Der Wald der träumenden Geschichten - Malcolm McNeill - E-Book
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Der Wald der träumenden Geschichten E-Book

Malcolm McNeill

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Beschreibung

Ein dunkles, märchenhaftes Fantasy-Abenteuer mit philosophischem Tiefgang - für alle Fans von Michael Ende und Carlos Ruiz Zafón Wo Max herkommt und wer er ist, können ihm nicht einmal seine Adoptiveltern sagen. Doch das ist nicht das einzige Rätsel im Leben des kleinen Waisenjungen: Er besitze die Gabe, Menschen verschwinden zu lassen, erfährt er von zwei unheimlichen Fremden, dem eigenbrötlerischen Wissenschaftler Boris und der phantastischen Mrs Jeffers. Ob das Verschwinden seiner Eltern mit seinem Fluch zu tun hat? Die Lösung beider Rätsel liegt tief verborgen im »Wald des Anfangs«, dem Ursprung aller Geschichten bevölkert mit phantastischen und magischen Wesen, die Max bei seiner Suche helfen und ihn begleiten. Eine hymnische Liebeserklärung an die Macht der Phantasie und das Lesen

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Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Malcom McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten

 

Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt

 

Biografie

 

 

Malcolm McNeil, geboren 1976 in Newcastle, England, wuchs in Glasgow und Edinburgh auf. Nach seinem Literaturwissenschafts- und Schauspielstudium trug er Post in London aus, putzte Toiletten in Berlin und arbeitete als Englischlehrer in der ganzen Welt, zuletzt in Vietnam. ›Der Wald der träumenden Geschichten‹ ist sein internationales Debüt.

Impressum

 

 

 

Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage, auch zu E-Book-Augaben, gibt es unter www.fischerverlage.de

 

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen

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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403157-6

 

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Inhalt

Bild

Widmung

Teil Eins

1. Kapitel

Das Internationale Symposium

[Kapitel]

In schlechtem Licht

2. Kapitel

Der Kobold aus der Waisenanstalt

[Kapitel]

Der Heißluftballon und die Schimmelecke

[Kapitel]

Gehalten, gehakt, gewählt

3. Kapitel

Der Dunkle Mann

[Kapitel]

Der Morastkloß

[Kapitel]

Der Ozean

4. Kapitel

Soundso Porterholse Porterholse Soundso

[Kapitel]

Das Geschichtenbuch

[Kapitel]

Der Wald und die Hexe

5. Kapitel

Ein philosophischer Gedankenausflug

6. Kapitel

KLANK!

[Kapitel]

Das Feuer

[Kapitel]

Die bessere Schokolade

7. Kapitel

Der Schimmel breitet sich aus

[Kapitel]

Die Um Sich Greifende Dunkelheit

[Kapitel]

Weggehen ... weggehen ... weg!

Teil Zwei

1. Kapitel

Der Königsfunke

[Kapitel]

Die Verbotene Zone

2. Kapitel

Der Junge im Bücherregal

3. Kapitel

Was übrig blieb

[Kapitel]

Phase zwei

[Kapitel]

Die Drachenjäger

[Kapitel]

In Den Wald

[Kapitel]

Die Marylebone-Herberge

[Kapitel]

Die Fingernagelflucht

4. Kapitel

Das Waldvolk

[Kapitel]

Die Pfauenfeder-Gaukelei

[Kapitel]

Die Bäume

5. Kapitel

Die Wildheit

6. Kapitel

Der Weg nach Mount Gilead

[Kapitel]

Das Geländer

7. Kapitel

Der Zehn-Uhr-Wind

[Kapitel]

Die Unheilsfragen

[Kapitel]

Paris

8. Kapitel

Vereinte Kräfte

[Kapitel]

Der Zahn

Teil drei

1. Kapitel

Mehrmals Mrs Jeffers

[Kapitel]

Mathematik

[Kapitel]

Familienstreitereien

2. Kapitel

Das Drachenfeuer

[Kapitel]

Der Weltler

[Kapitel]

Schnapp

[Kapitel]

Die Siebenmeilenstiefel

[Kapitel]

Die Heimkehr

3. Kapitel

Die Kobolde

[Kapitel]

Das Jul-Scheit

4. Kapitel

Epilog

Bild

Für meine Eltern

Teil Eins

Das Verschwinden

 

 

 

Außer Dem Verschwinden gibt es noch viele andere Möglichkeiten, plötzlich abwesend zu sein.

Einige Menschen stürzen ins Meer und stranden auf einsamen Inseln. Andere wandern in die Berge, wo sie frieren und sich Kleider aus Yakfell nähen. Und manche geben ihr altes Leben einfach auf und folgen dem Ruf der Straße, laufen sich die Füße wund und lassen sich von der Sonne bräunen.

Dass Menschen verschwinden, ist nichts Neues. Das haben sie immer schon getan.

Klaus Knechtling

1

Das Internationale Symposium

Vor nicht allzu langer Zeit verbreitete sich ein seltsames Phänomen auf der Erde, das jeder Erklärung trotzte und die Wissenschaftler vor Rätsel stellte. Schwerkraft und Elektrizität spielten keine Rolle dabei, und es hatte auch keinerlei Auswirkungen auf Wetter, Meeresspiegel oder Durchschnittstemperaturen. Die Tiere folgten weiter ihren Wegen über den Erdball, und die Pflanzen wuchsen, blühten und starben zur rechten Zeit. Die biochemischen Vorgänge, die Leben erschaffen, setzten sich fort wie seit Millionen Jahren und brachten zahllose Organismen zur Entwicklung. Und die Kontinente drifteten auseinander, getrieben von den gewaltigen Kräften in den Eingeweiden der Erde.

Beinahe die gesamte Schöpfung blieb unberührt von dem neuen Phänomen, das sich nur auf eine einzige Sache bezog.

Auf uns.

Die Krise erfasste jedes Land und wurde verglichen mit einer Seuche, die keine Grenzen kennt, oder mit einem verheerenden Waldbrand. Dabei wussten die Wissenschaftler längst, wie man Seuchen bekämpft, und das Geheimnis des Feuerlöschens war schon vor langer Zeit entdeckt worden.

Keiner konnte Dem Verschwinden Einhalt gebieten.

Als es zum ersten Mal auftrat, verstand noch niemand, was genau dabei vor sich ging: Zunächst entdeckte man lediglich Kleiderbündel in Gärten oder in Kammern unter Treppenabsätzen. Das gab vorerst keinen Anlass zu der Annahme, dass jemand sich in Nichts aufgelöst haben könnte – dass jemand nicht mehr existierte – dass jemand ausgelöscht worden war. So etwas war schließlich noch niemals vorgekommen.

Dann breitete sich Das Verschwinden aus – zu Anfang noch gemäßigt, doch bald zunehmend aggressiver. Binnen kurzem Verschwanden täglich Tausende, und es gab keinen Zweifel mehr daran, dass hier etwas Außergewöhnliches passierte – vor allem aus Sicht der Wissenschaftler.

Wenn ein wirklich großes Problem die Welt bedroht, legen meist alle Feinde die Waffen nieder und tun sich zusammen, um nach einer Lösung zu suchen. So war es auch im Falle Des Verschwindens. Von nah und fern kamen Wissenschaftler zu einem Internationalen Symposium nach Paris, und man stellte eine große Summe Geld bereit, um die Forschungen zu ermöglichen.

Es wurde beschlossen, das Symposium im Trocadéro-Palast unterzubringen, einem alten Museum voller archäologischer Funde, Gemälde, Skulpturen und Fossilien. Künstler und Erfinder hatten hier anno 1878 ihre Exponate bei der Weltausstellung gezeigt; das Gebäude konnte also auf eine ehrwürdige Geschichte zurückblicken, war seither aber sehr heruntergekommen und musste nun in größter Eile renoviert werden.

Hunderte von Arbeitern beförderten die vielen Kostbarkeiten mit Schubkarren zum Hôtel des Invalides, wo sie verpackt und eingelagert wurden. Binnen einer Nacht wurde ein Gerüst errichtet, und hinter Plastikplanen rückte man mit Sandstrahlern dem jahrzehntealten Schmutz an den Außenwänden zu Leibe. Unterdessen richteten Ingenieure und Spezialisten in den Kellerräumen Labore ein und installierten Generatoren und Computer, während Gärtner die verödeten Hänge an der Seine neu bepflanzten und Brunnen und Teiche anlegten. Zuletzt bauten Steinmetze eine breite Terrasse aus Granitplatten und stellten am Rand goldene Statuen auf, um dem alten Gebäude wieder seinen einstigen Glanz zu verleihen.

Die Eröffnungsveranstaltung des ISVVV – des Internationalen Symposiums zur Vorbeugung und Verhinderung des Verschwindens, wie man die Organisation betitelt hatte – war ein großer Tag für die Menschheit: ein Tag der Hoffnung und der Tatkraft. Der Palast wirkte so glanzvoll wie das Lächeln eines Helden und präsentierte seine Flaggen so stolz wie Orden. Doktoren und Professoren schritten gewichtig durch die Gärten und zeigten sich bemüht, Weisheit und Entschlossenheit auszustrahlen. Als sie die Terrasse erreichten, begann eine Kapelle zu spielen, und die Menschenmassen jubelten. Das sind die besten Köpfe der Menschheit, verkündeten Trompeten und Trommeln. Jene Männer und Frauen würden dem mysteriösen Verschwinden Einhalt gebieten, das die menschliche Rasse auszulöschen drohte – mit den Mitteln der Wissenschaft.

