Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg. - Julie Clark - E-Book

Der Tausch – Zwei Frauen. Zwei Tickets. Und nur ein Ausweg. E-Book

Julie Clark

5,0
9,99 €

  • Herausgeber: Heyne Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Zwei Frauen auf der Flucht. Eine Entscheidung, die alles verändert. Und kein Weg zurück.

New York, Flughafen JFK: Claire soll nach Puerto Rico reisen, um ihren Mann, einen ehrgeizigen Politiker, beim Wahlkampf zu unterstützen. Doch in Wahrheit will sie nichts als fliehen – vor seinen gewalttätigen Übergriffen und der lückenlosen Kontrolle, die er über sie ausübt. Sie kommt mit Eva ins Gespräch, die bei ihrem schwerkranken Mann Sterbehilfe geleistet hat. Zu Hause in Kalifornien erwartet sie die Polizei. Innerhalb weniger Sekunden beschließen sie, die Bordkarten zu tauschen und sich gegenseitig ein neues Leben zu schenken.

Erleichtert landet Claire in Kalifornien. In Evas Haus gibt es allerdings keine Hinweise auf einen Ehemann. Dann erfährt sie, dass das Flugzeug nach Puerto Rico abgestürzt ist. Und kurz darauf entdeckt sie die vermeintlich abgestürzte Eva in einer Fernsehreportage über das Unglück. Lebendig. Hat sie die Flucht in das Leben einer Anderen am Ende doch nur in eine Falle gelockt?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 458

Beliebtheit




Zum Buch

Ich weiß nur drei Dinge über sie: ihren Namen, wie sie aussieht und dass ihr Flug heute Morgen geht. Mein Vorteil – sie weiß nichts über mich. Ich bekämpfe die Panik, dass ich sie irgendwie verpasst haben könnte. Dass sie schon weg sein könnte und mit ihr meine Chance, dieses Leben hinter mir zu lassen und in ein anderes zu schlüpfen. Menschen verschwinden jeden Tag. Aber nur sehr wenige Menschen machen sich klar, wie schwierig es ist, wirklich zu verschwinden. Welche Sorgfalt notwendig ist, um auch die winzigste Spur zu beseitigen. Durch die beschlagene Glasscheibe sehe ich eine schwarze Limousine am Bordstein halten und weiß, dass sie es ist, bevor die Tür aufgeht und sie aussteigt. Sie ist hier. Ich kann anfangen.

Zur Autorin

Julie Clark wuchs in Santa Monica auf und las Bücher am Strand, während ihre Freunde zum Surfen gingen. Nach dem Studium arbeitete sie an der University of California, Berkeley. Dann kehrte sie zurück nach Santa Monica, wo sie heute zusammen mit ihren beiden Söhnen und einem goldenen Doodle lebt und als Lehrerin arbeitet. Der Tausch ist ihr erster Roman bei Heyne.

JULIE CLARK

DER TAUSCH

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Burkhardt und Astrid Gravert

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe The Last Flight erschien erstmals 2020 bei Sourcebooks Landmark.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 02/2021

Copyright © 2020 by Julie Clark

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Lars Zwickies

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München, unter Verwendung von © Mohamad Itani / Trevillion Images (Flugzeugfenster),© gettyimages / DANNY HU (Himmel und Wolken)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-26757-5V002www.heyne.de

All jenen Frauen gewidmet, die ihre Geschichten erzählt haben – ob vor laufenden Kameras in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss oder allein in einem fensterlosen Personalbüro. Wir hören euch. Wir glauben euch.

PROLOG

John F. Kennedy Airport, New YorkDienstag, 22. Februar

Der Tag des Absturzes

In Terminal 4 wimmelt es von Menschen, der Geruch von feuchter Wolle und Kerosin umgibt mich. Ich warte direkt hinter der Glasschiebetür, und jedes Mal, wenn sie sich öffnet, schlägt mir die kalte Winterluft entgegen. Ich stelle mir stattdessen eine milde puerto-ricanische Brise vor, die den Duft von Hibiskus und Meersalz trägt. Das weiche Spanisch, das dort gesprochen wird, hüllt mich ein und löscht die Person aus, die ich vorher war.

Draußen dröhnt es, wenn Flugzeuge in den Himmel aufsteigen, während drinnen schwer verständliche Ansagen aus den Lautsprechern erklingen. Irgendwo hinter mir spricht eine ältere Frau schrill und abgehackt auf Italienisch. Aber ich wende den Blick nicht vom Bordstein ab, richte die Augen auf den überfüllten Gehweg vor dem Terminal und suche nach ihr, knüpfe meinen Glauben – und meine ganze Zukunft – an die Tatsache, dass sie kommen wird.

Ich weiß nur drei Dinge über sie: ihren Namen, wie sie aussieht und dass ihr Flug heute Morgen geht. Mein Vorteil – sie weiß nichts über mich. Ich bekämpfe die Panik, dass ich sie irgendwie verpasst haben könnte. Dass sie schon weg sein könnte und mit ihr meine Chance, dieses Leben hinter mir zu lassen und in ein anderes zu schlüpfen.

Menschen verschwinden jeden Tag. Der Mann, der bei Starbucks in der Schlange steht und sich einen letzten Kaffee kauft, bevor er ins Auto steigt und in ein neues Leben fährt, der eine Familie zurücklässt, die sich für immer fragen wird, was passiert ist. Oder die Frau, die in der letzten Reihe im Greyhound-Bus sitzt, aus dem Fenster starrt, während der Wind Haarsträhnen über ihr Gesicht weht, und eine Geschichte auslöscht, die zu schwer zu ertragen ist. Man sitzt vielleicht Schulter an Schulter mit jemandem, der in diesem Augenblick den letzten Moment als derjenige erlebt, der er war, und weiß es nicht.

Aber nur sehr wenige Menschen machen sich klar, wie schwierig es ist, wirklich zu verschwinden. Welche Sorgfalt notwendig ist, um auch die winzigste Spur zu beseitigen. Denn da ist immer etwas. Ein kleiner Faden, ein Fünkchen Wahrheit, ein Fehler. Es ist nur ein winziger Umstand nötig, um alles zunichtezumachen. Ein Anruf im Moment der Abreise. Ein Blechschaden drei Straßen vor der Autobahnauffahrt. Ein Flugausfall.

Eine Reiseplanänderung in letzter Minute.

Durch die beschlagene Glasscheibe sehe ich eine schwarze Limousine am Bordstein halten und weiß, dass sie es ist, bevor die Tür aufgeht und sie aussteigt. Als sie es tut, verabschiedet sie sich nicht von demjenigen, der mit ihr auf dem Rücksitz ist. Stattdessen eilt sie über den Gehweg und durch die Schiebetür, so nah, dass ihr rosa Kaschmirpullover meinen Arm streift, weich und einladend. Ihre Schultern sind hochgezogen, wie in Erwartung des nächsten Schlags, des nächsten Angriffs. Sie ist eine Frau, die weiß, wie leicht ein Fünfzigtausend-Dollar-Teppich die Haut ihrer Wangen zerfetzen kann. Ich lasse sie vorbeigehen und hole tief Luft, um mich ein wenig zu entspannen. Sie ist hier. Ich kann anfangen.

Ich hänge meine Tasche über die Schulter und folge ihr, schlüpfe bei der Sicherheitskontrolle in die Schlange direkt vor ihr, denn ich weiß, dass Menschen auf der Flucht nur hinter sich schauen, niemals nach vorn. Ich warte auf eine Gelegenheit.

Sie weiß es noch nicht, aber bald wird sie eine der Verschwundenen sein. Und ich werde mich wie eine Rauchfahne am Himmel auflösen und verschwinden.

CLAIRE

Montag, 21. Februar

Der Tag vor dem Absturz

»Danielle«, sage ich, als ich das kleine Büro betrete, das neben unserem Wohnzimmer liegt. »Sagen Sie bitte Mr. Cook, dass ich ins Fitnessstudio gehe.«

Sie blickt von ihrem Computer auf, und ich sehe, dass ihr Blick an dem notdürftig mit Make-up kaschierten Bluterguss unten an meinem Hals hängen bleibt. Automatisch rücke ich den Schal zurecht, um den Fleck zu verstecken, obwohl ich weiß, dass sie kein Wort darüber verlieren wird.

»Wir haben um vier Uhr einen Termin im Literaturhaus in der Center Street«, sagt Danielle. »Sie werden wieder zu spät kommen.« Danielle behält den Überblick über meinen Terminkalender und meine Fehltritte, und sie ist diejenige, die Bericht erstattet, wenn ich zu spät komme oder einen Termin absage, den mein Mann Rory für wichtig hält. Wenn ich für den Senat kandidiere, können wir uns keine Fehler leisten, Claire.

