Der Unscheinbare - Lars Gunmann - E-Book

Der Unscheinbare E-Book

Lars Gunmann

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Beschreibung

Klaus Müller versteht die Welt nicht mehr. Von einem Tag auf den nächsten bemerkt keiner mehr den Angestellten. Es kommt ihm vor, als sei er unsichtbar geworden. Doch diese seltsame Verwandlung bringt nicht nur Nachteile mit sich. Derweil kehrt die quirlige Castingshowgewinnerin Vanna Morris für ein Konzert in ihre Heimatstadt zurück. Doch ihre Vorfreude wird getrübt: Der Produzent ist launisch, ihr Freund verhält sich immer seltsamer, Proteste gegen die Regierung finden statt und obendrein geschehen ganz merkwürdige Dinge. Ist da vorhin wirklich ein Mann einfach so in die Dönerbude marschiert und hat sich selbst einen Döner gemacht, ohne dass es irgendjemanden interessierte? Als ein junger Mann zu Tode kommt und auch noch der BND in der badischen Kleinmetropole auftaucht, wird es sowohl für Vanna als auch für den Unscheinbaren immer ungemütlicher. Das ungleiche Duo wird sich behaupten müssen! Für Fans von Marvel- und DC-Filmen und -Serien wie Flash, Arrow, Ant-Man, Spider-Man, Avengers sowie für Leser:Innen von Mystery-, Action-, Krimi- und Humorliteratur.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Unscheinbare

 

Von Lars Gunmann

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Unscheinbare

von Lars Gunmann

 

© 2020 Lars Gunmann alias Michael Hambsch

Alle Rechte vorbehalten.

 

Covergestaltung: © Traumstoff Buchdesign – traumstoff.at

Covermotiv © Saskia de Korte

 

Korrektorat und Lektorat: Anke Schröder

 

 

 

1 – Working 9 To 5

 

Türen. Sie trennen drinnen und draußen voneinander. Klaus Müller lief an der Glastür vorbei, die – zusammen mit einer in der Wand eingefassten, langen Glasscheibe daneben – das Innenleben des Besprechungszimmers preisgab. Er blieb stehen. Wie jeden Morgen um halb Elf wurden die aktuellen Kampagnen besprochen.

»Der unscheinbare Mann! Sind wir etwa neugierig?«

Klaus drehte sich um und erblickte Christina aus dem Korrektorat. »Ich habe mir nur einen Kaffee besorgt, Frau Förstner.« Er zog seinen altmodischen Hut und nickte höflich.

»Ach, Müller. Sie machen mir nichts vor.« Christina nahm mit beiden Händen ihre langen, schwarzen Haare und legte sie sich über ihre Schulter. »Ich habe hier nicht angefangen, um Buchstaben zu jonglieren, genauso wenig finden Sie Befriedigung in Ihren Zahlen.«

Klaus zupfte an seinem Kragen. »Ich mache meine Arbeit und tu, was ich kann. Wenn Sie mich nun entschuldigen…« Erneut nickte Müller und setzte seinen Weg fort. Er verließ den lichtdurchfluteten Großraumbereich und nahm die Abzweigung in einen schmalen Flur, wo graue Wände, blasses Neonlicht und unzählige Türen das Erscheinungsbild dominierten.

»Da verschwindet er wieder ins Nichts, der Mitarbeiter 432«, rief ihm Christina hinterher, schüttelte den Kopf und setzte sich an ihren Arbeitsplatz, der sich zusammen mit einigen anderen Schreibtischen direkt hier in einer mehr oder weniger offenen Einbuchtung befand. Zwar gab es eine Schiebetür aus Glas, die war jedoch – wenn überhaupt – nur bis zur Hälfte herausgezogen.

Klaus war froh, dass er in einem altmodischen Büro mit einer ganz normalen Tür arbeiten konnte. Am Ende des Flures öffnete er sie, das Schild war mit ›432‹ beschriftet. Es war die Nummer des Raumes, nicht seine Personalnummer. Klaus Müller legte ab, hängte Mantel und Hut an den hölzernen Kleiderständer. Nur wenig Tageslicht drang in den kleinen Raum, in dem zwei Schreibtische standen. Einer davon war komplett leer, der andere gut aufgeräumt. Klaus setzte sich, starrte auf den Monitor und seufzte. Er schaltete den PC an. Es piepte, es blinkte. Der Lüfter fuhr an und steigerte sogleich seine Drehzahl, der Monitor blieb dunkel. Klaus nahm das Telefon zur Hand und wählte eine vierstellige Nummer. »Hallo, Müller hier von der Rechnungsprüfung.«

»Was kann ich für Sie tun?«, antwortete die dünne Stimme am Telefon.

»Ich habe neulich schon angerufen. Ich wurde beim letzten Rollout wohl vergessen.«

»Sie kommen noch dran.«

»Es ist nur so, dass mein Rechner immer ausging und nun gar nicht mehr startet. Ohne Computer kann ich meine Arbeit kaum erledigen, wenn es Ihnen also keine Umstände macht, dann…« Klaus zögerte.

»Ja?«

»Könnten Sie vorbeikommen oder jemanden vorbeischicken?«

»Ich kann nicht vorbeikommen. Sie wissen nicht, dass Sie hier mit China telefonieren?«

»Das war mir nicht bewusst.« Klaus hielt seinen Mund für einen Moment offen.

»Aber das ist kein Problem, ich nehme mit dem zuständigen Dienstleister Kontakt auf.«

»Vielen Dank! Danke!«

»Haben Sie noch weitere Fragen?«, fragte die Telefonstimme.

