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… "Und was weißt du noch von mir?",fragte er beschämt, ohne sie anzusehen. Das Mädchen legte einen netteren Ton in die Stimme: "Du bist warm, und stark, aber du bist allein. Du wünschst dir Freunde, doch du findest keine." Das Getreide im Feld wog sehr schwach hin und her. Der Südwind merkte, wie seine Kräfte endgültig schwanden. Das Mädchen hatte ihm Angst gemacht, ihn erkannt, und obendrauf seinen geheimsten Wunsch erraten. Maria verwirrte ihn noch mehr, sie äußerte eine seltsame Bitte ... Gibt es die Welt jenseits der bisher bekannten wirklich nur auf anderen Himmelskörpern, oder in anderen Jahrhunderten? Kann man sie gleich um die Ecke, hier und jetzt, bei sich zu Hause finden? Auf der Suche nach der echten Freundschaft trifft die zehnjährige Maria bald auch ein Liebespaar, die Friseuse Lydia und den Dieb Max. Ausgerechnet in den beiden Erwachsenen hofft Maria, das Besondere zu finden. Aber werden sie dem Mädchen und seiner Geschichte glauben? Werden sie das niemals Erwartete in ihrem eigenen Leben erwachen lassen? Die Freunde werden ehrlich zueinander sein müssen, so ehrlich wie noch nie, nur dann werden sie zusammenhalten können und die Angst vor dem großen Unglück überwinden.... Lydias mulmige Gefühle vervielfachten sich mit einem Schlag und wuchsen zu einem mittelgroßen Ungeheuer heran. Max blieb gelassen, er zweifelte nach wie vor stark. "Was?",rief Lydia aus und krampfte ihre Hände ans Lenkrad. Max drehte seinen ganzen Körper im Beifahrersitz um, er wollte das Mädchen auf der Rückbank sehen, wenn er mit ihm sprach. Der bislang anstandslos ruhig gebliebene Spatz pfiff laut. "Keiner von uns!",ergänzte Maria, um den Schrecken zu beschwichtigen. "Wer dann? Und wieso? Was weißt du genau?" ...
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Der Südwind
Johannes Prestele
Start
Herbstbeginn
September
Oktober
November
Dezember
Jänner
Februar
März
Impressum neobooks
Im Süden der Stadt verschwanden die weiter entfernten Berge in dicken Wolken.
Ein ausgewachsener Sturm tobte dort.
Knapp unter einem Gipfel drückten heftige Windböen gegen die Steinmauern einer Berghütte.
Der Hüttenwirt betrachtete durch ein kleines Fenster den aufgewirbelten Regen.
Unter die fetten Tropfen mischten sich immer mehr Schneeflocken.
Plötzlich erschrak der Wirt. Auf dem Weg vom südlichen Tal herauf stapfte ein Bergsteiger nach oben.
Der Sturm wütete nach wie vor. Den Bergsteiger schien das Wetter wenig zu beeindrucken, er ging sicher und wankte nicht. Schnell erreichte er den Platz vor der Hütte.
Der Wirt erwartete den Schwall Eiseskälte, der sich gleich herein und weiter über die Treppe ins Obergeschoss bis unter das Dach ergießen würde, wenn die Eingangstüre sich öffnete, doch - es geschah nicht.
Der Wirt guckte aus einem anderen Fenster.
Der Bergsteiger war einfach vorbei gewandert, er folgte dem Weg auf der Nordseite abwärts.
Das konnte nicht wahr sein!
Der Wirt lief zur Eingangstür. Um sie aufzustemmen, brauchte er seine ganze Kraft, wie das gierige Maul eines Ungeheuers fauchte der Sturm in die Hütte.
Tausende kleine Eiskörnchen stachen wie Nadeln ins Gesicht des Wirts, er schrie:
“He, komm’ zurück! Das überlebst du heute nicht!”
Den Bergsteiger schien die Gischt aus Regentropfen, Schneeflocken und Graupeln zu verschlingen.
Es war eindeutig zu viel Wasser und Eis, alles quoll in den Augen über, der Hüttenwirt zumindest konnte rein gar nichts mehr sehen.
Der Sturm knallte die Tür zu.
