Deutschlehrer gelobt. Nils und ich waren die besten Aufsatzschreiber der Klasse, er immer einen Tick besser. Andersherum wäre es schmerzhaft für mich geworden, schließlich war ich es, der seine Aufsätze verfasste. Solang ich lieferte, wurde ich weniger gequält.
Die Herausforderung bei meiner Tätigkeit als Nils’ Ghostwriter bestand darin, die Aufsätze so zu schreiben, wie er sie geschrieben haben würde, wenn er hätte schreiben können. Gut genug für eine erfreuliche Zensur, aber nicht so brillant, dass es unglaubhaft geworden wäre. Beim ersten Versuch habe ich noch den Fehler gemacht, ihn einen frühreif aufgeschnappten Satz von Schopenhauer zitieren zu lassen. (Damals noch nicht mein Lieblingsphilosoph.) Der Lehrer fand das toll, aber nur bis sich herausstellte, dass Nils nicht die geringste Ahnung hatte, wer dieser Schopenhauer war. Nils hielt das für absichtliche Sabotage, und die Panne trug mir eine saftige Abreibung ein. Ich bekam, wie er das unter allgemeinem Beifall für seine Witzigkeit nannte, »Schopenhaue«.
Ein schneller Lerner war ich schon immer, und ein zweites Mal ist mir so etwas nicht passiert. Ich vermied fortan alle Formulierungen, die nicht in sein Vokabular passten, und verwendete nur Sprachbilder aus seiner Welt, also meist aus der des Fußballs. Einmal, das weiß ich noch, verglich ich die UNO mit der FIFA und schwadronierte von der Notwendigkeit allgemein verbindlicher Spielregeln, ohne die es statt ordentlicher Fußballspiele nur Prügeleien, sprich: Kriege geben würde. Nils wurde für die Anschaulichkeit dieses Bildes sehr gelobt. (Aus heutiger Sicht erscheint es ironisch, ausgerechnet die FIFA als Musterbeispiel einer moralischen Instanz zu benutzen.)
Eigentlich müsste ich Nils dankbar sein. Er hat mich dazu gezwungen, etwas einzuüben, was mir in meiner Karriere immer wieder nützlich war: die Fähigkeit, unter fremdem Namen so zu formulieren, dass kein Leser an der gefälschten Autorschaft zweifelte. Damals habe ich mir nur Nils’ vermeintliche Gedankengänge ausgedacht, später erfand ich dann zu den Gedanken auch gleich den Menschen dazu, der sie dachte. Wenn es für die Kunst der Fälschung einen Preis gäbe, ich hätte ihn mir schon mehrmals verdient. Den Beltracchi-Preis.
Oder sagt Ihnen der Name Dalton Trumbo etwas? Ein Drehbuchautor, der in Hollywood zur Zeit der Kommunistenhetze Schreibverbot hatte. Aber die Schreibsucht ist eine unheilbare Krankheit, und so schrieb er trotzdem weiter, einfach unter falschem Namen. Eines seiner Drehbücher gewann sogar einen Oscar, den bei der Verleihung jemand anderes für den erfundenen Verfasser entgegennahm. So wie Nils die guten Zensuren für meine Aufsätze einsackte. Als minderjähriger Dalton Trumbo musste ich zähneknirschend zusehen, wie er für meine Arbeit geehrt wurde.
Mit der Zeit entwickelte sich zwischen Nils und mir eine Art Waffenstillstand. Er ließ mich in Ruhe, weil ich ihm nützlich war, oder vielleicht hatte sich meine Attraktivität als Opfer einfach verbraucht. Ein Rummelplatz braucht immer neue Attraktionen.
Was sich nicht änderte, war mein Hass auf ihn.
HASS.
Ein wunderschön exaktes four letter word. Mit dem Zischlaut der abschließenden Konsonanten klingt es genau so, wie sich das damit beschriebene Gefühl anfühlt. Hasssss. Das Geräusch einer Giftschlange, bevor sie zubeißt. Groll ist der Donner, und Hass ist der Blitz.
