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Hauptkommissar Wilhelm Klein ist mit seinem Rennrad auf der Alb unterwegs. Er unterschätzt ein aufziehendes Unwetter und dann nimmt ihm ein rüpelhafter Autofahrer auch noch die Vorfahrt. Benommen bleibt er in einem Waldstück liegen. Bevor er das Bewusstsein verliert, sieht er einen Totenkopf. Traum oder Realität? Kurz darauf wird in diesem Waldstück, in dem der Kommissar stürzte, hinter einem Holzpolter eine Leiche entdeckt. Wilhelm Klein, zum Glück nur leicht verletzt, nimmt nun selbst die Ermittlungen auf. Die Spuren des Verbrechens scheinen weit zurück in die Vergangenheit zu führen. Dann werden alte Militärwaffen gefunden und ein Skelett, das im Wald vergraben war. Es trägt Reste von zwei verschiedenen Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg.
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dietmar Kuhl
wurde 1966 in Reutlingen geboren. Hier lebt er zusammen mit seiner Frau Silke und seinem Sohn Ragnar. Nach dem Besuch der Hauptschule erlernte er den Beruf des Schmieds. Seit über 30 Jahren arbeitet er in einem Extrusionsbetrieb als Teamleiter. In seiner Freizeit trinkt er gerne ein Glas Wein mit einer Zigarette dazu in seinem Café. »Der Tote in Uniform« ist sein zweiter Kriminalroman mit dem Hauptkommissar Wilhelm Klein.
Dietmar Kuhl
Der Tote in Uniform
Schwabenkrimi
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.
© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2017Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: Markus Niethammer, ReutlingenGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-88627-799-5
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Zur Erinnerung an PaulaDie Katze meines Sohnes.Die große Jägerin.Weltbeste Schmuserin.Die einzige Katze, die für den Straßenverkehr tauglich war.
Den Helm hatte ich an dem Lenker meines blauen Rennrades befestigt. Die Brille hatte ich hochgeschoben und meine Radhandschuhe waren getränkt vom Schweiß, der mir über das Gesicht lief. Um das Brennen in den Augen zu verringern, wischte ich ständig mit der frottierten Seite der Handschuhe über die Stirn. Der Pulsmesser zeigte mir an, dass ich mit 89 Prozent meiner maximalen Herzfrequenz unterwegs war. Ich fühlte mich gut und der Albaufstieg, den ich zu bewältigen hatte, gehörte zu einer meiner Lieblingsstrecken. Nach der Hälfte der Strecke hinauf zum Göllesberg wurden meine Beine immer schwerer. Die Kette, die ich versuchte am Laufen zu halten, war schon ganz links. Leichter ging es nicht mehr. Verzweifelt versuchte ich, meinen rhythmischen Tritt zu halten, als ich merkte, dass ich nicht mehr alleine war. Seit geraumer Zeit war mir kein Auto entgegengekommen, und auch vom Tal her war es, als wäre die Straße für mich gesperrt worden. Ich drehte mich um, schaute über die linke Schulter, nichts. Keiner war hinter mir. Ich beschloss, nach der nächsten Kehre noch mal nachzuschauen. Ich wusste, dass ich von dort aus fast hundertfünfzig Meter Straße überblicken konnte. 91 Prozent zeigte jetzt mein Pulsmesser an. Die Kehre kam, ich drehte mich um, wieder nichts. Ich spürte jedoch, wie mir etwas immer näher kam. Ein kurzes Gefühl des Verfolgtwerdens hatte ich schon am ersten Stich, wie Radfahrer einen kurzen steilen Anstieg nennen, in Unterhausen.
92 Prozent, ich versuchte, mein Tempo zu erhöhen. 93 Prozent, es ging nicht, ich musste, wollte ich nicht vom Rad fallen, mein Tempo wieder drosseln. Ich drehte mich wieder um, nichts. Es musste etwas hinter mir sein, das Gefühl wurde immer stärker und ich wurde fast panisch. Dreh einfach um, brech deine Tour ab und fahr die Steige wieder hinab, dachte ich. Du schaffst locker siebzig Kilometer pro Stunde und mit dieser Geschwindigkeit hält dich keiner auf. Einfach an ihm vorbeifahren und ihn höhnisch angrinsen. 89 Prozent, ich hatte wieder einen Puls, den ich einige Zeit ohne Probleme halten konnte. Da, plötzlich war es wieder da, ganz deutlich konnte ich spüren, wie jemand mir auflauerte. Blick nach hinten. Ich drehte meinen Oberkörper zu schnell nach links und verzog den Lenker, strauchelnd bog ich um die nächste Kurve. Wäre jetzt ein Auto gekommen, dann hätte ich das wohl nicht überlebt. Dreh endlich um.
Was, wenn er nur darauf wartet? Vielleicht sollte ich weiterfahren? Wenn du erst mal oben bist auf der Ebene, dann holt er dich nicht mehr ein. Das ist dein Revier. Eine Bergziege warst du noch nie. Ich konnte mich dann auch in den Stahlecker Hof flüchten, einen Wurstsalat essen und Marion anrufen, dass sie mich abholen solle.
Was mach ich bloß? Dreh um! Er war da ganz dicht hinter mir, panisch ging ich aus dem Sattel, legte die Kette zwei Zahnräder tiefer und fuhr im Wiegetritt weiter. Zum Umdrehen war es zu spät, jetzt war er zu dicht hinter mir. Da, vorne das Ortsschild, » Göllesberg«. 99 Prozent, mein Herz raste und drohte zu zerreißen. Du musst es schaffen, gleich hast du es. Dort oben kann er dir nichts mehr anhaben. Endspurt. Ich gab alles, um meinen Verfolger abzuschütteln, der schon mit einer Hand nach mir langte. Zielstrich, ich fuhr am Ortsschild vorbei, bog rechts ab, die Kette schaltete ich noch tiefer und ging zurück in den Sattel.