Nach Reden, Applaus, Musik und Jubel zogen Die Sucher – wie man die Wissenschaftler nannte – in den Palast und befassten sich zuallererst eingehend mit einem Buffet, zu dem der Bürgermeister von Paris sie geladen hatte. Das Volk stand derweil andächtig vor dem Palast und wartete auf Triumphschreie.

Doch schließlich brach die Dämmerung herein, und die Menge begann sich enttäuscht zu zerstreuen. Fähnchen blieben auf der Straße liegen, Banner wurden in Mülltonnen geworfen, und Bars und Cafés füllten sich wieder.

Wie lange würde es dauern, um Das Verschwinden zu beenden? Diese Frage lag allen auf den Lippen. Sechs Wochen? Sechs Monate? Ein Jahr?

»Wir kennen die Länge der Strecke nicht, die vor uns liegt«, sagte der Leitende Sucher in seiner Rede. »Wir wissen nicht, ob unsere Forschungsarbeit leicht oder schwer sein wird. Wir müssen geduldig sein und sollten keine übertriebenen Hoffnungen haben.«

Und so wartete die Welt gespannt auf erste Ergebnisse.

 

Unterdessen setzte sich Das Verschwinden unvermindert fort. In jedem Land Verschwanden Menschen ohne jegliche Vorwarnung. Möglicherweise erahnten die meisten ihr nahendes Schicksal, denn viele begaben sich wie sterbende Elefanten an abgeschiedene Orte, so dass es für Das Verschwinden selten Zeugen gab.

Dann und wann kam es jedoch vor, dass Menschen in überfüllten Zügen oder in vollbesetzten Konferenzsälen Verschwanden – in einigen Fällen sogar live im Fernsehen. So etwa Elenia Diakou, Olympiasiegerin im Eiskunstlauf, die vor den Augen von sechs Millionen Zuschauern Verschwand, während sie auf dem Siegerpodest die kanadische Nationalhymne sang. Paul Herbert, ein französischer Bankier, stellte sogar unabsichtlich einen Rekord auf, als er in 1700 Metern Höhe einfach unter seinem Fallschirm Verschwand. Edwin Wong, Klaviervirtuose, Verschwand während eines Wettbewerbs bei den letzten Akkorden von Rachmaninows Prélude Nr. 10 in h-Moll. Was die Jury als so passend zum Charakter des Stücks empfand, dass man Wong nachträglich den Preis der Königin Elisabeth von Belgien in absentia verlieh.

Selbstverständlich gab es zahllose Theorien über Das Verschwinden, doch niemand schenkte ihnen Glauben. Alle warteten auf die Ergebnisse Der Sucher. Nur sie würden dieses Rätsel lösen können.

Doch aus Tagen wurden Wochen und aus Wochen Monate, und die Türen des Symposiums blieben nach wie vor geschlossen. Während dieser Phase entstand ein neuer beängstigender Gedanke – dass man womöglich nichts tun könnte gegen Das Verschwinden; dass es sich so lange fortsetzen würde, bis am Ende niemand mehr übrig wäre. Nur ein einziger Punkt gab Anlass zur Hoffnung, eine kleine Absonderlichkeit in der Geschichte dieses Phänomens.

Kinder Verschwanden nicht.

Das Verschwinden schien etwas an Kindern nicht leiden oder nicht berühren zu können.

Doch niemand wusste, was es war.

 

Nach zwei langen Jahren der Beweisaufnahmen und ergebnislosen Mutmaßungen sah sich der Leitende Sucher gezwungen zuzugeben, dass es dem Symposium nicht gelungen war, mehr über Das Verschwinden in Erfahrung zu bringen, als man bereits gewusst hatte.

Im Sturm der Entrüstung, der dieser Offenbarung folgte, machte ein bislang unbekannter Mann von sich reden – ein Wissenschaftler namens Courtz, der neue Leitende Sucher. Seine Antrittsrede weckte wieder Hoffnung in den Herzen der verängstigten Menschen. Den militärisch akkurat gestutzten Schnurrbart des Professors, sein glatt zurückgekämmtes graues Haar und seine leuchtend blauen Augen, funkelnd wie erlesen geschliffene Saphire, empfand man als tröstlich. Der Mann strahlte etwas Geordnetes und Verlässliches aus, wie das Urteil eines Richters oder eine gelöste Gleichung. Schon nach der Hälfte seiner Rede hatte Courtz sein Publikum in Bann gezogen.

Er endete mit dem Appell, sich der Untersuchung Des Verschwindens ungestört widmen zu dürfen. Seine Mitarbeiter, verkündete er, würden allmonatlich eine Pressekonferenz abhalten, um die Welt auf dem Laufenden zu halten.

Die Leute, gefesselt vom beruhigenden Klang der Stimme des Professors, achteten nicht mehr auf die Bedeutung seiner Worte und applaudierten frenetisch, als Courtz der Menge lächelnd zuwinkte wie ein Monarch aus alter Zeit, bevor er sich in den Trocadéro-Palast zurückzog.

Dieser erste öffentliche Auftritt war gleichzeitig auch sein letzter; danach wurde Courtz nicht mehr gesehen.

Zunächst tolerierte man dieses sonderbare Verhalten – immerhin war der neue Leitende Sucher ein ernstzunehmender Mann, der keinerlei Interesse an Ruhm hatte – bestens! Nach einer Weile jedoch war die Öffentlichkeit nicht mehr so angetan von diesem mönchischen Benehmen. Man schenkte den Pressemitteilungen keinen Glauben mehr, und das Gerücht machte die Runde, dass der Professor selbst – sogar er! – Dem Verschwinden erlegen sei. Weil er sich womöglich zu sehr auf seine Forschungen eingelassen habe.

Etwa zu dieser Zeit tauchte das Licht auf. Niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, wann es zum ersten Mal bemerkt wurde, doch da war es auf einmal, im obersten Fenster des Trocadéro, wo es auch dann noch brannte, wenn alle anderen längst erloschen waren. Dieses Symbol der Hoffnung tröstete die besorgten Menschen in aller Welt. Und wenn die Kinder von Paris aus ihren Albträumen von leeren Häusern erwachten, nahmen ihre Eltern sie in die Arme, trugen sie zum Fenster und deuteten über die Dächer zum Trocadéro-Palast.

Da sitzt er, sagten sie. Da sitzt er und arbeitet fleißig.

Eines Tages wird er Das Verschwinden erklären.

Eines Tages ganz bald!

 

 

In schlechtem Licht

Boris klopfte auf die Lampe, die gerade mit einem Knall erloschen war. Dann schraubte er die Birne heraus und hielt sie hoch, um den defekten Glühdraht zu inspizieren. Seine schwieligen Ingenieurshände waren unempfindlich gegen das heiße Glas.

Das war seine letzte Glühbirne gewesen. Er trug die Lampe bereits seit Wochen durch seine kleine Wohnung, manövrierte das Verlängerungskabel zwischen Kartons und Aktenstapeln hindurch ins Badezimmer, wo er sein hohlwangiges Gesicht im Spiegel betrachtete, und in die Küche, wo er sich seine kärglichen Mahlzeiten zubereitete. Die Läden in seiner Wohngegend waren nachts geschlossen, und am Tage wagte er sich nicht hinaus. Gegen jedes Gesetz der Physik hatte er gehofft, dass dieses Licht niemals erlöschen würde.

»Und nun ist es passiert«, murmelte er vor sich hin – es waren die ersten Worte, die er seit drei Tagen gesprochen hatte.

Boris stemmte sich hoch, tappte im Dunkeln durch seine Wohnung und kehrte kurz darauf mit der Glühbirne aus dem Hausflur zurück. Doch anstatt zu versuchen, die Lampe wieder einzuschalten und sich seiner Arbeit zuzuwenden, starrte er aus dem Fenster auf die nächtlichen Straßen von Paris.

Die Fenster des Trocadéro in der Ferne waren dunkel – bis auf eines. In jenem Raum rang sein einstiger Mentor, Professor Courtz, genau wie er selbst mit dem Rätsel Des Verschwindens. Boris warf nur einen kurzen Blick auf das Licht, dann widmete er sich der Betrachtung der einsamen Nachtschwärmer von Montmartre, die dort unten umherstreiften wie Gefangene in einem Labyrinth ohne Ausgang – die Trinker, die Flaneure, die Verstrickten; die Opiumesser, die Verbrecher. Boris war sicher, dass sein Kampf gegen Das Verschwinden ihm eines Tages ein ähnliches Schicksal bescheren würde. Welche Hoffnung blieb ihm schließlich noch? Er war kein Professor Courtz, flankiert von zahlreichen Suchern und kostspieligen Maschinen. Er war lediglich ein Boris, ein unbekannter russischer Wissenschaftler, der alleine am Fenster seiner kleinen Wohnung am Montmartre hockte. Und dem nur seine Bleistifte, seine Notizbücher und sein Verstand zur Verfügung standen. Weiter nichts.

Doch vielleicht war das ja genug.

 

Von allen Wissenschaftlern der Welt war Boris dem Geheimnis um Das Verschwinden am nächsten gekommen. Doch das wusste er nicht. Hätte man es ihm gesagt, so hätte er es nicht geglaubt. Selbst wenn plötzlich ein sonderbares Männlein aus dem Schrank gesprungen wäre und ihm ins Ohr geraunt hätte »Du hast es bald geschafft, Bursche, bleib dran!«, hätte Boris daran gezweifelt. Immer wieder fürchtete er, dass er nur seine Zeit verschwendete und die Ursache Des Verschwindens niemals ergründen würde.

Doch Boris besaß etwas, worüber Die Sucher nicht verfügten. Etwas, das kostbarer war als Symposien, Fördergelder und modernste Hightech-Geräte: Er fand Das Verschwinden wunderschön.

