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In Edgar Allan Poes meisterhaftem Werk 'Der Untergang des Hauses Usher' entfaltet sich eine düstere Atmosphäre, in der Angst und Wahnsinn untrennbar miteinander verwoben sind. Die Erzählung beschreibt die schleichende Dekadenz des Hauses Usher und seiner letzten Bewohner, Roderick und Madeline Usher. Poe, ein Pionier der Gothic-Literatur, nutzt eine symbiotische Verbindung von Psyche und Umgebung, um die innere Zerrissenheit des Protagonisten widerzuspiegeln. Der eindringliche, beinahe hypnotische Stil und die präzise Bildsprache laden den Leser ein, in eine Welt voller Melancholie und schicksalhafter Vorzeichen einzutauchen, während Themen wie Verfall und die Unausweichlichkeit des Schicksals erkundet werden. Edgar Allan Poe, geboren 1809 in Boston, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und Mitbegründer des modernen Kriminalromans. Seine persönlichen Erfahrungen mit Verlust und Trauer, besonders der frühe Tod seiner Frau Virginia, spiegeln sich stark in seinen Werken wider. Diese Erfahrungen könnten ihn dazu inspiriert haben, die Themen der Einsamkeit und des psychologischen Verfalls in 'Der Untergang des Hauses Usher' so eindringlich zu gestalten. Für Leser, die die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche erforschen wollen, ist 'Der Untergang des Hauses Usher' eine unverzichtbare Lektüre. Poes einzigartiger Zugang zur Angst und sein Gespür für das Unheimliche machen dieses Werk nicht nur zu einem Klassiker der Literatur, sondern laden auch zu einem tiefgründigen Nachdenken über menschliche Emotionen und existenzielle Fragen ein. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zerfall ist ansteckend. Edgar Allan Poes Erzählung Der Untergang des Hauses Usher entfaltet diese Einsicht als beklemmendes Gleichnis: Ein Ort, eine Familie, ein Bewusstsein geraten in eine wechselseitige Spirale der Auflösung. Das Bauwerk scheint Empfindungen zu besitzen, der Mensch wird zum Resonanzkörper seiner Umgebung. Nichts geschieht spektakulär, alles schleicht sich ein – als Stimmung, als Ton, als Blick. Poe zeigt, wie eng Materie und Geist in einer Welt verbunden sind, die keine sicheren Grenzen kennt. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt einen Raum, in dem jedes Detail zur Vorahnung wird und jede Vorahnung sich in Atmosphäre verdichtet.
Edgar Allan Poe (1809–1849) gilt als einer der prägenden Autoren der amerikanischen Romantik und als Pionier der modernen Kurzgeschichte. Der Untergang des Hauses Usher, erstmals 1839 veröffentlicht und später überarbeitet, gehört zu seinen meistdiskutierten Prosastücken. Klassikerstatus erlangte die Erzählung durch ihre beispielhafte Verwirklichung dessen, was Poe als Einheit der Wirkung verfolgte: Jedes Element dient der Steigerung eines einzigen, unvergesslichen Eindrucks. Zugleich verknüpft der Text gotische Traditionen mit psychologischer Präzision und ästhetischer Strenge. Aus dieser Verbindung erwächst ein Werk, das Leserinnen und Leser seit Generationen fesselt und die Möglichkeiten der Schauerliteratur neu definiert hat.
Die Entstehungsgeschichte ist klar umrissen: Der Text erschien 1839 in einem amerikanischen Magazin und wurde 1845 in einer revidierten Fassung erneut publiziert. Innerhalb von Poes Werk markiert er einen Höhepunkt seiner Prosakunst, in der Beobachtung, Symbolik und musikalische Sprache eng zusammenwirken. Die Erzählung ist knapp, doch dicht gebaut; sie entfaltet ihre Wirkung nicht über Handlungsspektakel, sondern über ein minutiös komponiertes Zusammenspiel aus Raum, Wahrnehmung und Erinnerung. Bereits Zeitgenossen erkannten darin eine ungewöhnliche Intensität, und spätere Ausgaben trugen dazu bei, das Stück dauerhaft zu kanonisieren und in Lehrplänen, Anthologien und Übersetzungen zu verankern.
Im Mittelpunkt steht ein Ich-Erzähler, der einen Hilferuf seines Jugendfreundes Roderick Usher erhält und daraufhin dessen abgelegenes Anwesen aufsucht. Das Haus wirkt von Beginn an eigentümlich, als würde es eine bedrückende Gegenwart ausstrahlen. Roderick, von Nervenleiden und übersteigerter Sensibilität gezeichnet, bittet um Gesellschaft und Zerstreuung. Auch seine Schwester Madeline ist anwesend, ernsthaft krank und kaum je zu sehen. Der Erzähler bleibt einige Tage, beobachtet die Veränderungen in Stimmung und Verhalten, hört Musik, betrachtet Bilder, führt Gespräche und versucht, seinem Freund beizustehen. Mehr braucht es nicht, damit das Unheilvolle stetig dichter wird.
Der Untergang des Hauses Usher gilt als Musterfall dafür, wie Architektur zu Psychologie wird. Das Gebäude ist mehr als Kulisse; es spiegelt Zustände, vergrößert sie, gibt ihnen Klang. Risse in Mauern korrespondieren mit Rissen im Selbst, Feuchtigkeit im Gemäuer mit einer feuchten Schwere des Geistes. Poe entwickelt aus diesem Gleichklang eine Poetik des Unheimlichen, die ohne laute Effekte auskommt. Licht, Wetter, Texturen, Geräusche – jedes Detail dient der Verdichtung der Stimmung. Das Resultat ist eine vollkommen in sich geschlossene Erfahrungsform, die weniger erzählt als erfahrbar macht, wie Anspannung und Angst ihren eigenen Raum erzeugen.
Zentrale Themen durchziehen den Text mit nachhaltiger Wirkung: Vereinsamung, familiäre Belastung, die Fragilität der Wahrnehmung und die Macht der Kunst. Roderick lebt von Bildern, Liedern und Lektüren; der Erzähler protokolliert diese Beschäftigungen und spürt zugleich, wie Kunst die Wirklichkeit zu färben scheint. In der Geschichte treten Motive von Erbe und Abstammung auf, der Name des Hauses steht gleichermaßen für Gebäude und Geschlecht. So verbindet sich Genealogie mit Architektur zu einer Allegorie des Fortdauerns – und seines Preises. Damit berührt Poe Fragen, die nicht historische Dekoration sind, sondern Grundprobleme moderner Identität.