»Danke, nein.«

»Ich freue mich, Ihnen bald wieder helfen zu dürfen.«

»Uff.« Klaus legte auf und stellte das Telefon wieder in die Ladestation. Er versuchte, den Rechner nochmals aus- und wieder einzuschalten – es brachte nichts. Klaus öffnete die Schublade, nahm ein Notizbuch und einen Bleistift heraus und klappte das Buch auf. Er ging ein paar Seiten durch, notierte hier etwas, zog dort ein paar Striche – und klappte das Buch schließlich wieder zu. Erneut nahm er das Telefon zur Hand. »Herr Weigel, ich möchte Ihnen nur sagen, dass mein Computer inzwischen überhaupt nicht mehr angeht.«

»Wer ist denn da?«

»Müller, Rechnungsprüfung. Wir unterstehen Ihnen seit einem Jahr direkt.«

»Rechnungsprüfung.« Der Vorgesetzte wiederholte das Wort noch zwei Mal. »Ich dachte, die wäre auch schon outgesourct.«

»Verzeihung?«

»Was wollen Sie denn, Müller?«

»Mein Computer funktioniert nicht mehr und ich werde heute auch keinen Ersatz mehr bekommen, Herr Weigel.«

»Dann schauen Sie, ob Sie irgendwo unterstützen können. Die Morris-Kampagne geht gerade in die heiße Phase. Bestimmt hat auch jemand einen Laptop übrig. Fragen Sie einfach mal, das klappt bei mir immer.«

Klaus legte seine Hand auf den Kopf, ließ sie einen Moment dort verweilen und strich sich die Haare glatt. »Meinen Sie wirklich?«

»Selbstverständlich. Wir haben genug Arbeit, machen Sie sich keine Sorgen.«

»Ich danke Ihnen!« Klaus stellte das Telefon zurück, nahm sein Notizbuch und verließ das Büro. Er ging den Weg durch den Flur zurück in den Großraumbereich, wo Christina Förstner genau wie ihre Kollegen und Kolleginnen fleißig die Tastatur bearbeitete und Werbetexte korrigierte. Christina drehte die Augen kurz in seine Richtung, als Klaus in ihrem peripheren Sichtfeld auftauchte. Vor der Glasscheibe blieb er stehen und sah in das leere Besprechungszimmer.

»Schon vorbei!«, sagte Christina ohne ihren Blick vom Monitor abzuwenden.

»Ich dachte, die Morris-Kampagne befindet sich gerade in der heißen Phase?«

»Vanna Morris, das neueste Supersternchen am Pophimmel. Ich war ja für Franco.« Christina bewegte sich mit ihrem Bürostuhl nach hinten und drehte sich zu Klaus. »Heiße Phase, mit Sicherheit. Aber wieso fragen Sie?«

»Mein Computer ist defekt.« Klaus zuckte mit den Schultern. »Weigel meinte, ich könnte bei der Kampagne unterstützen.«

»Na, danke schön! Jetzt soll das also auf einmal gehen. Ich glaub eher, der Gute ist ein wenig durcheinander. Ist ja auch der Älteste der drei Ws.«

»Verzeihung, ich wollte nicht irgendwo vorpreschen und anderen die Chance nehmen.«

Christina winkte ab. »Kein Ding. Ich würde die Chance auch nutzen wollen. Aber Sie wissen ja: Das sind eingeschworene Teams.«

Klaus kniff den Mund zu und nickte.

»Ich glaube, die hocken oben in der Nähe der Chefs«, meinte Christina. »Klimatisierung ist kreativitätsfördernd, habe ich gehört.«

»Ich schau mal, danke!« Klaus nickte kurz und ging.

»Und wegen des Computers schauen Sie morgen mal bei Alex vorbei, wenn er wieder da ist. Der müsste wissen, wo noch ein paar ältere Geräte rumstehen.«

»Mach ich!«, rief Klaus, der schon unterwegs zu den Treppen war. Er betrat das dritte Stockwerk in dem doch recht kleinen Firmengebäude, das in der Ohiostraße in der Karlsruher Nordstadt stand. Tageslicht durchflutete den Flur. Für einen kurzen Moment kniff Klaus die Augen zu. Diese Etage wirkte deutlich freundlicher. Die Chefs – Weigel, Wilhelm und Walter – hatten die Etage erst vor zwei Jahren modernisieren lassen. Die besten Kampagnenbilder der Agentur zierten die immer noch weißen Wände. Klaus vernahm Gespräche zu seiner Rechten und entdeckte die sogenannten Team Rooms - Gruppenräume, dachte er sich. Klaus sah durch die Glasscheibe der ersten Tür und öffnete diese.

»Himmel, wir brauchen noch Zeit!« Ein Designer sah von seinem Tablet auf und streckte Klaus die Handfläche entgegen. Die anderen beiden Kollegen sahen nicht von ihren Geräten auf. Der eine zeichnete hochkonzentriert mit seinem Stift auf dem umgeklappten Großbild-Touchscreen, der andere murmelte ein »Das muss nicht sein« vor sich hin.

»Ich wollte nur fragen, ob ich helfen kann. Bei mir hat die Technik versagt und Herr Weigel meinte, Sie könnten Unterstützung bei der Kampagne brauchen.«

»Weigel?«, fragte der Erste.

»Wilhelm ist für uns zuständig«, der Zweite.

»Das muss nicht sein«, der Dritte.

Klaus räusperte sich und wollte schon wieder zur Türklinke greifen.

»Was wollen Sie denn machen?«, fragte der Erste.

»Vielleicht Kaffee?«, der Zweite.

»Das muss nicht sein«, der Dritte.

»Ich kann auch ein bisschen zeichnen.« Klaus öffnete sein Notizbuch und zeigte den Kollegen eine Zeichnung.

»Hmm«, sagte der Erste. »Müssen wir mit Herrn Wilhelm abstimmen.«

»Ich glaube, das Problem liegt auch eher an den Radiospots und nicht an uns. Aber komm morgen nochmal, am besten direkt in die Neun-Uhr-Runde.« Der Zweite wandte sich an den Dritten. »Und du zeichnest jetzt weiter.«

»Wenn’s denn sein muss.«

Klaus verabschiedete sich – was die drei Kollegen nicht zur Kenntnis nahmen, ging schnurstracks in sein Büro – die Augen der Kollegin Förstner drehten sich, als er an ihrem Arbeitsplatz vorbeilief, nahm seine Sachen und ging.

»Doch früher Schluss heute?«, fragte Christina.

Klaus nickte. »Ich habe sowieso Überstunden angesammelt.«

»Dann mal schönen Feierabend!«

»Danke, gleichfalls!« Klaus zog seinen Hut und ging.

