Der Tote im Borgward - Ronald Fricke - E-Book

Der Tote im Borgward E-Book

Ronald Fricke

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Beschreibung

Thomas Neumann, der Finanzchef des insolventen Automobilherstellers Borgward, wird tot aufgefunden. Kommissaranwärter Nettelbeck und sein erfahrener Kollege Schröder übernehmen den Fall. Die ersten Spuren führen zu Borgward selbst. Musste Neumann sterben, weil nicht jeder an einer Rettung des Unternehmens interessiert ist? Als die Ermittler beginnen, sich gegenseitig zu misstrauen, keimt in Nettelbeck ein unvorstellbarer Verdacht, der ihn an seine Grenzen bringt.

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ronald Fricke

Der Tote im Borgward

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Georg Schmidt, Archiv Peter Kurze

ISBN 978-3-7349-3078-2

Zitat

»Denn Geschichte ist nie abgeschlossen, sie wirkt in jede Gegenwart hinein, sie überprüft uns, gibt uns etwas auf, sie verstört, erinnert und verpflichtet uns und läßt uns erschauern vor den Möglichkeiten des Menschen.«

(Siegfried Lenz, aus seiner Dankesrede zum Erhalt des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1988)

Teil 1 Ein Mann der mittleren Distanz

Prolog

Plötzlich ist da eine Stille, und eine Woge ergreift mich und schleudert mich durch die Luft. Dann ist da eine große Dunkelheit, erfüllt mit Schmerz. Dann kommt der Krach zurück. Lauter denn je. Ohrenbetäubender Krach.

Wo ist Heiko? Ich klettere und krieche durch die Trümmer. Über mir das wütende Lichterspektakel der Flak am nächtlichen Himmel. Eine schmutzige Hand schaut aus dem Schutt und dem Qualm heraus, die Finger bewegen sich hilflos. Ich spüre keinen Schmerz, obgleich ich blute. Ich spüre nur einen Wunsch: Ich muss zu dieser Hand. Ich stolpere und stürze, bis ich endlich die Hand erreiche. Ich fasse sie. Ich halte sie. Will um Verzeihung bitten. Kann nicht. Mein Mund ist voller Dreck. Ich krächze. Er kann mich nicht hören. Die Hand erschlafft mit einem Rieseln, ich weiß nicht, woher. Ich bin mir sicher, wenn ich die Hand loslasse, geht die Welt endgültig unter. Dann wird mir klar, dass Heiko tot ist. Tot. Also ist die Welt bereits untergegangen. Aber die Hand regt sich plötzlich, greift zu, packt mich. Jubel erfasst mich. Doch was ist das? Die Hand zieht mich, sie will mich unter den Schutt zerren. Mein Arm ist schon verschwunden, und mich ergreift eisige Dunkelheit. Ich schreie, denn jetzt will ich leben, leben!

Männer zerren mich weg und tragen mich von Heiko fort. Einer flucht böse und spuckt aus: »Scheiß Tommys!«

Trotzdem ist mir, als hätte ich Heikos Hand niemals losgelassen, sondern wäre wie durch ein unsichtbares Band mit dem Toten verbunden, gefangen in einer zu Kristall erstarrten Sekunde bis in alle Ewigkeit.

Kapitel 1

Der Regen hatte nachgelassen, als ich am Tatort ankam. Fröstelnd duckte ich mich in den grauen Wollmantel, den Gisela mir geschenkt hatte. Die Düsternis des Morgens durchdrang alles mit ihrer kalten, dunstigen Nässe. In den Pfützen spiegelte sich der Himmel schattenhaft.

Eine halbe Stunde zuvor hatte mich ein Streifenpolizist aus dem Bett geklingelt, und ich war gleich von der Neustadt hierhergeeilt mit meinem Fahrrad, ohne zu frühstücken oder vorher zum Präsidium zu fahren. Außer dem Pfefferminzgeschmack der Zahnpasta hatte ich noch nichts genossen. Aber ich wollte so früh wie möglich erscheinen. Es war schließlich mein erster Fall, und Schröder konnte ungehalten werden, wie man mir gesagt hatte.

Nur zögernd näherte ich mich dem Tatort.

Das blaue Licht der beiden Polizeiautos durchpulste stumm die Szenerie, während eine Straßenbahn sich einen Weg durch das Chaos bimmelte. Kreischendes Quietschen, als Stahl auf Stahl schabte. Das Geräusch verursachte Schmerzen an meinen Zähnen. Und endlich ruckelte die Straßenbahn knirschend vorbei.

Im selben Moment, wie ich unterm Absperrband durchtauchte, kam auch Schröder. Groß und feist verließ der Mann seinen Wagen und schritt quer über die Straße, als durchteilte er ein Meer. Alle Augen waren sofort auf ihn gerichtet, den Hauptkommissar. Mich bemerkte man kaum. Ich trat an den Wagen, dessen Fahrertür geöffnet war, und sah den Toten, den Toten im Borgward, wie es später in der Presse lauten würde.

Ich schüttelte mich vor Kälte, auch um ein Bild loszuwerden, das Bild eines anderen Toten, den ich einmal gesehen hatte. Einen Jungen.

Der Tote blickte aus seinen leeren … Augen. Nein, es gab keine Augen. Stattdessen gab es – Blumen. Ja, er schaute mit seinen Blumenaugen in den weißen Kunststoffhimmel des Wagens. Der Mund stand offen, was dem Gesicht einen erstaunten Ausdruck verlieh. Der Kopf war nach hinten gelehnt. Jemand, vermutlich der Täter, hatte den Sitz nach hinten gedreht, sodass der Tote nicht nach vorn fiel.

Das Auto war ein Borgward, also nicht irgendein Auto; denn natürlich dachten wir alle sofort an die Borgward-Krise, die die Schlagzeilen beherrschte, und so war es ein Sinnbild, dass der Tote gerade in solch einem Wagen saß, hinter dem Steuer, in einer halb liegenden Position.

Um mich herum war Stimmengewirr. Das Innere des Wagens und der Tote selbst waren geradezu voller Blut. Blitzlichter funkten in den diesigen Morgen. Die Fotografin suchte immer wieder eine neue, eine bessere Stellung, um das Innere des Wagens und die Lage des Opfers ins Visier zu nehmen.

Aber was war das?

Mein Chef, Kriminalhauptkommissar Schröder, begann, irgendetwas zu rezitieren. Es klang eigenartig schön, begleitet vom rasselnden Beckenklang des Windes, der über die Pfützen strich.

Es klang auch zynisch.

»Das macht der immer so«, flüsterte mir Kemnich von der Kriminaltechnik zu. Ein Polizist in Uniform glotzte verständnislos. Ein anderer zeigte einem anderen heimlich den Vogel. Aus Schröders immer feuchten und irgendwie gierigen Lippen strömten diese Verse in einem basstiefen Gurgeln. Es ging um einen ersoffenen Bierkutscher, der eine Aster zwischen den Zähnen hatte. Er liegt nackt auf einem Seziertisch. Man schneidet ihm die Zunge heraus. Da schwimmt eine kleine Aster davon in sein Gehirn. Soll sich die kleine Aster satt trinken, heißt es. Satt trinken am Fleisch des Toten, sagt die Stimme des Gedichts und sagte die Stimme Schröders.

Dabei waren es keine Astern, es waren zwei Nelken, eine weiße und eine rote, und sie lagen dem Toten auf den Augen, waren seine neuen Augen. Um den Mund und auf dem Kinn viel Blut. Trotz allem, dachte ich, ist die Anmut des Antlitzes noch nicht ausgelöscht. Die blutigen Blütenaugen vereinigten auf bizarre Weise Schönheit und Grausamkeit.