»Schönes Bikewetter heute, gell«, hörte ich plötzlich. Eine junge Frau strahlte mich an, die sich im engen Radtrikot und mit zwei schwarzen Zöpfen unter dem Helm anschickte, den Albaufstieg hinab zu fahren. Ein Mensch, ich hatte es geschafft. Wieder einmal hatte mein innerer Schweinehund es nicht geschafft mich einzuholen.
Major Cullagan … Major Cullagan hören Sie mich?«
Lt. Henderson ließ den Schalter seines Kehlkopfmikrofons los.
»Verdammt«, fluchte er, »auch ausgefallen.«
Durch das zerschossene Glas ihrer Kanzel drang eiskalter Wind, der den Piloten mit über zweihundert Stundenkilometern ins Gesicht blies.
»Jack, sieh nach wo unser Gast ist, und bring ihn hier her.«
Jack Fournier, der Kopilot, wollte eben seinen Gurt öffnen, um den Befehl seines Leutnants auszuführen, als sich eine Hand auf seine linke Schulter legte.
»Schon gut Henderson, ich bin hier!«, schrie Major Cullagan dem Piloten zu.
In der Kanzel herrschte ein Höllenlärm, und die Kälte war unerträglich.
»Wir können Ihren Absprungpunkt nicht mehr erreichen. Wenn wir eindrehen, schaffen wir es nicht mehr, eine ordentliche Notlandung hinzulegen. Sie müssen springen, in drei Minuten sind wir zwei Kilometer von Ihrem Sprungpunkt entfernt. Näher heran kommen wir nicht.«
In Major Cullagans Kopf lief ein Film in rasender Geschwindigkeit ab. Ein Film, der am Morgen des 25. Februar 1944 um 8.45 Uhr in Ridgewell, England, begann und hier, um 14.40 Uhr über Reutlingen, kurz vor der Schwäbischen Alb, mitten im Feindesland im Großdeutschen Reich sein Ende fand.
Er war noch nie in einer B-17 geflogen, war noch nie bei einem Bombenangriff dabei gewesen. Er hatte viel darüber gehört, wie zielgenau die deutsche Flak geworden war. Es waren Scharfschützen hinter ihren Kanonen, die ihre Granaten kilometerweit in den Himmel schossen, egal, ob er strahlendblau am Tag oder tiefschwarz in der Nacht war. Die Granaten explodierten genau in der Höhe, die an ihrem Drehkranz eingestellt wurde. Sie explodierten und Tausende von kleinen Metallsplittern schwirrten durch den Himmel und machten vor nichts Halt. Holz, Metall, menschliche Haut, alles wurde aufgerissen und verbrannt. Scharf wie Rasierklingen waren sie. Oft merkten die Menschen, die getroffen wurden, erst Sekunden, manchmal auch erst Minuten später, dass sie eine klaffende Wunde hatten. In der Dunkelheit sah man die glühenden Splitter, die den Tod brachten, wie Tausende von rasend schnellen Glühwürmchen durch die Luft sausen.
Das alles hatte er nur gehört und mit seinen Kameraden ständig abfällige Bemerkungen gemacht über die Piloten, Navigatoren, Bombenschützen und Bordschützen, die in ihren Maschinen in mehreren Tausend Metern Höhe über das Feindesland flogen, um ihre tödliche Last abzuwerfen.
Er musste alles, aber auch wirklich alles revidieren, was er jemals über diese Waffengattung von sich gegeben hatte. Diesen Zusammenhalt der Mannschaft schon vor dem Start hatte er bis jetzt erst bei U-Boot-Fahrern erlebt, die auf engstem Raum mehrere Wochen eingepfercht waren und wussten, dass jeder ohne den anderen verloren war. Jeder Einzelne war das stärkste und zugleich das schwächste Glied in der Kette.
Als er am Morgen vor ihrer Maschine stand und Lt. Henderson einen Umschlag von Colonel Colin Gubbins, dem Leiter des SAS, »Special Air Service«, in die Hand drückte und dabei salutierte, war diesem sofort klar, dass dies kein gewöhnlicher Einsatz werden würde.
»Von Churchill persönlich unterzeichnet«, murmelte Henderson vor sich hin und die Mannschaft starrte Cullagan an.
»Dann hoffen Sie mal, dass wir Ihren Absprungpunkt überhaupt erreichen.«
»Wieso sollten wir das nicht?«, fragte Cullagan, der dies für einen Scherz hielt.
»Wir haben heute zwei Ziele. Das Messerschmitt-Werk in Augsburg und die VKF-NORMA Kugellagerfabriken in Stuttgart. Glauben Sie ja nicht, dass wir von der deutschen Flugabwehr zum ›Fünf-Uhr-Tee‹ eingeladen werden?«
Die Bomberbesatzung lachte, und Cullagan wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, als sie einfach an ihm vorbeiliefen und durch die Seitenluke in ihre Maschine stiegen. Erst als Henderson ihm aus der Pilotenkanzel zuwinkte, setzte er sich in Bewegung. Als er mit beiden Beinen in der Maschine war, zog Boyd, der Funker, die Luke hinter ihm zu.
»Herzlich willkommen, Major.«
»Danke, Sergeant Burgess.«
Boyd Burgess stand mit offenem Mund da. Woher kennt der meinen Namen, dachte der Sergeant und schaute Cullagan erstaunt nach, als dieser sich mit einem angenehmen Gefühl im Bauch in Richtung Pilotenkanzel schob.
Viereinhalb Stunden später war Burgess tot. Er musste nicht leiden. Gestorben durch das Schrapnell einer Flakgranate, die von einem Geschütz einer Flakbatterie bei Augsburg abgeschossen worden war. Keiner hörte das Schrapnell, wie es in das Flugzeug eindrang und wie es das Flugzeug wieder verließ, geradewegs durch die Brust des Funkers. Dort wo sein Herz saß, hat es beim Eindringen nur ein kleines Loch hinterlassen, nicht größer als ein Geldstück. Als es wieder austrat, entfaltete das Schrapnell seine ganze Energie und hinterließ ein Loch so groß wie ein Handball.
