DER TEUFEL SPIELT NICHT MIT - John Raven - E-Book

DER TEUFEL SPIELT NICHT MIT E-Book

John Raven

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Beschreibung

Cyrus Burke, der junge Antiquitätenhändler aus Connecticut, reist erneut nach England - in das vermeintlich beschauliche Dorf Bleak Meadow. Begleitet von seinem Geschäftspartner Bob Hardcastle begegnet er dort dem ebenso exzentrischen wie geheimnisvollen George de Grass, der Cyrus eine umfangreiche Sammlung von Büchern über Hexerei und Schwarze Magie zum Verkauf anbietet. Doch kaum ist Cyrus Burke in Bleak Meadow angekommen, ereignet sich in der dortigen Kirche ein brutaler Ritual-Mord. Ist George de Grass der Täter? Vieles deutet darauf hin, denn dieser Mann mit einer düsteren Vergangenheit hält sich für einen wahrhaftigen Hexenmeister... Der Roman DER TEUFEL SPIELT NICHT MIT aus der Feder des britischen Schriftstellers John Raven (eigentlich Jonathan Quinton Raven, Jahrgang 1968) ist der zweite Band der Roman-Serie um den Antiquitätenhändler Cyrus Burke, der immer wieder unversehens in die merkwürdigsten Kriminalfälle stolpert. John Ravens Romane erscheinen exklusiv im Signum-Verlag.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


 

 

 

 

John Raven

 

 

Der Teufel spielt nicht mit

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

DER TEUFEL SPIELT NICHT MIT 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Impressum

 

Copyright © 2023 by John Raven/Signum-Verlag.

Published by arrangement with the Raven Family Trust.

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.

Übersetzung: Anna Borkowska.

Originaltitel: Well, The Devil's Not Playing Along.

Umschlag: Copyright © by Christian Dörge.

Die Illustrationen im Text stammen von Zasu Menil.

 

Verlag:

Signum-Verlag

Winthirstraße 11

80639 München

www.signum-literatur.com

[email protected]

Das Buch

 

 

Cyrus Burke, der junge Antiquitätenhändler aus Connecticut, reist erneut nach England - in das vermeintlich beschauliche Dorf Bleak Meadow. Begleitet von seinem Geschäftspartner Bob Hardcastle begegnet er dort dem ebenso exzentrischen wie geheimnisvollen George de Grass, der Cyrus eine umfangreiche Sammlung von Büchern über Hexerei und Schwarze Magie zum Verkauf anbietet.

Doch kaum ist Cyrus Burke in Bleak Meadow angekommen, ereignet sich in der dortigen Kirche ein brutaler Ritual-Mord. Ist George de Grass der Täter? Vieles deutet darauf hin, denn dieser Mann mit einer düsteren Vergangenheit hält sich für einen wahrhaftigen Hexenmeister...

 

Der Roman Der Teufel spielt nicht mit aus der Feder des britischen Schriftstellers John Raven (eigentlich Jonathan Quinton Raven, Jahrgang 1968) ist der zweite Band der Roman-Serie um den Antiquitätenhändler Cyrus Burke, der immer wieder unversehens in die merkwürdigsten Kriminalfälle stolpert. 

John Ravens Romane erscheinen exklusiv im Signum-Verlag.

  DER TEUFEL SPIELT NICHT MIT

 

 

 

 

 

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

 

Cyrus Burke: ein Antiquitätenhändler aus Connecticut.

Robert 'Bob' Hardcastle: sein Partner.

Chefinspektor Daniel Lejeune: Kriminalbeamter. 

George de Grass: ein geheimnisvoller Meister der Schwarzen Magie. 

Richard Graves: sein Sekretär. 

Alexis Van Rydock: eine alte Dame. 

Anne Roseblade: ihre Nichte. 

Alfred Fitzwilliam: Antiquitätenhändler in Bleak Meadow. 

Anthony Leach: Organist. 

Edward Serrocold: ein Dorfbewohner. 

William Lawson: ein Dorfbewohner. 

 

 

Dieser Roman spielt 1978 in Bleak Meadow, England.

