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Schon in jungen Jahren wusste Sam Mayfair, dass sie anders war. Wie jedes junge Mädchen entwickelte sie Verliebtheit und Lust – aber ihre Begierden waren immer von Dunkelheit getränkt. Dann, als Sam sechzehn war, wurde ihr Leben von einem ihr nahestehenden Täter zerstört. Und sie traf eine schockierende Entscheidung, deren Auswirkungen ihr ganzes Leben lang nachhallen würden. Jetzt, fünfzehn Jahre später, erfährt Sam, dass ihr Schänder ermordet wurde. Der Tod des Mannes, der jahrelang ihre Träume geplagt hatte, hätte der Folter eigentlich ein Ende bereiten sollen, die sie erlitten hat. Doch als ihr Stiefbruder Eric zum Hauptverdächtigen wird, wird Sam zurück in die Hölle ihrer ländlichen Kindheit in Oklahoma geschleudert. Während Sam versucht, Eric zu entlasten, muss sie erschreckende Wahrheiten über ihre Vergangenheit vor den Ermittlern verbergen. Doch als mehr und mehr Details des Mordes ans Licht kommen, erfährt Sam schnell, dass einige Leute, sie selbst eingeschlossen, alles tun werden, um ihre Geheimnisse tief zu vergraben. "Walking Through Needles" ist ein fesselnder und unbeirrbarer Blick auf Gewalt, Sexualität und Verlangen von einer überzeugenden und unvergesslichen neuen Stimme: Heather Levy.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2023
DARK PLACES
Heather Levy
Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt
Herausgegeben von Jürgen Ruckh
Polar Verlag
Originaltitel: Walking through Needles
Copyright: © 2021 by Heather Levy
Published by Arrangement with Heather Lynn Levy
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2023
Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt
Mit einem Nachwort von Sonja Hartl
© 2023 Polar Verlag e. K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Redaktion: Eva Weigl
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Blanscape /Adobe Stock
Autorenfoto: © 2020 David Bricquet
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, 8800 Viborg, DK
Printed in Denmark 2023
ISBN: 978-3-948392-79-6
eISBN: 978-3-948392-80-2
Für Bambi, dafür, dass du alle Teile von mir akzeptierst, selbst die scharfkantigen.
Kapitel 1: Sam, 1994
Kapitel 2: Eric, 2009
Kapitel 3: Sam, 1994
Kapitel 4: Sam, 2009
Kapitel 5: Sam, 1994
Kapitel 6: Eric, 2009
Kapitel 7: Sam, 1994
Kapitel 8: Sam, 2009
Kapitel 9: Arrow, 1994
Kapitel 10: Eric 2009
Kapitel 11: Sam, 1994
Kapitel 12: Arrow, 1994
Kapitel 13: Sam, 2009
Kapitel 14: Sam, 1994
Kapitel 15: Eric, 2009
Kapitel 16: Sam, 2009
Kapitel 17: Arrow, 1994
Kapitel 18: Sam, 1994
Kapitel 19: Eric, 2009
Kapitel 20: Arrow, 1994
Kapitel 21: Sam, 2009
Kapitel 22: Sam, 1994
Kapitel 23: Eric, 2009
Kapitel 24: Sam, 1994
Kapitel 25: Arrow, 1994
Kapitel 26: Sam, 2009
Kapitel 27: Eric, 2009
Kapitel 28: Arrow, 1994
Kapitel 29: Sam, 1994
Kapitel 30: Sam, 2009
Kapitel 31: Eric, 2009
Kapitel 32: Arrow, 1994
Kapitel 33: Sam, 2009
Kapitel 34: Eric, 2009
Kapitel 35: Sam, 1994
Kapitel 36: Arrow, 1994
Kapitel 37: Eric, 2009
Kapitel 38: Sam, 1994
Kapitel 39: Sam, 2009
Kapitel 40: Arrow, 1994
Kapitel 41: Sam, 1994
Kapitel 42: Eric, 2009
Kapitel 43: Arrow, 1994
Kapitel 44: Sam, 1994
Kapitel 45: Sam, 2009
Kapitel 46: Arrow, 1994
Kapitel 47: Sam, 2009
Kapitel 48: Eric, 2009
Kapitel 49: Sam, 2009
Kapitel 50: Arrow, 1994
Kapitel 51: Sam, 2009
Kapitel 52: Eric, 2009
Kapitel 53: Sam, 1994
Kapitel 54: Eric, 2009
Kapitel 55: Sam, 2009
Danksagungen
»Das unperfekte Opfer«
»Schmerz. Ich scheine eine Neigung dafür zu haben, eine Art Vorliebe. Blitze, kleine Rinnsale des Donners. Und ich das Auge des Sturms.«
Toni Morrison, »Jazz«
Sam verdrillte ihre alte, gelbe Decke mit dem Entenmuster, von der ihre Grandma erzählt hatte, dass sie nach der Geburt darin eingewickelt gewesen war, und band sie sich so fest um den Hals, bis es ihr die Luft abschnürte.
Langsam zählte sie. Sie dachte an Arrows schlaksigen Körper, der ausgestreckt im Nachbarzimmer lag, dem Raum, der jahrelang das unberührte Gästezimmer gewesen war. Sie glitt mit den Fingern zwischen ihre Beine, fand die Stelle, und das vertraute Kribbeln steigerte sich. Sie schaffte es bis dreiundsiebzig, doch der Maiabend war zu warm und schwül, die Laken um sie herum zu klamm. Sie konnte sich nicht genügend konzentrieren, damit das Kribbeln in einer heißen Explosion endete, die durch ihren Körper fuhr, also nahm sie die Decke vom Hals, kuschelte stattdessen damit und versuchte, nicht schon wieder zu weinen.
Sam wünschte sich Regen und Donner, damit die Fenster des heruntergekommenen Farmhauses erzitterten und das Glas im Takt mit ihrem Puls ratterte. Sie hatte keine Angst vor Sturm, aber Arrow schon. Er würde bereits beim winzigsten Blitz eine Ausrede erfinden, um in ihr Zimmer zu kommen. Sie würde sehen, wie er bei jedem Aufblitzen vor ihrem Fenster ein bisschen zusammenzuckte und in dem Wissen lächeln, dass sie ihn damit immer in der Hand hatte, egal wie groß er war. Er mochte fast sechzehn sein, doch sie war ein Jahr älter und größer als die meisten Jungs auf ihrer Schule. Manchmal vergaß sie sein Alter, weil er stark und hart war wie ein erwachsener Mann. Wie sein Vater Isaac.
Wenn sie darüber nachdachte, wie Arrow und Isaac ihr Haus infiltrierten, kochte sie angesichts der Ungerechtigkeit von allem innerlich über. Sie hatte nie um einen Stiefvater gebeten und um einen Stiefbruder schon gar nicht. Sie hatte nie um irgendetwas davon gebeten – die kleine, standesamtliche Trauung, nur drei Monate, nachdem ihre Mutter Isaac kennengelernt hatte, den Einzug von Isaac und Arrow in ihr Haus, als die Tulpen bunt und leuchtend aus dem Boden schossen, nur um dann schnell wieder zu verschrumpeln und zu verschwinden –, doch ihre Mutter meinte, ein männlicher Einfluss täte ihnen gut, was immer das heißen sollte.
Sam schaute sich Isaac an und sah jemanden, der zu selbstsicher war, als dass man ihm trauen könnte. Er schlenderte durch ihr Haus, als hätte er es mit seinen eigenen Händen gebaut.
Isaacs Hände. Sie versuchte, nicht an sie zu denken, sie nicht zu betrachten, wenn er auf der Farm arbeitete, doch das war schwer. Sie waren wunderschön. Groß, lange Finger, und gebräunt, sodass die hellen Halbmonde seiner Fingernägel verletzlich wirkten, als könne sie eine Nadel nehmen und ohne Weiteres durch das weiche Rosa stechen. Wenn er zur Zeit der Renaissance geboren worden wäre, hätte Michelangelo ihn als Modell haben wollen. Sie hatte seitenweise Skizzen angefertigt, um seine Hände einzufangen, doch er war konstant in Bewegung, nahm ständig mit dieser nervigen Selbstsicherheit die nächste Aufgabe in Angriff.