Nacht für Nacht studierte er seine Akten und Notizen, seine Fotografien und Videos, und versuchte Ähnlichkeiten in den unterschiedlichen Fällen Des Verschwindens zu entdecken. In seinem Kopf liefen all die Filme ab, die er über Verschwundene Menschen gesammelt hatte. Es hatte seine Richtigkeit, fand er, dass Menschen Verschwanden – genau wie es richtig war, dass sie starben, wenn sie zu alt und zu müde wurden. Diese Richtigkeit war schmerzlich, doch Boris fand, dass einem Naturgesetz Genüge getan wurde, wenn ein Mensch Verschwand. Gewiss, Das Verschwinden war traurig, aber war es erstaunlich? Diese Auffassung der Welt konnte Boris nicht teilen. Das Verschwinden war natürlich höchst merkwürdig, aber auf eine Art, die ihn vor Verlangen erschaudern ließ. Einem Verlangen, das es nicht darauf anlegte, dieses Phänomen aufzuklären oder ihm ein Ende zu setzen – es war ein anderes Gefühl (vielleicht sogar das Verlangen, selbst zu Verschwinden).

Solcherlei Gedanken hätte man beim Symposium, wo mit kalter Nüchternheit vorgegangen wurde und jegliche Phantasterei verpönt war, nicht geduldet. Courtz und seine Sucher wollten sich Dem Verschwinden mit rein wissenschaftlichen Methoden nähern. Boris dagegen glaubte, dass man einen anderen Ansatz finden müsse. Denn seiner Auffassung nach war Das Verschwinden nicht analytisch begreifbar, vielmehr hatte es etwas zutiefst Menschliches, ja Poetisches an sich. Er reagierte auf Das Verschwinden nicht als Wissenschaftler, der ein bislang unbekanntes Phänomen untersuchen musste, sondern mit seiner gesamten Persönlichkeit – als lebendes, atmendes, gefühlsbegabtes Menschenwesen. Boris war überzeugt davon, dass Das Verschwinden einem Ort entstammte, auf den die Wissenschaft keinen Zugriff hatte: dem Menschsein als solchem. Seiner Auffassung nach hatte Das Verschwinden nicht durch eine Veränderung in naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten begonnen, sondern war ausgelöst worden von einer möglicherweise sogar nur winzigen Veränderung in der Natur des Menschen. Vielleicht war der Auslöser nicht mehr gewesen als eine einzige Drehung einer einzigen Schraube in einer Maschine aus Abermillionen Teilen. Vielleicht hatte diese Veränderung seit Jahrhunderten in den Prozessen der Geschichte vor sich hingeköchelt, einem Elixier in einem Hexenkessel gleich. Vielleicht hatte sie aber auch zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach eingeschlagen wie ein Blitz.

Nun jedenfalls traten ihre Folgen zutage.

 

Boris zündete sich eine Zigarette an und starrte weiter hinunter auf die Stadt. Soweit er sehen konnte, gab es nur eine einzige Lücke im System Des Verschwindens, einen winzigen Spalt, durch den er hoffte, sich Einblick verschaffen zu können. Wieder und wieder kehrte er zu diesem Anhaltspunkt zurück, doch bislang hatte er ihn nicht zu deuten vermocht.

Kinder Verschwanden nicht.

Und das verwirrte ihn.

»Vielleicht werden Kinder irgendwann Dem Verschwinden Einhalt gebieten«, murmelte Boris. »Kinder – und nicht Männer wie ich.«

Er griff nach seinem Notizbuch und blickte auf die Frage, die er aufgeschrieben hatte, als die Glühbirne den Geist aufgab – jene Frage, die vielleicht sogar das Licht zum Erlöschen gebracht hatte, wie er jetzt mit einem Schaudern dachte.

Als er zum ersten Mal von Dem Verschwinden gehört hatte, war ihm diese Frage sofort in den Sinn gekommen, aber er hatte sie nie zu Papier gebracht. Und wie sie nun da vor ihm stand, erschien sie ihm alberner denn je und kein bisschen sinnvoller als die unbeholfenen Vermutungen der Wissenschaftler im Fernsehen.

Märchen?

Geschichten, wie sein Vater sie ihm erzählt hatte.

Er radierte die Frage schnell aus und beobachtete dann weiter das Geschehen auf der Straße.

Doch nun, nachdem er das Geschriebene gelöscht hatte, stellten sich keine Gedanken, Ideen und Erinnerungen mehr ein – nur eine tiefe Traurigkeit, die das Wesen Des Verschwindens wahrhaftiger zu erfassen schien, als alle Worte es vermochten.

Boris rührte sich nicht, bis seine Armbanduhr piepte.

Es war Zeit für das Treffen.

Schwerfällig erhob er sich, zog seine zerknitterte schwarze Jacke an, steckte Münzen, Schlüssel, Streichhölzer, Zigaretten, Bleistifte und Papier ein und verließ seine Wohnung.

Doch obwohl er die Frage ausradiert hatte, lauerte sie weiterhin in seinem Kopf.

 

Und wenn es nun alles mit Dem Wald zu tun hat?

 

Zehn Minuten später ließ er sich auf einem Barhocker in einem versteckten kleinen Café in der Rue Jaquemont nieder. Es war zwei Uhr morgens, und wie üblich war er der einzige Gast. Weiße Manschetten leuchteten geistergleich im Dämmerlicht hinter der Bar, und wie durch Geisterhand erschienen eine Kerze und eine Tasse Kaffee vor ihm.

Boris zündete sich eine Zigarette an und wartete. Seine Glieder fühlten sich bleiern an vor Erschöpfung. Im Spiegel hinter den dunkel glitzernden Flaschen erkannte er sich selbst kaum wieder: hängende Schultern, bleiches Gesicht, glühendrot leuchtender Punkt an seinem Mund – ein wirrhaariger Nikodemus am nächtlichen Berg.

Falls es mir gelingt, Dem Verschwinden Einhalt zu gebieten – werde ich jemals wieder schlafen und meines Lebens froh werden wie andere Menschen?, dachte er.

Sein Spiegelbild betrachtete ihn spöttisch, ohne zu antworten.

Müßig blickte Boris auf einen anderen Teil des Spiegels und bemerkte einen reglosen Schatten neben der Eingangstür. Erst nach einigen Momenten wurde ihm bewusst, was das bedeutete: Dort stand jemand und beobachtete ihn.

Er drehte sich um. Wenn es die Frau war, die er hier treffen wollte, war sie so lautlos hereingekommen, dass weder er noch der Barmann sie gehört hatten.

»Mrs Jeffers?«, fragte Boris und verengte die Augen, um die Gestalt genauer erkennen zu können.

»Wer sonst, mitten in der Nacht?«

Die Gestalt trat einen Schritt vor, und das Licht fiel auf runzlige Hände, die einen Golfschirm zusammenklappten. Obwohl mehrere schwere Silberringe an den langen dünnen Fingern steckten, bewegten sie sich leicht und mühelos.

»Sorgen Sie dafür, dass dieses Licht verschwindet, ja?«

»Licht?« Boris blickte um sich. »Sie meinen die Kerzen?«

»Die Kerzen können bleiben. Ich meine das Licht vom Zigarettenautomaten. Und den Kühlschränken. Und diese groteske Eiffelturmlampe neben der Kasse.«

»Aber … weshalb?«

»Das wissen Sie doch.«

»Ach ja?«

»Sagen Sie ihm, er soll mehr Kerzen anzünden, wenn Sie sich vor der Dunkelheit fürchten.«

Boris winkte den Barmann zu sich und übermittelte ihm die Anweisung der alten Dame.

»So ist es besser«, sagte Mrs Jeffers zufrieden, als nach und nach Kerzen in Flaschen auf dem Tresen aufflackerten. »Jetzt können wir zum Geschäftlichen kommen.«

Boris betrachtete ihr Spiegelbild, während sie sich auf dem Hocker neben ihm niederließ. Mrs Jeffers war etwa so alt, wie er angesichts ihrer altmodisch anmutenden Handschrift geschätzt hatte. Ihr silbergraues Haar thronte in einem schlangenförmigen Turm auf ihrem Kopf, auf wundersame Weise zusammengehalten von einer einzigen quer hindurchgesteckten Silbernadel. An ihren Ohrläppchen baumelten schwere silberne Ohrringe. Ihr Gesicht war lang und hager und mit einem weichen Altersflaum bedeckt, und die Augen, die ihn mit bohrendem Blick betrachteten, erinnerten Boris an einen Vogel – einen Reiher oder einen Kranich. Die ganze Frau entsprach zumindest äußerlich dem Bild einer gutsituierten, kultivierten und etwas exzentrischen Dame; auch das, wie er es erwartet hatte. Doch als Boris Mrs Jeffers musterte, suchte er unwillkürlich nach etwas Unsichtbarem, nicht Greifbarem an ihr, das ihm Unbehagen bereitete. Schon beim ersten Blick auf die Frau hatte er gespürt, wie ihn die Angst beschlich.

Mrs Jeffers lehnte den Schirm an ihren Barhocker. »Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt noch so spät auf war«, sagte sie. »Sie mögen vermutlich die Nacht in den Städten – durch die Straßen wandern, mit hochgeschlagenem Kragen und Mördermiene.«

»Mögen das nicht alle?«, murmelte Boris. Ihre muntere, taghelle Stimme zerrte ihm bereits an den Nerven.