  Erstes Kapitel

 

 

Gleich dem Eingang einer Kathedrale beherrscht der große Vorbau mit dem Südportal der Pfarrkirche den Marktplatz von Altoncester. Darüber ragen düster Mauern und Türme auf, bedeckt mit verschlungenen, in Stein gehauenen Ornamenten, und inmitten des Maßwerks sind verzerrte Teufelsfratzen zu erkennen. Von hoch oben unter dem Dach blicken die berühmten Wasserspeier herab: Die Zunge hängt aus ihren weitaufgerissenen Schnäbeln, und mit scharfen Klauen umkrallen sie das versteinerte Laubwerk.

»Teufelsabbilder!«, sagte Bob. »Welch ein Widerspruch!«

»Die Kirche hat sich die Teufel unterworfen«, erwiderte ich. »Sie hat sie zu harmlosen Regentraufen degradiert, oder sie sind einfach nur zur Zierde da.«

»Sie sehen so harmlos und unschädlich aus wie die Sioux nach General Custers letzter Schlacht.«

»Du gehst in deinem Nationalgefühl für Minderheiten etwas zu weit«, grinste ich. Bob war ein Cherokee aus Oklahoma.

Wir traten in den Schatten der Vorhalle, als ein uniformierter Polizist vor uns auftauchte und uns den Weg versperrte.

»Tut mir leid, Gentlemen«, sagte er, »aber wenn Sie nicht offiziell hier zu tun haben, kann ich Sie für den Augenblick nicht in die Kirche lassen.«

»Wo ist denn das Problem?«, fragte ich ihn.

»Nur eine kleine Panne, Sir«, antwortete er entschuldigend und reserviert zugleich, wie nur englische Polizeibeamte es können.

Während wir uns entfernten, raunte ich Bob zu: »Ich möchte bloß wissen, was da los ist. Nevile weiß sicher Bescheid. Er hat für Neuigkeiten die gleiche gute Nase wie für einen guten Handel.«

»Eine kleine Panne«, murmelte Bob nachdenklich, als wir die Seitenstraße mit Neviles Antiquitätenladen gefunden hatten. »Wie ich die Engländer in den vergangenen drei Wochen kennengelernt habe, soll das vermutlich heißen, dass man das Innere der Kirche fachmännisch demoliert hat.«

Bob Hardcastle und ich waren Partner. Wir hatten einen kleinen Laden in New Canaan, Connecticut, und handelten mit seltenen Büchern und Manuskripten, mit Drucken, Gemälden und alten Landkarten. Bei meiner ersten England-Reise hatte ich Sybil Redcliffe kennengelernt und geheiratet; ihr alljährlich auftretendes Heimweh sollte mir sehr bald einen ausgezeichneten Entschuldigungsgrund dafür liefern, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, und so kamen wir seit drei Jahren in den Frühlingsmonaten regelmäßig herüber. Wir wohnten bei den Redcliffe in Gloucestershire, und ich verbrachte mehrere Wochen damit, die Runde bei den Händlern und Auktionshäusern zu machen. Dieses Jahr jedoch hatte Bob ein Machtwort gesprochen: Er betonte, er habe es satt, jedes Mal daheim gelassen zu werden, um die Stellung zu halten; die Geschäfte seien dieses Jahr recht gut gegangen, und in Übersee sei er überhaupt noch nie gewesen.

So waren wir nach Ostern alle hergekommen. Nachdem wir eine Woche in dem großen Haus der Redcliffes in Darkmere verbracht hatten, ließen wir Sybil und den kleinen Benjamin in der nur allzu fürsorglichen Obhut der Großeltern zurück und fuhren mit einem Leihwagen los. Ich wollte auf jeden Fall in Altoncester Station machen, einerseits um Bob den hübschen Marktplatz und die prächtige Kirche zu zeigen, andererseits um Nevile West einen Besuch abzustatten. Ich mochte Nevile gern, und obwohl unsere Angelegenheiten nicht ganz in seine Richtung gingen, hatte ich von ihm vergangenes Jahr eine Originalausgabe von Ortelius’ Atlas gekauft, einen seltenen und hübschen Band, der irgendwie in seine Hände gelangt war und dessen Verkauf mir gute 2.000 Dollar Gewinn eingebracht hatte.

Nevile kam aus seinem Hinterzimmer hervorgeschossen und begrüßte uns mit einem Lächeln, das sein scharfgeschnittenes Gesicht teilte. Er war so adrett gekleidet wie eh und je: Er trug einen schwarzen Anzug, ein schneeweißes Hemd, Blume im Knopfloch und eine seidene Krawatte, in der eine Nadel mit einem goldgefassten, tropfenförmigen Granat steckte. Von allen Antiquitätenhändlern, die ich kenne, ist er der einzige, dessen Äußeres stets auf die gleiche Weise makellos wirkt und dessen Waren man sich ohne weiteres mit weißen Handschuhen anzufassen getraut.