Christina Förstner schüttelte grinsend den Kopf und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Unten winkte Klaus dem Pförtner zu, der sich gerade einen Kaffee aus dem Automaten holte. »Sie wissen, wo Ihr Platz ist, Willi! Bis morgen!«

»Ähmm, danke.« Der fast sechzigjährige Mann mit dem grauen Schnurrbart und den fast weißen, aber immer noch zahlreichen Haaren, drehte sich um. »Das heißt hoffentlich was Gutes. Bis morgen, Klaus!«

2 – Station To Station

 

Sechs Stunden war Vanna Morris unterwegs gewesen. Eine nette, ältere Mitreisende hatte sie gerade um Hilfe gebeten. Vanna nahm zuerst den Koffer der Frau herunter – sie musste sich dabei schon etwas strecken, dann ihren und ihre Reisetasche. Obwohl es nicht gerade kalt draußen war, zog Vanna ihre Jacke an. Sofort klopfte sie die Taschen ab – alles vorhanden. Der ICE 371 aus Berlin fuhr an Gleis 2 des Karlsruher Hauptbahnhofs ein. Vanna hängte ihre Reisetasche um und schaute aus dem Fenster. Es waren deutlich weniger Leute als gewohnt am Gleis. Einen Schwung Menschen nach dem anderen suchte sie ab und entdeckte schließlich ihre Freundin Karo. Vanna lächelte. Der Zug hielt an, die Türen öffneten sich. Die Sechsundzwanzigjährige nahm ihren Koffer und hievte ihn nach draußen.

»Vanna!«, rief die Freundin laut und langgezogen, streckte dabei ihre Arme aus.

»Karo!« Vanna hüpfte und winkte, schnappte sich ihren Koffer und bahnte sich den Weg durch die Leute.

Karo rannte los. Gänzlich über Blickkontakt suchten sich die beiden eine freie Stelle aus, steuerten darauf zu und umarmten sich.

»Das muss bald ein Jahr her sein!«, sagte Vanna.

Karo nickte. »Das ging alles auch so schnell vorbei! Für mich war gestern erst Weihnachten!«

Vanna lachte. »Und bald gibt’s wieder Lebkuchen!« Sie bemerkte das T-Shirt ihrer Freundin, auf dem eine schwarze Faust und ein Schriftzug zu sehen waren. »Das hast du jetzt aber nicht extra wegen mir angezogen, oder?«

»Nein«, sagte Karo, »ich finde das Thema allgemein sehr wichtig und engagiere mich auch.«

»Hmm, na gut. Ich finde, es wird ein bisschen übertrieben damit.« Vanna lächelte. »Lass uns über etwas anderes reden. Wie geht’s dir?«

»Mir geht’s prima! Ich bin endlich mit dem Studium fertig und jetzt auf Jobsuche.« Die Freundin machte eine Pause. »Aber ich bin guter Dinge!«

»Schwierige Zeit, oder, Karo?«

Die Freundin grinste. »Kann ja nicht jede bei Voice Idol gewinnen.«

»Ach!« Vanna winkte ab. »Kann auch nicht jeder oder jede ein ›Star‹ bleiben. Da muss man auch selbst hinterher sein.«

»Vanna!«, hörte man eine Männerstimme von etwas weiter weg – gefolgt von einer weiteren, die den Namen jedoch auf eine derart plumpe Art aussprach, bei der ein geübtes Ohr durchaus schon die innerdeutsche Herkunft zuordnen konnte.

»Uff!« Die Sängerin schaute der etwas größeren Karo über die Schulter. »Du hättest mich warnen können! Was meinst du, warum ich mit dem Zug gefahren bin?« Sie winkte den beiden Männern, die zusammen mit zwei Bodyguards an der Treppe standen, zu.

»Wie? Läuft es etwa nicht mehr gut zwischen Kristian und dir?«

»Naja«, sagte Vanna. »Es fühlt sich nicht ganz so richtig an, aber ich hab dafür jetzt auch keinen Kopf.«

»Klar!« Karo setzte zum High Five an, den Vanna schmunzelnd erwiderte. »Die Konzerte!«

»Erstmal das hier. Eins nach dem anderen. Ganz langsam läuft das Künstlerleben wieder an.«

Karo nickte. »Ich bin froh, dass die Leute so vernünftig waren und so zahlreich Flugreisen gemieden haben. Auch wenn mir die Leute leid tun, die dadurch keine Arbeit mehr haben.«

»Ja, leider. Aber die Forschung geht ja auch gut voran, imemr mehr Leute bekommen den Impfstoff.«

»Ja, der Durchbruch auf der europäischen Raumstation war entscheidend. Hey, wäre das nichts für dich? Ein Benefizkonzert im All?«

»Jetzt spinnst du aber!« Vanna schubste ihre Freundin kumpelhaft und lachte. »Erstmal Karlsruhe. Und dann wieder Berlin.«

»Vanna, Mensch, jetzt mach doch mal! Die Proben!«, rief der eine Mann.

Die Sängerin verdrehte die Augen und zog ein »Jaaaaa!« lang. »Komm«, wandte sie sich an ihre Freundin und zog den Koffer in Richtung Treppe.

»Mensch, du!«, sagte der eine Mann, als die beiden ankamen. »Immer am Plappern. Stimme schonen ist angesagt.«

»Jetzt mach mal halblang, Rainer.« Der andere Mann nahm seine Sonnenbrille ab, schob seinen Begleiter beiseite und trat vor. »Schön, dass du da bist!« Er legte seinen Arm auf ihren Rücken, strich sich eine Strähne seiner blonden Haare aus dem Gesicht und gab Vanna einen Kuss auf den Mund. Sie erwiderte den Kuss und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Na los, Vanna, lass uns gehen«, sagte er. »Rainer kriegt Panik, du kennst ihn doch. Seine Nerven machen das in dem Alter einfach nicht mehr mit.«

Karo kicherte, legte ihre Hand auf den Mund und drehte sich schließlich weg, um scheinbar nach Zügen Ausschau zu halten.

»Na hörmal, Kristian! Ich bin vielleicht schon über fünfzig, aber noch lange nicht auf meinem Zenit!«, sagte Rainer. »Ich habe schon Geld mit Musik gemacht, da wart ihr alle noch flüssig.«

Kristian lachte und nahm den Koffer. »Ich weiß, Rainer, an dir kommt in diesem Land keiner vorbei.« Er setzte seine Sonnenbrille auf, nickte Vanna und Karo zu, klopfte seinem Begleiter auf die Schultern und stieg die Treppe hinab. »Außer Kristian von Schmidtlein.«

»Du hast keine Ahnung von Musik!« Rainer Borrmann folgte ihm und ließ die beiden Frauen stehen. Diese grinsten sich gegenseitig an und stiegen nun ebenfalls die Treppe hinab. Die Bodyguards teilten sich auf. Einer blieb bei Borrmann, der andere bei Vanna.