Sergeant Burgess war einer von sechs Besatzungsmitgliedern, der Bombercrew, die am Ende des Tages als KIA, »Killed in Action«, in den Verlustlisten der Amerikaner auftauchte.
»Major Cullagan, setzen Sie sich nach hinten zu Burgess. Dort ist am meisten Platz und Sie stören nicht. Sie werden alles tun, was Burgess ihnen sagt. Wollen Sie bis zu ihrem Absprung überleben, sollten Sie seine Ratschläge annehmen.«
»Ich habe verstanden.«
»Und noch etwas, hier an Bord habe ich das Sagen. Die Sicherheit meiner Mannschaft geht über Ihr Vorhaben. Was auch immer das sein mag, was sie da unten machen, ich werde nicht das Leben meiner Männer dafür opfern. Daran ändert auch die whiskygeschwängerte Unterschrift ihres Herrn Churchill nichts. Das wäre alles!«
Cullagan wusste nach dieser Ansage, dass er Henderson mögen würde. In seinen Einsätzen hatte er immer wieder solche Menschen kennengelernt. 1942, als sie in der Tschechoslowakei Heydrich ausschalteten, war ihnen vor dem Attentat ein Wehrmachtsoffizier auf die Schliche gekommen. Der Offizier hatte sich in einem Straßencafé einfach neben ihn hingesetzt, einen Kaffee bestellt und ihn am Arm wieder auf seinen Stuhl zurückgezogen, als er gehen wollte.
»Ich weiß, was Sie tun wollen«, murmelte er. Dabei hielt er Cullagan eine Zigarettenpackung hin.
»So, dann wäre das ja dann das Ende«, sagte Cullagan, als er sich eine Zigarette aus der Packung nahm und sie am Feuerzeug des Offiziers entzündete.
»Das Ende ist für Sie gekommen, wenn Sie versagen und Sie es nicht schaffen diesen Kretin zu töten. Ich werde Sie jagen, bis ich Sie habe. Wenn es sein muss, bis in die Hölle und wieder zurück. Töten Sie ihn«, sagte der Offizier. Er stand auf, salutierte und verließ das Café.
Cullagan sah ihn nur noch ein Mal. An dem Tag, als Heydrich im Krankenhaus verstarb, saß er wieder in diesem Café bei einer Tasse Kaffee und einem Glas Cognac der Marke Martell.
Im Jahr 1943 beim Anschlag auf die Schwerwasserfabrik in Rjukan, Norwegen, entdeckte ein deutscher Professor, dass einer seiner Mitarbeiter ein Mitglied der SAS ist. Cullagan sollte den Professor ausschalten. Als er am Abend in sein Haus eindrang, saß dieser am Kamin. Er schaute in das Feuer und trank aus einem großen Kelch Cognac.
»Bevor Sie mich umbringen, setzen Sie sich doch bitte noch kurz zu mir ans Feuer und trinken Sie ein Glas Cognac mit mir.«
Cullagan war nicht sicher, was er tun sollte und setzte sich schließlich neben ihn hin. Die Pistole mit Schalldämpfer auf den Professor gerichtet.
»Vor drei Monaten wurde meine Familie bei einem Bombenangriff getötet. Meine Frau, mein zehn Jahre alter Sohn und meine Tochter im Alter von fünfzehn Jahren. Sie wurden verschüttet und erst sieben Tage später gefunden. Den Bombenangriff hatten sie überlebt. Sie sind dann aber verhungert und verdurstet. Als man sie fand, hatte keiner von ihnen noch Fingernägel. Sie hatten sie verloren, als sie sich in die Freiheit kratzen wollten. Als sie beerdigt wurden, war ich hier in meinem Labor. Der Führer persönlich hatte es verboten. Ich sei unabdingbar an der Front, war seine Aussage.«
Der Professor schenkte sich einen Cognac nach. Cullagan hatte die Waffe beiseitegelegt und sich ein Glas genommen.
»Ich hatte noch einen Sohn, dieser gab mir Halt weiterzuarbeiten. Seine Feldpostbriefe spendeten mir Trost und seine Worte waren Balsam für meine Seele. Vor einer Woche bekam ich das hier.«
Der Professor reichte ihm ein Schreiben mit Reichsadler und schwarzem Rand. Eine Verlustmeldung, die Verlustmeldung seines Sohnes.
»Er war Oberleutnant einer Artillerieeinheit an der Ostfront. Gestorben in der Ausübung seiner Pflicht für Führer, Volk und Vaterland.«
Cullagan nahm ein Schluck aus seinem Glas und schaute ihn an.
»Sie müssen keine Angst haben vor mir, junger Freund. Ihren Kollegen hätte ich nicht verraten. Vor einem Jahr vielleicht, aber jetzt nicht mehr. Eigentlich wollte ich Sie nur darauf hinweisen, dass, wenn Sie mich erschießen, die Gestapo nicht ruhen wird, bis sie Sie haben. Sie würden ihre Aktion damit gefährden. Sie würden den Krieg verlängern und unserem Führer womöglich eine Waffe in die Hand geben, dessen Wirkung Sie sich nicht vorstellen können. Warten Sie noch einen Tag und das Problem wird sich von alleine lösen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich habe vor einer Stunde Rizin genommen, ein absolut tödliches Gift. Fast geschmacksneutral und mit dem heutigen Stand der Technik nicht nachweisbar. Es wirkt innerhalb von sechsunddreißig Stunden.«
»Woher soll ich wissen, dass Sie mir die Wahrheit sagen?«
»Vertrauen, junger Freund, mehr kann ich Ihnen nicht anbieten.«
Cullagan vertraute ihm und die Mission wurde ein Erfolg.
