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"Im Wald? In unserem Wald?" Die Eichhörnchen Puschel und Zottel sind entsetzt, als der 12-Uhr-Zug mit einem furchtbaren Quietschen zum Stehen kommt. Die Container öffnen sich und aus ihnen steigen ein Zebra, ein Affe, ein Känguru und viele andere ungewöhnliche Tiere. Sofort versammeln sich die Wildtiere und überlegen, wie man die Fremdlinge wieder aus dem Wald verjagen kann. Oder gelingt vielleicht doch ein Miteinander?
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2019
Umschlaggestaltung: Sabine Reddig
unter Verwendung einer Illustration von Miriam Kraft
Illustrationen im Innenteil von Miriam Kraft
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© 2019, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-440-16542-3
eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
„Vier Nüsse?“
„Hab ich!“
„Den Beutel mit den Sonnenblumenkernen?“
„Eingepackt!“
„Zwei moosweiche Sitzkissen?“
„Alles drin im Rucksack!“
„Na dann, auf geht’s“, rief Puschel und nickte seinem Bruder zu.
In Windeseile huschte das Eichhörnchen den dicken Baumstamm hinunter, machte einen Satz über einen abgeknickten Ast und – uuups – stellte erstaunt fest, dass Zottel ihm gar nicht gefolgt war. Der struppige Kerl saß noch immer oben im Baum und hatte die Vorderpfoten vor der Brust verschränkt.
„Zottel? Alte Haselnuss, was soll das denn? Wir müssen los. Und zwar sofort. Sonst verpassen wir den 12-Uhr-Zug!“
„Aber wo ist dein Wetteinsatz?“, fragte Zottel ihn motzig. „Du hast nichts mitgenommen. Überhaupt nichts, was ich heute gewinnen könnte.“
„Äh … öhm … hab ich wohl!“, behauptete Puschel, während er fieberhaft nachdachte, was er auf die Schnelle noch organisieren könnte.
Denn, verflixter Holzfäller, sein Bruder hatte Recht. Puschel hatte tatsächlich nichts eingepackt. Keinen Wetteinsatz. Nichts, was Zottel gewinnen würde, wenn er richtig vorhersagen konnte, welche Ladung der 12-Uhr-Zug heute in seinen offenen Waggons mit sich führte. Denn das war der tägliche Spaß der Eichhörnchenbrüder: Sie schlossen Wetten ab und belohnten sich mit einem schönen Einsatz.
In letzter Zeit war Zottel immer besser vorbereitet als sein Bruder. Jeden Tag hatte er etwas anderes dabei. Mal eine ungewöhnliche Beere, mal ein leckeres Vogelei oder einen Pilz. Allerdings musste man zu Puschels Verteidigung anführen, dass er seit 53 Tagen der ungeschlagene Wettkönig war. Er hatte jedes Mal mit seiner Vorhersage richtig gelegen. Und wenn man so oft gewonnen hatte und den Wetteinsatz des Bruders verspeisen durfte, dann vergaß man auch schon mal, dass man selbst etwas einstecken sollte. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Zottel heute gewinnen würde. Das musste auch der dümmste Baumflitzer einsehen, fand Puschel.
Nur leider sah sein Bruder das anders. Er war motzig. Beleidigt. So richtig trotzig.
„Ich finde es hörnchenfies von dir, dass du dir sooo sicher bist“, schimpfte Zottel. „Irgendwann wendet sich das Blatt nämlich wieder. Das solltest du von unserem Wald eigentlich kennen. Und ich spüre an meiner zuckenden Schwanzspitze, dass heute der Tag gekommen ist. Heute bin ich der Beste. Und dann stehe ich da und kann nichts gewinnen, weil du nichts mitnimmst! Aber wenn ich nichts gewinnen kann, dann kann ich auch gleich hierbleiben. Schluss die Nuss!“
In der Ferne, am Rande des Waldmeister-Forstes, in dem die beiden Eichhörnchenbrüder zu Hause waren, erklang das schrille Pfeifen einer Lok.
Tuhuuuuut! Tuhuuuuuuuuut!
Es war höchste Zeit. Wenn sie jetzt nicht losflitzten, dann verpassten sie den Güterzug. Und das war noch niemals vorgekommen.