»Aber genug Ahnung von deinen Geschäften«, rief von Schmidtlein so laut, dass jeder, den es garantiert nichts anging, auch garantiert alles mitbekam. »Mehr als du!«

»Ja, ja, deswegen hab ich dich ja auch angestellt.«

»Ist das nicht?«, fragte eine Frau, die der Gruppe auf der Treppe entgegenkam.

»Nein«, sagte Rainers Bodyguard und schob sich dazwischen. »Abstand halten!«

»Und das?« Die Frau drehte sich um.

»Nein!«, bekräftigte Vannas Bodyguard.

Vanna drehte sich um und flüsterte: »Ein andermal geb ich wieder Autogramme!«

Karo lächelte. »Ich weiß, du würdest gerne. Aber du kannst nicht allen Fans so nah sein. Nicht jeder oder jede führt Gutes im Schilde.«

»Musik verbindet uns, Karo, da glaube ich fest dran!«

Die Gruppe bog in die Unterführung ab. An Brezelbäckern, Döner- und Bratwurstständen vorbei, ging es Richtung Hintereingang zu den Parkplätzen. Vanna und Karo nutzten die Zeit zum Quatschen, die Bodyguards schirmten ihre Schützlinge ab, und Rainer Borrmann redete an einem Stück auf Kristian ein, was dieser nur selten mit einem Blick oder einzelnen Wort kommentierte.

»Bist du eigentlich nervös wegen des Konzertes?«

»Immer!« Vanna lächelte. »Jetzt geht es noch, aber direkt davor.« Sie kniff den Mund zusammen, sah zu Karo rüber und zuckte mit den Achseln.

»Ja?«

»Da krieg ich Herzklopfen und Nervenflattern.«

»Du?«

»Ja, ich!« Vanna schubste ihre Freundin scherzhaft.

»He!« Grinsend schubste Karo zurück. »Das hat man dir beim Karaoke nie angemerkt.«

»Das ist ja auch was anderes«, lachte Vanna. »Trotzdem war ich da auch immer wieder nervös. Wenn ich was Neues gesungen habe oder andere Leute da waren - oder die richtigen Leute gefehlt haben.«

»Tschuldigung«, sagte Karo und hielt beide Hände leicht winkend vor sich, »aber ich konnte wirklich nicht jeden Freitag.«

»Das ist mir schon klar«, sagte Vanna lächelnd. »Wenn ich nervös bin, überspiele ich es einfach. So funktioniert es für mich am besten. Aber ein Konzert, das ist nochmal was ganz anderes.«

»Das schaffst du schon! Ich bin für dich da!«

»Danke dir, Karo.«

»Und die beiden sorgen hoffentlich dafür, dass auch alles richtig geplant und gemanagt wird, nicht wahr?« Karo wurde lauter und unterbrach Borrmann.

»Hast du schon jemals erlebt, dass etwas, dass ich in die Hände genommen habe, schief gegangen ist?«

»Außer deinen vier Ehen?«

»Karo, lass das!«, flüsterte Vanna und stieß ihrer Freundin den Ellenbogen in die Seite.

»Na hörmal, du! Hast du keinen-«

»Mensch Rainer!«, unterbrach Kristian lachend. »Sie hat doch Recht! Wenn du mich nicht hättest, wärst du schon längst baden gegangen.«

Karo grinste.

»Hmm«, stieß Rainer aus. »Einen besseren Scheidungsanwalt hatte ich wirklich noch nicht.«

»Also! Und jetzt rein in die Wagen.« Per Fernbedienung öffnete Kristian das Verdeck seines Sportwagens. »Du fährst doch mit mir, Vanna?« Er bekam ein Nicken als Antwort.

»Und ich?«, fragte Karo.

»Fahr mit Onkel Rainer, na los!«, lachte der Vierundfünfzigjährige und klopfte auf das Sitzpolster der Limousine, in dessen Rücksitzbereich er sich gerade gesetzt hatte.

Karo schaute zu Vanna.

»Keine Sorge«, flüsterte sie. »Die Bodyguards sind gute Männer.«

»Na dann.« Karo warf ihrer Freundin einen wehleidigen Blick zu. »Bis später!«

»Bis später, Karo.«

»Rein mit dir, ich beiß doch nicht!«, rief Borrmann.

Karo stieg ein.

»Sollen wir sie nicht lieber bei uns mitfahren lassen? Ich hab ein blödes Gefühl.« Vanna stieg in den Sportwagen.

»Der Borrmann ist doch harmlos. Er weiß, dass er es mit mir zu tun kriegt, wenn er nicht spurt«, sagte Kristian und startete den Wagen.

»Du hast ihn ja ganz schön im Griff.«

Kristian grinste. »So muss es sein.«

»Dann hoffe ich, dass mit dem Konzert auch alles glatt läuft.«

»Keine Sorge, Schätzchen. Alles verläuft nach Plan!«

Der Sportwagen und die Limousine verließen nacheinander den Bahnhofsparkplatz und fuhren Richtung Hotel.

 

3 – Moonlight Shadow

 

Klaus Müller öffnete die Haustür und stieg die Treppen des Treppenhauses hoch. Er hatte den frühen Feierabend genutzt, um einzukaufen und ein paar Kleinigkeiten in der Stadt zu erledigen. Als er seine Etage erreicht hatte, lief ein Mann – nur mit Unterhosen bekleidet – an der Treppe vorbei und goss Blumen.

»Kaiserwetter, hä?«, sagte der Nachbar.

»Was?«

»Drauß.«

»Oh nein, so warm finde ich es gar nicht. Sogar recht zugig.«

»Jaja«, sagte der Nachbar. »Aber Deutschland braucht trotzdem ’n Kaiser.«

»Wie bitte?«

Der Nachbar nickte. »Besser so. Kaiser und kei Raumstatione.«

Klaus zögerte. »Schönen Tag noch«, sagte er schließlich, nickte leicht und ging zu seiner Wohnungstür.

»Jaja.« Der Nachbar zog sich die Unterhose ein Stück hoch und widmete sich wieder den Pflanzen.

