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Sie haben dir alles genommen. Und jetzt willst du sie sterben sehen ...
Nach einer großen Gesellschaftsjagd im Wendland wird einer der Teilnehmer vermisst. Wenig später wird der Mann grausam ermordet auf einer Lichtung aufgefunden. Das Opfer wurde mit sieben massiven Messerstichen getötet, wovon bereits der erste tödlich war. Die Heftigkeit, mit der die Tat ausgeführt wurde, lässt Carla Seidel ein Verbrechen aus Rache vermuten. Unterdessen hat Carlas Tochter Lana andere Sorgen: Warum hat ihr Schwarm Fabian sie in der Nacht vor dem Mord mit in den Wald genommen? Weiß er mehr, als er zugibt? Noch bevor sie ihn zur Rede stellen kann, geschieht ein weiterer Mord. Während Carla fieberhaft nach dem Täter fahndet, hat dieser bereits sein nächstes Opfer im Visier. Und Lana kommt ihm dabei gefährlich nahe ...
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2025
Nach einer großen Gesellschaftsjagd im Wendland wird einer der Teilnehmer vermisst. Wenig später wird der Mann grausam ermordet auf einer Lichtung aufgefunden. Das Opfer wurde mit 17 massiven Messerstichen getötet, wovon bereits der erste tödlich war. Die Heftigkeit, mit der die Tat ausgeführt wurde, lässt Carla Seidel ein Verbrechen aus Rache vermuten. Unterdessen hat Carlas Tochter Lana andere Sorgen: Warum hat ihr Schwarm Fabian sie in der Nacht vor dem Mord mit in den Wald genommen? Weiß er mehr, als er zugibt? Noch bevor sie ihn zu Rede stellen kann, geschieht ein weiterer Mord. Während Carla fieberhaft nach dem Täter fahndet, hat dieser bereits sein nächstes Opfer im Visier. Und Lana kommt ihm dabei gefährlich nahe.
Sia Piontek ist das Pseudonym einer ehemaligen Verlagsprogrammleiterin, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat. Nach ihrem Debüt »Die Sehenden und die Toten«, dem Auftakt einer im Wendland angesiedelten Kriminalromanserie, folgt mit »Der Wolf im dunklen Wald«, der zweite Teil der Reihe rund um die Ermittlerin Carla Seidel. Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet Sia Piontek als Schreibcoach und freie Lektorin. Sie lebt mit ihrer Tochter in Hamburg und im Wendland.
978-3-442-20664-3 – Die Sehenden und die Toten
SIA PIONTEK
KRIMINALROMAN
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Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH
Umschlagmotiv: © Dirk Wustenhagen / Trevillion Images; © Heinz-Juergen Sommer / istockphotos
Redaktion: Susanne Wallbaum
KN· Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-30910-7V003
www.goldmann-verlag.de
Für Gabriela. Beste Schwester.
Wandrers Nachtlied Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur! Balde Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe
Die Straßenlaterne vor dem Haus flackerte schon seit drei Tagen. Da hätte sich doch mal jemand kümmern müssen. Sie hatte die Stadtverwaltung bereits informiert, aber nichts war passiert. Nervös stand die Frau vor ihrem Küchenfenster und sah auf das zuckende Licht auf der dunklen, menschenleeren Straße. Sie rieb sich über die Arme, doch das Frösteln blieb. Was, wenn jemand die Lampe absichtlich manipuliert hatte? Um ihr Angst zu machen. Noch mehr Angst. Hinter ihr knackte etwas. Sie zuckte zusammen, aber es war nur der Kühlschrank. Der machte seit Neuestem dieses Geräusch. Sie musste den Reparaturdienst anrufen. Oder gleich einen neuen kaufen. Ihrer war schon über zehn Jahre alt.