Der Professor verstarb am Morgen des folgenden Tages an Influenza. So stand es im Bericht der Gestapo.
Cullagan, noch dreißig Sekunden bis zum Sprung. Sind Sie bereit?«
Cullagan betätigte sein Kehlkopfmikrofon.
»Ja, Henderson, ich bin bereit. Danke für den Flug. Wir sehen uns nach dem Krieg, ganz bestimmt. Grüßen Sie mir mein Schottland, falls Sie nach Hause kommen.«
»Sprung!«, war das Einzige, was Henderson sagte. Cullagan sprang aus dem geöffneten Bombenschacht. Aus einer fast tödlichen Höhe von zweihundertfünfzig Metern begann Cullagan seine Mission, sein Abenteuer, das ihn nicht mehr loslassen sollte, solange er lebte.
Natürlich hatte ich es geschafft. Ich hatte die Alb erklommen und nach nicht mal zehn Sekunden war auch mein innerer Schweinehund, der mich so gefordert hatte, aus meinem Gedächtnis verschwunden. An der letzten Rechtskurve vor dem Stahlecker Hof hielt ich an und setzte meinen Fahrradhelm wieder auf. Zwei kräftige Schluck Leitungswasser aus meiner Trinkflasche und ich stieg wieder auf meinen Sattel. Der Duft von Pommes und Zwiebelrostbraten stieg mir in die Nase, als ich an dem gut besuchten Hof vorbei fuhr. Ich beschloss, nach dem Hof links abzubiegen, um in Richtung Ohnastetten zu fahren.
Wie die junge Frau mit ihren schwarzen Zöpfen schon sagte, es war ein super Bikewetter. Die Sonne wärmte meinen Körper leicht auf und der Wind, der über die Albhochfläche strich, war eine leichte Brise, der die überschüssige Wärme wieder abkühlte. Optimal um Kilometer zu machen. Als ich dann am Friedhof vor Ohnastetten vorbeirollte, kam mir in den Sinn, eine neue Route zu entdecken. Eigentlich bog ich im Ortskern immer links in Richtung Nussbaum Hof ab, aber diesmal wollte ich auf Entdeckungsreise gehen und entschloss mich, rechts in Richtung Kohlstetten abzubiegen. Mal sehen, was es da so gibt, dachte ich, und plante schon meine Route. Vielleicht von Kohlstetten nach Gächingen? Hatte ich doch erst vor Kurzem einen wirklich guten Regionalkrimi gelesen, in dem der Kommissar gerne in der dortigen Metzgerei einzukaufen pflegte. Fallenschütz, so war der Name der Metzgerei. Einen Ring Schwarzwurst bekam ich locker an den Lenker gehängt und einen Notgroschen hatte ich auch immer in meinem kleinen Täschchen unter dem Sattel. Gedacht, getan. Ich bog an der links abbiegenden Vorfahrtstraße rechts ab und grüßte dabei die beiden alten Herren, die vor einem alten Bauerngebäude auf einer Bank saßen. Die Hände auf einem Spazierstock gestützt, riefen sie mir beide zu: »Griaß Gott ond bass uff de auf.«
»Dankschee, werde macha«, war meine Antwort. Ich winkte den beiden mit der linken Hand zu.
Ich betrat unbekanntes Terrain und fuhr langsam die Straße nach Kohlstetten entlang. Wie immer, wenn ich neue Straßen mit meinem Rad befuhr, stieg mein Adrenalinspiegel ein wenig an. Die Straße war absolut leer, was wohl auch an der Tageszeit lag. Um vierzehn Uhr waren die meisten noch bei der Arbeit oder auf dem Feld beschäftigt. Ja, die Alb hatte schon etwas für sich. Ruhe, gute Luft, Landleben, malerische Landschaft, keine Hektik, keine Menschen, die sich in Szene setzen müssen und immer wieder neue Straßen, die darauf warteten, entdeckt zu werden.
Ich rollte gemütlich dahin und merkte, wie es langsam aber sicher dunkler wurde. Der Himmel zog langsam zu. Die Brise, die ich vor guten fünfzehn Minuten noch genossen hatte, wurde langsam stärker und lästiger. Wohl war für den Nachmittag ein Gewitter mit Orkanböen vorhergesagt, doch seit Jörg Kachelmann nicht mehr das Wetter moderierte, glaubte ich nicht mehr an die Vorhersagen.
Ich versuchte, mein Tempo ein wenig zu erhöhen, um eventuell noch einen sicheren Ort zu erreichen, der mich vor dem nun doch drohenden Unwetter schützen würde. Der Vorteil an meiner neu entdeckten Straße lag auf der Hand. Es ging fast nur bergab und so fuhr ich mit guten sechzig Stundenkilometern auf Kohlstetten zu. Ich hätte es wohl auch in den nächsten fünf bis sechs Minuten erreicht, wenn nicht plötzlich ein Auto von rechts aus einem Waldweg geschossen gekommen wäre. Ich hatte das Auto schon vorher gesehen, jedoch rechnete ich damit, dass der Fahrer, der mich auch gesehen haben musste, anhalten würde, um mir mein Vorfahrtsrecht zu gewähren. Dem war jedoch nicht so. Nach einem kurzen Stopp gab er plötzlich Gas und fuhr mit einem Grinsen im Gesicht aus dem Waldweg auf die Straße. Ich wich sofort nach links aus und holperte einen steilen Waldweg hinab. Reflexartig zog ich an den Bremsen, rutschte aber aufgrund des Geholpers mit der rechten Hand vom Bremshebel. Was geschehen musste, geschah. Ich erhöhte panisch den Druck auf den linken Hebel und somit auf die Vorderbremse. Das Vorderrad blockierte, mein Hinterrad hob sich in die Höhe und ich flog über den Lenker und flog, und flog, und flog …
Marion beugte sich über mich, streichelte mein Gesicht, berührte meine Lippen, meine Stirn, meine Nase. War schon wieder Mittwoch? Denn am Mittwoch holte meine Mama immer meinen Sohn, um mit ihm etwas zu unternehmen, und wir hatten Zeit, um zu kuscheln.