Klaus öffnete die Tür und betrat seine Wohnung. Er stellte seine Aktentasche an die Garderobe, die Einkaufstasche in die kleine Küchennische direkt neben dem Eingang und legte ab. Die Wohnung hatte nicht mal 50 Quadratmeter und war recht spartanisch ausgestattet. Einen Sinn für Dekoration besaß Klaus nicht. Nur einige Bücher, ein paar CDs und Schallplatten sowie Pflanzen. Die Couch war nicht dazu gedacht, besonders viele Personen aufzunehmen - wie auch das ganze Wohnzimmer. Als er damals vor dem Einzug die Wohnung besichtigte, sah es hier noch ganz anders aus. Die Vormieterin liebte offenbar das Meer. Bilder, Muscheln, kleine Leuchttürme und Robben. Wenn Karlsruhe am Meer liegen würde, so hatte Klaus einst von irgendwem gehört, wäre es die perfekte Stadt. Karlsruhe lag nicht am Meer, aber das störte ihn nicht. Es gab das Schloss, das Bundesverfassungsgericht, den Zoo, das Naturkundemuseum und mit der Schauburg auch ein Kino, dessen Geschichte bis in die 1920er Jahre und als Apollo-Theater noch weiter in die Vergangenheit zurückreichte. Klaus liebte alte Filme. Und Filme, bei denen nicht alle zwei Minuten irgendetwas explodierte. Die leiseren Töne mochte er.

Die Lage seiner Wohnung war ruhig, die Nachbarn manchmal zwar etwas eigen, aber insgesamt konnte man nach einem Arbeitstag gut entspannen. Klaus schaute sich seine CDs an, nahm eine Best Of der Beatles in die Hand, legte dann aber eine mit irischer Folk-Musik in sein Multifunktionsradio. Dann räumte er den Einkauf ein, mixte sich ein Glas Johannisbeerschorle und setzte sich auf die Couch. Er saß da, trank einen Schluck und lauschte der Musik. Normalerweise genügte ihm das – einfach dazusitzen und der Musik zu lauschen. Er brauchte keine Entspannung, nein, er war stets gelassen. Genoss die Harmonie. Lebte vor sich hin. Ja, hin und wieder nahm er einen Block und zeichnete. Aber sonst musste er sich nie groß beschäftigen.

Klaus stand auf, holte Block und Bleistift und legte beides auf den Couchtisch. Er starrte auf den Tisch. Streckte die Hand aus, zog sie gleich wieder zurück. Minuten vergingen. Er blickte auf, sah das Radio und vernahm erst jetzt wieder die Musik.

Sein Magen knurrte. Klaus fiel ein, dass er den ganzen Tag über kaum etwas gegessen hatte. Also ging er in die Küche, öffnete den Kühlschrank, nahm diverse Zutaten heraus und holte das Kartoffelnetz, das er erst vorhin in den Schrank geräumt hatte. Eine Gemüse-Kartoffelpfanne war nicht zu aufwendig und sollte ihn satt genug machen. Nach dem Essen schenkte er sich ein weiteres Glas Saftschorle ein und ging auf den Balkon. Es war noch hell, doch der Himmel zog sich zu.

»Ah, der Nachbar!«

Klaus drehte den Kopf und sah rüber zum Balkon nebenan. Vielleicht hätte er doch endlich den Blickschutz anbringen sollen.

»Guten Abend«, sagte Klaus. »Ihnen ist wohl kalt.«

»Wegem Unnerhemm?« Der Nachbar lachte. »Ich kann doch net nackich uff de Balkong.«

»Ach so«, sagte Klaus, drehte sich wieder um und setzte sich.

»Jo, bis dann.«

Er nahm einen Schluck und schloss die Augen. Der Nachbar war nicht mehr zu hören und so dämmerte Klaus weg.

Der Mond strahlte hell. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Klaus sah sich um. Wo war er? Der Mond war riesig, doch plötzlich war alles schwarz und grau um ihn herum.

»Bring Sie weg! Mein Gott, Sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich! Sie sollte nicht hier sein«, hörte er sich sagen. Es klang wie seine Stimme, irgendwie aber auch nicht. Er drehte sich um – nein – es drehte sich um ihn herum. Er sah leblose Menschen auf dem Gestein liegen. Dahinter immerwährende Dunkelheit. Eine riesige Hornisse flog vorbei und griff jemanden an. Die Hornisse wurde erwischt und strauchelte, sie flog auf ihn zu.

Klaus schreckte hoch. Sein Herz klopfte. Er blickte sich um – er saß noch immer auf seinem Balkon. Es war dunkel, doch der Mond schien hell. Zerzauste Wolken zogen vorüber. Von nebenan vernahm er ein Schnarchen. Klaus trank sein Glas aus und ging in die Wohnung zurück und machte sich bettfertig. Im Bett drehte er sich hin und her. Stand auf, und öffnete das Fenster. Schloss es wieder. Holte sich eine Flasche Wasser und trank. Machte leise Musik an und sah immer wieder auf die Uhr.

 

Der Wecker klingelte. Klaus machte kurz die Augen auf und wieder zu. Dann stand er auf, machte den Wecker aus und legte sich wieder hin. Fünf Minuten konnte er noch liegenbleiben. Er riss die Augen auf. Dreißig Minuten waren vergangen. Er musste sich fertig machen. In zwanzig Minuten stand er an der Haltestelle, gerade noch rechtzeitig. Die Straßenbahn fuhr heran – und an ihm vorbei. »He!«, rief Klaus der Bahn hinterher. Er setzte sich auf die Bank und wartete. Mit der Zeit kamen weitere Leute an die Haltestelle. Eine junge Frau beredete lautstark ihre Beziehungsprobleme am Handy. Ein junger Mann mit Kopfhörern setzte sich auf die Bank. Die nächste Bahn kam, Klaus stieg ein.

»Guten Morgen, Willi!«

Der Pförtner grüßte nicht zurück und sah nicht von seiner Zeitung auf, als Klaus an ihm vorbeilief. Dieser stieg die Treppenstufen hoch und warf beim Vorbeigehen einen Blick in den leeren Besprechungsraum. »Guten Morgen!«, sagte Klaus beim Vorbeigehen zu seinen Kolleginnen und Kollegen. Niemand schaute auf, auch nicht Frau Förstner, die anscheinend zu sehr in ihre Arbeit vertieft war. Klaus ging weiter und betrat sein Büro. Er legte ab, stellte seine Aktentasche ab und versuchte, den PC anzuschalten. Er legte seine Hand auf seine Stirn. »Da war ja was!«

Klaus ging zurück zu seiner Kollegin. »Guten Morgen, Frau Förstner, ist Alex heute da?«

Christina tippte weiter.

Klaus räusperte sich. »Entschuldigung.«

Keine Reaktion.