Der Wirt fiel rückwärts und schlug auf dem Boden auf.
Keuchend blieb er eine Weile liegen.
Er hatte Mühe beim Aufstehen, er war auf sein Kreuz gefallen, es schmerzte.
Er ging in die Küche und kochte sich eine heiße Schokolade.
Der Wirt beschloss, niemandem etwas zu erzählen.
Je länger er darüber nachdachte, desto unglaublicher erschien ihm, was da gerade passiert war.
Die Köpfe der Menschen
Der Südwind wehte von den Bergen herunter. Er bescherte der Stadt saubere und überraschend warme Luft.
Die Menschen konnten die Sommerkleider noch einmal anziehen. Wer Zeit hatte, unternahm etwas im Freien.
Nach einem feinen Spaziergang etwa bot sich auch eine Rast in den Gastgärten der Cafés an.
An den Tischen erzählte man sich häufig, wie es denn so war im letzten Frühling.
Essen und Trinken gelang nicht ganz so einfach, der Südwind blies kräftig. Man musste zufrieden sein, wenn er nur die Servietten über die Tische wirbelte.
Auch die Gesichter der Liebenden streichelte er selten zärtlich. Eher fegte er wie ein kleines Biest durch die Straßen, um Häuser und Bäume herum, hinein in alle Gärten und Parkanlagen und - womöglich in die Köpfe mancher Menschen hinein.
Die erwischten Menschen fielen natürlich nicht sofort um und konnten leidlich gerade gehen, aber – irgendwie wehrten sie sich nicht dagegen, dass ihre Gedanken plötzlich wuselten.
Einige Leute wurden wirr, andere böse, die nächsten wiederum bildeten sich Krankheiten ein. Viele wollten am liebsten den ganzen Tag verschlafen und ihre Ruhe haben.
Das eine oder andere Mal jedoch geschah es auch, dass Menschen „auf den richtigen Weg“ verblasen wurden. Die taten dann endlich das, was sie schon immer tun wollten.
Und sagten, was sie seit Langem zu sagen gedachten.
Oder sie bekamen eine Chance für ein neues Glück.
Das Mädchen auf der Wiese
Am Beginn des hohen Bergstockes im Norden der Stadt waren Häuser gebaut worden, wie ein Saum schmiegten sie sich an die Hänge.
Hinter den Häusern lagen in einem weiteren Streifen etliche Wiesen und Getreideäcker, danach erstreckte sich der große Bergwald weit hinauf, ganz oben wurde dieser wieder von Wiesen abgelöst, die ihrerseits unter felsigen Gipfeln endeten. Diese ganze Nordseite von und über der Stadt wurde von der Sonne verwöhnt.
Oberhalb eines Getreidefeldes, in einer Wiese mit kurzem Gras, saß ein Kind.
Es war gerade mal zehn Jahre alt, hatte blonde, schulterlange Haare und sein Gesicht behielt die Sommersprossen jedes Jahr bis spät in den Januar.
Auch Maria, so hieß das Mädchen, trug nun Ende September noch einmal Sommerkleider unter dem wolkenlosen Himmel. Nichts Schöneres konnte Maria sich heute vorstellen, als einfach nur in der Wiese zu sitzen.
Sie hatte eine umgeknickte Ähre vom Feld unter ihr mitgenommen und spielte nun damit.
Seit dem Morgen wehte der Südwind, auch hier in den Wiesen und Feldern. Er trieb die goldenen Ähren und Halme des Getreides in Wellen vor sich her.
Er zeichnete großartige Muster im Feld, welche ganz schnell wechselten und wunderschön anzusehen waren. Maria merkte von all dem nichts, sie löste die Körner aus ihrer Ähre und streute sie von sich weg.
Nachdem kein Korn mehr übrig war, warf sie den Halm fort, zog ihre Knie an sich und fasste mit den Armen herum. Sie blickte hinüber zu einem großen Berg, der sich auf der anderen Talseite erhob.
Die Leute in der Stadt waren auf den Südwind aufmerksam geworden, sie sprachen über ihn.
Sie frohlockten und schimpften in einem Atemzug wegen ihm.