Ich schlug die Augen auf und schaute in grüne Augen. Augen mit einem schwarzen Strich, der von oben nach unten verlief. Ein behaartes Gesicht mit roten und weißen Haaren schaute mich an. Das ist der Teufel, schoss es mir durch den Kopf. Jetzt bist du in der Hölle gelandet. Recht so, das hast du nun von deinem Lebenswandel. Tausend Jahre Fegefeuer, das halte ich nicht aus. Wie komme ich da wieder raus? Ich begann mich langsam aufzurichten, um mich meinem Schicksal zu ergeben.
»Des isch die Paula«, hörte ich eine Stimme sagen, »Die isch wie an Hond. Die lauft überall mit no, mo i no gang.«
Ich begann unruhig zu werden, als ich das Wort Hund hörte.
»Bleibet Se ruhig, desch isch doch bloß a Katz.«
Ich schaute in das Gesicht eines kleinen Kätzchens, das mir mit seiner Zunge das Gesicht ableckte. Sie begrüßte mich mit einem freundlichen »Miau« und drückte dabei beide Augen zu. »Ich bin ein Freund und meine es gut mit dir.«
Das wollte sie mir damit sagen. Erleichtert darüber, dass ich dem Fegefeuer noch mal entkommen war, und wohl auch noch eine neue Freundin gefunden hatte, stieg Nebel vor meinen Augen auf. Ich legte mich wieder auf den Waldboden. Kaum war mein Kopf wieder in der Waagerechten, erblickten meine Augen einen Schädel, der eine Kette um den Hals hatte. Der Nebel wurde dichter und ich sah nichts als Dunkelheit. Aus der Ferne kamen kleine Lichter auf mich zu, die langsam, ganz langsam größer wurden. Ein Feuerwerk von bunten Sternen und Feuersäulen, die vierzig bis fünfzig Meter in den Himmel reichten, spielte sich vor mir ab. Das Ganze wurde begleitet von musikalischen Klängen. Du bist bei der »Classic Night« im Kreuzeiche-Stadion, dachte ich, als sich plötzlich ein Gesicht aus dem bunten Feuerreigen schälte.
»Herr Klein, können Sie mich hören? Hallo, Herr Klein, aufwachen!«
Etwas klatschte gegen mein Gesicht und ich spürte, dass ich komischerweise einen warmen, schweren Bauch hatte.
»Herr Klein, kommen Sie zu sich!«, rief eine weibliche Stimme, die zu dem Gesicht passte, das ich in der Ferne sah.
Was ist denn los, woher kommt das Feuerwerk und woher kommt das Gesicht und die Stimme? Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln. Versuchte, meinen Körper im Geiste zu überprüfen. Deine Zehen funktionieren, auch die Knie scheinen intakt zu sein, meldete der Geist. Die Oberschenkel scheinen auch noch mit der Hüfte verbunden zu sein.
Die Finger taten auch, was sie sollten, nur das linke Handgelenk meldete eine Störung. Kann mich nur mit Schmerzen bewegen, war die Fehlermeldung. Ebenso aus dem linken Ellenbogen und der linken Schulter kam die Meldung der Schmerzen. Die letzte Störmeldung, die ich bekam, wurde von meinem Kopf ausgesandt. Massive Schmerzen in der Zentrale, damit waren es vier Störmeldungen, die mir mein Körper in den Geist sendet.
Die Augen, was machen deine Augen, dachte ich, als wieder etwas gegen meinen Kopf klatschte, sanft zwar, aber es fühlte sich an wie ein Donnerhall.
»Herr Klein, jetzt strengad Se sich a und machet Se d’ Auga auf. Sie send doch a Ma ond koi Memme. Na endlich, i han scho denkt, Se hend was Schlemmers.«
Ich schlug die Augen auf, sie funktionierten. Aus dem Dunst, der meine Augen umgab, sah ich das Gesicht, das ich während des Feuerwerks schon gesehen hatte. Es war eine alte Frau. Wer ist das, fragte ich meine Zentrale. Diese antwortete nicht in der gewohnten Worp-Geschwindigkeit. In der Geschwindigkeit einer Brieftaube kam die Nachricht: Keine Ahnung, eine alte Frau. Frag doch nach.
»Wer sind Sie?«
»Ich ben die Dora Hailfinger, aber alle nennet mich Dorle.«
Das Dorle, mein Gott wie lange habe ich diesen Namen schon nicht mehr gehört. Eigentlich gibt es doch nur noch Kevins und Jessicas. Dora, Martha, Klara gab es doch gar nicht mehr.
Ich versuchte mich zu sammeln.
»Ich bin der Wilhelm, und gute Freunde dürfen auch Hämme zu mir sagen.«
Dabei streckte ich ihr die rechte Hand hin.
»Den Namen gibt’s aber bloß no selta ond scho gar net bei soma jonga Kerle wie Ihne«, sagte sie, und reichte mir ebenfalls die Hand. Sie hatte den Händedruck eines Steinmetzes, und ich versuchte ihn zu erwidern.
»Du hoscht noch koi Kraft, drenk erscht mol was.«
Sie hielt mir ein Glas hin, das mit einer dunkelgelben Flüssigkeit gefüllt war.
»Was ist das?«
»Drenk, es wird dir gut doa!«
Da ich eine ledrige Zunge hatte, nahm ich das Glas in die rechte Hand und hob meinen Kopf an. Ein Hämmern in meiner Zentrale sagte mir, dass ich mich wieder hinlegen sollte. Ich tat es und erblickte dabei das kleine rote Kätzchen auf meinem Bauch. Das Kätzchen kannte ich, aber woher?