Sam war sich nur bei einer Sache wirklich sicher: Sie wollte weg aus Blanchard. Sie war nie so weit gegangen zu sagen, sie würde Oklahoma verlassen; abgesehen davon, all die Museen oben im Norden zu besuchen, fand sie diesen Gedanken zu angsteinflößend. Der Norden des Landes war ihr so fremd wie das Zusammenleben mit Männern in ihrem Haus. Sie wusste, dass Isaac und Arrow schon überall in Oklahoma gewohnt hatten, sogar außerhalb des Bundesstaates. Sam nahm an, dass die beiden mehr über die Welt wussten als sie und es gegen sie einsetzen würden, um ihr das Gefühl zu geben, naiv zu sein, weil sie bisher lediglich in einer winzigen Stadt gelebt hatte. Sie wussten nicht, dass Sam cleverer war als sie, weil sie zuhörte, wenn die Leute es nicht mitbekamen. Sie wusste Dinge, von denen Isaac nicht wollen würde, dass ihre Mutter sie erführe. Sie hatte die Geschichten darüber mitgehört, warum Isaac und Arrow von Anadarko nach Blanchard umgezogen waren, und wenn es nicht anders ging, würde sie ihr Wissen nutzen.
Irgendwo draußen bellte ihr alter Border Terrier Hades und das Geräusch wurde gedämpft, als sie sich wieder die Decke um den Hals legte und fester und fester zusammendrehte. Sie dachte an Isaacs Hände und an Arrows große, traurige Augen. Sie fragte sich, ob Arrow sich genauso fühlte wie sie, ob er auch irgendwo weit weg sein wollte.
Sie stellte sich ihn in ihrem Zimmer vor, sah ihm zu, wie er den Krimskrams auf ihrer Kommode berührte, seine Hände irgendwo innehielten und sich dann zu ihr ausstreckten, ihr Gesicht zärtlich berührten, die Finger sich senkten und tiefer und tiefer in ihren Hals drückten.
Fester, fester. Sie zählte wieder, ihre Hand arbeitete schneller, Isaacs Hand, Arrows Hand, die sich in sie bewegten, durch sie, das Kribbeln breitete sich weiter und wärmer aus, Arrows irgendwie flehender Blick, sein Mund, der über ihren strich, in der Dunkelheit hinter ihren Augen blitzte es weiß auf, dann durchfuhr sie eine lodernde Hitze in kurzen, stechenden Spasmen.
Sie ließ ihre Decke los und schnappte nach Luft. Sie wusste, dass sie diesmal kurz davor gewesen war, ohnmächtig zu werden. Irgendwo in dem verschwommenen Genuss des Augenblicks und des Sich-Verzählens, hatte sie gedacht: Ich könnte sterben. Aber diesmal war es anders. Sie hatte sich Gesichter vorgestellt, nicht nur körperlose Hände, und der Gedanke brannte so sehr auf ihren Wangen, dass ihr die Tränen kamen.
Seit Arrow und Isaac eingezogen waren, hatte sie schon zu viele schändliche Gedanken gehabt, und sie stellte sich oft vor, wie Gott die Erde unter ihr öffnete und sie in die glühende Lava eintauchte, die ihre Haut und die Muskeln wegschmolz, sodass ihre Knochen freigelegt wurden, wie in der Szene mit den Nazis in Jäger des verlorenen Schatzes.
Wenn Sam diese Gedanken hatte, wäre sie gern aus ihrem Körper geschlüpft und hätte so getan, als gehörten die Gedanken jemand anders. Sie verspürte den starken Drang, in das alte Gästezimmer zu gehen, Arrows Zimmer. Als sie jünger war, schlich sie sich oft aus ihrem Zimmer, wenn sie ihren Daddy vermisste, um im Gästebett zu schlafen. Sie stellte sich vor, dass ihr Daddy neben ihr läge. Er würde sie wieder sein Krümelchen nennen, genau wie Grandma Haylin, und sie würde ihn noch nicht mal fragen, warum er nicht unten bei Mama im Schlafzimmer schlief. Sie würde nicht fragen, warum er gegangen und nie mehr wiedergekommen war.
Seit Arrow das Zimmer übernommen hatte, betrat sie den Raum nur noch selten. Er roch nicht mehr so wie früher. Wenn sie sich auf die Matratze des Gästebettes legte und ihren Kopf ins Kissen drückte, konnte sie einen Hauch von Aqua Velva und Marlboro Reds riechen, den Duft ihres Vaters. Nachdem Arrow zwei Monate darin gewohnt hatte, konnte sie schnüffeln wie verrückt, aber alles, was sie roch, war der schwache Duft von Waschmittel und der gleiche moschusartige Teenagergeruch, der nach dem Sportunterricht in der Turnhalle hing.
Einmal, als sie sein Zimmer nicht verlassen wollte und sie sich danach sehnte, den Duft ihres Daddys wiederzufinden, drohte Arrow ihr, sich auf ihren Kopf zu setzen und zu furzen, wenn sie nicht verschwände. Weil sie nicht gehen wollte, tat sie so, als würde sie seine Kopfhörer klauen. Er hatte sie auf das Bett gedrückt, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt, so dicht, dass sie beinahe an seiner flaumigen Gesichtsbehaarung lecken konnte.
Mit diesem Bild von Arrow und seinem warmen Atem auf ihrem Gesicht, ihr Körper unter seinem Gewicht gefangen, schloss sie die Augen, und ihre Hand glitt wieder in ihre Unterwäsche.
• • •
Sam starrte auf ihr Rührei. Seit sie sprechen konnte, hatte sie ihrer Mutter mitgeteilt, wie sehr sie Rührei hasste, doch Isaac mochte seine Eier gern zu Tode geprügelt, also spielte es keine Rolle, was sonst jemand zum Frühstück wollte.
»Sammy, iss dein Frühstück.«
Sam wünschte, dass der tödliche Blick, den sie ihrer Mutter schenkte, irgendwie in deren Bewusstsein vordrang, genau wie der ihrer Grandma Haylin. Seit ihrem Schlaganfall im vergangenen Jahr funktionierte die linke Seite ihrer Grandma nicht mehr besonders gut, und für gewöhnlich verließ sie ihr Zimmer erst, wenn die ersten Seifenopern begannen, doch wenn der Duft von frisch gebackenen Brötchen Sam aus dem Bett lockte, wusste sie, dass ihre Grandma früh aufgestanden war.
Grandma Haylin schob Sam den Teller mit den Brötchen zu und zwinkerte. »Na los – nimm noch eines. Wahrscheinlich dauert es mindestens einen Monat, bis ich wieder Lust habe, welche zu backen.«
Ihre Mutter schenkte für Isaac Kaffee ein, stellte den Becher ab, eine Hand auf ihrer runden Hüfte, und fuhr sich mit der anderen genervt durchs aschblonde Haar. »Ich meine es ernst, Missy. Du hast nur noch fünf Minuten zum Essen, bis du losmusst.«
»Ich esse doch«, sagte Sam mit einem Mund voll Marmeladenbrötchen.
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Deine Eier.«
»Wenn ich sie esse, kann ich dann den Wagen nehmen?«
Arrow lächelte kurz über den Tisch hinweg. Dachte wahrscheinlich, Sam würde ihn stilvoll absetzen, damit ein Mädel es sähe. Keine Chance.
Ihre Mutter schenkte sich jetzt selbst Kaffee ein, und Sam ahnte schon, dass ein Nein kommen würde, was bedeutete, anderthalb Kilometer mit Arrow im Schlepptau zur Schule zu gehen.
»Heute nicht, Sammy. Ich muss im Laden eine Extraschicht einlegen und dein Daddy arbeitet heute bis spät auf der Hunt-Farm.«
»Er ist nicht mein Daddy.« Sam hasste es, wenn ihre Mutter ihr in seiner Anwesenheit das Daddy aufzwang.
Ihre Mutter seufzte verärgert und Sam riskierte einen kurzen Blick in Isaacs Richtung.
Er erwiderte ihren Blick mit seinem großspurigen Grinsen, bevor er sich an ihre Mutter wendete. »Jeri Anne, Liebling, ich kann dich beim Laden absetzen und später eine Pause machen, um dich abzuholen.«
Ihre Mom stellte einen Kaffeebecher mit fettarmer Sahne vor Isaac ab. »Bist du sicher? Das ist schrecklich weit.«
»Ist doch kein Problem. Lass dem Mädchen doch seinen Spaß, solange es noch jung ist.«
»Na ja, dann okay.« Ihre Mutter beugte sich vor und küsste Isaac auf die Wange, bevor sie sich an den Tisch setzte und »Süß von dir« murmelte.
Sam erwischte Grandma Haylin beim höhnischen Grinsen.
Ohne zu zögern, fragte Arrow: »Nimmst du mich mit?«
Bevor Sam Nein sagen konnte, zeigte ihre Mutter mit der Gabel auf sie. »Was sagst du zu deinem Daddy? Dafür, dass er dir heute unser Auto überlässt?«
Sam wunderte es, dass Grandma Haylin nicht alle daran erinnerte, dass der blaue 1970er Chevrolet Chevelle ihr Wagen war. Nur, weil sie ihn nur noch selten fuhr, hieß das nicht, dass sie ihn aufgegeben hatte.