Nichts dergleichen kam Maria in den Sinn, sie war in ihren Gedanken versunken.
Trotz ihrer wehenden Haare schien sie so zu tun, als wäre er nicht da. Der Südwind verstand es nicht. Warum wurde er ausgerechnet von diesem Mädchen nicht beachtet? Seine schaffenshungrige gute Laune zerfledderte, er fühlte sich gar nicht mehr wohl.
Alle Freude, alle Umtriebigkeit aus und vorbei, wenn er nicht -. Er zögerte lange, wagte den Schritt nicht, der wie ein Sprung in den Abgrund erschien.
Die Neugier siegte in ihm.
Ein alter Mann ging neben dem Getreidefeld über die Wiese und kam näher.
Er blieb bei Maria stehen und ließ sich und seine alten Knochen mühsam auf das Gras herab.
Nur halbwegs bequem sitzend, schwieg er, und blickte in die gleiche Richtung wie das Mädchen, zu den gegenüber liegenden Bergen.
Maria zeigte nach wie vor keine Regung.
Der Südwind wurde nun von seiner alten Angst komplett überfallen. Es waren mehr als tausend Jahre vergangen, seit er das letzte Mal versucht hatte, mit den Menschen darüber zu reden.
Weil er jedoch damals gleich gesagt hatte, wer er sei, waren alle in Furcht und Schrecken vor ihm davon gelaufen.
So hatte sich der Südwind eigentlich geschworen, sich unter den Menschen ausschließlich auf seine ursprüngliche Weise bemerkbar zu machen, und das für immer.
Das Mädchen schaffte es, seine Angst ins Unendliche wachsen zu lassen.
Solange alle Menschen ihn bemerkten, war diese Angst halbwegs zu ertragen, aber wie ihn das Mädchen behandelte, war fürchterlich.
Der Südwind konnte nicht mehr anders, er beendete alle Bewegungen der Luft, rund um das Mädchen und den alten Mann, im Getreidefeld, in der Stadt und im ganzen Tal, mit einem Schlag bewegte sich nichts mehr, auch herumliegende Federn nicht. Es wurde ganz still.
Als die Getreidehalme in vollkommener Ruhe Reih und Glied standen, und als das Summen der Insekten bedenklich laut anschwoll, weil sonst nichts mehr zu hören war, da wandte Maria ihren Kopf zu dem alten Mann.
Sie schaute ihn durchdringend an und sagte streng tadelnd:
“Nicht aufhören!”
Der alte Mann zuckte zusammen.
Die Luft bewegte sich sofort, rauschender als zuvor, und die Halme schaukelten wieder, in wildem Durcheinander, denn wegen dem Mädchen brachte der Südwind keine Ordnung mehr zustande.
“Danke!”,
sagte Maria zu dem alten Mann.
“Woher weißt du, dass ich - , ich meine - weißt du, wer ich bin?”,
fragte der alte Mann, gequält von großer Schüchternheit.
“Manche Sachen weiß ich einfach. Ich weiß nicht, woher und warum. Du bist der Südwind!”,
entgegnete Maria trocken.
Der alte Mann schaute weg und schwieg. Er und Maria betrachteten wieder die Berge.
“Und was weißt du noch von mir?”,
fragte er beschämt, ohne sie anzusehen.
Das Mädchen legte einen netteren Ton in die Stimme:
“Du bist warm, und stark, aber du bist allein. Du wünschst dir Freunde, doch du findest keine.”
Das Getreide im Feld wog sehr schwach hin und her. Der Südwind merkte, wie seine Kräfte endgültig schwanden. Das Mädchen hatte ihm Angst gemacht, ihn erkannt, und obendrauf seinen geheimsten Wunsch erraten.
Maria verwirrte ihn noch mehr, sie äußerte eine seltsame Bitte:
“Kannst du deine Verkleidung weglassen oder eine andere nehmen? Du siehst aus wie mein Großvater und den mag ich nicht. Der ist immer nur böse und meine Oma weint deshalb oft!”
Der alte Mann stand wortlos auf, Maria sah im dabei ins Gesicht, er ihr nicht.