»Ich helf dir.«
Die alte Frau führte mir das Glas an die Lippen und ich schluckte gierig das gelbe Getränk. Rauchig, malzig, modrig … Whisky! Ich nahm einen weiteren gierigen Schluck.
»Wie um alles auf der Welt kommt ein Oban auf die Alb?«
»Der isch noch von meim Mann, ich hannen aufghoba für Anlässe, wo ich ihn gebrauchen kann. Des isch ein Anlass für einen Oban!«
Ich konnte meinen Körper trotz des Whiskys nicht beherrschen. Meine Beine und meine Arme gehorchten nur widerwillig den Befehlen meines Gehirns. Mein Verstand funktionierte jedoch, und ich wusste, dass ich Marion Bescheid geben musste, dass es mir gut ging.
»Ich muss Marion anrufen, sie wartet auf mich.«
»Ich hab kein Telefon«, sagte das Dorle.
»In der Tasche unter meinem Sattel ist ein Telefon. Das kann ich benutzen.«
»Du meinst das Telefon ohne Kabel. Des isch nicht mehr zu gebrauchen. Es isch total kaputt.«
»Dann muss ich zur nächsten Telefonzelle. Ich muss ihr sagen, dass es mir gut geht.«
»Dir gohts doch et guat. Du hosch einen Unfall gehabt und solltescht dich heut nicht mehr bewege.«
»Sie wartet auf mich, wie viel Uhr ist es?«
»Es isch scho dunkel, es isch nach einundzwanzig Uhr.«
»Einundzwanzig Uhr? Wie lange bin ich schon hier?«
»Des send wohl gute fünf Stunda.«
Fünf Stunden. Was war in dieser Zeit geschehen?
»Ich muss zu einem Telefon.«
»Des kannst du vergessa. Wenn du rausgehst, dann isch des Selbstmord.«
»Selbstmord?«
Das Kätzchen auf meinem Bauch stand auf und streckte ihren Buckel. Sie streckte ihre Hinterläufe und dehnte ihr Vorderläufe, um sich dann wieder auf meinem Bauch niederzulassen. Sofort wurde mein Bauch wieder wohlig warm.
»Es ist ein Unwetter em Gang und wenn du das Haus verlässt, wirst du bestimmt von irgendetwas erschlage, das durch die Luft fliegt.«
»Meine Marion und mein Henning warten auf mich. Wie kann ich sie erreichen?«
»Des goht jetzt nicht. Du musch warte bis morgen. Alle Albaufstiege send gschperrt. Viele Bäume sind gefällt worden von dem Sturm und die blockieret d’ Stroßa.«
»Ein Sturm?«
»Ja, des isch der Wandel der Zeit. Der Mensch macht immer kaputt, was er liebt.«
Wandel der Zeit, es stieg wieder Nebel auf und die Nacht kam zurück. Ich sah noch, wie die Flammen in dem alten Holzofen züngelten. Nahm noch die Wärme wahr, die er ausstrahlte. Danach kam nur noch Dunkelheit.
Hallo Rüdiger, was bin ich froh, dass ich dich erreiche.«
»Hallo Marion, was gibt es denn?«
»Ich vermisse meinen Wilhelm. Er ist am Mittag mit dem Fahrrad aufgebrochen, um auf die Alb zu fahren und ist bis jetzt noch nicht zurück!«
»Hast du ihn schon auf seinem Handy angerufen?«
»Ja, aber er hat es wohl wie immer nicht eingeschaltet.«
»Er hat sich bei dem Unwetter bestimmt irgendwo untergestellt und wartet jetzt, bis er weiter kann.«
»Er wollte aber auf die Alb und ich habe eben im Fernsehen gesehen, was da los ist. Alle Albaufstiege sind dicht und unglaubliche Windböen ziehen übers Land.«
»Auf die Alb, hat er denn nicht gewusst, dass es dort oben ein Unwetter geben soll?«
»Doch, aber du kennst ihn ja. Er meinte, dass es halb so schlimm kommen würde, wie die Nachrichten es brachten.«
»Typisch Wilhelm. Wo wollte er denn hin?«
»Göllesberg, und dann mal sehen, meinte er.«
»Also, so wie ich das sehe, sind alle Albaufstiege zu, wegen Bäumen, die auf den Straßen liegen. Das kann dauern, bis die wieder frei sind.«
»Kannst du denn nichts unternehmen, um ihn zu finden?«
»Marion, ich würde gerne etwas unternehmen, um dir zu helfen, aber es ist keiner da, um eine einzelne Person zu suchen. Alle sind im Einsatz.«
»Was soll ich jetzt tun?«
»Warten. Wilhelm ist zäh und er hat immer einen siebten Sinn. Ihm geht es bestimmt gut.«
»Wenn du meinst, Rüdiger.«
»Ja, das meine ich. Wenn einer weiß, was er tut, dann ist es Wilhelm.«
»Gut, dann werde ich jetzt erst mal versuchen, unseren Henning ins Bett zu bringen. Er wird es bestimmt nicht verstehen, dass sein Papa nicht da ist. Ich werde versuchen, ihm eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Vielleicht funktioniert ja ›Hänsel und Gretel‹. Das liest Wilhelm immer vor. Mach es gut, Rüdiger. Wenn Wilhelm morgen in der Früh nicht da ist, dann melde ich mich wieder.«
»Mache es so, Marion. Ich werde versuchen, ihn irgendwie zu erreichen. Ciao Marion, ich melde mich, sobald ich etwas von ihm weiß.«
»Danke, Rüdiger. Bis morgen.«
Rüdiger war beunruhigt. Das passte nicht zu Wilhelm. Keine Nachricht zu hinterlassen, wie es ihm ging. Das war nicht der Wilhelm.