»Was sagst du, Sammy?«
Sie versuchte es wieder mit ihrem tödlichen Blick bei ihrer Mutter. Immer noch nichts.
Sam starrte direkt in Isaacs Augen und gab ein maximal gleichgültiges »Danke« von sich, bevor sie sich, so schnell sie konnte, die Eier in den Mund schaufelte.
»Arrow wird mit dir mitfahren«, sagte ihre Mutter.
Sam spuckte die halb gekauten Eier aus und warf Arrow einen tödlichen Blick zu, der diesmal seine Wirkung tat.
Als Arrow am Radio des Chevelle herumfummelte, versuchte Sam, nicht an die zurückliegende Nacht zu denken. Sie blickte kurz auf seine Hände und ein wohliger Schauer durchfuhr sie so unvermittelt, dass sie ein Stoppschild übersah.
»Scheiße, ey!«, sagte Arrow und klatschte mit der Hand aufs Armaturenbrett. »Kannst du uns bitte nicht umbringen?«
»Meinetwegen. Ich bin eine bessere Fahrerin, als du es je sein wirst.«
»Dann versuch mal, Hunts alten Traktor zu fahren.«
»Nein, danke. Ich habe keinen Bock, Farmerin zu werden.«
Arrow lachte. »Aber du lebst auf einer Farm.«
Sam blickte zu ihm hinüber, wo er sich abmühte, etwas aus seinem Schulrucksack zu kramen.
»Was?«, sagte er. »Du hast nicht vor, irgendein Redneck-Arschloch zu heiraten und acht Kinder zu werfen?«
»Himmel, nein.«
»Ich auch nicht.«
Diesmal lachte Sam. Es war das erste Mal seit Wochen, stellte sie fest.
Arrow lächelte, als er schließlich fand, was er suchte – eines von Sams Büchern über griechische Mythologie –, und legte es auf die Armlehne.
»Ich habe gestern vergessen, es dir zurückzugeben.«
»Hast du es schon durch?« Sam versuchte die Beklemmung zu unterdrücken, die immer in ihr aufstieg, wenn sie jemandem Neues eines ihrer Lieblingsbücher vorgeschlagen hatte. Noch nicht mal ihre beste Freundin Chrissy Baker tat so, als interessiere sie sich für griechische Mythologie.
»Ich mag diesen Pan-Typen nicht.«
Die Beklemmung schlug in Begeisterung um. Er hatte es nicht nur gelesen, sondern sich sogar eine Meinung darüber gebildet.
»Warum nicht?«
»Er ist einfach nur gruselig.«
Sie spürte, wie Arrow sich zu ihr umdrehte, behielt jedoch den Blick auf der Straße.
»Okay, er stalkt also diese Nymphen-Puppe, die eindeutig nichts mit ihm zu tun haben will und diesen Flussgott bitten muss, sie in Schilfrohr zu verwandeln, nur, damit sie von ihm wegkommt, und dann macht Pan sie zu einer Scheißflöte, sodass sie nie mehr von ihm wegkommt. Der Typ ist gruselig.«
Sam grinste. Als sie Chrissy dieselbe Geschichte vorgelesen hatte, fand ihre Freundin es romantisch, wie besessen Pan von Syrinx war.
»Wusstest du, dass die englische Bezeichnung syringe für Spritze von ihrem Namen stammt? Syrinx, syringe.«
Sie erwischte Arrow dabei, wie er die Augen verdrehte.
»Haben in der griechischen Mythologie alle ein trauriges Leben?«
»Nein«, sagte Sam schnell, doch ihr fiel keine glückliche Geschichte ein.
»Warum hast du letzte Nacht geweint?«
»Was?« Arrows Frage kam so unerwartet, dass sich Sams Gehirn eine Sekunde so anfühlte, als hätte es einen Kurzschluss gehabt.
»Letzte Nacht … ich habe dich gehört, als du ins Badezimmer gegangen bist.«
»Ich habe nicht geweint«, log sie. Sie wusste, dass ihr Gesicht roter war als Rote Bete. Wenn er sie weinen gehört hatte, dann hatte er vielleicht auch etwas von den anderen Dingen mitbekommen, die sie in ihrem Zimmer tat.
Arrow schwieg einen Moment, bevor er sagte: »Okay. Aber, weißt du … wenn du geweint hast und wenn du reden …«
»Hab ich nicht, okay? Mann, ey, kümmer dich um deinen eigenen Kram.«
Danach machte Arrow dicht, doch sie weigerte sich, sich seinetwegen schlecht zu fühlen. Menschen weinten nicht in ihr Kissen, damit andere Leute es hörten und darüber reden wollten.
Sie hatte ihren Daddy vermisst. Das war alles. Normalerweise konnte sie die Gefühle wegstecken und nicht darüber nachdenken, doch Isaac dabei zu sehen, wie er Dinge tat, die sonst ihr Daddy getan hatte – vor dem Essen das Tischgebet zu sprechen, die Ziegen zu füttern, ihre Mom zu küssen –, das würgte die dumme Hoffnung ab, dass ihr Daddy nach zehn Jahren wiederkommen würde. Sie wusste, dass er niemals zurückkehren würde. Sie wusste noch nicht einmal, wo er hingegangen war. Das Einzige, was er zurückgelassen hatte, waren sein kastanienbraunes Haar und die dunklen Augen.
Sam bog auf den Schulparkplatz ein und fand eine freie Stelle.
Bevor Arrow die Beifahrertür öffnete, hielt er inne. »Es tut mir leid, dass du traurig warst.«
Sam sah ihn an. Mit seinen großen Augen und dem eifrigen Gesicht sah er aus wie ein kleiner Junge.
»Steig aus, Eric.«
Als er seinen richtigen Namen hörte, zuckte er zusammen. Ihre Mutter hatte dasselbe getan, als Sam wütend geworden war und sie Jeri genannt hatte; es war, als hätte sie sie Schlampe genannt. Den Spitznamen Arrow hatten seine Eltern ihm gegeben, weil er ein Auge dafür hatte, alte Pfeilspitzen zu entdecken, die man in Oklahoma häufig findet, besonders in ländlichen Gegenden.
Arrows Unterkiefer verhärtete sich und sie vermutete, dass er wütend sein könnte, etwas, das sie bisher bei ihm noch nicht gesehen hatte. Sie wollte ihn wütend sehen, aber wusste nicht, warum.
Doch er wirkte nicht wütend. Vielleicht enttäuscht. Wie ihre Mom.
»Wir treffen uns um vier beim Wagen«, sagte sie, weicher, doch er hatte bereits die Wagentür zugeknallt.
Eric Walker verstrich sorgfältig Fliesenkleber auf dem Boden, damit die Keramikfliese in Kaugummirosa, die er gleich sanft in die Masse hineinpressen würde, sicher hielt. Gott schütze das Scheißamerika – rosa Kacheln.
Offensichtlich war Mrs. Burkhart der Ansicht, sie würde ihr historisches Haus »restaurieren«, wenn sie die original rosafarbenen Fliesen, die er herausgerissen hatte, durch eine neue Neon-Version ersetzte. Sie war eine Frau wie ein Törtchen mit Zuckerguss, die nur aus spritzigem Jubeln und Bräunungsspray bestand.
Da niemand in der Nähe war, hatte Eric laut geflucht, während er die zartrosa Metro-Fliesen aus den 1940er Jahren zerstörte. Sie erinnerten ihn an ein altes Farmhaus, in dem er mal gelebt hatte, und an ein wunderschönes, hochgewachsenes Mädchen, das das rosa Badezimmer nicht ausstehen konnte, das sie sich teilen mussten.
Eric setzte ein neues Fliesenkreuz, trug weiteren Kleber auf, drückte eine weitere Fliese fest und setzte weitere Abstandshalter – wieder und wieder, bis das kleine Bad aussah wie das Innere einer Pepto-Bismol-Flasche. Als er schließlich aufstand, gab sein linkes Bein unter ihm nach, und es dauerte, bis er wieder Gefühl darin hatte. Sein beschissenes Bein. Wenn jemand mal nach der gezackten Narbe im oberen Bereich seiner Wade fragte, erzählte er, es sei von einer alten Football-Verletzung, obwohl er noch nie einen Fuß auf ein Footballfeld gesetzt hatte. Nur eine Handvoll Leute kannte die wahre Geschichte, und die Hälfte dieser Leute war vermutlich bereits tot.
Mrs. Burkarts Perserkatze miaute laut und Eric hörte damit auf, den letzten Staub der Fugenmasse von den Fliesen zu polieren. Wie an jedem anderen Tag in dieser Woche, in der er an dem Badezimmer gearbeitet hatte, warnte die Katze ihn, bevor die Eigentümerin eintraf. Mrs. Burkart kam herüber, um die fertige Arbeit zu begutachten. Die Katze auf ihrem Arm wehrte sich, um sich zu befreien, und riss dabei ihre Seidenbluse ein, die vermutlich mehr gekostet hatte als sein gesamtes Outfit, einschließlich der Arbeitsstiefel.
