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Wo Sünde ist, da ist auch Mord: Ein spektakulärer Fall im zerrissenen Berlin der Fünzigerjahre Berlin 1958: Wer Geld hat und gern feiern geht, tummelt sich in Harry's Ballroom. Die Bar ist ein Magnet für Touristen und Partyhungrige, ein Treffpunkt für Stars und Sternchen. Bis der Barkeeper mit einem Distanzschuss aus einer Armbrust ermordet wird. Der unorthodoxe Kriminalassistent Fred Lemke und seine schillernde Kollegin Ellen von Stain ermitteln und nehmen schon bald den Besitzer, Harry Renner, ins Visier. Was steckt hinter der Fassade des charismatischen Unternehmers? Je mehr sie über den Verdächtigen und das Opfer herausfinden, desto größer wird der Fall und desto skrupelloser die politischen Mächte, mit denen es Lemke und von Stain zu tun bekommen. Geht es in diesem Fall um weit mehr als einen Mord?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Der weiße Panther
Berlin 1958: Wer Geld hat und gern feiern geht, tummelt sich in Harry’s Ballroom. Die Bar ist ein Magnet für Touristen und Partyhungrige, ein Treffpunkt für Stars und Sternchen. Bis der Barkeeper mit einem Distanzschuss aus einer Armbrust ermordet wird. Der unorthodoxe Kriminalassistent Fred Lemke und seine schillernde Kollegin Ellen von Stain ermitteln und nehmen schon bald den Besitzer, Harry Renner, ins Visier. Was steckt hinter der Fassade des charismatischen Unternehmers? Je mehr sie über den Verdächtigen und das Opfer herausfinden, desto größer wird der Fall und desto skrupelloser die politischen Mächte, mit denen es Lemke und von Stain zu tun bekommen. Geht es in diesem Fall um weit mehr als einen Mord?
Leonard Bell
Ein Fall für Fred Lemke
Ullstein
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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch 1. Auflage September 2021© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021Umschlaggestaltung: bürosüd GmbH, MünchenTitelabbildung: © bpk / © Hanns Hubmann (Bar);www.buerosued.de (Vordergrund)E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten.ISBN 978-3-8437-2486-9
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Der Autor / Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
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Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Für Helenadie wunderbarste Tochter der Welt
»Zwei Negroni. Und komm nicht auf die Idee, uns einen Americano zu mixen!«, sagte Otto Zeltinger und drohte mit dem Zeigefinger.
Auf die Idee wäre Gottfried nie gekommen. Campari, Wermut, Gin zu gleichen Teilen in ein Rührglas und mit dem langstieligen Löffel sanft verquirlt, das Ganze auf Eiswürfeln serviert – das war ein Negroni. Für einen Americano würde er den Gin durch Soda ersetzen.
»Und die Apfelsinenscheiben? Wo sind die?«
»Keine Apfelsinen mehr da, Herr Zeltinger, heute war wieder der Teufel los. Tut mir leid.«
»Ja, und? Darum geht’s doch. Dann kauft man halt mehr ein oder wie oder was.« Zeltinger sah sich suchend um. »Wo ist der Harry?«
»Weg, nehme ich an.«
»Quatsch, weg! Ich hab ihn doch vorhin in sein Büro stiefeln sehen.«
Gottfried antwortete mit einem Schulterzucken. Was sollte er sich darüber Gedanken machen, ob sein Chef noch da war? Für ihn und seine Arbeit machte es keinen Unterschied. »Wir haben ja eigentlich schon geschlossen.«
»Geschlossen! Hast du das gehört, Hildchen? Eine Schande ist das.«
Gottfried wusste, was jetzt kommen würde. Zeltingers Lieblingsthema: er und die Sperrstunde.
»Weißt du, warum es in Berlin keine Sperrstunde gibt?«
Hildegard Knef nippte an ihrem Negroni und stellte ihn mit spitzem Mund wieder auf die Theke. Gottfried wunderte sich darüber nicht, Frauen bevorzugten in der Regel geschüttelte Cocktails, mit Fruchtsäften oder Sahne, eher süß als sauer. Für die Knef hätte er einen Monkey Gland empfohlen, Gin, Orangensaft, Absinth, Grenadine und Zuckersirup, auf viel Eis gewissenhaft geschüttelt, nur so bildete sich der feinperlige Schaum, und anschließend in eine vorgekühlte Cocktailschale abgeseiht.
»Nein, Zelli, keine Ahnung, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.«
Sie sah sich nach ihren Bekannten um. Vor zwei Stunden war sie mit Schauspielerkollegen, Regisseuren und Produzenten in Harry’s Ballroom eingefallen, eine laute, lebendige und feierlustige Truppe. Die Berliner Filmfestspiele waren heute zu Ende gegangen, und da wollten sie offenbar noch ein wenig nachfeiern. Inzwischen waren allerdings alle wieder verschwunden bis auf Yves Allégret und Georges Glass, Regisseur und Produzent von Hildegard Knefs neuestem Kinofilm, »La Fille de Hambourg«. Die anderen, die normalen, die nicht berühmten Gäste hatte der Türsteher schon vor einer Stunde hinauskomplimentiert, nicht zuletzt, weil sie die Knef angestarrt hatten wie ein Weltwunder und sie davon zunehmend genervt war.
»1949, da mussten Kneipen in Berlin noch um 22 Uhr schließen. Die Alliierten wollten nicht, dass wir allzu viel Spaß hatten. Logisch, erst alles kaputt machen, und dann noch Ringelpiez mit Anfassen! Aber ich, ich fand das nicht so stramm, hoppla, schließlich sind wir in Berlin! Weltstadt! Roaring Twenties, schon vergessen? Also bin ich zu Frank, Frank Howley, dem amerikanischen Stadtkommandanten, mit einer Flasche Rittenhouse Rye Whisky, hat mich ein Vermögen gekostet. Als ich wieder rauskam, war die Pulle leer, der Frank redete nur noch verdrehtes Zeug, und ich hab erst mal hinter den nächsten Holunderbusch«, fast hätte er ›gekotzt‹ gesagt, beließ es jedoch bei einer eindeutigen Handbewegung. »Was soll ich sagen, Hildchen, vom nächsten Tag an war die Sperrstunde in Berlin Geschichte. So war das.«
»Dolle Sache, Zelli.« Die Knef rutschte von ihrem Barhocker. Regisseur und Produzent standen schon am Ausgang, der eine müde und schwankend, der andere mit dem pulsierend roten Kopf eines Menschen mit Bluthochdruck, und winkten ihr auffordernd zu. Sie drehte sich zu Gottfried und warf ihm einen intensiven Blick zu, einen, den er so schnell nicht vergessen würde: Für ihn war sie die schönste Frau der Welt. Jeden ihrer Filme hatte er sich gleich mehrere Male im Kino angesehen. Vor allem »Die Sünderin«, die wenigen Sekunden ihrer Nacktheit darin. Worum es in dem Film ging, war ihm egal.
»Ich habe Sie beobachtet, Gottfried. Knorke, wie Sie das machen. Hätte ich in Deutschland nicht erwartet.«
Gottfried verbeugte sich verlegen. Ein solches Kompliment von einer Frau, die in Paris lebte und mit absoluter Sicherheit luxuriösere Etablissements gewohnt war als Harry’s Ballroom …
»Danke.« Mehr fiel ihm nicht ein.
»Du musst mir noch von deinem neuen Film erzählen, ›Das Mädchen aus Hamburg‹, schöner Titel«, drängte sich Zeltinger dazwischen, warf Gottfried einen 50-D-Mark-Schein hin und heftete sich an Knefs Fersen.
»Ach, Zelli, lass gut sein, ich weiß doch, worum es dir eigentlich geht, ich …«
Mehr konnte Gottfried nicht verstehen, der Abstand war zu groß geworden. Denken konnte er sich das auch so. Zeltinger hatte den Ruf eines rastlosen Schürzenjägers, das war einer der Gründe, warum er gerne in Harry’s Ballroom kam, obwohl er selbst Betreiber eines Nachtklubs war. Hier, hieß es, verkehrten die tollen Frauen, die wilden, die, die Lust auf Abenteuer hatten und sich nicht übertrieben zierten. Harry hatte denselben Ruf wie Zeltinger, allerdings mit dem Unterschied, dass Harry als Gentleman galt, als ein feiner, höflicher Mann, der eine Frau niemals derart bedrängen würde, wie Zeltinger es ständig tat, und es fand sich keine Frau, mit der Harry einmal zusammen gewesen war oder ein Verhältnis gehabt hatte, die schlecht über ihn redete.
