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T.C. Stone

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Beschreibung

Louis White verlor als Teenager sein Gedächtnis während eines Schiffsunglücks in der Nähe Brisbanes. Mittlerweile arbeitet der junge Chirurg im Fremantle Hospital an der Westküste Australiens. Whites Erfolgsquote nähert sich einem für viele Mediziner unheimlichen Höchstwert. Menschlich ist der junge Mann kalt und arrogant. Als er durch Zufall einer jungen Frau begegnet, die behauptet ihn aus Brisbane zu kennen, will er sie kennenlernen. Das Treffen eskaliert in ein Desaster für beide. Louis, zutiefst verwirrt, verliert den Boden unter den Füßen und flüchtet aus der Stadt - nicht ahnend, dass Menschen ihn verfolgen und vor Mord nicht zurückschrecken, damit er sich niemals erinnert, wer er wirklich ist.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2023

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T.C. Stone

Kein Licht ohne Dich

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog Vor 16 Jahren Brisbane, Ostküste Australien

Kapitel 1 Vor 2 Jahren Fremantle Primary School, Fremantle

Kapitel 2 Baldige Gegenwart Police Departement, Perth

Kapitel 4 Diner Parkplatz

Kapitel 5 Wohnung Emma McIntyre, Fremantle

Kapitel 7 Great Eastern Highway, Route 94

Kapitel 8 Haus Elena White, Fremantle

Kapitel 9 Richtung Cuckadoo, Queensland

Kapitel 10 Cuckadoo, Queensland

Epilog Jahre später

Impressum neobooks

Prolog Vor 16 Jahren Brisbane, Ostküste Australien

„Dieser Urlaub darf nie zu Ende gehen!“, rief Emma und breitete die Arme aus. Sie tanzte mit den Wellen des Pazifiks. Die Dreizehnjährige sprach mit fremdländischen Akzent. Der gleichaltrige Louis grinste einfach und hielt mit ihr Schritt. Er wusste nicht, was er sagen sollte, also schwieg er. Schenkte sie ihm einen Kuss, wie gestern, als er den fetten Kerl zu Boden schubste, der sie an den Haaren ziehen wollte?

Louis staunte über sich. Mädchen interessierten ihn früher nicht. Die kicherten. Gut, geärgert hatte er sie, wie die anderen. Bis jetzt. Emma war anders.

Ihre verwundbaren Augen zogen ihn an. Ihr volles kräftiges dunkelblondes Haar, ihr Lächeln, ihre sanfte Stimme und viele andere Kleinigkeiten machten aus ihm einen anderen. Seit er hier in Brisbane mit seinen Eltern angekommen war und Emma am Strand kennengelernt hatte, war er wie befreit, und er wusste, ihr geschah das gleiche durch ihn.

Brisbane war toll - mit Emma.

Schade, dass sie sich nur heimlich treffen konnten. Ihre Eltern waren blöd.

Bevor er hier ankam, gluckte seine Mutter um ihn herum. Jetzt schickte sie ihn fort, war entspannt, wenn er spät zurückkam.

Emmas Eltern verweigerten ihr die dreitägige Tour ins Outback, obwohl er weiterhin hoffte, seit er Emma kannte. Seine Eltern taten wegen dem Mehrere-Tage-Trip geheimnisvoll und bedauerten, dass Emma nicht dabei sein durfte.

Louis blieb die Zeit des Sonnenaufgangs, um mit Emma zusammen zu sein. Alle schliefen und sie waren allein, um jugendliche Pläne zu schmieden. Emmas Eltern verboten ihr alles. Nicht mal ein Handy erlaubten die ihr.

„Typisch Deutsche“, tröstete Olana White ihren Sohn am Tag vor der Abfahrt. „Die kennen nur Verbote und Pflichten.“

„Die beiden sind eine Ausnahme und unsympathisch, Schatz“, meinte ihr Ehemann Steve. „Wir haben drei Jahre in Berlin gelebt. Verbote bekam ich nicht mit, jedenfalls nicht mehr als in anderen Ländern. Vielleicht darf sie ja mit auf die Probefahrt. Aber seltsam sind die schon.“

„Dürfte sie denn mit?“, fragte Louis aufgeregt.

„Von uns aus, ja“, nickte seine Mutter. „Sie ist ein nettes starkes Mädchen und spricht schon sehr gut englisch.“

„Ich werde sie beschützen und heiraten“, versprach Louis.

Olana und Steve sahen sich an. Ihr Sohn war ein Dickkopf wie sie. Diesen Ernst allerdings kannten sie bisher nicht.