»Cyrus Burke!«, rief er laut und schüttelte meine Hand. »Wieder im Lande? Es kann doch noch gar nicht lange her sein, dass wir uns auf Wiedersehen sagten! Warum haben Sie mir denn nicht geschrieben, dass Sie kommen würden?«

Ich stellte ihm Bob vor und sagte, unsere Pläne seien zu vage gewesen, als dass wir schon im Voraus hätten sagen können, wann wir uns wo aufhalten würden.

»Was ist eigentlich in der Kirche los?«, wollte ich wissen. »Ein Polizist steht davor und bewacht sie. Er lässt niemanden hinein.«

Neviles Gesicht verdüsterte sich.

»Eine üble Geschichte«, sagte er. »Sie erinnern sich vielleicht, dass wir ein hübsches, altes Silbergefäß in unserer Kirche haben. Es ist der Altoncester-Kelch. Ich glaube, ich selbst habe ihn Ihnen gezeigt, als wir uns zum ersten Mal trafen. Nun, und dieser Kelch... wurde letzte Nacht gestohlen.«

»Soll das ein Scherz sein?«

»Ganz und gar nicht! Es ist eine todernste Angelegenheit. Ich kenne einige Leute, denen jetzt überhaupt nicht zum Lachen zumute sein wird. Wochenlang hat der Kirchenrat hin und her überlegt, ob man den Kelch in einer Bank aufbewahren sollte oder nicht. Er befand sich tagsüber in einem Glasgehäuse, und nachts stellte man ihn einfach in einen alten Safe.«

»Nicht gerade clever«, stellte ich fest.

»Mehr als dumm«, antwortete Nevile. »Vor allem, weil in unserem County in den letzten drei oder vier Monaten schon einige Kirchendiebstähle vorgekommen sind. Niemand kann sagen, sie seien nicht gewarnt gewesen!«

Bob ließ durchblicken: »Ich wusste nicht, dass es Leute gibt, die Kirchen plündern, und auch nicht, dass sich in Ihren kleinen Dorfkirchen so große Schätze befinden.«

»Beides trifft zu«, sagte Nevile. »Ich weiß nicht, wie die Dinge in Amerika liegen, aber bei uns wird alles Mögliche in den Kirchen aufbewahrt. Kommunionteller, kostbare alte Kreuze, Rüstungen...«

»Rüstungen?«

»Helme, Schilde und hier und da ein Schwert. Bleak Meadow besitzt ein sehr schönes, und bis Februar dieses Jahres befand sich ein recht bemerkenswerter Helm in der Kirche von Charnwick. Er ist seitdem spurlos verschwunden.«

»Aber warum?« Bob stutzte. »Ich meine, warum sollte jemand...?«

»Nicht alle Antiquitätenhändler stellen Fragen«, wandte Nevile kurz ein. »Es gibt Leute in unserer Branche, die ohne weiteres ein schönes Zinngefäß erwerben, auch wenn es eine zweifelhafte Person vor ihren Augen unter dem Mantel hervorholt.«

»Und glauben Sie«, fragte ich, »dass die Polizei die Kirche nun dazu zwingen wird, solche Sachen sicherer aufzubewahren?«

»Die Polizei kann ihr nur einen guten Rat geben«, antwortete Nevile. »Leider wird in vielen Kirchen allzu leichtsinnig mit diesen Schätzen umgegangen.«

»Wie ist man denn an Ihren Kelch herangekommen?«, fragte ich.