Schröder beendete seinen kleinen Ausflug ins Poetische mit einem Wort wie ein Gong: »Benn.« Und fügte noch hinzu: »Gottfried.« Er grinste, um den Zynismus perfekt zu machen. Schröder war ein Hüne, über einen Meter neunzig aufragend, Stiernacken, breiter Brustkorb, riesige, kräftige Schaufelbaggerhände. Dazu eine richtige Fresse: selbst jetzt noch, wo er über fünfzig Jahre alt war, pockennarbig. Dazu ein zünftiger Schmiss, quer über die rechte Wange, war Korpsstudent in Göttingen Anfang der Dreißigerjahre gewesen.

»Die Blüten. Die sind doch vom Schießstand«, bemerkte Schröder.

Der Rechtsmediziner, der den Toten untersuchte, kam aus dem Wagen hervor und machte Schröder Platz. Der stierte ins Innere, er beugte sich hinein in den Fond des Wagens und schaute dem Toten direkt auf die Blütenaugen. »Aha«, murmelte er. Alle warteten gespannt. »Die sind angepinnt«, stellte er fest. »Mit einem Draht oder so. Das müsst ihr euch nachher mal genau anschauen.«

»Wo sind denn die Augen?«, fragte ich. Ich war bisher noch niemandem aufgefallen. Jetzt starrten mich alle an, und dann lenkten sie den Blick auf den toten Mann im Wagen. Schröder knurrte. Schröder kramte. Er zückte eine Pinzette. Damit versuchte er vorsichtig, die Kunstblüte beiseitezuschieben, um dahinter zu sehen.

»Weg … Keiner rührt sich!«

Wir erstarrten sofort. Er kam aus dem Wagen heraus. Vorsichtig eierte er zehenspitzig mit seinen riesigen Quadratlatschen über die Gehwegplatten, sein Blick auf den Boden geheftet, ein Nilpferd als Ballerina. »Nicht, dass die Augen hier herumliegen und morgen spielen Kinder damit Murmeln.«

»Mensch, die hätten wir doch schon gefunden«, versicherte Kemnich.

Schröder entspannte sich. »Wie lange ist der Mann schon tot?« Er wandte sich an Dr. Hauptmann, den Rechtsmediziner.

»Noch nicht lange. Würde sagen, keine zwei Stunden.«

Schröder schaute auf seine Armbanduhr. »Also ist der Tod so gegen halb fünf, fünf eingetreten.«

»Ja, round about.« Der Mediziner war Mitte fünfzig, graue, trockene Haut und glasige Augen. Überarbeitet. Er hatte nach dem Krieg erst für die Engländer und dann für die Amerikaner gearbeitet, daher seine Angewohnheit, englische Redewendungen einzuflechten.

»Was meinen Sie, war der Mann schon tot, als man ihn blendete?« Wieder war der Arzt gefragt.

»Das lässt sich nur durch eine Autopsie feststellen, wenn überhaupt. Todeszeitpunkt und Augenentnahme liegen vermutlich zeitlich eng beieinander. Ich hoffe natürlich, dass die Blendung nachher geschah.«

Alle nickten.

»Jetzt erst mal weg mit ihm nach nebenan, in die Rechtsmedizin. Aber Vorsicht!«

Die Pathologie lag tatsächlich nicht weit weg von dem Ort, an dem wir uns gerade befanden, wenn auch nicht nebenan. Schröder trat beiseite und ließ zwei Sanitäter ihre Arbeit machen. Der Tote wurde aus dem Wagen gehievt und auf eine Bahre gelegt – die beiden Männer waren nervös und unsicher angesichts des schaurigen Anblicks. Schließlich rutschte einem der Griff aus der Hand. Dabei fiel eine der beiden Blüten aus seiner menschlichen Vase und wäre beinahe auf dem Boden gelandet, aber ich, Thomas Nettelbeck, war zur Stelle und fing sie auf. Schröder fauchte die beiden an, die sich schuldbewusst duckten, sodass die Bahre zu schwanken begann. Dr. Hauptmann machte eine hilflose Bewegung.

Wir alle sahen in die leere rechte Augenhöhle des Toten. Eine Blutspur von der Augenhöhle die Wange hinab war geronnen und glich einer roten Träne, künstlich, kitschig und schrecklich-clownesk zugleich, wie aufgemalt. Wir schauderten. Nur Schröder, so viel bemerkte ich, zuckte nicht, verriet mit keiner Miene, ob er betroffen war. Sein Gesichtsmassiv war versteinert, und dann sagte er, als würde ein Fels mit Leben behaucht: »Gut gemacht.«

Schröders Lob verwies mich wieder auf die Blüte in meiner Hand. Darin steckte ein Draht, wie man es von Jahrmarktblumen kennt. Kemnich hielt mir einen Asservatenbeutel hin. Ich legte die Blüte vorsichtig hinein. Am Draht und an einigen Blättern war Blut. Ich war zwar froh, die Blüte loszuwerden, wollte aber auch nicht pietätlos sein. Diese Blüte, so schien mir, war auf wunderliche Weise zu einem Teil des Toten geworden.

»Hier, meine Rotzfahne.« Schröder reichte mir ein zusammengefaltetes Taschentuch. Ich rieb das Blut ab und wusste nicht, ob ich ihm das blutbefleckte Stück Stoff wieder zurückgeben sollte. Was soll’s. Ich steckte es in meine Manteltasche.

»Warum hat der Mörder sein Opfer brutal geblendet und dann mit Blumen bedeckt?«, sinnierte Schröder für sich, aber so, dass es jedermann hörte.

Währenddessen erklärte ein eifriger Polizeiwachtmeister: »Die Leiche, ein gewisser Thomas Neumann, neunundzwanzig Jahre alt, verheiratet, wurde heute um sechs Uhr fünfundvierzig gefunden. Ein neugieriger Passant wollte einfach einmal einen Blick ins Innere des schicken Wagens werfen. Ist ja auch eine Luxuskarosse, ein P100, das Beste, was Borgward zu bieten hat, und ein paar Extras dazu. Liegt tiefer, weil er eine Luftfederung besitzt. Das muss schaukeln wie im Himmelbettchen. War bestimmt ein Borgward-Liebhaber.«

»Wird es bald nicht mehr viele geben«, kommentierte einer.

»Sechs Zylinder, Hubraum zweitausendzweihundertvierzig Kubikzentimeter«, konstatierte Kemnich nüchtern mit leichtem Aufflackern von Zahlenmagie.

»Mann, kriegen Sie sich mal wieder ein! Der Wagen ist vermutlich ein Tatort!«, rumste Schröder dazwischen.

»Der Hansa 24-Hundert gefällt mir besser, irgendwie runder! Der alte Carl Borgward fährt den auch. Na ja, den haben die abgesägt. Hat im eigenen Laden nichts mehr zu sagen«, warf ein umherstehender Polizist ein und erntete einen bösen Blick vom Berg, der Schröder hieß. Er hielt sofort die Klappe.

Die Fotografin machte weitere Aufnahmen vom Tatort. Sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, und drehte sich mir zu: »Zurbrüggen. Ich bin hier die Hoffotografin«, sagte sie und machte einen Knicks. Dieser ironische Moment währte nur kurz, und sie konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit und nahm kaum meine Antwort wahr: »Nettelbeck, Kommissaranwärter.« Sie war das, was man burschikos nennt, obwohl sie bestimmt ein paar Jahre älter war als ich, eine Frau Anfang dreißig.

»Wo hat der Mörder gestanden? Hier draußen? Öffnet die Wagentür, setzt die Pistole dem Opfer auf die Brust. Keine Gegenwehr? Überrumpelt? Schneidet ihm die Augen heraus. Und dann kramt er diese blöden Kunstblumen hervor und steckt sie seinem Opfer in die Augen? Eine rote und eine weiße? Himmel, was soll das? Hatte er die zufällig dabei?«

»Beziehungstat?«, fragte Kemnich als verspätete Reaktion auf den Monolog Schröders.

»Sieht so aus«, nuschelte ein Unbefugter.