„Ein Mann, ein Wort“, meinte Steve und hielt seinem Sohn die Hand hin. Der schlug ein. Olana verdrehte die Augen.

„Zuerst solltest du sie fragen, ob sie dich will. Du bestimmst da gar nichts.“

Zu Beginn der Tour ins Outback langweilte sich Louis. Er akzeptierte, dass seine Eltern alles versuchten, um seine Laune zu heben. Sie liebten ihn und er sie, aber mit Emma war Australien anders, heller, grüner, bunter, aufregender.

In der Wildnis traf er bemalte Männer, Eingeborene, die seine Eltern umarmten. Louis erfuhr, dass er tiefere Wurzeln zu diesem Land besaß, als er geahnt hatte. Danach war er Louis und sehr viel mehr.

Emma fürchtete sich vor denen, die sich als ihre Eltern ausgaben. Louis war die Tür in ein anderes, besseres Leben, der Prinz, der sie heilen und retten konnte. Er fürchtete weder den Mann noch die Frau, die sie zwangen, sie Vater und Mutter zu nennen und Dank forderten. Sie erinnerte sich nur vage an ein anderes Leben, das mit jedem Tag verblasste. Über ihre toten Eltern durfte sie nicht sprechen.

Louis Eltern waren anders. Sie wünschte, sie gehöre dazu. Dann hätte sie es gut.

Sie trafen sich am Strand zum Sonnenaufgang.

„Ich darf nicht mit“, sagte Emma traurig.

Louis Eltern sollten ein Segelboot von Brisbane nach Perth überführen. Mehr hatte Louis nicht wissen wollen. Seine Eltern planten eine Tagesfahrt. Sie wollten prüfen, ob der Windfänger die Strecke bis nach Perth schaffte. Louis hoffte bis zum Schluss, Emma dürfe für diesen Tag mitkommen. Sogar seine Mutter sprach nach der Outbacktour mit Emmas Eltern. Als sie zurück kam, schüttelte sie nur den Kopf. Dann sprach sie leise mit ihrem Mann, damit Louis nichts mitbekam. Das war gestern.

„Die sind gemein“, entfuhr es Louis. „Wir werden in Perth wohnen, wissen aber nicht wo. Du weißt nicht, wohin ihr fahrt?“

„Nein, mal da, mal dort. Ich bin immer in einer anderen Schule.“

„Das kenne ich. Dad arbeitet auch überall. Er ist Reporter“, sagte Louis. „Wenn man sich an Freunde gewöhnt hat, muss man wieder fort.“ Er suchte stets am Boden umher, um ihr einen besonderen Stein oder eine Muschel zu schenken. Er fand nichts.

„Du bist mein Freund“, sagte sie leise und zaghaft. Mehr sagte ein Mädchen nicht und selbst das war schon viel.

„Du bist meine Freundin. Wenn ich dich heirate, wird dich niemand mehr schubsen.“ Er griff in seine Hosentasche. Die Hand öffnete sich und offenbarte einen schwarz-bunten funkelnden Stein. Als seine Finger den Stein in ihre Hand legten, entwichen die seelischen und körperlichen Schmerzen, die sie bereits seit langem peinigten. Ein weißes Licht umarmte sie, warm, liebend, glückverheißend. Als er den Stein losließ, verblieb die Wärme in ihrem Bauch. Sie wollte mit ihm mit, durfte nicht. „Bewahre ihn auf, meine Königin! Wenn du ihn mir morgen gibst, wird dir nie etwas geschehen. Ich gehöre zu dir und du zu mir. Du kannst dann machen, was du willst. Keine Verbote mehr.“

„Heiraten dürfen nur Erwachsene. Du bist doof. Aber der Stein ist schön. Wo hast du ihn her?“

Als er es ihr erklärte, wurde ihr flau im Magen. Jetzt erkannte sie, dass er jedes Wort ernst meinte.

Als der Segler ablegte, winkte sie zum Abschied am Kai und hielt in der anderen Hand seinen Stein. Er winkte zurück.

Am selben Tag packten der Mann und die Frau schnell die Koffer und zerrten die weinende verstörte Emma ins Auto. Sie versteckte den Stein, der ihr Anker auf Hoffnung war.

Als sie älter wurde, dachte sie oft an Louis, vor allem, wenn andere Jungen sie enttäuschten. Seinen Nachnamen kannte sie nicht. Mit der Zeit verwischten die Erinnerungen, machten Platz für andere. Den schwarzen Handschmeichler verwahrte sie. Er half ihr, gab ihr Kraft und eine Vorstellung auf einen Mann.

Irgendwann.

Irgendwo.