»Danke, Danielle. Ich kann den Terminkalender ebenso gut lesen wie Sie. Bitte laden Sie meine Notizen vom letzten Mal hoch, und halten Sie sie bereit. Wir treffen uns dort.« Als ich den Raum verlasse, höre ich, wie sie zum Telefon greift, und verlangsame den Schritt, obwohl ich weiß, dass dies ein denkbar schlechter Zeitpunkt ist, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich werde immer gefragt, wie es ist, in die Cook-Familie eingeheiratet zu haben, eine Politikerdynastie, die gleich nach den Kennedys kommt. Ich lenke dann ab, indem ich von unserer Stiftung erzähle, geschult, mich auf die Arbeit statt auf die Gerüchte zu konzentrieren. Auf unsere Alphabetisierungsprogramme und Bewässerungsinitiativen in der Dritten Welt, die Beratungsdienste in der Stadt und die Krebsforschung.

Ich kann niemandem erzählen, dass es ein ständiger Kampf um Privatsphäre ist. Selbst bei uns zu Hause sind zu jeder Tageszeit irgendwelche Leute anwesend. Mitarbeiter. Hausangestellte, die für uns kochen und sauber machen. Ich muss um jede Minute und jeden Zentimeter für mich kämpfen. Nirgendwo bin ich vor Rorys Personal sicher. Alle von ihnen sind engagierte Cook-Mitarbeiter. Selbst nach zehn Jahren Ehe bin ich noch ein Eindringling. Der Außenseiter, den man im Auge behalten muss.

Ich habe gelernt, dafür zu sorgen, dass sie nichts zu sehen bekommen.

Das Fitnessstudio ist einer der Orte, an die Danielle mir nicht mit Listen und Terminkalendern folgt. Ich treffe mich dort mit Petra, der einzigen Freundin, die mir aus meinem Leben vor Rory geblieben ist, und die einzige, die aufzugeben er mich nicht gezwungen hat.

Denn Rory weiß gar nicht, dass sie existiert.

Als ich beim Fitnessstudio ankomme, ist Petra schon da. Ich ziehe mich im Umkleideraum um, und als ich die Treppe zu den Laufbändern hinaufsteige, steht sie am Treppenabsatz und nimmt sich ein Handtuch vom Stapel. Unsere Blicke begegnen sich kurz, doch als ich mir ein Handtuch nehme, sieht sie in die andere Richtung.

»Bist du aufgeregt?«, flüstert sie.

»Ich habe schreckliche Angst«, sage ich, wende mich ab und gehe weg.

Ich laufe eine Stunde, und als ich um genau halb drei, in ein Handtuch gewickelt, die Sauna betrete, schmerzen meine Muskeln vor Erschöpfung. Ich lächle Petra an, die allein in der obersten Reihe sitzt. Ihr Gesicht ist rot vor Hitze.

»Erinnerst du dich an Mrs. Morris?«, fragt sie, als ich mich neben sie setze.

Ich lächle, dankbar, dass ich an einfachere Zeiten denken kann. Mrs. Morris war unsere Lehrerin in der zwölften Klasse, und Petra hätte beinahe das Klassenziel nicht erreicht.

»Du hast einen Monat lang jeden Nachmittag mit mir gelernt«, fährt sie fort. »Als keiner der anderen Schüler etwas mit mir oder Nico zu tun haben wollte wegen unseres Vaters. Du bist zu mir gekommen und hast dafür gesorgt, dass ich den Schulabschluss schaffe.«

Ich drehe mich auf der Holzbank zu ihr um. »Du tust so, als wären du und Nico Ausgestoßene gewesen. Ihr hattet Freunde.«

Petra schüttelt den Kopf. »Menschen, die nur nett zu dir sind, weil dein Vater die russische Ausgabe von Al Capone ist, sind keine Freunde.« Wir waren auf einer Eliteschule in Pennsylvania, wo die Kinder und Enkelkinder von altem Geldadel Petra und ihren Bruder Nico als spannende Fremdkörper betrachteten und sich ihnen näherten, als wäre es eine Mutprobe herauszufinden, wie nahe man ihnen kommen konnte. Aber sie nahmen keinen von beiden in ihren Kreis auf.

Und so bildeten wir ein Außenseitertrio. Petra und Nico sorgten dafür, dass sich keiner über meine Secondhanduniform oder den ramponierten Honda lustig machte, mit dem meine Mutter mich immer abholte. Sie sorgten dafür, dass ich nicht alleine aß, und schleiften mich zu Schulveranstaltungen, an denen ich sonst nicht teilgenommen hätte. Sie stellten sich zwischen mich und die anderen Kids, die grausame, verletzende Bemerkungen darüber machten, dass ich nur eine Externe mit Stipendium war. Zu arm, zu gewöhnlich, um wirklich eine von ihnen zu sein. Petra und Nico waren Freunde, als ich keine hatte.

Es schien Schicksal zu sein, als ich vor zwei Jahren ins Fitnessstudio kam und Petra sah, wie eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Aber ich war nicht dieselbe Person, an die Petra sich von der Highschool erinnern würde. Zu viel hatte sich verändert. Zu viel würde ich erklären müssen, über mein Leben und was ich im Lauf der Zeit aufgegeben hatte. Und so hielt ich den Kopf gesenkt, während Petras Blick mich durchbohrte und mich aufforderte, sie ebenfalls anzusehen. Sie zu erkennen.

Als ich mein Trainingsprogramm beendet hatte, ging ich in den Umkleideraum und hoffte, ich könnte mich in der Sauna verstecken, bis Petra gegangen war. Aber als ich eintrat, war sie dort. Als ob wir es die ganze Zeit geplant hatten.

»Claire Taylor«, sagte sie.

Als ich sie meinen Namen sagen hörte, musste ich unwillkürlich lächeln. Petras Tonfall und Sprachmelodie waren immer noch vom Russischen geprägt, das sie zu Hause sprach. Sofort hatte ich mich wieder wie ich selbst gefühlt, nicht wie die Person, die ich über die Jahre als Rorys Ehefrau gewesen war, glänzend und undurchschaubar, mit verborgenen Geheimnissen unter einer harten Schale.

Wir tasteten uns langsam vor. Wir machten Small Talk, der schnell persönlich wurde, als wir uns über die Jahre austauschten, die vergangen waren, seit wir uns zuletzt gesehen hatten. Petra hatte nicht geheiratet. Sie ließ sich treiben, unterstützt von ihrem Bruder, der jetzt das Familienunternehmen führte.

»Und du«, sagte sie und deutete auf meine linke Hand. »Du bist verheiratet?«

Ich sah sie prüfend an, überrascht, dass sie es nicht wusste. »Ich habe Rory Cook geheiratet.«

»Beeindruckend«, sagte Petra.

Ich sah weg und wartete darauf, dass sie fragte, was die Leute immer fragen – was wirklich mit Maggie Moretti passiert sei, deren Name für immer mit meinem Mann verbunden sein wird. Das Mädchen, das zweifelhaften Ruhm erlangt hatte, nur weil sie vor langer Zeit Rory geliebt hatte.

Aber Petra lehnte sich nur auf ihrer Bank zurück und sagte: »Ich habe das Interview gesehen, das er Kate Lane bei CNN gegeben hat. Was er mit der Stiftung geleistet hat, ist bemerkenswert.«

»Rory ist ein sehr leidenschaftlicher Mensch.« Eine vielsagende Antwort, wenn man nachhaken würde.

»Wie geht’s deiner Mutter und Schwester? Violet muss inzwischen das College beendet haben.«

Ich hatte mich vor der Frage gefürchtet. Selbst nach so vielen Jahren saß der Verlust der beiden immer noch tief. »Sie sind vor vierzehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Violet war gerade elf geworden.« Bei meinem Bericht fasste ich mich kurz. Ein regnerischer Freitagabend. Ein betrunkener Fahrer, der ein Stoppschild übersah. Ein Zusammenstoß, bei dem sie beide sofort tot waren.

»O Claire«, hatte Petra gesagt. Sie hatte keine Plattitüden von sich gegeben oder mich gezwungen, Details zu offenbaren. Sie saß einfach bei mir und hüllte meine Trauer in Schweigen, denn sie wusste, dass Worte den Schmerz nicht lindern konnten.