Die Wirkungsgeschichte ist bemerkenswert. Europäische Autorinnen und Autoren, nicht zuletzt durch die frühen Übersetzungen von Charles Baudelaire, lasen in Poe einen Meister der Suggestion und Präzision. In der englischsprachigen Tradition prägte die Erzählung die Entwicklung der Gothic Fiction wie auch der psychologischen Horrorliteratur. H. P. Lovecraft etwa erkannte in Poe den Wegbereiter atmosphärischer Furcht, die aus inneren Quellen speist. Film, Musik und Bildende Kunst haben das Motiv des belebten, bedrohlichen Hauses vielfach aufgenommen. Dass die Geschichte in so unterschiedlichen Medien weiterlebt, belegt ihre formale Klarheit und ihr symbolisches Potenzial.
Interpretatorisch öffnet Der Untergang des Hauses Usher vielfältige Zugänge, ohne sich auf eine Deutung festlegen zu lassen. Man kann das Haus als Sinnbild eines untergehenden Geschlechts lesen, als Studie über Nervenkrankheit und Empfindsamkeit, als Parabel auf die Selbstgefährdung der Kunst, oder als Reflexion über Wahrnehmungsfallen. Der Titel selbst spielt mit der Doppeldeutigkeit von Haus als Bau und Haus als Familie. Zugleich bleibt der Text konkret und sinnlich, nie bloße These. Gerade diese Balance zwischen Symbol und Erfahrung macht seine Stärke: Er hält das Rätselhafte offen und zwingt zu aufmerksamem, tastendem Lesen.
Erzählerisch vertraut Poe auf eine erste Person, deren Urteilskraft begrenzt ist und die zwischen Empirie und Einbildung balanciert. Das schafft Nähe und Distanz zugleich: Wir sehen viel, wissen wenig und deuten ständig nach. Der Erzähler ist kein Detektiv, sondern ein Zeuge, der sich selbst befragen muss. In dieser Ungewissheit wächst Spannung organisch, ohne äußere Tricks. Das Freundschaftsmotiv sorgt für eine menschliche Erdung, während die Begegnungen mit Kunst und Stille den inneren Druck erhöhen. So entsteht ein leiser Sog, der nicht durch Überraschungen, sondern durch Konsequenz und steigende Intensität getragen wird.
Sprachlich arbeitet der Text mit Lautmalerei, Farbwörtern, Wiederholungen und sorgfältigem Rhythmus. Nichts ist überflüssig, wenig ist ornamental: Die Sätze sind Mittel zur Stimmung, nicht bloß Träger von Information. Poes ästhetisches Programm, die Einheit der Wirkung, lässt sich hier exemplarisch studieren. Auch die Binnenerzählungen, Gedichte und Bilder, die im Verlauf erwähnt werden, fügen sich als Spiegelungen in das Gesamtdesign ein. Wer genau liest, entdeckt ein Netz aus Rückbezügen, Parallelismen und leisen Kontrasten. Daraus erklärt sich die erstaunliche Relektüretauglichkeit: Der Text wächst mit der Aufmerksamkeit seiner Leserinnen und Leser.
Heute ist Der Untergang des Hauses Usher relevant, weil es Erfahrungen beschreibt, die nicht veralten: die Fragilität psychischer Stabilität, die Übermacht von Räumen, die uns prägen, die Ambivalenz künstlerischer Sensibilität und die Last von Herkunft. In Zeiten, in denen Isolation, Angst und das Erspüren unsicherer Zukünfte verbreitet sind, gewinnt die Erzählung eine nüchterne Aktualität. Sie zeigt, wie Krisen nicht nur als Ereignisse, sondern als Atmosphären existieren. Zugleich bietet sie ein Gegenmittel: die Konzentration auf Form, auf sorgfältige Wahrnehmung, auf die disziplinierte Kunst des genauen Lesens.
Als Klassiker behauptet sich dieses Werk, weil es das Flüchtige bindet und das Deutliche verunklart – und beides mit methodischer Genauigkeit. Es ist kurz, doch unerschöpflich; geschlossen, doch offen für Generationen neuer Leserinnen und Leser. Wer es heute aufschlägt, findet keine museale Rarität, sondern eine präzise Maschine der Einbildungskraft. Sie lehrt, wie Literatur Stimmung als Erkenntnisform nutzbar macht, und warum gute Geschichten mehr wissen, als sie sagen. In dieser Kunst des Weglassens, des klugen Andeutens und des konsequenten Komponierens liegt die zeitlose Qualität, die Poes Erzählung dauerhaft leuchten lässt.
Edgar Allan Poes Erzählung Der Untergang des Hauses Usher, erstmals 1839 veröffentlicht, führt einen ungenannten Ich-Erzähler zu einem abgelegenen Herrenhaus, nachdem er einen drängenden Brief seines Jugendfreundes Roderick Usher erhalten hat. Darin bittet Usher um Beistand, da ihn eine rätselhafte Krankheit und seelische Qual plagen. Der Erzähler folgt dem Ruf, teils aus Pflichtgefühl, teils aus Neugier, und begibt sich in eine Landschaft, deren Melancholie den Ton der Geschichte bestimmt. Bereits auf dem Weg kündigt sich an, dass hier nicht nur ein Besuch unter Freunden stattfindet, sondern eine Begegnung mit einem Ort, der wie ein eigener, schwer fassbarer Akteur wirkt.
Bei seiner Ankunft betrachtet der Erzähler das Anwesen: ein altes, düsteres Gebäude, von einem stillen Weiher umgeben, dessen spiegelglatte Oberfläche den Verfall fast feierlich verdoppelt. Haarrisse durchziehen Fassade und Gemäuer, ohne die Struktur gänzlich zu zerstören, als sei der Zerfall angehalten. Die Familie Usher, so erfährt man, ist über Generationen hinweg klein und in sich geschlossen geblieben; Haus und Geschlecht scheinen untrennbar verbunden. Die Stimmung des Ortes schlägt auf den Besucher über, der seine rationalen Maßstäbe bemüht, um Eindrücke zu ordnen. Doch je länger er hinsieht, desto mehr gewinnt die Ahnung die Oberhand, hier wirkten Kräfte jenseits gewöhnlicher Erklärungen.