»Ich weiß, Sie haben wichtige Arbeit zu erledigen, aber ich könnte wirklich Ihre Hilfe gebrauchen.«

Christina tippe weiter.

»Leute!« Klaus wurde lauter, niemand reagierte. »Hab ich euch irgendwas getan?« Er nahm ein A4-Notizbuch vom Schreibtisch, wollte es auf den Tisch knallen, legte es aber wieder hin. »Tut mir leid. Weiß irgendjemand, ob Alex da ist?«

Immer noch keine Reaktion. Klaus ging zurück nach unten und sprach den Pförtner an. »Guten Morgen, Willi! Sag mal, der Alex, der mit den Computern, in welchem Büro sitzt er nochmal?«

Für einen Moment blickte Willi auf, drehte seinen Kopf nach links und nach rechts, widmete sich dann wieder seiner Zeitung.

»Was ist denn los heute? Willi! Ihr behandelt mich ja alle, als wäre ich Luft!« Klaus wollte nach der Zeitung greifen, zog seine Hand aber wieder zurück. Stattdessen ging er wieder hoch und ein Stockwerk weiter zu den Chefs. Er klopfte bei seinem Vorgesetzten Herr Weigel, es folgte jedoch keine Reaktion. Klaus öffnete die Tür, trat hinein. Herr Weigel saß vor seinem Laptop und schien etwas zu lesen. Er blickte nicht auf.

»Guten Morgen, Herr Weigel!«

Auch der Vorgesetzte zeigte keine Reaktion.

»Morgen, Chef.« Immer noch nichts. Klaus verstellte seine Stimme. »Moin, Meistäää!« Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, doch Herrn Weigel beeindruckte auch dies nicht. Klaus setzte sich seinem Chef gegenüber. »So, da wären wir! Was ist los, was habe ich falsch gemacht? Wollen Sie, dass ich kündige, damit die Rechungsprüfung ausgesourct werden kann?« Er streckte die Hand Richtung Laptop und rechnete jeden Moment damit, dass sein Chef die Fassung verlor und diese Posse somit ein Ende fand. Nichts dergleichen geschah. Langsam bewegte Klaus die Hand auf den Laptop zu und kippte den Bildschirm nach hinten.

»Was?« Weigel griff zum Bildschirm und klappte ihn wieder in seine Richtung.

Erneut kippte Klaus den Bildschirm zu sich, diesmal ein Stück weiter. Herr Weigel schnaubte auf und zog den Bildschirm wieder in eine für ihn angenehme Arbeits- und Leseposition. Das sah Klaus als Einladung, das Spielchen weiter zu spielen. »Ich bin hier! Sie können mit diesem Mumpitz aufhören, die Firma hat sicher Besseres zu tun, als mich zum Narren zu halten.«

Herr Weigel nahm das Telefon zur Hand und drückte eine Taste. »IT, sofort. Das weiß ich doch nicht, würde ich sonst verbinden lassen wollen. Ja, ich warte.«

Klaus setzte seinen Zeigefinger am oberen Rand des Laptopmonitors an und übte ganz leichten Druck aus, so dass der Bildschirm ganz langsam nach hinten klappte.

»Ja, ich brauche einen neuen Laptop. Wie, warum sind Sie in China, wer hat das entschieden? Aber dann schicken Sie schnell jemand, der den Laptop tauscht. Wir haben hier wichtige Geschäfte zu erledigen!«

»Ach was«, warf Klaus ein.

Weigel legte auf und sah, dass der Laptop fast komplett auseinandergeklappt war. »Jetzt langts aber!«, schrie der Vorgesetzte den tragbaren Computer an, während er ihn wieder ordentlich positionierte – dabei sah er keinen Augenblick zu Klaus.

»Jetzt langts mir!«, rief dieser und klappte lautstark den Laptop komplett zu.

»Was?« Weigel sah Klaus in die Augen. »Sie? Was wollen Sie denn?«

»Reden. Ich sitze schon die ganze Zeit hier und versuche, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken. Ich bin ja eigentlich ein ruhiger Mensch, aber…«

Weigel klappte den Laptop wieder auf.

»Aber ich sehe mich gezwungen, meine Stimme zu erheben!« Noch bevor sein Vorgesetzter den Computer wieder ausreichend aufgeklappt hatte, schlug Klaus mit der flachen Hand auf das Gerät, wodurch es sich wieder geräuschvoll schloss. Der Schreibtisch wackelte, Weigel zuckte zusammen.

»Hören Sie«, sagte dieser. »Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen, mein Laptop macht Schwierigkeiten. Bestimmt nur das Scharnier, aber wer weiß das schon.«

»Jetzt hören Sie mir mal zu, wenn Sie keine Arbeit für mich haben, dann sagen Sie es doch einfach.«

Weigel nahm einen Block aus der Schublade und fing an, darauf zu schreiben. Klaus beachtete er nicht mehr.

»Also wenn das so ist«, meinte der Angestellte, »dann werde ich heute in der Besprechungsrunde meine Entwürfe präsentieren und wir werden sie verwenden. Klingt das gut?«

Keine Antwort.

»Also, wenn Sie zustimmen, dass mir ab sofort Kompetenzen außerhalb der Rechnungsprüfung zugestanden werden und ich regelmäßig mit neuen Entwürfen an der Runde teilnehmen soll, dann sagen Sie jetzt einfach nichts.«

Der Chef schwieg.

»Danke und auf Wiedersehen!« Klaus kehrte zurück nach unten und blieb auf dem Weg in sein Büro bei Frau Förstner und ihrem Team stehen. »Na, alles senkrecht?« Klaus sah sich die Schreibtische an und vertauschte ein paar Sachen, ohne dass sich jemand darüber beschwerte. »Gerngeschehen!«

Was war hier los? Wollte man ihn loswerden? Ein Scherz konnte es unmöglich sein. Man beliebte nicht zu scherzen bei der WWW Agency. Und hatte unmöglich die Zeit dafür, gerade jetzt. Aber loswerden könnte man ihn auch weitaus einfacher und günstiger. Warum sollten die Kollegen mitmachen, wenn sie wissen, sie könnten die Nächsten sein? Doch kannte er seine Kollegen wirklich?

Zurück im Büro nahm Klaus das Telefon und rief seinen Vorgesetzten an. Er nahm nicht ab. Klaus ließ es weiter klingeln, behielt das Telefon am Ohr, durchquerte erneut den Flur, passierte die Kollegen und stieg die Treppe hoch. Er betrat das Büro seines Chefs. Das Telefon klingelte, Weigel saß seelenruhig vor dem Laptop. Klaus legte auf und wartete. Er versuchte es nochmal. Dieses Mal nahm Weigel nach einer Weile ab, ließ nach einem ›Ja‹ aber nichts mehr von sich hören.