»Auf eine sehr raffinierte Weise. Ich weiß davon, weil der Vikar ein alter Freund von mir ist. Der Betreffende, wer immer es auch gewesen sein mag, ist durch ein Hinterfenster eingestiegen. Zurzeit werden Reparaturarbeiten vorgenommen, und man hat auf der Seite, die teilweise im Schatten des Friedhofs liegt, ein Gerüst aufgebaut. Der Dieb ist daran hochgeklettert und hat eine Fensterscheibe herausgebrochen, die er vorher mit Klebeband überzogen hatte. Niemand hörte auch nur einen Laut. Und was den Safe anbetrifft...« Er kicherte. »Da ließ er sich etwas ganz Besonderes einfallen: Er hat eine schwere Kette herumgewickelt, einen Wagenheber zwischen Kette und Rückwand geschoben und dann den Wagenheber betätigt. Die Rückwand des Safes war nur angenietet. Durch den Druck sprangen die Nieten heraus, und er brauchte nur noch einen einfachen Meißel zu verwenden, um ins Innere zu gelangen, und schon hatte er, was er suchte. Die Kette und den Wagenheber ließ er zurück – vielleicht bringt das die Polizei auf eine Spur. Aber der Diebstahl ist, fürchte ich, nicht das eigentlich Unangenehme an der Geschichte.«

»Nein? Ich wüsste nicht, was sonst bei einem Diebstahl...«

Zögernd sagte Nevile: »Man hat etwas ziemlich Scheußliches auf dem Altar gefunden.«

»Etwas Scheußliches... auf dem Altar?«

Widerwillig fuhr er fort: »Es war... es war eine tote Katze, die an ein Kreuz aus Holz genagelt war. Ähnliches hat man auch nach den anderen Diebstählen, von denen ich sprach, entdeckt. In Upper Broom war es ein toter Frosch, in Tenterton war das Altarkreuz mit einer Schlange behängt, und auf das Altartuch in Charnwick hatte man mit Blut einen fünfzackigen Stern gemalt.«

»Ein Pentagramm«, sagte Bob. »Der Drudenfuß – ein Symbol der Magie und Hexerei.«

»Hexerei, wie? Wissen Sie, was das Ganze so unerfreulich macht? Die Tatsache, dass hier in der Nähe so eine Art Hexenmeister lebt und die Leute allmählich anfangen, ihn für alles verantwortlich zu machen. Vielleicht war er tatsächlich einmal groß auf seinem Gebiet, aber ich bezweifle sehr, dass der alte Mann heute noch in der Lage ist, solche Kletterpartien zu vollführen.« Er sah mich plötzlich scharf an: »Dabei fällt mir ein – das könnte etwas für Sie sein, Cyrus. Haben Sie schon jemals von George de Grass gehört?«

Ich dachte einen Augenblick lang nach. Dann sagten Bob und ich fast gleichzeitig: »George Trismagistus!«

Nevile schien verwirrt. »Unter diesem Namen kenne ich ihn gar nicht.«

»Um solche Details zu kennen, muss man vermutlich Buchhändler sein«, sagte Bob. »Er hat zwei Bücher geschrieben. Das eine unter seinem eigenen Namen mit dem Titel Der Ashtaroth-Kult, das andere unter dem Namen George Trismagistus mit dem Titel Der Schlüssel zum Schwarzen Tor. Er war so eine Art Anhänger oder Anbeter des Satans. Vor dem Zweiten Weltkrieg, glaube ich. Ich dachte, er wäre schon längst tot.«

»So ist es eben mit dem Ruhm«, kicherte Nevile. »Sie sind zu jung und können sich deshalb nicht mehr daran erinnern, was die Presse über ihn schrieb. Das sündhafteste Geschöpf unter der Sonne oder Der letzte Hexenmeister wurde er genannt.«

»Ich wusste nicht, dass Sie schon so alt sind«, gab ich zu.

»Ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach«, sagte Nevile würdevoll. »Aber sogar damals habe ich schon von ihm gehört. Er war das Haupt einer Sekte von Teufelsanbetern. Einige bedeutende Persönlichkeiten waren in die Sache verwickelt, und für die Sensationspresse war es ein gefundenes Fressen: Schwarze Messen, schauerliche Zeremonien, Sex-Orgien und was weiß ich nicht alles. Eine Zeitlang war sogar davon die Rede, dass man ihm den Prozess machen wollte; dabei sollten irgendwelche alten Gesetze gegen Hexerei zur Anwendung gelangen. Aber schließlich war der Krieg das wichtigere Ereignis, und man hörte nichts mehr von ihm. Nach Kriegsende tauchte er jedoch wieder auf – in Italien  –, und es gab Gerüchte, er habe mit dem Feind kollaboriert. Er konnte diese Anschuldigung allerdings entkräften. Die Zeitungen berichteten erneut von ihm, als er behauptete, Mussolinis Tod sei die Folge einer rituellen Beschwörung gewesen, die angeblich unter seiner Anleitung stattgefunden habe. Danach machte er noch öfters von sich reden, hat aber seine frühere Form nie wieder erreicht.«

»Und er lebt immer noch?«, fragte ich.