Jemand beobachtete sie. Seit Tagen hatte sie dieses Gefühl. Es war nicht immer da. Nur manchmal. Morgens auf dem Weg zur Arbeit. Oder wenn sie den Einkauf aus dem Auto holte. Dann hatte sie plötzlich diese Gewissheit. Dass sie beobachtet wurde. Aber immer, wenn sie sich suchend umblickte, war da nie jemand. Und jetzt, so allein im Haus, war es besonders schlimm.
Sie hatte schon überlegt, zur Polizei zu gehen. Sie war vorhin sogar dort gewesen. Als sie es gar nicht mehr ausgehalten hatte. Aber was sollte sie denen sagen? Also hatte sie wieder kehrtgemacht.
Vielleicht bildete sie sich das alles auch nur ein. Wer sollte ihr etwas Böses wollen? Sie hatte ja nichts getan. Noch nie. Schon in der Schule hatte in ihrem Zeugnis bei Betragen immer gestanden: »artig«, »folgsam«, »bemüht«. Das »bemüht« ärgerte sie heute noch.
Aber hieß es nicht, man könnte Blicke im Rücken spüren? Sie spürte sie jedenfalls. Wie ein Kratzen oder Brennen.
Die Frau sah auf die Uhr. Sie hatte fast die ganze Nacht durchgewacht. War nur mal ein Stündchen im Wohnzimmer bei laufendem Fernseher eingenickt. Er musste eigentlich gleich da sein. Der Mensch, an den sie sich in ihrer Not gewandt hatte. Der sie nicht auslachte. Der ihr über die Jahre engster Vertrauter und beste Freundin gleichzeitig geworden war. Der sie vielleicht besser kannte als jeder andere. Auch wenn sie sich nicht mehr so oft sahen.
Die Frau nahm die Suppe vom Herd. Sie hatte gedacht, ein Löffel warme Brühe würde ihr guttun, aber bei dem Geruch wurde ihr fast schlecht. Nicht um diese Uhrzeit!
Es klingelte.
Mit pochendem Herzen eilte sie zur Tür. Endlich. Ihre Finger zitterten, als sie den Riegel des massiven Bügelschlosses öffnete. Dann noch schnell den Hausschlüssel zweimal drehen. Der Bund klapperte bei der Bewegung. Ihr Glücksbringer, die kleine schwarze Billardkugel mit der Acht drauf, schaukelte hin und her. Die Kugel, die als letzte eingelocht wurde.
Die Frau öffnete die Tür, und eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Sie atmete durch. Jetzt konnte ihr nichts mehr passieren. Sie war in Sicherheit.
Mit Schwung warf Carla ihre durchgeschwitzten Sachen in die Sporttasche und fuhr sich mit der Hand über das noch nasse Haar. Als sie beim Nacken ankam und die ausrasierten Spitzen fühlte, hielt sie inne. Wann würde sie sich endlich daran gewöhnen?
Knapp zwei Monate war es nun schon her, dass sie Mandy’s Schnittchen in Dannenberg betreten hatte, weil sie ihr schulterlanges, in glatten Strähnen herabhängendes Haar in etwas »Frischeres« verwandeln wollte. Sie hatte dabei auch an »femininer« gedacht und vielleicht »flotter«, das aber nicht gesagt. Mandy, eine kräftige, von den Handgelenken bis zum Hals tätowierte junge Frau mit hellrosafarbenen Locken, die auch etwas mehr Kontur hätten vertragen können, hatte wissend genickt und was von »fresh look« gemurmelt. Spätestens da hätte Carla stutzig werden und den Salon direkt wieder verlassen müssen. Doch sie hatte sich nicht getraut. Stattdessen hatte sie sich auf den Stuhl mit dem rissigen Kunstlederbezug gesetzt und abgewartet.
Herausgekommen war etwas, das man neutral als »asymmetrischen Kurzhaarschnitt« beschreiben konnte und das sie selbst ein bisschen an einen Punk erinnerte. Aber ihre Freundin Swantje, der sie ein Foto geschickt hatte, fand den neuen Look viel »selbstbewusster und dynamischer«. Und Lana, ihre bald 18-jährige Tochter, hatte nach einem prüfenden Blick anerkennend genickt. Maximalreaktion für die eher mürrisch in sich gekehrte Spätpubertierende.