»Oder es soll so aussehen«, konterte Schröder, der einzig Befugte und fuhr sich mit dem Zeigefinger an die Nase.

»Scheiße.« Es begann, wieder heftiger zu regnen. Regenschirme sprossen aus Händen. Ich kroch in meinen Mantel, aber es half nichts. Schröder teilte den Kriminalobermeister namens Kupfer ein, zusammen mit ein paar Streifenpolizisten in den umliegenden Häusern und Geschäften nachzufragen, ob jemand etwas gesehen hatte. Vielleicht hatte auch jemand den Schuss gehört. Schräg gegenüber war eine Bar namens Das Trunkene Schiff.

»Da auch«, gab Schröder Anweisung. »Und? Was machen wir, Nettelbeck?«

Ich überlegte kurz. Ehe ich antworten konnte, fiel Schröders betonschwere Pranke auf meine schmale Schulter. »Wir haben die überaus angenehme Aufgabe, einer jungen Frau mitzuteilen, dass sie ab heute Witwe ist. Verdammter Mist!«

In diesem Moment fuhr der Abschleppwagen vor. Eine heranrasselnde Bahn musste halten. Neugierige drängten sich ans Absperrband, bildeten einen Pulk, den einige Polizisten wieder zu zerstreuen suchten. Schröder hatte sich die Adresse des Toten von einem Polizisten geben lassen. Sein Wagen, eine blaue Isabella, parkte vorm Trunkenen Schiff. Schröder quetschte sich ins Auto. Der Borgward Isabella war offizielles Polizeiauto in Bremen, nur war Schröders nicht grün-weiß lackiert. Neugierig betrachtete ich das seltsam verschlossene Etablissement. Das Trunkene Schiff hatte keine Schaufenster, glich vielmehr einer Festung. Lediglich ein kleines, rautenförmiges Sichtfenster prangte in der rot gestrichenen Tür.

»Kennen Sie den Laden nicht?« Er ließ den Wagen an.

»Nein«, antwortete ich. Ich kannte in der Tat wenig von der Stadt. Hatte mich schon sehr früh nur dem Sport gewidmet und war jahrelang damit beschäftigt gewesen, so schnell wie möglich über vierhundert Meter Aschenbahn zu rennen. Immer im Kreis. Immer im Kreis. Und die letzten achtzehn Monate hatte ich in Düsseldorf verbracht wegen der Ausbildung.

»Gut so«, nickte Schröder und ging nicht weiter darauf ein.

Kapitel 2

»Die Jungs konnten sich kaum wieder einkriegen! Die sehen einen Borgward und schon steht er ihnen. Bei mir regt sich da nix. Wie geht es Ihnen, Nettelbeck? Regt sich bei Ihnen was?« Er drehte mir kurz die Bulldoggenvisage zu, darin lag ein Schatten von Gemeinheit oder zumindest von Provokation. Ich arbeitete seit einer Woche im Dezernat unter Hauptkommissar Schröder und war vorgewarnt worden. Schröder provoziere gern. Was sollte ich antworten?

»Für mich ist ein Auto in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand. Natürlich … so ’ne Karosserie mit Stufenheck, wie das fließt … das sind Formen, da kann einer schon schwach werden.« Ich wandte ihm nun meinerseits das Gesicht zu.

»Wollen Sie mich verscheißern, Nettelbeck?«

»Nee, ich doch nicht.«

»Dann ist ja gut!«

Wir fuhren in Richtung Schwachhausen. Es war acht Uhr fünf. Radio Bremen sendete den Wetterbericht: Regen. Außerdem war es richtig kalt. Nur fünf Grad. Ein typischer norddeutscher Apriltag. Ich, die Frostbeule, saß in meinem klammen Wintermantel, während Schröder einen beigen Popeline-Mantel trug, der an den Schultern und über dem Bauch spannte. Schröder schob den Gebläseschieber nach rechts. Das Gebläse begann zu heulen, mitten in einen Schmachtfetzen hinein.

Freddy Quinn sang: »Es kommt der Tag, da will man in die Fremde. Da, wo man lebt, scheint alles viel zu klein …«

Der Tote im Borgward schien etwas angestoßen zu haben. Ich wollte nicht daran denken. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, um loszulaufen, zur nächsten Aschenbahn. Glücklicherweise machte Schröder Konversation und holte mich zurück in die Gegenwart.

»Träumen Sie nicht, Nettelbeck. Geben Sie mir mal den Zigarettenanzünder.« Ich zog an dem Plastikknopf. Schröder zog aus der Manteltasche eine Packung Zigaretten. Er schüttelte geschickt eine heraus, Marke Overstolz, und hielt sie an die wässrigen Lippen. »Sie rauchen ja nicht! Na ja, Sie waren nicht im Krieg. So einen Krieg überstehen Sie nur, wenn Sie ordentlich was zu rauchen haben. Auch in der Nachkriegszeit. Was glauben Sie, weshalb Zigaretten die Schwarzmarktwährung waren? Für ’ne Kippe hätte man sonst was getan. Sie waren fein raus. Wie alt waren Sie fünfundvierzig?«

»Fast dreizehn bei Kriegsende.«

»Wie war das eigentlich vor zwei Jahren? Sie hatten ihn fast, den Rekord! Brenner – oder wie hieß der Sieger? – war mindestens zehn Meter hinter Ihnen. Habe die Reportage gehört. Und dann – kurz vorm Ziel. Bums aus! Mein Mitleid haben Sie, Nettelbeck. Wirklich. Mensch.«

»Hat alles sein Gutes. Jetzt bin ich bei der Kripo.« Es kostete mich Überwindung, diesen Satz zu sagen. Dabei wäre ich 1956 fast bis zu den Spielen in Melbourne gerannt, aber Richtzenhain war schneller auf der Tausendfünfhunderter-Strecke, der holte dann mit drei zweiundvierzig sogar Silber. Neunundfünfzig das Aus für mich, beim Sturz auf die rote Erde, die immer näherkam, bis mein Gesicht dick damit gepudert war. Kniescheibe gebrochen. Patellasehne angerissen. Traum geplatzt.

Ich musste heftig schlucken. Die Wunde war noch offen, obwohl ich seit jener Zeit versuchte, diesen Tag zu vergessen. Zur Kripo zu gehen, war Teil dieser Strategie. Den Fokus auf etwas Neues richten. Trotzdem pochte nun die Wunde in meiner Brust mehr als im Knie. Eine Schwäche durfte ich diesem Chef gegenüber nicht zeigen. Er konnte einem das Leben zur Hölle machen, hatte ich gehört. Alle kuschten vor ihm in einer Mischung aus Ehrfurcht und Furcht.

»Verdammt!« Schröder bog scharf nach links in eine Seitenstraße ein. Nach wenigen Metern hatten wir unser Ziel erreicht. Der Lehester Deich zog sich schnurgerade als letzte Bastion Bremens durchs grüne Marschenland, danach kam noch eine Ansammlung von Bauernhöfen und schnell hingezimmerten Siedlungshäusern. Vor uns stand ein Bungalow mit Vorgarten und Garage. Schröder zwängte sich aus dem Wagen, zog den Rauch der Zigarette durch die Lungen und warf die Zigarette zwei Meter vor sich hin, also direkt vor das Gartentor. Mit dem übernächsten Schritt machte seine Sohle, mindestens Schuhgröße sechsundvierzig, dem qualmenden Ding den Garaus.

Das Haus war neu, der Mörtel gewissermaßen noch nicht trocken, der Vordergarten kahl – nackte, schwarze Erde. Wir gingen durch den Vorgarten zur Haustür. Ich spürte die geballte Kraft Schröders neben mir, es war geradezu, als ob er einem die Luft wegsaugte, wenn er einatmete. Schröder wollte auf die Klingel drücken, da öffnete sich die Tür.