Gottfried begann aufzuräumen. Zu seinem Erstaunen verließen die Knef und ihre Begleiter den Ballroom ohne Zeltinger, der ihnen wütend hinterherstarrte, bevor er zur Theke zurückkehrte, noch einen Negroni bestellte und stumm vor sich hinbrütete.
Gottfried stellte die Musik ab. Solange er unter Hochdruck arbeitete, nahm er sie nicht wahr, wenn jedoch das hektische Treiben abflaute, fühlte er sich von dieser merkwürdigen Mischung aus Schlager und Swing, die Harry Renner höchstpersönlich jede Woche neu auswählte, regelrecht angegriffen. Nur selten traf ein Titel seinen eigenen Geschmack. Er liebte Songs wie ›All I have to do is dream‹ von den Everly Brothers oder ›Lonesome Town‹ von Ricky Nelson. Musik, wie Harry sie hasste, trauriges Gejammer, Musik für Selbstmörder nannte er sie.
»Ruf mir mal ein Taxi, Gottfried«, sagte Zeltinger mit gruftiger Stimme, der weitere Negroni hatte seinen Frustpegel offenbar noch ansteigen lassen. »Der Fahrer soll sich beeilen. Bestell gleich zwei. Wer zuerst da ist, kriegt die Fahrt.«
Gottfried bestellte nur ein Taxi. Wenn Zeltinger gleich das erste nahm, bekam er ja nicht mit, dass kein zweites kam; er verschloss die Geldkassette und brachte sie in den Safe in Harrys Büro. Zeltingers Fünfziger steckte er in seine Hosentasche, in der er schon Fünfmarkstücke und andere Scheine gebunkert hatte. »Alle Barkeeper bescheißen«, hatte Harry ihm gleich am Anfang gesagt, als er ihn eingestellt hatte. »Ich weiß das, und ich will von dir kein peinliches Versprechen, dass das bei dir anders ist. Aber ich sage dir eins: Wenn es mir zu arg wird, bist du raus, und mit raus meine ich, du wirst in dieser Stadt keinen Job mehr als Barmixer kriegen. Kapiert?« Gottfried hatte es kapiert, nur wäre er witzigerweise nie auf die Idee gekommen, in die eigene Tasche zu wirtschaften, wenn Harry nichts gesagt hätte.
Als er in die Bar zurückkehrte, war Zeltinger verschwunden. Ein Glück, dachte Gottfried, einen wie Zeltinger konnte man nicht rausschmeißen, da musste man warten, bis der freiwillig ging.
»Ich bin dann mal weg, Gottfried. Bis morgen!«
Er hatte Rosi nicht bemerkt, die sich zusammen mit Rucki Müller anschickte, den Ballroom zu verlassen. Rucki machte einen deprimierten Eindruck, seine Glatze glänzte vor Schweiß, und er schlich wie ein trauriger, trotziger Dackel hinter Rosi her.
»Ich geh alleine, okay?«, pflaumte sie ihn an, und er nickte betreten. Die beiden hatten Streit, so viel war klar.
»Bis morgen, ja«, antwortete Gottfried abwesend. Er werkelte weiter und vermied es, Rucki anzusehen. Der wollte offensichtlich etwas loswerden, bestimmt wegen Rosi, aber Gottfried hatte keine Lust, es sich anzuhören. Eine Minute später hatte auch Rucki sich verzogen. Gottfried fühlte sich unendlich müde. Zehn Stunden hinterm Tresen waren an sich schon harte, anstrengende Arbeit, doch das Mixen und Schütteln, das durch die Luft Wirbeln von Flaschen, Gläsern und seinem Boston Shaker, sprich die akrobatische Choreografie seiner einzigartigen Barmixer-Show, die er Abend für Abend ablieferte – das war noch anstrengender. Und weniger Show ging nicht, schließlich hatte Harry ihn vor allem deswegen eingestellt, und sein Können war mit einer der Gründe, warum Harry’s Ballroom schon kurz nach seiner Eröffnung vor einem Jahr der angesagteste Nachtklub Berlins geworden war. Es gab einen zweiten Barmixer, dem Gottfried nicht aus Nettigkeit, sondern einfach, um etwas mehr Freizeit zu haben, versucht hatte, ein paar Tricks beizubringen, doch dabei waren so viele Gläser und Flaschen draufgegangen, dass Harry ihm jede weitere Nachhilfestunde untersagt hatte.
Gottfried öffnete die Tür, ein Windstoß wehte ihm die Schiebermütze vom Kopf und ließ ihn frösteln, erst jetzt merkte er, wie durchnässt sein Hemd war. Er zögerte. Draußen war es nicht wirklich kalt, aber er wollte sich nicht schon wieder so eine Sommergrippe einfangen wie vor zwei Wochen. Also ging er noch einmal zurück ins Büro, wo Harry seinen weißen, federleichten Seidensommermantel hatte hängen lassen, und schlüpfte hinein.
Sorgfältig verschloss er die Tür, zwei Schlüssel, zwei Schlösser, und dann noch das Scherengitter, dessen Rasseln ihm jetzt um kurz nach fünf Uhr morgens unangenehm laut erschien. Um diese Zeit war es noch still auf dem Ku’damm, zumindest an einem Dienstagmorgen. Er fischte eine reichlich verschrumpelte Zigarette aus der Pall-Mall-Packung in seiner Gesäßtasche. Freizeit, endlich! Es war Sommer. Er würde ein paar Stunden schlafen, dann raus zum Wannsee fahren und dort den Tag verbringen, sich im Strandcafé Lido bedienen lassen, allein Zeltingers Fünfziger würde mehr als ausreichen, das eine oder andere Fräulein einzuladen. Geld zu haben, war eine feine Sache.
Er riss ein Streichholz an. In das Zischen der Flamme mischte sich ein merkwürdiges Geräusch, ein Sirren, wie wenn man mit einem Stöckchen schnell durch die Luft fährt. Im selben Augenblick traf ihn ein heftiger Schlag in den Rücken. Ein brennender Schmerz fuhr durch seinen Körper und warf ihn fast zu Boden. Seine Augen wanderten langsam hinunter, als wären sie plötzlich gelähmt. Aus seinem Brustkorb sah er etwas Schwarzes herausragen, was da nicht hingehörte, eine Spitze – mit einem Widerhaken? Vergeblich versuchte er, seine Hand zu heben, um danach zu greifen. Er sackte auf die Knie, ihm wurde schwarz vor Augen, und er fiel nach vorn. Den Aufprall auf den Pflastersteinen spürte er nicht mehr.
Der Sekundenzeiger des TriVox-Silent-Tic-Weckers wurde immer langsamer. Zumindest kam es Fred so vor. Und immer wenn seine Blicke durch den Raum streiften und wieder zum Zifferblatt zurückkehrten, schien der Zeiger sogar stillzustehen. Fred schüttelte seinen Kopf, wie ein Hund, der ins Wasser gefallen war und alle Tropfen wieder loswerden wollte. Es half nicht, natürlich nicht. Nichts half gegen diese unendliche, tiefe Müdigkeit. Außer Schlafen. Das war das Problem: Der Schlaf war nicht gekommen.
Gestern hatte Fred seinen ersten Fall gelöst, genau eine Woche, nachdem er seinen Dienst als Kriminalassistent bei der Mordkommission I in der Hauptabteilung Delikte am Menschen angetreten hatte. Die sieben vergangenen Tage waren wie ein Ritt auf einem Wildpferd gewesen, wie Rudern in seinem Skiff bei Windstärke 10, und als es vorbei war, hatte sich das nur einen Moment lang wie Erleichterung angefühlt. Kaum hatte er gestern das LKA verlassen und war mit seinen Gedanken allein, bedrängten sie ihn wie die Meeresbrandung bei Springflut. Einem Impuls folgend, hatte er sich eine Tafel Schokolade und einen halben Liter Milch gekauft, beides ein Luxus, den er sich in all den Jahren als Gaslaternenanzünder nie gegönnt hätte. Er hatte die Schokolade in Windeseile verschlungen und die Milch hinterhergeschüttet. Der Geschmack beschwor Erinnerungen an seine Kindheit in Buckow in der Märkischen Schweiz herauf, als es nur zweimal im Jahr Schokolade gegeben hatte. Weihnachten und an seinem Geburtstag. Bei diesem Gedanken erschrak er heftig. Der 8. Juli, vor drei Tagen war sein Geburtstag gewesen … er hatte ihn vergessen, er hatte einfach seinen Geburtstag vergessen! Alle Aufmerksamkeit, alle Energie waren auf den Mordfall gerichtet gewesen. Diese entsetzliche Bösartigkeit, die der Hintergrund für den Mord gewesen war, und die Begleitumstände … Was für ein merkwürdiges Wort. Dann der Umgang mit seinen Vorgesetzten und mit seiner Kollegin, Sonderermittlerin Ellen von Stain. Und er hatte das erste Mal in seinem Leben mit einer Frau geschlafen, Hanna, seiner Pensionswirtin.