Wir machten es uns zur Gewohnheit, uns jeden Tag nach dem Training in der Sauna zu treffen. Petra hatte Verständnis dafür, dass wir wegen ihrer Familie nicht in der Öffentlichkeit miteinander sprechen konnten. Selbst bevor wir wussten, was ich schließlich tun würde, waren wir vorsichtig, telefonierten selten und schickten uns auch keine E-Mails. Aber in der Sauna erneuerten wir unsere Freundschaft, bauten das gegenseitige Vertrauen wieder auf, das wir früher gehabt hatten, erinnerten uns an unser Bündnis, das uns beiden geholfen hatte, die Highschool zu überstehen.

Es dauerte nicht lange, bis Petra klar war, was ich verbarg. »Du musst ihn verlassen«, sagte sie eines Nachmittags, einige Monate nachdem wir uns wiedergetroffen hatten. Sie sah einen Bluterguss an meinem Oberarm, Überbleibsel eines Streits, den ich zwei Abende zuvor mit Rory gehabt hatte. Obwohl ich mich bemüht hatte, das Offenkundige zu verbergen – ein Handtuch um den Oberkörper höher gezogen, um den Hals gehängt oder über die Schulter drapiert –, hatte Petra stillschweigend die Zunahme der Spuren von Rorys Wut auf meiner Haut verfolgt. »Das ist nicht der erste, den ich bei dir gesehen habe«.

Ich bedeckte den Bluterguss mit dem Handtuch, weil ich ihr Mitleid nicht wollte. »Ich hab es einmal versucht. Vor ungefähr fünf Jahren.« Ich hatte gedacht, es wäre möglich, mich scheiden zu lassen. Ich hatte mich auf einen Streit eingestellt, wusste, dass es schmutzig und teuer werden würde, aber ich wollte seine Misshandlung als Druckmittel benutzen. Gib mir, was ich will, und ich werde niemandem verraten, was für eine Sorte Mann du bist.

Aber das war vollkommen schiefgegangen. »Es stellte sich heraus, dass die Frau, der ich vertraut hatte, die versucht hatte, mir zu helfen, mit einem alten Verbindungsbruder von Rory verheiratet war. Und als Rory auftauchte, öffnete ihr Mann ihm die Tür und ließ ihn herein. Er verbrüderte sich sofort wieder mit Rory, mit heimlichem Handschlag und allem. Rory erzählte ihnen, dass ich mit Depressionen zu kämpfen habe, bei einem Psychiater in Behandlung sei und dass vielleicht eine stationäre Behandlung das Beste wäre.«

»Du meinst, er wollte dich einweisen lassen?«

»Er hat mir zu verstehen gegeben, dass es für mich noch viel schlimmer kommen könnte.« Den Rest erzählte ich Petra nicht. Dass er mich zu Hause so heftig gegen den Marmortresen in der Küche gestoßen hatte, dass ich mir zwei Rippen brach. Dein Egoismus erstaunt mich. Dass du bereit bist, alles zu zerstören, was ich mit harter Arbeit aufgebaut habe – das Erbe meiner Mutter –, weil wir uns streiten. Alle Paare streiten sich, Claire. Er hatte mit einer ausladenden Handbewegung auf den Raum gedeutet, die hochwertigen Geräte, die teuren Arbeitsplatten. Sieh dich um. Wie könntest du dir mehr wünschen? Du wirst niemandem leidtun. Niemand wird dir überhaupt glauben.

Das stimmte. Die Menschen wollten, dass Rory dem Bild entsprach, das sie von ihm hatten – der charismatische einzige Sohn der fortschrittlichen, geliebten Senatorin Marjorie Cook. Ich könnte niemals jemandem erzählen, was er mir antat, denn egal, was ich sagen würde, meine Worte würden unter der Liebe begraben werden, die die Menschen Marjorie Cooks einzigem Kind entgegenbrachten.

»Die Leute werden mir niemals glauben«, sagte ich schließlich.

»Denkst du das wirklich?«

»Glaubst du, man wäre Carolyn Bessette zu Hilfe geeilt, wenn sie gesagt hätte, dass JFK junior sie schlägt?«

Petra machte große Augen. »Machst du Witze? Wir sind in der #MeToo-Ära. Ich glaube, die Leute würden sich vor Begeisterung überschlagen. Es würde wahrscheinlich Extrasendungen bei Fox und CNN geben, um darüber zu reden.«

Ich lachte bitter. »In einer idealen Welt würde ich Rory zur Verantwortung ziehen. Aber ich habe nicht die Kraft, einen solchen Kampf aufzunehmen. Einen, der Jahre dauern, in jede Ecke meines Lebens dringen und alles Gute, was vielleicht hinterherkommt, trüben würde. Ich will davon frei sein. Frei von ihm.«

Gegen Rory auszusagen wäre wie in einen Abgrund zu springen und darauf zu vertrauen, dass ich von der Großzügigkeit und Liebe anderer aufgefangen werde. Ich hatte schon zu viel Zeit in der Gegenwart von Menschen verbracht, die zusahen, wie ich mich im freien Fall befand, nur um in Rorys Nähe zu sein. In dieser Welt waren Geld und Macht gleichbedeutend mit Immunität.

Ich holte tief Luft und spürte, wie die Hitze in jede Faser meines Körpers drang. »Wenn ich ihn verlasse, müsste ich es so machen, dass er mich niemals findet. Denk daran, was mit Maggie Moretti passiert ist.«

Ich sah, dass Petras Blick eindringlicher wurde. »Denkst du, er hatte etwas damit zu tun?«

»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll«, antwortete ich.

Im Verlauf des nächsten Jahres schmiedeten Petra und ich einen Plan, choreografierten mein Verschwinden genauer als ein Ballett. Eine Folge von Ereignissen, so perfekt geplant, dass nichts schiefgehen konnte. Und jetzt bin ich hier, nur Stunden von der Durchführung entfernt. Hitze erfüllt die Luft, Petra sitzt auf der Zedernholzbank neben mir. »Hast du heute Morgen alles abgeschickt?«, frage ich sie.

»Über FedEx, an dich adressiert, mit dem Vermerk ›persönlich‹. Es sollte gleich morgen früh im Hotel ankommen.«

Ich konnte nicht riskieren, alles, was ich angesammelt hatte, im Haus zu verstecken, wo jeder – die Mädchen oder, schlimmer noch, Danielle – es finden könnte. Also bewahrte Petra alles für mich auf – vierzigtausend Dollar von Rorys Geld sowie eine brandneue Identität dank Nico.

»Wegen der neuen technischen Anforderungen an diese Papiere ist es schwerer geworden, sie nachzumachen«, hatte er an dem Nachmittag gesagt, als ich zu ihm rausgefahren war. Wir saßen am Esstisch in seinem großen Haus auf Long Island. Aus ihm war ein gut aussehender Mann mit einer Ehefrau und drei Kindern geworden. Und mit Leibwächtern – zwei am Tor zur Auffahrt und zwei an der Haustür. Mir kam der Gedanke, dass Rory und Nico gar nicht so verschieden waren. Auch er war der auserwählte Sohn und stand unter dem Druck, die Familie ins 21. Jahrhundert zu führen, mit neuen Regeln und Vorschriften. Von beiden wurde erwartet, mehr zu erreichen als die vorige Generation – oder zumindest nicht alles zu verlieren.

Nico schob mir einen dicken Umschlag zu. Ich öffnete ihn und zog einen in Michigan ausgestellten Führerschein sowie einen Pass mit meinem Bild heraus, der auf den Namen Amanda Burns ausgestellt war. Ich überflog den Rest – eine Sozialversicherungskarte, eine Geburtsurkunde und eine Kreditkarte.

»Damit kannst du alles machen«, sagte Nico, nahm den Führerschein und hielt ihn schräg unter die Lampe, damit ich das Hologramm sehen konnte. »Wählen. Eine Lohn- und Steuererklärung abgeben. Das ist Spitzenarbeit, und mein Mann ist der Beste. Es gibt nur einen anderen, der das ganze Paket so gut hinbekommt, und der lebt in Miami.« Nico gab mir die Kreditkarte – für ein Konto bei der Citibank unter meinem neuen Namen. »Petra hat es letzte Woche eröffnet, und die Kontoauszüge werden an ihre Adresse geschickt. Wenn du dich irgendwo niedergelassen hast, kannst du das ändern. Oder die Karte wegwerfen und ein neues Konto eröffnen. Aber sei vorsichtig. Lass dir nicht deine Identität klauen.«

Er lachte über seinen Witz, und ich sah kurz den Jungen von früher in seinem Gesicht aufblitzen, der immer beim Lunch neben mir und Petra gesessen und sein Sandwich gegessen hatte, während er seine Mathematik-Hausaufgaben machte. Die Last der Erwartungen schwebte bereits über ihm.