Roderick Usher empfängt ihn mit überreizten Sinnen und nervöser Fragilität. Licht, Geräusche, selbst bestimmte Stoffe scheinen ihm unausstehlich, sein Blick flackert zwischen Angst und fiebriger Klarheit. Er spricht von inneren Erschütterungen, die ihm nicht nur körperlich zusetzen, sondern aus der Atmosphäre des Hauses selbst zu stammen scheinen. Der Erzähler bemüht sich, diese Eindrücke medizinisch oder psychologisch zu deuten, registriert jedoch eine eigentümliche Resonanz zwischen Rodericks Zustand und der Umgebung. In Gesprächen schimmert die Idee auf, dass zwischen den Bewohnern und dem Bauwerk eine unheilvolle Sympathie besteht, als würden Mensch und Haus ein gemeinsames Schicksal teilen, das sich schrittweise entfaltet.
Eine weitere, fast geisterhafte Präsenz ist Rodericks Zwillingsschwester Madeline. Sie leidet an einer seltenen, die Bewegung lähmenden Krankheit, die zeitweise starre, kataleptische Zustände hervorruft. Ihr Erscheinen im Haus ist flüchtig, die Begegnungen knapp, und doch bestimmt ihr Leiden die Stimmung. Ärzte haben wenig auszurichten; Rodericks Sorge steigert sich zur fixen Idee, dass mit ihr auch die letzte Spur der Familie verschwinden könnte. Die Geschwister sind die letzten Vertreter des Geschlechts, und ihre Bindung ist eng, rätselhaft und von unausgesprochenen Erwartungen durchzogen. Der Erzähler, hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl und Skepsis, erkennt, wie sehr diese Konstellation Rodericks geistige Balance bestimmt.
Um seinem Freund Linderung zu verschaffen, richtet der Erzähler den Alltag auf Zerstreuung aus: gemeinsame Gespräche, Musik, Malerei und Lektüre. Roderick komponiert und malt Visionen, die oft leere, endlose Räume oder verschlossene Tiefen zeigen, als Spiegel seiner inneren Topografie. Ein von ihm verfasstes Gedicht wirkt wie ein Kondensat der Niedergangs-Erfahrung, ohne dass ausdrücklich benannt wird, worin die Bedrohung besteht. Die Räume des Hauses, mit ihren langen Korridoren und schwerem Mobiliar, verstärken den Eindruck einer Choreografie aus Stille und Erwartung. Dennoch bleibt die Vernunft des Erzählers aktiv: Er sucht Erklärungen, die binnenpsychisch, medizinisch oder kulturell greifbar sind.
Schließlich tritt ein gravierender Einschnitt ein: Madeline scheint an ihrer Krankheit erlegen. In Rücksicht auf Rodericks sensiblen Zustand und aus praktischen Gründen beschließen sie, den Leichnam vorübergehend in einem Gewölbe des Hauses aufzubahren. Der Erzähler hilft, die schwere Tür zu verschließen und das Gemach zu sichern. Die Enge des unterirdischen Raums, die metallenen Beschläge, der muffige Geruch – all das verstärkt die drückende Stimmung. Nach dieser Maßnahme verändert sich die Atmosphäre spürbar. Roderick wirkt gebrochener, aber auch unruhiger, als er sich den oberen Zimmern zuwendet. Der Erzähler versucht, nüchtern zu bleiben, doch ein unterschwelliges Unbehagen wächst.
In den folgenden Tagen mehren sich Anzeichen nervöser Zerrüttung. Der Wind frischt auf, das Wetter schlägt um, und das Haus scheint die Spannungen zu speichern. In einer besonders stürmischen Nacht, um Rodericks Angst zu dämpfen, liest der Erzähler laut aus einer ritterlichen Abenteuergeschichte vor. Merkwürdig ist, dass bestimmte geschilderte Geräusche – Schläge, Aufbrüche, Echos – im selben Moment im Haus vernehmbar scheinen. Ob es Zufall, Suggestion oder etwas anderes ist, lässt der Text bewusst in der Schwebe. Die Wirkung ist jedoch eindeutig: Mit jedem Absatz verschärfen sich Erwartung und Furcht, als ob Erzählung und Ereignis miteinander verschaltet wären.
Roderick, an der Grenze zur Panik, deutet die Phänomene als Zeichen einer Nähe, die nicht ignoriert werden darf. Er äußert die Überzeugung, dass ein folgenschwerer Irrtum begangen wurde, und dass das Haus selbst an dieser Verstrickung Anteil hat. Der Erzähler schwankt zwischen Beschwichtigung und der Einsicht, dass seine bisherigen Deutungsmuster versagen. In der nun folgenden Zuspitzung treten Klang, Bewegung und unmittelbare Bedrohung in eine unauflösliche Gleichzeitigkeit. Es kommt zu einer Szene, die die zuvor aufgebauten Motive – Krankheit, Bindung, Ort – in einem schockierenden Moment bündelt, dessen genaue Ausgestaltung der Text als beklemmendes Erlebnis, nicht als nüchternes Faktum, vermittelt.
Die Erzählung endet mit einer nachhaltigen Irritation, deren Wirkung über das konkrete Geschehen hinausreicht. Poe verbindet psychologische Fragilität, familiären Verfall und eine Architektur, die wie ein Resonanzkörper funktioniert, zu einer Parabel über Zusammenhänge von Geist, Körper und Umwelt. Ob das Geschehen als Symbol innerer Auflösung, als Erbkrankheit, als Wirkung von Isolation oder als Einbruch des Übernatürlichen zu verstehen ist, bleibt bewusst offen. Damit stellt der Text Fragen nach Wahrnehmung, Deutungshoheit und der Macht ästhetischer Formen. Seine Bedeutung liegt in der kunstvollen Ambivalenz, die das Grauen zugleich erklärbar und unerklärlich erscheinen lässt – und gerade dadurch anhaltend wirksam macht.
Edgar Allan Poe veröffentlichte Der Untergang des Hauses Usher 1839 im Burton’s Gentleman’s Magazine in Philadelphia, einem der bedeutenden Zentren des US-amerikanischen Verlagswesens. Die Geschichte spielt an einem unbestimmten, abgelegenen Ort, doch ihr sozialer Resonanzraum ist die Vereinigten Staaten der späten 1830er Jahre: eine Republik im Zeichen wirtschaftlicher Krisen, schnell wachsender Städte und einer selbstbewussten Druck- und Vereinskultur. Dominante Institutionen waren protestantische Kirchen, Gerichte, wissenschaftliche und gelehrte Gesellschaften sowie die zunehmend kommerzialisierte Presse. Vor diesem Hintergrund importiert Poe bewusst eine altweltlich anmutende Szenerie, um psychische und soziale Zerfallsprozesse in einem scheinbar zeitlosen, aber kulturell hoch aufgeladenen Raum zu erkunden.