Unendlich müde hatte er sich gestern Abend in sein Bett geworfen, aber jedes Mal, wenn seine Glieder sich entspannten und der ersehnte Schlaf kommen wollte, tauchten diese Fotos von den Opfern vor seinen Augen auf, beschleunigte sich sein Puls, und er begann wie nach einem harten Rudertraining zu schwitzen. Um die Erinnerung zu verscheuchen, sprang er aus dem Bett, tigerte in seinem Zimmer hin und her, lehnte sich zum Fenster hinaus, suchte Ablenkung in den vorbeiziehenden Autos und U-Bahnen, schnappte sich ein Buch, Shakespeare, Sommernachtstraum. »Eine Komödie, die bringt dich auf andere Gedanken«, hatte Hanna gesagt, als sie es ihm gestern Abend aus dem gigantischen Bücherregal im Aufenthaltsraum vom obersten Regalbrett heruntergeholt hatte. Sie hatte ihm angesehen, wie sehr ihn der Fall mitgenommen hatte, zugleich hatte sie sich geärgert, dass er ihr keine Einzelheiten erzählen wollte.
Es war immer heftiger geworden. Zuerst waren es nur die grauenhaften Fotos gewesen, die ihn verfolgten. Doch die zeigten nur Menschen, die er nicht kannte, deren Schicksal und Leiden ihn zwar zutiefst berührten und in ihm eine ohnmächtige Wut auf den Täter und dessen Sadismus auslösten. Dennoch quälten sie ihn nicht so wie die Bilder, die dann auftauchten, die in einem Winkel seiner Erinnerung gewartet hatten, um sich über ihn herzumachen. Die Erinnerung an Ilsa, an ihren nach Hilfe schreienden Blick, sie in ihrer kleinen Kammer und er draußen auf seiner Leiter an der Gaslaterne. An die beiden Männer, die sich über sie hergemacht hatten, und an seine Machtlosigkeit, die Unfähigkeit, Ilsa zu beschützen.
Als sein Wecker fünf Uhr anzeigte, gab Fred endgültig auf, zog sich an, packte seine schmutzige Wäsche in seinen Handkoffer und machte sich zu Fuß auf den Weg ins LKA, den längeren, schöneren Weg entlang des Landwehrkanals, die aufgehende Sonne im Rücken. Die Wettervorhersage in der Berliner Morgenpost hatte für heute wieder einmal kurze, heftige Gewitter angekündigt, allerdings erst am Nachmittag; noch sah es nach einem grandiosen, wenn auch schwül-warmen Sommertag aus. Beim Bäcker am Kottbusser Tor holte er sich eine dick mit Butter geschmierte Schrippe, ohne wirklich Hunger zu haben. Im Grunde ging es ihm nur darum, mit der Verkäuferin ein paar Worte zu wechseln, was die jedoch so früh morgens gar nicht wollte, und schon nach dem ersten Bissen schob er die Schrippe zurück in die Papiertüte.
Fred liebte die frühmorgendliche Atmosphäre im erwachenden Berlin, sie war ihm noch vertraut aus seinen Jahren als Laternenanzünder. Wenn er damals weit vor Tagesanbruch begonnen hatte, die Gashähne der Straßenlaternen in seinem Bezirk zuzudrehen, herrschte noch diese wundersame Ruhe der Nacht. Zwei Stunden später, so lange brauchte er für alle Laternen, war die Stadt zwar immer noch nicht hellwach, aber schon spürbar unruhiger. Nach getaner Arbeit streifte er dann durch die Straßen, wie ein unsichtbarer Beobachter, der alles wahrnahm und doch von niemandem gesehen wurde und der diese Unsichtbarkeit genoss. Erst im Laufe des Vormittags verschwand sein wohliges Gefühl. Je mehr Menschen er begegnete, die ihrem Tagewerk nachgingen, desto einsamer fühlte er sich. Jeder schien ein festes Ziel zu haben, einen definierten Sinn im Leben, selbst die zahlreichen Bettler in den Straßen. Und die, die keins hatten, waren Arbeitslose, Obdachlose oder durch die Straßen torkelnde Überbleibsel nächtlicher Sauftouren. Und Fred selbst. Meist war er dann ins Kino gegangen, noch nicht müde genug, um schlafen zu gehen. Zuerst ins AKI am Zoo, in dem von morgens um neun bis Mitternacht fünfzigminütige Zusammenschnitte verschiedener Wochenschauen in Endlosschleife liefen, mit atemberaubenden Einblicken in Welten, die Fred unendlich fremd waren, ihm, dem Jungen vom Land, geboren und aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Danach wechselte er häufig in eins der zahlreichen Programmkinos und sah sich an, was gerade lief. Hollywoodfilme, französische Filme, deutsche Filme, manchmal sogar russische. Irgendwann stellte sich endlich nach und nach eine erschöpfte Müdigkeit ein, die ihn ins Bett zwang, in seinem winzigen Zimmer im Hinterhaus eines düsteren Wohnblocks in der Goltzstraße in Schöneberg. Um dann ein paar Stunden später wieder loszuziehen, wieder die Gashähne der Straßenlaternen aufzudrehen, deren warmes, gelbliches Licht die von Hundekot und sonstigem Dreck verschmutzten Straßen fast wie gemütliche Orte erscheinen ließ.
Die Mordkommission war noch verwaist, als Fred sich in den Schreibtischstuhl fallen ließ und seinen Koffer neben den Tisch stellte. Nicht einmal die Sekretärin Sonja Krause war vor Ort. Normalerweise war sie die Erste der gesamten Abteilung. Sie machte dann Kaffee, füllte ihn in eine riesige Thermoskanne, goss die Gummibäume und wischte mit einem feuchten Tuch den Staub von ihren Blättern, auch wenn nicht ein einziges Staubkörnchen darauf zu erkennen war, und wenn sie damit fertig war, setzte sie sich hinter ihre Schreibmaschine und wartete, bis einer der Kommissare oder die Chefsekretärin Josephine Graf auftauchte. Dann erwachte sie wie eine mechanische Puppe zum Leben, wünschte einen guten Morgen und lächelte beflissen, den Blick schnell wieder auf den Boden gerichtet. In diesen Momenten war sie Fred immer ein wenig unheimlich gewesen.
»Fred.«
Er zuckte zusammen. Ellen von Stain. So wie sie seinen Namen aussprach, tat es niemand sonst. Ironisch, zugleich überheblich und lässig, und all das mit nur einer Silbe.
»Sie hätte ich um diese Zeit am allerwenigsten hier erwartet«, erwiderte er und streckte sich. Vor ihm lag die Berliner Morgenpost, die er sich unten in der Poststelle besorgt hatte. Schon beim Lesen des ersten Artikels hatte ihn seine Müdigkeit übermannt. »Urteil im Butterprozess – 49 Monate Gefängnis, 14,8 Millionen DM Strafe«: Zollbeamte hatten sich von Schmugglern einspannen lassen und waren aufgeflogen.
Ellen lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen, sie sah auf den ersten Blick umwerfend wie immer aus, auf den zweiten jedoch müde und blass. Sie stieß sich ab und ging zu ihrem Schreibtisch, dem einzigen, auf dem außer einer Schreibunterlage aus grünem Leder und einem gewaltigen verchromten Ventilator von General Electric nichts zu finden war, kein Bleistift, kein Papier, keine Büroklammer, gar nichts. Sie schaltete den Ventilator ein und hob ungeniert ihre Bluse ein wenig hoch, um den Luftstrom auf ihre nackte Haut zu lenken. Beschämt senkte Fred seinen Kopf und widmete sich wieder der Zeitung.