»Danke, Nico.« Ich gab ihm den Umschlag mit zehntausend Dollar, einem kleinen Teil des Geldes, das ich in den letzten sechs Monaten abgezweigt und gehortet hatte. Hundert Dollar hier. Hundert Dollar da. Das Geld steckte ich täglich in Petras Schrank im Fitnessstudio, wo sie es verwahrte, bis ich so weit war.

Seine Miene wurde ernst. »Eines musst du wissen: Wenn etwas schiefgeht, kann ich dir nicht helfen. Petra auch nicht. Dein Mann hat Möglichkeiten und Mittel, die mich, meine Existenz – und die von Petra – in Gefahr bringen können.«

»Ich verstehe«, sagte ich. »Du hast mehr als genug getan, und ich bin dir dankbar.«

»Ich meine es ernst. Es bedarf nur einer winzigen Verbindung zwischen deinem neuen und deinem alten Leben, und alles fällt in sich zusammen.« Seine dunklen Augen fixierten meine. »Du kannst nicht zurück. Kein einziges Mal. Unter keinen Umständen.«

»Das Flugzeug soll nach Rorys Plan ungefähr um zehn starten«, sage ich jetzt zu Petra. »Hast du daran gedacht, meinen Brief beizufügen? Ich will ihn nicht, zehn Minuten bevor ich abfahre, auf Hotelpapier noch einmal schreiben müssen.«

Petra nickt. »Mit im Umschlag. Adressiert und frankiert, fertig zum Abschicken von Detroit aus. Was hast du geschrieben?«

Ich denke an die Stunden, die ich bei dem Versuch verbracht habe, einen Brief zu schreiben, der jede Möglichkeit, dass Rory versuchen könnte, mir zu folgen, ausschloss. »Ich hab ihm geschrieben, dass ich ihn verlasse und dass er mich diesmal nicht finden wird. Dass er unsere Trennung bekannt geben und sagen soll, dass sie einvernehmlich ist. Und dass ich keine öffentliche Erklärung dazu abgeben werde.«

»Eine Woche bevor er seine Kandidatur für den Senat bekannt gibt.«

Ich grinse sie an. »Hätte ich bis hinterher warten sollen?«

Sobald ich genug Geld zusammen hatte, um ein neues Leben anzufangen, begann ich, nach einer perfekten Gelegenheit zu suchen, um zu gehen. Ich studierte unseren Google-Kalender auf der Suche nach einer Reise, die ich alleine machen würde, wobei ich mich auf Städte nahe der kanadischen oder mexikanischen Grenze konzentrierte. Die Detroit-Reise war perfekt dafür. Ich soll Citizens of the World besuchen, eine Charterschool, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahne geschrieben hat und von der Cook Familienstiftung finanziert wird. Einem Nachmittagsbesuch in der Schule soll ein Abendessen mit Spendern folgen.

Ich lehne mich gegen die Bank hinter mir, starre an die Decke und gehe den Rest des Plans durch. »Wir landen ungefähr um zwölf. Der Termin in der Schule beginnt um zwei. Ich sorge also dafür, dass wir zuerst ins Hotel fahren, damit ich das Päckchen an mich bringen und irgendwo sicher verwahren kann.«

»Ich habe heute bei der Autovermietung angerufen. Sie erwarten eine Amanda Burns, die morgen um Mitternacht einen Kleinwagen abholt. Meinst du, du bekommst ein Taxi?«

»Es gibt ein Hilton ein Stück die Straße runter von meinem Hotel. Ich werde eins von da nehmen.«

»Ich mache mir Sorgen, dass dich jemand sieht, wenn du mitten in der Nacht mit einem Koffer das Hotel verlässt. Dir folgt. Rory anruft.«

»Ich nehme den Koffer nicht mit. Ich hab mir einen Rucksack gekauft, in den etwas Kleidung zum Wechseln und mein Geld passt. Alles andere lasse ich da – einschließlich Handtasche und Portemonnaie.«

Petra nickt. »Ich habe mit der Kreditkarte ein Zimmer im W Hotel in Toronto gebucht, falls du eins brauchst. Sie erwarten dich.«

Ich schließe die Augen, die Hitze macht mich benommen. Oder ist es der Druck, jede Kleinigkeit richtig zu machen? Mir darf nicht der geringste Fehler unterlaufen.

Ich spüre, wie die Minuten vergehen. Der Moment rückt näher, an dem ich den ersten Schritt in einer Reihe von Schritten mache, die unwiderruflich sein werden. Ein Teil von mir möchte das Ganze vergessen. Nach Detroit fliegen, die Schule besuchen und nach Hause zurückkehren. Weitere Tage mit Petra in der Sauna. Aber dies ist meine Chance, zu entkommen. Sobald Rory seine Kandidatur für den Senat bekannt gegeben hat, gehen meine Möglichkeiten gegen null.

»Es wird Zeit.« Petra spricht leise, und ich öffne wieder die Augen.

»Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll«, sage ich.

»Du warst vor vielen Jahren meine einzige Freundin. Du musst mir nicht danken. Ich bin es, die dir zu danken hat«, sagt sie. »Du bist an der Reihe, glücklich zu sein.« Sie wickelt sich das Handtuch fester um den Körper, und ich sehe kurz ihr Lächeln aufblitzen.

Ich kann nicht glauben, dass wir das letzte Mal hier sitzen. Das letzte Mal, dass wir uns unterhalten. Dieser Raum war wie ein Zufluchtsort, dunkel und still, nur unser Flüstern, wenn wir meine Flucht planten. Wer wird morgen hier mit ihr sitzen? Oder übermorgen?

Ich spüre die Endgültigkeit meiner Abreise bedrohlich näher rücken. Ich denke daran, wie absolut das Ende sein wird, und frage mich, ob es das wert ist. Ob es besser sein wird. Bald wird Claire Cook aufhören zu existieren, wird ihre glänzende Fassade abwerfen. Ich habe keine Ahnung, was ich darunter finde.

Noch dreiunddreißig Stunden, bis ich weg bin.

CLAIRE

Montag, 21. Februar

Der Tag vor dem Absturz

Ich treffe Danielle mit fünfzehn Minuten Verspätung vor dem Literaturbüro in der Center Street. »Kein Wort«, warne ich sie, obwohl ich weiß, dass sie Rory wahrscheinlich schon drei Textnachrichten geschickt hat.

Sie folgt mir wortlos durch die Türen in den großen Vorraum, den sie hier für Buchvorstellungen und Schreib-Workshops benutzen. Um diese Zeit herrscht dort reger Betrieb, er ist voller Schüler und Tutoren. Ich stelle mir vor, wie ganz anders es wäre, wenn Rory hier durchgehen würde, die Welle aufgeregten Raunens, die ihn begleiten würde. Mir schenkt niemand besondere Aufmerksamkeit. Ohne Rory bin ich nur ein weiteres Gesicht, das kurz auftaucht und dann wieder verschwindet. Nicht bemerkenswert. Was bald ein Vorteil für mich sein wird.

Ich gehe durch den Vorraum und steige zwei Treppen hoch in den zweiten Stock, wo sich die Verwaltungsbüros befinden. Dann betrete ich den Konferenzraum, wo schon alle versammelt sind.

»Schön, Sie zu sehen, Mrs. Cook«, sagt die Geschäftsführerin mit einem warmen Lächeln.

»Freut mich auch, Anita. Wollen wir anfangen?« Ich setze mich, Danielle direkt hinter mir. Das Treffen beginnt mit der Besprechung der jährlichen Benefizveranstaltung, die in acht Monaten ansteht. Es fällt mir schwer, Begeisterung für ein Event zu heucheln, das lange nach meinem Verschwinden stattfindet. Ich vertreibe mir die Zeit mit der Vorstellung, wie das nächste Treffen sein wird. Man wird leise darüber sprechen, dass ich Rory verlassen habe, dass ich mir nie etwas habe anmerken lassen, dass ich während des ganzen Treffens gelächelt habe und dann verschwunden bin. Wohin ist sie gegangen? Kein Mensch verschwindet einfach so aus seinem Leben. Warum wird sie nicht gefunden? Wer wird zuerstauf Maggie Moretti zu sprechen kommen? Mit leiser, flüsternder Stimme die Frage aussprechen, die sich jeder von ihnen stellen wird, wenn auch nur für einen Moment: Glaubst du, dass sie ihn wirklich verlassen hat – oder glaubst du, ihr ist etwas passiert?

