Der Weihnachtsabend - Charles Dickens - E-Book

Der Weihnachtsabend E-Book

Charles Dickens.

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Beschreibung

Ein Scrooge, wie ihn noch nie jemand gelesen hat …

Die Geschichte vom Misanthrop, der über Nacht geläutert zu einem wohltätigen und freundlichen Mann wird, liegt nun endlich in einer neuen zeitgemäßen Übersetzung von Eike Schönfeld vor. Auch wunderbar zum Vorlesen geeignet. Die meistgelesene und beliebteste Weihnachtserzählung wurde illustriert von Flix, dem profunden Zeichner der Comicadaptionen Faust und Don Quijote.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Charles Dickens

Der Weihnachtsabend

Genauer, eine weihnachtlicheGespenstergeschichte

Deutsch von Eike Schönfeld

Mit Illustrationen von Flix

Insel Verlag

Die Originalausgabe erschien 1843 in London unter dem Titel:

A Christmas Carol in Prose. Being a Ghost Story of Christmas.

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2014

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2014.

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Der Verlag weist darauf hin, dass dieses Buch farbige Abbildungen enthält, deren Lesbarkeit auf Geräten, die keine Farbwiedergabe erlauben, eingeschränkt ist.

Umschlagabbildung: Flix, Berlin.

eISBN 978-3-458-73902-9

www.insel-verlag.de

ZUM GELEIT

Ich habe in diesem gespenstischen Büchlein versucht, das Gespenst einer Idee auferstehen zu lassen, wovon meine Leser es sich nicht mit sich, miteinander, mit dieser Zeit oder mit mir verdrießen lassen sollen. Möge es in ihren Häusern pläsierlich spuken und niemand es bannen wollen.

Ihr treuer Freund und Diener,

C. D.

Dezember 1843

Inhalt

ERSTE STROPHEMarleys Gespenst

ZWEITE STROPHEDer Erste der drei Geister

DRITTE STROPHEDer Zweite der drei Geister

VIERTE STROPHEDer Letzte der Geister

FÜNFTE STROPHEDas Ende vom Lied

Anmerkungen

ERSTE STROPHE

Marleys Gespenst

Marley war tot; dies zu Beginn. Daran besteht keinerlei Zweifel. Das Protokoll seiner Bestattung wurde vom Geistlichen, vom Kommis, vom Bestatter und vom ersten Leidtragenden unterzeichnet. Scrooge unterzeichnete es: und Scrooges Name war an der Börse gut für alles, womit er sich zu befassen entschied. Der alte Marley war tot wie ein Türnagel.

Je nun! Ich will damit nicht sagen, dass ich aus eigner Kenntnis weiß, was an einem Türnagel so besonders tot sein soll. Ich selbst wäre womöglich geneigt gewesen, einen Sargnagel als das toteste Stück Eisenkram überhaupt im Gewerbe anzusehen. Doch in dem Gleichnis liegt die Weisheit unsrer Ahnen, und meine ungeweihten Hände sollen es nicht stören, sonst ist’s ums Land geschehen. Sie werden mir daher gestatten, voller Emphase zu wiederholen, dass Marley tot wie ein Türnagel war.

Ob Scrooge wusste, dass er tot war? Natürlich wusste er es. Wie konnte es auch anders sein? Scrooge und er waren Teilhaber, ich weiß nicht wie vielen Jahre, gewesen. Scrooge war sein einziger Testamentsvollstrecker, sein einziger Verweser, sein einziger Rechtsnachfolger, sein einziger Universalerbe, sein einziger Freund und einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge war von dem traurigen Ereignis nicht so schrecklich ergriffen, dass er noch am Tage der Bestattung nicht ein hervorragender Geschäftsmann war und sie feierlich mit einem unzweifelhaften Gewinn beging.

Die Erwähnung von Marleys Bestattung führt mich zu dem Punkt zurück, von dem ich ausgegangen bin. Es besteht kein Zweifel, dass Marley tot war. Das muss deutlich verstanden sein, denn andernfalls kann aus der Geschichte, die ich nun erzählen will, nichts Wunderbares werden. Wären wir nicht vollkommen überzeugt davon, dass Hamlets Vater starb, bevor das Stück begann, so wäre daran, dass er nachts, im Ostwind, auf seinem eignen Schutzwall umherspazierte, nichts Bemerkenswerteres als bei jedem anderen Herrn mittleren Alters, der nach Einbruch der Dunkelheit an einem windigen Ort – sagen wir beispielsweise, dem Kirchhof von St. Paul’s – eilig hinaustritt, um den schwachen Verstand seines Sohnes buchstäblich zu verblüffen.