»Hallo?«, sprach Klaus in das Telefon. Nach einer Weile legte der Vorgesetzte einfach auf.

Klaus beobachtete Herrn Weigel und dessen Telefon. Minuten vergingen. Es musste doch irgendwann irgendjemand was von diesem Mann wollen! Nach fünfzehn Minuten klingelte das Telefon. Weigel nahm sofort ab.

»Das gibt’s doch nicht«, rief Klaus aus und verließ das Büro. Durchstreifte das Gebäude, betrat hier ein Büro, dort einen Raum. Niemand fühlte sich durch seine Anwesenheit gestört. Er setzte sich in den Gruppenraum, in dem das Team von gestern weiterarbeitete, beobachtete die Kollegen und dachte nach. Vielleicht bot der eine oder andere Filmklassiker eine Antwort. War er unsichtbar? Und unhörbar? Sein Chef hatte doch kurzzeitig reagiert! Ein düsterer Gedanke schlich sich ein: War er vielleicht tot? Wenn ein Geist nur laut genug poltert, wird man ihn bemerken! Klaus musste einfach weiter ausprobieren, was er tun konnte und was nicht.

Er ging an die Pforte. »Willi!« Wie erwartet blieb eine Reaktion aus. Klaus ging um den Tresen herum in den Sicherheitsbereich, in dem er sich nur auf Weisung des Pförtners hin hätte aufhalten dürfen. Sollte es so einfach sein? Einfach tun, einfach machen – ohne sich an Regeln zu halten, ohne nachzudenken? Klaus schüttelte den Gedanken ab. Bisher konnte er alles berühren. Vielleicht würde er bei Gelegenheit mal ausprobieren, ob er durch Wände gehen könne. Es stünde aber auf der Prioritätenliste nicht weit oben. Bisher war er noch nie vor eine Straßenbahn oder ein Auto gelaufen und er sähe darin auch keinen Vorteil, dies unbeschadet tun zu können, wenn man dafür ohnehin schon tot sein musste.

Klaus nahm einen Zettel und schrieb: Dringend Herrn Weigel anrufen, Tel.: 2923. Dann nahm er den Zettel und klatschte ihn Pförtner Willi direkt auf die Zeitung.

Dieser schreckte hoch. »Heidewitzka!« Willi entdeckte den Zettel. »Nanu?« Der Pförtner griff zum Telefon. »Herr Weigel, ich sollte Sie anrufen? Pforte hier, Kießlinger. Ich habe eine Notiz hier vor mir liegen. Nein, mehr steht da nicht. Wiederhören.« Willi legte auf.

Also war es ihm doch möglich, Einfluss zu nehmen! Klaus schaute auf die Uhr. Die Besprechung ging bald los! Er rannte zurück in sein Büro, trennte zwei Seiten aus seinem Skizzenbuch, schrieb etwas auf die Blätter und verließ das Büro wieder.

 

4 – Who Says You Can’t Go Home?

 

»Guten Morgen, Langschläferin!« Kristian küsste Vanna auf die Stirn.

Vanna grummelte, drehte sich um und kuschelte sich wieder in ihre Decke ein. Dann drehte sie den Kopf. »Kaffee?«

Kristian lachte. »Ich wusste doch, so kriege ich dich aus dem Bett.«

»Noch liege ich drin. Ich könnte den Kaffee auch einfach austrinken und dich ins Bett ziehen.« Vanna drehte sich zurück, schob ihre Decke beiseite und stemmte sich etwas hoch.

»Warte, warte!« Kristian zog die Tasse zurück. »Den Blick kenne ich. Wir haben keine Zeit mehr!«

Vanna lachte, vollzog eine schnelle Drehung aus der Hüfte, streckte ihre Beine aus dem Bett und stand in einem Satz auf. »Her mit dem Kaffee!«

Diesen verschüttete Kristian beinahe. Er wurde laut: »Achtung, der ist doch heiß!« Seine Miene verfinsterte sich.

»Mann, du bist so schnell im Aggro-Modus!«

»Ich hätte mich verbrühen können!«

»Tut mir leid.« Vanna streichelte Kristian an der Seite. »Ich aber auch.«

»Mit dem Unterschied, dass du alleine daran schuld gewesen wärst.«

»Du alter Miesepeter!« Vanna lachte. »Lass uns jetzt den Kaffee trinken!«

Kristian schnaubte und streckte Vanna die Tasse entgegen. »Ich habe noch einen Termin, ich hab jetzt keine Zeit mehr dafür.«

»So?« Vanna nahm die Tasse und sah Kristian in die Augen. Mit der anderen Hand griff sie nach seinem Nacken, dann spitzte sie ihre Lippen und reckte sich seinem Gesicht entgegen.

Kristian schob sie weg. »Tut mir leid, ich muss los.« Er ließ keinen Moment verstreichen, sondern packte sein Jackett, zog es an und verließ mit einem »Bis später!« die Hotelsuite.

»Pah!«, stieß Vanna aus, als er die Tür zuzog. Sie nahm ihr Smartphone vom Nachttisch, ging in den Wohnbereich und setzte sich mit der Kaffeetasse an den Tisch. Sie trank einen Schluck, öffnete ihre Messenger-App und tippte auf Karo. Guten Morgen! Hast du heute Zeit?