Vor uns stand eine hochschwangere Frau, mindestens achter Monat. Auch das noch! Ich war schockiert, musste aber Haltung bewahren. Es war mir, als hätte ich einen Anteil an dem Unglück, das wir ihr gleich mitteilen würden, gewissermaßen als der verlängerte Arm der bösen Tat, deren Tentakel nun das Unglück in dieses Haus schleuderte. Ich konnte die Frau deshalb kaum anschauen, trotzdem sah ich, dass sie attraktiv war.

»Guten Morgen, Frau Neumann. Wir sind von der Polizei. Ich bin Hauptkommissar Schröder und das ist mein Kollege Herr Nettelbeck. Dürfen wir hereinkommen?«

Wir zeigten unsere Marken. Frau Neumann interessierte sich nicht dafür. Sie trat ein paar Schritte zurück in den Flur. Wir folgen ihr. Ich schloss die Tür. Es roch auch innen alles neu. Nach Farbe und Mörtel und Holz und Kaffee. Nach Zukunft und Glück. Nur den Tod, den roch man nicht. Noch nicht. Den hatten erst wir in dieses Haus gebracht. Als ließen wir mit dem Tod auch die Kälte ins Haus, schien die junge Frau zu frösteln.

»Wollen Sie ablegen?«, fragte sie mechanisch. Die war ganz woanders. Sie wirkte hin- und hergerissen, nervös.

Wir hängten unsere klammen Mäntel an die Garderobe. Daneben stand ein kleines Tischchen, darauf ein schneeweißes Telefon. Wir kamen ins Wohnzimmer. Es war groß, geradezu riesig, wenn ich an meine kleine Bude in der Neustadt dachte. Ein Panaromafenster gab die Aussicht auf weite Wiesen mit ein paar Pferden frei, die gesenkten Kopfes sich an dem nassen Grün labten. Auch der hintere Teil des Gartens war noch leer und wirkte seltsam verwaist.

Der Kaffeegeruch wurde stärker, und ich dürstete nach einer Tasse.

»Setzen Sie sich doch. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

Ich frohlockte, doch ehe ich Ja sagen konnte, wehrte Schröder auch in meinem Namen ab. Die Frau setzte sich auf ein rotes, modernes, schickes Ledersofa, strich gleichzeitig das Kleid glatt in einer fließenden Bewegung, damit es nicht knitterte. Schröder saß schon in einem Sessel, in nachlässiger Haltung, der Frau gegenüber. Ihre manikürten Finger ergriffen wie blind einen Teelöffel. Der Löffel stieß aus Versehen gegen den zarten Tassenrand. Es erklang ein winziges Stimmchen.

»Frau Neumann, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihren Ehemann tot aufgefunden haben.« Schröder stanzte diesen Satz metallisch in den Raum. Schweigen. Nur ihre Hand machte sich selbstständig und begann, in der Tasse zu rühren. Die Tasse war leer. Ich hielt den Atem an. Schröders Riesenhand schwebte wie ein Vogel über dem Tisch und landete auf den zarten Fingern der Frau. Das Geräusch des Herumrührens erstarb. Schröder schaute der Frau direkt in die Augen. In diesem Blick lagen Kraft und Ruhe. Ich glaubte, dass Schröder dieser Frau über seinen Blick eine Botschaft übermittelte, einen geheimen Trost vielleicht.

»Wo haben Sie ihn gefunden?«

Schröder ließ ihre Hand los und ihren Blick. Er lehnte sich zurück. Faltete die Hände wie ein Prälat vor den Bauch. »Am Dobben. Hinter dem Steuer seines Wagens.«

»Ein Autounfall?«

»Nein. Ihr Mann ist das Opfer eines Verbrechens. Er wurde getötet«, stanzte Schröder weiter.

»Wann? Wie? Ich verstehe nicht.« Sie war nur mehr eine Hülle voller Fragen. Ich hätte ihr gern etwas Tröstendes gesagt. Aber ich hatte einen trockenen Hals, und es war auch nicht meine Aufgabe.

»Das ist alles in Klärung. Wir wissen noch nicht viel. Sicher ist: im Laufe des frühen Morgens. Wissen Sie, was er da gemacht hat? Am Dobben?«

Sie überlegte. Schaute mit leerem Blick auf den Tisch, auf die Hand, auf den Löffel. Was suchte sie?

»Nein.«

»Wann ist er heute Morgen aus dem Haus gegangen?«

»Gar nicht.«

»Wie?«

»Er ist gar nicht nach Hause gekommen«, antwortete sie widerwillig.

»Das hat Sie nicht verwundert?«

»Doch, natürlich habe ich mir Sorgen gemacht. Es kam in letzter Zeit öfter vor.« Wieder Widerwille. Es erschien ihr wohl so, als fragte man Selbstverständlichkeiten ab.

»Wissen Sie, was er nachts gemacht hat?«

»Ja, natürlich.«

»Und?«

»Gearbeitet. Er ist sehr fleißig und nimmt seinen Beruf sehr ernst.« Darin schwang Stolz mit. Sie richtete sich sogar etwas auf.

»Was ist Ihr Mann von Beruf?«

»Er ist Finanzchef.«

»Bei welcher Firma?«

»Ach, ich dachte, Sie wüssten es schon. Er ist bei Borgward beschäftigt.«

»Hm, daher wohl die Extras«, sagte Schröder mehr zu sich oder zu mir im Hinblick auf das Gespräch von vorhin. Mir schien es nur logisch, und ich wunderte mich, dass wir nicht gleich darauf gekommen waren. »Hatte Ihr Mann Feinde?«

»Thomas. Feinde? Nein!«

»Vielleicht jemand aus dem persönlichen Umfeld?«

»Wir kommen aus Köln. Wir kennen in Bremen niemanden persönlich. Wir sind gerne für uns.« Sie strich über die große Wölbung ihres Bauches.

»Oder im Büro? Borgward ist in der Krise. Da liegen die Nerven blank.«

»Thomas ist ein liebenswürdiger Mensch … Aber den Dr. Semler, den mochte er nicht, nicht mehr. Er schimpfte auf ihn.«

»Weswegen?«

»Weil Thomas das Beste will und sich doch auch mit dem alten Herrn Borgward gut versteht. Fragen Sie im Büro nach …« Sie beendete das Thema mit einer Handbewegung. Dann fuhr Sie fort: »Musste er leiden? Kann ich ihn sehen?« Beim Wort »leiden« sah ich den blutdurchtränkten Anzug vor mir und entkernte Augenhöhlen, aus denen Kunstblumen wuchsen und sich satt tranken. Mir ging das Gedicht nicht aus dem Sinn, es war unauflöslich mit der Szene verbunden.

»Nein.« Er ließ offen, ob damit die erste oder die zweite oder beide Fragen beantwortet wurden.

»Es würde uns bei unseren Ermittlungen helfen, wenn Sie uns ein Foto von Ihrem Mann geben könnten. Ein Passfoto reicht aus.«

Sie erhob sich wie eine Aufziehpuppe, ging zur Anrichte, zog eine Schublade auf und kam mit einem Passfoto zurück. Mechanisch setzte sie sich.

Schröder steckte das Foto ein und sagte: »Ich müsste einmal telefonieren. Darf ich Ihr Telefon benutzen?«

Sie nickte nur. Die schlanken Finger hakten sich ineinander, als wollte sie etwas festhalten, das schon fort war. Schröder schloss die Wohnzimmertür. Auch ich konnte nicht mehr still sitzen. Ich erhob mich und wanderte im Zimmer umher. Auf einem Sideboard stand ein Foto: darauf das Brautpaar. Sie in Weiß und er mit Frack. War ein hübscher Bursche. Hatte bestimmt Erfolg bei den Frauen. Wirklich ein schönes Paar. So glücklich. Daneben stand ein Musikschrank. Die Tür stand halb auf. Ich spähte hinein und sah »Elvis Presley is back«. Auf dem Cover ein Porträt von ihm mit der schwarzen, glänzenden Haartolle und dem Schlafzimmerblick. Mein Lieblingsstück darauf war »Fever«. Ich drehte mich um, weil ich ihren Blick im Rücken spürte und weil ich mich ertappt fühlte. »Entschuldigung. Ich bin auch Elvis-Fan«, sagte ich und erschrak über meine Unbedachtheit, in diesem Moment über meine Musikvorlieben zu sprechen.