Er wandte sich ab und ging zu dem Weg zurück, dem er vor ein paar Minuten eigentlich folgen wollte. Der Weg mündete in eine der Straßen zur Stadtmitte und verlief hinter dem Getreidefeld abwärts.
So schien es, als würde der Mann in dem Meer aus Ähren und Halmen versinken.
Auf gleicher Höhe
Bald studierte Maria wieder mit Sorgfalt den größten Berg gegenüber.
Nach einer Weile entdeckte sie am Himmel über einer Felsplatte einen schwarzen Punkt. Der Punkt schwebte über das Tal und näherte sich ihrer Gegend. Er wechselte seine Farbe zu Dunkelbraun, wurde größer, und war nun eindeutig als Vogel zu erkennen.
Je mehr er sich näherte, wurde klar, es musste ein großer Raubvogel sein, der in leichten Bögen auf die Wiese zu segelte. Für die Landung schwang er die gewaltigen Flügel auf und ab, das Sausen der Luft an den Federn hörte sich ungewöhnlich laut an.
Der Adler setzte sanft neben dem Mädchen auf.
Er war enorm groß, sein Kopf befand sich auf gleicher Höhe mit jenem von Maria, die im Gras sitzengeblieben war. Der Vogel machte einige kleine Schritte, ganz nahe zu ihr hin.
Die freudige Überraschung verschlug Maria zuerst die Sprache, sie riss ihre Augen und den Mund weit auf, dann schrie sie fast:
“Superwahnsinn! Du bist ja noch viel größer als der im Zoo!”
Ohne zu zögern streichelte sie dem Raubtier über die feinen Kopffedern. Sie traute sich sogar, seine Füße mit den messerscharfen Krallen zu berühren. Der Adler gab ein gefährlich klingendes Kreischen zum Besten.
Maria ließ sich nicht einschüchtern. Sie mochte Vögel mehr als alles andere auf der Welt. Die Vögel brachten etwas zuwege, was ihr selber niemals gelingen würde: Dorthin fliegen, wohin immer man es sich wünschte, und das ohne einer der Metallbüchsen, in welchen die Menschen eingepfercht über den Himmel brummten.
Der Südwind hatte einen Volltreffer gelandet und sein ganzes Leid wurde von der Freude überwältigt, mit der ihn das Mädchen ansteckte. Kleine Wirbelwinde stoben über das Getreidefeld, sie zwangen die Halme und Ähren unter sich, Kreise zu bilden.
“Kann ich mit dir fliegen?”,
fragte Maria gerade heraus, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Der Südwind verlor das gewonnene Hochgefühl so schnell wie es gekommen war. Diesen Wunsch des Mädchens konnte er nicht erfüllen:
“Es tut mir leid, du bist kein kleines Baby mehr! Einen Adler, der groß genug ist, um dich tragen zu können, gibt es nirgends auf der Welt!”,
“Aber ich bin doch erst zehn!”,
“ - und ein bald erwachsenes Menschenkind!”,
ergänzte der Südwind.
“Sei nicht traurig!”,
flehte er.
Eine Träne kullerte über Marias Wange. Einen Moment lang hoffte sie, ihr größter Traum könnte heute in Erfüllung gehen, und jetzt wurde sie enttäuscht.
Sie riss sich aber gleich wieder zusammen, Maria hatte sich ja selber schon ausgerechnet, dass ihr Plan eher nicht geklappt hätte.
Der Adler lehnte seinen Kopf an ihre Schulter.
Nicht mit allzu viel Hoffnung fragte der Südwind:
“Könnten wir trotzdem Freunde sein?”
Maria wischte sich die Träne aus dem Gesicht und sah tief in die scharfen Adleraugen.
“Na gut,”,
sagte sie schließlich,
“kommst du mich besuchen, wenn du wieder in der Stadt bist?“
“Das mach ich, versprochen!”,
versicherte der Südwind.
Der Vogel tapste von Maria weg und breitete seine Flügel aus. Ihre majestätischen Schläge hoben ihn hoch und trugen ihn fort, auf die andere Seite des Tales.
Als er auch als kleiner Punkt nicht mehr auszumachen war, stand Maria auf und lief nach Hause, den Rand des Getreidefeldes entlang.