Auch übermalte Scrooge den Namen des alten Marley nicht. Da stand er, noch Jahre später, über der Tür des Handelshauses: Scrooge & Marley. Die Firma war bekannt als Scrooge & Marley. Manchmal redeten Leute, die neu im Geschäft waren, Scrooge mit Scrooge an und manchmal auch mit Marley, doch er hörte auf beide Namen. Es war ihm gänzlich gleich.

Oh!, aber er war ein alter Geizkragen, dieser Scrooge!, ein drängender, zerrender, packender, scharrender, schnappender, habsüchtiger alter Sünder! Hart und scharf wie ein Flintstein, aus dem noch kein Stahl kräftiges Feuer geschlagen hatte, zurückhaltend, verschlossen und einsam wie eine Auster. Die Kälte in ihm ließ seine alten Züge erstarren, kniff seine spitze Nase, ließ seine Backen schrumpfen, seinen Gang versteifen, machte seine Augen rot, seine schmalen Lippen blau und sprach boshaft mit seiner raspelnden Stimme. Auf dem Kopf, den Brauen und dem kantigen Kinn lag frostiger Reif. Stets umgab ihn seine niedrige Temperatur; an den Hundstagen kühlte er damit seine Geschäftsstube, an Weihnachten minderte er sie um kein Grad.

Äußere Wärme und Kälte hatten wenig Einfluss auf Scrooge. Keine Wärme konnte ihn wärmen, kein Winterwetter ihn erkalten lassen. Kein Wind, der wehte, war bitterer als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein Regenguss für Flehen weniger offen. Schlechtes Wetter wusste nicht, wo es ihn fassen konnte. Stärkster Regen, Schnee, Hagel und Graupel konnten sich nur in einer Hinsicht eines Vorteils über ihn rühmen. Sie zeigten sich häufig »freigebig«, Scrooge indes nie.

Nie hielt ihn jemand mit heiterer Miene auf der Straße an, um zu sagen: »Mein lieber Scrooge, wie geht es Ihnen? Wann wollen Sie mich einmal besuchen kommen?« Kein Bettler bat ihn um ein Scherflein, kein Kind fragte ihn nach der Uhrzeit, kein Mann, keine Frau erkundigten sich bei Scrooge in seinem ganzen Leben nach dem Weg zu diesem oder jenem Ort. Sogar die Blindenhunde schienen ihn zu kennen, und wenn sie ihn daherkommen sahen, zerrten sie ihren Besitzer in einen Eingang oder einen Hof und wedelten dann mit dem Schwanz, als wollten sie sagen: »Gar kein Auge ist besser als ein böses, dunkler Meister!«

Doch was kümmerte es Scrooge! Genau so war es ihm ja lieb. Auf den dicht gedrängten Wegen des Lebens vorzurücken, alle menschliche Anteilnahme zu warnen, nur ja Abstand zu halten, war für Scrooge »famos«, wie die, welche Bescheid wissen, es nennen.

Nun geschah es – von allen guten Tagen im Jahr ausgerechnet an Heiligabend –, dass der alte Scrooge geschäftig in seinem Kontor saß. Es war kaltes, trübes, schneidendes Wetter, neblig obendrein, und er hörte auf dem Hof draußen die Leute, wie sie keuchend vorbeiliefen, sich die Hände auf die Brust schlugen und mit den Füßen aufs Pflaster stampften, um sich zu wärmen. Die Uhren der Stadt hatten eben erst drei geschlagen, doch es war schon dunkel – den ganzen Tag war es nicht hell gewesen–, und in den Fenstern der angrenzenden Kontorstuben flackerten Kerzen gleich rötlichen Klecksen auf der fühlbar braunen Luft. Der Nebel strömte in jede Ritze, jedes Schlüsselloch, und war draußen so dicht, dass die Häuser gegenüber, obgleich der Hof vom Schmalsten, bloße Schemen waren. Beim Anblick der düsteren Wolke, die sich da herabsenkte und alles verbarg, hätte man meinen können, dass die Natur ganz nahe war und etwas Großes gärte.