Die Frau gab auf und ließ die Katze los. »Jetzt sind Sie also fertig, was?«
Eric musterte den Raum und vergewisserte sich, dass alle pinkfarbenen Fliesen staubfrei waren. »Jepp, sieht so aus.« Seine Stimme war kratzig von der wenigen Benutzung. Er verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein.
Mrs. Burkart hatte ihr großes, rotes Portemonnaie dabei, öffnete es aber nicht. Der Sonne nach zu urteilen, die durch das Badezimmerfenster hereinsickerte, war es kurz vor siebzehn Uhr. Eric wollte noch zur Bank, bevor sie schloss, doch Mrs. Burkart stand da und bewunderte die Arbeit.
»Das sieht so fantastisch aus. Ich kann es kaum erwarten, darin zu baden.« Sie sah ihn an und lächelte, wobei die Falten um ihre Augen tiefer waren, als er in Erinnerung hatte. Vielleicht war sie älter, als er dachte, doch bei der künstlichen Hautfarbe war das schwer zu sagen. »Haben Sie jemals heimlich geduscht, wenn die Hausbesitzer zur Arbeit waren? Nur so, zur Erfrischung?«
Er wandte den Blick ab und murmelte: »Nein.«
»Sie könnten jetzt heimlich duschen, wenn Sie möchten. So tun, als wäre ich nicht da. Oder auch nicht.«
Er blickte auf und sah sie lächeln, auf eine Art, bei der seine Lenden kribbelten und sich zusammenzogen.
Er hätte ihr Angebot beinahe angenommen, doch die drückende Augusthitze belehrte ihn eines Besseren. Er brauchte das Geld für einen neuen Luftkühler dringender, als er diese aufgeputzte Frau brauchte. »Öhm, danke, aber ich muss los. Hab gleich morgen früh meinen nächsten Job.«
»An einem Samstag?« Ihre lächelnden Mundwinkel sackten etwas herab, enttäuscht darüber, dass ihre Handwerker-Fantasien sich nicht bewahrheiteten. »Okay. Klar.«
Nachdem sie den Scheck ausgestellt hatte, sprang Eric in seinen schwarzen F-150 und raste zur Genossenschaftsbank der Frau in Midwest City. Er selbst wohnte auf der anderen Seite der Stadt, im historischen Gatewood. Er wäre ja zu seiner eigenen Bank gegangen, doch die Überweisung würde mindestens drei Tage dauern, und er hatte nur noch siebenundneunzig Dollar auf dem Konto. Er besaß zwar woanders noch mehr, aber er hatte sein Geld gern fest im Blick.
Beim Gedanken an die kühle Brise, die durch sein Haus wehen würde, wurde er ganz aufgeregt und trat stärker aufs Gas. Aber nach einem kurzen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett fuhr er wieder langsamer. Er hatte genug Zeit und brauchte keinen weiteren Strafzettel.
In der Bank herrschte für einen Freitagnachmittag weniger Betrieb als erwartet, doch er musste den Scheck an einer Kasse einlösen, da er sein Konto bei einer anderen Bank hatte. Während er in der Schlange wartete, bemerkte er einen dunkelhaarigen Mann, der versuchte, ein kleines Mädchen einzufangen. Das Mädchen hatte kastanienbraunes Haar, etwas heller als ihr Vater, und leuchtende Augen, die unter einem Tisch mit einer riesigen Kunstpflanze hervorlugten und Eric ansahen. Ein wunderhübsches Mädchen. Eric lächelte ihr zu und sie gab ein glucksendes Lachen von sich, bevor sie wieder zurück zu ihrem Vater rannte. Er sah zu, wie sie die Beine des Mannes umschlang, und konnte förmlich spüren, wie die winzigen Arme sich festklammerten, als sie versuchte, an ihrem Daddy hochzuklettern, als wäre er ihr eigener Baum. Der Mann hob sie hoch, drückte sie an sich und sie kuschelte sich an seine Schulter. Eric merkte erst, dass er seinen Atem angehalten hatte, als eine Kassiererin ihm etwas zurief.
Gerade, als er mit seinem Scheck bei dem Fenster angekommen war, wurde er von weiterem kastanienbraunen Haar abgelenkt, diesmal als Pferdeschwanz. Sein Blick folgte dem Hinterkopf einer hochgewachsenen Bankangestellten, ihre geschmeidigen Bewegungen irgendwie vertraut, als sie einer Kassiererin am Drive-in-Schalter assistierte. Jemand knallte gegen Erics Beine und warf ihn fast um. Er sah hinunter und erblickte das kleine Mädchen, das wieder zurück zu seinem Vater am anderen Ende der Kassenfenster lief. Irgendetwas an der Art, wie der Mann seine Tochter anlächelte, so warm und einladend, erinnerte Eric an seinen Vater, und ihm wurde schwer ums Herz.
Er schaute wieder auf und sah, wie die Bankangestellte mit dem kastanienbraunen Haar sich umdrehte. Als er ihren Buttermilch-Teint sah, das zarte Rosa auf den Wangenknochen und ihre Augen – Gott, ihre Augen –, wurde ihm flau im Magen.
»Sir? Wie kann ich Ihnen helfen?«
Die blonde Kassiererin vor ihm blickte ihn ernst an.
»Entschuldigung. Ich … ich bin noch nicht so weit.«
Eric drehte sich um, ging in die falsche Richtung und stieß gegen einen älteren Mann, der wartend in der Schlange stand. Halb stolpernd verließ er die Bank und zwang sich, nicht loszurennen. In seinem Pick-up schloss er die Augen und merkte, wie er sich vor und zurück wiegte, etwas, das er nicht mehr getan hatte, seit er fünfzehn war. Er versuchte, seine schnelle Atmung zu kontrollieren, während hinten in seinem Rachen eine heiße Säure aufstieg.
Sie konnte es nicht sein. Das konnte sie nicht, doch im Grunde hatte er ihre aufrechte Haltung bereits wiedererkannt, noch bevor er ihre Augen gesehen hatte, diese unendlichen Seen schwarzen Öls, die immer auf der Suche waren, immer neugierig und spielerisch, aber die nie verziehen.
In all den Jahren, in denen er sich immer gefragt hatte, was aus ihr geworden war, aber zu viel Angst vor der Wahrheit hatte, davor, Kontakt aufzunehmen und abgewiesen zu werden, war sie hier gewesen. Hatte sie keine griechische Mythologie oder Kunst an irgendeinem College unterrichtet, sondern in einer verdammten Genossenschaftsbank gearbeitet. Oklahoma City war groß und weitläufig, doch er konnte nach wie vor nicht glauben, dass sie sich bisher nie über den Weg gelaufen waren.
Eric öffnete die Augen, aber er schloss sie schnell wieder und wischte sich mit den Knöcheln die Tränen weg.
Er ließ den Motor seines Pick-ups an und saß weitere fünf Minuten wie erstarrt da. Er wusste, dass sie ihn nicht wiedererkannt hatte, sonst hätte sie sich nicht so benommen. Wenn er hineinging, um mit ihr zu reden, wäre sie aufgebracht, und er wusste, dass er ihr das an ihrem Arbeitsplatz nicht antun könnte. Wenn er noch etwas warten würde, hätte sie irgendwann Feierabend, würde wahrscheinlich nach Hause fahren und er könnte ihr folgen. Er könnte ihr vielleicht eine Nachricht hinterlassen. Sie in den Briefkasten stecken, damit sie sie am nächsten Tag fand und sich damit ein bisschen Zeit erkaufen, um darüber nachzudenken, was er ihr sagen wollte.
Er drehte die Klimaanlage voll auf und holte seinen Rechnungsblock vom Beifahrersitz. Er riss eine Seite heraus, auf der Arrow Contracting Inc. stand, und schrieb ihr ein paar Zeilen. Er las sie durch, las dann erneut, knüllte den Zettel zusammen und schmiss ihn auf den Boden. Er riss ein neues Blatt ab und schrieb: Bitte ruf mich an. Ich würde gern reden – Eric.
Eric sog die kühle Luft ein und fühlte sich etwas besser.
Eine halbe Stunde später sah er, wie sie die Bank durch den Hinterausgang verließ und in einen silbernen Subaru stieg. Er folgte ihr auf den Highway und zurück nach Oklahoma City, war überrascht, als sie an der 23rd Street abfuhr, denselben Weg, den er nach Hause nahm. Sie fuhr weiter, vorbei an einer Grundschule und bog dann Richtung Norden in ein hübsches altes Viertel ein. Er kannte die Ecke gut, weil er im zurückliegenden Jahr einige der Häuser saniert hatte. Wenn sie dort wohnte, war das weniger als acht Kilometer von seinem Haus entfernt. Der Gedanke schockierte ihn so sehr, dass er beinahe verpasste, wie sie in eine der Straßen einbog.