»Ich nicht. Für mich gibt es kaum etwas Schlimmeres.« Sie klopfte auf die Bar. »Hallo! J’aimerais du Whiskey. Aber für Sie ist noch lange nicht Schlafenszeit, wie?«

»Nein«, antwortete Boris, erstaunt über die direkte Frage. »Oder doch. Für mich gab es seit zwei Tagen keine Schlafenszeit.«

»Was hält Sie wach? Ungeheuer unter dem Bett?«

»Es gibt keine Ungeheuer unter dem Bett.«

»Sind Sie da ganz sicher?«

»Ich habe es überprüft.«

»Sie mussten das überprüfen? Das gefällt mir, hehe, das ist gut. Merci, mein lieber Junge.« Der Barmann zog sich mit einem gewisperten de rien zurück, und die alte Dame nippte an ihrem Glas. »Was also plagt Sie, wenn es denn keine Ungeheuer sind?«, fragte sie neugierig.

Einige Zuckerkristalle lagen auf dem Tresen neben Boris’ Kaffeetasse. Er begann sie mit dem Daumennagel zu zerdrücken und stellte sich vor, wie er Mrs Jeffers schilderte, was geschah, sobald er sich schlafen legte. Dass ihm sofort jemand von Den Verschwundenen in den Sinn kam, sobald er die Augen schloss. Dass er über diese Person nachdenken musste – wer sie gewesen war, wie sie gelebt hatte, wen sie zurückgelassen hatte. Dass ihm dann immer irgendein Detail fehlte – das Alter des Verschwundenen oder etwas anderes. Was ihn so sehr quälte, dass er aufstehen und seine Unterlagen nach dieser fehlenden Information durchsuchen musste. Er stellte sich vor, wie er Mrs Jeffers berichtete, dass er sich danach wieder hinlegte, jedoch immer wieder von derselben Frage heimgesucht wurde, die seine Seele in den Tiefen erzittern ließ und den Schlaf endgültig vertrieb.

Warum hatte er sich an diese Person und nicht an eine andere erinnert?

Weshalb nicht an den alten Mann, der vor sechs Monaten in der Umkleidekabine eines städtischen Schwimmbads in Dresden Verschwand und von dem lediglich Schwimmbrille, Badehose, Gebiss, eine Hüftprothese und ein Metallstück zurückblieben, das sich dann als Granatsplitter aus seinem Körper erwies? Wie war sein Name gleich wieder gewesen? Peter soundso. Laskau? Lasker?

Oder weshalb erinnerte er sich nicht an die Mutter, die im Dämmerlicht des Reptilienhauses im Glasgower Zoo Verschwunden war? Auch von ihr waren solche persönlichen Dinge zurückgeblieben – wie bei allen Verschwundenen.

Weshalb erinnerte Boris sich nicht an die zwei Jungen, mit denen er selbst gesprochen hatte? Beide hatten weder erschüttert noch verstört gewirkt, als er mit seinem Notizbuch in der Hand vor ihnen gestanden und mit ihnen geredet hatte; sie hatten einfach weiter Karambolage mit Lastern gespielt. Doch Boris hatte gespürt, wie in ihnen ein furchtbarer Abgrund entstand, der sich nie wieder schließen würde.

Wie lauteten die Namen der Jungen?

Ein paar Tage lang hatte er sie nicht vergessen können. Später hatte er nur noch die Laster in Erinnerung.

Und dann, stellte Boris sich vor, würde er Mrs Jeffers erzählen, sei er erneut in die Falle gegangen und habe wieder aufstehen müssen, um alle Fälle aufs Neue durchzugehen, einen nach dem anderen. Sie alle anzuschauen, war besonders wichtig, würde er ihr sagen. Denn am meisten machte ihm der Gedanke Angst, dass er jemanden vergessen könnte. Doch die Aktenstapel sind riesig, würde er ihr sagen, und dass es ihn irgendwann schließlich immer aus der Wohnung treibe und er rauchend durch die Straßen wandere, mit hochgeschlagenem Kragen und Mördermiene (sie musste ihn gesehen haben!), und dass er dabei versuche, den Scharen von Verschwundenen zu entkommen, die ihn stumm verfolgten, damit sie nicht vergessen würden.

Die Tür des Cafés klappte auf, und ein Stapel druckfrischer Zeitungen landete mit einem Klatschen auf dem Boden.

Boris blinzelte und kam wieder zu sich. Dem Gesicht der alten Dame nach zu schließen, hatte er sich nicht nur vorgestellt, dass er mit ihr redete – er hatte seine Gedanken wohl tatsächlich laut ausgesprochen. Oder aber Mrs Jeffers hatte ihm von Anfang an alles an den Augen abgelesen.

»Ich hatte erwartet, dass Sie so sein würden«, sagte sie jetzt und berührte seinen Arm. »Nun, da ich Sie sehe und Ihnen zuhöre, begreife ich so vieles. Sie sind ein gütiger Mann und haben sich Das Verschwinden sehr zu Herzen genommen.«

Boris spürte, wie ihm absurderweise Tränen in die Augen stiegen, und er wischte sie mit seinen rauen Fingerspitzen weg; falls die alte Dame es sah, ließ sie es sich nicht anmerken.

»Vielleicht möchten Sie mir jetzt erklären, warum Sie mich treffen wollten«, murmelte Boris etwas gereizt. »Und vor allem, weshalb Sie nicht mit dem Symposium sprechen wollen.«

Mrs Jeffers lächelte und drehte einen der Silberringe an ihrem Finger; er glitzerte, als sie ihn berührte.

»Oh, meine kleine Geschichte möchte man nicht den Naturwissenschaftlern überlassen. Sie ist besser geeignet für jemanden … der aus beiden Welten stammt, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Es gibt nur eine Welt.«

»Haben Sie das auch überprüft?«

»Nicht nötig. Das weiß ich.«

Mrs Jeffers schnalzte ärgerlich mit der Zunge. »Sagen Sie so etwas nicht. Dieser Satz kommt nicht aus Ihrem Herzen. Professor Courtz könnte so etwas sagen. Aber nicht Sie.«

»Woher wollen Sie das wissen? Der Mann lebt so zurückgezogen wie ein Eremit. Ich übrigens auch.«

»Aber man merkt doch, wie er beschaffen ist.«

»Wie denn?«

»Besteht nur aus Platinen und Formeln. Dem wäre es lieber, wenn Worte Zahlen wären und Ideen Gleichungen. Sie sind anders. Sie haben etwas von einem Hexenkessel an sich. Etwas von Magiern Geschaffenes. Nur jemand mit Ihrem Geist wird Das Verschwinden aufklären – nicht jemand wie Courtz. Wissen Sie das denn nicht?«

»Ich kenne ihn jedenfalls. Courtz war in einem Forschungsinstitut in Moskau mein Vorgesetzter. Hat mich regelmäßig beim Schachspielen geschlagen. Hinterher musste ich immer Eislaufen gehen.«

»Warum das?«

»Vielleicht, um das Gefühl für meine eigene Wendigkeit wiederzufinden«, antwortete Boris unbeteiligt. »Jedenfalls gehe ich davon aus, dass Courtz sich kaum verändert hat. Manchmal weiß man viel über Menschen, obwohl man sie eigentlich kaum kennt.«

»Sie würden sich wundern, mein lieber Junge, was ich alles weiß. Gemessen an mir sind Courtz und Sie Neandertaler, die mit Felsbrocken herumspielen. Wenn ich Ihnen erzählte, was ich weiß, würden Ihnen die Haare zu Berge stehen. Und Ihr Gehirn würde sich in Wackelpudding verwandeln.«

»Wissen Sie, wie man Das Verschwinden beenden kann?«

»Ich weiß jedenfalls, wie es begann.«

»Das ist doch gar nichts. Das weiß sogar Pierre. Pierre, les Disparitions, elles ont commencé comment? Wie hat Das Verschwinden angefangen?«

»Par les Anglais«, murmelte der Barmann hinter seiner Zeitung.

»Sehen Sie?«, sagte Boris. »Durch die Engländer. Jeder hat eine Meinung. Und was ist so besonders an der Ihren?«

»Wer spricht denn hier von Meinungen? Ich habe mir das nicht ausgedacht. Ich habe es gesehen.«

»Wir müssen korrekt deuten, was wir sehen.«

»Manchmal gibt es nur eine Deutung.«

Boris runzelte die Stirn und drückte seine Zigarette aus.

»Nun gut«, sagte er und senkte den Blick. »Sie haben den ganzen weiten Weg von London auf sich genommen. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann tun Sie es. Ansonsten würde ich vorschlagen, dass wir beide zu Bett gehen.«

Die alte Dame zögerte, und das erweckte Boris’ Interesse. Im Gegensatz zu allen anderen war sie sich ihrer Theorie offenbar nicht ganz sicher. Sie hatte sich also kritisch damit auseinandergesetzt und sie dennoch nicht abschütteln können. Solche Denker erweckten Boris’ Respekt.

Es war nur ein kurzer Satz, den Mrs Jeffers Boris nun ins Ohr flüsterte. Dann wartete sie seine Reaktion ab.

Er kratzte sich an der Wange, um seine Enttäuschung zu überspielen. Warum ließ er sich eigentlich auf solche Treffen ein? Sie liefen doch immer gleich ab. Irgendeine wirre Geschichte. Eine absonderliche Phantasie, entstanden im Hirn einer einsamen Seele. Unerklärte Phänomene wie Das Verschwinden waren wie leere Tafeln, auf die Menschen ihre eigenen Bedürfnisse und Ängste projizieren konnten.

