Der weiße Papua - T.C. Stone - E-Book

Der weiße Papua E-Book

T.C. Stone

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jim Fuller hat schon dreckige Aufträge erledigt, um sein Australien zu schützen. Der neue Geheimauftrag, eine bisher unbekannte Terroristin zu neutralisieren, zwingt ihn nach dreizehn Jahren zurück ins abgeschiedene Hochland Papua-Neuguineas. Dort kennt und fürchtet man ihn unter einem anderen Namen. Von Anfang an zweifelt er an der Rechtmäßigkeit des Einsatzes und trifft die riskanteste Entscheidung seines Lebens. Oona de Rosa sucht im Hochland Papua-Neuguineas eine besondere Pflanze. Sie ahnt nichts von der tödlichen Falle, die einflussreiche Leute für sie vorbereitet haben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


T.C. Stone

Der weiße Papua

ker-nate

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Impressum neobooks

Kapitel 1

Der weiße Papua ker-nate

Carpentaria Golf

Nordaustralien

300 Kilometer östlich von Cape Arnhem

8 Kilometer über dem Meeresspiegel

Am liebsten hätte Jim Fuller die Übung abgebrochen. Mit seinen zwanzig handverlesenen Soldaten saß der Captain im leeren Frachtraum der C-27J Spartan, um auf den Absprung über dem Golf von Carpentaria zu warten. Dass die Übung lebensgefährlich war, wusste jeder Mann und jede Frau seiner Einheit. Seit Jahren bildete der fast zwei Meter große Offizier seine Truppen zu taktischen Hochleistungssportlern aus, die er auf Geheimbefehl erneut hintergehen musste.

Nach außen schien der Dreiunddreißigjährige ein verschlossener, unnachgiebiger Befehlshaber. Bis vor wenigen Wochen liebte er seinen Dienst, sein Regiment, das australische Special Air Service Regiment. Der Aufruhr in seinem Bauch vertiefte die Sorge und das Misstrauen, warum seine Einheit und er hier saßen.

Die Anti-Terroreinheit stellte die sichtbare abschreckende Speerspitze der australischen Defence Force dar, die weltweit agierte, um Australier zu retten. Das blutige Chirurgenmesser, Fullers Truppe, entfernte unsichtbar jene, die das Land und die engsten Verbündeten bedrohten und mit Tod überziehen wollten.

Die Spartan sollte die Soldaten mitten im Carpentaria Golf abladen. Nachts über See, gute zweihundert Kilometer vom Festland entfernt. Vorgestern kam der überraschende Marschbefehl. Vor dem Abflug ein direkter Befehl an ihn persönlich. Zeit sein Misstrauen zu prüfen gab es nicht, außer dass seine Sorgen größer wurden.

„Sir, Captain, Sir“, schrie der Flugbegleiter Private James Finley. Obwohl ein abweisender Blick ihn traf, sprach er weiter: „Sir, Captain, Sir, im Norden bilden sich Turbulenzen und Wechselwinde. Der Kapitän fordert neue Daten an. In dreißig Minuten passieren wir die Absprunglinie. Wind, stetig, West zu Ost. Noch.“

„Genau diesen Wind wollen wir abgleiten, Private“, dröhnte Fullers tiefe Stimme durch den Frachtraum. Befehlsgewohnt, keinen Widerstand, keinen Widerspruch duldend. Zweifel im Ernstfall waren verboten. Zweifel führten zum Verderben. Die Männer und Frauen des Special Air Service Regiments lebten und dienten nach einem Motto: Who dares, wins!

„Am Absprungpunkt wechseln die Winde, Sir. Nordwest zu Südost, Sir“, versuchte der Private den hartgesottenen Offizier zu bewegen, früher abzuspringen.

„Dann fliegen Sie schneller, Private!“, rief Captain Fuller.

Zwanzig Kehlen lachten selbstbewusst. Nur der Captain hörte Untertöne. Sie waren Soldaten und gehorchten Befehlen. Wenn sie über dem Carpentaria Golf abspringen und zum Festland gleiten mussten, dann musste es so sein.

Fuller winkte den Private fort wie eine lästige Fliege.

„Nach der Übung in den wohlverdienten Urlaub!“, rief Jim.

Daumen wurden nach oben gehalten.

Die C-27J Spartan warf die Wartenden etwas rau hin und her. Das waren sie gewohnt. Jim Fuller lehnte sich zurück. Seine schroffe, abweisende Art gegen den Private war notwendig. Sie war Teil seines ganz eigenen Plans.

Master-Sergeant Andrew Weller saß neben Captain Fuller, seinem besten Freund und Vertrauten. Sie hatten gemeinsam die Schwelle der Campbell Baracks in Swanbourne übertreten. Andrew war ein Wonghi und entsprach der typischen kräftigen Art, die die Einwohner in Westaustralien über Jahrtausende hervorbrachten. Viele Angehörige der first nation dienten mittlerweile in den Streitkräften, wenige auch im SASeR. Wellers Kenntnisse der Wüste machten ihn zu einem hoch geachteten Mann innerhalb der Spezialkräfte. Alle Anfragen und Bitten die Offizierslaufbahn einzuschlagen lehnte er ab. Ihm genügte es bei seinem Freund, seinem ka-ta zu sein. Die vier Lieutenants, die unter Fuller dienten, achteten und respektierten den Master Sergeant aus vielen Gründen. Niemand schickte Weller von der Seite seines Captains fort, mochte sein Dienstgrad ihm das auch erlauben.

Jim sah seinen Freund von der Seite an. Sie saßen abseits.

„Ich war zu schroff?“, fragte er.

„Seit wir in der Alubüchse sitzen“, gab sein Freund zu.