Während sie zu ihrem Haus weiterfuhr, offensichtlich das kleinste der Straße, aber genauso gut gepflegt wie die anderen, bremste er ab und folgte ihr im Schritttempo. Wie üblich in dieser Gegend, wurde auch ihre Straße von alten Ulmen und Blüten-Hartriegeln gesäumt, von Kreppmyrten und bunten Blumenbeeten, auf die seine Mom neidisch gewesen wäre.
Er wartete, bis sie in der Einfahrt geparkt hatte und im Haus verschwunden war, bevor er auf der anderen Straßenseite anhielt. Er sah keinen anderen Wagen in ihrer Einfahrt stehen, es gab jedoch auch eine Garage.
Vielleicht lebte sie nicht allein. Möglicherweise war sie verheiratet und hatte eine Familie … ein Kind. Der Gedanke weckte lebhafte Erinnerungen, die er gern weggeschoben hätte.
Er zog die Nachricht heraus und las sie erneut durch. Welche Erklärung hätte sie, wenn sie einen Ehemann hatte, der nach der Post schaute und dies las? Er griff nach unten und fuhr mit der Hand durch den Beifahrerfußraum, bis er die zerknüllte, ursprüngliche Nachricht fand. Er strich sie so gut es ging glatt und las sie noch mal durch. Ohne nachzudenken, küsste er das Papier. Dann rannte er zu ihrem Briefkasten und warf sie ein.
Als er bei seinem zweistöckigen Craftsman-Haus ankam, stand die Sonne nur noch einen Fingerbreit über dem Horizont. Im nahe gelegenen Plaza District fand ein Kunst-Festival statt und es wimmelte vor Foodtrucks, Livemusik und Leuten, die bummelten und in Schaufenster guckten. Vielleicht sollte er hinübergehen, dort einen Happen essen und etwas trinken, doch er ertrug es nicht, unter vielen Leuten zu sein. Das konnte er noch nie, selbst als Kind nicht. Sein Zuhause war sein Zufluchtsort, selbst in dem chaotischen Zustand, in dem es sich befand.
Er hatte das Haus wegen der Geschäfte gekauft, die in der Gegend aus dem Boden schossen, und der Aussicht auf steigende Grundstückspreise, obwohl er seine Meinung beinahe geändert hätte, als er das Innere des Hauses gesehen hatte. Der Preis war niedrig und die original Eichendielen, die sich unter einem orangefarbenen Zottelteppich verbargen, waren in gutem Zustand. Es war eine der vielen Zwangsvollstreckungen nach dem Marktzusammenbruch, und die Vorbesitzer hatten als Geschenk an Eric ihren großen Hund in jedes Zimmer kacken lassen. Zumindest hoffte er, dass es ihr Hund gewesen war.
Er ging durch das stickig-heiße Haus. Sein Hemd war bereits schweißnass, doch der Luftkühler musste bis morgen warten. Sie zu sehen hatte ihn ausgelaugt. Die Leere in ihm wurde noch schlimmer, als niemand dort war, der ihn begrüßte. Kein Hund, keine Katze. Plastikfolie schützte Teile des Hauses vor einer neuen Trockenbauwand und Farbe. Im Wohnzimmer stand ein Flachbildfernseher auf dem Kaminsims. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein braunes Ledersofa mit durchgesackter Mitte, auf dem er jede Nacht schlief. Vermutlich würde er sich irgendwann Schlafzimmermöbel kaufen, doch das Irgendwann schien nie zu kommen – nur immer weitere Projekte, damit das Haus funktionierte. An einem der seltenen Abende, an denen er in der Bar die Straße runter einen trinken gegangen war, hatte er eine Blondierte mit zu sich nach Hause genommen. Bevor sie ihm auf maximal lustlose Art einen runtergeholt hatte, erklärte sie ihm, dass er zu alt sei, um wie ein College-Student zu leben. Sie hatte recht, obwohl Eric nur einen Gesellenbrief besaß und es nie aufs College geschafft hatte.
Sam schon.
Zumindest das wusste er über sie. Er hatte gesehen, wie ein alter Freund aus Blanchard vor zwei Jahren ihren Facebook-Beitrag Endlich hab ich meinen Master! kommentierte. Er hatte dem öffentlichen Beitrag ein »Gefällt mir« hinzugefügt und Sam musste ihn daraufhin blockiert haben, denn ihre Seite erschien nicht mehr, wenn er nach ihr suchte.
Möglicherweise hatte sie jemanden kennengelernt. Vielleicht wollte sie nicht zeigen, was für ein Leben sie heute führte, dass sie alles hinter sich gelassen hatte und nach vorn schaute.
Je länger er darüber nachdachte, desto bescheuerter erschien ihm die Idee mit der Nachricht. Sie würde sie lesen, und dann? Selbst wenn sie sich bei ihm melden würde, wäre es nie mehr so wie früher. Nicht, nachdem er sie fast fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte. Nicht nach dem, was geschehen war.
»Scheiße«, knurrte er, bevor er sich seine Wagenschlüssel griff.
Aus Sams Fenstern zur Straße hin strömte goldenes Licht. Eric schlich sich leise zu ihrem Briefkasten, öffnete ihn und tastete im Dunklen mit der Hand darin herum. Dann suchte er wieder und wieder im Lampenlicht seines Handys den Boden ab.
Der Zettel war verschwunden.
So sehr Sam es auch versuchte, konnte sie nicht aufhören, daran zu denken. Es geschah am selben Tag, an dem ein schwerer Maisturm mehrere Tornados durch Blanchard jagte.
Arrow hatte schon wieder Sams Nine Inch Nails-CD geklaut und sie stampfte hinüber in sein Zimmer und ging, ohne anzuklopfen, hinein, um sie sich wiederzuholen. Arrow versuchte nicht, sich zu bedecken – er stand nackt da, die Unterwäsche in der Hand, wobei die Bräune seines Oberkörpers und der Arme verglichen mit den kreideweißen Beinen und der nackten Mitte fast cartoonartig wirkten. Er starrte sie an, das Gesicht eigenartig heiter, sein Haar vom Schlafen zerzaust, und Sam konnte sich nicht motivieren, sein Zimmer zu verlassen. Ihr Körper versteifte sich, kribbelte, und jede Sonntagspredigt, zu der ihre Mutter sie je geschleppt hatte, gab ihr eine dicke, fette Ohrfeige.
Sie konnte den ganzen Tag an nichts anderes denken, als den Bereich unterhalb von Arrows Taille, und sie wusste, dass er es wusste, als sie beide von der Schule nach Hause fuhren und dabei Blickkontakt vermieden.
Der Regen peitschte auf den Wagen und der Himmel hatte einen unheilvollen Grünstich. Dann wurde der Regen zu einer geschlossenen Wand, durch die Sam nicht fahren konnte, also fuhr sie rechts ran und hielt, um zu warten, bis es vorbei war.
Sie blickte zu Arrow hinüber, der vor dem Beifahrerfenster zurückgewichen war, als würde ihn das vor dem Sturm schützen. Sein Mund war verkniffen vor Angst. Es war seltsam. Wenn sie Menschen sah, die sich wegen etwas Sorgen machten, beruhigte sie das automatisch.
»Warst du schon mal in einem Tornado?«, fragte sie und versuchte, sich von den Gedanken an den Morgen abzulenken. »Magst du deshalb keine Stürme?«
Sie hatte schon zwei Tornados miterlebt, doch die Farm hatte nur einen kleinen Schaden erlitten. Arrow starrte auf das Radio, seine Knie wippelten und stießen fast an das Armaturenbrett.
»Nein, keinen Tornado«, sagte er.
»Aber, du magst keine Stürme?«
»Wer tut das schon?«
Sam kannte eine Reihe verrückter Leute, die aus Spaß Tornados nachjagten, was sie nicht nachvollziehen konnte.
»Manche Menschen mögen sie. Grandma Haylin sagt, Stürme fegen die negative Energie weg.«
Arrows Augen weiteten sich, als hätte sie magische Worte gesprochen. »Das hat meine Mom auch immer gesagt.«
Arrow hatte seine Mutter noch nie zuvor erwähnt und Sam hatte das Thema immer vermieden. Sie wusste nur, dass sie an Krebs gestorben war, als Arrow dreizehn war.
»Vermisst du sie?«
Arrow sah sie an, als hätte sie die blödeste Frage der Welt gestellt.
»Ich meine«, fügte sie eilig hinzu, »wie ist es ohne sie?«
Sam konnte sich nicht vorstellen, keine Mom und keine Grandma Haylin zu haben. Sie hatte nie daran gedacht, dass sie sterben könnten, noch nicht mal nach Grandmas Schlaganfall.