»Das Verschwinden begann also durch einen kleinen Jungen?«, murmelte er, außerstande, seine Skepsis zu verbergen. »Das wollten Sie mir sagen?«

»Ja«, sagte Mrs Jeffers ernst und nickte. Dann fügte sie hastig hinzu: »Ich behaupte nicht, dass er es mit Absicht gemacht hat. Er wusste ja nicht, was er tat – er hatte gerade erst Laufen gelernt.«

»Tut mir leid«, erwiderte Boris, »aber etwas Alberneres ist mir noch nie zu Ohren gekommen. Das ist wirklich vollkommen absurd.«

»Jetzt benehmen Sie sich schon wieder wie Courtz. Warum wollen Sie unbedingt jemand sein, der Sie gar nicht sind?«

Bevor er sich selbst bremsen konnte, schaute Boris auf. Sein Spiegelbild sah priesterhafter aus denn je, und ein dünner Rauchfaden quoll aus seinem Mundwinkel.

Interessante Frage, nicht wahr? Willst du sie nicht beantworten?, fragte es höhnisch.

Boris erwog einen Moment, den schweren Kristallaschenbecher in den Spiegel zu schleudern. Doch sein eigenes Abbild zersplittern zu sehen, war keine verlockende Aussicht.

»Courtz hin oder her«, sagte er deshalb nur. »Die Theorie ist vollkommen abwegig.«

»Ach ja? Was haben Sie denn über Das Verschwinden in Erfahrung gebracht, dass Sie so überzeugt sein können?«

Boris legte überrascht den Kopf schief. In gewisser Weise hatte Mrs Jeffers recht – doch gerade als er sich entschloss, das zuzugeben, wendete draußen ein Auto. Der Strahl eines Scheinwerfers erleuchtete die Bar und traf auf das Gesicht der alten Dame. Sie zuckte zusammen und hob schützend die Hand. »Elendes Zeug«, murmelte sie. »Es gibt kein Entkommen, wie?«

Der Augenblick war nur flüchtig, aber Boris hatte etwas gesehen, das ihn zutiefst verstörte. Er warf einen raschen Blick auf den Barmann, doch der befestigte ungerührt die Zeitungen in den Bambusklemmen, ohne eine Reaktion zu zeigen.

Es musste Einbildung gewesen sein.

Einbildung? Wir müssen korrekt deuten, was wir sehen! Deine Worte! Deine Worte!

Boris atmete tief ein, griff nach einer Zigarette und zerbrach mehrere Streichhölzer bei dem Versuch, sie anzuzünden. Es war schon zu spät: Panik erfasste ihn. Er ließ die Zigarette los und legte die Hände flach auf die Bar, um nicht vom Hocker zu kippen. Irgendwo in weiter Ferne hörte er die alte Dame sprechen. Ob alles in Ordnung sei? Er sei ja plötzlich so bleich geworden. Wobei er allerdings auch vorher schon recht blass gewesen sei. Ungesund sehe er aus, plapperte sie, er sollte Vitamine nehmen.

»Alles … in Ordnung … ich hatte nur gedacht … bitte reden Sie weiter … erzählen Sie mir …«, stotterte Boris.

Er senkte den Kopf und versuchte ruhig und regelmäßig zu atmen. Dabei fiel sein Blick auf den zusammengeklappten Golfschirm. Boris starrte darauf, denn sich ganz und gar auf eine Sache zu konzentrieren, war der einzige Weg, um ES zu verhindern.

Die Spaltung.

Das Zerbrechen in mehr als einen.

Zuerst funktionierte es. Der Schirm war ein Werbegeschenk einer Lebensversicherungsfirma, was gar nicht zu der exaltierten alten Dame mit ihren eleganten Kleidern und dem antiken Schmuck passte. Aber offenbar war sie vertraut mit diesem Gegenstand; das hatte man an der raschen Bewegung bemerkt, mit der sie den Schirm zusammengeklappt hatte.

Sie hatte ihn zusammengeklappt.

Das bedeutete … er war zuvor geöffnet gewesen.

Boris’ Herz begann zu pochen, und ein Schwächegefühl erfasste ihn.

Es hat aber gar nicht geregnet.

Sie war also in einer klaren Nacht mit einem geöffneten Regenschirm unterwegs gewesen.

Warum?

Das weißt du doch.

Boris spürte, wie er innerlich einbrach und sich aufzulösen begann. Er wusste es tatsächlich. Hatte es von Anfang an gewusst, aber nicht zugeben wollen. Und nun erhob sich die Antwort in seinem Kopf so monumental und erschreckend wie ein Seeungeheuer, das aus tausend Klaftern Tiefe aufsteigt und aus dem Wasser bricht.

 

Und wenn es nun alles mit Dem Wald zu tun hat?

 

Sein Geist begann zu zerfallen. Er spannte die Schultern an und versuchte sich mit aller Willenskraft dagegen zu wehren.

Es war ausgeschlossen.

Lächerlich. Unmöglich.

Und er würde es beweisen.

Boris lenkte Pierres Blick auf sich. »Lumière. Mach Licht!«, bedeutete er dem Barmann mit Lippenbewegungen.

Pierre bewegte sich gleichmütig zu der Messingtafel mit dem Schalter, der den dunkel glitzernden Kronleuchter über ihnen erleuchten würde. Die alte Dame bemerkte nichts von alledem und sprach weiter, aber Boris verstand kein einziges Wort und starrte sie wie gelähmt an.

… Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten, genant Melchior Sternfels von Fuchshaim, wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen …

Was redete sie da?

Einen Moment hatte Boris das Gefühl, über seinem Stuhl zu schweben, losgelöst von jeglicher Wahrnehmung.

Und dann legte Pierre den Schalter um.

Mrs Jeffers zuckte zusammen, als sei eine Bombe explodiert. Ihr Whiskyglas flog gegen den Spiegel, und ein Splitter bohrte sich in Boris’ Wange. Dann herrschte nur noch Chaos: Schreie, umstürzende Hocker, zerbrechende Flaschen. Mrs Jeffers war überall zugleich, raste umher wie ein Tier, das in Flammen stand. Dann kam sie auf ihn zugeschossen.

»Ausschalten … Idiot!«, kreischte sie und packte ihn am Kragen. Ihr Gesicht schrumpelte zischend direkt vor seinen Augen. Ihre Zähne fielen aus, und ihre Augen rollten wie weiße Kugeln in den Höhlen umher.

Es war nur noch eine Frage von Sekunden.

Boris fing sie auf und brüllte: »PIERRE! La lumière! Das Licht!«

Der Barmann stand reglos da, schüttelte nur den Kopf und murmelte mechanisch vor sich hin: »Non non non non non non.«

»Pierre! Vite! Vite! Mach schnell!«

»Vite? Comment-ça, vite? Schnell? Wie? Was?«, schrie Pierre unvermittelt und warf die Arme in die Luft.

»La lumière, pour l’amour de Dieu! Éteins-la! Das Licht, um Gottes willen! Mach es aus!«

Der Barmann starrte ihn verständnislos an. Dann hastete er zu der Messsingplatte und riss den Schalter herum.

klick

Nichts geschah.

klickklickklickklickklick

»PIERRE!«

»Pétart! Ça ne marche plus! Verflucht – es funktioniert nicht mehr!«

Boris hechtete über den Tresen, stieß den Barmann beiseite und drosch mit der Faust auf die Messingplatte; so heftig, dass sie hinter einer Staubwolke in der Wand verschwand. Das Licht flackerte, ging aber nicht aus.

Fluchend fuhr er herum.

Mrs Jeffers tastete sich am Tresen entlang und zerfiel wimmernd vor seinen Augen. Ihre Haare hatten sich in eine klebrige tropfende Masse verwandelt, und mit lautem Krachen wie von Knallfröschen knickte ihr Rückgrat Wirbel um Wirbel ein, bis ihr Kopf nach unten hing. Die Gesichtshaut schrumpfte weiter, und es roch widerwärtig nach verbranntem Fett. Nach und nach verebbten die Schreie zu einem grauenvollen jämmerlichen Winseln.

Der Kronleuchter, der seit dem neunzehnten Jahrhundert friedfertig seinen Dienst versehen hatte, klirrte und rasselte nun bösartig, und jedes seiner Kristallteilchen verstrahlte blendendes Licht – als Strafe für die alte Dame, weil sie sich hier aufhielt, wo sie nicht hingehörte.

Boris starrte fassungslos auf die Lichtkaskade und presste die Fäuste an die Schläfen.

Alles, was sein Vater ihm erzählt hatte, entsprach also der Wahrheit. Dies war der Beweis.

Mrs Jeffers fuhr herum, den Mund gespenstisch aufgerissen. »Iii – dioten«, ächzte sie. Dann öffnete sich ihr Mund immer weiter, ihr Gesicht schien sich von ihrem Kopf zu schälen wie ein Strumpf, und sie brach in sich zusammen – ein Skelett, ein Haufen Knochen.

Boris flankte über den Tresen, packte einen Barhocker und zerschmetterte den Kronleuchter. Mit lautem Krachen erlosch das Licht, und ein Regen von Kristallsplittern fiel auf ihn herab. Rasch sank Boris neben der Kreatur auf die Knie, voller Angst, dass es zu spät sein könnte. Mrs Jeffers’ Atem war flach und abgehackt, doch sie hauchte ein einziges Wort.

Er verstand es nicht.

Noch einmal? Sagen Sie es noch einmal!

Kerze!

Schnell griff er nach einer der herumliegenden Kerzen, zündete sie an, stellte sie neben die Kreatur. Berührte hilflos das, was von ihren Schultern übrig war.

Nach einer Weile schob sie seine Hände weg.