Ich weiß, Padre, ich weiß. Liebet eure Feinde. Ganz besonders liebet den, der euch aus Jux und Tollerei eine Nadel in den Arm bohrt. Es wäre ja schön, diesen Gefühlssalto zu beherrschen, aber das Kunststück schafft nicht jeder. Das Talent zum Heiligen ist selten. Wir andern trösten uns mit unserm Hass. Wer noch hassen kann, ist nicht endgültig besiegt.
Während man »Hass« sagt, kann man nicht gleichzeitig lächeln. Bei »Rache« geht das sehr gut. Ich habe mir für Nils eine Rache ausgedacht, die hatte etwas wunderbar Symmetrisches. Poetische Gerechtigkeit.
Schon wieder die Klingel. Wenn ich mich an dem Schreibtischtäter rächen dürfte, der sich dieses viel zu frühe Tagesende ausgedacht hat, ich würde ihm immer dann das Licht ausdrehen, wenn es in seinem Leben besonders spannend wird. »Freuen wir uns, Ihnen mitzuteilen, dass Sie …« Dunkel. »Der erste Preis geht an …« Kurzschluss. »Willst du mich heiraten?« Blackout.
Fortsetzung folgt.
Das ist keine Bibliothek, die ich da verwalten soll, das ist ein wahllos zusammengeschenktes Durcheinander. Sorry, ich muss das mal sagen, auch wenn die ganze Einrichtung auf Ihre Initiative zustande gekommen ist. Literatur statt Kriminalität, das war wohl der Grundgedanke dabei. Charakterbildung durch Lektüre. Offenbar haben das eine Menge Leute, die Ihren Bettelbrief bekommen haben, nicht richtig verstanden. Haben sich den Weg zum Müllcontainer erspart und stattdessen alles, was ihnen im häuslichen Bücherregal Platz wegnahm, großherzig der JVA gestiftet. Sakrileg habe ich schon so oft gefunden, dass sich damit ein ganzer Lesezirkel ausstatten ließe. Und zwei uralte Goethe-Gesamtausgaben, beide in Fraktur, was hier außer mir keiner entziffern kann. Bei beiden fehlt der Band mit dem Faust. Der reinste Bücher-Komposthaufen.
Das musste ich loswerden. Jetzt geht die Geschichte weiter.
Meine Rache an Nils begann damit, dass er in seiner Schulmappe einen Liebesbrief vorfand. Rosarotes Papier, grüne Tinte, kleine Herzchen statt der i-Punkte. »Ich habe Dich auf dem Fußballfeld gesehen, und seither muss ich immer an Dich denken.« Und so weiter, blablabla. Ohne Unterschrift. Es ist mir nicht schwergefallen, den jungmädchenhaften Überschwang zu imitieren. Wenn es um die richtige Sprache geht, kann ich jede Farbe annehmen. Heute, beim Wegräumen der Goethe-Bände habe ich zufällig Hermann und Dorothea aufgeschlagen und danach eine halbe Stunde lang nur noch in Hexametern gedacht. »Das nennt sich Bibliothek, aber wenig davon ist Lektüre.«
Ein paar besonders schöne Floskeln für den Liebesbrief hatte ich dem Leserbriefteil der Bravo entnommen. Die Hefte, mangels Taschengeld an dem Kiosk geklaut, an dem ich nicht stehen bleiben durfte. Wahrscheinlich wäre die Sorgfalt bei der Formulierung gar nicht notwendig gewesen, Nils war kein kritischer Leser. Alphatiere sind es gewohnt, dass man ihnen schmeichelt, warum sollte er also nicht glauben, dass sich jemand wegen seines ach so männlichen Körperbaus und wegen seiner athletischen Fähigkeiten in ihn verliebt hatte? Eitelkeit macht dumm, und Dummheit macht eitel.
Seine unbekannte Bewunderin hatte ihn gebeten, den Brief bitte, bitte niemandem zu zeigen. Natürlich tat er es trotzdem. Unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit weihte er seine besten Freunde ein und tat das so öffentlichkeitsgeil, dass in diesem Fall sogar ich, der armselige Stototterer, zu diesem Freundeskreis gehörte. Er wollte von möglichst vielen Altersgenossen bewundert werden, und wir – »Ich will den Herrn loben allezeit« – taten ihm den Gefallen und bewunderten ihn. Ich am allerlautesten. Man muss mit den Wölfen heulen. Erst recht, wenn man den Mond, den das Pack anjault, selber ans Firmament montiert hat.