Statt etwas zu erwidern, entnahm Jim seiner Ärmeltasche ein laminiertes handtellergroßes Foto.

Zwei Frauen, eine schöner als die andere, rahmten einen ungefähr neunjährigen Jungen ein. Die Frau rechts trug ihre roten Haare gebunden zum Pferdeschwanz, Jeans und T-Shirt. Die andere Frau ließ ihre fast weißen Haare offen über die Schultern fallen. Sie hätten Schwestern sein können, was sie nicht waren. Im Hintergrund ragte ein kegelförmiger Berg bis an den Bildrand, dessen Spitze von Wolken verborgen blieb. Grün bewachsene Berggrate schienen die Gesteinsformation zu stützen. Jim ließ den Druck in seiner Kehle zu. Eine friedliche glückliche Zeit. Vor jedem Einsatz und vor jeder Übung zog er das Bild hervor, um standhaft zu bleiben. Aber jetzt? Der Geheimbefehl zwang ihn an den Ort zurückzukehren, an dem er einen der wichtigsten Menschen verlor.

Die Rothaarige war seine Mutter. Er musste ihre Krämpfe sehen, ihre Todesschreie anhören. Sie ließ ihn Worte schwören, die er damals nicht verstand und mittlerweile vergessen hatte. Jim knirschte leise mit den Zähnen.

Er war zehn Jahre alt, als seine Mutter starb. Die Weißhaarige war seine ka-chee, hielt ihren Schwur und wurde seine zweite Mom. Ihr Verlust schmerzte jeden Tag.

Seine Mütter ließen ihn die Tiefe des ka-chee hautnah erleben. Wenn beide ihn umarmten, lebte er in diesem Band, das mit dem Tod seiner Mutter zerschnitten wurde. Als er ein Knabe war, federten in ihm Bänder anderer Paare, deren Schwingungen nach dem Tod seiner Mutter schwächer wurden. Darüber sprach er mit niemandem. Er wollte als normal gelten.

Das Foto trug er stets bei sich - ein Anker aus seinem Leben vor der Army, an das er sich nur in Bruchstücken erinnern wollte.

Andrew kannte inzwischen das Bild, hatte ihn gebeten, es in einer Schatulle einzuschließen.

„Es tut niemandem gut, die Schatten der Vergangenheit zu pflegen“, raunte Andrew leise.

„Sie waren mein Licht, das alle Schatten vertrieb“, gab Jim härter zurück, als er wollte. Es hatte viel Überwindung gekostet, seinem Freund zu sagen, wer die Frauen waren. Der Wonghi musste einen ungewöhnlichen Eid schwören, nicht weiter zu fragen.

Als Andrews Leben in Gefahr war, veranstaltete Jims Körper von den Fußspitzen bis zur Stirn ein Feuerwerk und ließ ihn kompromisslos reagieren. Er rettete seinen Freund und sein Leib gab Ruhe. Sehr lange blieb sein Inneres still, was fremde Bänder betraf. Das neue Ziehen in seinem Bauch schwoll an und gab nach, schien ihn zu rufen, zu fordern, ohne dass er wusste, was er tun sollte und wo. Er versuchte seinen rumorenden Bauch nicht zu beachten.

Als australischer Offizier musste er seine Pflicht tun und dienen, den neuen Auftrag ausführen. Hinter dem Rücken seiner Männer. Zero-Operation.

Er streckte sich und lockerte seinen Oberkörper. Was würde der Major General sagen, wenn er einfach die Übung abbräche? Aufgrund eines Bauchgefühls? Das konnte er nicht.

Das Spüren fremder Verbindungen gehörte zu einer Vergangenheit, mit der er abschließen wollte. Sein Leben in den Stämmen, in seinem Stamm, sein Kampf mit den Missionaren und, dass seine Mom, obwohl sie schwer verletzt war, ihn für immer fortschickte. Er solle nie wieder den Tod einer Mutter erleben, sie besser vergessen, waren ihre Worte gewesen. Hier wäre sein Leben in Gefahr. Er müsse tun, was sie ihm auftrug.

Er war ein guter Sohn und gehorchte, obwohl sein Herz zerriss und Teile davon im Hochland Neuguineas blieben. Er floh mit neuem Namen in die offenen Arme der Defence Force.

„Steck es weg!“, flüsterte Weller.

Fuller zuckte, versunken wie er war. Das Foto verschwand in einer Bewegung in der Ärmeltasche. Der Flugbegleiter trat an ihn heran.

„Sir, Captain, Sir! Meldung vom Kapitän, die Linie ist tot für Sie. Starke Winde dort. Nord zu Süd. Das Zeitfenster für Cape Arnhem ist noch zwei Minuten offen, Sir.“

Jim stand auf, überlegte schnell und musste jetzt improvisieren.

„Masken auf! Sonst verpassen wir den Zug nach Cape Arnhem. Minus 90 Sekunden. Ich werde diesmal als Letzter springen.“

Sofort leuchtete das grüne Lämpchen.

„Aufstehen und Abspringen!“, dröhnte Fullers tiefe Stimme gelassen durch den Frachtraum. Die Soldaten standen auf, setzten ihre Atemmasken auf und gingen geordnet zur offenen Luke, um in die beginnende Dunkelheit zu fallen.

„Schneller, Sir“, drängte Finley.

„Private, bleiben Sie ruhig!“ Der hünenhafte Captain trat drohend zu dem kleinen Flugbegleiter. „Wer wagt, siegt!“

Die letzten Springer lächelten über den Leitspruch ihres Regimentes und sprangen ohne Zögern. Dann waren Finley und Fuller allein. Der Kampfspezialist blieb stehen und blickte den Private sehr ernst an, wie ein Wolf. Das grüne Lämpchen erlosch. Die rote Warnung leuchtete auf.