Literarisch steht die Erzählung im Kontext der romantischen und insbesondere der gotischen Tradition, wie sie seit dem späten 18. Jahrhundert in England und Deutschland Gestalt angenommen hatte. In den USA konsolidierte sich daraus eine Strömung, die oft als Dark Romanticism bezeichnet wird. Poe knüpfte an Motiv- und Forminventare der europäischen Gotik an, transformierte sie jedoch in eine moderne Kurzprose, die auf einen einzigen, intensiven Effekt zielt. Dieses Programm der Einheit des Effekts formulierte Poe in seiner Kritik der 1840er Jahre explizit und erprobte es in Usher exemplarisch. Die Erzählung wurde 1840 in die Sammlung Tales of the Grotesque and Arabesque aufgenommen.
Tragfähige Märkte für Kurzprosa entstanden in den USA der 1830er Jahre durch die Expansion der Zeitschriftenkultur. Verbesserte Setzmaschinen, zirkulierende Leihbibliotheken, maschinell hergestellte Papiere und ein leistungsfähiges Postwesen erleichterten die schnelle Verbreitung periodischer Publikationen. Burton’s Gentleman’s Magazine kombinierte Unterhaltung, Kritik, Sport und Belletristik und bot Autoren wie Poe bezahlte, aber prekäre Plattformen. Die Erzählform wurde dadurch formal strenger: knappe Längen, markante Stimmungen, pointierte Auflösungen. Usher ist in diesem Sinn ein Kind der Magazinökonomie, die eine konzentrierte, atmosphärische Dramaturgie begünstigte und zugleich eine transatlantische Leserschaft adressierte.
Ökonomisch prägte die Finanzkrise von 1837 die unmittelbaren Jahre vor Ushers Erstveröffentlichung. Der lang anhaltende Abschwung traf Verlage, Zeitschriften und Autoren hart; viele Blätter gingen ein oder wechselten rasch den Besitzer. Poe selbst bewegte sich in einem unsicheren Arbeitsmarkt, in dem Redakteursstellen und Honorare volatil waren. Das von Usher erzeugte Gefühl des (materiellen und seelischen) Abbruchs lässt sich vor diesem Hintergrund als Resonanz einer Zeit lesen, die den Verlust von Sicherheiten alltäglich machte. Ohne die Handlung zu allegorisieren, spiegelt die Erzählung die fragile Infrastruktur kultureller Produktion in einer krisengeplagten Medienökonomie.
Gleichzeitig beschleunigten sich Technik und Verkehr. In den 1830er Jahren breiteten sich Eisenbahnen und Kanäle aus; städtische Beleuchtung mit Gas gewann an Boden; 1839 machte die Daguerreotypie den Schritt zur frühen Fotografie öffentlich. Der elektrische Telegraph wurde 1844 demonstriert, stand also am Horizont. Diese Dynamik führte zu einer Kulturwahrnehmung, die zwischen Fortschrittspathos und Entfremdung schwankte. Poe entgegnet der lärmenden Gegenwart eine bewusst entzeitlichte, abgeschlossene Topografie: ein altersschwaches Herrenhaus fern der Verkehrswege. Die Kontrastierung von modernem Beschleunigungsgefühl und einer rückwärtsgewandten, stillgestellten Bühne steigert die Wahrnehmung psychischer Extremzustände.
Zeitgleich erstarkte die neugotische Architektur in Großbritannien und den USA. Autoren wie A. W. N. Pugin propagierten seit den 1830er Jahren eine Rückkehr zu mittelalterlichen Formen; in Nordamerika etablierten Architekten gotische Kirchen und Colleges als moralisch aufgeladene Bauaufgaben. Ruinen, Türme, Spitzbögen und verwitterter Stein dienten als Bildreservoir für Ideen von Geschichtstiefe, Religiosität und Verfall. Poes Beschreibung des Hauses Usher greift diese Sehgewohnheiten auf und naturalisiert sie literarisch: Das Gemäuer erscheint als Organismus, dessen Risse und Feuchtigkeit seelische Zustände spiegeln. Die Erzählung thronte damit auf einem breiten visuellen und ideologischen Fundus der Zeit.
Auch wissenschaftlich veränderte sich der Blick auf Körper und Geist. Zwischen 1820 und 1840 kursierten in den USA Debatten über Vitalismus, Magnetismus (Mesmerismus) und Phrenologie, neben ernsthaften Ansätzen einer reformorientierten Psychiatrie. Zeitungen berichteten über Fälle scheinbarer Katalepsie und die Angst vor dem Scheintod; Patente für Sicherheits-Särge sind aus dem frühen 19. Jahrhundert dokumentiert. Poes Werk zeigte wiederholt Interesse an Grenzzuständen des Bewusstseins. In Usher verbinden sich diese Diskurse: nervöse Übererregbarkeit, somatische Rätsel, das unheimliche Nebeneinander von plausibler Medizin und spekulativem Okkultismus, ohne dass die Erzählung eine eindeutige Erklärung festlegt.
Kulturell dominierte eine Ästhetik der Empfindsamkeit, in der Musik und Bildende Kunst als Medien moralischer und nervöser Verfeinerung galten. Parlor Music verbreitete sich in bürgerlichen Haushalten; zugleich entfaltete der Nachruhm Beethovens einen Kanon ernster Musik. Medizinische Traktate diskutierten Melancholie und Hypochondrie als Zivilisationsleiden. Poes Figur Roderick Usher, empfindsam, musizierend und malend, steht an dieser Schnittstelle von Kunst und Pathologie. Die Erzählung lässt ästhetische Erregung und nervliche Überlastung ununterscheidbar werden, ein Motiv, das zeitgenössische Leser mit Debatten über Reizüberflutung, feine Nerven und den Preis der Kultur verknüpfen konnten.
Zentral ist der Gedanke von Familie und Erbe. Die junge Demokratie der Jackson-Ära misstraute erblichen Privilegien, doch Namen und Stammbaum behielten sozialen Glanz. In medizinischen und moralischen Diskursen kursierten Bedenken über Heiraten innerhalb enger Verwandtschaft und die Vererbung von Krankheiten, lange bevor spätere Degenerationstheorien systematisch wurden. Usher greift diese Ambivalenzen auf: Das Haus als Synonym der Linie, die Angst vor Auflösung genealogischer Kontinuität, die Vorstellung schicksalhafter Bindung zwischen Raum, Körper und Familie. Poe übersetzt gesellschaftliche Debatten über Erblichkeit in eine allegorische Topografie des brüchigen Zuhauses.