Kapitel 1 Vor 2 Jahren Fremantle Primary School, Fremantle

Elena White ordnete ihren Schreibtisch für das kommende Einstellungsgespräch. Sie kannte die junge Frau nur aus der vielversprechenden Akte. Seit die Fremantle Primary School unabhängig agierte, konnte sie über die Lehrer entscheiden. Seitdem feierte ihre Schule landesweite Erfolge. Emma McIntyre sollte der nächste große Fang werden, um Western Australia weiter voranzubringen. Das Departement hatte die junge Lehrerin zudem empfohlen.

Die Erfolge der Frau in Queensland fanden Beachtung. Elena wusste, dass Brisbane im Rennen blieb. Die Schule strich niemals die Segel vor dem Ziel, dachte die begeisterte Seglerin. Fremantle wuchs und ihre Schule musste vorangehen. Das Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab.

„Miss McIntyre ist da“, meldete Sylvee, die Schulsekretärin und das Herz der Schule.

„Vielen Dank, Sylvee. Schicke sie bitte herein!“

Jemand klopfte - weder aufdringlich noch zaghaft.

„Herein!“, rief Elena und stand auf.

Die Tür öffnete sich und eine junge fröhliche Frau trat ein. Sie trug ein dezentes graues Kostüm, passende schwarze Pumps, modernen Kurzhaarschnitt und rote Fingernägel. Elena gefiel alles an der jungen Frau.

„Guten Morgen, Miss McIntyre! Herzlich Willkommen in Fremantle und vielen Dank, dass Sie kommen konnten!“

„Hallo, Misses White! Vielen Dank! Fremantle gefällt mir sehr gut“

Elena nickte und bat sie, sich zu setzen.

Emma hoffte, die Direktorin sah ihr die Nervosität nicht an. Sie war sofort aus Melbourne angereist. Die kleine Stadt Fremantle war einfach bezaubernd. Europäischer Einfluss prägte die Westküste im Gegensatz zur Amerika zugewandten Ostküste. Tief in ihr fühlte sie sich bereits heimisch.

Das Gespräch verlief bestens. Die beiden Frauen verstanden sich.

Elena erkannte Strenge und Güte in Emmas Auftreten, im Blick und der Haltung. Notwendig für diesen Beruf.

„Ihre Fächer sind Englisch und Deutsch. Zudem studierten Sie auch Chemie.“

„Aber nicht geprüft“, warf Emma ein.

„Ich bin ehrlich, Miss McIntyre. Ich brauche Sie schnellstmöglich in allen Fächern. Was Sie in Melbourne angefangen haben, führen Sie mit mehr Geld weiter. Westaustralien kämpft um Sie.“

Emma zögerte nicht.

„Vielen Dank. Ich bleibe in Fremantle. Kennen Sie jemanden, der Zimmer vermietet?“

„Das ist toll.“ Elena schüttelte Emma die Hand. „Ja, hier kennen wir immer jemanden für etwas. Jetzt würde ich Sie gerne herumführen und dem Kollegium vorstellen.“

Nach gut zwei Stunden verließ Emma das Schulgelände mit einem anhaltenden Glücksgefühl. Alle hießen sie willkommen. Sie fühlte sich gebraucht und wertvoll. Wasser und Strand tauchten vor ihren Augen auf und verschwanden wieder.

Der alte Chemielehrer, ihr Namensgedächtnis war miserabel, nutzte gleich eine Freistunde, um ihr den Wissenschaftstrakt zu zeigen. Im Gespräch mit ihm verging die Zeit schneller. Der Hausmeister drückte ihr Schlüssel und Hausordnung in die Hand. Ein verschmitzter Kerl schien er zu sein, obwohl Emma ahnte, das er nicht nur sehr ernst, sondern auch sehr hart sein konnte. Er war für die wohl sauberste Schule Australiens verantwortlich.

Der Tag war perfekt. Sie begann ihm zu misstrauen. Was würde kommen? Sie beschloss, den Glücksmoment zu genießen, bis er verschwand. Warum sollte sie erwähnen, dass die Ostküste für sie nicht in Frage kam? Wichtige Menschen banden sie an Queensland; die Liste gescheiterter Beziehungen überwog, und die Westküste bedeutete den ersehnten Neuanfang.

Fremantle Hospital, Fremantle

Klinikdirektor Sahid Chadakis deutete auf die lederne Sitzgruppe.

„Louis, bitte setzen Sie sich.“

„Vielen Dank, Mister Chadakis.“

Louis White verbeugte sich dankend. Sie setzten sich. Unter Ärzten ließ man den Doktortitel grundsätzlich weg.

„Ich danke, dass Sie die Zeit fanden zu kommen.“ Chadakis gab den Weg vor, den das Gespräch nehmen würde, wenn es nach ihm ginge.