Die Tür zu Scrooges Kontor stand offen, damit er ein Auge auf seinen Kommis haben konnte, welcher in einer trostlosen kleinen Zelle dahinter, einer Art Kabuff, Briefe kopierte. Scrooge hatte ein sehr kleines Feuer brennen, das Feuer des Kommis hingegen war noch viel kleiner, sodass es aussah wie eine Kohle. Doch er konnte es nicht auffüllen, da Scrooge den Kohlenkasten bei sich im Zimmer behielt, und so sicher, wie der Kommis mit der Schaufel hereinkam, prophezeite der Meister, dass es nötig würde, sich zu trennen. Worauf der Kommis sich seinen dicken weißen Schal umband und versuchte, sich an der Kerze zu wärmen, worin er, da kein Mann von starker Phantasie, scheiterte.

»Frohe Weihnachten, Onkel! Gott schütze dich!«, rief eine muntere Stimme. Sie gehörte Scrooges Neffen, welcher so schnell hereinkam, dass er erst dadurch sein Nahen bemerkte.

»Pah!«, sagte Scrooge. »Humbug!«

So sehr hatte er sich vom schnellen Gang in Nebel und Frost erhitzt, der Neffe Scrooges, dass er ordentlich glühte; sein Gesicht war rotwangig und hübsch, seine Augen funkelten, und sein Atem dampfte wieder.

»Weihnachten ein Humbug, Onkel!«, sagte Scrooges Neffe. »Das meinst du doch gewiss nicht ernst?«

»Allerdings«, sagte Scrooge. »Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht bist du froh? Aus welchem Grund bist du froh? Du bist doch ganz arm.«

»Na, komm«, versetzte der Neffe freudig. »Mit welchem Recht bist du trübsinnig? Aus welchem Grund bist du mürrisch? Du bist doch ganz reich.«

Da Scrooge so schnell keine bessere Antwort parat hatte, sagte er erneut »Pah!« und ließ dem ein »Humbug« folgen.

»Sei nicht verdrießlich, Onkel!«, sagte der Neffe.

»Was kann ich denn sonst sein«, versetzte der Onkel, »wenn ich in einer solchen Narrenwelt lebe? Frohe Weihnachten! Geh mir weg mit frohe Weihnachten! Was ist dir Weihnachten anderes als eine Zeit, in der du Rechnungen ohne Geld bezahlst, eine Zeit, um wieder ein Jahr älter zu sein, aber keine Stunde reicher, eine Zeit, die Bücher zu saldieren, und jeder Posten aus einem runden Dutzend Monate darin sich nur gegen dich stellt? Ginge es nach mir«, sagte Scrooge aufgebracht, »so sollte jeder Idiot, der mit ›Frohe Weihnachten‹ auf den Lippen herumläuft, in seinem eignen Pudding gekocht und mit einem Stechpalmenstock im Herzen begraben werden. Wahrhaftig!«

»Onkel!«, flehte der Neffe.

»Neffe!«, erwiderte der Onkel streng, »begeh du Weihnachten auf deine Art, ich begeh’s auf meine.«

»Begehen!«, erwiderte der Neffe. »Aber du begehst’s doch gar nicht.«

»Dann lass mich’s eben sein lassen«, sagte Scrooge. »Soll’s dir viel Gutes tun! Viel Gutes hat’s dir ja schon getan!«

»Es gibt freilich vieles, woraus ich vielleicht Gutes gezogen, wovon ich aber nicht profitiert habe«, versetzte der Neffe. »Auch Weihnachten war darunter. Dennoch war die Weihnachtszeit, wenn sie dann kam, für mich stets – einmal abgesehen von der Ehrfurcht wegen des heiligen Namens und Ursprungs, falls denn von etwas, was dazugehört, abgesehen werden kann –eine gute Zeit, eine freundliche, nachsichtige, gütige, angenehme Zeit, die einzige im langen Kalender des Jahres, die ich kenne, da Männer und Frauen durch einen Konsens ihre verschlossenen Herzen freimütig zu öffnen scheinen und die Leute unter ihnen so sehen, als wären sie tatsächlich Mitreisende zum Grab und nicht eine andere Rasse von Geschöpfen, die auf anderen Reisen unterwegs sind. Und daher, Onkel, auch wenn es mir noch nie ein Krümchen Gold oder Silber in die Tasche gesteckt hat, glaube ich doch, dass sie mir Gutes getan hat und tun wird, und ich sage: Gott segne sie!«

Der Kommis in dem elenden Kabuff applaudierte unwillentlich. Doch ward er sich dieser Ungehörigkeit sogleich bewusst und stocherte im Feuer, womit er den letzten schwachen Funken auf immer löschte.