»Versprechen Sie mir, dass Sie den Täter finden, der meinen Mann getötet hat!« Es klang wie ein Befehl und kam aus irgendeinem anderen Teil ihrer Persönlichkeit. Dann sackte sie zusammen. Ich meine, sie fiel neben dem Sofa auf den Teppich. Es war ein dumpfes Poltern, nicht sehr laut. Ich eilte am Tisch vorbei und beugte mich über sie. Sie hatte keine äußere Verletzung. Aber ihre Augäpfel schienen verrutscht zu sein. Schaum trat zwischen ihren Lippen hervor. Füße und Hände bebten und klopften gegen den Boden.

Was sollte ich tun? Instinktiv versuchte ich, das Zittern zu unterdrücken. Ich fasste ihre Handgelenke an. Dann strich ich über den gewölbten Bauch, in dem das Ungeborene nun diesem Schock ausgesetzt war, als könnte ich es beruhigen. Eine große Hand an meiner Schulter riss mich rüde zur Seite.

»Rufen Sie einen Notarzt, Nettelbeck«, befahl Schröder in aller Seelenruhe. »Ist bloß ein epileptischer Anfall.« Schröder beugte sich über sie, ohne sie zu berühren, aber so, als wollte er sie abschirmen oder schützen vor was auch immer. Ich stolperte zum Telefon. Als ich aufgelegt hatte, fiel mir ihre Bitte ein: »Versprechen Sie mir, dass Sie den Täter finden, der meinen Mann getötet hat!«

Als der Notfallwagen kam, war der Anfall schon vorüber. Trotzdem war es besser, ins Krankenhaus zu fahren, um abzuklären, ob das Kind Schaden erlitten hatte. Sie weigerte sich zunächst. Schröder und der Sanitäter blieben aber hart, und so wurde sie zum Wagen geführt und hineingeschoben. Unsere Blicke trafen sich noch einmal kurz bevor die Tür des Krankenwagens geschlossen wurde.

Kapitel 3

»Wir fahren jetzt nach Sebaldsbrück. Zum Werk«, befahl Schröder.

Bis zum Werksgelände von Borgward brauchten wir eine knappe halbe Stunde. Wir fuhren vor die Schranke des Werkstors. Der Pförtner kam aus seiner Kabine. Von weiter hinten, hinter Gebäuden und Anlagen, hörte man eine laute Stimme, verzerrt durch ein Megafon. Der Pförtner ließ uns passieren, nachdem wir unsere Ausweise gezeigt hatten.

»Hatten Sie veranlasst, dass man uns ankündigt?«, fragte ich. Deshalb war er, so hatte ich angenommen, telefonieren gewesen.

»Nein. Ich habe die Spurensicherung angewiesen, sich das Haus von Neumann vorzunehmen.«

Auf dem Werksgelände vor den Werkshallen herrschte Tumult. Arbeiter mit Transparenten, auf denen Sprüche standen wie »Kaisen ist kein Kaiser« und »Wer hat uns verraten«,skandierten das Geschriebene lauthals. Da wir nicht als Ordnungshüter erkennbar waren, schlugen protestierende Arbeiter auf das Autodach. Wir kamen nur im Schritttempo durch. Ich öffnete das Fenster, da die Luft im Auto mir gerade Übelkeit erzeugte. Ein wütender Arbeiter im Blaumann kam mit einer Latte auf unseren Wagen zu. Ein anderer hielt ihn auf. Er wies ihn darauf hin, dass unser Wagen »Werk unserer Hände Arbeit«sei. Unser Wagen, den die Marke schützte wie eine unsichtbare Rüstung, schob sich weiter langsam durch die Menge. Schließlich kamen wir heraus und parkten direkt vor dem Hauptgebäude. Ein Mann, vermutlich der Werksleiter, sprach zu den Leuten mit einem Megafon. Er versuchte, sie zu beruhigen, und drohte dann mit der Räumung des Geländes. Buh-Rufe und Pfiffe ertönten. Die Rede wurde beantwortet von einem der Arbeiter, klein, schmächtig und zerknittert, der ebenfalls in ein Megafon sprach und auf einem Podest stand: »Kollegen und Genossen! Wir lassen uns nicht abspeisen mit milden Gaben und Versprechungen! Wir müssen um unser Recht kämpfen!«

Zwei Werksangestellte in einer Fantasieuniform holten den Mann vom Podest, sie waren einen Kopf größer als er, entrissen ihm das Megafon und führten ihn ab. Ein Pfeifkonzert, garniert mit saftigen Schimpfkanonaden, brach über die zwei Ordner und den Werksleiter herein. Gegenstände, sogar kleine Steine, hagelten auf sie ein. Die Männer rissen den Mann mit sich und trugen ihn dann eingehakt fort. Er wehrte sich nicht besonders, strampelte nur belustigt mit den Beinen, als würde er Fahrradfahren üben, sah sich aber noch einmal kurz um und grinste den Werksleiter faunisch an.

Das Hauptgebäude war nicht, wie ich vermutet hatte, ein schwerfälliger Backsteinbau aus der Gründerzeit, sondern wirkte modern und wurde gekrönt von einem riesigen Borgward-Schriftzug. Eine hohe, bis zum Dach reichende, gläserne, in Fenstersprossen gebrochene Fassade bildete den Mittelpunkt des Hauptgebäudes, das sich über die zu beiden Seiten abgehenden länglichen Seitentrakte selbstbewusst erhob. Ich hielt, während wir aus dem Wagen stiegen und auf den Haupteingang zugingen, Ausschau nach dem aeroblauen Wagen von Herrn Carl Borgward, bis mir einfiel, dass er längst abgesetzt worden war und nun in seiner weißen Villa in Schwachhausen den unaufhaltbaren Zerfall seines Lebenswerks hilflos mitansehen musste. Eine Frau im offenen Regenmantel unter einem Schirm drängte sich durch die Menge und eilte uns entgegen.

»Mein Name ist Elfenbein. Ich bin Chefsekretärin. Sie sind die Herren von der Polizei?«

Schröder stellte uns als Kriminalkommissare vor. Wir kämen in einer Angelegenheit, die Herrn Neumann beträfe.

»Herr Neumann ist noch nicht im Büro«, sagte sie abwehrend.

»Das wissen wir. Er wird übrigens nicht mehr kommen.« Er beließ es bei dieser Andeutung, die mehr Fragen hervorrief, als sie beantwortete.

Wir gingen durch den Eingang der imposanten Glasfassade in ein Treppenhaus. Ich hatte etwas anderes erwartet, vielleicht eine Empfangshalle oder Ähnliches. Schröder ließ die Fragen der Dame an sich abprallen. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. Im zweiten Stock angekommen, führte uns Frau Elfenbein in den linken Nebentrakt. In ihrem Bürozimmer griff sie zum Hörer und sprach kurz hinein. Dann sagte sie zu uns, wir sollten uns gedulden. Auf einem Tisch lag ein Stapel mit Hochglanzbroschüren. Ich blätterte darin herum. Neben glänzend-farbigen Karosserien waren Tabellen mit technischen Daten über Hubraum und Getriebe abgedruckt. Eine hübsche Dame in einer gepunkteten Bluse lehnte lächelnd am Kotflügel eines Borgwards und bewies, wie schön es war, einen Borgward zu besitzen. Ich klappte den Katalog zu. Vor dem Haus wurde der Lärm schwächer. Die Kundgebung war zu Ende. Wie viele Tausend Arbeitsplätze würden verloren gehen? Und was hatte dies mit dem toten Herrn Neumann zu tun? Dass es damit zu tun hatte, war offensichtlich. Die Borgward-Krise und ein Toter im Borgward. Das gehörte zusammen. Nur wie? Ich war gespannt darauf, es herauszufinden.