Unauffällig schaute sich Puschel auf dem Waldboden um. Irgendetwas musste sich doch auf die Schnelle als Wetteinsatz finden lassen. Eine Kleinigkeit, aber etwas Besonderes. Mit einer Eichel oder Buchecker würde Zottel sich nicht zufrieden geben.
„Gibst du wenigstens zu, dass du nichts dabei hast?“, motzte sein Bruder unterdessen weiter.
Angestrengt dachte Puschel nach. Okay, vielleicht war das die Lösung. Wenn er mit hängendem Kopf gestand, dass er seinen Einsatz vergessen hatte – wirklich nur vergessen. Dann konnte Zottel ihm das nicht länger übel nehmen. Fürs Vergessen konnte man schließlich nichts.
Gerade wollte sich Puschel mit treuherzigem Blick seinem Bruder zuwenden und ihm alles beichten, da entdeckte er etwas Glänzendes am Boden. Direkt auf einer knorrigen Baumwurzel, halb unter einem Buchenblatt verborgen, lag ein kreisrundes, silbernes Ding. Puschel hatte keine Ahnung, was das war. Aber es funkelte ganz wunderbar in den Strahlen der Sonne, die an dieser Stelle eine Lücke im dichten Blätterdach des Waldes gefunden hatten.
Geschickt hüpfte Puschel zur Seite, bückte sich, und bevor sein Bruder es überhaupt mitbekommen konnte, hielt er das glitzernde Ding in den Pfötchen.
„Weißt du, mein Kletterbruder, eigentlich müsste ich jetzt ziemlich beleidigt sein“, flunkerte Puschel.
„Du?“, rief Zottel. „Warum denn du?“
Puschel rümpfte die Nase. Zu gerne hätte er den Augenblick noch länger genossen und seinen Bruder noch ein bisschen mehr auf die Folter gespannt. Doch der 12-Uhr-Zug nahte, Puschel konnte jetzt sogar schon das Rattern der Räder auf den Schienen unter seinen Krallen spüren.
„Weil ich natürlich einen Wetteinsatz habe. Und zwar einen ganz besonderen. Ich will nicht angeben, aber im ganzen Waldmeister-Forst hat es so etwas Wunderbares noch nicht gegeben.“
„Zeig her!“, verlangte Zottel.
Wenn nicht genau in diesem Moment die Lok erneut gepfiffen hätte, dann hätte Puschel ganz sicher nicht die Pfote geöffnet. Aber so …
„Und was sagst du dazu, Zottel? Schon mal sowas Schönes gesehen?“
Zottel fielen fast die Augen aus dem Kopf, so staunte er. „Du hast ja doch was für mich“, krächzte er verdattert und auch eine Spur verschämt. Schließlich war es nicht gerade nett, was er seinem Bruder unterstellt hatte.
Puschel warf sich ordentlich in die Brust. „Natürlich! Ich bin ja kein Angeber, der meint, dass er immer gewinnt. Deshalb trage ich meinen Einsatz auch ständig und überall bei mir. Jetzt schon seit 53 Tagen.“
„Echt?“, hauchte Zottel. Ihm war das Ganze inzwischen so peinlich, dass seine glänzende Eichhörnchennase wie verrückt zuckte.
„Ja, echt!“ Puschel wollte das Gespräch jetzt so schnell wie möglich beenden und loslaufen. Inzwischen hatte er ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil er seinen Bruder die ganze Zeit so an der Nase herumführte. „Also los jetzt. Wenn du nicht sofort vom Baum kommst und mit mir rüber zum Waldrand flitzt, dann bleibt mein Einsatz auch noch den 54. Tag bei mir. Der 12-Uhr-Zug kommt, lass uns lossprinten, ich kann schon spüren, wie der Boden bebt.“
Wie zwei Eichhörnchen mit Düsenantrieb sausten die beiden Brüder einmal quer durch den Wald. Sie schauten nicht nach links und auch nicht nach rechts – und beinahe hätten sie Igel Herbert umgerannt, der es sich gerade im weichen Moos gemütlich machen wollte.
„Hey, ihr da!“, rief Herbert empört. „Passt gefälligst auf, wo ihr hinlauft.“
„Tut mir leid!“, meinte Puschel.
„Kommt nie wieder vor!“, versprach Zottel – und schon ging es im Turbotempo weiter.