»Und? Gibt es was Interessantes?«, fragte Ellen mit geschlossenen Augen.
»Petticoat Mörder überführt«: Die Überschrift stach Fred unten auf der Seite ins Auge. Den Artikel dazu wollte er nicht lesen. Er hatte den Fall mithilfe von Ellen von Stain gelöst, aber es war klar, dass sich sein direkter Vorgesetzter, Kriminalkommissar Auweiler, den Erfolg auf die Fahnen geschrieben hatte und entsprechend in dem Artikel dafür gelobt werden würde.
»Nein«, antwortete er.
Ellen lächelte ihn an. »Steht da nichts über Gina? Die war doch gestern beim ollen Willy zu Besuch. Kein Foto?«
»Doch.« Das Foto prangte oben rechts auf der Titelseite und zeigte die Lollobrigida, wie sie sich ins Goldene Buch der Stadt Berlin eintrug, Willy Brandt stand daneben mit einem Strauß roter Rosen. In seinen Händen wirkten die Blumen wie Fremdkörper. Hatte der Willy denn noch nie einer Frau Rosen geschenkt?
»Tolle Frau. Ich habe sie nach ihrem persönlichen Spaghettirezept gefragt. Jede Italienerin hat bekanntlich ein eigenes.«
»Und?« Fred versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie beeindruckt er war. War Ellen von Stain wirklich bei dem Empfang dabei gewesen?
»Sie glauben mir nicht, Fred.«
»Ist das wichtig?«
»Nicht wirklich«, antwortete sie, drehte ihren Rücken in den Luftstrom und lüftete erneut ihre Bluse ein wenig.
Zum hundertsten Mal fragte Fred sich, was Ellen hier bei der Mordkommission verloren hatte. Warum tat sie sich diese Arbeit an, sie, die in höchsten Kreisen verkehrte und es finanziell ganz sicher nicht nötig hatte, überhaupt zu arbeiten.
»Lassen Sie mich raten. Sie sind so ein Sensibler, Sie haben keinen Schlaf gefunden letzte Nacht. Wegen der Fotos.«
Fred zog es vor zu schweigen. Ellen von Stain war unberechenbar und konnte mit ihrer ewigen Ironie sehr anstrengend sein. Sie wandte sich um, und für einen Moment meinte er, in ihren Augen ein feuchtes Schimmern zu sehen. »Furchtbar, was manche Menschen anderen antun.«
Fred sah sie erstaunt an. Bei ihr hätte er alles Mögliche erwartet, erkennbares Mitgefühl gehörte nicht dazu.
»Ich bin keine Maschine, Fred«, sagte sie mit sanfter Stimme.
Fred spürte, wie er unter ihrem Blick errötete. Sie setzte an, weiterzusprechen, und wirkte fast ein wenig unsicher, als würde ihr das, was sie sagen wollte, nicht leichtfallen. In dem Moment klingelte das Telefon auf Kommissar Auweilers verwaistem Tisch. Sie schüttelte leicht den Kopf – weil sie es bedauerte, gestört zu werden?
Fred zögerte. Sein Status als Kriminalassistent in Probezeit gestattete es ihm nicht, offizielle Telefonate ohne Erlaubnis eines Kommissars entgegenzunehmen, und nach den Rüffeln, die er vom stellvertretenden Abteilungsleiter Kriminalhauptkommissar Willi Merker in den letzten Tagen hatte einstecken müssen, war offenkundig, dass er die Probezeit nicht bestehen würde, wenn er sich »irgendetwas zuschulden kommen lassen« würde, was auch immer das genau bedeutete.
»Gehen Sie ran, Fred«, sagte Ellen, griff nach seiner Tageszeitung und gähnte lächelnd. »Erlaubnis erteilt von der Sonderermittlerin Ellen von Stain.«
Fred hob den Hörer ab. »Guten Morgen.«
»Morjen. Wachtmeister Koschewski hier. Bin ick hier jetzt da rischtisch inner Mordkommission oder wat?«, berlinerte eine genervte Stimme in der Leitung.
»Sind Sie, Kriminalassistent Lemke am Apparat«, erwiderte Fred.
»Ach nee. Zuerst verbinden die mich mit der Sitte, und da sitzen nur Frauen«, bemühte sich der Wachtmeister, hochdeutsch zu sprechen, »und jetzt mit einem Assi statt einem Kommissar. Was ist bloß los mit dir, Berlin?«
»Worum geht’s?«, fragte Fred, ohne sich provoziert zu fühlen. In Berlin erwiesen sich die, die sich leicht aufregten, oft als die Nettesten. Das war anders als auf dem Land, wo er herkam.
»Ick darf nur mit’m rischtjen Kommissar reden«, fiel der Wachtmeister wieder ins Berlinern zurück. »Dienstanweisung.«
Fred hielt Ellen den Hörer hin.
»Hallo, was gibt’s?«, fragte Ellen in den Hörer. »Sie sprechen mit der Mordkommission, Sonderermittlerin von Stain.« Sie hörte einige Sekunden zu. Sehr schnell bildete sich über ihrer Nasenwurzel eine tiefe Zornesfalte. »Hören Sie zu, Herr Bratkowski oder wie Sie heißen.« Als der Mann am anderen Ende der Leitung das offenbar nicht tat, schlug sie ein paar Mal den Telefonhörer auf die Tischplatte, bevor sie ihn wieder ans Ohr hielt.
»Okay, guter Mann. Wenn Sie weiterhin meinen Dienstgrad in Zweifel ziehen, werden Sie bald keinen mehr haben, haben Sie mich verstanden? Dann wird Ihr Chef heute noch einen Anruf vom stellvertretenden Polizeipräsidenten Grasner erhalten. Also, jetzt reden Sie.«
Fred horchte auf. Das war das zweite Mal, dass er einen Hinweis bekam, warum Ellen diese Sonderstellung innehatte. Vor ein paar Tagen hatte er die beiden gemeinsam in der Kantine gesehen, was allerdings nicht so ungewöhnlich war: Grasner galt als jovialer Dienstherr, der die Nähe zu seinen Untergebenen nicht scheute, allerdings auch als die graue Eminenz im LKA, ein geschickter, mächtiger Strippenzieher.
Ellen riss die Augen auf. »Ist das Opfer weiß gekleidet?« Die Antwort ließ sie eine Spur blasser werden. »Scheiße. Wir kommen.« Sie legte auf. »Ein Ermordeter vor Harry’s Ballroom. Offensichtlich der Besitzer, Harry Renner selbst.«
Fred sah sie fragend an.
»Fred, Fred, Fred«, sagte sie, jetzt klang sie wieder ganz wie die Ellen von Stain, deren Überheblichkeit ihn zur Weißglut treiben konnte. »Harry’s Ballroom ist der angesagteste, berühmteste, erfolgreichste Nachtklub von ganz Berlin. Von ganz Deutschland. Den kennt jeder. Sogar unsere Brüder und Schwestern drüben in der Zone.«
»Ich nicht«, erwiderte er.
»Na, dann kommen Sie mit, und lernen Sie ihn kennen.« Sie tippte auf das Foto auf der Titelseite der Zeitung. »Haben Sie es bemerkt? Der olle Willy guckt der Lollo nicht auf die Hand, sondern in den Dekolleté.«
Egon Hohlfeld, der Fahrer der Mordkommission I, saß auf der Treppe, die hinaus in den Innenhof führte, und las in einem Comicheft. »Sigurd, der ritterliche Held«, entzifferte Fred. Als Hohlfeld Ellen erkannte, sprang er auf.
»Da brat mir doch einer ’n Storch, die Sonderermittlerin! Um die Zeit!«
»Zum Ku’damm, Fahrer, WOGA-Komplex«, erwiderte Ellen kühl. »Wir nehmen den Benz.«
»Du Ellen, ich Egon«, sagte er grinsend. »Wir waren schon beim Du.«
»Ich habe es mir anders überlegt. Und jetzt los.«
Für einen winzigen Moment verunsichert, forschte Hohlfeld in Ellens Gesicht, ob sie es ernst meinte, bevor sein Grinsen zurückkehrte.