Zwei Uhr, Wilhelm wurde wach, wach in dem alten Bauerhaus mitten auf der Schwäbischen Alb. Das alte Anwesen stand am nördlichen Ortsrand von Kohlstetten. Die Geschichte des alten Gebäudes ging weit über den Dreißigjährigen Krieg hinaus. Selbst als der Friedensvertrag von Münster unterschrieben war, gab es keine Sicherheit für die Bauersfamilie, die das Gehöft betrieb. Viel Geschichte ging an dem Hof vorüber. Die Schweden kamen hier nicht vorbei. Dennoch wurde Kohlstetten durch marodierende Truppen fast vollständig zerstört. Es waren wohl kaiserliche Truppen, die das Dorf im Dreißigjährigen Krieg marodiert haben. Allein die Kirche in dem kleinen Dorf wurde verschont. Auf dem Gehöft trugen die Nachfahren die Geschichte mündlich fort.
»Wie geht es dir Wilhelm?«
Ich wurde wach und dachte, dass ich zu Hause bin. Zu Hause neben Marion, die vielleicht unseren kleinen Sohn neben sich liegen hat, um ihn in einen sicheren und ruhigen Schlaf zu wiegen. Ihr und mir gab es ein unglaubliches Gefühl unseren Sohn im gemeinsamen Bett zu haben.
»Ich glaube, dass es mir ganz gut geht.«
»Tut dir was weh?«
»Ja, eigentlich wehrt sich mein ganzer Körper gegen irgendwelche Schmerzen, die nicht genau zu lokalisieren sind.«
»Dann geht’s d’r besser.«
»Woher willst du das wissen?«
»Erfahrung! Ich ben jetzt einundneunzig Jahre alt und in der Zeit hab i viele Krankheiten und Zipperlein bei vielen Menschen erlebt. Glaub mir, es goht dir gut.«
Ich wusste nicht, ob ich der alten Frau glauben sollte, aber etwas sagte mir, dass ich ihr Vertrauen sollte. Draußen blies der Sturm unablässig. Ich rappelte mich auf und versuchte aus der warmen Stube ins Freie zu schauen.
»Ich mach dir das Licht vom Hof an. Du glaubsch mir bestimmt nicht, dass es keinen Zweck hat, donaus zom ganga.«
Ich schaute aus dem Fensterrahmen des uralten Bauernhauses. Als das Dorle das Licht im Hof anmachte, sah ich das ganze Unheil. Bäume bogen sich in einem Winkel, von dem ich nicht wusste, dass sie ihn aushalten konnten. Es pfiff der Wind durch das ganze Haus. Die Dachziegel hoben und senkten sich mit jeder Böe. Ich konnte es hören, wie die Dachziegel sich ächzend wieder auf ihre Dachsparren niederließen, als der Wind nachließ. Wie konnte ich nur dieser alten Frau misstrauen. Dieser Frau, die fast doppelt so alt war wie ich selber. Die auf der Alb aufgewachsen war und jeden Grashalm persönlich kannte. Die sich hier oben besser auskannte, als ich mich in meinem Tal. Wohl wusste ich, wann der Wochenmarkt war und wann der nächste verkaufsoffene Sonntag. Wann der beste Moment war, um Äpfel zu pflücken oder die Brombeerhecke zu schneiden, wusste ich nur aus dem Internet. Sie wusste es aus der Erfahrung. Sie musste die Hecken nur anschauen, um zu wissen, dass es jetzt an der Zeit war, sie zu schneiden. Auf dem Wochenmarkt war sie schon seit gut fünfzehn Jahren nicht mehr. Die Menschen auf dem Markt wollten ihre Produkte nicht mehr. Produkte, die nicht ins Bild der Zeit passten. Schrumpelige Äpfel, ungespritzt. Karotten, an denen noch Dreckbollen hafteten. Grombiera, die vielleicht schon keimten, aber ohne jegliche Chemie waren. Sie hatte kein Designergemüse. Sie hatte Obst und Gemüse, wie es aus der Erde kam. Sie zog sich zurück und arbeitete für ihr eigenes Fortkommen.
»Entschuldigung Dorle, dass ich dir nicht geglaubt habe. Ich war mir nicht sicher in all dem Durcheinander. Entschuldigung, dass ich an deinen Sinnen gezweifelt habe.«
»Des ben ich gwohnt. Hier kommen oft Leut vorbei, die mir erzähle wellet, wie ich was zu tun hett. Wie ich meinen Acker zu bestellen hab und, dass ich unbedengt einen neuen Bulldog brauch, um wirtschaftlicher zu werden. Die wisset net, dass ich für mich leb und vielleicht noch für dia, dia wisset, dass es noch was anderes gibt als Geld, das man nicht essen kann!«
Irgendwie fühlte ich mich wohl in diesem Bauernhaus. Ich fühlte, wie mich die Natur hier oben einnahm, fühlte eine Freiheit, eine unglaubliche Heimeligkeit. Es war schön in dieser kleine Bauernstube. Nicht weit weg von Trubel und Weiterkommen. Die Zeit stand still hier oben bei dem Dorle.
»Meine Oma kommt auch von hier oben.«
»Von der Alb?«
»Ja, sie kam aus Undingen. Luise Klein, geborene Hailfinger.«
»Aus Undingen, sagsch du?«
»Ja, kennst du sie?«
»Ich denk scho. Sie war um einiges älter wie ich. Wenn mir von der Gleichen schwätzet, dann hot se gute Fiaß ghet. Dui hot laufa kenna, wie koi zwoite. Se isch morgens von ihrer Mutter mit ihrem Bündel nach Reutlinga auf da Markt gschickt worda ond isch obends wieder hoim komma. Mit dem Erlös vom Markt. Elles zu Fuß.«
»Genau so hat es mir meine Mama erzählt. Woher kennst du sie?«
»Die Alb isch weit und groß, aber am Trauf kennet mir uns elle. Die Alten, die Jungen kennet sich nemme. Früher, vor dem Krieg und auch kurz drnoch, mussten wir zusammenhalten. Jeder hot jeden kennt. Mir hend ons gholfa dohoba. Koiner hett überlebt ohne da andera. Was der oi net ghet hot, hot d’r andre ghet. Werkzeug, Ackergeräte und au Nahrung isch ausglieha wora. Das braucht mer heut nemme. Heut hat jeder ein Auto und jeder ein Girokonto. Alles kann man en diesem Internet bestella und wenn das mal nicht geht, dann isch der Weltuntergang nahe.«
Wie weh wurde es mir um mein Herz. Ich erlebte hier oben Geschichte. Geschichte, die man nicht auf der Schulbank lernt. Geschichte, die man nur erfährt, wenn man danach fragt und offen ist für das Alte. Für das wahre Leben.