Warum sollte man zu einem Vorstellungsgespräch nicht kommen, dachte Louis und erwiderte Chadakis Lächeln.

Als sie saßen, sagte der Jüngere: „Ich soll Sie von Miss Strout grüßen.“

„Danke, wie geht es ihr?“, fragte Chadakis im Plauderton. Seine Entscheidung war bereits gefallen, als er Louis' Bewerbung auf den Schreibtisch bekam, mit der er gehofft, nie gerechnet hatte. Das Fremantle Hospital konnte weder mit den Gehältern anderer Kliniken noch mit jenen in den Staaten mithalten. Seine alte Mentorin in Boston war sehr mitteilsam gewesen, wer den jungen Chirurgen umwarb.

Gute 188 Zentimeter groß, lange sehnige Hände. Nur die Augen, obwohl blau und klar, schienen zu zeigen, dass die Welt alles andere als gut war. Bester Abschluss an der Monash University in Melbourne, einer der besten Universitäten für Medizin weltweit. Praktikum völlig überraschend hier bei ihm in Fremantle. Chadakis hatte Louis nach Boston gezwungen, um ihm alle Möglichkeiten zu zeigen. Er arbeitete seit zwanzig Jahren im Fremantle Hospital und begriff, wie die Menschen hier tickten. Egal welche Hautfarbe, jene, die hier aufwuchsen, waren auf eine stille, edle Art heimatverbunden wie die Wonghis, die Ureinwohner Westaustraliens. Louis White war und blieb für immer ein Westler, wie die Menschen sich selber nannten, egal, wie viel Geld die Ferne anbot. Louis sah sich die Ferne an, kam mit neuem Wissen zurück und bewarb sich in Fremantle. Der Direktor wusste, in einem Jahr würde Louis zum Stationsarzt aufsteigen und das Fremantle Hospital zu bisher ungeahntem Ruf führen.

Kapitel 2 Baldige Gegenwart Police Departement, Perth

Chiefinspector John Taylor griff eine zerfledderte Akte aus seiner Schublade. Der Todestag seines Schwagers Steve White und seiner Schwester Olana jährte sich. Heute würde er die Mappe durch eine neue ersetzen. Dazu musste er die wenigen Blätter aus dem Hefter nehmen. Diese Arbeit vermied er bisher. Die ersten Jahre suchte er verzweifelt nach dem Durchbruch, um die Gründe für ihren Tod zu finden.

Olana und Steve, beide erfahrene Segler und ihr dreizehnjähriger Sohn Louis, sein Patenkind, verließen heute vor genau sechzehn Jahren den Hafen in Brisbane. Kein Sturm, kein hoher Seegang. Dennoch war das Schiff innerhalb weniger Stunden spurlos verschwunden. Die Küstenwache fand einen Tag später einen verstörten Louis in einem Rettungsschlauchboot. Der Junge war mit Knoten festgebunden, die er nicht beherrschte.

Mit Elena White, der Schwester seines verschollenen Schwagers, flog er aufgeregt und aufgewühlt nach Brisbane. In den ersten Tagen begingen sie Fehler, verboten Verwandten den Besuch, überließen Louis gutgläubig Psychologen und Ärzten.

Dass Louis in der ersten Woche niemanden erkannte, nicht wusste, wer er war, beunruhigte niemanden. Schließlich wuchs er außerhalb Australiens auf. Verwirrung trat ein, als er Elena und John einfach Mom und Dad nannte.

Nach zwei Wochen fielen die Erklärungen der Ärzte und Psychologen unsicherer aus, da in vergleichbaren Fällen die Patienten sich bereits an bestimmte Begebenheiten erinnerten.

Louis Gehirn schien einen vollständigen Neustart durchgeführt zu haben, eine komplette Löschung seines bisherigen Lebens. John stellte sich vor, wie der Junge zusehen musste, als seine Eltern ihn am Boot festzurrten und dabei mit dem Sog in die Tiefe gerissen wurden. Warum konnten beide sich nicht retten?

Solange Louis sich nicht erinnerte, blieb alles Mutmaßung. Sein vorheriges Leben war für den Jungen nicht mehr da. Zudem kannte er niemanden auf dem Kontinent, glaubte John.

Die ledige Elena erwies sich als perfekte Mutter. Als Lehrerin besaß sie die nötige Geduld und Härte. Vielleicht hätte John irgendwie geschafft ein Vater zu sein. Leider sah er in Louis meist Olana. Er hasste sich, weil er dem Jungen unbewusst den Tod seiner Schwester vorwarf. Dafür versuchte er ständig für seine Schwägerin da zu sein. Sie kehrten mit Louis nach Perth zurück.