Religiös prägte die Nachwirkung der Zweiten Großen Erweckung die Öffentlichkeit. Evangelikale Bewegungen hatten seit den 1820er Jahren Frömmigkeit, Moralreformen und eine Rhetorik der Bekehrung gestärkt. Parallel behaupteten sich Aufklärungstraditionen, Deismus und frühe wissenschaftliche Gesellschaften. Die populäre Presse bot Okkultem, Spukgeschichten und Berichten über wundersame Phänomene ebenso Raum. Poes Text nutzt diese Schnittmenge: Er bietet eine übernatürlich anmutende Erscheinungswelt an, lässt aber stets die Möglichkeit psychologischer oder physischer Ursachen offen. Die daraus entstehende epistemische Unsicherheit passt zu einer Öffentlichkeit, die zwischen Offenbarungsglauben und empirischer Prüfung oszillierte.
Regional steht Usher an einer Schwelle: Poe stammte aus Virginia, arbeitete jedoch Ende der 1830er Jahre in Philadelphia, wo Wissenschaft, Druckgewerbe und Literatur besonders vernetzt waren. Institutionen wie die American Philosophical Society und das Franklin Institute prägten ein Klima der Experimente und Vorträge. Zugleich blieb die amerikanische Belletristik auf der Suche nach internationalen Formen. Indem Poe den Schauplatz bewusst entnationalisiert, erzeugt er eine kosmopolitische Gotik, die sowohl US-amerikanische als auch britische Leser anspricht. Diese Translokalität ermöglichte es, brisante Themen wie Verfall und Wahnsinn zu verhandeln, ohne sie konkret politisch zu verorten.
Transatlantische Vorbilder lieferten die britische Schauertradition (Walpole, Radcliffe, Maturin) und deutschsprachige Romantiker wie E. T. A. Hoffmann. Aus dem Gespräch mit diesen Texten übernimmt Poe Motivik (einsame Schlösser, verborgene Kammern, empfindsame Künstler) und eine Poetik der Ambivalenz. Gleichzeitig integrierte er moderne Kurzprosa-Technik und eine strenge Ökonomie der Mittel. Das in die Erzählung eingebettete Gedicht vom bewohnten Palast zeigt, wie lyrische und narrative Formen ineinandergreifen. Auf diese Weise positioniert Usher sich als Schnittpunkt europäischer Traditionen und amerikanischer Magazinmoderne, der alte Formen in neue Medien überführt.
Naturwissenschaften beeinflussten die Metaphorik des Verfalls. Charles Lyells Principles of Geology (1830er Jahre) popularisierten die Idee geologischer Tiefenzeit und gradueller Veränderungen. Solche Vorstellungen von langsamer Erosion und unsichtbarer Wirkmacht resonieren mit dem langsamen, allgegenwärtigen Wirken von Feuchtigkeit, Pilz, Moder in Ushers Architektur. Gleichzeitig dominierten miasmatische Krankheitsmodelle die öffentliche Gesundheit, wonach Ausdünstungen feuchter Orte krank machten. Der nasse, stillstehende Raum des Hauses lässt sich daher als imaginäre Verdichtung zeitgenössischer Umwelt- und Krankheitskonzepte verstehen, ohne dass der Text sich auf eine naturwissenschaftliche Erklärung festlegen würde.
Sozial- und Rechtsordnungen lieferten eine Folie für Poes bewusst altmodisch wirkende Szenerie. In vielen US-Bundesstaaten waren Entail und Primogenitur bereits seit der frühen Republik eingeschränkt oder abgeschafft, womit erbliche Vermögensbündelungen rechtlich erschwert wurden. Dennoch blieb die Vorstellung vom „alten Haus“ mit historischer Würde kulturell attraktiv – nicht zuletzt in Geschichten, die aristokratische Dekors aus Europa importierten. Indem Poe eine quasi-feudale Atmosphäre entwirft, ruft er die Aura erblicher Autorität auf, um deren Zerfall umso drastischer zu inszenieren. Das macht Usher für ein Publikum lesbar, das sich zwischen antielitärer Politik und Statusfaszination bewegte.
Die unmittelbare Rezeption speiste sich aus einem Publikum, das an sensationeller Kurzprosa ebenso interessiert war wie an ernster Ästhetik. Usher wurde 1840 rasch in Poes Sammelband übernommen und kursierte in den folgenden Jahren in verschiedenen Ausgaben. Ab den 1850er Jahren trugen Charles Baudelaires französische Übersetzungen entscheidend dazu bei, Poe in Europa zu kanonisieren; auch Usher fand dort einflussreiche Leser. Diese internationale Zirkulation veränderte rückwirkend den historischen Ort der Erzählung: Ein in der US-Magazinkultur entstandener Text wurde zum europäischen Bezugspunkt für Symbolisten und Dekadenzautoren, die seine Atmosphären als modern empfanden.
Zeitgenössische Debatten über Geschmack und Moral rahmten die Publikation. In den 1830er und 1840er Jahren erstarkten moralische Reformbewegungen (etwa Temperenz) und eine sentimental geprägte Hausliteratur. Viele Rezensenten erwarteten von Fiktion einen erbaulichen Zweck. Poe insistierte hingegen auf der Autonomie des ästhetischen Effekts und einer präzisen Konstruktion von Stimmung. Das Etikett „grotesk und arabesk“ markierte diese Haltung: die Kunst sollte nicht moralisieren, sondern eine einzigartige Empfindung hervorrufen. Usher demonstriert diese Position exemplarisch und zeigt, wie die Zeitschriftengattung Raum für experimentelle, nicht-didaktische Erzählformen eröffnete.
Auch wenn die Handlung keine politischen Institutionen diskutiert, lässt sich die Erzählung als Kommentar zur Gegenwart lesen. Sie bündelt Nervosität gegenüber Modernisierung, Zweifel an der Haltbarkeit tradierter Ordnungen und Sensibilität für die Schattenseiten bürgerlicher Verfeinerung. Der zerfallende Wohnsitz steht für prekäre Genealogien und brüchige Identitäten; die flirrende Grenze zwischen Natur, Technik und Imagination spiegelt eine Öffentlichkeit, die zwischen Wissenschaft und Wunderglauben pendelte. Indem Usher alte Formen mobilisiert, um zeitgenössische Ängste zu inszenieren, formuliert die Erzählung eine leise, aber nachhaltige Kritik an Selbstbildern von Fortschritt und rationaler Beherrschbarkeit.