„Sir?“, fragte Finley entsetzt.

Der Private sah ungläubig, wie langsam sich dieser Captain die Sauerstoffmaske aufsetzte, dem Panik und Angst völlig unbekannt schienen. Die erste Turbulenz kam und drückte beide gegen die Bordwand. Darauf hatte der Captain gewartet. Jim Fuller reagierte schnell und prallte wie unabsichtlich gegen den Private. Dabei schlug sein Armband gegen dessen Kopf und nochmal gegen die Wand. Die Displaybeleuchtung erlosch. Die Turbulenzen verstärkten sich. Sie wurden zur anderen Seite geworfen. Auf den ersten Blick schien der Offizier mit dem Private zu kämpfen. Zwei eiserne Hände packten den Schädel des jungen Soldaten. Der nächste Wirbel ließ beide zur gegenüberliegenden Wand taumeln. Sie wurden gegen die Wand geschleudert, Finley sackte betäubt zusammen. In der Bewegung kaum zu sehen, verkeilte der Fallschirmspringer Finley Fuß in einem Netz. Die nächste Luftverwirbelung ließ das Flugzeug nach unten absacken.

Die C-27J Spartan wurde ein Spielball der stark wechselnden Winde. Der Pilot gab Schub. Das Flugzeug stieg wieder steil.

Zufrieden sah Jim, dass Finley atmete. Dann tat er unbeholfen, als ob ein weiterer Rüttler ihn zu Boden zwang, rutschte mit wedelnden Armen in die Nähe der offenen Luke. Im nächsten Moment befand sich Captain Jim Fuller im freien Fall und öffnete sofort seinen Gleitfallschirm. Er hatte nur diese eine Chance.

Der Pilot und der Copilot sowie der Flugbegleiter ahnten nichts von Jim Fullers seelischen Qualen. Er begab sich lieber selbst in Lebensgefahr, als Kameraden zu gefährden.

Da wirbelte das Unwetter den Offizier bereits auf eine Höhe weit über neun Kilometer nach Norden. Jim Fuller befand sich auf geheimer Mission ins Ungewisse.

Vor dem Start der Spartan brachte der Air Base Kommandant den Captain in einen isolierten Raum. Jim Fuller sah am Bildschirm überrascht das Gesicht seines Vorgesetzten, der in den Campbell Barracks in Westaustralien im Überwachungszentrum saß.

„Setzen Sie sich, Captain!“, befahl Grant schroff. „Sie bestätigen, dass Sie allein sind?“

„Ich bin allein, Sir, Major General.“ Jim diente lang genug im SASeR und hatte oft genug vor dem Chief gestanden, um in diesen Momenten keine Überraschung zu zeigen oder eine Frage zu stellen.

„Ihre Männer werden die Übung wie vorgesehen durchführen. Sie, Captain, fliegen weiter und springen über dem Hochland Papua-Neuguineas ab.“

Grant schmälerte seine Lippen zu einer Linie und beobachtete den unnahbaren Captain.

„Hören Sie zu: ...ergeht der Befehl Oona de Rosa im Hochland Papua-Neuguineas zu neutralisieren und damit zu hindern ein terroristisches Camp beim Stamme der Usai einzurichten. Dazu ist jede notwendige Maßnahme zu ergreifen.“ Grant legte das Schreiben beiseite. „Captain, haben Sie den Befehl verstanden?“

„Ja, Sir, Major General, Sir!“

Statt Grant erschien der Schnappschuss einer jungen Schwarzen, die schreiend gegen etwas zu protestieren schien oder nur ausgelassen lachte. Der Ausschnitt war bearbeitet, die Person ausgeschnitten. Weder sah man die Umgebung, in der das Bild aufgenommen wurde, noch erkannte man Hinweise auf eine Demonstration.

Jim Fullers Bauch meldete sich. Er versteinerte sein Gesicht, damit die kleine blinkende Kamera nicht seine Überraschung übermittelte.

Der Bildschirm zeigte den General.

„Sie soll sich als Botanikerin ausgeben.“

Jim Fuller sagte nichts. Der Druck in seinem Bauch verstärkte sich.

„Das ist eine Zero-Operation, Captain.“

Keine Zeugen, keine Spuren, kein schriftlicher Bericht. Das wird ja immer seltsamer, dachte Jim.

Grant wartete auf eine Erwiderung.

„Keine Fragen, Captain? Sonst löchern Sie mich mit Fragen.“

„Das ist das Foto einer Fünfzehnjährigen, Sir, Major General. Haben die Nerds ein falsches Foto eingeblendet, Sir?“

Grant zog missbilligend die Brauen hoch.

„Es scheint kein aktuelleres Foto zu geben“, gab er schroff zu. Wann immer Grant schroff wurde, war es ihm unangenehm. „Der Einsatzbefehl ist mit der höchsten Dringlichkeitsstufe versehen. Jetzt soll sie Anfang 30 sein. Ich blende Ihnen jetzt die Karte ein.“

Jim prägte sie sich ein und zwang sich Ruhe zu bewahren. Dieses Gebiet im westlichen Hochland Papua-Neuguineas kannte und hasste er. Das Ziehen im Bauch wurde unerträglich, fast drängend, fordernd.

„Ist das alles, Major General, Sir?“ Jim wollte fort. Zugleich verhielt sich sein Gegenüber distanzierter als sonst. Als ob der General etwas Dreckiges so schnell wie möglich loswerden wollte.