Eine mit Elena befreundete Psychologin, Nora Bachner, beriet beide intensiv, zeigte neue Wege auf.

Louis sollte jedes zweite Wochenende in Johns Wohnung schlafen. Elena wollte unbedingt einen männlichen Einfluss für Louis – ausschließlich Johns. Mit Bachners Hilfe kämpfte John gegen seinen Selbsthass an. Elena hätte ihn gern mehr eingespannt, aber der damalige Dienst ließ dies nicht zu. Mit der Zeit schlief Louis öfters in der Woche bei ihm, um in eher gleichgültigem Ton über Mädchen zu reden. Sein neuer Vater musste aus Louis einen Gentleman machen.

Der Polizist unterdrückte aufkeimende Gefühle für Elena. Er sprach nie darüber. Der Junge war fortan das Zentrum. Elena durfte nicht abgelenkt werden.

Beide versuchten auf eigene Art, um Louis zu seinen Erinnerungen zu verhelfen. Bis zum Unfall war der Junge ein normaler, frecher, aufgeweckter und mutiger Bursche, der in Clubs schwamm und relativ gut in der Schule war.

Der Polizist hoffte mit Schockerlebnissen zum Erfolg zu kommen. Er und Elena begeisterten sich für die See. Die gemeinsamen Segeltouren blieben erfolglos. Weder lösten sie Erschütterungen aus, noch zeigte sich Louis begeistert. Im Gegenteil. Steve hatte John stolz berichtet, wie Louis in Los Angeles eine Jollenregatta gewann. Der neue Louis wusste weder Knoten zu schlagen, noch begriff er den Unterschied zwischen Backbord und Steuerbord. Und seine mangelnde Orientierung erst! John verzweifelte und brachte Louis nie mehr zu einem Segelboot.

Auf anderem Gebiet waren beide erfolgreich. Reiten. Elena brachte dem Patenkind Pferde näher. John unternahm mit ihm Kamelritte. Louis war ein Naturtalent. Jedes Tier, das er ritt, beugte sich seinem Willen.

Elena ging mit ihm schwimmen, hoffte dadurch, das Unterbewusstsein anzuregen und sich an frühere Abläufe zu erinnern. Neben Segeln war Louis ein guter Schwimmer gewesen. In Fremantle musste er schwimmen lernen und versagte.

Zu schlechter Letzt blieb Louis Fall nicht geheim. Neurologen und andere wurden auf ihn aufmerksam, wollten den Jungen für Studienzwecke gewinnen, um diverse Medikamente an ihm zu testen. Nicht autorisierte Vorträge brachten sogar Forschungseinrichtungen auf den Plan. Elena überließ die zahlreichen Anfragen dem wutentbrannten Polizisten.

Mit einem Anwalt formulierte er Anzeigen wegen Verletzung des Arztgeheimnisses an jene, die einen Vortrag gehalten hatten, an die Einrichtungen und die Kongressveranstalter, weil nicht freigegebene Gesundheitsinformationen eines Patienten öffentlich dargestellt wurden. John Taylor bot zwei Wege: Teurer Vergleich oder öffentlicher Prozess. Er drohte staatlich bestellten Gutachtern die Überprüfung an. Das hätte für jene Finanzausfall und Abstieg bedeutet. Die anfragenden Forschungseinrichtungen zahlten hohe Beträge, um ihre Namen aus der Presse und aus Ermittlungen herauszuhalten, da sie um ihre öffentliche Förderung bangten. Davon ausgenommen blieb die Psychologin Dr. Bachner. Ihr vertrauten beide.

Mit dem Geld bezahlte Elena Privatlehrer, Trainer sowie eine Privatschule und richtete für Louis einen kleinen Fond ein. Zusammen mit dem Erbe sollte Louis damit studieren können.

Weil weder die Whites noch die Taylors den Waisenjungen kannten, zumindest jene ausgewählten Verwandten, die Elena in die Nähe ihres Schützlings ließ, begriff keiner den Rabauken, wie ihn sein Vater Steve zuvor beschrieb. Wissbegieriger und fleißiger übersprang der neue Louis eine Klasse und ging jeder körperlichen Auseinandersetzung aus dem Weg.

Seit der Junge in Fremantle arbeitete, sah John seinen Pflegesohn nur zu den wichtigen Geburtstagen. Der jüngste Stationsarzt blieb nur kurze Zeit, um sofort wieder zur Klinik zu fahren. Das Vertrauen der Jugendzeit schien vorbei zu sein. Über beider Netzwerke erfuhren er und Elena, wie schnell seine Beziehungen zerbrachen. Die Frauen zerschnitten die Bande, meinte Elena, wenn sie über ihren Sohn sprachen. Zwei Freunde aus der Privatschule genügten Louis offenbar.