Edgar Allan Poe, 1809 in Boston geboren und 1849 in Baltimore gestorben, war Dichter, Erzähler, Kritiker und Theoretiker der modernen Kurzprosa. Mit The Raven erreichte er 1845 einen plötzlichen Ruhm; zugleich prägte er mit The Murders in the Rue Morgue den Detektivroman, mit The Fall of the House of Usher die Schauerliteratur und mit The Tell-Tale Heart die psychologische Kurzgeschichte. Seine strenge Poetik, die Musik seiner Verse und der analytische Zug seiner Prosa machten ihn zu einem Schlüsselfigur der US-amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts, deren Nachwirkung weit über Sprache, Gattung und Kontinent hinausreicht.
Poe wirkte in einer Zeit rasanter Magazin- und Zeitungsgründungen, die Literatur als Periodikum verbreiteten und Autoren zugleich ökonomischen Zwängen unterwarfen. In diesem Umfeld verband er künstlerische Ambition mit editorischer Arbeit, theoretischer Reflexion und experimenteller Prosa. Sein Name steht für präzise Konstruktion, suggestive Atmosphäre und den kühnen Zugriff auf Angst, Schuld, Täuschung und Erkenntnis. Dass seine Texte zugleich populär und innovativ waren, erklärt ihre besondere Langlebigkeit: Sie funktionieren als spannende Erzählungen, als formbewusste Kunststücke und als Vorformen literarischer Moderne, deren Impulse spätere Generationen immer neu aufnahmen und umdeuteten.
Poe verlor früh seine Eltern, beide Schauspieler; 1811 wurde er in Richmond in den Haushalt von John und Frances Allan aufgenommen, ohne rechtlich adoptiert zu werden. Kindheit und Jugend teilten sich zwischen den USA und England; von 1815 bis 1820 besuchte er Schulen in und bei London, darunter die renommierte Schule in Stoke Newington. Zurück in Richmond erhielt er eine solide Ausbildung, die Sprachen, klassische Lektüren und Disziplin vereinte. Dieser transatlantische Werdegang prägte sein Ohr für Rhythmus und Rhetorik ebenso wie seine Neigung zu düsterer Atmosphäre, historischer Kulisse und psychologischer Zuspitzung.
1826 immatrikulierte sich Poe an der University of Virginia, verließ sie jedoch nach kurzer Zeit. Es folgten Dienstjahre in der US-Armee und 1830 die Aufnahme in West Point; 1831 schied er dort aus. Parallel publizierte er frühe Gedichtbände, darunter Tamerlane and Other Poems (1827), Al Aaraaf, Tamerlane, and Minor Poems (1829) und Poems (1831). Literarisch stand er in der Nachfolge britischer Romantiker wie Byron, Shelley und Coleridge, der gotischen Tradition sowie erzählerischen Innovationen E. T. A. Hoffmanns. Ein starkes Interesse an Naturwissenschaft, Logik und Kryptographie schärfte sein Gespür für Konstruktion und analytische Verfahren.
Poes berufliche Laufbahn entfaltete sich vor allem in der Welt der Zeitschriften. 1835 wurde er Mitarbeiter der Southern Literary Messenger in Richmond, wo er als Redakteur, Rezensent und Erzähler auffiel. Seine Kritiken verbanden Strenge und Formbewusstsein, seine Prosa zeigte schon früh die Suche nach dem präzisen Effekt. 1836 heiratete er seine Cousine Virginia Clemm, was seinem unsteten Leben zeitweise Stabilität gab. Ab Ende der 1830er Jahre wechselte Poe mehrfach zwischen Redaktionen in Philadelphia und New York, veröffentlichte Erzählungen, Essays und Gedichte und profilierte sich als unverwechselbare Stimme der amerikanischen Magazinliteratur.
1839 erschien in Philadelphia die zweibändige Sammlung Tales of the Grotesque and Arabesque. Darin entwickelte Poe den Ton einer kunstvoll unheimlichen Prosa, die Sinneseindruck, Symbol und Struktur eng verzahnt. Geschichten wie Ligeia oder William Wilson zeigen sein Interesse an Identität, Doppelgängerfiguren und Bewusstseinszuständen. Die Sammlung brachte Ansehen, aber kein dauerhaftes Einkommen. Poe arbeitete weiter als Redakteur und freier Autor, stets bestrebt, die Kurzgeschichte als eigenständige, auf eine Einheit der Wirkung hin komponierte Form zu etablieren, die ohne überflüssige Episoden mit strenger Notwendigkeit voranschreitet.
Mit The Murders in the Rue Morgue (1841) begründete Poe das ratiocinative tale: Ein Beobachter begleitet den analytisch brillanten C. Auguste Dupin, dessen Schlussfolgerungen aus scheinbar nebensächlichen Spuren erwachsen. Es folgten The Mystery of Marie Rogêt (1842–1843) und The Purloined Letter (1844). Diese Trias codierte Muster des Detektivgenres: hermetisches Rätsel, deduktive Methode, distanzierter Analytiker, staunender Erzähler. Poes Technik verband logische Eleganz mit narrativer Ökonomie und beeinflusste nicht nur Kriminalliteratur, sondern das Erzählen als Experiment mit Perspektive, Wissen und Geheimnis.
1845 machte The Raven Poe schlagartig berühmt: die musikalisch kalkulierte Klage, der Refrain, die düstere Inszenierung. In Essays wie The Philosophy of Composition (1846) erklärte er sein Verfahren der planvollen Konstruktion und des angestrebten Einheitseffekts. Zugleich arbeitete er als Kritiker und zeitweilig als Herausgeber des Broadway Journal, das jedoch finanziell scheiterte. Weitere Gedichte wie Ulalume (1847) und das postum veröffentlichte Annabel Lee (1849) verdichten Motive von Schönheit, Verlust und Erinnerung. Poes Lyrik zeigt, wie genau er Klang, Metrum und Bildführung auf eine intensive, sofort erfahrbare Wirkung hin ausrichtete.
Seine berühmten Schauererzählungen der 1840er Jahre, darunter The Tell-Tale Heart, The Black Cat und The Pit and the Pendulum, erkunden Schuld, Zwangsvorstellungen und die Zersetzung des Selbst durch Angst. Poe experimentierte mit unzuverlässigen Erzählern, minutiöser Sensorik und architektonischer Komposition. 1848 veröffentlichte er Eureka: A Prose Poem, ein kühnes, literarisch-philosophisches Nachdenken über Kosmos und Erkenntnis, das Zeitgenossen irritierte, aber seine intellektuelle Reichweite zeigt. Trotz künstlerischer Erfolge blieb seine Lage prekär; Honorare waren niedrig, Zeitschriften kurzlebig, und er kämpfte beständig um finanzielle und berufliche Stabilität.