»Ja, das tut er – keine zehn Meilen von hier, in Bleak Meadow. Er kam vergangenen Herbst nach England zurück. Deshalb tauchte sein Name zum ersten Mal seit Jahren wieder in der Zeitung auf, allerdings nur in dem in Gloucestershire erscheinenden Echo. Man hat einen kurzen Artikel über ihn geschrieben und die alten Geschichten wieder aufgewärmt, und die haben natürlich einige unserer Einwohner beunruhigt. Seit wir nun diese Kirchendiebstähle hier haben...«

»Ich würde ihn auch verdächtigen, denke ich. Aber warum sagten Sie, das sei unter Umständen etwas für mich?«

»Eine traurige Angelegenheit, das Ganze. Er ist ein alter Mann, und ich nehme an, er verfügt über keine nennenswerten Mittel. Er kam eines Tages zu mir – das ist noch gar nicht lange her – und wollte mir ein paar alte Bücher über Magie verkaufen. Ich sagte ihm, ich würde nicht viel von Büchern verstehen und hätte deshalb auch keine Ahnung, wieviel seine eigenen wert seien. Ich gab ihm den Rat, sich doch an einen der größeren Händler zu wenden – beispielsweise an Rota oder Quaritch in London. Er deutete mir gegenüber an, dass er eine ziemlich große Sammlung von Werken über die Magie besitzt.«

Ich sah Bob an. Er hatte sein Indianergesicht aufgesetzt: Undurchdringlich und wie aus Holz geschnitzt. Das bedeutete, er war genauso gespannt wie ich.

Ich versuchte, meine Stimme ganz normal klingen zu lassen: »Wo wohnt der Mann, und wann kann man ihn besuchen?«

Nevile grinste. »Das Wasser läuft Ihnen wohl schon im Mund zusammen, was? Aber ich kann Ihnen da leider nicht behilflich sein. De Grass bewohnt ein kleines Landhaus, das einer meiner Kunden, Anthony Leach, ihm überlassen hat. Leach hat ihn auch zu mir geschickt.«

»Wie lange ist das her?«, fragte Bob. »Vielleicht kommen wir schon zu spät, und er ist gerade eben auf dem Weg zu Bertram Rota.«

»Darüber würde ich mir im Augenblick nicht den Kopf zerbrechen«, beruhigte ihn Nevile. »Zu großen Händlern, versicherte mir de Grass, habe er kein Vertrauen. Deshalb wollte ich mich mit einem Händler aus der Gegend in Verbindung setzen. Aber ich muss gestehen, ich hatte es vollkommen vergessen.«

»Gott sei für Ihr schlechtes Gedächtnis gedankt«, sagte ich und knöpfte meinen Regenmantel zu. »Wenn Sie uns vielleicht noch verraten könnten, wo Ihr Freund Leach wohnt, sind Sie uns gleich los.«

»Sie kennen doch die Cheltenham Road? Etwa drei Meilen außerhalb der Stadt zweigt rechts eine Straße ab. Auf dem Straßenschild steht Chead und Bleak Meadow. In Bleak Meadow rufen Sie dann Mr. Leach an und sagen ihm, ich hätte Sie zu ihm geschickt. Sie werden in ihm sicher einen angenehmen Menschen finden. Er hat keinerlei finanzielle Sorgen und kann anscheinend über seine Zeit frei verfügen. Ziemlich interessanter Bursche – sammelt Miniaturen, Silber, Porzellan, Waffen und der Himmel weiß was sonst noch alles.«

Wir verließen die Stadt auf einer der alten Römerstraßen, die gerade wie der Schaft eines Speeres verlaufen und von der Geschichte Altoncesters Zeugnis ablegen. Als wir langsam bergab fuhren, lagen links und rechts von uns – kalt unter grauem Himmel – steil ansteigende Felder, die wie Flickwerk aussahen und zu beiden Seiten der Straße durch niedrige Steinmauern begrenzt wurden.

»Wundervoll«, murmelte ich, wie schon mehrere Dutzend Male zuvor während dieser Fahrt.