Rory hatte mir bei unserem dritten Date von Maggie Moretti erzählt.

»Alle fragen mich immer, was passiert ist«, hatte er gesagt, während er sich im Sessel zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug. »Es war eine Tragödie, von Anfang bis Ende, und ich bin immer noch nicht ganz darüber hinweg.« Er nahm seinen Wein und schwenkte ihn im Glas, bevor er einen Schluck davon nahm. »Wir haben uns ununterbrochen gestritten, und Maggie wollte, dass wir übers Wochenende wegfahren. Um es noch einmal zu versuchen und richtig miteinander zu reden, ohne die Ablenkungen der Stadt. Aber nichts war dort anders. Wir wärmten dieselben alten Sachen auf, nur an einem anderen Ort.« Seine Stimme war leiser geworden, die Geräusche des Restaurants traten in den Hintergrund. Die Art, wie er sprach – mit bewegter Stimme –, erschien mir so echt und unverstellt. Mir kam damals nicht in den Sinn, dass er lügen könnte. »Schließlich hatte ich genug und bin gegangen. Ich bin in mein Auto gestiegen und nach Manhattan zurückgefahren. Einige Stunden später riefen unsere Nachbarn die Feuerwehr, weil das Haus brannte. Man fand sie zusammengebrochen am Fuß der Treppe. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, bis die Polizei mich am nächsten Morgen anrief. Es stand damals nicht in den Zeitungen, aber bei der Autopsie fand man Rauch in ihrer Lunge. Also hatte sie noch gelebt, als das Feuer ausbrach. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich gegangen bin. Ich hätte sie retten können.«

»Warum dachten sie, du hättest etwas damit zu tun?«

Er zuckte mit den Schultern. »Es ist eine bessere Geschichte, und ich gönne es den Medien, obwohl mein Vater der New York Times niemals verziehen hat. Es war ein Segen, dass meine Mutter nicht mehr lebte, denn sie hätte sich Sorgen um ihre Umfragewerte gemacht.« Seine Verbitterung überraschte mich, aber er verbarg sie schnell wieder. »Schlimm ist nur, was es mit Maggies Andenken gemacht hat. Meinetwegen kennt die ganze Welt ihren Namen aus den falschen Gründen. Man weiß, wie sie gestorben ist, nicht, wer sie war.« Er blickte aus dem Fenster, voller Schmerz und Bedauern. Dahinter glitzerte die New Yorker Straße im leichten Regen, die Lichter funkelten im Dunkeln wie Diamanten. Dann fasste er sich wieder und leerte sein Glas. »Ich nehme es der Polizei nicht übel, dass sie ihren Job gemacht hat. Ich verstehe, dass sie getan haben, was sie ihrer Meinung nach tun mussten. Ich hatte Glück, dass die Gerechtigkeit sich durchgesetzt hat, das ist nicht immer der Fall. Aber die Erfahrung hat mich erschüttert.«

Der Kellner war gekommen und wartete offenbar auf eine Pause in unserem Gespräch, um den schwarzen Umschlag, der die Rechnung enthielt, vor Rory zu schieben. Rory hatte auf eine so bezaubernde Art gelächelt, dass es mir das Herz brach. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass er für mich dasselbe empfand wie früher einmal für Maggie Moretti.

»Mrs. Cook, würden Sie dieses Jahr wieder den Vorsitz bei der stillen Auktion übernehmen?« Anita Reynolds, die Leiterin des Literaturhauses, sieht mich über den langen Tisch hinweg an.

»Sicher«, sage ich. »Wir könnten uns Freitag treffen und überlegen, an wen wir wegen der Spenden herantreten können. Ich muss kurz nach Detroit, aber dann bin ich zurück. Zwei Uhr?« Sie nickt, und ich trage den Termin in unseren gemeinsamen Google-Kalender ein. Ich bin mir bewusst, dass er auf Danielles iPad direkt hinter mir und auf Rorys Computer zu Hause erscheinen wird. Das sind Dinge, an die ich denken muss – Termine machen, Blumen bestellen, Pläne für eine Zukunft schmieden, die ohne mich stattfinden wird. Dinge, die meine Spuren verwischen und alle glauben machen, dass ich eine hingebungsvolle Ehefrau bin, die sich für die vielen wichtigen Projekte engagiert, welche die Cook Familienstiftung unterstützt.

Einunddreißig Stunden.

Als ich wieder nach Hause komme, gehe ich nach oben, um mir etwas anderes anzuziehen. Ich sehe, dass Danielle meinen Koffer umgepackt hat, während ich im Fitnessstudio war. Die modernen Sachen, die ich bevorzuge, sind herausgenommen und durch eher konservative Kostüme und High Heels, die Rory gerne an mir sieht, ersetzt worden.

Ich schließe die Tür ab und öffne meinen Schrank, hole den versteckten Nylonrucksack hervor, den ich letzte Woche in einem Sportgeschäft bar bezahlt habe. Ich streiche ihn glatt und schiebe ihn in das Reißverschlussfach des Koffers. Eins nach dem anderen hole ich die Kleidungsstücke, die ich mitnehmen will, aus ihrem Versteck und packe sie ein. Eine eng anliegende Daunenjacke, einige langärmelige T-Shirts und eine NYU-Baseballkappe, die ich vor Kurzem gekauft habe, um mein Gesicht vor Sicherheitskameras in Hotellobbys zu verbergen. Ich nehme meine Lieblingsjeans von ihrem Platz im Regal und schiebe alles unter die Sachen, die Danielle für den Anlass eingepackt hat. Genug für die ersten paar Tage. Nicht so viel, dass jemand bemerken würde, dass Sachen aus meiner Kommode oder meinem Schrank fehlen. Ich schließe den Reißverschluss, stelle den Koffer neben die Tür, setze mich aufs Bett und genieße die Einsamkeit des abgeschlossenen Zimmers.

Es erstaunt mich noch immer, wie ich hier landen konnte. So weit weg von zu Hause, von der Person, die ich werden wollte. Ich habe einen Abschluss in Kunstgeschichte am Vassar College mit summa cum laude gemacht. Ich habe einen begehrten Job bei Christie’s ergattert.

Aber seitdem meine Mutter und Violet gestorben waren, war ich wie betäubt und musste kämpfen, um mich über Wasser zu halten. Mich in Rory zu verlieben fühlte sich an, als würde ich endlich aufwachen. Er verstand, was ich verloren hatte, denn er litt selbst unter einer schmerzlichen Erfahrung. Er verstand, wie Erinnerungen einen beschleichen und bedrücken konnten, bis man keine Luft mehr zum Atmen bekam. Keine Worte. Das Einzige, was man tun konnte, war warten, bis der Schmerz nachließ wie eine Flut, die abflaute. Bis man sich wieder rühren konnte.

Unten im Flur höre ich Stimmen, ein leises Murmeln, das ich nicht verstehen kann. Angespannt warte ich, ob sie versuchen hereinzukommen, mache mich auf eine Standpauke über verschlossene Türen gefasst. Sie können ihren Job nicht machen, wenn du dich in jedem Zimmer einschließt. Die Haustür wird geschlossen, und Rorys Stimme dringt zu mir herauf. Ich streiche meine Haare glatt, zähle bis zehn, versuche, die Angst und Anspannung aus meinem Gesicht zu wischen. Ich habe noch eine Nacht, und ich muss meine Rolle perfekt spielen.

»Claire!«, ruft er aus der Eingangshalle. »Bist du zu Hause?«

Ich hole tief Luft und öffne die Schlafzimmertür. »Ja«, rufe ich.

Achtundzwanzig Stunden.

»Wie geht’s Joshua dieses Semester?«, fragt Rory unsere Köchin Norma, als sie beim Abendessen den Wein einschenkt.

Norma lächelt und stellt die Flasche neben Rory auf den Tisch. »Sehr gut, obwohl ich nicht so viel von ihm höre, wie mir lieb wäre.«

Rory lacht, nimmt einen kleinen Schluck und nickt zustimmend. »So sollte es sein, fürchte ich. Sagen Sie ihm, ich hoffe, dass er ein weiteres Semester auf der Liste des Dekans steht.«

»Das werde ich, Sir. Danke. Wir sind Ihnen so dankbar.«

Rory winkt ab. »Das tue ich gerne.«

Rory hat vor vielen Jahren beschlossen, die Studiengebühr für jedes Kind oder Enkelkind seiner Hausangestellten zu bezahlen. Deshalb sind sie ihm absolut ergeben. Gewillt wegzusehen, wenn unsere Auseinandersetzungen laut werden oder sie mich im Badezimmer weinen hören.