Herbert sah ihnen kopfschüttelnd hinterher und rümpfte die Nase, bevor er sich zu seinem wohlverdienten Mittagsschläfchen einrollte.
Endlich hatten Puschel und Zottel ihren Aussichtsplatz erreicht. Ein Feldahornbaum von gewaltigem Ausmaß. Er stand am Waldrand und war im gesamten Waldmeister-Forst einmalig und schon allein deshalb der Lieblingsplatz der Brüder. Geschickt erklommen sie den Stamm, die Äste, schließlich auch die dünnsten Zweige bis hoch hinauf in die Baumkrone. Der Blick, den man vom Wipfel des Baumes auf die gesamte Umgebung hatte, war erstklassig. Zur linken Seite befand sich der See, im Hintergrund der große Steinbruch. Schräg daneben eine idyllische Waldlichtung und von dort aus erstreckte sich eine gewaltige Ackerfläche bis rüber zu den Eisenbahnschienen. Absolut perfekt für das Lieblingsspiel der beiden Eichhörnchen: Wetten!
„Ich wette, der Zug hat heute Autos geladen“, beeilte sich Puschel seinen Tipp abzugeben.
Lange dauerte es nämlich nicht mehr bis der Güterzug in Sichtweite kam. Gleich musste er um die Kurve an der hohen Tanne rattern und man konnte in den ersten Waggon hineinspähen. Wer seinen Tipp dann nicht laut ausgesprochen hatte, der hatte automatisch verloren. So lauteten die Regeln.
Heute wollte Zottel auf gar keinen Fall danebentippen. Er musste das glänzende Ding haben. Unbedingt! Niemals zuvor hatte er etwas so sehr gewollt. Genau deshalb konnte er sich aber einfach nicht entscheiden, ob er auf Rüben oder Holz wetten sollte. Am liebsten hätte er ja Autos gesagt. Doch Puschel war ihm zuvorgekommen. Und nun musste er sich entscheiden. Auf der Stelle! JETZT!
„Sag schon! Was ist im Güterzug?“, forderte Puschel ihn auf. „Los! Sonst ist es zu spät!“
„Zu-Zu-Zuckerrüben!“, japste Zottel.
„Die Wette gilt!“, verkündete Puschel.
Aufgeregt starrten die beiden der Bahn entgegen. Gleich war sie nahe genug, dass sie die Fracht erkennen konnten.
Noch sieben … sechs … fünf …
Luft anhalten. Pfötchen drücken. Wer bekam das silberne Ding? Durfte Puschel es behalten? Oder Zottel sich darüber freuen? Die Anspannung wuchs, wurde fast unerträglich. Puschel blieb beinahe die Luft weg, Zottel bekam einen Schluckauf.
Vier … drei … zwei …
„Zuckerrüben, es sind Zuckerrüben“, brüllte Zottel begeistert und hielt sofort die Pfote auf, um sich das glänzende Ding aushändigen zu lassen. Doch in diesem Moment …
Quietsch!!! Quietsch!!! QUIETSCH!!!
„Was macht d-der d-da?“, stammelte Zottel.
„Ich glaube … aber nein, das gibt’s doch gar nicht. Ich glaube … der Zug hält an“, krächzte Puschel.
„Aber, das hat er doch noch nie gemacht!“, sagte Zottel.
Und das stimmte haargenau. Schließlich gab es keinen Bahnhof in der Nähe. Nicht einmal eine Wohnsiedlung, ein Dorf, eine Stadt. Nur ganz viel Wald, Wiesen und Äcker.
Mit lautem Quietschen und einem Krachen, das von allen Bäumen des Waldmeister-Forstes widerhallte, stoppte der Zug. Direkt neben dem gerade abgeernteten Maisfeld am Waldrand.
Vor Aufregung stellten Puschel und Zottel ihre Pinselohren pfeilgerade auf. Der Wetteinsatz war komplett vergessen, denn dieser Zug sah anders aus als all die Züge zuvor. Normalerweise waren alle Waggons offen, sodass man ihren Inhalt schon von weitem sehen konnte. Doch dieser Güterzug war zum größten Teil verschlossen.