Natürlich ging sofort das Rätselraten los, wer die namenlose Verehrerin wohl sein könne. Jemand aus unserer Schule? Vielleicht sogar aus unserer Klasse? Auf einmal wurden alle Mädchen mit ganz neuen Augen betrachtet. Wahrscheinlich haben sie die plötzlich erwachte Aufmerksamkeit der eigenen aufblühenden Attraktivität zugeschrieben.
Auch den zweiten Liebesbrief – er hatte auf der Fußmatte vor seiner Wohnungstür gelegen – zeigte Nils noch herum. Den dritten dann nicht mehr. »Das ist zu privat«, sagte er, aber was er meinte, war … sagen wir: »zu explizit«. Ich will Ihre sensible Theologenseele nicht verletzen. Seine Brieffreundin beschrieb darin detailliert, was er mit ihr und ihrem Körper anstellen solle. Manches davon wird anatomisch eher unwahrscheinlich gewesen sein. Auch nach gründlichem Studium der »Dr. Sommer«-Kolumnen in der Bravo konnte ich mir die körperlichen Details des Geschlechtsverkehrs nicht wirklich vorstellen. Aber Nils war in diesen Dingen genauso unbedarft wie wir alle.
Nach dem, was dann später passierte, wird er die einseitige Korrespondenz wohl vernichtet haben, trotz der gemalten Herzchen und des zarten Veilchendufts. (Ich wusste, wo meine Schwester ihr verbotenes Parfum versteckte.) Schade, dass diese Briefe nicht mehr existieren. In einem Museum meiner selbst wären sie wichtige Exponate: erste Gehversuche in einem Gewerbe, das ich dann später zur Meisterschaft entwickelt habe. Learning by doing.
Der vierte Brief war noch drastischer, und der fünfte … Ich habe meiner Phantasie freien Lauf gelassen und bin doch tatsächlich beim Schreiben zu einem Samenerguss gekommen. »Die Genitalien sind der Resonanzboden des Gehirns«, wie mein verehrter Schopenhauer irgendwo geschrieben hat.
(Nebenbei bemerkt: Auch in dieser Hinsicht geht die JVA-Bibliothek an den Bedürfnissen ihrer Benutzer vorbei. Ich habe bis jetzt noch kein einziges Buch mit drastisch erotischem Inhalt gefunden. Dabei wären solche Vorlagen für die nächtliche Beschäftigung mit sich selbst bestimmt sehr gefragt. Das Vademekum für den Pilzesucher ist in diesem Zusammenhang nicht wirklich hilfreich.)
Die ganze Briefaktion hatte einen knappen Monat gedauert, und ich hätte ihr Ende gern noch länger hinausgezögert. Es bereitete mir ein diebisches Vergnügen zu beobachten, wie Nils mit jedem Tag erregter und, ja, geiler wurde. Nein, »diebisches Vergnügen« ist, wenn es um mich geht, die falsche Formulierung. Ich bin kein Dieb. Von dieser Art krimineller Aktivitäten habe ich mich immer ferngehalten. Was ich genoss, war die Freude des Künstlers, der bestätigt bekommt, dass sein Werk genau die Wirkung ausgelöst hat, die er damit beabsichtigte. Der Triumph der Kreativität, um es pathetisch auszudrücken.
Ich musste die Aktion dann vorzeitig zum Abschluss bringen. Nils hatte sich in den Kopf gesetzt, die Absenderin der Briefe entdeckt zu haben. Das Mädchen, das er dafür hielt, war eine Klasse über uns, ein farbloses, schüchternes Wesen. Ich würde ihr die Autorschaft an solchen erotischen Ergüssen auch dann nicht zugetraut haben, wenn ich nicht selber der Verfasser gewesen wäre. Sie hieß Dagmar, ein Name, der gut zu ihr passte, weil er schon damals altmodisch klang. Warum Nils ausgerechnet in ihr das Objekt – genauer gesagt: das Subjekt – seiner Begierde sah, konnte ich mir damals nicht erklären. Heute, wo ich von Psychologie mehr zu verstehen glaube, wage ich eine Vermutung: Er projizierte seine verbotenen Wünsche auf sie, weil er im innersten Herzen Angst vor dem hatte, was ihm die Briefe zu versprechen schienen. Dagmars schüchterne Art machte sie unbedrohlich. Nils selber hatte eine andere Begründung. »Ihr müsst nur darauf achten, wie sie mich anschaut«, sagte er. Aber Dagmar, einem weniger ichbezogenen Menschen wäre das aufgefallen, schaute jeden mit dieser scheinbaren Intensität an. Das hatte nichts mit Leidenschaft zu tun, sondern nur mit der Tatsache, dass sie stark kurzsichtig war und in deplatzierter Eitelkeit außerhalb der Schule ihre Brille nicht aufsetzte. (Kontaktlinsen waren damals noch nicht üblich.)