»Das ist es«, stimmte Bob zu, »aber trotzdem bist und bleibst du ein schrecklicher Romantiker. Du siehst nur, was du sehen willst. Wenn es nach dir ginge, müsste man alles in diesem Land wundervoll finden. Aber ich sehe nicht ein, warum ich nicht auch die Schattenseiten zur Kenntnis nehmen sollte.«

»Was hast du gegen diesen Buchenwald einzuwenden?«

»Nicht das geringste. Aber so, wie du dein wundervoll aussprichst, scheint es ausgeschlossen zu sein, dass wir zu Hause in Connecticut auch ein paar schöne Wälder besitzen könnten. Nimm doch bloß das Hotel, in dem wir letzte Nacht waren. Sicher – es sah von außen ganz wundervoll altmodisch aus; aber das mickrige elektrische Heizgerät verwandelte die Nacht in eine sibirische. Die Bettlaken waren feucht, es gab keine Leselampen, und die Toilette war nur mit Kompass und Karte ausfindig zu machen.«

Ich vermochte nicht zu antworten. Ich fühlte mich persönlich angegriffen, obwohl er tatsächlich nur die Wahrheit in Worte kleidete.

Er verstand mein Schweigen sofort richtig zu deuten. Indem er sich mir zuwandte, sagte er grinsend: »Fass es nicht als eine persönliche Beleidigung auf, Cyrus. Aber zwischen uns und den Engländern gibt’s nun mal Unterschiede, und manche fallen mir eben auf die Nerven. Mir kommt es so vor, als wären sie ausdrücklich in jene Dinge und Zustände verliebt, die ein normaler Mensch nicht ausstehen kann.«

Ich brachte den Wagen zuerst um eine enge Kurve und sagte dann: »Vielleicht sind sie das auch. Sie klagen über das feuchte Wetter, finden aber gleichzeitig, dass es das Land so grün macht. Sie wollen es eben nicht anders.«

»Jedenfalls verstehen wir behaglich zu leben.«

»Sie haben einfach einen anderen Begriff von Behaglichkeit – das ist alles. Sie nehmen vieles gelassener hin, als wir es tun, und sind unabhängiger und sogar toleranter.«

»Sieh an. Hoffnungslos sentimental bist du. Sie regen sich nur nicht gern auf – das ist alles.«

Der Wald hörte auf. Hinter graugrünen Hecken tauchte ein Dorf auf. Wir fuhren an dem Ortsschild mit der Aufschrift Bleak Meadow vorbei, und im nächsten Augenblick mündete die enge Straße in einen weiten, ansehnlichen Platz, der von Lindenbäumen eingesäumt war und in dessen Mitte sich eine offene Markthalle mit Steinsäulen befand.

Ich blieb sitzen, während Bob aus dem Wagen sprang und auf eine gegenüberliegende Telefonzelle zuging.

Wenige Minuten später war er zurück. Er lehnte sich an mein Fenster und sagte: »Stell den Motor ab.«

»Stimmt was nicht?«

»Doch. Scheint ganz nett zu sein, unser Mr. Leach. Aber er hat heute Nachmittag zu tun. Um vier Uhr sollen wir bei ihm zum Tee antraben. Danach will er uns zu de Grass' Haus führen und uns ihm vorstellen.«

»Das bedeutet, wir können heute nicht mehr alles unter Dach und Fach bringen – es sei denn, seine Bücher sind allesamt wertlose Schwarten.«

»Hm... Jedenfalls habe ich jetzt Hunger. Es ist zehn nach zwölf. Verschone mich bitte mit dem Einwand, die Engländer würden erst um eins zu speisen geruhen; mein Magen ist nämlich nach der Zeit in Connecticut gestellt.«

Ich holte den Kleinen Führer durch die guten Küchen hervor, ohne den kein zivilisierter Mensch England bereist.

»Ich kann dich glücklicherweise dahingehend informieren, dass das Grotto-Hotel in Bleak Meadow sich durch reichliches, bürgerliches, typisch englisches Essen auszeichnen soll.«

»Aha«, sagte Bob, »gebratener Schinken, der kaum die Pfanne gesehen hat. Weißt du, wir könnten uns bei der Gelegenheit dort auch nach einem netten, kalten, feuchten Zimmer erkundigen.«

Das Grotto war in der Tat ein bezauberndes Gasthaus. Innen stützten schwere Balken Wände und Decken eines jeden Raumes, und man sah viel Zinn und glänzendes Messing. Weitere Gäste schien es kaum zu geben, und wir bekamen ein Doppelzimmer, dessen in tiefen Nischen liegende Fenster auf den Marktplatz schauten. Ein weiterer Vorteil: Das Essen wurde um 12.30 Uhr serviert.