„Sie muss sehr gut sein, weil sie bisher nicht in Erscheinung getreten ist. Sie ist ein blankes Blatt.“

„Dann bin ich ab sofort im Zero-Operationsmodus, Sir. Sie wissen, was das für die Flugzeugcrew bedeutet, Sir. Sie haben es soeben befohlen. Niemand darf über das Absprunggebiet reden.“

Bevor der General etwas erwidern konnte, beendete Jim Fuller die Verbindung, indem er das Stromkabel herauszog.

Während der Captain den Raum verließ, überlegte er bereits, wie er sein Bauchgefühl mit seinem Eid in Einklang bringen konnte: Verweigerung des Tötungsbefehls und dem Schutz des Landes vor äußeren und inneren Gefahren.

Die ganze Sache stank. Der Major General bekam die Befehle vom Special Operation Command Center, die jede australische Militär-Aktion zu Wasser, zu Land und in der Luft befehligte. Technisch war das die Militärführung. Und dennoch...

Selbst dem Chief war anzusehen, dass der Tötungsbefehl ihm nicht behagte, ihm aber keine andere Wahl blieb, als ihn an seine Ausführenden weiterzugeben.

Als Jim in das Gesicht des Mädchens geblickt hatte, meldete sich ein Gefühl in ihm, das er bereits vergessen hatte. Dasselbe glückliche Ziehen, als er das Band spürte, dass seine Mutter mit seiner zweiten Mutter verband.

ka-chee.

Blutlose Schwestern.

Wenn zwei Frauen besonders verbunden waren, nicht blutsverwandt, konnten sie sich bereit erklären für die Kinder der anderen eine Mutter zu sein. In der Regel geschah dies nach der Geburt. Ein Ritual gab es nicht dafür. Jedenfalls kannte Jim keins. Die Erklärung genügte, um ein starkes Band zwischen beiden Frauen zu schmieden. Diese Verbindung diente ausschließlich dem Schutz der Kinder im Todesfall einer Mutter. Das ka-chee war in Australien und Papua-Neuguinea heilig sowie früher in Teilen der Welt weit verbreitet gewesen.

Als Kind und Jugendlicher konnte Jim die unsichtbaren Bänder spüren, die Menschen miteinander verbanden. Die Bänder zwischen Frauen waren stark.

Das bekannte Gefühl in seinem Bauch ließ Erinnerungen ihm bewusst werden, die er begraben und vernichtet glaubte.

Der Major General hatte ihm gerade befohlen ein magisches ka-chee Band zwischen zwei Frauen zu zerstören. Sein Vorgesetzter konnte nicht ahnen, in welchen Konflikt er seinen Offizier für Spezialaufträge gebracht hatte.

Distrikt Südlicher Sepik River, Papua-Neuguinea

Gebiet May-River

Doktor Oona de Rosa war das Vorzeigekind einer eher blass daherkommenden Wissenschaft. Botanik. Die Tochter eines Wonghi und einer Italienerin trug beider Erbe stolz in sich. Ihre Mutter gab ihr den Namen, eine klassische Nase, weiche Wangenknochen und eine gerade Stirn sowie langes Haar. Ihr Vater vererbte ihr natürliche Dauerwellen, braune, fast schwarze Augen, die die gesamte Bandbreite heftiger Gefühle ausdrückten. Man erkannte sofort, ob sie fröhlich oder wütend, konzentriert oder einfach nur kühl herablassend war. Die glatte Haut kam von der Mutter, ein tiefes Braun, das beinahe in schwarz überging, vom Vater.

Die Mischung schuf eine physische Präsens, die viele Blicke auf sie zog. Sie überragte die meisten Frauen, was ihr früher zu schaffen gemacht hatte. Mittlerweile setzte sie ihre Größe bewusster ein, um die latenten Vorbehalte gegen Mischlinge auszugleichen. Zuerst erschien sie vielen fast grazil, bis Muskeln und harte Knochen den ersten Eindruck verwischten. Sie schien über Reserven und Kräfte zu verfügen, die ihr selbst noch unbekannt waren.

Geboren und aufgewachsen in Westaustralien studierte sie in Canberra an der NAU, der renommierten National Australian University. Das hatten ihre Eltern, beide Ingenieure, gefordert. Oona nutzte die weltweiten Beziehungen ihrer Eltern für mehrere Auslandssemester in Auckland, Göttingen und Berkeley. Sie kehrte als verheißungsvolle Doktorin nach Westaustralien zurück und ergatterte sich eine Dozentenstelle. Mit Hilfe ihrer besten Freundin offenbarte sie taktisches Geschick und zeitliches Gespür für die Akquise finanzieller und materieller Zuwendungen. Schnell bot man ihr einen leitenden Posten im ResearchCenter für Botanische Ökologie und Genetik an, das durch Lehraufträge an der Universität angedockt war.

Die Australierin war über Onedis, ihren einheimischen Führer, froh. Der Papua stammte aus dem Sepik-Gebiet und studierte mit einem Missions-Stipendium, das er nicht näher erklären wollte, in Darwin. Ihr Professor in Perth, Francis Nolan, hatte den Kontakt vermittelt. Den Sepik River hatten sie gestern verlassen, um auf dem May River flussaufwärts näher an das im Süden liegende Hochland-Gebirge zu gelangen. Diese steinerne Längsfaltung durchzog die gesamte Insel von Westen nach Osten.

Straßen existierten hier nicht, waren zu teuer. Auf dem Fluss fuhr man schneller. Oona wollte zum abgeschieden lebenden Usai-Stamm, der eine besondere Pflanze anbauen sollte. Sie verließ sich auf Onedis, um den besten Weg dorthin zu finden.

Der Papua lenkte das Wasserfahrzeug ans Ufer. Ab hier mussten sie zu Fuß weiter. Der junge Mann hielt das Boot fest, damit die Forscherin aussteigen konnte.