Also beließ sie es dabei und rasierte sich die kurze Seite alle zwei Wochen nach.
Carla schulterte ihre Tasche und verließ das Kampfsportstudio am nördlichen Rand der Dannenberger Innenstadt. Nach dem grausamen Mord an dem jungen Mann im August, bei dessen Aufklärung sie selbst fast noch Opfer der psychopathischen Täterin geworden wäre, trainierte sie wieder regelmäßig. Boxen, Taekwondo und ein bisschen Tai-Chi. Das tat ihr mental gut, aber sie fühlte sich auch körperlich besser.
Es war noch früh. Die ohnehin nie besonders stark frequentierte Hauptstraße war menschenleer. Carla sah nach oben in den hellblauen Himmel und zu den Kronen der Kastanien, deren Blätter sich an den Rändern bereits braun färbten. Überall lagen die glänzenden braunen Kugeln mit dem weißen Fleck herum – ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Herbst Einzug gehalten hatte, selbst wenn es tagsüber noch so warm war wie sonst im Hochsommer und sie auch jetzt nur mit kurzärmligem T-Shirt und dünner Strickjacke unterwegs war. Über den Feldern, die direkt hinter der Jeetzelallee begannen, verdichtete sich der Frühnebel zu weißen Schwaden. Erst um die Mittagszeit hatte die Sonne genug Kraft, die aufsteigende Feuchtigkeit über den Wiesen verdunsten zu lassen.
Carla atmete mit geschlossenen Augen einmal tief ein und aus, bevor sie den kurzen Weg zur Polizeistation einschlug. Ihren Polo – den sie noch immer nicht gegen ein neueres Modell eingetauscht hatte, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte – ließ sie auf dem Parkplatz des Sportstudios stehen.
Normalerweise war die kleine Wache an den Wochenenden nicht besetzt, aber Constantin Becker, Leiter der Station und offiziell ihr Vorgesetzter, hatte sie gebeten, an diesem Vormittag ausnahmsweise vor Ort zu sein. Die Jagdsaison hatte begonnen, und Heiko von Boenning, vielleicht aber auch sein Schwiegervater, Maximilian von Boenning, so genau wusste man das nicht, hatte im Dragahner Forst zu einer groß angelegten Gesellschaftsjagd eingeladen. Carla kannte sich damit nicht aus, aber Becker wusste zu berichten, dass es bei solchen Drückjagden doch immer wieder zu Zwischenfällen kam, bei denen die Polizei gefragt war. Manchmal verirrten sich Treiber im Wald, ein Spaziergänger, der die vorgeschriebenen Warnschilder nicht gesehen hatte, rief bei ihnen an und musste beruhigt werden. Meistens nichts Gravierendes.
Da der Dragahner Forst und auch das Gut Karwitz des Freiherrn von Boenning buchstäblich um die Ecke lagen, hatte Becker um Notbesetzung gebeten. Für alle Fälle. Und nur bis um zwölf. Carla hatte sich bereitwillig gemeldet.
Zu Hause wurde sie nicht gebraucht – Lana würde sich nicht vor Mittag nach unten bewegen, und mit Mailo, ihrem ungarischen Vorstehhund, den sie im August adoptiert hatten, war sie bereits vor dem Training eine kleine Runde gegangen.