Poes Poetik zielte auf Strenge und Konzentration: Literatur sollte, vor allem in Gedicht und Kurzgeschichte, auf eine Einheit der Wirkung hinarbeiten, nicht auf belehrende Absicht. Schönheit, oft mit der Note des Melancholischen, galt ihm als zentraler ästhetischer Wert. Als Kritiker forderte er Originalität und handwerkliche Genauigkeit; seine öffentliche Auseinandersetzung mit Henry Wadsworth Longfellow demonstrierte diesen Anspruch. Er setzte sich für die Professionalisierung des Schriftstellerberufs und verlässliche Bezahlung von Autoren ein. Seine Faszination für Kryptogramme, wissenschaftliches Denken und mediale Hoaxes war nicht bloß Spiel, sondern eine Reflexion über Wahrnehmung, Beweis und Glaubwürdigkeit.
In den späten 1840er Jahren verschlechterte sich Poes Lebenssituation erneut. Seine Frau Virginia erkrankte schwer und starb 1847; ihr Tod hinterließ biografische und künstlerische Spuren. Poe hielt Vorträge, arbeitete an Essays und suchte publizistische Perspektiven; 1848 präsentierte er Eureka öffentlich. 1849 wurde er in Baltimore in desolatem Zustand aufgefunden und starb am 7. Oktober. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt; gesicherte Beweise für eine eindeutige Ursache liegen nicht vor. Er wurde in Baltimore beigesetzt, wo sein Grab später mit einem Monument hervorgehoben wurde, das zur Stätte literarischer Erinnerung geworden ist.
Rufus Wilmot Griswolds frühe, feindselige Nachzeichnung Poes verzerrte lange sein Bild, wurde jedoch von späterer Forschung relativiert. Internationale Übersetzer, besonders Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé, sicherten ihm in Frankreich Vorbildrang; Detektivautoren wie Arthur Conan Doyle führten seine analytische Methode fort. Poe beeinflusste Symbolismus, Moderne, Science-Fiction, Horror und Popkultur. Seine Texte sind dauerhaft im Druck, in Lehrplänen präsent und vielfach adaptiert. Dass ein Footballteam aus Baltimore den Namen Ravens trägt, zeigt die kulturelle Reichweite eines Gedichts. Poes Werk bleibt ein Maßstab für Formbewusstsein, Atmosphäre und die Kunst, Denken und Schaudern zu verschmelzen.
Es war ein trüber, stiller und dunkler Herbsttag[1q]. Schwer und tief hingen die Wolken vom Himmel herab, und ich war den ganzen Tag durch eine ungewöhnlich öde Landschaft geritten, bis gegen Abend der melancholische Anblick des Hauses Usher vor mir auftauchte. Ich weiß nicht, wie es kam, aber bei dem ersten Schimmer des Gebäudes befiel mich schon eine unerträglich trübe Stimmung. Ich sage unerträglich, denn meine Stimmung wurde nicht durch das halb angenehme, weil poetische Gefühl gemildert, das auch die ernstesten Bilder natürlicher Verlassenheit oder Schauerlichkeit noch ausstrahlen. Die vor mir liegende Szene – das öde Haus mit dem einfachen, schmucklosen Hintergrund – die bleichen Mauern – die leeren, augenähnlichen Fenster[2q] – das spärliche hohe Ried – alles das erfüllte mich mit einer Niedergeschlagenheit, die ich nur mit der Nachwirkung eines Opiumrausches[1] vergleichen kann, mit dem bitteren Hinabsinken in den grauen Alltag, wenn die grauenhafte Entschleierung der Dinge beginnt. Eine wehe, eisige Schwäche ergriff mein Herz, eine hoffnungslose innere Öde[3q], in die ich durch kein Anstacheln meiner Phantasie etwas Erhabenes hineinzwingen konnte. Was war es doch, dachte ich, indem ich mein Pferd anhielt, was mich bei der Betrachtung des Hauses Usher so maßlos bedrückte? Ich konnte das Rätsel nicht lösen, und noch weniger konnte ich die düsteren Schatten zerstreuen, die sich beim Nachsinnen über mich legten. Ich mußte mich mit der nichtssagenden Erklärung zufrieden geben, daß manchmal ganz kleine Ursachen uns aufs stärkste beeinflussen, ohne daß wir den Grund zu dieser Beeinflussung finden können. Ich überlegte, daß vielleicht eine kleine Veränderung in dem ganzen Szenenbild den traurigen Eindruck aufheben oder doch wenigstens lindern würde, und lenkte mein Pferd an den abschüssigen Rand eines geisterhaft stillen Teichs[4q], um auf seinen von keinem Windhauch aufgerührten Spiegel hinabzublicken. Aber mit noch größerem Schauder als zuvor blickte ich jetzt auf die umgekehrten Bilder des grauen Rieds, der gespenstigen Baumstümpfe, der leeren, wie Augen aussehenden Fenster.
Und doch wollte ich in diesem unheimlichen Hause für einige Wochen Aufenthalt nehmen. Sein Besitzer, Roderich Usher, war auf der Schule einer meiner besten Kameraden gewesen, doch hatten wir uns schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Nun war kürzlich ein Brief von ihm gekommen, dessen äußerst dringlicher Ton nur eine persönliche Beantwortung zuließ. Die Handschrift zeugte von einer starken nervösen Erregung, und er teilte mir mit, daß ihn körperliches Kranksein und geistige Bedrücktheit quäle. Er habe ein dringendes Verlangen, mich zu sehen, ich sei sein bester und vielleicht sein einziger Freund und würde sicherlich durch den Frohsinn meines Wesens seine Krankheit mildern. Die Art, in der er das und noch mehr sagte, zeigte, daß seine Bitte aus tiefstem Herzen kam, so daß ich nicht lange zauderte, sondern ohne weiteres seinem etwas seltsamen Verlangen folgte.