»Probier den Wein, Claire. Er ist unglaublich.«

Inzwischen weiß ich, dass es besser ist, ihm zuzustimmen. Am Anfang unserer Ehe habe ich einmal gesagt: »Er schmeckt für mich wie vergorene Trauben.«

Rorys Miene blieb unbeteiligt, als hätte er meine Worte nicht gehört. Aber er nahm mein Glas vom Tisch, hielt es mit ausgestrecktem Arm und ließ es auf den Boden fallen, wo es zerbrach und der rote Wein sich über den Holzfußboden in Richtung des teuren Teppichs unter dem Tisch ergoss. Norma kam bei dem Geräusch des zerbrechenden Glases aus der Küche .

»Claire ist so ungeschickt«, sagte er und griff über den Tisch, um meine Hand zu drücken. »Das ist eines der Dinge, die ich an ihr mag.«

Norma, die sich hinhockte, um die Bescherung zu beseitigen, sah zu mir hoch – offenbar verwirrt, wie mein Glas einen Meter entfernt vom Tisch auf dem Boden gelandet war. Ich schwieg, unfähig etwas zu sagen, während Rory in aller Ruhe begann, sein Abendessen zu verzehren.

Norma trug die durchweichten Handtücher in die Küche, kam mit einem anderen Weinglas wieder und schenkte mir ein. Als sie gegangen war, legte Rory die Gabel hin und sagte: »Dieser Wein kostet vierhundert Dollar die Flasche. Du musst dir mehr Mühe geben.«

Jetzt starrt Rory mich an, wartet. Ich nehme einen winzigen Schluck, schmecke nicht die würzige Note oder den Hauch von Vanille, die Rory darin ausmacht. »Köstlich«, sage ich.

Ab morgen trinke ich nur noch Bier.

Nach dem Essen gehen wir hinüber in Rorys Büro, um einige Punkte für die Rede, die ich morgen beim Dinner halten soll, durchzugehen. Wir sitzen uns an seinem Schreibtisch gegenüber, ich mit dem Laptop auf den Knien. Das Dokument mit der Rede ist geöffnet und als Google-Doc für ihn freigegeben. Es ist Rorys bevorzugte Plattform. Er benutzt sie für alles, da sie ihm Zugang zu allem ermöglicht, woran jeder von uns gerade arbeitet, jederzeit. Wenn ich gerade an etwas arbeite und plötzlich sein Symbol auf meinem Bildschirm erscheinen sehe, weiß ich, dass er mich beobachtet.

So kommuniziert er auch mit seinem langjährigen persönlichen Assistenten Bruce, ohne dass etwas dokumentiert wird. In einem geteilten Dokument können sie einander Dinge sagen, die sie vielleicht nicht in eine E-Mail oder eine Textnachricht schreiben oder am Telefon sagen wollen. Ich habe über die Jahre nur Gesprächsfetzen mitbekommen. Ich hab dir dazu eine Notiz im Doc gemacht. Oder: Sieh im Doc nach. Ich hab noch einiges hinzugefügt, das dich interessieren wird. Im Doc werden sie mein Verschwinden besprechen, Vermutungen anstellen, wohin ich gefahren bin, und vielleicht überlegen, wie sie mich ausfindig machen können. Es ist wie ein Chatroom, zu dem nur Rory und Bruce Zugang haben und wo sie frei über Dinge sprechen können, über die niemand sonst etwas wissen darf.

Ich konzentriere mich wieder auf unser Gespräch, stelle ein paar Fragen über die Gruppe, zu der ich sprechen werde, und richte meine Aufmerksamkeit auf den Event. Bruce sitzt in seiner Ecke des Büros, macht sich auf seinem Laptop Notizen, fügt unsere Ergänzungen in die Rede ein, während wir sprechen. Ich beobachte ihn auf meinem Bildschirm, ein Cursor mit seinem Namen daran, die Worte, die wie von Zauberhand erscheinen. Während Bruce tippt, frage ich mich, ob er weiß, was Rory mir antut. Bruce kennt Rorys Geheimnisse. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von diesem nichts weiß.

Als wir fertig sind, sagt Rory zu mir: »Sie werden dich nach der Pressekonferenz nächste Woche fragen. Sag ihnen nichts dazu. Lächle einfach, und bring das Gespräch wieder auf die Stiftung.«

Die Vorbereitung der Bekanntgabe von Rorys Kandidatur war quälend. Alle paar Tage waren Gerüchte durchgesickert, tonnenweise Spekulationen in den Medien darüber, dass Rory da weitermacht, wo seine Mutter aufgehört hat.

Marjorie Cook war für ihr parteiübergreifendes Verhandlungsgeschick bekannt gewesen, ihre Fähigkeit, die schwierigsten und konservativsten Senatoren für eine moderatere Politik zu gewinnen. Lange vor Hillary Clinton und sogar Geraldine Ferraro hatte es heimliche Gespräche über eine Präsidentschaftskandidatur gegeben. Aber Marjorie war in Rorys erstem Collegejahr an Darmkrebs gestorben. Das Loch, das sie hinterließ, wurde von einer explosiven Mischung aus Unsicherheit und Aggressivität ausgefüllt, die oft überschäumte und diejenigen traf, die es wagten, ihm bei Gesprächen über seine politische Zukunft seine Mutter vorzuhalten.

»Ihr habt mir noch gar keine Einzelheiten zur Pressekonferenz genannt, die ich verraten könnte«, sage ich, während ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie Bruce seinen Schreibtisch für heute aufräumt. Stifte in die obere Schublade. Laptop in die Hülle, dann in die Tasche, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

Nachdem Bruce gegangen ist, lehnt Rory sich zurück und schlägt die Beine übereinander. »Wie war dein Tag?«

»Gut.« Mein linker Fuß wippt, das einzige Zeichen meiner Nervosität. Als Rorys Blick darauf fällt, mit hochgezogenen Augenbrauen, drücke ich die Ferse in den Teppich und zwinge mich stillzuhalten.

»Heute warst du im Literaturhaus Center Street, stimmt’s?« Er legt die Fingerspitzen zusammen, die Krawatte ist gelockert. Ich beobachte ihn wie aus großem Abstand, den Mann, den ich einmal geliebt habe. Die Linien um seine Augen zeugen von Lachen, von gemeinsamem Glück. Aber auch von Wut. Eine dunkle Gewalt, die alles Gute, was ich einmal in ihm gesehen habe, ausgelöscht hat.

»Ja. In acht Monaten findet ihre jährliche Benefizveranstaltung statt. Danielle überträgt die Notizen und wird sie dir morgen zukommen lassen. Ich werde wieder die stille Auktion übernehmen.«

»Sonst noch was?« Er klingt gleichgültig, aber etwas an der Haltung seiner Schultern alarmiert mich. Meine Instinkte – fein gestimmt nach all den Jahren, in denen ich den Subtext von Rorys Tonfall und Gesichtsausdruck zu lesen gelernt habe – schreien, dass ich auf der Hut sein muss.

»Nicht dass ich wüsste.«

»Verstehe«, sagt er und holt tief Luft, so als versuche er, sich zu konzentrieren. »Schließt du bitte die Tür?«

Ich stehe auf, meine Beine fühlen sich schwach an, als ich zur Tür gehe, voller Furcht, dass er irgendwie herausgefunden hat, was ich vorhabe. Ich lasse mir Zeit, gehe mit langsamen Schritten, versuche, nicht in Panik zu geraten. Als ich wieder sitze, habe ich die Angst aus meinem Gesicht verbannt und durch den Ausdruck reiner Neugier ersetzt. Als er nicht sofort etwas sagt, ermuntere ich ihn. »Ist alles in Ordnung?«

Sein Blick ist kalt. »Du musst mich für dumm halten.«

Ich bin unfähig zu sprechen oder nur mit der Wimper zu zucken. Wie es scheint, habe ich schon verloren, bevor es überhaupt angefangen hat. Meine Gedanken rasen auf der Suche nach einem Halt, um mich zu beruhigen, nach einer einleuchtenden Erklärung für das, was er entdeckt hat – die Kleidung, das Geld, das ich gehortet habe, meine Treffen mit Petra. Ich bekämpfe den Drang, die Tür aufzureißen und wegzulaufen, aufzugeben, was immer ich erreicht habe. Ich blicke zu den dunklen Fenstern, in denen sich das Zimmer spiegelt und sage schließlich: »Wovon redest du?«

»Ich habe gehört, dass du heute schon wieder zu spät gekommen bist. Darf ich fragen, warum?«

Ich atme langsam aus und entspanne mich. »Ich war im Fitnessstudio.«

»Das Fitnessstudio ist keine achthundert Meter vom Büro in der Center Street entfernt.« Rory nimmt seine Brille ab und lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Sein Gesicht verschwindet aus dem Lichtschein, den die Schreibtischlampe wirft, ins Dunkel. »Was verheimlichst du mir?«

Ich lege eine Wärme in meine Stimme, die ich nicht empfinde. Um seinen Zorn zu beschwichtigen, bevor er Oberhand gewinnt. »Nichts«, beharre ich. »Ich bin noch für einen Spinning-Kurs geblieben, der um halb drei beginnt.«

»Mit wem?«

»Was meinst, wer der Leiter war?«

»Stell dich nicht dumm«, bellt er. »Du bist ständig entweder auf dem Weg zum Fitnessstudio oder kommst von dort. Und das jeden Tag. Ist es dein Trainer? Das wäre ein erbärmliches Klischee.«

»Ich habe keinen Trainer«, erkläre ich ihm, mein Mund ist plötzlich trocken und klebrig.