Nach dem Essen sahen wir uns das Dorf an. Es lag am Fuße eines großen Hügels, der die Form eines Walrückens hatte. Um ihn herum lief die Straße nach Altoncester. Diese Anhöhe, einer der letzten Ausläufer der Cotswolds, vermittelte einem geradezu ein alpines Gefühl.

Wir kamen schließlich auf eine Straße, die zur St.-Michaels-Kirche führte. Sie stand an einem Fluss am Rande des Dorfes und war von den nächstliegenden Häusern durch einen von Eiben umstandenen Friedhof getrennt.

Die Sonne zeigte sich jetzt als wässerige Scheibe, die Luft hatte sich etwas erwärmt, aber in der Kirche war es so kalt, dass man den Atem sehen konnte.

Die schön gearbeiteten, steinernen Kapitelle der Säulen bildeten den ältesten Teil der Kirche. Wir fanden auch das Schwert, das Nevile erwähnt hatte: eine Waffe mit breiter Klinge, braun vom Schmutz der Jahrhunderte, die jedoch immer noch sehr gefährlich aussah. Unter einem verbeulten Helm hing es hoch oben im südlichen Querschiff. Darunter befand sich eine durch dickes Schiebeglas verschlossene Nische in der Wand; es musste sich dabei um Panzerglas handeln, da es kaum möglich war, hindurchzusehen. Wir konnten jedoch ein hohes Trinkgefäß mit Deckel erkennen und daneben eine runde, flache Schüssel aus Zinn. Auf einem an der Wand befestigten Schildchen konnte man folgendes lesen:

 

Abendmahlkelch und Patene – von Thomas Cooper um etwa 1660 angefertigt. Beide waren ursprünglich Eigentum der St.-Michaels-Kirche und befanden sich aus Sicherheitsgründen während der Bürgerkriege in Sir Henry Cressetts Gewahrsam. Lange Zeit über blieben sie völlig unbeachtet in seinem Wohnsitz, Owlmark Hall, und nur der Großherzigkeit des gegenwärtigen Eigentümers von Owlmark Hall, Anthony Leach, Organist dieser Kirche, ist es zu verdanken, dass die beiden wertvollen Gegenstände wieder ihren ursprünglichen Platz in dieser Kirche erhielten.

 

»Unser Mann?«, fragte ich.

»Muss es wohl sein.«

»Machte er am Telefon den Eindruck eines Organisten?«

»Er hatte die Stimme einer Frau, wenn’s dich interessiert. Sie klang nicht schwul, weißt du – nur hoch.«

»Der Typ des öffentlichen Wohltäters also.«

»Machen wir, dass wir hier rauskommen. Ich habe mich schon in einen Eiszapfen verwandelt«, sagte Bob.

Wir spazierten über den Friedhof und kamen zu guter Letzt an die Einmündung einer gewundenen Seitenstraße, die ins Dorfzentrum zurückführte. Am Beginn dieser Straße stand auf der Seite, wo die Kirche lag, in einem Garten ein großes, langgestrecktes Fachwerkhaus. Es hatte ein Strohdach, auf dem ein Strohdecker damit beschäftigt war, Strohbüschel, die er zuerst sauber gebündelt hatte, an den richtigen Platz zu stecken. Er sah zu uns herunter. Wir sagten: »Hallo«, und er nickte uns zu.

Als wir am anderen Ende der Gasse in eine breitere Straße einbogen, fasste mich Bob am Arm und zeigte geradeaus. Über der Eingangstür des Eckhauses sah ich ein großes, handgemaltes Schild:

 

Alfred Fitzwilliam, Kunst und Antiquitäten.

 

Auf dem Gehweg vor dem Haus standen zwei alte, wackelige Stühle und ein rostiger Vogelkäfig auf einem Messingständer.

»Gehen wir mal rein«, schlug ich vor, »man kann nie wissen.«

So anspruchsvoll sich das Schild auch gebärdete – Mr. Fitzwilliams Reich war eindeutig ein Ramschladen.

---ENDE DER LESEPROBE---