Trotz Missionsarbeit war das zentrale Hochland Papua-Neuguineas ein unsicheres Gebiet. Die Stämme, sofern ihr Land keinen wirtschaftlichen Nutzen in Form von Steuern und Gewinnen abwarf, blieben sich selbst überlassen, kehrten zurück zur traditionellen Lebensart der Selbstversorgung – ohne Missionare. Unklar war, ob die Geschichten über Kopfjagden Gerüchte blieben.

Oonas Ziel war die Wiederentdeckung einer vergessenen Taro-Art, die bisher die moderne Botanik nicht hatte wieder entdecken können. In der ethnologischen Institutsbibliothek im deutschen Göttingen war sie während ihres Aufenthaltes in der alten Universitätsstadt auf die Tagebücher des preußischen Oberst Graf Eugen von Harms gestoßen, der um die Jahrhundertwende im Sepik-Gebiet stationiert gewesen war. Einige Strafexpeditionen hatten ihn auch ins Hochland geführt.

Die Berichte des Oberst stammten aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Von Harms beschrieb eine Taro-Art, die den Papuas nicht als Nahrung, sondern als giftige Färberpflanze diente. Wenn Oona richtig vermutete, könnte sie mit dieser Pflanze die toten, verseuchten Böden verlassener Minen auf ihrem Kontinent wiederbeleben. Ihre Ergebnisse wollte sie dann Ländern wie Papua-Neuguinea und Indonesien überlassen, in denen Minenkonzerne bereits riesige Gebiete in Todeszonen verwandelt hatten.

Der Sepik River verband als wichtigste Transportader des nördlichen Neuguinea die einzelnen Distrikte. Mit seiner Hilfe erschlossen europäische Kolonialstaaten das Gebiet und die ersten Missionare gelangten stromaufwärts.

In jedem Dorf, das Oona bisher passierte, fand sie Zeugnisse und Einflüsse ihrer Welt. Coca-Cola-Schilder, Jeans, Sonnenbrillen, Maschinen und Motoren sowie Polizei und Militär. Mit dem Ende der Bootsfahrt nahm der Einfluss westlicher Zivilisation ab.

Papua-Neuguinea besaß eine parlamentarische Demokratie, deren Basis die australische Verfassung war. Gesetze galten aber nur soweit, wie der Fluss Boote zuließ. Die entlegenen gebirgigen Regionen kannten entweder Wald oder Bergbau. Die Wälder waren durch das zerklüftete Gebirge unzugänglich für die Motorsägen und den Abtransport. Ein teurer Straßenbau rentierte sich nicht, um den Wald zu fällen. Man hätte mehr Kosten in den Straßenbau investieren müssen als mögliche Einnahmen durch abgeholzte Wälder hereinkämen. Zudem waren die dann freigelegten Böden unbrauchbar für Ackerbau. Vieh würde auf steilen stets erodierenden Berghängen keine Nahrung finden.

Die Regionen im Hochland blieben unzugänglich.

Das Ende des schiffbaren Flusses stoppte westliche Wirtschaftssysteme, Geld und Neuerungen. Das Gebiet der Usai begann einige Kilometer Luftlinie entfernt. Im Hochland bedeutete diese Entfernung zugleich eine andere Welt. Tatsächlich lagen drei steile dicht bewaldete Bergrücken mit Höhenunterschieden zwischen 1500 und 2000 Metern zwischen ihnen und den Usai. Wege oder Trampelpfade gab es nicht oder nicht mehr. Sie könne froh sein, wenn sie einen Aufstieg am Tag schaffe, wenn überhaupt, hatte ihr eine Anthropologin in Perth zu Bedenken gegeben und abgeraten. Sie hatte Oona geradezu angefleht andere Gebiete im Süden zu wählen. Die Usai seien zu meiden.

Oona verließ die ihr bekannte Welt. Mochte sie auch einen Wonghi-Vater haben, der für eine Horizonterweiterung mit Ausflügen ins Outback sorgte, so blieb sie doch ein Kind und eine Verfechterin der freiheitlichen westlichen Zivilisation.

Francis Nolan, ihr Chef, förderte ihren Reisewunsch und drängte sie, die Usai als vielversprechendes Einsatzgebiet zu besuchen. Dem konnte sie sich nicht verschließen und musste die Empfehlungen und Warnungen der Inselexpertin für sich behalten. Zumindest wollte sie als Frau nicht alleine gehen. Ihr Chef organisierte für sie den Führer Onedis.

Nolan nahm in jüngeren Jahren an Expeditionen teil und hatte auf der Insel zahlreiche botanische Erkenntnisse gewonnen. In seinen Vorlesungen plauderte der zauselige Professor oft darüber, wie er an einem Tag zwei neue Pflanzen-Arten entdeckte. Als sie daran dachte, wie der Mitsechziger vor seinen Studenten sprach, schmunzelte sie. Er war ein netter älterer Herr mit Charme. Sie hoffte trotz seiner Vorbehalte, die sie als Farbige unterschwellig bei ihm auszustehen hatte, gute Chancen zu haben, die Leitung des ResearchCenters zu übernehmen, wenn Nolan in Rente ging. Sie würde dem angestaubten Ansehen der Einrichtung einen neuen frischen Wind verordnen.