Eine Weile passierte nichts. Kein Geräusch war zu hören, bis auf einmal …
„Zottel?“ Puschels Stimme war nur noch ein Hauch. „Siehst du das, was ich sehe?“
Zottel nickte. Seine Knopfaugen waren so groß wie Kastanienblätter. Eine Tür öffnete sich Zentimeter für Zentimeter und einige Tiere hüpften aus dem Zug. Aber nicht irgendwelche Tiere. Eins sah für Zottel und Puschel aus wie ein Pferd, hatte aber schwarz-weiße Streifen. Das nächste Tier war ein braunes mit langen Armen und einem struppigen Fell. Wie ein Verrückter trommelte es mit den Fäusten auf den Boden.
Ein weiteres erinnerte die Brüder ein bisschen an eine Kuh, war aber viel größer. Es hatte riesige, seltsam gebogene Hörner. Andere Tiere waren nicht zu erkennen, doch möglicherweise verbargen sich noch welche hinter dem Busch direkt neben den Schienen.
„Was wollen die hier?“, flüsterte Zottel.
„Keine Ahnung“, wisperte Puschel, als die Tiere wie auf ein geheimes Kommando hin plötzlich lossausten. Und zwar mit Turboantrieb Richtung Waldmeister-Forst. Richtung … WALD? Puschel und Zottel warfen sich einen entsetzten Blick zu. Modriger Giftpilz, was passierte hier gerade?
„Wenn ihr mich fragt, sieht es da vorne ziemlich verwildert aus. Beinahe schon ungepflegt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich hier einziehen möchte.“ Am Waldsaum hatte Zola eine Vollbremsung hingelegt. Nun schlug das Zebra irritiert mit dem Schweif und starrte auf die Feldgehölze, die Büsche und dichten Brombeerhecken. „Hatte man uns nicht versprochen, dass wir in einen wirklich luxuriösen Zoo kommen? Ein großes Gehege ganz für mich allein, hieß es. Und was ist das hier? Das entspricht auf keinen Fall meinen Ansprüchen!“
„Was das hier ist? Du siehst wohl den Wald vor lauter Bäumen nicht, Zebra.“ Bodhi wiegte den Kopf hin und her. Seine mächtigen Hörner verliehen dem Wasserbüffel etwas Majestätisches. Im hellen Schein der Mittagssonne sah er beinahe wie ein König aus. „Zola, stell dich nicht so an, schau dich um!“
„Aber das mache ich doch, Bodhi. Oder hältst du mich etwa für dämlich?“ Der Schweif des Zebras peitschte gereizt hin und her. „Genau weil ich mich umgesehen habe, frage ich mich: Was ist das für ein komisches Gehege? Und wo sind die Zäune? Wieso ist da vorn alles so stachelig? Kann das mal jemand wegmachen? Wärter! Einmal Gehege schrubben!“
Belustigt blinzelten sich die anderen Tiere zu, die auch aus dem Waggon ausgestiegen waren: Pan, der Schimpanse, das Känguru Hope, das kleine Impala Nala und allen voran natürlich Bodhi, der Wasserbüffel.
Als der Zug plötzlich mitten auf einem Feld gehalten hatte, mussten sie ihre Chance ergreifen endlich mehr von der Welt zu sehen als nur ihr Gehege im Zoo. Eine Weile hatten sie auf Zola eingeredet, dass sie am Ziel ihrer Wünsche angekommen seien. Aber das hatte das Zebra wohl falsch verstanden. Einfühlsam versuchte Bodhi es Zola noch einmal zu erklären. „Hier gibt es keinen Zoo, das hier ist die freie Wildbahn.“
Und Pan schlug begeistert mit den Händen auf den Boden und rief: „Leute, Leute, das ist unglaublich. Wir sind hier nicht irgendwo gelandet, sondern im Paradies für exotische Tiere. Ich bin schon weit herumgekommen, ich weiß, wovon ich rede. Bleibt mal für einen Moment ganz ruhig und seht euch um. Für uns gibt es Verstecke, Früchte, Wasser. Alles da! Kurz: Mir gefällt es hier!“
Zola und der Wasserbüffel Bodhi folgten mit angehaltenem Atem dem Blick des Affen. Hope, das Känguru, bekam davon allerdings nichts mehr mit. Die aufregende Flucht hatte ihr so zugesetzt, dass sie einfach einschlief.