»Ich hebe Gewichte. Laufe auf dem Laufband oder nehme an Spinning-Kursen teil. Weil ich nach dem Training Muskelkater hatte, bin ich in die Sauna gegangen und habe die Zeit vergessen. Das ist alles.« Ich gebe mir Mühe, eine ausdruckslose Miene zu behalten. Aber meine Hände, die die Armlehnen meines Sessels umklammern, als würde ich mich auf einen Schlag gefasst machen, verraten mich. Rorys Blick fällt darauf, und ich zwinge mich, zu entspannen. Er steht auf, geht um den Schreibtisch herum und setzt sich in den Sessel neben mich.

»Wir haben viel harte Arbeit vor uns, Claire«, sagt er und nimmt noch einen Schluck Whisky. »Nächste Woche geht’s los, alle Augen werden auf uns gerichtet sein. Es darf nicht die Spur eines Skandals geben.«

Ich muss alle Kräfte zusammennehmen, um meinen Text ein letztes Mal überzeugend aufzusagen. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

Rory beugt sich vor, streift mit einem sanften Kuss meine Lippen und flüstert: »Ich bin froh, das zu hören.«

Als Rory schließlich gegen elf Uhr zu mir ins Bett kommt, tue ich so, als ob ich schlafe, lausche, wie seine Atmung gleichmäßig und langsam wird, warte. Um eins schlüpfe ich aus dem Bett, um die letzte Sache zu erledigen, die notwendig ist, bevor ich gehe. Bevor ich in den dunklen Flur schleiche, nehme ich Rorys Handy auf seinem Nachttisch vom Ladekabel. Ich kann nicht riskieren, dass sein Telefon wegen eines Anrufs oder einer Textnachricht vibriert und ihn weckt.

Unser Stadthaus riecht nach altem Geldadel. Dunkles Holz und dicke teure Teppiche unter meinen bloßen Füßen. Ich wandere oft mitten in der Nacht durchs Haus. Es ist die einzige Tageszeit, zu der sich unser Zuhause wie meins anfühlt. Ich gehe unbeobachtet durch die Zimmer, und während ich jetzt meinen letzten nächtlichen Spaziergang mache, empfinde ich Bedauern. Nicht wegen des Hauses, das nicht mehr als ein luxuriöses Gefängnis gewesen ist, sondern meinetwegen.

Es ist eine unbestimmte Trauer, nicht nur um den Verlust meines Namens und meiner Identität, sondern auch um das Leben, das ich mir einmal erhofft hatte. Das Sterben eines Traums mit all seinen Facetten muss ein letztes Mal betrauert werden.

Ich gehe durchs Wohnzimmer mit den großen Fenstern, durch die man auf die Fifth Avenue sehen kann, blicke zur Tür, die zu Danielles Büro führt und frage mich, was sie denken wird, wenn ich gehe. Wird man ihr die Schuld geben, weil sie mich nicht im Auge behalten hat? Oder wird sie sich Vorwürfe machen, dass sie nicht mehr getan hat, um mir zu helfen, als es noch möglich war?

Ich gehe den schmalen Flur entlang, der zu meinem Büro führt, ein kleiner Raum, der von einem Mahagonischreibtisch und einem orientalischen Teppich beherrscht wird, der wahrscheinlich mehr gekostet hat, als das Haus meiner Mutter in Pennsylvania wert war. Ich freue mich schon darauf, mir ein Zuhause mit Möbeln einzurichten, die nicht einen sechsstelligen Betrag kosten. Ich will Farbe an den Wänden und Pflanzen, die ich gießen muss. Ich will Teller, die nicht zusammenpassen, und Gläser, die nicht schwer wiederzubeschaffen sind, wenn sie kaputtgehen.

Ich blicke über die Schulter, als erwarte ich, dass mich jemand mitten in der Nacht in meinem eigenen Büro erwischt, meine Gedanken liest und weiß, was ich vorhabe. Ich lausche angestrengt – das Schweigen ist ein lautes Rauschen in meinem Ohr –, um jede Andeutung von Schritten zwei Stockwerke über mir zu hören. Aber die Tür bleibt leer, und das einzige Geräusch ist mein Herzklopfen.

Ich öffne die obere Schublade und hole den kleinen USB-Stick heraus, den ich immer benutzt habe, bevor Rory darauf bestanden hat, dass alle mit geteilten Dokumenten arbeiten. Mein Blick fällt auf ein Foto von meiner Mutter und meiner Schwester Violet an der Wand. Es wurde aufgenommen, bevor ich aufs College gegangen bin, bevor ich Rory getroffen habe und aus der Bahn geworfen wurde.

»Wir machen ein Picknick«, hatte meine Mutter eines Samstagnachmittags durch die Küchentür verkündet, während Violet und ich auf der Couch fläzten und fernsahen. Keine von uns beiden hatte Lust. Wir waren mitten in einem Twilight-Zone-Marathon. Aber meine Mutter hatte darauf bestanden. »Wir haben nicht mehr viele Wochenenden, bevor Claire fährt«, hatte sie gesagt. Violet hatte mich böse angesehen, immer noch sauer, dass ich mich für Vassar entschieden hatte statt für das staatliche College vor Ort. »Ich will den Tag mit meinen Mädchen draußen verbringen.«

Drei Jahre später waren sie tot.

Ich hatte weniger als eine halbe Stunde, bevor es passierte, mit meiner Mutter telefoniert. Wir hatten uns nur kurz unterhalten, aber ich kann immer noch ihre Stimme am Telefon hören, als sie mir sagte, sie habe keine Zeit zum Reden, weil sie und Violet gerade Pizza essen gehen wollten. Sie wollte mich anrufen, wenn sie wieder zu Hause wären. In den Jahren danach habe ich mich oft gefragt, ob sie noch leben würden, wenn ich sie länger am Telefon gehalten hätte. Oder wenn ich gar nicht angerufen hätte, denn dann hätten sie die Kreuzung vielleicht schon hinter sich gelassen, als der Betrunkene dort entlangraste.

In meinen Träumen höre ich das Klack-klack der Scheibenwischer und wie sie beide im Auto zusammen lachen, wie meine Mutter den Song mitsingt, der im Radio läuft, und Violet sie bittet, damit aufzuhören. Und dann plötzliches Reifenquietschen, das Geräusch von zerbrechendem Glas, Metall auf Metall, Zischen von Dampf. Dann Stille.

Mein Blick bleibt an dem Bild von Violet hängen, die gerade lacht, während meine Mutter nur eine verschwommene Gestalt im Hintergrund ist, und ich möchte es am liebsten von der Wand reißen, zwischen die Kleidung in meinem Koffer schieben und mitnehmen wie einen Talisman. Aber das geht nicht. Dass ich es zurücklassen muss, nimmt mir fast meine Entschlossenheit.

Ich reiße den Blick vom lächelnden Gesicht meiner Schwester los, eingefroren im Alter von acht Jahren, als sie nur noch wenige Jahre zu leben hatte, und mache mich auf den Weg in Rorys geräumiges Büro. Es ist mit Holz vertäfelt und von Bücherregalen gesäumt und wird von seinem riesigen Schreibtisch beherrscht. Sein Computer steht darauf, dunkel und still. Ich gehe daran vorbei zum Bücherregal dahinter, ziehe das rote Buch heraus und lege es zur Seite. Dann greife ich mit der Hand in die entstandene Lücke, suche nach dem kleinen, versteckten Knopf und drücke drauf. Die Holzvertäfelung unter den Bücherregalen springt mit einem leisen Klicken auf.