»Also, den Mercedes hat der Chef genommen. Ihr … Sie können nur das Motorrad nehmen. Oder Fahrräder. Wir haben hier klasse Räder der Marke Vaterland. Die sind nicht totzukriegen. Vorkriegsräder. Das Hakenkreuz mussten sie wegschleifen.« Er lachte. »Halten länger als das Tausendjährige Reich!«
»Wir nehmen das Motorrad.« Ellen deutete auf die fünfsitzige BMW, die die Mordkommission vom Überfallkommando übernommen hatte, nachdem man dort zwei nagelneue BMW 502 mit Achtzylindermotor bekommen hatte. Autos, die sich bei einem Kaufpreis von fast 20 000 Mark kaum jemand leisten konnte. Der Berliner Polizei hatte das bayerische Unternehmen sie praktisch zum Selbstkostenpreis überlassen. Nicht ohne Hintergedanken, denn überall, wo die »Barockengel«, wie man sie scherzhaft wegen ihrer ausladend knuffigen, abgerundeten Form nannte, auftauchten, rissen sich die Leute darum, sie aus der Nähe zu betrachten. »Wir fahren Reklame für die Bayerischen Motorenwerke«, hieß es deswegen spöttisch unter den Polizisten des Überfallkommandos.
Hohlfeld zog sich am Treppengeländer hoch und schlurfte hinüber zu dem Motorrad, auf dem Weg klaubte er drei Helme aus einem Regal. Einen warf er Fred zu, den anderen überreichte er Ellen mit einer ironischen Verbeugung. Sie setzte ihn wortlos auf. Hohlfeld zuckte mit den Schultern.
»Auf geht’s, Damen und Herren. Wir legen ab. Knattermann und Söhne.« Er trat den Anlasser und lauschte mit Hingabe dem laut werkelnden Boxer-Motor.
Fred grinste. Er mochte den nur zwei Jahre älteren Fahrer, der immun gegen jede Art von Angst oder Einschüchterung zu sein schien, eine unabhängige Frohnatur, die sich mehr herausnehmen konnte als andere hier im LKA. Wie die Narren, früher, an den Fürstenhöfen.
Der Fahrtwind tat gut. Gleich einem Delfin und deutlich schneller als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h lenkte Hohlfeld das sperrige Gespann durch den Morgenverkehr, auf seinem Gesicht lag ein zufriedenes Lächeln. Mehrere Male hatte Fred das Gefühl, dass eine Kollision mit einem anderen Verkehrsteilnehmer unvermeidbar war, doch im letzten Moment fand Hohlfeld wieder eine Lücke, durch die er lässig hindurchschlüpfte. Während Fred eine Weile brauchte, bis er seinem Fahrstil vertraute – es war das erste Mal, dass er Hohlfeld als Lenker des Motorrads erlebte –, saß Ellen von Anfang an entspannt mit geschlossenen Augen auf dem Soziussitz hinter Hohlfeld, und, wie um ihr uneingeschränktes Vertrauen zu dokumentieren, löste sie hin und wieder ihre Hände vom Haltegriff und streckte ihre Arme weit von sich, als wollte sie fliegen.
Vor Harry’s Ballroom hatten sich nur wenige Neugierige eingefunden, die von Streifenpolizisten weit auf Abstand gehalten wurden. Hohlfeld lenkte die BMW an den Polizisten vorbei und hielt zwei Meter neben der Leiche.
»Du Rüpel, was fällt dir ein?«, brüllte einer der Beamten, kam herbeigestürzt und packte Hohlfeld am Ärmel. »Hier ist ein Bürgersteig, du halbstarkes Bürschlein, hier ist ein Tatort, hier …« Er verstummte, als Ellen ihm ihre Marke unter die Nase hielt.
»Lassen Sie den Mann los.« Sie schwang sich vom Motorrad. »Ist die Spurensicherung schon da?«
Der Wachtmeister starrte sie sprachlos an, als sie ihren Helm abzog und ihre Haare ausschüttelte.
Hohlfeld ließ den Motor kurz aufheulen. »Ich bin da vorne an der Ecke, Leute, in der Bäckerei. Muss was frühstücken, ’n Kaffee, ’n Zigarettchen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, gab er Gas, jagte die BMW quer über den Bürgersteig und zwang sie zu einem Satz den Bordstein hinunter auf die Straße.
»Lemke, Mordkommission I«, stellte Fred sich vor. »Das ist Sonderermittlerin Ellen von Stain. Sind Sie Wachtmeister Koschewski?«
»Ja, das bin ich.«
»Weiß man schon, wer der Tote ist?«, fragte Fred.
»Er arbeitet in dem Nachtklub. Die Schlüssel an dem Schlüsselbund neben ihm passen zur Eingangstür und zu dem Gitter davor.«
»Das ist nicht Harry«, stellte Ellen fest und wandte sich an den Wachtmeister. »Wurde Harry Renner schon benachrichtigt?«
»Nein«, antwortete er und sah, während er fortfuhr, nur Fred an, »wir wurden ja erst vor einer halben Stunde gerufen.«
»Lassen Sie sich die Adresse vom Einwohnermeldeamt geben. Hallo, was ist los mit Ihnen? Hier spielt die Musik!«, fuhr Ellen den Wachtmeister an, worauf der rot anlief und Mühe hatte, sich zu beherrschen. »Und wenn Sie die Adresse haben, holen Sie Harry Renner her. Haben Sie verstanden?«
Koschewski murmelte einige unverständliche Worte und wandte sich zum Gehen.
»Ich habe Sie gefragt, ob Sie verstanden haben.« Ellen von Stains Ton war leise und ruhig, was umso bedrohlicher wirkte.
»Verstanden, ja«, erwiderte der Wachtmeister und salutierte übertrieben.
Ellen entließ ihn mit einer Handbewegung. Fred hatte die Szene mit gemischten Gefühlen beobachtet. Der Wachtmeister tat ihm leid, wie die meisten Männer tat er sich schwer damit, Befehle von einer Frau entgegenzunehmen, andererseits hatte Ellen lediglich den Respekt eingefordert, der ihr zustand.
Fred hockte sich neben den Toten, der auf dem Bauch lag, den Kopf zur Seite gedreht. Ein junger Mann, etwa in seinem Alter, die Augen weit geöffnet. Aufgerissen, vor Entsetzen? Der Tod lässt alle Muskeln entspannen, selbst bei einem plötzlichen Tod spiegelt der Gesichtsausdruck nicht das letzte Gefühl eines Sterbenden wider. Das war zumindest die allgemeine Lehrmeinung, von der Fred nichts hielt. Der erste Tote, den er gesehen hatte, war sein Vater gewesen, und in dessen Gesicht hatte er geglaubt, den unendlichen Schmerz gelesen zu haben, den dieser in den letzten Monaten am Ende seines Lebens gelitten und der ihn den Freitod als einzigen Ausweg hatte sehen lassen.
Vor Freds Augen wurde es plötzlich dunkel, als hätte sich ein Vorhang herabgesenkt, der nicht nur jedes Licht schluckte, sondern alle Geräusche dumpf und entfernt erscheinen ließ. Um nicht sein Gleichgewicht zu verlieren, ließ er sich in den Schneidersitz fallen und schloss die Augen.
»Was machen Sie da, Fred?« Ellens Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Meditieren Sie? Soll ich für Sie eine Kerze anzünden und einen Gong schlagen?«
Fred riss sich zusammen und widmete sich wieder dem Toten vor sich.
»Sie wissen nicht, was Meditieren bedeutet, geben Sie es zu«, hakte Ellen nach und bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln, das ihm das Gefühl gab, auf Zwergengröße zu schrumpfen.
»Buddhisten meditieren. Wissen Sie, was Buddhismus bedeutet?«, fragte er zurück.
»Natürlich weiß ich das«, erwiderte sie.
»Tatsächlich? Wurde so etwas an der Eliteschule gelehrt, auf der Sie mit Sicherheit waren?«
Ellen lachte, als hätte er einen großartigen Scherz gemacht.
»Ich war auf einem katholischen Mädcheninternat, das von Nonnen geführt wurde. Wenn Sie da das Wort Buddhismus in den Mund genommen hätten, hätten Sie zwanzig Mal den Rosenkranz beten und eine Woche auf den Nachtisch verzichten müssen.«
»Aha.«
Auf dem Rücken des Toten hatte sich in dem weißen Seidenmantel ein großer, kreisrunder Blutfleck abgezeichnet. In der Mitte des Flecks war der Stoff zerrissen, die Ränder um das mit Blut gefüllte, längliche Einschussloch waren ausgefranst. Das war merkwürdig: Ein Projektil aus einer Pistole oder einem Gewehr hätte den Stoff glatt durchdrungen, ein Messer ebenfalls.