In letzter Zeit sahen sich Elena und John dagegen häufiger. Er rief sie an, lud sie zum Essen ein. Sie meldete sich bei ihm und kochte für ihn. Elena sprach über ihre Schule und ihre Lehrer, John über seine Fahndungserfolge und Misserfolge. Die Zwei freuten sich, als Louis jüngster Stationsarzt wurde, dass seine Operationen für Aufsehen sorgten und der bisher mäßige Ruf der Klinik sich änderte. Viele Polizisten klopften John dankbar die Schulter, nachdem Louis einem Detective mit Schussverletzungen das Leben rettete.

Der Chiefinspector legte Blatt für Blatt in den neuen Ordner. In einem Sommermonat voller Touristen erinnerte sich niemand an die drei. Das Schiff war einwandfrei. Die Whites an der Ostküste hatten dies immer wieder beteuert. Hotelmanager und Kellner bedauerten, wer täglich hunderte Menschen bedienen müsse, könne sich nicht an drei Personen erinnern. Das Verschwinden der Marie Celeste stuften die Behörden als Unglücksfall ein. Die obligatorische Untersuchung endete schnell.

John zweifelte an der Unfallversion, konnte sein Gefühl leider nicht beweisen. Weder fand man Leichen noch das Schiff und erst recht keine Verdächtigen. Zudem durfte er damals nichts untersuchen, nur die Kollegen in Brisbane.

Warum konnte ein Schiff mit zwei erfahrenen Seglern untergehen, ohne dass ein SOS abgesetzt wurde? Die einzige Erklärung sah John darin - Elena stimmte ihm zu -, dass sowohl das Funkgerät als auch der GPS Sender manipuliert worden waren.

Das Signal führte den Suchtrupp ins Leere. An den Koordinaten fand man kein Schiff am Grund. Dagegen konnte ein starker Störsender eine Ortung um hunderte Kilometer verschieben. War das geschehen? Wer hatte das gemacht? Hatte Steve sich Feinde gemacht? John fand nichts.

Er setzte sich mit der unbequemen Frage auseinander, ob Schwester und Schwager ihren Tod inszeniert hatten. Weder fand er Gründe dafür, noch fuhr die Marie Celeste in andere Häfen ein. Diese Überprüfungen führte er von Perth aus selber durch. Angeforderte Satellitenaufnahmen blieben ebenso ohne Befund. Das Schiff verschwand irgendwo im Pazifik. Sabotage erklärte alles. Leider fehlte ihm das Schiff und die Aussage seines einzigen Zeugen.

Den neuen Ordner legte er in die Schublade. Heute Abend besuchte er Elena.

Fremantle Primary School, Fremantle

„Miss McIntyre!“, rief Sophie und hob danach den Arm. Zuerst melden und dann rufen verstand sie nicht, konnte sie sich nicht merken.

„Ja“, ermunterte Emma die dreizehnjährige Inklusionsschülerin.

„Wenn die Menschen damals keine Gewehre hatten, wie konnten sie denn jagen? Sie können dann doch nicht Jäger und Sammler sein. Man kann doch nur mit einem Gewehr jagen.“

„Eine gute Frage, Sophie“, lobte Emma.

Als ein Junge sein Kichern nicht ganz unterdrücken konnte, sprach sie ihn sofort an.

„Kannst du bitte die Frage beantworten, Anthony. Du weißt: Kichern eine Fünf oder die Antwort eine Eins.“

„Man muss kein Gewehr haben, um zu jagen“, antwortete der Elfjährige, richtete sich an die Lehrerin. Auf den strengen Blick Emmas hin sah er schließlich Sophie an. „Nur weil heute alle mit Gewehren jagen, bedeutet es nicht, dass man ein Gewehr braucht, um ein Tier zu töten. Die Wonghies jagten mit Speerschleudern, Bumerangs oder Steinschleudern, bevor die ersten Siedler kamen. Gewehre wurden in China erfunden. Zum Böllern. In Europa wurden daraus Kriegswaffen gemacht.“

„Sehr gut, Anthony“, lobte die Lehrerin. „Ist deine Frage beantwortet, Sophie?“

„Ja?“, fragte Sophie ihre Frage vergessend und schaute aus dem Fenster.