»Hör ich von dir noch einen Ton«, sagte Scrooge, »so sollst du dein Weihnachten begehen, indem du deine Stellung verlierst! Du bist mir ein ganz machtvoller Redner, Sir«, fügte er, an seinen Neffen gewandt, hinzu. »Womöglich gehst du noch ins Parlament.«

»Sei nicht ärgerlich, Onkel. Komm! Iss morgen mit uns.«

Scrooge sagte, er werde ihn besuchen – ja, das sagte er tatsächlich. Er schöpfte den Ausdruck ganz aus und sagte, er werde ihn erst in äußerster Not besuchen.

»Aber warum denn?«, rief Scrooges Neffe. »Warum?«

»Warum hast du geheiratet?«, sagte Scrooge.

»Weil ich mich verliebt habe.«

»Weil du dich verliebt hast!«, knurrte Scrooge, als wäre es das Einzige auf der Welt, was noch lächerlicher als frohe Weihnachten ist. »Guten Tag!«

»Aber, Onkel, du hast mich doch nie besucht, bevor das geschehen ist. Warum nennst du es nun als Grund, nicht zu kommen?«

»Guten Tag«, sagte Scrooge.

»Ich will nichts von dir, ich bitte dich um nichts, warum können wir nicht Freunde sein?«

»Guten Tag«, sagte Scrooge.

»Es tut mir von Herzen leid, dass du so standhaft bist. Wir hatten nie einen Streit, an dem ich beteiligt war. Aber ich habe den Versuch zu Ehren von Weihnachten unternommen, und ich werde mir meine Weihnachtsstimmung bis zuletzt bewahren. Dir also frohe Weihnachten, Onkel!«

»Guten Tag!«, sagte Scrooge.

»Und ein gutes Neues Jahr!«

»Guten Tag!«, sagte Scrooge.

Nichtsdestoweniger verließ sein Neffe den Raum ohne ein zorniges Wort. Er blieb noch an der Außentür stehen, um die Weihnachtsgrüße auch dem Kommis zu übermitteln, der, sosehr er auch fror, wärmer als Scrooge war, denn er erwiderte sie herzlich.

»Das ist auch so einer«, brummelte Scrooge, der das mitgehört hatte: »mein Kommis, fünfzehn Shilling die Woche, eine Frau und Kinder und redet von frohen Weihnachten. Ich geh noch ins Irrenhaus.«

Dieser Verrückte hatte, indem er Scrooges Neffen hinausgeleitete, zwei andere Personen hereingelassen. Es waren wohlbeleibte Herren, angenehm anzusehen, und sie standen nun, Hüte gelüftet, in Scrooges Geschäftsstube. Sie hatten Bücher und Papiere in der Hand und verbeugten sich vor ihm.

»Scrooge und Marley’s, nehme ich an«, sagte einer der Herren mit Bezug auf seine Liste. »Habe ich das Vergnügen, Mr Scrooge oder Mr Marley anzusprechen?«

»Mr Marley ist seit sieben Jahren tot«, erwiderte Scrooge. »Er starb genau in dieser Nacht vor sieben Jahren.«

»Wir haben keine Zweifel, dass seine Großherzigkeit von seinem noch lebenden Teilhaber gut vertreten wird«, sagte der Herr und händigte sein Empfehlungsschreiben aus.

Dem war allerdings so, denn sie waren beide verwandte Seelen gewesen. Bei dem ominösen Wort »Großherzigkeit« runzelte Scrooge die Stirn und gab das Empfehlungsschreiben kopfschüttelnd zurück.

»Zu dieser festlichen Jahreszeit, Mr Scrooge«, sagte der Herr, wobei er eine Feder ergriff, »ist es mehr als üblich wünschenswert, dass wir eine kleine Fürsorge für die Armen und Hilflosen treffen, welche gegenwärtig stark leiden. Viele tausend bedürfen gewöhnlicher Erfordernisse, Hunderttausende bedürfen gewöhnlicher Annehmlichkeiten, Sir.«

»Gibt es denn keine Gefängnisse?«, fragte Scrooge.

»Zahlreiche Gefängnisse«, sagte der Herr und legte die Feder wieder hin.

»Und die Armenhäuser der Verbände?«, fragte Scrooge nachdrücklicher. »Sind diese noch in Betrieb?«

»Durchaus. Dennoch«, versetzte der Herr, »wünschte ich, ich könnte sagen, sie seien es nicht.«

»Tretmühle und Armenrecht sind also weiterhin voll in Kraft?«, sagte Scrooge.