»Er heißt Gottfried. Den Nachnamen kenne ich nicht. Es ist der Barmixer«, sagte Ellen. »Wenn man jemanden nur nachts im Schummerlicht sieht, erkennt man ihn am Tag kaum wieder.«
So wie die Arme neben dem Toten lagen, nach hinten gestreckt wie die Flügel eines Pinguins, und so wie er mit dem Gesicht ungeschützt auf den Boden aufgeschlagen war, hatte er nicht versucht, seinen Fall abzufangen. Was immer ihn in den Rücken getroffen hatte, hatte den Mann wie einen angesägten Baum nach vorne kippen lassen.
»Ah, guten Morgen, Herr Lemke.«
Fred blickte auf. Julius Moosbacher von der Spurensicherung stellte seinen riesigen Arbeitskoffer neben dem Toten ab und klappte ihn auf.
»Frau von Stain.« Moosbacher nickte Ellen zu, holte eine Leica-Kamera aus seinem Koffer und begann ohne weitere Worte zu fotografieren. Auch er machte einen müden Eindruck.
Ellen beäugte den Inhalt des Koffers, als sähe sie zum ersten Mal, was zu einem Mordbereitschaftskoffer gehörte: Schrittmesser, Bandmaß, Schraubenzieher, Säge, Spritzen zum Aufsaugen von Blut, Wasserstoffsuperoxyd, um Spuren von Blut erkennbar zu machen, Kreide, Draht, Glasbehälter für die Sicherung von Beweismitteln, ein Kompass, Blechetiketten zum Kennzeichnen gesicherter Gegenstände, Gummihandschuhe, Millimeterpapier und Stifte, um eine Tatortskizze anzufertigen, und vieles mehr.
»Und, schon eine Theorie, was hier passiert ist?«, fragte Moosbacher.
»Er wurde von hinten attackiert, keine Ahnung, womit«, erwiderte Fred. »Keine Kugel, und ein Messer war es auch nicht.«
Moosbacher fotografierte schweigend weiter, die Lage der Leiche, die Ausrichtung, die Distanz zum Eingang des Nachtklubs, die Eintrittswunde aus diversen Blickwinkeln. Dann legte er die Leica weg, zeichnete mit beeindruckender Geschwindigkeit eine Skizze des Tatorts, bevor er sich über den Kopf des Toten beugte und die Beweglichkeit des Kiefers, des Halses, der Schulter überprüfte.
»Rigor Mortis bis einschließlich der Nacken- und oberen Brustmuskeln. Todeszeitpunkt also etwa«, er sah auf seine Armbanduhr, »zwischen fünf und sechs Uhr früh heute.« Er winkte Fred heran. »Fassen Sie mal mit an?«
Gemeinsam drehten sie den Toten auf den Rücken und kauerten sich neben den Körper. Aus dem Augenwinkel nahm Fred wahr, wie Ellen amüsiert die Augenbrauen hob und den Blick zwischen Fred und Moosbacher hin- und herwandern ließ.
»Das ist die Spitze eines Pfeils«, sagte Moosbacher. »Einer mit Widerhaken. Deswegen ist er nicht zurück in den Körper gedrückt worden, als der Mann nach vorne fiel.«
Er beugte sich weit vor, um die Spitze aus der Nähe zu begutachten. »Nein, das ist kein Pfeil, das ist ein Bolzen. Der Mann wurde mit einer Armbrust erschossen.«
»Armbrust?«
»Die perfekte Waffe, wenn man aus einer gewissen Distanz töten und jeden Lärm vermeiden will.«
Fred stellte sich hinter den Kopf des Toten und peilte längs des Körpers. »Wenn er nach vorne gefallen ist, ohne sich zu drehen, dann kam der Schuss von da drüben.« Er deutete auf den Lehniner Platz auf der gegenüberliegenden Seite des Ku’damms, der von teils zerbombten, teils intakten Häusern und einem riesigen planierten Trümmergrundstück umgeben war. Auf dem Platz selbst wuchsen vereinzelt Bäume, und dazwischen wucherte Gebüsch. Brombeeren, wie es aussah.
»Der Bolzen hat den Solarplexus durchbohrt. Das bedeutet, seine Muskeln waren unmittelbar nach dem Einschlag vollkommen reaktionsunfähig. Mit einiger Sicherheit ist der Mann gerade nach vorne gefallen. Ja, das würde ich auch sagen: Der Schuss wurde von da drüben ausgelöst.«
»Kann eine Armbrust auf die Entfernung wirklich tödlich sein?«
»Freilich …« Moosbacher zögerte für einen Moment, er bemühte sich normalerweise sehr, nicht durchblicken zu lassen, dass er aus Bayern kam, sein Deutsch war akzentfrei, nur manchmal schmuggelte sich ein bayerisches Wort hinein. »Im Mittelalter haben sie damit die Eisenrüstungen der Ritter glatt durchschossen. Eine gute Armbrust ist zielgenau, man kann aus der Distanz zuschlagen, vierzig Meter und mehr sind kein Problem.« Moosbacher setzte sich auf seinen Koffer. »Bei einem Schuss aus der Nähe wäre der Bolzen mit Sicherheit vorne wieder ausgetreten.«
Er fischte ein Päckchen Wrigley-Kaugummi aus der Brusttasche seines Hemdes. »Auch einen?«
Fred zog einen Streifen aus der Packung heraus, Moosbacher tat dasselbe.
»Wrigley, Chicago. Das wär was, wenn man da mal hinkönnte, oder?«
Fred nickte, auch wenn die einzige Vorstellung, die er von Chicago hatte, aus dem Film »Der Mann mit dem goldenen Arm« stammte, in dem Frank Sinatra den drogenabhängigen Pokerspieler Frankie Machine verkörpert. Darin sah Chicago nicht viel anders aus als Berlin. Er hatte den Film gleich mehrere Male gesehen, nicht, weil ihn die Geschichte begeistert hatte, sondern wegen Kim Novak. Er würde nie einen Film verpassen, in dem sie mitspielte.
»Auf die Distanz so genau zu treffen, dürfte nicht leicht sein.«
»Stimmt, das braucht eine Menge Übung. Und Armbrüste fallen unter das Waffenverbot der Alliierten. Da können Sie nicht im nächsten Park Ihre Zielscheibe aufbauen, um zu üben.«
»Gab es schon mal einen Mord mit einer Armbrust?«
»Nein, das nicht. Aber Armbrust … das ist eine skurrile Geschichte. Kennen Sie Keerans Range? Den Schießstand der Amis im Grunewald? In der Nähe vom Schlachtensee?«
»Ich habe davon gehört. Am Wochenende sammeln Kinder da leere Patronenhülsen ein, um das Metall zu Geld zu machen.«
Moosbacher nickte. »Die Hülsen, aber auch die Projektile aus Kupfermantel und Blei.« Er gähnte. »Ah, dieses Frühaufstehen ist nichts für mich. Macht es Ihnen nichts aus?«
»Doch, sehr viel.«
»Vor ein paar Monaten gab es einen interessanten Zwischenfall«, fuhr Moosbacher fort. »Eine scharfe Granate, die die Amis wohl übersehen hatten, ist auf dem Schießstand explodiert. Warum, war erst unklar. Offiziell gab es keine Informationen. Unter der Hand habe ich erfahren«, er stockte, fast so, als wollte er, dass Fred fragte, von wem, »dass die von der Military Police mit ihren Metalldetektoren gleich mehrere Armbrustbolzen gefunden haben. Sie sind davon ausgegangen, dass einer davon zufällig den Zünder dieser Granate getroffen hat.«
»Und Sie meinen, da hat jemand Armbrustschießen geübt?«
»So nah bei den Amis? Da gibt es im Grunewald bessere Stellen. Nein, wahrscheinlich war es ein Wilderer.«
»Direkt neben dem Schießstand? Ist da das Risiko nicht groß, entdeckt zu werden?«
»Das stimmt, aber da tummeln sich halt auch die meisten Wildschweine. Unsere amerikanischen Freunde haben die Angewohnheit, ständig irgendwas zu futtern. Schokoriegel, Sandwiches, Cookies. Und wenn sie satt sind, packen sie die Reste nicht ein, um sie später zu Ende zu essen, nein, sie schmeißen sie in den Wald, und das lockt die Viecher massenhaft an.«
Fred erinnerte sich an die angebissene Butterschrippe in seiner Jackentasche. Was für eine absurde Vorstellung, sie einfach wegzuwerfen.