„Ab hier gibt es keine Wege mehr, Doktor!“, riss Onedis sie in die Wirklichkeit der Tropen zurück. Oona blickte auf. Automatisch bestimmte sie die umgebenden Pflanzen: Bäume, Ast- und Rindenblütler, Farne und Flügelfruchtgewächse. Ihr einordnender Blick verwandelte die chaotische Fülle der grünen Umgebung in ein für sie verständliches System. Jede Pflanze hatte ihren Platz da, wo sie am besten Licht und Wasser bekam. Blütendüfte verführten ihre Nase. Hier gab es keinen Dieselgestank. Selbst der Dunstnebel und die Luft besaßen eine eigene Note. Vogelstimmen wetteiferten miteinander. Zwischen grünen Blättern saßen gelbe, blaue, rote und bunte Vögel. Sie hatten kaum Feinde und konnten die farbenprächtigsten Gefieder der Welt zeigen.

Im Hochland Neuguineas brachte vor allem Nebel den Pflanzen das lebensnotwendige Wasser. Nicht überall regnete es dort typisch tropisch jeden Tag. Wohin sie auch schaute. Onedis und sie waren die einzigen Menschen.

Auf dieser Insel entwickelten sich in den abgeschotteten Höhenlagen einzigartige Pflanzenarten. Diese interessierten Oona. Nirgendwo fanden Botaniker diese Fülle unterschiedlichster Verankerungs- und Absorbtions-Strategien. Diese zu erforschen und für Industrieböden anzuwenden, war ihr Bestreben. Nach Beschreibungen des deutschen Oberst war der gesuchte Taro schwerer als gewöhnliche Taroknollen. Oona vermutete Metalleinlagerungen, die die gesamte Pflanze schwerer machten und somit fester verankerten. Dieser Taro musste ziemlich giftig sein.

Im Labor könnte sie die Pflanze für gemäßigte Breitengrade genetisch modifizieren. Das war ihre Idee. Das Prinzip der Metallabsorption oder Phytomining war nicht neu. Viele Wolfsmilchgewächse und Lupinen entzogen dem Boden Schwermetalle, lagerten diese ein und wurden dadurch giftig und ungenießbar für Fressfeinde. Knollengewächse nahmen mehr Minerale in kürzerer Zeit auf. Oona träumte von einer fixen Säuberung der verseuchten australischen Minenböden, die sie der jüngsten Generation hinterlassen könnte.

„Miss, wir übernachten hier.“

Oona schreckte auf.

„Oh, entschuldige. Ich war…“

„Mit den Gedanken woanders.“ Onedis lächelte amüsiert und etwas herablassend. „Sie sind die erste westliche Frau, die nicht ins Staunen bei diesem Anblick gerät.“

Sein Arm zwang ihren Blick auf grüne steile Berge. Da ging es hinauf ins Hochland.

„Nun, es ist ein schöner Anblick“, gab Oona nüchtern zu. Mit Onedis würde niemals eine ergreifende Situation entstehen. Um den Anblick zu genießen, fehlte ihr ein weißer Mann. Sein Ton gefiel ihr nicht. Ihr Körper richtete sich automatisch auf und sie überragte ihn. „Ich bin nicht wegen Ansichtsfotos hier. Ich sehe bekannte Pflanzen. Ich will unbekannte Arten finden.“ Sie hielt die Stimme neutral.

Als Papua fühlte sich Onedis einer Frau überlegen. Im australischen Darwin musste er schmerzlich erkennen, dass dort die Frauen aufmüpfig und streitbar waren. Sie hinterfragten ihn in seiner Männlichkeit. Auf seiner Insel war er wieder Mann. Die attraktive Schwarze wirkte selbstsicher. Sie war sehr schön anzuschauen. Leider überragte sie ihn um gut einen Kopf. Er musste zu ihr aufsehen. Das war nicht in Ordnung. Zudem war er Studienabbrecher, was sie nicht wissen durfte. Die Frau war Dozentin und arbeitete daran Professorin zu werden. Das gefiel ihm noch weniger, zeigte sie ihm, wozu er nicht fähig war. Kein Wunder, dachte er, dass eine derartige Frau Feinde hatte. Ihre Bezahlung seiner Führerdienste war nur ein Bonus.

Seine echten Auftraggeber hatten ihn detailliert angewiesen. Die erhaltene Anzahlung war mehr als sein Dorf wert war.

Australien war reich. Dies war für ihn der wahre Grund, warum man den Frauen so viel erlaubte. Sein Land war arm. Obwohl Frauen in seinem Land vor dem Gesetz gleich schienen, musste sein Land zuerst reicher werden, um Frauen Rechte einzuräumen. Die Stämme scherten sich nicht um dieses Gesetz. Im Sepikgebiet gab es viele Dörfer, die in einem Schwein mehr Wert sahen als in einer Frau. Er führte also nur ein Schwein zur Schlachtbank.

Je tiefer sie ins zentrale Hochland vordrangen, umso starrer wurden die Vorstellungen. Angst trieb Onedis. Ziel war der Stamm der Usai, die trotz ihrer Missionierung seit kurzer Zeit alte Traditionen wieder aufleben ließen, wenn er den Informationen seiner Auftraggeber glaubte. Nach wie vor lebte dieses Volk zwischen dem zivilisierten Sepik-Gebiet und den zurückgezogen lebenden kriegerischen Hochland-Stämmen wie den Anuk oder Jekip.

Obwohl die Anuk weit entfernt, über siebzig Kilometer am Mount Glen lebten, kursierten zahllose Gerüchte und Legenden um diesen Stamm.

Als nicht minder gefährlich galten die Usai, die allen Hochlandstämmen die Todfeindschaft geschworen hatten. In seinem Sepik-Dorf verbreitete sich das Gerücht, dass die Usai wieder Menschenjagden durchführten. Er hatte nicht vor, dies vor der Frau zu thematisieren. Er befolgte seinen Auftrag, diese Frau zu den Usai zu bringen.