»Wie ist es ohne deinen Dad?«
Sam starrte auf den Regen, der langsam nachließ.
»Es ist anders als bei deiner Mom. Er ist nicht tot. Zumindest glaube ich das nicht.«
»Aber, ist das nicht schlimmer?«, fragte er. »Es nicht zu wissen?«
Sie wusste nicht, wie er es geschafft hatte, ihr die Frage zurückzuspielen. Ihr Frust machte sich Luft, bevor sie ihn unterdrücken konnte.
»Schlimmer ist es, wenn Fremde in dein Haus einziehen und niemand einen fragt, ob das okay ist.«
Arrow kaute an seiner Unterlippe, und Sams Ärger verpuffte so schnell, wie er gekommen war.
»Mich hat auch niemand gefragt.«
Das erste Mal, seit sie an diesem Morgen in sein Zimmer marschiert war, als er sich gerade angezogen hatte, schaute sie ihm in die Augen. Er fühlte sich tatsächlich genau wie sie. Gefangen in den Entscheidungen anderer Menschen und ohne eine eigene Stimme.
Sie streckte die Hand aus und nahm seine, die warm war und nicht, wie erwartet, feucht vor Nervosität. Die Berührung setzte ihn in Gang. Ein kleines Lächeln umspielte die Winkel seiner vollen Lippen und er erwiderte ihren Händedruck.
»Lass uns nach Hause fahren, bevor unsere Eltern die Krise kriegen.«
Arrow nickte, doch er ließ nur zögernd ihre Hand los.
Der Sturm zog an jenem Abend weiter über die Farm und die Fenster klapperten bei jeder Windböe. Sam hörte das Klopfen an ihrer Tür. Sie rollte sich auf ihrem Bett herum, drehte schnell die Lautstärke der Stereoanlage herunter und wappnete sich für einen Anschiss von ihrer Mutter, dass sie zu laut The Smiths gehört hatte. Ihre Mom hasste alles außer Glen Campbell und Rich Mullins, doch sie beschwerte sich nicht, solange sie es nicht hören musste.
Arrow blieb einen Moment im Türrahmen stehen und der Schatten seiner hochgewachsenen Gestalt ergoss sich über den Boden, bevor er die Tür hinter sich schloss. Als er den Riegel vorlegte, saß Sam sofort senkrecht im Bett, war angespannt und lachte so falsch und hoch wie die Neuntklässlerinnen an ihrer Schule.
»Dein Daddy bringt dich um, wenn er dich wieder hier drinnen erwischt.«
Isaac gefiel es aus irgendeinem Grund nicht, wenn Sam oder Arrow sich im Zimmer des jeweils anderen aufhielten. Er kam Arrow ständig wegen irgendetwas hinterher und manchmal flammte dabei ein Zorn auf, von dem sie hoffte, dass er nie gegen sie gerichtet sein würde.
Arrow lehnte sich mit verschränkten Armen an die Tür. »Er ist in die Stadt gegangen. Sagte, er bräuchte einen Drink, nachdem er deine bescheuerte Ziege heute im Regen gesucht hat. Maddie hat sich wieder verlaufen.«
Maddie war ihre Lieblingsziege auf der Farm und sie war eine richtige Diva. Sam hatte der Mutterziege geholfen, als Maddie bei der Geburt feststeckte, und sie dann aufgezogen. Maddie war das einzige Tier, dem sie keinen Namen eines griechischen Gottes oder einer Göttin gegeben hatte. Sie benannte sie nach ihrer besten Freundin auf der Grundschule, der Freundin, die vor der Junior High nach Colorado gezogen war und versprochen hatte, Sam jeden Sommer zu besuchen. Was sie nie tat.
Bei dem Gedanken, dass Maddie Isaac Ärger bereitet hatte, musste Sam grinsen.
»Als würde dein Dad eine Ausrede brauchen, um in eine Bar zu gehen.« Sam hörte, wie sie Isaacs und Arrows gedehnte Sprechweise imitierte und zuckte zusammen. »Du solltest rausgehen, echt jetzt.«
Ihr fiel wieder ein, wie Arrow die Tür verschlossen hatte, mit dem Riegel, den sie montiert hatte, nachdem Isaac und Arrow eingezogen waren, und sie dachte unwillkürlich an das Gespräch mit Chrissy letztens zurück.
Sam hatte Chrissy davon erzählt, dass Arrow oft in ihr Zimmer kam und sie über Bücher und Musik redeten, sogar über ihre Sammlung griechischer Mythologien, und dass es ihr nicht mehr so viel ausmachte, dass er da war. Sie erzählte ihrer besten Freundin nicht, dass Arrow ihr wirklich zuhörte und ihren Worten tatsächlich Bedeutung beimaß, ganz anders als viele ihrer guten Freundinnen, die im Grunde über nichts anderes redeten als darüber, welche die heißesten Jungs der Schule wären. Chrissy hatte diesen besorgten Blick bekommen, als Sam von Arrow erzählte, und sagte Sam, sie solle sich in Acht nehmen.
Chrissy hatte gehört, dass Arrow in Jugendhaft gewesen sei, nachdem er ein Mädchen drüben in Anadarko, zwei Countys weiter, vergewaltigt hätte.
Sam hatte dasselbe Geflüster über Isaac gehört und fragte sich, wie viel ihre Mutter wusste. Sam hatte häufig im Bett gelegen und sich hundert Arten ausgedacht, wie sie ihrer Mom eröffnen könnte, dass Isaac ein Vergewaltiger sei. Doch diese Gedanken verebbten, je besser sie ihn kennenlernte und sah, wie hart er arbeitete, um für die Familie zu sorgen. Er wirkte nicht wie jemand, der ein Mädchen vergewaltigte. Sam stellte sich Vergewaltiger immer als gruselige, hässliche Männer vor, die bei ihrer Mutter im Keller wohnten. Isaac war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Er müsste keine Frau vergewaltigen, wenn ungefähr die Hälfte der Frauen in der Stadt bereitwillig Sex mit ihm haben würde.
Arrow und Isaac waren neu in Blanchard und die Leute in der Stadt waren allem Neuen gegenüber misstrauisch. Sam hatte Chrissy erklärt, es sei ein bescheuertes Gerücht, und wegen Vergewaltigung käme man ins richtige Gefängnis, nicht in den Jugendknast. Doch selbst, als sie das Chrissy gegenüber aussprach, war ihr klar, dass in Gerüchten meist ein Körnchen Wahrheit steckte. Sie glaubte diese Geschichte dennoch nicht. Nicht so richtig.
Sam schob ihre Gedanken beiseite, als Arrow sich dem Bett näherte.
»Weißt du«, sagte er, »du solltest echt anklopfen, bevor du die Zimmer von anderen Leuten betrittst.«
Bei dem Gedanken daran, ihn nackt gesehen zu haben, wurde Sam sofort knallrot. Und als Arrow nun so dicht vor ihrem Bett stand, flatterte ihr Magen nur noch mehr. Sie raffte ihr Haar im Nacken zusammen und zog fest an der dichten Mähne, bis der Schmerz ihre Nerven beruhigte. Arrow beäugte ihr weißes Tanktop und führte ihr sehr deutlich vor Augen, dass sie keinen BH trug. Ihre Brüste, die durch ihre Periode bereits empfindlich waren, schienen noch sensibler zu werden, je näher er ihr kam.
»Du gehst besser, Eric Duane.«
Arrow grinste und sagte mit verengten Augen: »Zwing mich doch, Samantha Grace.«
»Gut. Dann lernst du es eben auf die harte Tour.«
Sie schmiss die Bettdecke zur Seite und warf sich auf Arrows Beine, als würde sie ein Kalb einfangen. Nur hatte sie vergessen, dass Arrow unten auf der Stewart-Farm tatsächlich nur so aus Spaß Kälber eingefangen hatte, und innerhalb von Sekunden hatte er ihr rechtes Hand- und Fußgelenk in einem Zangengriff und drückte sie gegen ihren Rücken.
Bei dem Gefühl seines Gewichts auf ihr und der Unfähigkeit, sich zu bewegen, regte sich eine stechende Hitze zwischen ihren Beinen.
»Du bist so langsam wie euer blöder, alter Hund«, sagte er und drückte ihren Bauch auf den Dielenboden, als sie versuchte, sich aufzubäumen. Er saß auf ihrem Rücken und wippte so sehr auf ihrem Hand- und Fußgelenk, dass sie vor Schmerz fast aufgeschrien hätte, während die Hitze zwischen ihren Beinen wuchs und pulsierte.