»Wenn Sie sich da am Wochenende bei Einbruch der Nacht auf die Lauer legen, brauchen Sie nicht mal ein guter Schütze zu sein, einfach nur in die Richtung der Rotte schießen, irgendein Tier treffen’s alleweil.«
Fred sah Moosbacher amüsiert an. Der verstand den Blick nicht sofort, lachte dann aber.
»Wenn ich müde bin, kommt der Bajuware in mir zum Vorschein. Alleweil heißt ›immer‹.«
»Gottfried sieht nicht gerade wie ein Wildschwein aus«, wandte Ellen, die schweigend zugehört hatte, spöttisch ein.
Moosbacher lachte freundlich. »Sie verstehen schon, dass der Täter trotzdem ein Wilderer sein könnte, oder?«
»Das ist nicht schwer zu verstehen, Herr Moosbacher, nur ist es nicht gerade eine zwingende Schlussfolgerung.«
»Da haben Sie recht. Aber ist das nicht genau unsere Arbeit? Verschiedene Details sammeln, Vermutungen anstellen und immer wieder abgleichen, ob und wie sie zusammenpassen?«
Ellen antwortete nicht, ihr Blick ruhte einige Sekunden auf Moosbacher, ohne dass sich auch nur eine Spur von Unsicherheit in ihren Augen zeigte. »Von wem haben Sie das mit der Granate erfahren?«
»Einem Bekannten«, wich Moosbacher einer klaren Antwort aus.
»Von einem sehr großen Mann, 1,90 mindestens, muskulös, sehr schwarze, sehr kurze Haare, mit einer Narbe hier?« Sie deutete auf ihre rechte Wange.
Moosbacher bemühte sich, keine Reaktion zu zeigen, trotzdem spürte Fred, wie er für einen Moment verunsichert war.
»Wie kommen Sie denn darauf? Nein, eine Frau, klein, braune Haare, sehr dunkle Augen und mit einer etwas zu großen Nase im Gesicht«, antwortete er. Die Beschreibung passte auf Ellen, was sie mit einem lässigen Lächeln quittierte.
»Wertvolle Kontakte gibt man nicht preis, das würde ich an Ihrer Stelle auch nicht machen«, antwortete sie, wandte sich ab und verschwand im Nachtklub.
»Ich werde aus ihr nicht schlau«, sagte Moosbacher und warf Fred einen prüfenden Blick zu.
»Ich auch nicht«, erwiderte Fred, der sich keinen Reim auf diesen merkwürdigen Dialog zwischen den beiden machen konnte.
»Dann werde ich mal weitermachen«, sagte der Spurensicherer und widmete sich wieder der Leiche.
Fred peilte hinüber zum Lehniner Platz. Falls der Täter nicht aus einem Auto geschossen hatte, war das der einzige Ort, an dem jemand ungesehen mit einer Armbrust hantieren konnte. Fred überquerte den Ku’damm und zählte vierzig Schritte bis zu den ersten dürren, frisch gepflanzten Bäumen. Zahlreiche Baumstümpfe ragten nur wenige Zentimeter aus dem Boden, Reste der stattlichen Bäume, die die Berliner sich in den harten Wintern nach Kriegsende zum Heizen geholt hatten. Dichtes Gebüsch, das als Versteck taugte, vor allem Brombeeren, Efeu und stachelige, nicht mehr als zwei Meter hohe Robinien, begann erst zehn Meter weiter hinten. Erst aus der Nähe entdeckte Fred eine etwa zwanzig Zentimeter große Lücke im Geäst zwei Handbreit über dem Boden, die in Richtung von Harry’s Ballroom ausgerichtet war. Er umrundete das Gebüsch. Auf der Rückseite fand er eine mit abgeschnittenen Brombeerranken verdeckte Öffnung, hinter der sich ein etwa einen Meter durchmessender, in die Brombeeren hineingeschnittener Tunnel verbarg. Auf den ersten Blick erspähte er nichts, was als Hinweis taugen könnte, keine Stofffetzen an den Dornen, keine Zigarettenkippen, auch keine Fußabdrücke. Die Schnittstellen an den Zweigen waren hart und trocken, der Mörder hatte dieses Versteck also schon vor mehreren Tagen angelegt. Moosbacher würde sich darum später kümmern.
Fred kehrte zu Harry’s Ballroom zurück, wies einen der Polizisten an, das Gelände auf dem Lehniner Platz zu sichern, und informierte Moosbacher. Ellen stand fröstelnd auf dem Bürgersteig.
»Kannten Sie ihn gut?«, fragte Fred.
»Gottfried? Gar nicht. Man sah ihm zu bei seiner Barmixer-Show. Erstklassig. Der hätte damit auch im Zirkus auftreten können.«
»Waren Sie oft hier?«
»Mich müssen Sie nicht verhören, Fred, ich komme nicht als Täterin infrage«, erwiderte sie spöttisch.
»Tut mir leid«, murmelte er. Ellen von Stains Privatleben ging ihn in der Tat nichts an.
»Nicht sehr oft«, beantwortete sie seine Frage. »Hier will jeder rein, und die Schlange draußen ist meistens lang. Ich stelle mich nicht gerne irgendwo hinten an.«
»Keine guten Beziehungen, die die Tür öffnen?«, fragte Fred ironisch.
Ellen lachte auf. »Hier sind die wirkungslos.«
Hinter ihnen hielt ein VW-Käfer, Wachtmeister Koschewski im Streifenwagen. Der luftgekühlte Motor lärmte unangenehm laut. Auf der Beifahrerseite stieg ein Mann aus. Weiße Schuhe, weiße Socken, weißes Hemd, gelb-weiße Krawatte, weißer Anzug, weißer Seidensommermantel, auf den ersten Blick genau der gleiche, den der Ermordete trug. Mit freundlichem Gesicht und gewinnendem Lächeln sah er sich um. Koschewski deutete auf Fred und Ellen, der der Mann charmant zulächelte, während er mit federnden Schritten auf sie zukam.
»Sie habe ich hier schon mal gesehen«, rief er, an Ellen gewandt. »Ich bin Harry Renner«, stellte er sich Fred vor. »Man sagte mir nicht, warum ich …« Sein Blick fiel auf den Toten, sein Lächeln verflog und machte einer gefassten Sachlichkeit Platz. »Mein Barmann. Er hat meinen Mantel an.«
Fred versuchte, sich sein Erstaunen nicht anmerken zu lassen. Da sieht jemand einen Toten, jemanden, den er praktisch täglich um sich herum hatte, und das Erste, was ihm einfällt, ist »Er hat meinen Mantel an«? Überhaupt schien dem Nachtklubbesitzer der Anblick der Leiche nichts auszumachen, was allerdings bei einem Mann in seinem Alter, Fred schätzte ihn auf Mitte dreißig, im Grunde nichts Besonderes war: Renner dürfte den Krieg als junger Soldat miterlebt haben.
»Sind Sie bereit für ein paar Fragen, Herr Renner? Ich bin Kriminalassistent Fred Lemke, das ist Sonderermittlerin Ellen von Stain.«
Harrys Blick wurde hart und sehr wach.
»Von Stain?«
»Erzählen Sie uns bitte etwas über das Opfer«, sagte Fred. »Seinen vollen Namen, wo er herkommt, seit wann er für Sie arbeitet, alles, was Ihnen einfällt.«
»Sind Sie mit Theodora von Stain verwandt?«, fragte Harry.
»Das tut hier nichts zur Sache«, erwiderte Ellen kühl.
Es dauerte einen Moment, bis Renner mit gespielter Leichtigkeit antwortete. »Nur eine Frage, sonst nichts.«
Nein, das stimmte nicht, das spürte Fred genau. Renner verband mit dem Namen von Stain mehr, als ihn irgendwann einmal in den Klatschspalten einer Zeitung gelesen zu haben, in denen Ellens Mutter Theodora Baronin von Stain zu Lauterburg in der Tat häufig Erwähnung fand. Wusste Renner, was in den Artikel nie erwähnt wurde? Dass die Baronin die Patentante von Nazi-Feldmarschall Hermann Göring war, dem sie sowohl ihren Reichtum als auch ihren Einfluss innerhalb des Führungszirkels der Nationalsozialisten damals verdankt hatte? Nach Kriegsende hatte es keine Anklage gegen sie gegeben, offiziell hatte sie keine Schuld auf sich geladen, nicht einmal, dass sie die Gummifabrik, die ihr im Krieg gewaltigen Reichtum gebracht hatte, für ein lächerliches Geld und auf Betreiben Görings von einem jüdischen Fabrikanten gegen dessen Willen übernommen hatte. Der Kaufvertrag war legal, und der Fabrikant und seine gesamte Familie waren später vergast worden. Es gab schlichtweg niemanden mehr, der Ansprüche hätte stellen können.