Boris lehnte sich mit dem Rücken an die Bar, blieb sitzen und sah zu, wie das Kerzenlicht seine uralte Magie wirkte, mit behutsamen Tupfern und Strichen zu Werke ging wie ein Maler, der ein Bild restauriert.

Aus einer dunklen Ecke, verborgen durch Rauch und Schatten, beobachtete ihn ein anderer Boris mit düsterem, wissendem Blick.

Beinahe hättest du eine vom Waldvolk getötet …, raunte er ihm zu.

Und er hatte recht.

Doch Boris wusste nun zwei Dinge, die er zuvor nicht gewusst hatte.

Er wusste, warum die alte Dame zu ihm gekommen war.

Und er wusste, dass wahrhaftig alles mit Dem Wald zu tun hatte.

2

Der Kobold aus der Waisenanstalt

Der kleine Junge, mit dem Das Verschwinden begonnen hatte, war inzwischen zwei Jahre alt. Er lebte in London bei einem Mann namens Forbes, der im Schlachthof am Fleischhäcksler arbeitete, und einer Frau namens Alice, die früher Grußkarten entworfen hatte.

Die beiden wussten nicht, dass der Junge Das Verschwinden verursacht hatte, und auch er selbst ahnte nichts davon. Was jedoch nicht heißen soll, dass er nicht immer wieder Misstrauen erregt hätte – wer ihn zu Gesicht bekam, misstraute ihm unwillkürlich. In der Anstalt für verwaiste und ausgesetzte Kinder im Stadtteil Surbiton, wo er zuerst gelandet war, hatte man ihm daher auch sofort alle möglichen erstaunlichen Dinge unterstellt. Bereits am Tag seines Eintreffens in der Waisenanstalt sorgte der Kleine für Aufsehen. Normalerweise gab es zu jedem Neuzugang Unterlagen – Polizeiakten oder Berichte von Sozialarbeitern –, doch dieses Kind traf ohne jegliche Information, ohne jegliche Vorgeschichte ein.

Man hatte den Jungen in einem Bücherregal eines Antiquariats gefunden, splitterfasernackt und ohne jede Beigabe. Da Neugeborene für gewöhnlich nicht auf Bücherregale klettern, nahm man an, dass jemand ihn einfach dort zurückgelassen hatte.

Auch die körperliche Beschaffenheit des Neuzugangs gab den Schwestern im Waisenhaus Rätsel auf. Von Anfang an bezeichneten sie das Kind nur als »Es« und konnten es kaum erwarten, bis die vorgeschriebenen drei Monate vorbei wären und man es ins Heim auf dem Land verbringen würde. Dieses Kind war nicht nur einfach hässlich, sondern unheimlich hässlich. Statt dicker weicher Ärmchen und Beinchen hatte es dünne, harte Glieder, die eher dazu geeignet schienen, zu springen und zu graben als von Großeltern gehätschelt zu werden. Und es hatte diese sonderbare Art, einen anzustarren, mit einem enorm durchdringenden Blick, der so erwachsen wirkte, als wisse es Dinge, die es noch gar nicht wissen konnte; die Schwestern warteten beinahe darauf, dass es plötzlich Shakespeare rezitieren oder das politische Tagesgeschehen kommentieren würde.

Sein sonderbarstes Merkmal entdeckte man jedoch, nachdem das Wesen bereits in den ersten Stunden seiner Anwesenheit im Waisenhaus das Ohr einer Schwester übel zugerichtet hatte: Obwohl das Kind höchstens ein paar Tage alt sein konnte, hatte es schon zehn spitze kleine Zähne, weiß wie Perlen.

Etwas Derartiges hatte noch keine der Schwestern jemals zu Gesicht bekommen. Mit Ausnahme einer alten Deutschen namens Frau Winkler, die vor dem Krieg aus dem Bayerischen Wald nach London gekommen war. Als sie das Baby zum ersten Mal sah, musste sie sofort an ein Bild aus einem Märchenbuch ihrer Kindheit denken: ein verschneites Bauernhaus im Mondlicht, und neben dem Schornstein auf dem Dach hockte ein Kobold und schnüffelte den Düften nach, die vom Herd aufstiegen.

Er will den Stollen stehlen, stand unter dem Bild.

Als Frau Winkler sich zum ersten Mal über das Bettchen des Neuzugangs beugte, sah sie sofort dieses Bild vor sich, an das sie siebzig Jahre lang nicht gedacht hatte. War dieser Kobold nun also aus dem Buch entwischt, um sie am Ende ihrer Tage heimzusuchen? Den würde sie genau im Auge behalten!

Jeden Nachmittag kamen Besucher in die Waisenanstalt, um die Kinder zu begutachten und sich eines auszusuchen. Sobald die künftigen Eltern den riesigen Schlafsaal betraten, rollte sich der Kobold auf den Bauch und starrte die Ankommenden mit seinen kohlschwarzen Augen durchdringend an. Die Paare merkten davon nichts und wanderten beglückt durch den Raum. Immer wieder bückten sie sich, um alberne Laute für die glucksenden, zappelnden Babys in den Bettchen von sich zu geben.

Früher oder später zog es sie dann immer auch in die Ecke des Kobolds – wohl weil sie spürten, dass dort etwas hauste wie in einer Höhle. Zu diesem Zeitpunkt war der Kobold immer schon ganz unruhig, hatte sich aufgesetzt und hielt seinen seltsam geformten Kopf ganz still. Frau Winkler kam es vor, als ahne er als Einziges von all den Babys, dass diese Riesen möglicherweise seine Eltern werden könnten, dass er vielleicht bald ein richtiges Zuhause haben würde. Doch wenn die Paare sich näherten und der Kobold lächelte und seine Zähne zeigte, wandten sich alle schaudernd ab. Manche schrien sogar entsetzt auf.

Ein paar Minuten später kam dann stets eine Schwester in den Saal, nahm eines der anderen Babys mit und warf dem Wesen einen strafenden Blick zu.

Was hast du erwartet?

Wer sollte DICH schon mitnehmen wollen?

Und der Kobold rollte sich zur Wand und drehte sich lange Zeit nicht mehr um.

 

 

Der Heißluftballon und die Schimmelecke

Die Wand neben dem Gitterbett des Kobolds war nicht kahl wie alle anderen Wände in der Waisenanstalt, sondern mit einem Gemälde verziert, das aus einer Zeit stammte, als die Waisenanstalt noch ein Irrenhaus gewesen war. Die Insassen selbst hatten dieses Bild gemalt: Unter Anweisung eines Unterhaltungskünstlers namens Boppo der Farbclown hatte man ihnen gestattet, ihren Gefühlen an den Wänden des Speisesaals Ausdruck zu geben. Inzwischen wurde der Raum als Schlafsaal genutzt, und Boppo der Farbclown lag längst unter der Erde, doch das Meisterwerk hatte überlebt.

Hätten die verwaisten Babys dieses Wandgemälde als Darstellung der realen Welt betrachtet, die sie meist noch nie zu Gesicht bekommen hatten, so hätten sie wohl angenommen, dass die Alpen, das Taj Mahal, eine städtische Hauptstraße und der Dschungel sich in direkter Nähe befänden und dass die Erde ausschließlich von bockigen, wiehernden Eseln und rotgesichtigen Polizisten bevölkert wäre, die klobige schwarze Stiefel trugen und den Eseln nachrannten. Die meisten der zukünftigen Eltern fanden das Gemälde erheiternd, doch die sensibleren unter ihnen konnten nicht umhin zu denken, dass die Esel auf dem Bild zu verstört und die Polizisten zu bedrohlich aussahen. Genau wie der Kobold richteten jene Menschen den Blick auf ein winziges Detail, geschaffen von einem Patienten mit einer alten Seele, der vielleicht auf einer Leiter gestanden hatte, während die anderen unten am Boden mit Farbe herumklecksten, und der seine unendliche Sehnsucht und Traurigkeit in einem Bild von herzzerreißender Schönheit zum Ausdruck gebracht hatte: einer Montgolfière, die am oberen Rand des Gemäldes und damit über der gemalten Welt schwebte, als wollte sie den blauen Himmel hinter sich lassen und unbekannte Gefilde erreichen – jene Gefilde, zu denen jeder Heißluftballon strebt und die er zweifellos auch erreichen würde, wären da nicht die Schwerkraft und die Gefahren des Weltalls.

Stundenlang starrte der Kobold auf diesen Ballon und die zwei nur undeutlich erkennbaren Passagiere. Sie wandten sich niemals von ihm ab wie die Besucherpaare, schauten ihn auch nicht böse an wie die Schwestern und hielten ihn nicht an den Knöcheln fest, um ihm grob den Hintern abzuwischen. Nein, diese beiden Gestalten blickten stets zu ihm und lächelten und winkten zum Gruß, nicht zum Abschied.

Bald hatte der Kobold jegliches Interesse an den Besuchereltern verloren und drehte sich nicht einmal mehr um, wenn sie nachmittags den Saal betraten. Stattdessen starrte er nur sehnsüchtig und hoffnungsvoll auf den Heißluftballon und die lächelnden Gesichter.

Zunehmend jedoch auch angstvoll – denn der Ballon näherte sich unaufhaltsam der Schimmelecke.

Das Sonnenlicht, das durch die hohen Schiebefenster des alten Gebäudes fiel, erreichte diese finstere Ecke nie. In ihr hatte sich der feuchte Atem der Babys gesammelt und in Schimmel verwandelt – in dunkelgrünen, feuchten Schimmel. Etwas an dieser Ecke war ganz und gar grauenhaft. Von Tag zu Tag breitete sie sich weiter aus und näherte sich dem Ballon. Der kleine Kobold beobachtete diesen Vorgang mit weit aufgerissenen Augen und bangem Blick.