Obgleich wir als Knaben intime Freunde gewesen waren, wußte ich in Wirklichkeit doch sehr wenig von meinem Freunde, da er sich immer sehr verschlossen zu halten pflegte. Ich erfuhr aber, daß seine sehr alte Familie stets wegen ihrer reizbaren Gemütsstimmung, ihrer ausgedehnten, aber unauffälligen Wohltätigkeit und vor allem wegen ihrer leidenschaftlichen Schwärmerei für die Musik bekannt gewesen. Auch wußte ich die merkwürdige Tatsache, daß das Geschlecht der Usher, so angesehen es immer gewesen war, sich durch alle Jahrhunderte hindurch stets nur in einer direkten Linie ohne Seitenzweige fortgepflanzt hatte. Vielleicht war dadurch auch eine so große innere Verbindung zwischen dem Charakter des alten Geschlechts und ihrem Stammsitz entstanden, so daß die Bauern in der Umgegend, wenn sie von dem Hause Usher sprachen, sowohl diesen Stammsitz wie auch ihren augenblicklichen Besitzer meinten.
Wie ich schon erzählte, wurde durch mein etwas kindliches Experiment, die Landschaft im Spiegel des Teichs zu betrachten, der erste eigenartige Eindruck nur noch verstärkt. Aber als ich dann meine Augen von der Abspiegelung des Hauses wieder zu dem Hause selbst erhob, da überkam mich eine so seltsame und unsinnige Einbildung, daß ich sie nur erwähne, um die Macht der mich bedrückenden düsteren Gedanken zu schildern. Meine Phantasie war so erregt, daß ich deutlich zu sehen glaubte, wie das Haus und seine Umgebung eine besondere Atmosphäre habe, die aus den verdorrten Bäumen, den altersgrauen Mauern und dem schweigenden Teich aufstieg – ein verderbenschwangerer, unheilvoller Dunst[5q], der kaum sichtbar, doch alles in einen dumpfen, schweren, bleigrauen Mantel hüllte.
Mit Gewalt versuchte ich, mich von diesen Vorstellungen zu befreien, und zwang mich, das wirkliche Aussehen des Gebäudes genauer zu betrachten. Am meisten fiel mir sein ungeheures Alter auf. Die Farbe des Mauerwerks war sehr bleich[6q] und die ganze Oberfläche von kleinen Pilzen bewachsen[8q], die von den Dachrinnen wie zierliches Gewebe herabhingen. Trotzdem konnte man nicht von einem starken Verfall reden, denn es war nirgendwo etwas von dem Mauerwerk eingestürzt. Nur bei scharfem Hinsehen entdeckte ich einen kaum merklichen Riß[7q], der zickzackförmig an der Mauer herunterlief und sich in dem trüben Gewässer des Teichs verlor.
Indem ich alles dies betrachtete, ritt ich auf einer kurzen Einfahrtsstraße nach dem Hause. Ein Stallknecht nahm mir mein Pferd ab, und ich betrat den gotischen Bogengang der Vorhalle. Ein geräuschlos auftretender Diener führte mich schweigend durch allerlei dunkle und verschlungene Gänge in das Arbeitszimmer seines Herrn. Vieles, was ich unterwegs sah, trug dazu bei, die seltsamen Eindrücke, von denen ich schon gesprochen hatte, zu verstärken. Obgleich alle Einzelheiten, die holzgeschnitzten Decken, die düstern Vorhänge an den Wänden, der ebenholzschwarze Fußboden[9q], die phantastischen Waffen und Trophäen, die bei meinem Vorbeigehen rasselten, doch Dinge waren, wie ich sie von Jugend an oft gesehen hatte, erregten sie gerade hier ganz seltsam meine Phantasie. Auf einer der Treppen begegnete mir der Hausarzt, der auf mich einen unbeholfenen und wenig intelligenten Eindruck machte. Er begrüßte mich etwas Verlegen und ging weiter. Der Diener öffnete jetzt eine Tür und führte mich zu seinem Herrn.
Das Zimmer, in dem ich mich jetzt befand, war groß und hoch gebaut. Es hatte lange, schmale und spitz zulaufende Fenster, die sich so hoch über dem schwarzeichenen Fußboden befanden, daß man sie von innen gar nicht erreichen konnte. Durch die vergitterten Fenster fiel nur ein schwacher Schimmer von rötlichem Licht, das gerade die größeren Gegenstände im Zimmer notdürftig erhellte. Vergebens aber versuchte das Auge die entfernteren Winkel des Zimmers zu erreichen, oder die Einzelheiten der gewölbten und abgenutzten Decke zu erkennen. An den Wänden hingen dunkle Vorhänge, die ganze Einrichtung war kostbar und verschwenderisch, aber auch unbehaglich und zerfallen. Überall lagen Bücher und Musikinstrumente umher, ohne aber dem Ganzen viel Leben zu geben. Mir war es, als atmete ich eine beklommene Luft, als sei hier alles von einer finstern, strengen und unerbittlichen Schwermut erfüllt und durchzogen.
Bei meinem Eintritt erhob sich Usher von einem Sofa, auf dem er ausgestreckt gelegen hatte, und begrüßte mich mit einer lebhaften Freundlichkeit, die mir anfangs etwas übertrieben erschien und mich an die gespielte Herzlichkeit manches Gesellschaftsmenschen erinnerte. Aber ein Blick auf sein Gesicht überzeugte mich von seiner vollkommenen Aufrichtigkeit. Wir setzten uns, und während er sprach, sah ich ihn einige Augenblicke halb mitleidig, halb mit dem Gefühl des Grauens an. Eine schreckliche Veränderung war mit Roderich Usher in einer ganz kurzen Zeit vor sich gegangen[11q]. Kaum, daß ich in dem Mann, der da vor mir saß, noch die Ähnlichkeit mit meinem einstigen Jugendgefährten erkannte, obwohl doch gerade seine Züge immer etwas ausgesprochen Charakteristisches gehabt hatten. Ein totenblasses Gesicht, große, feuchte und überaus leuchtende Augen[10q], dünne, blutleere, aber sehr schön geformte Lippen, eine Nase mit leisem Anklang an den hebräischen Typ, doch mit breiten Nüstern, ein fein gezeichnetes Kinn, das aber in der zurückfliegenden Form einen Mangel an innerlicher Energie verriet, seidenweiche Haare und die schöne, breite Stirn, alles das ergab ein Gesicht, das man nicht so leicht vergaß. Aber nun hatte sich gerade das Ungewöhnliche seiner Züge so sehr verstärkt und eine solche Veränderung herbeigeführt, daß ich zweifelte, mit wem ich sprach. Besonders erfüllten mich die jetzt fast geisterhafte Blässe der Haut und der übernatürliche Glanz der Augen mit Schrecken und selbst mit Grauen. Das seidige Haar wuchs wild und ungepflegt und umfloß wie ein phantastisches Gewebe das Antlitz, dem es einen ganz unnatürlichen Ausdruck gab.