»Also, was ist jetzt?«, fragte Ellen.
»Er heißt Gottfried Sargast, hat vor, keine Ahnung, eineinhalb Jahren aus Ostberlin rübergemacht, die Stasi saß ihm wohl im Nacken. Für mich arbeitet er seit vielleicht einem halben Jahr. Ein grandioser Barkeeper.«
»Was hatte die Stasi gegen ihn?«, fragte Fred.
»Er war bei den Falken, der Jugendorganisation der SPD. Für die Stasi sollte er gegen die eigenen Leute spitzeln. Hat er nicht gemacht. Als sie ihn verhaften wollten, konnte er gerade noch entwischen. Das ist die Geschichte, die er mir erzählt hat.«
»Sie haben sie nicht geglaubt?«
»Mir war sie schnuppe. Gottfried ist ein grandioser Barkeeper.«
»Das sagten Sie bereits.« In Ellens Stimme schwang ein Hauch Sarkasmus mit. »Und davon gibt’s ja im Osten reichlich. Die besten Bars sind ja bekanntlich in der Zone.«
Harry Renner lachte ein unerwartet jugendliches Lachen. »Ich verstehe, was Sie meinen. Nein, sein Handwerk hat er wohl hier im Westen gelernt, bei einem GI.«
»Moment, das verstehe ich nicht. Er kommt in den Westen, und das Erste, was er macht, ist, sich zum grandiosen Barmixer ausbilden zu lassen?«
Harry zuckte mit den Schultern. »War vielleicht immer ein Traum von ihm. Und wie Sie schon mit Ihrer Ironie angedeutet haben: Im Osten geht so was nicht. Da kriegen Sie ja noch nicht mal die Zutaten für einen anständigen Cocktail. Haben Sie mal probiert, was in der Zone Cognac genannt wird? Da rollen sich einem die Fußnägel auf, und zwar schon beim Dranriechen.«
»Was ist mit seiner Familie? Wie alt war er?«
»Zwanzig. Seine Familie ist noch drüben.« Renner zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht viel über ihn. Interessiert mich auch nicht, ich schau mir die Leute an, dann habe ich ein Gefühl, ob sie in Ordnung sind oder nicht. Gottfried tauchte hier eines Tages auf, ging hinter die Theke. So.« Renner machte ein übertrieben sauertöpfiges Gesicht. »Ich dachte zuerst, der ist über irgendwas wütend, der haut gleich alles kaputt, und ich wollte schon meinen Türsteher holen. Aber denkste, Puppe! Der Gottfried nimmt sich ein paar Flaschen, Gläser und einen Mixer und legt aus dem Stand eine wahnsinnige Show hin. So was habe ich sonst nur im Kino gesehen. Ich habe ihn sofort eingestellt.«
»Wo wohnte er?«, fragte Fred.
»Keine Ahnung. Da müssen Sie meine Sekretärin fragen, Anna Sansone, die macht den ganzen Papierkram hier im Laden.«
Fred reichte ihm Zettel und Stift. »Notieren Sie bitte Namen und Adresse der Dame.«
»Die wohnt bei mir. Zurzeit jedenfalls.« Er lachte.
»Und wie ist Ihre Telefonnummer, Herr Renner? Sie haben doch ein Telefon, oder?«
»Natürlich, mein Freund! Sogar zwei.« Harry schrieb zwei Nummern auf den Zettel und tippte lächelnd auf eine der beiden. »Autotelefon. Ich habe alles, was modern ist. Nur keine Rakete. Waren Sie schon drinnen?« Er deutete auf den Nachtklub.
»Noch nicht.«
»Leinwand, Filmprojektor, eine Bühne, Musikboxen, Scheinwerfer, Ventilatoren, wenn’s mal zu heiß wird, alles da. Demnächst blase ich sogar noch Düfte in den Raum, wie die Amis in den New Yorker Bars. Macht die Leute richtig happy. Muss nur der richtige Duft sein.«
Fred sah Harry Renner zu, während der seine Adresse notierte. Sein ganzer Körper war dabei in Bewegung, und er lächelte, als bereitete ihm genau das, was er da gerade tat, größtes Vergnügen. Überhaupt hatte er die Ausstrahlung eines Menschen, der sein Leben genoss, der jeden Moment positiv sehen wollte. Sogar der Hinweis auf sein Autotelefon – solche Geräte gab es erst seit ein paar Monaten, und sie waren so teuer wie ein VW Käfer – hatte nichts von Angeberei, sondern wirkte charmant und wie eine Einladung, sich mit ihm zu freuen. Der ganze Mann hatte etwas Mitreißendes. Fred konnte sich gut vorstellen, dass Menschen seine Nähe suchten. Vor allem Frauen.
»Sie sagten vorhin: ›Er hat meinen Mantel an.‹ Der weiße Mantel ist also nicht so etwas wie eine Uniform in Ihrem Nachtklub?«, fragte Fred. »Die jeder trägt?«
»Uniform? Von Uniformen haben wir doch wohl die Nase voll, oder? Er hat ihn sich wohl ausgeliehen.«
»Und Sie haben zwei davon?«
»Fünf. Und fünf weiße Anzüge. Und fünfzehn weiße Hemden. Alle gleich, alle vom selben Schneider. Ist mein Markenzeichen.« Er lachte, und wieder wunderte sich Fred, dass darin keine Spur von Großspurigkeit lag. »So gesehen, doch eine Uniform. Aber nur für mich.«
»Haben Sie Feinde, Herr Renner? Gibt es jemanden, der Ihnen ans Leder will?« Aus dem Augenwinkel sah Fred, wie Ellen ihn erstaunt ansah.
»Mir?«
»Sie sagten, der Ermordete habe Ihren Mantel an. Einen sehr auffälligen weißen Mantel, der gleiche, wie Sie ihn jetzt auch tragen. Seine Haarfarbe ist Ihrer ähnlich. Vielleicht hat der Täter Gottfried Sargast mit Ihnen verwechselt.«
»Erschrecken Sie mich doch nicht so, Herr Kommissar.« Harry zog ein Zigarettenpäckchen und ein Benzinfeuerzeug aus seiner Manteltasche. »Nein, da können Sie jeden fragen: Ich komme mit allen klar und alle mit mir.« Er schnippte mit dem Zeigefinger gegen das Rädchen, und das Feuer flammte auf. »Ich liebe die Menschen, und die Menschen lieben mich.«
Fred wartete, bis Harry seinen ersten Zug genommen hatte. »Die Tatwaffe war eine Armbrust.«
Harrys Hand zuckte, er tat so, als müsste er husten. »Das ist ja exklusiv.«
»Erschreckend, oder?«
Der Barbesitzer inhalierte tief. Erneut hustete er, fast als wollte er beweisen, dass sein erster Huster echt gewesen war. Er breitete die Arme aus. »Mit mir hat niemand Probleme. Ich streite mich nie, dafür ist das Leben viel zu kurz. Fragen Sie, wen Sie wollen, Sie werden keinen finden, der sagt: Der Harry ist ein Mistkerl.«
War ein Mensch, der zu allen freundlich war, nicht jemand, der sein wahres Gesicht hinter einer Maske versteckte? Unwillkürlich musste Fred an Moosbacher denken, der sich ihm gegenüber immer freundlich verhielt. Tatsächlich hatte er nie darüber nachgedacht, ob sich dahinter vielleicht ein ganz anderer Mensch verbarg. »Um wie viel Uhr haben Sie Ihren Nachtklub heute Morgen verlassen, Herr Renner?«
»Gegen vier. Ich bleibe nicht gerne bis zum Schluss. Es drückt mir auf die Laune, wenn alle anfangen zu gähnen. Da fahre ich lieber nach Hause, nehme ein Bad, zusammen mit, ja, wer grad Lust hat.«
»Kann das jemand bezeugen?«
Renner warf Fred einen schiefen Blick zu. »Warum denn das?«
»Routinefragen, nichts Besonderes.«