Einzig Frau Winkler bemerkte die Ängste des Kobolds, und sie fragte sich, ob diese düstere Ecke womöglich ein Loch war, durch das der Kobold nächtens entfloh. Wenn Frau Winkler alleine Nachtdienst hatte, trat sie oft an sein Bett und starrte ihn argwöhnisch an. »Wer bist du?«, flüsterte sie dann. »Woher kommst du?«

Diese Fragen waren die einzigen Worte, die man während seines Aufenthalts in der Waisenanstalt an den Kobold richtete. Für ihn gab es keine liebevollen Laute, keine Koseworte, keine Gutenachtgeschichten. Nur das immer Gleiche: »Wer bist du?« und »Woher kommst du?« Wieder und wieder, abertausendmal und mitten in tiefster Nacht, wenn der Schlaf der Seele Risse zufügt, durch die unsere Träume entweichen können; durch die sich aber auch Eindrücke einschleichen, die hernach zu blinden Passagieren unseres Geistes werden.

Wer kann schon wissen, wie diese Fragen in jenen nachgiebigen, verletzlichen Momenten den werdenden Geist des Kobolds beeinflussten. Vielleicht wurde ja unser aller Leben geprägt vom Raunen einer verschrobenen alten Frau, die sich nächtens über unser Bett beugte …

 

 

Gehalten, gehakt, gewählt

Die nächsten Worte, die jemand zu dem Kobold sagte, lauteten: »Los geht’s! Zeit zum Aufbruch! Hoch mit dir!« Diese Worte stammten nicht von Frau Winkler, sondern von Mr Stubbings, der das Baby ins Heim auf dem Land befördern sollte. Allerdings flüsterte Mr Stubbings nicht, sondern sprach in geschäftsmäßigem Tonfall. Dabei klackerte er ungeduldig mit seinem Kugelschreiber.

Zwei Monate und neunundzwanzig Tage hatte der Kobold in seinem Gitterbett gelegen und eine lange Reihe von Besuchereltern verstört. Nun sagte Mr Stubbings: »Schluss mit diesem Unfug!« und »Was zum Teufel ist los mit ihm?« und »Ich brauche dringend ein Aspirin, Mrs Winkler.« Die nötigen Formulare waren ausgefüllt, die Stunde des Aufbruchs war gekommen, und Mr Stubbings wollte zum Fußballspiel. Doch der Kobold war nicht willig und hatte sich an einem der Gitterstäbe seines Bettchens festgebissen.

Nachdem Kitzeln, Zwicken und Stupsen nichts gefruchtet hatten, schob Mr Stubbings seinen Kugelschreiber zwischen die Koboldzähne, stemmte sie auseinander und riss das Wesen mit einem triumphalen »HABDICH!« aus dem Bett. Sein Sieg war allerdings von kurzer Dauer, denn der in seiner Betrachtung des Heißluftballons gestörte Kobold gab ein lautes bedrohliches Knurren von sich, das eher nach einem wilden Tier aus den Wäldern als nach einem kleinen Kind klang. Frau Winkler und die anderen Schwestern zuckten verblüfft zusammen, und sämtliche Babys (einundneunzig an der Zahl) fingen auf der Stelle an zu weinen.

»Ähm …«, äußerte Mr Stubbings, der es (wie die meisten anderen auch) nicht leiden konnte, von kleinen Wesen mit scharfen Zähnen angeknurrt zu werden, und hielt den Kobold auf Armeslänge von sich weg.

»Keine Sorge, er beißt nicht«, beschwichtigte Frau Winkler, obwohl sie ganz genau wusste, dass der Kobold sehr wohl zum Beißen neigte und es wohl auch jeden Moment tun würde. Und mit der Beherztheit einer Krankenschwester nahm sie ihn Mr Stubbings ab und sagte: »Sie haben ihn bloß erschreckt. Er hatte sich hier so gut eingelebt und will eben einfach nicht weg.«

Sie legte sich den knurrenden Kobold über die Schulter und machte Anstalten, mit ihm herumzuspazieren. Doch da versperrte ihr ein Hüne von einem Mann den Weg, der urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war.

»Forbes mein Name!«, dröhnte der Mann, was die heulenden Babys, die in ihrem ganzen Leben noch nie so eine donnernde Stimme vernommen hatten, schlagartig zur Ruhe brachte. »Geben Sie ihn mir! Ich will ihn haben!« Dabei fuchtelte der Mann mit einer Handprothese in Form eines messerscharfen Hakens unter Frau Winklers Nase herum.

Nun war es an Frau Winkler zu schreien. Denn der Haken, der wilde Bart und das herrische Gehabe konnten nur eines bedeuten: Piraten! In ihrem Schrecken lockerte sie ihren Griff. Der kleine Kobold witterte sofort die Freiheit und hechtete sich mit ausgestreckten Armen Richtung Heißluftballon.

Ein fallendes Baby ist eine ernste Sache, vor allem, wenn es sich mit dem Kopf zuerst einem Kachelboden nähert. Mr Stubbings ließ sein Klemmbrett los – was ein recht guter Ansatz war, denn die Handlung verwies eindeutig auf Mitgefühl und verschaffte ihm überdies freie Hände. Doch beim Anblick des fallenden Klemmbretts musste er plötzlich an Galileo denken und fragte sich, was wohl zuerst auf den Kacheln auftreffen würde, Baby oder Klemmbrett. Und im Kopf der erstarrten Frau Winkler tauchte der Gedanke an Hexenprüfungen auf: »Jetzt werden wir’s ja sehen! Wenn es wirklich der Kobold ist, wird er auf allen vieren landen. Ansonsten schlägt er sich den Kopf auf.«

Zum Glück erbrachte der Kobold keinen der erhofften Beweise, denn der piratenartige Mann, der sich als Forbes vorgestellt hatte, hakte schwungvoll seine Prothese in der Windel fest.

»ARRGGGHH!«, schrie Mr Stubbings entsetzt, weil er glaubte, das Baby sei aufgespießt worden und er müsse nun Formular A99-B, das längste von allen, ausfüllen. Doch alles ging gut aus, denn Forbes warf den Kobold hoch und fing ihn mit einem Lachen und dem Ausruf »Hoppla!« mit seiner gesunden Hand auf.

»Guter! Gott!«, keuchte Frau Winkler und legte die Hand auf ihre Brust.

»Ich glaube, er mag dich, Forbes«, vernahm man nun eine zartere Stimme, und die anderen merkten erstmals, dass noch eine weitere Person anwesend war: eine kleine dünne Frau mit feinem Haar.

»Scheint mir auch so, Alice«, sagte Forbes und stupste den Kobold mit dem Haken leicht ans Ohr. »Wie heißt er denn, Schwesterchen?«

»Kobold!«, platzte Frau Winkler heraus.

»Wie bitte?« Mr Stubbings, der sein Klemmbrett aufgehoben hatte, richtete sich kerzengerade auf.

»Kobold?«, sagte Alice scharf, und ihre hellen Augen wurden hart. »Was für ein Name soll das denn sein?«

Frau Winkler reckte das Kinn vor und antwortete mit rechtschaffener Empörung: »Das ist kein Name! In dem Buch war ein Schornstein, und der Kobold hat daran geschnüffelt! – ›Er wollte den Stollen stehlen‹, stand darunter«, fügte sie dann hinzu, fassungslos, dass sie von all diesen Dummköpfen nicht verstanden wurde.

Betretenes Schweigen trat ein. Dann hörte man einen Kugelschreiber klicken.

»Warten Sie bitte in meinem Büro auf mich, Mrs Winkler«, sagte Mr Stubbings, und nachdem die Krankenschwester verschwunden war, erging er sich in einem Schwall von Entschuldigungen – sprach von Stress und Personalknappheit und dass Findelkinder nun einmal erst dann einen Namen bekämen, wenn sie eine Familie gefunden hätten.

»Und sind Sie so eine Familie?«, fragte er mit anzüglichem Grinsen. »Wollten Sie sich unsere Sammlung anschauen? Wir haben hier jede Menge Babys. Suchen Sie sich eines aus!«

Sie seien noch keine Familie, zumindest jetzt noch nicht, sondern einfach nur Forbes und Alice, stellten die beiden klar. Und nein, sie wollten keine anderen Babys, sondern wenn, dann genau dieses.

Das Schicksal hatte entschieden.

Es sollte so sein.

Nachdem also die nötigen Papiere ausgefüllt waren, wurde jenes Baby, der Verursacher Des Verschwindens, das in Bälde über die Welt hereinbrechen würde, in die Hände von Forbes und Alice Mulgan übergeben und in ein Haus im Norden von London verbracht, in dem man Tag und Nacht das Rattern und Röhren der Lastwagen auf der North Circular vernahm.

 

Als sie nach Hause kamen, setzten Alice und Forbes ihren Jungen aufs Sofa und betrachteten ihn genauer.

»Lebhaftes Kerlchen«, sagte Forbes.

»Ich frage mich, wie seine Eltern wohl ausgesehen haben«, sinnierte Alice.