Herr Müller, ein älterer und grauhaariger Mann in einem gleichfarbigen Anzug, reichte uns die Hand. Er war sichtlich beunruhigt zu hören, dass er es mit der Polizei, sogar mit dem Kommissariat, zu tun hatte. Er stellte sich als stellvertretender Abteilungsleiter der Abteilung Finanzen und Rechnungswesen vor.

»Wir würden gerne zunächst einmal in Ihr Büro gehen. Dort besprechen wir alles Weitere«, sagte Schröder.

Herr Müller führte uns in sein Büro und gab weitschweifige Erklärungen darüber ab, dass er erst seit Kurzem in diesem Gebäude sein Büro habe. Eigentlich sei die Buchhaltung im Nebengebäude. Herr Semler wollte allerdings Herrn Neumann unbedingt in seiner Nähe haben. Und der wiederum wollte unbedingt ihn, Müller, in seiner Nähe wissen, und er, Müller, wiederum wollte die Bucherer bei sich haben, da er sehr eng mit seiner Assistentin zusammenarbeitete. Nach dieser Erklärung lachte er kurz auf und fügte hinzu: »Unter Herrn Borgward hätte es so etwas nicht gegeben!«

Schröder kommentierte den Sermon des Buchhalters mit einem trockenen »Aha«.

Er bot uns den einen Stuhl an, der vor seinem Schreibtisch stand, ging nach nebenan und kam mit einem weiteren zurück. Zu einer Frau machte er hastig eine Bewegung, die so viel besagte wie: husch-husch. Wir setzten uns. Sofort griff Müller nach einer rettenden Büroklammer, die er im Laufe des kurzen Gesprächs durch akribisches Hin- und Her­biegen ihrer angestammten Form beraubte.

Ich zückte ein Notizbuch, das noch unbeschrieben war. Meine erste Notiz war: »Borgward-Werk in Sebaldsbrück. 10:15. Herr Müller, Stellvtr. Finanzen«.

»Sie werden auf Herrn Dr. Neumann heute vergeblich warten. Im Übrigen wird er nicht wiederkommen. Er ist mutmaßlich Opfer eines Verbrechens geworden.«

»Oh …« Mehr fiel Herrn Müller nicht ein. Er beschleunigte nur den Biegerhythmus. Und wiederholte »Oh …«

»Ist Herr Neumann oft später gekommen?«

»Nein. Das heißt, in letzter Zeit schon. Aber sonst ist er immer überpünktlich … Ist er tot?«

»So tot wie man nur sein kann … Wie lange arbeitete er bei Borgward?«

»Noch gar nicht so lange. Erst seit zwei Jahren.«

»Sie sind wohl schon länger hier beschäftigt, wie?«

»Ja, 1959 hatte ich fünfundzwanzigjähriges Jubiläum.«

»Hat es Sie gestört, dass Herr Dr. Neumann Ihr Vorgesetzter geworden ist? Ein solch junger Mann?«

»Ich will ehrlich sein … Ich hatte mir eigentlich ausgerechnet, Nachfolger zu werden. Aber man war der Ansicht, Borgward brauche auch in kaufmännischer Hinsicht neuen Schwung. Und Herr Dr. Neumann kam ja gerade von der Universität, war doch Wissenschaftler gewesen bei Professor Gutenberg in Köln. Das war schon was. Da kann unsereins nicht mithalten. Zwar alles von der Pike auf gelernt, aber eben kein Akademiker.«

»Was meinen Sie, warum war er in letzter Zeit nicht mehr pünktlich?«, wollte ich wissen, ehe Schröder seine nächste Frage stellen konnte. Er ließ es großzügig geschehen, nickte sogar kaum merklich beifällig. Aber ich war schon so auf den Mann geeicht, dass ich es merkte.

»Na ja. Sie wissen doch sicherlich um die Schwierigkeiten, in denen wir stecken … Ich meine, in denen die Firma steckt. Den alten Borgward hat es erwischt, die haben den vor die Tür seines eigenen Unternehmens gesetzt.« Müller wurde kurz von seinem Groll übermannt, fing sich allerdings wieder, indem er sich auf die Büroklammer konzentrierte und einen Moment versonnen auf die grüne Schreibtischunterlage starrte, als würde dort ein Werbefilm gezeigt über die glorreichen Tage des Unternehmens. »Herr Dr. Neumann arbeitete an einem Plan. Jedenfalls wiederholte er dies mehrmals. Er beließ es jedoch bei Andeutungen und blieb oft sehr lange, bis in die späte Nacht, im Büro.«

»Wissen Sie etwas über diesen Plan?«

Die Büroklammer zerbrach, er hatte nun noch die Hälfte in der Hand und machte da weiter. »Er ließ sich nicht in die Karten kucken. So war er. Er glaubte vielleicht, noch mehr Karriere machen zu können, noch höher hinauszukommen. Wer weiß.«

»War er so einer?«, fragte Schröder.

»Ja, er war ein Mann, der hoch hinauswollte. Das ist ja nichts Schlechtes.«

»Aber …«, ergänzte ich dieses Wort, dass danach schrie, genannt zu werden.

»Er konnte schon rücksichtslos sein. Er behandelte mich nicht immer nett … Vermutlich mache ich mich jetzt zum Verdächtigen, oder?«

Schröder lachte kurz auf, es klang wie ein Bellen. »Na! So schnell bringt man niemanden um, und deshalb ist man auch nicht so schnell verdächtig. Im Gegenteil. Je offener Sie mit uns sprechen, desto weniger fällt der Verdacht auf Sie. Sie meinen also, der Herr Dr. Neumann war ein Karrierist? So einer macht sich nun einmal Feinde. Nur um Sie jedes Verdachts zu entheben: Wo waren Sie heute in der Früh zwischen – sagen wir – vier Uhr und sieben morgens?«

»Zu Hause, bis sechs Uhr im Bett und danach beim Frühstück. Um sieben Uhr bin ich in meinen Wagen gestiegen und hierhergefahren. Ich wohne etwas außerhalb, in Lilienthal. All das kann Ihnen meine Frau bestätigen.«

»Wie war denn sein Verhältnis zu den Kollegen?«

»Wie gesagt, er war unnahbar. Fand, er wäre etwas Besseres. Mit seinem Doktortitel. Er hielt sich von den Kollegen fern. Anfangs hatte er bei dem Direktor, Herrn Borgward, ein Stein im Brett, war sogar öfter in dessen Villa. Dann wurde das Verhältnis getrübt. Wieso, weiß ich nicht. Vermutlich hatte er die Probleme, wie ich auch, schon gesehen. Probleme blendete Herr Borgward lieber aus. Er war ein Visionär, kein Erbsenzähler, wie er uns nannte. Er war hier der unumschränkte Herrscher und ließ sich nicht reinreden. Als dann Herr Dr. Semler kam, scharwenzelte Dr. Neumann bei dem herum, schien sich anzubiedern. Doch dann kam es zu einem heftigen Streit zwischen Semler und Neumann. Das kann Ihnen jeder hier bestätigen.«

»Wann war das?«

»Vorgestern. Ich war gerade im Aufbruch, es war gegen sechs Uhr. Frau Bucherer und Frau Klaas waren dabei. Wir standen auf dem Flur. Semler brüllte. Herr Neumann, der ja ein Leisetreter ist … also war, war nicht zu vernehmen. Die Reaktion auf Neumanns Gegenrede war wieder ein Brüllen. Auch Herr Dr. Semler neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen. Desto mehr haben wir uns gewundert.«

»Können Sie sagen, um was es ging?«

»Ich nehme an um die Pläne, von denen Herr Neumann sprach. Er sagte in letzter Zeit, wenn man ihn ansprach: Nicht jetzt, ich arbeite an einem Plan.«

»Wollte er die Firma retten?«, fragte ich.