Gemeinsam zogen sie das Boot weit auf Land. Onedis band es zur Sicherheit an einen Baum. Ab und an verwandelten starke Regenfälle manche Nebenflüsse in reißende Fluten. Diese genügten, um beispielsweise ein wertvolles Transportmittel zu zerstören. Der Baum hielt solche kurzen Belastungen aus, ebenso das Seil und der mehrfach geschlungene Knoten.

Oonas Frühwarnsystem schellte, um die kleinen Veränderungen in Onedis wahrzunehmen. Aus dem unterwürfigen Studenten in Darwin wurde in seinem Heimatdorf ein zuvorkommender Gentleman, der sich schnell verflüchtigte wie die Breite des Flusses. Weder half er ihr beim Entladen des Bootes – zwei Rucksäcke – noch beim Aufbau ihres Zeltes. Als er wie selbstverständlich ihr Zelt betreten wollte, hob sie die Hand.

„Es gibt Grenzen, Onedis. Überlege jetzt ganz genau, was du tust! Mein Vater ist ein Wonghi. Ich wuchs im Outback auf, wehrte Dingos ab, kämpfte mit Giftschlangen und musste mich gegen Jungen behaupten.“ Das war zwar glatt gelogen, aber welcher Mann erkannte schon die Lüge einer Frau? „Du bist hier, um mich zu den Usai zu führen und zu dolmetschen. Dort will ich botanische Forschung betreiben. Weder teile ich mein Zelt oder meinen Schlafsack. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Onedis nickte nur. Er wollte das nicht einsehen. Schließlich war er hier der Mann. Bei dem Wort Usai versuchte er unbewegt zu bleiben. Tatsächlich hatte er Angst. Weder kannte er Usai-Worte noch die einer anderen Stammessprache. Er war der Meinung mit Pisin, der neuguineischen lingua franca, käme er überall durch. Das brauchte er der Forscherin ja nicht sagen, seinem Auftraggeber hatte er dies auch verschwiegen. Missmutig baute er sein Zelt auf. Hätte er sofort den Weg in den Dschungel gesucht, wäre sie vielleicht anhänglicher gewesen. Ihn wurmte, dass sie größer und wohl auch kräftiger war.

In Darwin redete er den selbstbewussten australischen Frauen nach dem Mund. Er nahm diese nicht ernst. Für ihn war die Beziehung zu einer Frau gleichbedeutend mit einem Besitzerwechsel. Mit der Heirat ging eine Frau vom Besitz des Vaters in den Besitz des Ehemanns über. Nichts anderes war es, wenn eine Frau mit einem Mann in den Dschungel ging. Sie hatte ihm zu folgen und damit gehörte sie ihm. Jetzt musste er sich etwas einfallen lassen. Den Weltmann spielen. Eine Frau, die Dingos vertrieb und Schlangen aufspießte, fiel bestimmt nicht in seine Arme, wenn eine kleine Fledermaus umherschwirrte.

Oona erfuhr früh, wie sehr Jungen ihre Aufmerksamkeit erhofften. Ihre Eltern ließen nie zu, dass sie darin Vorteile suchte. Ihre Mutter lehrte sie, hinter die Fassade männlicher Eitelkeiten zu sehen. Die Halb-Italienerin war verblüfft, wie oft sie Leere sah. Onedis hatte keine Chancen bei ihr. Wahrscheinlich waren es die Gene ihres Vaters, der weiße Frauen favorisierte. Sie mochte ausschließlich weiße Männer, auch wenn ihre Beziehungen nie lange hielten.

Das Verhalten des jungen Papua war unerklärlich. Sie war über sich verärgert, weil sie zuerst den Fehler bei sich suchte. Der missratene Annäherungsversuch am ersten Tag in der Wildnis belastete sie und ließ sie erstmals zweifeln, ob sie mit dem Papua ihr Ziel erreichen konnte. Sie hoffte, dass er in der Lage war, sie zu den Usai zu führen. Er sollte sich mit ihnen über die gesuchte Pflanze unterhalten, damit der Stamm ihr bei der Suche helfen konnte.

Wenn der von Nolan angepriesene Student sich als liebestoller Egoist erweisen sollte, blieb nur der Weg zurück oder allein weiter zu gehen. Das erste kam nicht in Frage.

Die zweite Option ließ sie aus dem Zelt gehen und die Berge hinaufschauen. Vorhin sahen sie weich und einladend aus. Mit dem Gedanken dort alleine hochzusteigen, wirkten sie zunehmend düster und bedrohlich. Sie brauchte jetzt ihre Freundin seit Kindertagen.

Oona kniete ins Zelt und wühlte kurz im Rucksack. Die Frau griff ihr bisher ungenutztes Satelliten-Telefon und schob sich aus der Kunststoffhöhle. Die Halb-Wonghi wollte keinen männlichen Zuhörer und ging tief hinein unter das Blätterdach.

Kurze Zeit später hielt sie an und drehte sich um ihre Achse, wie ihr Dad ihr vor langer Zeit beigebracht hatte. Jetzt würde sie direkt zum Zelt zurückfinden. Der angeborene Orientierungssinn ihres Volkes versetzte sie in die Lage, immer zu wissen, wo sie war, solange sie zu Fuß unterwegs war. Sie tippte auf die Taste, die voreingestellt war.

„Alles in Ordnung, Liebes?“, fragte eine feste Frauenstimme. „Du wolltest dich erst melden, wenn es Schwierigkeiten gibt. Du bist erst eine Woche unterwegs.“

„Dieser Onedis wollte mich verführen. Ach, Vici, du hättest mitfahren sollen!“

„Scheiße“, entfuhr es Victoria Allen, die in Perth in ihrem Wohnzimmer saß. Das Essen schmorte im Ofen und ihr Mann Luke kam mal pünktlich nach Hause.