Sam drückte sich so fest sie konnte hoch, doch Arrow gab nicht nach. »Lass mich los, du sadistisches Arschloch!«
Arrow lachte und seine Stimme wurde so tief wie die von Isaac. »Du weißt ja noch nicht mal, was sadistisch überhaupt heißt.«
»Du doch auch nicht!«
Als sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, wippte er etwas stärker auf ihrem Rücken.
»Eric Walker, ich schwöre dir, ich werde dich kastrieren, dir mit einem rostigen Nagel ganz langsam die Eier abschneiden!«
»Ich glaube nicht, dass Pastor Doss dein schmutziges Mundwerk gefallen würde. Scheiße – genau genommen gefiele es ihm vermutlich.« Er drückte sie noch stärker zu Boden und sie dachte, dass eines oder ihre beiden Gelenke gleich brechen würden. »Aber deiner Mutter gefiele es sicherlich nicht.«
»Meine Mutter ist zumindest am Leben und es kümmert sie, was ich sage, du Weichei-Angst-vor-Donner-Baby!«
Arrow ließ sie los und stand so schnell auf, als hätte sie Eiswasser über ihn gekippt.
Auch Sam stand auf, rieb sich das Handgelenk und hatte Angst, ihn anzusehen. Das machte sie ständig, sagte dauernd die falschen Sachen zu den falschen Leuten. Sie wollte sein Gesicht nicht sehen, wollte den verletzten Ausdruck in seinen Augen nicht sehen, doch spürte sie, wie sein Schmerz sie berührte.
»Arrow, ich – ich wollte nicht …«
Sie konnte nicht sagen, ob es sein Atem war oder ihrer, alles, was sie hörte, war ein lautes Ein- und Ausatmen, während Arrow sie anstarrte und die Hitze in ihrer Mitte immer noch begierig pulsierte. Morrisseys wehleidiger Gesang, Please, Please, Please, Let Me Get What I Want schnurrte aus der Stereoanlage, und wenn ihr Herz nicht gerade gedroht hätte durch ihre Rippen zu brechen, hätte Sam gelacht.
»Du hattest recht … was meine Mom anging«, sagte er so leise, dass sie ihn kaum hörte. »Es ist anders als bei deinem Dad. Es ist anders, jemanden sterben zu sehen.«
Sam wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Sie wünschte, das Kitzeln in ihrem Körper würde verschwinden. Es passte zu wenig zu Arrows Worten.
»Ich hasse es hier«, sagte er und schwieg kurz, um sie anzusehen. »Ich hasse es, die ganze Zeit ein Fremder zu sein.«
Sam fiel wieder ein, was sie zuvor im Wagen zu ihm gesagt hatte.
»Für mich bist du kein Fremder.« Sie wollte noch mehr sagen. Sie wollte ihm sagen, dass alles in Ordnung käme, dass er an der Schule weitere Freunde finden würde und die Gerüchte irgendwann verebbten, wie sie es immer taten.
Seine Augen waren gerötet, als würde er anfangen zu weinen. Sie konnte nicht gut damit umgehen, jemanden weinen zu sehen, also griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest.
»Es tut mir leid, dass du deine Mom verloren hast«, sagte sie.
Er nahm ihre andere Hand. »Und mir tut es leid, dass du deinen Dad verloren hast.«
Sie wusste nicht, ob sie ihn dichter zu sich herangezogen hatte oder ob er sie umarmt hatte, doch ihre Arme umschlangen ihn, ihr Gesicht drückte sich an seines und seine Hand berührte zaghaft ihre Schulterblätter. Die Umarmung schien ewig zu dauern, seine Arme umschlossen sie fester und er zog sie dichter an sich. Als er die Hand hob und ihr Haar berührte und dann ihre Wange, rauschte das Blut in ihren Ohren. Es war wie ein Tagtraum. Vielleicht war es ein Traum, weil es sich nicht echt anfühlte.
Er drehte den Kopf und ihre Lippen berührten sich, zunächst nur leicht, dann härter. Sie würde ihm nie erzählen, dass es ihr erster richtiger Kuss war, und sie merkte, dass es bei ihm anders war.
Das alles war so falsch, das wusste sie. Sie sollte ihn nicht küssen und wusste nicht, wie sie es stoppen sollte.
Sie wollte es nicht stoppen.
Sie küssten sich weiter und Sam tat es Arrow gleich, als er seine Zunge gegen ihre schob. Sie konnte nicht sagen, wie lange sie dort aneinandergepresst standen oder welches Lied gerade lief. Sie wollte nur noch näher bei ihm sein und spüren, wie das Kribbeln explodierend durch ihren Körper schoss. Sie stellte sich seine Hände an ihrem Hals vor und das Pulsieren in ihr wurde schneller.
Ein Teil von ihr fürchtete sich vor dem, was als Nächstes kommen konnte, die Sachen, von denen ihre Freundinnen erzählt hatten, während sie kichernd wissende Blicke tauschten, doch Sam konnte sich nie vorstellen, dass sie das einmal erleben sollte.
Arrows Hand wanderte nach unten, glitt hinten in ihre Pyjamashorts und sie konnte nur noch daran denken, wo seine Finger sie berühren sollten, so nah an ihrer Leistengegend, die sich verkrampfte, der Schmerz zwischen ihren Beinen war fast nicht auszuhalten, aber, nein, das war es nicht, ihre Periode, das Bändchen – ihr blöder Tampon. Sie bekam einen heißen Kopf und wollte seine Hand wegschlagen, doch war wie erstarrt.
»Eric«, keuchte sie, »Stopp.«
Eric hielt inne und wurde ganz still, bevor er flüsterte: »Bitte, erzähl’s nicht.« Dann ging er zur Tür, schob den Riegel zurück und verließ ihr Zimmer, jedoch nicht bevor er zu ihr zurückgeschaut hatte, in seinem Blick dieselbe erwartungsvolle Spannung, die Sam in ihrer flirrenden Brust spürte.
Sam wartete, bis die neue Kassiererin, die sie ausbildete, ihre Kasse abgeglichen hatte, bevor sie zurück in ihr Büro ging, die Tür schloss und den zerknitterten Rechnungszettel aus ihrem Portemonnaie nahm. Egal wie oft sie Erics Nachricht las, raubte es ihr jedes Mal den Atem.
Tut mir leid, dass ich bisher nicht bereit war, mit dir zu reden, aber ich würde dich gern sehen. Bitte ruf mich an – Eric.
Als sie ihn am Tag zuvor gesehen hatte, war es, als würde ein Geist in ihre Richtung schweben. Er starrte das dunkelhaarige kleine Mädchen an, das mit seinem Vater in der Schlange anstand. Erics Gesichtsausdruck war so zärtlich und gleichzeitig traurig gewesen, dass Sam beinahe über die Kassentheke gesprungen wäre, um ihn zu umarmen, doch das war die Sechzehnjährige in ihr. Die Einunddreißigjährige befahl ihr, aufzuhören in seine Richtung zu gucken, weil er sie sonst unausweichlich bemerken würde. Aber, meine Güte, er sah genauso aus wie früher. Alles Jungenhafte an ihm war wegrasiert worden, was die markanten Züge seines gebräunten Gesichts unterstrich. Die honigfarbenen Wellen, durch die ihre Finger früher gestrichen waren, waren kürzer geschnitten, doch er war derselbe Eric – größer, muskulöser, aber doch derselbe. Sie hatte sich dazu gezwungen, einer der Kassiererinnen zu helfen, und spürte es, als Erics kaffeebraune Augen sie entdeckten. Ihre Nervosität hatte ihre Haut rötlich marmoriert, und ihr stand der Schweiß auf der Stirn, aber sie arbeitete weiter, als wäre er tatsächlich ein Geist.
Als sie Eric aus der Bank rennen sah, verlangsamte sich ihr Herzschlag etwas, doch er raste wieder los, als sie ihn später im Rückspiegel beobachtete, wie er ihr nach Hause folgte. Sie konnte nicht glauben, was er da tat, und dachte daran, ihn zur Rede zu stellen, nachdem sie ihren Wagen geparkt hatte, wusste jedoch überhaupt nicht, was sie ihm sagen sollte. Sie hätte ihn fragen können, warum er vor fünfzehn Jahren verschwunden war, warum er nie versucht hatte, sie zu kontaktieren, doch sie wusste, dass keine seiner möglichen Antworten reichen würde.
Sowie sie ihr Haus betreten hatte, kläffte Zeus zu ihren Füßen, ihr kleiner, weißer Bichon Frisé. Dann stand er wachsam da und knurrte, und sie öffnete ihre Jalousien weit genug, um zu sehen, wie Eric ihr einen Zettel in den Briefkasten steckte und wieder zu seinem Pick-up zurückhastete, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. Sie wusste, dass er sich davor fürchtete, mit ihr zu reden.