»Dorle, meinst du, dass ich morgen wieder ins Tal hinunter kann?«
»Wann magst du denn gau?«
»So früh wie möglich.«
»Wenn de bei mir no a Frühstück essa magsch, dann kosch om siebene en da Frieah gau.«
»Es wär mer scho a Bedürfnis om die Zeit zom gau. Mai Frau und mai Kloiner wartet beschtemmt auf mi«, sagte ich mit dem breitesten Schwäbisch, das ich konnte.
»Do kosch gau. Heit Nacht wirds irgendwann vorbei sai mit dem Owettr«, sagte sie und wand sich von mir ab, um nach oben zu gehen in ihr Schlafzimmer.
»Darf ich dir noch eine Frage stellen?«
Sie drehte sich noch einmal um und fragte: »Was denn?«
»Woher kennst du eigentlich meinen Namen? Ich meine, du hast mich am Anfang mit Herr Klein angeredet, aber da konntest du doch gar nicht wissen, wie ich heiße.«
Die alte Frau schaute mich an und hatte dabei einen verschwörerischen Gesichtsausdruck. Plötzlich lächelte sie und sagte: »Dein Personalausweis ist aus deim Trikot gfalla, als ich es dir ausgezogen hab. Ganz oifach.«
Ich legte mich zurück, und kaum lag ich bequem und in meiner Decke eingewickelt, kam das kleine rote Kätzchen. Es sprang auf meinen Bauch und fing an mit ihren Vorderpfoten sanft ihren Schlafplatz zu formen. Dabei schaute es mich immer wieder an, kniff dabei beide Augen zu. Ich tat das Gleiche, um ihr zu sagen, ich bin dein Freund. Nach ein paar Minuten legte es sich hin und schlief ein. Fast zeitgleich mit mir.
Es kann doch nicht wahr sein, dass keiner auf die Alb kommt. Schickt einen Hubschrauber oder die Bundeswehr da hoch, wir müssen ihn finden«, schrie Rüdiger ins Telefon, um anschließend den Hörer auf die Halterung zu knallen. Er machte sich unglaubliche Sorgen um seinen Freund Wilhelm. Es war nun schon drei Uhr in der Früh und noch immer kam niemand die Steigen auf die Alb hoch.
Dass der Sturm zu stark für einen Hubschrauber war, wusste er, aber glauben wollte er es nicht. Wo war und was machte der Wilhelm? Er wurde fast wahnsinnig bei dem Gedanken, dass ihm etwas passiert sein könnte.
Es war sechs Uhr, als Wilhelm aufwachte. Das Kätzchen schlief immer noch auf seinem Bauch, obwohl das alte Dorle schon ihren Küchenherd angeheizt hatte und Spiegeleier darauf briet.
»Guta Morga, Wilhelm«, sagte das Dorle, ohne von ihrem Herd aufzuschauen.
Es war eine seltsame Stille. Kein Geräusch drang von draußen in die Bauernstube.
»Guten Morgen, Dora.«
»Du kannsch dich wascha und anzieha. Drnoch kannsch du dei Frühstück essa und ins Tal nab fahra. Es isch scho lang her, dass i für en Mann a Frühstück gemacht han. Hab scho fascht vergessa, wie gut es tut, nützlich zu sei für jemand andera.«
Das sagte sie mit einer Wehmut in der Stimme, die mich erschrecken ließ.
»Ich komme wieder. Ich komme mit meiner Familie. Sie soll sehen, welch lieber Mensch mich beherbergt hat. Mein Sohn wird begeistert sein von deiner Paula, und meine Marion wird bestimmt am liebsten hier einziehen.«
»Des hier isch nicht zu verkaufa. Ich bleib hier, bis mich der Heiland hoim holt. Do ändert auch diese Nacht nichts dra«, sagte sie, und löffelte dabei das Fett über die Eier.
»Ich hab das doch auch nur so dahergesagt. Wir wollen dir nichts wegnehmen. Es war eben so schön bei dir hier oben, und ich bin dankbar, dass ich hier sein durfte. Nur daran möchte ich meine Familie teilhaben lassen. Ich hatte Glück, dass du vorbei gekommen bist, als mir dieser Autofahrer die Vorfahrt nahm. Ich würde nicht mehr hier sein, wenn du nicht gewesen wärst.«
»Wer hat dir eigentlich die Vorfahrt gnomma?«
»Ich weiß nicht, wer das war.«
»Wie hot er denn ausgseha?«
Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln, aber das Einzige, an das ich mich erinnern konnte, war dieser komische Kopf. Blondes bis rötliches Haar, einen Oberlippenbart, der es nicht wert war, ihn zu erwähnen. Ein Kopf, der so drall war, dass ich dachte, er würde bei dem Aufprall wohl platzen.
»Er hatte ein Gesicht wie ein brünstiger Eber.«
»Das Auto, was war es für ein Auto?«
War es ein Pkw? Ich versuchte mich erneut zu erinnern. »Am Trauf kannten wir uns alle«, waren die Worte von Dora gewesen, und ich wollte mich erinnern, um diesen unangenehmen Zeitgenossen aus dem Verkehr zu ziehen.
»Ein silberner Passat.«
»Schön.«
»Was ist schön?«