In den Abertausenden von Ähren waren bis in den Abend allerlei Formen und Verzierungen, ja gar Bilder zu bewundern.
Regen aus dem Westen
Am nächsten Tag wehte der warme Wind nicht in der Stadt. Ein kalter Regenschauer aus dem Westen zog herein und oben auf den Bergen tanzten die ersten Schneeflocken.
Der Südwind hatte sich in seiner Heimat versteckt. In einer tiefen Schlucht verharrte er und dachte nach. Er hatte noch nie einen Freund.
Das Fenster zum Süden
Maria stand am Fenster ihres Zimmers.
Mit den Ellenbogen auf dem Fensterbrett stützte sie ihren Kopf mit den Händen.
Sie lugte zwischen den herab rinnenden Regentropfen durchs Glas und suchte in den grauen Wolken die Berge im Süden.
Maria lächelte, denn sie wusste, der Südwind würde sein Versprechen halten.
Der Südwind ärgert sich
Eine Woche später zeigten sich die Berge.
Sie sahen aus, als hätte jemand Staubzucker über sie gestreut. Auf den höchsten Gipfeln war eine Menge Schnee gefallen, welcher nun bis in den Frühling dort liegen blieb.
Als der Südwind über die Bergketten im Süden der Stadt wehte, ärgerte ihn der Anblick des Landes.
Er verabscheute Schnee. Er wünschte sich, er könnte in allen Jahren sämtlichen Schnee schmelzen und verblasen, doch so viel Kraft besaß er nicht.
Der Südwind musste sich damit zufrieden geben, im Winter manchmal eine Erinnerung an den Frühling bringen zu dürfen. Die meiste Zeit hatte er der Kälte und den Schneewolken Platz zu machen.
Missmutig ließ er nur ein kühles Lüftchen durch die Stadt wehen. Die gelben und roten Blätter der Bäume raschelten leise.
In seinem Groll vergaß der Südwind beinahe, dass er jemanden besuchen sollte. Als es ihm wieder einfiel, fegte plötzlich eine scharfe Böe vom Zentrum der Stadt hinauf zu den Feldern und Wiesen.
Von den herumliegenden Laubhaufen wirbelten die Blätter auf, sie kreisten einige Leute wie Gespenster ein. Die Erwachsenen in den Straßen erschraken, die Kinder fanden es witzig. In der gleich einsetzenden Windstille fielen die Blätter zurück auf den Boden und der Spuk war verschwunden.
Das Buch von den Zauberern
Die Herbstsonne wärmte die Stadthäuser, und besonders jene auf den beginnenden Berghängen am Nordende. In einem von ihnen lebte Maria mit ihrer Familie, sie hatte also nicht weit zu laufen, wenn sie hinaus zu den Feldern und Wiesen wollte. Das recht alte und von den Großeltern gebaute Hexenhäuschen, so nannte es Maria, umschmiegte ein kleiner Garten, wie an den Stadträndern üblich. Sie fand es schön in seiner einfachen Art, im Gegensatz zu den komischen neuen Häusern, welche in der Gegend in Mode kamen.
Schon lange lebten die Großeltern im Erdgeschoss, während Maria mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder im ersten Stock wohnte. Maria hatte ihr eigenes Zimmer, mit dem Fenster nach Süden und einem nach Osten.
Wenn die Sonne im Frühling und Herbst die Zimmer auf der Südseite angenehm wärmte, verbrachte Maria gerne den Nachmittag damit, ein Buch zu lesen, besonders wenn draußen die Luft zu kalt für Unternehmungen war.
Verstohlen landete eine Schwalbe auf dem Fenstersims. Sie schaute zunächst um sich, dann begann sie, mit dem Schnabel leise ans Fensterglas zu picken.
Maria hörte es nicht, ihre Aufmerksamkeit war zur Gänze in dem Buch gefesselt.
Der Südwind versuchte es ein bisschen lauter.
Maria hob den Kopf und sah endlich herüber. Sie sprang auf und öffnete einen der zwei Fensterflügel.
Die Sonne flutete das Zimmer mit noch mehr Licht.