Im Café Zwei Schwestern holte sie sich noch schnell ein Croissant und einen Cappuccino to go, bevor sie vom Schlossgraben auf den Marktplatz abbog und vor dem Eingang der kleinen Polizeistation haltmachte. Das alte rot verputzte und mit Efeu bewachsene Gebäude war ein recht lauschiger Ort dafür, dass man es drinnen andauernd mit Diebstahl, Einbruch und Betrug zu tun hatte. Allerdings auch mit wenig Schlimmerem. Die meisten Protokolle, die Carla in den letzten Monaten geschrieben hatte, waren auf Straßenkriminalität, Sachbeschädigung oder geklaute Fahrräder zurückzuführen. Ab und an gab es mal eine Kneipenschlägerei, aber sonst zum Glück wenig Gewaltverbrechen. Auch das war ein Grund gewesen, warum Carla sich gut zweieinhalb Jahre zuvor aus dem Hamburger Morddezernat ins friedvolle Wendland hatte versetzen lassen.
Der andere war Lanas Vater, Sören Arp. Aufstrebender charmanter Arzt am Klinikum Barmbek in Hamburg. Sie hatte sich damals sofort in ihn verliebt. Sie war so jung gewesen mit ihren Anfang zwanzig. Er hatte sie um den Finger gewickelt, und Carla hatte es geschehen lassen. Ein paar Jahre ging es gut. Doch dann setzte sich die Spirale aus Dominanz, Wut, Bestrafung, Ohnmacht, Versöhnung, Erniedrigung und wieder Versöhnung in Gang. Immer schneller wechselten die Phasen, immer brutaler wurden die Übergriffe. Bis zu dem Tag vor fünf Jahren, als Lana sie blutüberströmt am Fuß der Treppe ihres Einfamilienhauses gefunden hatte. Carla war nicht sicher, ob sie den Angriff ohne die Hilfe ihrer damals 12-jährigen Tochter überlebt hätte. Und dieser Punkt markierte den Beginn ihres Ausstiegs aus dem zerstörerischen Beziehungskarussell. Jahrelange Therapie, gerichtlich erwirktes Kontaktverbot, was sie selbst anging, ein ausgesetztes Umgangsrecht für Lana und schließlich der Umzug ins Wendland waren die folgenden Schritte gewesen.
Hier hatten sie beide, sowohl Lana als auch sie, ein wenig zur Ruhe kommen können.
Bis zu Carlas erstem Mordfall im August. Da hatte sich Sören wieder in ihr Leben gemischt. Subtil, unauffällig. Nur ein Anruf. Ein Glückwunsch zu ihrem ersten Ermittlungserfolg im Wendland. Aber Carla wusste genau, was das heißen konnte.
Und auch deswegen hatte sie den Dienst an diesem Morgen so bereitwillig übernommen. Um vom gesicherten Netzwerk des Polizeicomputers aus ein wenig zu recherchieren: In fünf Tagen wurde Lana volljährig. Und damit endete das Umgangsverbot! Wenn Sören wollte, konnte er danach ungestraft Kontakt zu seiner Tochter aufnehmen. Wie Lana zu dem Ganzen stand, hatten sie noch nicht besprochen. Das musste Carla dringend tun.
Sie legte ihre Tasche auf den Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und drehte die Heizungen auf. In den alten Mauern war es morgens doch schon ganz schön frisch. Den Pappbecher in der Hand, setzte sie sich an ihren Platz und beobachtete einen Moment den blau blinkenden Cursor. Dann gab sie das Suchwort ein: Sören Arp. Sie hatte es lange nicht getan. Ihre Hände zitterten leicht.