„Fein.“

„Die Menschen hatten damals keine Smartphones?“, fragte eine andere Schülerin mit Staunen. „Wie haben sie dann miteinander gechattet?“

Innerhalb kurzer Zeit überwanden neue Schüler bei Emma ihre Ängste. Die junge Lehrerin erlaubte Unterbrechungen, um zu fragen. Eine Sechs für schlechtes Betragen verteilte sie, wer einen Klassenkameraden unterbrach. Als die Schüler merkten, dass ihre Lehrerin jede Frage ernst nahm, wandelten sie sich zu wahren Fragemonstern und lernten mehr, als wenn Miss McIntyre vom Pult referierte. Emmas Klassen eroberten die Herzen anderer Lehrer und wurden regelrechte Lieblingsklassen.

Am letzten Tag vor den Ferien fragte Elena als Schulleiterin absichtlich vor dem Kollegium, wie ihre jüngste Lehrerin das mache. Sie wollte, dass die Kollegen in den Ferien darüber nachdenken sollten. Sie war begeistert gewesen, als Emma ihr Vorgehen eine Woche nach ihrem Antrittsbesuch erklärte.

„Ich bestrafe jeden Kommentar zu einer Frage sehr hart“, antwortete Emma. „Die Fragen beantworten die Schüler und werden belohnt. Ein Kichern die Fünf, eine Antwort die Eins. Alle fühlen sich ernst genommen. Der Anfang erfordert Geduld und Strenge.“

Sie wandte sich zur Tür. Da fiel ihr noch was ein.

„Ach ja, und man darf nie abweichen, keine Ausnahmen machen, nie ein Kichern zulassen und jede dämliche Frage als Kenntnisstand ansehen.“

Woolworth, Fremantle

Louis stieg aus dem BMW i5 aus. Das Hospital nutzte für das Leitungspersonal die Werbekampagne des deutschen Autobauers, der sein Engagement in Down Under verstärken wollte und mit günstigsten Leasingraten lockte. Seit Induktionsparkplätze auf dem Kontinent aus dem Boden schossen wie Gras nach Regen, spielte die Reichweite der E-Fahrzeuge keine Rolle mehr. Ein Bonbon dazu: Je mehr Kilometer er fuhr, umso günstiger wurde die Rate. Den Deutschen war es wichtig, dass ihre Automobile fuhren und nicht standen. Sonst hätte er sich die Limousine nie leisten können. Die Art Werbung gefiel Louis, etwas anders dagegen weniger: Vierzehn Tage Zwangsurlaub.

Sein Chef hatte komplizierte OPs angesetzt. Keine Notfälle, sondern hohes Prestige für Louis und vor allem für das Hospital.

Nach seiner Rückkehr aus den Staaten stürzte er sich in die Arbeit ohne einen Tag Urlaub zu nehmen. Sein erster Verdacht, ob seine Mutter hinter der Urlaubsverordnung steckte, verwarf er. Ja, sie hatte überall Kontakte. Ja, sie wollte ihn glücklich sehen mit einer Frau. Da brauchte er nicht fragen. Aber sie würde nie in seine Arbeit eingreifen.

Die Frauen machten mit ihm Schluss. Er sei nicht ehrlich, hörte er, weil er eine andere liebe. Die ersten Male verzweifelte er, weil da keine andere war. Schließlich nahm er es hin, glaubte, der Grund wäre nur vorgeschoben. Die letzte Frau monierte schließlich bei einem Dinner, er wäre mit seiner Arbeit verheiratet. Kein Mensch würde freiwillig einen dreißig Stunden Bereitschaftsdienst machen. Und außerdem würden Ärzte doch wohl in Villen wohnen und teure Autos fahren. Zu dem Zeitpunkt fuhr er einen klapprigen aber treuen Dacia. Er lächelte müde, bezahlte und verließ das Restaurant.

In seinem Appartement schlief er selten. Dort fühlte er sich nicht wohl und packte die Kartons nicht aus. Der Kühlschrank war leer, das Eisfach voll. Das Krankenhaus wurde sein soziales Umfeld, dessen Leitung ihn nun zur Pause zwang. Als Stationsarzt hätte Louis eine Vorbildfunktion und dazu gehöre ein geregeltes Privatleben - außerhalb des Hospitals.

Tatsächlich sah er Kollegen, die nach ihrer Schicht zu Familie, Partner oder Hobby fuhren, mit gemischten Gefühlen. Dabei blieb er im Krankenhaus, um für seine Patienten da zu sein.

Als Chadakis Sekretärin ihn heute an der Tür abfing und den Zutritt verbot aus Gründen, die er hörte, aber nicht verstand, schlenderte er in der Stadt ziellos umher. Seitdem fragte er sich, ob er wirklich besser gearbeitet hatte. Er war enthusiastischer als die anderen, jung und musste Erfahrungen machen. Er las die neuesten Artikel und probierte die innovativsten Techniken aus. Er selbst sah sich auf einem langen Weg und konnte die Meter vor ihm doch nicht erwarten, wollte rennen, obwohl in seinem Beruf langsam gehen das Richtige war.