„Schätzchen, da musst du durch!“, sagte Victoria im genau richtigen Ton. Etwas mitfühlend aber unnachgiebig. „Da gibt es diesen Grat, auf dem Männer unsicher bleiben. Habe ich sie oder verliere ich sie, fragen die sich. Mache kein Friedensangebot. Keine Kompromisse. Das sehen solche Männer als Schwäche. Zeige ihm deutlich auf, dass du in der Lage bist, seine Zukunft nachhaltig zu beeinflussen. Ob gut oder schlecht läge an ihm. Manche Arschlöcher brauchen das.“

„Ich weiß nicht, ob ich das kann. Er hat ja nichts gemacht.“

„Erinnerst du dich an Calvin? Im Hörsaal der reinste Softie und auf der Grabung das reinste Arschloch. Dieser Männertyp vergisst, dass sie wieder in die Zivilisation zurück müssen, dass die Sandkastenspielchen zeitlich begrenzt sind. Du glaubst doch nicht, dass Onedis, nachdem er die Zivilisation in Darwin kennengelernt hat, wieder zurück in sein Dorf will. À la back to the roots. Nein. Also, stell dich auf den Grat und nimm die bei uns Frauen eingebaute Balance-Stange heraus. Die Männer haben nur ihre fuchtelnden Arme. Das einzige, was sie treibt, ist ihr Schwanz und der ist in der Mitte und keine Balancestange. Hm, nettes Bild. Egal. Hörst du mir zu?“

„Ja. Balancestange.“

„Liebes, das schaffst du. Ich lege jetzt auf, damit du nicht zu viel Akku verbrauchst. Vergiss nicht, wenn du auf Usai triffst, nimm Gespräche davon auf. Es gibt nur sehr wenige Aufzeichnungen dieser Sprache. Ich schätze, die Ethnologen reißen sich um die Aufnahmen und zahlen, was du forderst.“

„Wenn die Usai es erlauben.“

„Oona! Sei doch nicht immer so überkorrekt. Du fragst gar nicht! Einfach aufnehmen und die Datei in die Cloud sofort hochladen. Ich habe die App aufs Satellitentelefon geladen, weißt du nicht mehr.“

„Ich hab‘s vergessen. Danke, dass du für mich da bist und mein Gejammere erträgst. Es ist … anders hier.“

„Du bist ja nicht das erste Mal auf der Insel.“

„Ja, schon, aber damals in West-Papua war ich Teil einer behüteten Expedition. Entweder ist es der beginnende Sturm oder etwas anderes. Ich weiß nicht. Diese Berge, Victoria, dieser Ort. Alles hier zieht mich an und macht mir furchtbare Angst.“

„Jetzt hörst du dich an wie eine Braut, die sich nicht traut.“

„Es wird dunkel. Ich mach Schluss. Umarme die Mädels von mir und grüße Luke.“

Oona ging geradewegs zurück und stand vor ihrem Zelt. Sie wusste, ihr Vater wäre stolz auf sie, was er ohnehin war, aber nur selten zeigte im Gegensatz zu ihrer extrovertierten Mom.

Sie beeilte sich ins Zelt zu schlüpfen, weil dunkle Gewitterwolken von Norden nach Süden herannahten. Auf dieser äquatornahen Breite dämmerte es nur kurz. Innerhalb weniger Minuten würde das Helle dem Dunklen weichen.

Oona wachte mehrmals auf. Sie hatte ihr Zelt windgeschützt aufgestellt. Dennoch flatterten die Kunststoffwände, und sie hoffte, dass das Boot unbeschadet bleiben würde. Es war der Weg zurück in die Heimat. Sie dachte an Victoria, ihre beste Freundin, ihre Seelenverwandte. Sie liebte sie auf eine Weise, die sie nicht erklären konnte.

Ohne Victoria hätte sie sich niemals getraut, Firmen anzurufen, um Fördergelder für ihre botanischen Forschungsideen zu erbetteln. Sie selbst hätte nach dem ersten Anruf aufgegeben. Ihre Freundin bat, befahl und schmeichelte, solange Firmen zu nerven, bis dreihundert Dollar Reisekosten in der Kasse wären. Oona war überrascht über die ersten fünfzig australischen Dollar, die der nächste Anruf brachte. Mit den insgesamt fünfhundert Dollar fuhren sie gemeinsam ins Outback, um an verlassenen Abraumhalden der Minengesellschaften Pflanzen und deren Wurzelsysteme einzusammeln, um sie später zu untersuchen, oder uralte Zeichnungen an Felswänden, auch bekannt als Rock-Art, zu suchen und zu fotografieren. Gemeinsam waren sie in ihren Fachrichtungen vorangekommen.

Oona war sich bewusst, dass ihre Freundschaft der dunkelblonden Australierin das Leben gerettet hatte, und Victoria niemals die Archäologin hätte werden können, die sie jetzt war.

Ihre Seelenverwandte hatte ihr oft gestanden, dass sie Oona und deren aufgeschlossenen Eltern ihr Leben verdanke. Die eigene Mutter, Psychologin und christliche Fanatikerin, und der hartherzige Vater hatten Victoria oft genug in die Enge bis zu Selbstmordgedanken getrieben, aus der das Mädchen dank ihr stets einen Ausweg fand. Ohne sie hätte Victoria sich etwas angetan. Bei den de Rosas fand Victoria zum ersten Mal Liebe, wie sie ihrer dunklen Freundin oft genug sagte, und dass sie hoffte, ein Adoptivkind zu sein, das später von der echten Mutter gerettet werden würde.