Als er gefahren war, ging sie hinaus und holte den Zettel. Nachdem sie die Nachricht gelesen hatte, warf sie sie weg. Eine Minute später holte sie sie aus dem Müll, drückte sie ans Herz und schaffte es nicht, ihre Tränen zurückzuhalten.
Und hier stand sie also am nächsten Tag, las andauernd aufs Neue die Nachricht durch, konnte seine Nummer bereits auswendig, aber brachte es nicht über sich, ihn anzurufen. Es würde nichts bringen, außer alte Erinnerungen auszugraben. Traurige Erinnerungen – zu viele für einen einzelnen Menschen. Doch es regten sich auch gute Erinnerungen in ihr – wie sie in den Sommernächten aus dem Haus geschlichen waren, frisches Heu kühl auf ihrer Haut, Gespräche, bis die aufgehende Sonne die umliegenden Felder in orangefarbenes Licht tauchte.
Sam fuhr mit dem Finger über die weiße Narbe auf ihrem rechten Handballen, die ihre Schicksalslinie durchtrennte. Sie dachte an Erics linkes Bein und die lange Narbe, die seine Wade verunstaltete.
Sie nahm ihr Handy heraus und tippte Erics Nummer ein. Ihr Finger schwebte über der Anruf-Taste. Dann vibrierte das Handy in ihrer Hand und sie warf es vor Schreck beinahe weg. Als sie sah, wer sie anrief, unterdrückte sie einen Seufzer. »Hey, Mama. Ich bin bei der Arbeit.«
»Ich weiß. Ich wollte nur sichergehen, dass du von den Stürmen weißt, die heute Nacht aufziehen.«
Sam hielt einen weiteren Seufzer zurück. »Sie kommen nirgendwo in die Nähe von Oklahoma City.«
»Aber du weißt, wie Stürme die Richtung wechseln können, und wo du doch in dem winzigen Haus ohne Schutzraum lebst, dachte ich, es sei das Beste für dich, wenn du hierherkommst, wo du in Sicherheit bist.«
Sam gab auf und seufzte.
»Mama, ich fahre nicht raus nach Blanchard, nur weil es vielleicht einen Sturm gibt, der sich bereits nordöstlich von hier befindet.«
Sie ließ außer Acht, dass sich der Sturm-Schutzraum ihrer Mutter in einem Apartmentkomplex für betreutes Wohnen befand, in dem sie inzwischen lebte. Ihrer Großfamilie in Texas erzählte ihre Mutter, dass es eine Eigentumswohnung sei, wobei es sich anhörte wie eine Luxussuite, und Sam korrigierte sie nie.
Sie warf einen Blick hinunter auf den Zettel in ihrer Hand und beschloss, das Thema zu wechseln. »Eric Walker lebt in der Stadt. Er möchte sich mit mir treffen.«
Sam hörte ihre Mutter selten fluchen, außer wenn ihre Lupus-Erkrankung ihr starke Schmerzen in den Gelenken verursachte, doch jetzt vernahm sie ein geflüstertes »gottverdammter Trottel«.
»Was war das, Mama?«
»Du hast mich gehört, Mädel. Was, um alles in der Welt, will er?«
Sam hatte eine Ahnung, was er wollte – Vergebung. Und sie war sich nicht sicher, ob sie ihm verzeihen konnte.
»Ich glaube, er will nur reden.«
»Du weißt verdammt gut, dass das nicht alles ist. Meiner Meinung nach solltest du keine schlafenden Hunde wecken, wenn du weißt, was das Beste für dich ist.«
Sam wusste, dass die Unterhaltung mit ihrer Mutter wie immer nirgendwohin führte. Sie könnte ihrer Mutter niemals alles darüber erzählen, was vor so vielen Jahren passiert war.
»Vermutlich hast du recht.«
»Du weißt, dass ich das habe, Sammy. Er hat eine dunkle Seite in sich, genau wie sein Vater. Du weißt, dass das so ist.«
Sam wusste es, und auch, dass sie selbst eine besaß. Vielleicht eine noch dunklere.
Sie beendete das Telefonat und starrte auf den Rechnungszettel mit Erics ordentlicher Handschrift. Sam selbst hatte schon seit jeher eine schreckliche Klaue, was Eric ihr oft unter die Nase gerieben hatte.
Sie hatte Eric nie vergessen. Ihre Gedanken wurden fast täglich von Erinnerungen an ihn unterbrochen. Sie konnte ihn nicht vergessen, doch er hatte sie vergessen, hatte sie nach der schlimmsten Zeit ihres Lebens verlassen. Den Teil könnte sie ihm niemals verzeihen.
Sie fütterte den Aktenvernichter unter ihrem Schreibtisch mit Erics Nachricht und sah das Konfetti gleichermaßen mit Erleichterung und Bedauern auf der anderen Seite herauskommen.
»Entschuldigung, Sam? Da ist jemand für Sie.«
Sam sah von dem Aktenvernichter unter ihrem Schreibtisch auf. Ihre neueste Kassiererin stand im Türrahmen zu ihrem Büro, neben ihr ein untersetzter Mann mit einem Senatoren-Haarschnitt – kurz geschnitten und mit Pomade angeklebt. Er betrat bereits das Büro und blockierte den verwirrten Blick der Kassiererin.
»Sind Sie Samantha Mayfair?«
»Ja.«
»Ich bin Detective Chad Eastman«, sagte er und hielt mit einer Hand seine Dienstmarke hoch, während er ihr die andere zum Schütteln anbot. Seine Handfläche war warm und trocken.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Detective?«
Detective Eastman schloss Sams Tür und setzte sich auf den Besucherstuhl.
»Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen zu Ihrem Stiefvater, Isaac Walker, stellen.«
Sam setzte sich, zu schnell, und der Rand ihres Blickfeldes wurde schwarz. Isaac. Beim Klang seines Namens, nach so vielen Jahren, verkrampfte sich ihr Magen und ihr Mittagessen schob sich wieder hoch.
Detective Eastman lehnte sich auf dem Stuhl zurück, locker und selbstsicher, als wäre er bei sich zu Hause. Wie Isaac. Er war ihr direkt unsympathisch.
»Außerdem habe ich ein paar Fragen zu Ihrem Stiefbruder, Eric Walker.«
»Eric? Warum? Ist mit ihm alles okay?«
Der Gesichtsausdruck des Detectives veränderte sich von geschäftsmäßig zu intensiver Wachsamkeit, wie eine Katze kurz vor dem Sprung. »Wir haben keinen Grund zur Annahme, dass es anders wäre. Wir versuchen, ihn zu erreichen, um ihn zu befragen.«
Sam unterdrückte einen Schrei vor Erleichterung, die sofort in Verwirrung umschlug. »Befragung, weswegen?«
Detective Eastman beugte sich vor und sah sie mit stechenden blauen Augen an.
»Nun, Sie wissen ja, dass bei uns gerade eine ziemliche Dürre herrscht, besonders unten im Süden.«
Sam konnte sich an keine Zeit erinnern, in der bei ihnen keine Dürre herrschte.
»Ja, natürlich.«
»Ein paar Männer waren draußen in Blanchard zum Angeln, an einem See in der Nähe der Morgan Road. Sie haben einen Außenspiegel bemerkt, der aus dem Wasser guckte. Wie sich herausstellte, war es ein weißer Chevy Pick-up, also haben sie die örtliche Polizei informiert.«
Sam schluckte. Die Fragen, die ihr auf der Zunge lagen, lösten sich im Nichts auf. Ihr Hals war trocken und kratzig.
»Der Pick-up ist auf Ihren Stiefvater zugelassen. Wir haben keine Leiche gefunden. Zumindest noch nicht.«
Der Detective lächelte sie an und Sam konnte nicht sagen, ob er versuchte, beruhigend oder bedrohlich zu wirken.
»Miss Mayfair, wann haben Sie Isaac Walker das letzte Mal gesehen?«
Fast eine Woche war vergangen seit der Nacht, in der Sam und Arrow sich geküsst hatten, während Tornados durch das benachbarte County fetzten und eine Kirche und vier Häuser plattmachten. Es war, als hätte der Sturm auch Sams Konzentrationsfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen, und sie war froh, dass die Sommerferien kurz bevorstanden. Sie konnte nur noch an Arrow denken und sie hasste sich dafür, wie falsch das ihres Wissens nach war.
Sie wusste nicht, ob Arrow sich schuldig fühlte, doch irgendetwas in ihm hatte sich in dieser Woche verändert. Nachdem er sie geküsst hatte, sah er sie kaum noch an. Zuerst dachte sie, er hätte nur Angst davor, dass ihre Eltern oder Grandma Haylin es herausfinden könnten, aber ganz sicher war sie nicht.
Sie musste ihn sich allein vorknöpfen, um zu erfahren, was los war, also wartete sie und hielt nach ihm Ausschau.