»Spielt keine Rolle – jetzt sind schließlich wir seine Eltern.«

»Stimmt«, erwiderte Alice und kuschelte sich an Forbes. »Wie wollen wir ihn nennen?«

»Er ist ja noch ein kleines Bürschchen. Geben wir ihm einen großen Namen, der ein bisschen Biss hat«, schlug Forbes vor und zwinkerte Alice zu. »So wie er selbst.«

»Wie wär’s mit … Max?«

»Max Mulgan? Klingt gut, finde ich.« Forbes legte Max die Hand auf den Kopf. »Hiermit taufe ich dich auf den Namen König Max von Bickerstaffes Road. So, und nun zeigen wir Seiner Majestät Ihr Reich.«

Max’ Königreich bestand aus einer umgewandelten Rumpelkammer an der Vorderseite des Hauses im ersten Stock. Es handelte sich um ein kleines und spärlich bevölkertes Reich mit wenigen Bodenschätzen. Die einzigen Bewohner waren ein Gitterbett, eine kleine Kommode, ein Regal und eine Projektionslampe, die sich nachts drehte und Schatten von fliegenden Vögeln an die Wand warf. All diese Untertanen stammten aus Trödelläden und Garagenverkäufen und waren schon etwas betagt, empfingen ihren neuen Herrscher aber mit dem gebührenden Respekt.

Das Allerbeste an diesem Königreich war jedoch – durch Zufall oder wie durch ein Wunder – das Wandbild, das Alice gemalt hatte. Es stellte zwar nicht die gesamte Welt dar wie das Gemälde in der Waisenanstalt, sondern nur einen Jahrmarkt. Es gab aber die wunderbarsten Dinge darauf zu sehen – unter anderem ein Kettenkarussell, eine Hüpfburg, eine Wurfbude, einen Streichelzoo, einen Trödelstand, einen Krapfenverkäufer und einen Zuckerwattewagen. In einem Anflug düsterer Genialität hatte Alice ferner einen Wolf gemalt, der aufgerichtet zwischen den spielenden Kindern stand. Doch dieses kleine Meisterwerk bemerkte Max nur am Rande. Etwas viel Wichtigeres zog ihn in Bann: Im Hintergrund, zwischen Gemüsewettbewerb und Hunderennbahn, erhob sich ein Heißluftballon vom Boden. Er war größer als der in der Waisenanstalt, weshalb man die Personen im Korb etwas besser erkennen konnte. Es handelte sich eindeutig um einen Mann und eine Frau. Ihre Gesichter waren zwar nicht deutlich gemalt, doch die beiden blickten Max auf jeden Fall lächelnd an.

Er erwiderte ihr Lächeln.

Sie waren der Schimmelecke entronnen.

Sie kamen näher.

3

Der Dunkle Mann

Wenige Monate nach Max’ Eintreffen in der Bickerstaffes Road begann Das Verschwinden.

Max hatte sich inzwischen eingelebt, und diese Ereignisse hatten wenig Einfluss auf seinen Tagesablauf. Die Pressekonferenzen des Symposiums waren ebenso belanglos für ihn wie Fernsehansprachen und Nachrichten über gute internationale Zusammenarbeit. Sogar als es zum ersten Verschwinden in der Bickerstaffes Road kam und die Straße voller Menschen war, interessierten den kleinen Kobold nur die Tatütatas und die Schutzmänner.

Als er größer wurde, erfuhr er durch Puppentheater, Kindersendungen und Gastredner in der Schule, was man zu tun hatte, wenn man mit Mama und Papa draußen war und die beiden plötzlich »ihre Kleider auszogen und weggingen«.

Sich an einen netten Menschen wenden.

000 anrufen.

Weil es auch Kindersendungen gab, in denen man lernte, wie man die Straße überquert und dass man mit niemandem mitgehen und nicht mit Streichhölzern spielen sollte, war Das Verschwinden für Max nichts Ungewöhnliches.

Leute Verschwanden.

So war das eben.

Das machten sie einfach.

Für Max war es viel verwirrender, wenn Menschen immer da waren.

Wie zum Beispiel der Dunkle Mann.

Max sah den Dunklen Mann fast täglich. Wenn Alice Max morgens an der Schule absetzte, stand der Dunkle Mann am Tor und rauchte eine Zigarette. Wenn Forbes mit Max in die Bücherei ging, saß der Dunkle Mann, umgeben von Akten, Telefonbüchern und Zeitungen an einem Tisch. Selbst wenn sie in den Bergen von Wales Urlaub machten, entdeckte Max den Dunklen Mann in der Gaststätte mit einem Bier und einer Pastete vor sich. Und wenn Max abends im Bett lag, stellte er sich vor, dass der Dunkle Mann vielleicht draußen unter einer Straßenlaterne stand und zu seinem Fenster hinaufstarrte.

Einmal schaute Max nach.

Und der Dunkle Mann war wirklich dort.

Da wusste Max: Selbst wenn man den Dunklen Mann nicht sehen konnte, hielt er sich vermutlich immer in der Nähe auf. Er konnte im Handumdrehen aus dem Blickfeld verschwinden, indem er einfach in den Schatten trat, der ihn stets umgab. Mit seinem zerknitterten schwarzen Anzug und dem Bart, der so rabenschwarz war wie seine Haare, bestand der Dunkle Mann sozusagen aus Schatten. Nur sein Gesicht, bleich wie der Mond, und seine wissbegierig leuchtenden Augen waren in der Dunkelheit zu erkennen.

Max sprach den Dunklen Mann niemals an und erzählte auch niemandem von ihm. Der Dunkle Mann war für ihn wie der Squonk, ein Wesen, das in einem von Max’ Lieblingsbüchern aus der Bibliothek vorkam, W.T. Cox’ Furchterregende Kreaturen der Forste. Squonks lebten in den Wäldern von Nord-Pennsylvania und hielten sich wegen ihrer hässlichen blasigen Haut immer versteckt:

Der aus Pennsylvania stammende Mr J.P. Wentling – nunmehr wohnhaft in St. Anthony Park, Minnesota – hatte ein wahrhaft enttäuschendes Erlebnis unweit des Mount Alto: Wentling war es auf schlaue Weise gelungen, den Squonk einzufangen, indem er dessen Laute nachahmte. So angelockt, sprang das Wesen direkt in den Sack, doch als Wentling selbigen nach Hause trug, spürte er, wie seine Last plötzlich leicht wurde. Im selben Moment verstummte auch das Weinen. Wentling öffnete den Sack und blickte hinein. Er enthielt nichts mehr außer Tränen und Blasen.

Max fürchtete, dass dem Dunklen Mann dasselbe widerfahren würde, wenn er ihm Fragen stellte oder seine Existenz preisgab.

Und Max wollte nicht, dass der Dunkle Mann für immer verschwand.

Denn es fühlte sich großartig und aufregend an, wenn jemand immer da war.

 

Wie sich herausstellte, war schließlich der Dunkle Mann derjenige, der Fragen stellte.

Es passierte in dem Supermarkt, in den Alice manchmal einkaufen ging. Max trottete hinter ihr her und futterte Krabbenchips. Als die Tüte fast leer war, blieb er stehen, um sich die restlichen Krümel in den Mund zu schütten. Und als er wieder aufschaute, waren Alice und der Einkaufswagen verschwunden – und der Dunkle Mann stand da, direkt vor Max. Ein Geruch von feuchten Kleidern, Schweiß und Zigaretten lag in der Luft, die Hände des Dunklen Mannes zitterten, und zwischen seinen Augen war eine Furche, die sich zu vertiefen schien, als Max zu ihm aufsah – sie wurde tiefer und immer tiefer, als sei sie ein riesiger Graben, in dem Schiffe versinken konnten.

Wie in diesem Graben, von dem Max in der Schule gehört hatte. Dem Marianengraben.

Wenn man bis zum Grund des Marianengrabens gelangte, war man so tief unter Wasser, wie es überhaupt möglich war, hatte Max gelernt. Vielleicht roch der Dunkle Mann ja deshalb so feucht und muffig? Weil er in der Tiefe des Grabens gewesen war. Und wahrscheinlich hatte er auch deshalb diese tiefe Furche auf der Stirn.

Der Dunkle Mann stellte sich nicht vor und erklärte auch nichts – er äußerte nur zwei Fragen. Doch bevor Max sie beantworten konnte, hörte man metallisches Klappern und einen lauten Ruf; dann wurde eine Reihe Einkaufswagen zwischen sie geschoben.

Als die Wagen endlich fortgeschafft waren, war auch der Dunkle Mann verschwunden.

Von diesem Moment an wartete Max bei jedem Einkauf im Supermarkt auf das Erscheinen des Dunklen Mannes. Manchmal aß er nur deshalb eine Tüte Krabbenchips und schüttete sich die Krümel in den Mund, um den Dunklen Mann herbeizurufen. Doch die Chips konnten auch nichts daran ändern, dass der Dunkle Mann in seinem Schattenversteck blieb und die Antwort auf seine beiden Fragen abwartete:

Wer bist du?

Woher kommst du?

Diese Fragen klangen unkompliziert, und anfänglich glaubte Max auch, die Antworten zu kennen. Doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr begann er zu zweifeln.

Falls er antwortete »ich bin Max Mulgan aus der Bickerstaffes Road«, würde der Dunkle Mann ganz gewiss den Kopf schütteln.

Und wie Max immer und immer wieder über die Antworten nachdachte, nisteten sich die Fragen in seinem Kopf ein, und binnen kurzem gesellten sich weitere hinzu.

Woher kam das Herkommen?

Was war mit dem Herkommen gemeint?

Wieso musste man sein Herkommen kennen?

Und es gab nicht nur keine Antworten auf diese Fragen, sondern es gab auch niemanden außer dem Dunklen Mann, der sie stellte. Niemand sprach über das Herkommen. Niemand schien sich dafür zu interessieren.

Deshalb fühlte Max sich anders als andere Menschen.

Und er fühlte sich einsam.

Weshalb der Dunkle Mann ihm noch wichtiger wurde als zuvor.

 

 

Der Morastkloß

Manchmal gefiel es Max jedoch auch, einsam und alleine zu sein.