Es war nicht ratsam, Nils zu widersprechen, und so wagte niemand einen Einwand, als er prahlerisch verkündete, solche Briefe seien für einen echten Mann eine klare Aufforderung, seinerseits aktiv zu werden, »die Weiber erwarten das«. Von einem seiner Gefolgsleute ließ er eruieren, wo Dagmar wohnte, und die Umstände schienen günstig. Das Fenster ihres Schlafzimmers in der ersten Etage eines Mietshauses ging auf den Hof hinaus, und für einen sportlichen jungen Mann war der Höhenunterschied über das Dach eines Geräteschuppens leicht zu überwinden. Nils hatte Pretty Woman gesehen, einen damals ganz neuen Film, den er zwar für unmännlich kitschig hielt, aber wie Richard Gere in der Schlusssequenz die Fassade hochkletterte, um Julia Roberts endgültig zu erobern, das hatte ihm schon gefallen. Genau so wollte er es machen. Um Mitternacht an Dagmars Fenster klopfen oder es einfach aufstoßen, zu ihr ins Zimmer steigen, und dann … Was dann genau geschehen würde, hätte er auch nicht beschreiben können, aber mit seinem Lieblingsspruch vom genießenden und schweigenden Gentleman entzog er sich allen Nachfragen.
Bei einer so aufregenden Geschichte wird jedes Siegel der Verschwiegenheit undicht, und obwohl ich nicht zu seinem engsten Kreis gehörte, habe ich schon bald von Nils’ Absicht erfahren. Es war mir klar, dass ich eingreifen musste, einerseits um ein unschuldiges Mädchen vor einem nächtlichen Überfall zu bewahren, aber vor allem, um meine eigenen Pläne nicht stören zu lassen. Es war nicht das letzte Mal in meiner Karriere, dass ein Projekt, das ich in allen Einzelheiten vorausgeplant hatte, eine unerwartete Wendung nahm. »The best-laid schemes o’ mice an’ men«, haben wir im Englischunterricht auswendig lernen müssen, »gang aft agley.« Das darf aber kein Grund sein, einfach aufzugeben.
In diesem Fall habe ich es so gemacht:
Diesmal ist es nicht die Klingel zum Lichterlöschen, die mich abbrechen lässt. Ich habe, wie Sie mir selber bestätigt haben, ein gewisses Talent für die Schriftstellerei und weiß, dass man ein Kapitel möglichst mit einem Cliffhanger beenden soll. Also: Hängen Sie schön an Ihrer Klippe!
Es ist nicht leicht, sich in dieser Zelle zu konzentrieren. Ambros singt mal wieder vor sich hin oder gibt doch Geräusche von sich, die man mit einigem Wohlwollen als Gesang bezeichnen könnte. Wahrscheinlich ist ihm in seinem neuesten Kreuzworträtsel gerade eine brillante Lösung gelungen. Haustier mit vier Buchstaben? HAND.
Als Kind habe ich mich, wenn ich allein sein wollte, in das kleine Dachbodenabteil verkrochen, das zu unserer Wohnung gehörte. Da war zwar nicht viel Platz – arme Leute bewahren auch noch den wertlosesten Krempel auf –, aber man wurde in der Regel nicht gestört. Nur einmal hat mich meine Mutter dort oben erwischt, und ich musste ihr vorfrömmeln, der Dachboden sei für mich die Einsiedelei, in die ich mich zurückzöge, um Gott näher zu sein. »Er aber entwich in die Wüste und betete.« Lukas5,16. Wenn man den lieben Gott ins Spiel brachte, war sie von jedem Scheiß zu überzeugen.