Danielle ist nicht die Einzige, die sich Notizen gemacht hat.

Ich öffne das Versteck und hole Rorys zweiten Laptop heraus. Rory behält keine Ausdrucke von irgendetwas. Keine Quittungen. Keine persönlichen Notizen. Nicht einmal Fotos. Über Papierausdrucke verliert man leicht den Überblick. Sie sind schwer zu kontrollieren, hat er mir einmal erklärt. In diesem Gerät ist alles versteckt. Ich weiß nicht genau, was sich darauf befindet, aber das brauche ich auch nicht. Niemand hat einen heimlichen Laptop, wenn er nichts zu verbergen hat. Vielleicht sind dort Unterlagen über ungeschönte Stiftungskonten oder Geld, das er abgezogen und auf Offshore-Konten umgeleitet hat. Wenn ich die Festplatte kopiere, kann ich das alles benutzen, falls Rory mir jemals zu nah kommen sollte.

Denn trotz meines Briefs wird Rory alles daransetzen, mich zu finden. Petra und ich haben deshalb über die Möglichkeit gesprochen, meinen Tod vorzutäuschen. Einen Unfall, bei dem keine Leiche gefunden werden kann. Aber Nico hat uns davon abgeraten. »Es wäre im ganzen Land in den Nachrichten, was die Sache für dich schwieriger machen würde. Es ist besser, wenn es aussieht, als hättest du ihn verlassen. Du bekommst ein bisschen Aufmerksamkeit in den Klatschzeitungen, aber das wird sich schnell legen.«

Wie erwartet werde ich beim Öffnen des Computers nach einem Passwort gefragt. Rory kennt meine, aber ich kenne keins von seinen. Doch ich weiß, dass Rory sich nicht gerne mit Dingen wie Passwörtern belastet. Das ist Bruce’ Aufgabe; er bewahrt sie in einem kleinen Notizbuch in seinem Schreibtisch auf.

Ich habe Bruce nun schon seit Wochen beobachtet, habe mit den Augen das grüne Notizbuch verfolgt, immer wenn er dort Passwörter nachgeschlagen hat, die Rory brauchte. Ich stellte Blumen auf den Tisch vor Rorys Büro oder wühlte im Flur in meiner Handtasche herum und sah dabei, wo Bruce das Notizbuch tagsüber aufbewahrte und wo er es nachts deponierte.

Ich durchquere den Raum bis zu Bruce’ Schreibtisch und fahre mit der Hand an der gegenüberliegenden Seite entlang. Ich betätige einen Hebel, der eine kleine Schublade freigibt, in der das Notizbuch liegt. Ich blättere es schnell durch; zuerst kommen Kontonummern und Passwörter für verschiedene Dienste – Netflix, HBO, Amazon –, und meine Finger zittern vor Aufregung, denn jede Minute, jede Sekunde zählt.

Fast am Ende finde ich das, wonach ich suche. MacBook. Ich tippe die Nummern und Buchstaben in den Computer, und ich bin drin. Laut Zeitanzeige oben auf dem Bildschirm ist es 1.30 Uhr, als ich den USB-Stick in den Port stecke und beginne, Dateien herunterzuziehen. Das Icon zeigt eine Zahl in den Tausendern und zählt langsam herunter. Ich werfe wieder einen Blick zur Tür und denke, dass alle meine Pläne abrupt hier in Rorys Büro enden könnten, wenn ich dabei erwischt werde, wie ich im Pyjama seine geheime Festplatte kopiere, versuche mir aber nicht vorzustellen, was er in dem Fall mit mir machen würde. Die Wut in seinen Augen, wie er mit vier großen, schnellen Schritten auf mich zugeht, bevor er mich packt und aus dem Büro schiebt oder zerrt, die Treppe hinauf in unser Schlafzimmer, wo uns niemand sieht und hört. Ich muss schwer schlucken.

Ein Knarren irgendwo über mir – ein Schritt oder eine Diele, die sich setzt – lässt mein Herz in der Brust klopfen und den Schweiß auf meiner Stirn ausbrechen. Ich schleiche auf den Flur und lausche, halte den Atem an und versuche, den Anfall von Panik, der mich überkommt, zu ignorieren. Aber alles ist still. Nach ein paar Minuten kehre ich zum Computer zurück, starre auf den Bildschirm, flehe ihn an, sich zu beeilen.

Dann fällt mein Blick wieder auf Bruce’ Notizbuch voller Passwörter, die es mir ermöglichen würden, in jeden Winkel von Rorys Leben zu blicken. Seine Terminkalender. Seine E-Mails. DasDoc. Wenn ich dazu Zugang hätte, könnte ich sie alle im Auge behalten. Würde wissen, was sie zu meinem Verschwinden sagen, ob sie mich suchen und wo. Ich könnte ihnen immer einen Schritt voraus sein.

Nachdem ich einen erneuten Blick in den leeren Flur geworfen habe, blättere ich im Notizbuch einige Seiten zurück, bis ich Rorys E-Mail-Passwort finde. Ich schnappe mir einen gelben Haftzettel und schreibe es in dem Moment ab, als der Computer mit der Kopie der Dateien fertig ist. Die Uhr in der Eingangshalle schlägt zwei, ich ziehe den USB-Stick aus dem Port und schiebe den Computer zurück in sein Versteck. Ich schließe es mit einem Klicken, stelle das Buch zurück ins Regal, lege Bruce’ Notizbuch wieder in seinen Schreibtisch und prüfe, ob es im Raum noch irgendwelche Anzeichen dafür gibt, dass ich dort war.

Als ich zufrieden bin, gehe ich leise wieder in mein Büro. Jetzt bleibt nur noch eines zu tun.

Ich lasse mich auf meinen Stuhl gleiten – das Leder fühlt sich an der Rückseite meiner Oberschenkel kalt an – und öffne meinen Laptop. Die Detroit-Rede ist immer noch aufgeschlagen. Ich schließe das Fenster, wohl wissend, dass mein Symbol jetzt von den Versionen der anderen verschwindet, und melde mich bei meinem E-Mail-Account ab. Als ich wieder auf der Gmail-Homepage bin, sitze ich einen Moment lang da und lasse die Stille des Hauses und das leise Ticken der Uhr in der Eingangshalle auf mich wirken. Ich atme tief ein und wieder aus und versuche, mich zu beruhigen. Versuche, alle Möglichkeiten zu bedenken, jede kleinste Kleinigkeit, die schiefgehen könnte. Ich blicke wieder zur Uhr, sage mir, dass um zwei Uhr morgens niemand wach sein wird. Bruce nicht. Danielle nicht. Rory bestimmt nicht. Zum millionsten Mal wünsche ich, das Haus wäre kleiner. Eines, in dem die Wände nicht so dick sind, die Teppiche nicht so gut die Schritte schlucken, und wo mich das Geräusch von Rorys Schnarchen beruhigen würde. Aber er liegt zwei Stockwerke über mir, und ich muss das hier erledigen.

Ich gebe seine E-Mail-Adresse ein, schiele zum Haftzettel und tippe sorgfältig das Passwort ab. Dann drücke ich auf die Eingabetaste. Sofort vibriert sein Handy auf dem Schreibtisch neben mir, und ein Alarmzeichen erscheint auf dem Display. Ein neues Gerät greift auf deinen Account zu. Ich wische nach links, um es zu löschen, und wende mich dann meinem Computer zu. Rorys Posteingang liegt offen vor mir. Die oberste einer langen Reihe ungelesener E-Mails enthält die Alarm-Nachricht. Ich lösche sie, gehe schnell in seinen Papierkorb und lösche sie dort ebenfalls.

Ich überfliege seine Homepage, sehe mir die verschiedenen Ordner an und klicke auf das Doc. Sie haben es Meeting Notes genannt. Ich öffne es, halte den Atem an, frage mich, was ich finden werde, aber es ist leer. Und wartet auf morgen. Ich stelle mir vor, wie ich spät am Abend irgendwo in Kanada heimlich beobachte, wie Rory und Bruce mein Verschwinden analysieren und herauszufinden versuchen, was passiert ist. Mehr noch. Ich werde in alles, was Rory und Bruce miteinander besprechen, eingeweiht sein, jedes Gespräch mitbekommen, von dem sie denken, dass es unter ihnen bleibt.