»Bestimmt. Wer will das nicht? Außer dem Bremer Senat und dem Bürgermeister will das jeder.«

»Und Herr Dr. Semler? Was ist mit dem?«

»Na, das zu beurteilen, überlasse ich Ihnen. Fragen Sie ihn.« Er schob die Einzelteile der Büroklammer mit der rechten Hand vom Tisch in die linke und ließ das Werk seiner Nervosität in den Papierkorb fallen. Gleich darauf nahm er eine neue Klammer.

Wir erhoben uns. »Dann möchten wir mit Herrn Dr. Semler sprechen. Zunächst aber möchten wir uns im Büro von Herrn Neumann umsehen.«

Müller beauftragte eine Dame, die Bucherer hieß, uns in Neumanns Büro zu bringen und einen Termin mit Dr. Semler auszumachen.

Frau Bucherer, eine füllige Dame mütterlichen Typs, um die vierzig Jahre alt, brachte uns zwei Zimmer weiter. Sie schloss die Tür auf. Wir traten nach ihr ein. »Oh …«, machte sie, schreckte beinahe zurück. Das Zimmer war in einem äußerst unordentlichen Zustand.

»Oh, war wohl schon jemand vor uns da«, entfuhr es mir.

»Sieht es hier immer so aus?«, fragte Schröder.

»Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil. Herr Neumann ist ein äußerst ordentlicher Mensch, geradezu penibel.« Frau Bucherer war aufgebracht, entweder über die Unterstellung, die sie in Schröders Frage mitschwingen hörte, oder weil sie vom Zustand des Zimmers irritiert war.

»Kann jemand hier eingebrochen sein?« Der Hauptkommissar suchte Tür und Türschloss nach Spuren ab, fand aber nichts.

»Nein. Nur ich habe einen Schlüssel.«

»Wie das?«

»Er hat ihn mir Samstag gegeben.«

»Warum?«

»Weiß nicht. Ich wunderte mich auch.«

»Wann waren Sie zuletzt in diesem Zimmer, Frau Bucherer?«, hakte er nach.

»Das ist schon einige Zeit her. Herr Dr. Neumann arbeitete an einem Plan. Er traute in letzter Zeit niemanden mehr. Deshalb wunderte es mich, dass er mir den Schlüssel überließ. Einmal hatte ich ihn in einer schwachen Stunde angetroffen, und er sagte mir, dass er Herrn Dr. Semler nicht traue. Er schloss wohl deshalb das Zimmer immer ab und ließ niemanden mehr hinein.«

»Glaubten Sie ihm?«

»Wie meinen Sie das?«

»Glauben Sie auch, dass man Herrn Dr. Semler nicht trauen kann?«

»Aber nein! Doch was weiß ich schon?« Frau Bucherer sah sich unwillkürlich um, als höre jemand mit. »Ich kündige Sie bei dem Direktor an.« Sie machte, dass sie fortkam.

Das Zimmer war standesgemäß größer als das von Herrn Müller. Allerdings waren überall DIN-A4-Blätter verstreut im Zimmer, teils mit Zahlenkolonnen gefüllt, teils mit Diagrammen oder handschriftlichen Notizen. Die Blätter bedeckten nicht nur den Schreibtisch fast vollständig, sondern sogar den Fußboden. Akten lagen aufgeschlagen herum. Auf den Akten waren Jahreszahlen hingeschmiert und weitere Ziffern.

»Mannomann«, seufzte Schröder.

»Hoffentlich verbirgt sich in dieser entsetzlichen Sammlung von Hieroglyphen nicht die Lösung unseres Falls«, sagte ich unbedacht.

»Wieso?«, fragte Schröder und sah missbilligend auf mich herunter.

»Ich meine … wer soll da durchsteigen?«

»Da hatten wir schon schwierigere Fälle. Auf jeden Fall brauchen wir unseren Spürhund.« Er ging zum Schreibtisch, fand das Telefon unter einem der bekritzelten Blätter. »Schröder hier. Wir benötigen Venske mit seiner Truppe in Sebaldsbrück. Er soll sich bei Frau Bucherer melden. Ja, aber dalli, dalli!« Er drehte sich zu mir um. »Die sollen das erst mal alles einsammeln und ordnen. Falls die Hinweise finden, müssen wir uns natürlich damit beschäftigen und tiefer einsteigen. Aber erst mal nicht.«

Schröder sah sich im Zimmer um, nicht besonders akribisch. Nur manchmal hielt er inne, las kurz und legte das Blatt wieder beiseite. Er betrachtete das Foto von Neumanns Frau aufmerksam.

Ich stellte mich ans Fenster, hatte das Gefühl, hier nur etwas falsch machen zu können, und wollte aus der Schusslinie. Zur einen Seite hin standen, wie auf einer Schnur gereiht, Borgward-Autos in verschiedenen Farben. Zur anderen Seite liefen Arbeiter geschäftig herum.

Schröder ruckelte an der Schreibtischschublade, nicht heftig, aber hörbar. »Kommen Sie mal her, Nettelbeck, und öffnen Sie die Schublade.« Er zeigte auf die Schublade, als wäre das nötig, da es sich von selbst verstand, was er meinte. Es verstand sich allerdings nicht von selbst, dass man die Schublade aufbrach, und schon gar nicht, dass ich das machen sollte.

»Na, machen Sie schon.«

»Das wäre Sachbeschädigung, Herr Schröder. Ich denke, wir sollten es nicht tun.«

»Beruhigen Sie sich, Mann. Für gewöhnlich gibt es nur einen Schlüssel und den hat der Tote, der jetzt auf dem Tisch von unserm Doktor liegt. Wir verlieren kostbare Zeit, hier den offiziellen Weg zu gehen.«

Er trat beiseite, überließ mir das Feld und machte sogar eine albern einladende Geste. Ich stellte mich umständlich davor und hatte keine Ahnung, wie man so eine Schublade aufbekam. Das war in keinem meiner Kurse behandelt worden: »So, meine Herren, heute lernen wir, wie wir Schubladen mit Gewalt aufbrechen …« Obwohl andererseits, mehr darüber zu erfahren, wie die andere Seite arbeitete, hätte der Ausbildung gutgetan. Das blieb dann der Praxis vorbehalten. Ich ruckelte an der Schublade, sie bewegte sich, aber nur in genau dem Spiel, das das Schloss zuließ. Schröder reichte mir stumm und gebietend einen Schraubenzieher. Verdammt, wo kam denn der her?

»Habe ich immer dabei«, erläuterte er mir die Frage aus dem Mund nehmend.

»Um besser Schubladen widerrechtlich aufmachen zu können?«

»Genau, Nettelbeck. Nun machen Sie mal.«

Ich schob die Klingenspitze des Schraubenziehers zwischen Tischkante und Schublade, um so die Schublade aushebeln zu können, und war überrascht wie viel Widerstand sie bot.

»Nicht so zart und feinfühlig. Das ist nicht Ihre Mutter oder Ihre Geliebte.« Er nahm mir rüde das Werkzeug aus der Hand und – zack – war die Schublade offen. Den Schraubenzieher steckte er in die Innentasche des Mantels zurück. Was sich wohl noch alles darin verbarg? Die Schublade enthielt den üblichen Bürokram und ein paar Packungen mit Tabletten. Die Tabletten gegen Kopfschmerzen kannte ich, auch die zweite Packung kam mir bekannt vor. Schröder las laut die Inhaltsstoffe vor. Bei dem Wort Ephedrin nickte er. »Ephedrin. Aufputschmittel. Das ist eine Droge.«

Ich wollte nicht immer blöd dastehen und erläuterte ihm, dass in meiner alten Branche, der Leichtathletik, leistungssteigernde Mittel durchaus nicht unbekannt seien.