Es klopfte an der Tür. »Vanna!«

»Bin gleich da.« Sie stellte die Tasse ab, zog sich schnell was über und ging zur Tür. »Bist du es, Rainer?«

»Ja, wer denn sonst?«

Vanna öffnete. Borrmann kam herein. »Was ist denn mit Kristian los, der ist wortlos an mir vorbeigezischt und ab nach unten.«

Vanna zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, was er schon wieder hat. Ist in letzter Zeit öfter mal zickig.«

»So kenne ich ihn gar nicht. Außer als ich mal… Mensch, wenn ich so drüber nachdenke, ist es nicht das erste Mal. Da gewöhnt man sich wohl dran.«

»Die Frage ist: Will man sich daran gewöhnen?«

Rainer schaute seine Sängerin einen Moment lang an. »Schnucki, ihr werdet doch nicht, nein, oder?«

»Ich weiss es nicht.«

Borrmann winkte ab. »So geht das doch nicht! Wir sind doch ein eingespieltes Team. Der Kristian arbeitet schon so lange für mich, ich hab doch gar keinen Durchblick über all die Verträge, Tantiemenzahlungen und Lizenzen.«

»Tja, dann stellt sich die Frage ja nicht, mit wem du weiterarbeiten wirst. Ich meine, ein bisschen Starthilfe würde ja genügen. Lass mich doch einfach meinen Song singen.«

»Der ist noch nicht fertig. Da müssen wir noch mal über den Text gehen. Der Mix ist auch noch nicht bereit fürs Mastering. Und dann geht das erstmal nach London, zu den Abbey Road Studios. Die haben nicht auf deinen Song gewartet. Bis der fertig ist, sind wir hier schon längst wieder weg.«

»Also dann beim nächsten Konzert?« Vanna neigte ihren Kopf nach unten und schaute ihren Produzenten von unten nach oben an.

»Schnucki.« Rainer erwiderte den Blick.

»Sag doch, dass du nicht willst!« Vanna wurde lauter. »Und jetzt zieh Leine, ich muss mich noch fertig machen. Ich will raus in die Stadt, was mit Karo unternehmen.«

»Du weißt aber, dass heute noch Proben sind. Auch dein Gesangscoach ist hier.«

»Keine Sorge«, sagte Vanna genervt, »ich werde Laura nicht versetzen.«

»Na gut, dann werd ich mal ins Studio gehen. Hab eins gemietet in der Stadt.«

Wenig später war Vanna unterwegs zum Treffpunkt, den sie mit ihrer Freundin ausgemacht hatte. Karlsruhe zeigte sich voller Baustellen, genau wie sie es in Erinnerung hatte. Schon mehrfach hatte man den Termin für die Fertigstellung der U-Strab und den dazugehörigen Baumaßnahmen verschoben. Da sie die letzten Jahre in Berlin gewohnt hatte, konnte sie von dort aber auch nichts Besseres berichten. Ewige Großbauprojekte blieben wohl ein deutschlandweites Problem – aber nicht ihres. Sie kam an den Marktplatz, der immerhin schon fertiggestellt war. Der Blick auf die Pyramide, unter der die Gruft der ehemaligen Konkordienkirche mit dem Grab des Stadtgründers – dem Markgrafen Karl-Wilhelm – lag, war wieder frei. Kinder spielten an den Wasserspielen und Passanten flanierten zwischen dem Platz und der Fußgängerzone in der Kaiserstraße. Vanna kehrte um und bog in die Zähringerstraße, um ihrem alten Lieblingspub einen Besuch abzustatten. Sie setzte sich an einen Tisch im Außenbereich.

»Das gibt’s doch nicht! Vanna!!!«, rief die Bedienung.

»Robert!« Die junge Sängerin stand auf und umarmte den Mann. »Du arbeitest immer noch hier!«

»Klar, mich kriegt man hier nicht weg. Johannisbeerschorle?«

Vanna lächelte. »Wow! Ja, aber selbstverständlich.«

»Schön, dass du wieder hier bist! Kommt sofort.« Robert ging rein und brachte ihr kurz darauf das Getränk. »Erzähl!«

»Naja, du wirst sicher gehört haben, dass ich ein Konzert hier gebe.«

»Klar, und ich hab sogar schon Karten! Das lass ich mir doch nicht entgehen. Du Star, du!«

»Ach komm!« Vanna winkte lachend ab.

»Darfst du dann am Freitag hier überhaupt beim Karaoke mitmachen, oder hast du einen Knebelvertrag unterschrieben?«

Die Augen der Sängerin leuchteten. »Freitag? Dein Ernst? Findet es wieder statt?«

Die Bedienung nickte. »Und, darfst du?«

Vanna räusperte sich. »Nun, es muss jemand dabei sein, der aufpasst, dass mich niemand filmt.«

»Das können wir gerne auch durchsagen lassen. Und ich hau denjenigen auch gerne persönlich auf die Finger.«

»Vanna! Robert!«, hörte man eine Stimme rufen. Es war Karo.

»Hey, da bist du ja!«

»Dann will ich euch mal nicht stören. Wie immer, Karo?«, fragte Robert.

Sie nickte und wandte sich an Vanna. »So, dann wollen wir nachher endlich mal wieder ordentlich auf Tour gehen!«

»Aber nicht zu lang, ich treff mich nachher noch mit Laura, meinem Gesangscoach.«

»Tja, so ist das Leben als Star. Immer irgendwo eingespannt.«

Vanna grinste. »Jetzt fang du nicht auch noch damit an.«

»Ich mach ja nur Spaß! Und, wie sieht es aus mit deinem Song?«

Die Sängerin presste kurz die Lippen zusammen. »Rainer stellt sich immer noch quer.«

»Lass doch Kristian mit ihm reden!«

»Ich muss das auch mal selbst hinkriegen.« Die Freundinnen schwiegen einen Moment lang. »Hey, kommst du auch am Freitag hier her?«

»Zum Karaoke? Klar doch!« Karo nahm einen Schluck ihres Getränks, das Robert ihr zuvor gebracht hatte. »Hey, sing deinen Song doch am Freitag, hier!«

»Es darf mich halt wirklich niemand dabei aufnehmen und der Bodyguard darf mich nicht verpetzen.«

Karo lachte. »Du gehst davon aus, dass der Herr dein Songrepertoire kennt und weiß, was du singen darfst und was nicht.«

Jetzt musste Vanna auch lachen. »Du hast wahrscheinlich recht. Über sowas mach ich mir manchmal zu viele Sorgen.«

»Siehst du. Und das Playback kriegen wir schon zum KJ, keine Sorge.«

»Gut, wenn du meinst!« Vanna erhob ihr Glas. »Dann mal auf den Freitag.«

»Auf den Freitag. Und auf dich!« Karo erhob ebenfalls ihr Glas und stieß mit ihrer Freundin an.

5 – The Invisible Man

 

»Schönen Nachmittag zusammen!« Klaus Müller betrat das Besprechungszimmer.

Herr Wilhelm stand an der elektronischen Besprechungstafel. Es handelte sich um einen übergroßen Touch-Bildschirm, dessen größte Verbesserung gegenüber dem schwarzen Brett war, dass man nun virtuelle Notizzettel ausfüllen und diese auf dem Bildschirm verschieben konnte.

---ENDE DER LESEPROBE---