»Beide sehr betriebsam, Sir.«

»Oh! Nach dem, was Sie anfangs sagten, hatte ich schon Angst, etwas sei geschehen, was sie in ihrem nützlichen Tun hemmt«, sagte Scrooge. »Freut mich sehr, es zu hören.«

»In dem Eindruck, dass sie die Massen wohl kaum mit dem christlichen Trost von Geist und Leib versehen«, versetzte der Herr, »bestreben sich einige von uns, einen Fonds zu begründen, um den Armen ein wenig Fleisch und Trank zu kaufen und auch etwas Wärmendes. Wir haben diese Zeit gewählt, weil es von allen anderen diejenige ist, in der die Not herb empfunden wird und die Fülle frohlockt. Was soll ich für Sie eintragen?«

»Nichts!«, erwiderte Scrooge.

»Sie wünschen anonym zu bleiben?«

»Ich wünsche in Ruhe gelassen zu werden«, sagte Scrooge. »Da Sie mich fragen, was ich wünsche, meine Herren, ist dies meine Antwort. Ich selbst erheitere mich an Weihnachten nicht, und ich kann es mir nicht leisten, die Faulen zu erheitern. Ich beteilige mich an der Unterstützung der von mir erwähnten Einrichtungen – die kosten genug, und alle, denen es schlecht geht, müssen dorthin.«

»Viele können nicht hin, und viele würden lieber sterben.«

»Wenn sie lieber sterben wollen«, sagte Scrooge, »dann sollen sie es eben und damit die überschüssige Bevölkerung verringern. Außerdem – entschuldigen Sie – weiß ich das gar nicht.«

»Aber Sie könnten es wissen«, bemerkte der Herr.

»Das geht mich nichts an«, versetzte Scrooge. »Es genügt, dass man sein eigenes Geschäft versteht und sich nicht in das anderer einmischt. Meines beansprucht mich ständig. Guten Tag, die Herren!«

Da sie nun deutlich sahen, dass es zwecklos war, weiter in ihn zu dringen, verabschiedeten sich die Herren. Scrooge nahm seine Arbeit mit einer erhöhten Meinung von sich und lustigerem Gemüt als üblich wieder auf.

Unterdessen hatten sich Nebel und Dunkelheit so stark verdichtet, dass die Menschen mit lodernden Fackeln umherliefen, sich erboten, vor Kutschpferden vorauszugehen und ihnen den Weg zu weisen. Der alte Turm einer Kirche, dessen grämliche alte Glocke stets aus einem gotischen Fenster in der Wand verschlagen auf Scrooge herabblickte, ward unsichtbar und schlug die Stunden und die Viertel in den Wolken mit nachklingenden, bebenden Vibrationen, als klapperten ihr da oben die Zähne im gefrorenen Kopf. Die Kälte wurde stark. Auf der Hauptstraße, an der Ecke zum Hof, reparierten Arbeiter die Gasleitungen und hatten in einer Kohlenpfanne ein großes Feuer entzündet, um welches sich eine Gruppe zerlumpter Männer und Knaben versammelt hatte: voller Wonne wärmten sie sich vor den Flammen die Hände und blinzelten mit den Augen. Der Wasserhahn blieb sich selbst überlassen, wodurch sein Ausfluss missmutig fror und zu misanthropischem Eis gerann. Der Schein aus den Geschäften, wo Stechpalmenzweige und -beeren in der Lampenwärme der Schaufenster knisterten, rötete die blassen Gesichter der Vorbeigehenden. Das Geschäft der Geflügel- und Kolonialwarenhändler wurde zu einer herrlichen Kurzweil: einem prächtigen Schauspiel, bei dem es nahezu unmöglich war zu glauben, dass so trübselige Prinzipien wie Handel und Verkauf nur irgendetwas damit zu tun hatten. Der Bürgermeister in der Feste des mächtigen Mansion House gab seinen fünfzig Köchen und Butlern Anweisung, Weihnachten zu begehen, wie es dem Haushalt des Bürgermeisters gebührt, und selbst der kleine Schneider, den er mit einer Buße von fünf Shilling belegt hatte, weil der am Montag davor betrunken und blutdürstig auf den Straßen gewesen, rührte in seiner Dachstube den Pudding für den nächsten Tag, während seine magere Frau und das Kleine unterwegs waren, um das Rindfleisch zu kaufen.