Es fanden sich außer dem Foto keine persönlichen Gegenstände im Büro. In diesem Moment kam Frau Bucherer ins Zimmer. »Sie haben Pech, Herr Semler ist soeben weg.«

»Wie? Weg. Was soll das? Haben Sie nicht gesagt, dass die Polizei nach ihm fragt?«

»Er lässt bestellen, dass er direkt ins Präsidium kommt. Er hat aber vorher einen dringenden Termin beim Senator für Finanzen.«

Ich ging schnell zum Fenster: Ein tannengrüner BMW der Oberklasse verließ gerade den Platz. Vermutlich saß Herr Semler darin. BMW? War es nicht Pflicht und Verpflichtung, mit einem Produkt aus dem Hause Borgward zu fahren?

Schröder schloss das Büro wieder ab, reichte den Schlüssel Frau Bucherer, wobei er ihr einschärfte, sie hafte ihm dafür, dass niemand das Zimmer unbefugt betrete und irgendetwas an dem jetzigen Zustand verändere. Erst einem gewissen Kommissar Venske dürfe sie aufmachen. Eingeschüchtert nickte Frau Bucherer.

Kapitel 4

Jemand hatte die Information durchgestochen! Als wir im Präsidium ankamen, ließ uns Dr. Conrad in sein Zimmer kommen und regte sich auf. Oberstaatsanwalt Conrad war fast so groß wie Schröder, aber nur halb so breit, brettgerade, mit einem schmalen, pferdeähnlichen Kopf. Als er diesen drehte, fiel mir auf, dass die eine Gesichtshälfte seltsam starr wirkte und bewegungslos. Vermutlich eine Kriegsverletzung. Vielleicht ein Schuss in die Wange.

»Bei Radio Bremen berichten sie schon von dem Fall. Wie kann das sein? Die wissen sogar schon, wer getötet worden ist und dass der Tote bei Borgward gearbeitet hat. Die wissen genauso viel wie Sie. Oder wissen Sie schon mehr?« Dass mit den Augen war wohl noch nicht bekannt.

Jeder wusste, dass Conrad und Schröder Duzfreunde waren. Die offizielle, förmliche Anrede galt nur mir, dabei galt ich eigentlich nichts. Ich war bloß Assistent.

Schröder murmelte: »Ist mir doch egal.«

»Ist dir klar, dass das Ganze schnell zum politischen Fall wird? Im Radio wurden Andeutungen gemacht, der Todesfall könnte mit der Borgward-Krise zusammenhängen. Ist dir klar, Ernst, was das bedeutet?«

»Franz, wir haben einen Toten, bestialisch ermordet. Dazu eine hochschwangere Frau, die nun Witwe ist. Mich kümmert die Politik einen Dreck.«

»Du wieder! Du hast auch eine Verantwortung. Auch du bist nicht festgeklebt auf deinem … Ich hätte nicht übel Lust, dir den Fall wegzunehmen, habe auch ehrlich gesagt kurz mit Tietjen konferiert, ob wir Kleinhans ansetzen können auf den Fall. Leider liegt Kleinhans mit einer schweren Grippe darnieder.« Er hielt kurz inne und bemerkte mich wohl jetzt erst richtig. Er führte weiter aus: »Ich möchte, dass Sie alle Kapazitäten auf den Fall lenken. Ermitteln Sie in alle Richtungen. Wir müssen jeden Verdacht ausräumen, dass es bei diesem Mord um Borgward geht und damit um Politik. Ermitteln Sie in alle Richtungen!«

Seltsame Vorgabe, in alle Richtungen zu ermitteln, nur in die vielversprechendste nicht. Schröder musste dieser Widerspruch auch aufgefallen sein. Vielleicht war es eine Art geheimer Code zwischen den beiden.

»Aha, das Übliche, sagen Sie das doch gleich, Herr Dr. Conrad«, konstatierte Schröder, wies mit dem Kopf grinsend zur Tür und ging, ohne offiziell vom Oberstaatsanwalt entlassen worden zu sein. Kaum waren wir auf dem Flur, in dem es hektisch zuging, sagte Schröder mit Freude in der Stimme: »Jetzt schnappen wir uns erst mal diesen Semler. Oder einen Moment noch …« Schröder öffnete wieder die Tür des Staatsanwaltes. »Bleiben Sie hier.«

Mir hing der Magen auf halb acht und der Kaffeedurst wurde quälend. Meine Energie schien für diesen Tag verbraucht zu sein. Und jetzt wartete ich darauf, dass die beiden Herren vermutlich irgendetwas auskungelten. Schröders Bass bebte durch die Tür, aber ich konnte kein Wort verstehen. Nach weniger als einer Minute war er wieder draußen. Sein Gesicht war blass und der Mund war schmal. Er wirkte seltsam angeschlagen. Müde und matt. Mir war es schon vorhin aufgefallen, dass er manchmal die Augen schloss, als hätte er zu wenig Schlaf bekommen.

»Ist etwas?«, fragte ich.

»Hat mit dem Fall nichts zu tun. Gehen wir.« Er straffte sich und nahm umso mehr Fahrt auf. Ich trottete Schröder schlafwandlerisch hinterher. Da wir ins Rathaus mussten, gingen wir die wenigen Meter zu Fuß, über die Domsheide, am Dom vorbei. Vor den Arkaden hielten wir. Schröder zeigte dem Pförtner seinen Ausweis und machte auf rabiat. Er hatte die Faxen dicke. Die Auseinandersetzung mit Conrad hing ihm nach. Und was immer die beiden hinter verschlossener Tür besprochen hatten, es war nichts Gutes für Schröder. Jetzt war er auf hundertachtzig. Man konnte die Einlassung des Staatsanwalts auch in dem Sinne verstehen, dass wir nichts unversucht lassen sollten, die Politik reinzuwaschen, selbst wenn es dazu nötig war, gegen eine gewisse Etikette zu verstoßen und zu härteren Bandagen zu greifen. Alles abgedeckt durch das höhere Ziel.

»Der Senator, Herr Nolting-Hauff, ist leider gerade nicht abkömmlich. Er befindet sich in einem Gespräch«, kanzelte uns der Pförtner mit der servilen Überheblichkeit eines Beamten ab.

»Das mag ja sein, aber unser Gespräch, unser Anliegen ist wichtiger. Es geht um Leben und Tod.« Schröder baute sich drohend vor dem Pförtner auf. »Also lassen Sie den Quatsch!« Schröders Fast-zwei-Meter-Präsenz zermalmte den Widerstand des Pförtners.

»Na, also.«

Schröder bahnte sich den Weg in die Wandelhalle, vorbei an Säulen, Gemälden, einer Marmorstatue, dem ganzen hanseatisch kaum gebändigten Prunk. Er stürmte die breite Treppe hinauf, nahm dabei immer zwei Stufen. Oben angekommen, orientierte er sich kurz. Der Pförtner war uns wütend nachgerannt und stellte sich Schröder in den Weg, der wohl in den Senatssaal wollte. Jedenfalls rief der Mann aufgeregt: »Nicht dahin! Die Herrschaften sind im Festsaal.«

Schröder ließ sich tatsächlich eines Besseren belehren, drehte sich auf dem Absatz um und folgte dem voraneilenden Pförtner, der alles daransetzte, vor uns da zu sein. Für Ehrfurcht vor den heiligen Hallen hatte ich keine Zeit, doch als ich in den Saal eintrat, schreckte ich kurz zurück. Mir war die Größe nicht klar gewesen. Außerdem war ich nicht darauf vorbereitet gewesen, auf so viele Menschen zu treffen. Grelles Licht flutete von der strahlenden Kassettendecke.

Zum Pförtner gesellte sich nun ein Saaldiener in Frack mit weißen Handschuhen, der aus dem Boden gekommen zu sein schien. Schröder war schon im Begriff, den Mann mit seinem Arm beiseitezufegen, als eine Stimme ertönte: »Lassen Sie den Herrn durch.«