Die Schwalbe zögerte nicht und flog herein, nervös schwirrte sie zum Tisch und auf den Stuhl, auf das Bett und wieder zum Tisch. Sie ließ ein viel zu schnelles Schwalbengezwitscher erklingen, dabei hätte kein Mensch und wahrscheinlich auch keine Schwalbe irgendein Wort verstanden.
Maria musste herzhaft lachen.
“Bitte langsam!”,
bat sie schließlich.
Die Schwalbe hielt auf der Lehne des Stuhles an. Sie hüpfte dort zweimal hin und her, dann musterte sie mit drehendem Kopf Maria.
“Oh? Ja - Verzeihung, ich hab vergessen, dass ihr Menschen die Sprachen der Tiere nicht versteht!”,
bemühte sich der Südwind um eine verständliche Aussprache.
“Macht gar nichts, es war sehr lustig!”,
kicherte Maria.
“Du hast mich gleich wieder erkannt?”,
“Aber sicher, das ist doch nicht schwer!”,
Dem Südwind erschien diese Leichtigkeit unheimlich. Er traute sich weiterhin nicht, zu fragen, mit welchem Trick es das Mädchen bewerkstelligte.
“Was liest du da für ein Buch?”,
Die Schwalbe blickte auf den Tisch.
“Es ist ein Buch über Hexen und Zauberer, aber es ist kein Märchenbuch, sondern ein Sachbuch und sehr ernst! Viele Wörter darin kenne ich noch gar nicht, aber es ist trotzdem spannend. Ich glaube, die Leute in dem Buch möchten herausfinden, wie die Menschen auf die Idee gekommen sind, dass es Zauberei und alles Ähnliche geben soll.”,
berichtete Maria.
“Ich hab das beobachtet! Ich weiß, dass ihr euch sehr gerne mit Geschichten beschäftigt, die nur erfunden und nicht wahr sind!”,
meinte der Südwind. Der Ton seiner Stimme klang so, als wüsste er schon lange alles, was die Wissenschaftler in dem Buch nicht einmal vermuteten.
“Hast du selber eine Idee, was mit den Menschen los ist?“
“Nein, noch nicht. Aber es hat wohl damit zu tun, dass jeder etwas haben will, was er nicht haben kann oder darf, oder weil etwas passieren soll, das nicht passiert. Jeder wünscht sich was, auch wenn es Blödsinn ist, ich mir auch. Genau - du weißt ja, was ich mir von dir gewünscht hab! Das wird den Meisten ähnlich gehen und irgendwann früher ist einem Menschen die Idee mit dem Zaubern gekommen. Und die anderen Leute haben alle mitgemacht, weil im Kopf Sachen herbeizaubern geht leicht.”
Maria rückte den Stuhl vom Tisch und setzte sich wieder hin. Die Schwalbe flatterte von der Lehne auf und nahm auf Marias Schulter Platz.
“Komm, lies mit! Du kannst doch lesen, oder?”,
“Natürlich!”,
bestätigte der Südwind.
Die beiden versanken gemeinsam in den Zeilen des Wissenschaftlers, der weit gereist war und überall Erklärungen dafür gesucht hatte, warum die Menschen die allergrößten Erdichtungen für wahr halten konnten.
Maria und der Südwind hatten zu lange gelesen, sie nickten ein.
Das Mädchen hatte seinen Kopf auf den Tisch neben das Buch gelegt und die Schwalbe ihren Kopf rückwärts in die Federn gesteckt, sie saß immer noch auf Marias Schulter.
Der Südwind hatte vergessen, das auch Vögel zuweilen schlafen.
Er erschrak heftig, als er aufwachte und vor sich eine Hand hin und her fuchteln sah. Die Hand gehörte dem Großvater von Maria, er mochte keine Vögel. Für ihn machten sie nur Lärm und störten bei seinem Mittagsschlaf.
Er scheuchte die Schwalbe auf, sie flog gehorsam und ohne zu zwitschern aus dem Haus. Der Großvater schloss das Fenster. Maria schlief tief und fest.
Als der Großvater aus dem Zimmer gegangen war, kehrte die Schwalbe zurück auf den Fenstersims. Sie blieb da, hüpfte mal hin und mal her, oder eine halbe Drehung.