Und jetzt das mit seinem Lieblings-Woolworth. Geschlossen aufgrund einer Sicherheitsüberprüfung. Ein zweiter war ebenfalls geschlossen. Also fuhr er zum dritten in Fremantle. In diesem Ortsteil war er bisher nie einkaufen.

Louis ging zum Eingang des Supermarkts und achtete zuerst nicht auf den kleinen alten roten MINI, der etwas forsch auf den Parkplatz quietschte.

Bevor er über den losen Keilriemen nachdachte, klappte die Fahrertür auf und eine junge Frau sprang heraus. Ihr Haar war kurz, ihr Gang federnd und die Augen magnetisch. Louis blieb stehen und konnte den Blick nicht abwenden.

Bereits beim Aussteigen bemerkte sie den großen Mann aus den Augenwinkeln. Emma war Männerblicke und Pfiffe gewohnt. Sie vermied, ihn direkt anzuschauen, obwohl sein Blick nicht unangenehm war. Sicher war sicher. Nur keine falschen Zeichen setzen. Sie zwang sich geradeaus zu schauen. Mit einer Münze entriegelte sie einen Einkaufswagen. Ein kurzer Seitenblick. Der Mann stand unbewegt und betrachtete sie entgeistert. Die Lehrerin konnte nicht anders und sah ihn direkt an. Sein Blick flackerte und er kam zurück, wo immer er gewesen war. Emma beobachtete genauer, weil er kopfschüttelnd zum Eingang ging.

Ein schwarzer Stein. Eine feste Hand. Augen wie das Meer. Ihr Bauch kribbelte.

„Louis? Bist du das?“, rief sie laut. Sein Kopf zuckte zu ihr herum. Verständnisloser Blick. Er tut ja so, als ob er mich nie zuvor gesehen hat, dachte sie.

„Entschuldigung!“ Er lächelte unsicher. „Kennen Sie mich?“

„Na, das will ich meinen“, lachte sie, froh ihn zu sehen. „Brisbane, wir beide, dreizehn, Strand, Urlaub“, versuchte sie an Erinnerungen zu knüpfen. In seinem Blick las sie kein Erkennen. Plötzlich war sie enttäuscht, dass er sie nicht erkannte. Schon wollte sie sich abwenden, als seine Stimme sie stoppte.

„Ich wünschte gern, äh, eine Frau wie dich zu kennen.“

Sie spürte, das er sie nicht fortgehen lassen wollte. Aber warum kannte er sie nicht, verdammt?

Das Kompliment gefiel ihr. Sie lief rot an. Wieder drehte sie sich fort, ein wenig wütend über ihn, weil er sie vergessen hatte, und über ihre Röte.

„Warte!“, bat er. „Ich wünschte, ich könnte mich an dich und an Brisbane erinnern. Aber da war ich nie. Ich bin hier aufgewachsen.“

Emma wandte sich ihm voll zu.

„Wie heißt du?“

„Louis White.“

Jetzt war sie völlig sicher, ihren Louis vor sich zu haben. Sein Gesicht, die Statur, inzwischen ein Mann, ein ehrliches Gesicht. Er erkannte sie wirklich nicht. Seltsam.

„Ich bin Emma McIntyre.“ Sie reichte ihm die Hand, nicht ohne Hintergedanken.

Louis konnte sein Glück kaum fassen. Zu gern schlug er ein. Ihre Hand passte in seine, als ob sie dahin gehörte - schon immer.

Sie war endlich zu Hause. Beschützt. Er hielt sie fest – wie früher auf die richtige Art. Er war es und er war es nicht. In seinen Augen lag kein Gefühl. Als sei er irgendwo, aber nicht hier, bei ihr.

„Ich will dich nicht vom Einkaufen abhalten“, meinte sie.

Er ließ sie plötzlich los, als ob sie was Falsches gesagt hatte.

„Ah, ja. Hättest du Lust auf ein Getränk deiner Wahl. Ich lade dich ein.“

Sie schaute zu ihm hoch.

„Dafür“, sagte er hastig, „dass du mich angesprochen hast.“

„Gut. Ich muss aber trotzdem einkaufen. Ich trinke gern Kaffee.“

„Ich auch.“

„Du sprichst ganz schön verschwurbelt. Wie ein Arzt.“

Louis konnte sich nicht erinnern, jemals beim Einkaufen Spaß zu haben. Emma hatte ihn.