Sofort poppten ein paar Bilder auf, die ihren strahlenden Ex-Mann zeigten, das blonde, leicht gewellte, nach hinten gekämmte Haar, die wachen blauen Augen. Carla spürte einen Stich in der Magengegend, den sie nicht genau zu deuten wusste. Sören auf einem Ärztekongress im August in Flensburg, während einer Preisverleihung in Hamburg, auf dem Regattaball des Ruderclubs. Offenbar hatte er weiter Karriere gemacht. Er leitete nun die Fachabteilung für Hand- und Mikrochirurgie des BG Klinikums Bergedorf. Wie es schien, genoss das Krankenhaus hier internationales Renommee. Sören, der Spezialist für Hände, die er selbst nicht unter Kontrolle hatte … Carla fuhr mit dem Finger über die kleine Erhöhung an ihrer Oberlippe. Die Narbe erinnerte sie jeden Morgen daran, wozu dieser Mann fähig war. Sie sollte die Seiten einfach schließen und nach Rezepten für einen Sonntagsbraten googeln. Das wäre ihrem Seelenheil zuträglicher. Stattdessen holte sie sich ein Glas Wasser und betrachtete die Bilder genauer. Auf mindestens drei meinte sie im Hintergrund dieselbe Frau zu erkennen. Klein, zierlich, brünett. So wie sie. Seine Neue? Sie hoffte für die Frau, dass dem nicht so war.
Carla öffnete ein weiteres Fenster und rief gefühlt zum hundertsten Mal das Gesetz zum »Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen« auf. Da stand es schwarz auf weiß. Es war Sören verboten, sich auch nur in ihrer Nähe oder an Orten, die sie oft besuchte, aufzuhalten. Dafür hatte sie einen gültigen gerichtlichen Beschluss. Aber dieses Kontaktverbot galt nur für sie. Lana schützte es nur bedingt … Erneut fühlte Carla die innere Unruhe in sich aufsteigen, die ihr zuletzt immer häufiger zu schaffen machte. Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Kurz nach neun. Sie schrieb Lana eine WhatsApp: »Hallo Schatz. Bin noch auf der Wache und gegen Mittag zurück. Alles o. k.? Wünsche fürs Essen?«
Carla wartete, bis die Nachricht gesendet war, und wunderte sich über den einen Haken. Normalerweise hatte Lana ihr Telefon um diese Zeit bereits eingeschaltet. Mit einem unterdrückten Seufzer legte sie das Handy zur Seite, schloss nun wirklich alle auf dem Bildschirm geöffneten Reiter und widmete sich den Internetbetrügereien, die sich im Landkreis zuletzt gehäuft hatten.
Um kurz nach elf war sie auch damit durch. Nachdem sie noch die Ablage erledigt hatte, fuhr sie den Computer runter und achtete darauf, dass die Browserverläufe gelöscht waren. Da kein Notruf sie erreicht hatte, war die Jagd offenbar friedlich verlaufen.
Mit dem leeren Pappbecher ging sie in die kleine Küche. Dort fiel ihr Blick auf die benutzten Kaffeetassen, die sich mal wieder in der Spüle stapelten, weil seit Wochen der Geschirrspüler kaputt und der neue noch nicht genehmigt war. Ein Hoch auf die Bürokratie. Sie wusste genau, dass die Tassen zu Becker und Lars gehörten. Anneke, die alleinerziehende Polizeimeisterin und Jüngste im Bunde, benutzte immer ihre eigene – die mit dem Foto ihrer kleinen Tochter Marla – und machte sie auch jeden Tag sauber.
Carla hatte Becker und Lars schon mehrfach eindringlich gebeten, ihre Tassen abzuwaschen. Vergebens, wie es schien. Männer glaubten wohl immer noch, qua Geschlecht für bestimmte Arbeiten nicht zuständig zu sein. Na gut! Wer nicht hören will, muss fühlen. Carla machte sich kurzerhand daran, einen Karton mit Druckerpapier zu leeren und die dreckigen Tassen hineinzustapeln. Die Kiste brachte sie nach unten in einen kleinen Kellerraum. Den Schlüssel dazu steckte sie ein. Grinsend stellte sie sich jetzt schon vor, was speziell Lars für einen Aufstand machen würde, wenn es zwar Kaffee, aber keine Tasse dazu gab. Das würde dem Nachwuchskommissar mit Machoallüren und Cowboystiefeln, der sie allerdings während ihres ersten Falls erstaunlich positiv überrascht hatte, ganz und gar nicht gefallen.
Beschwingt schaltete Carla um kurz nach zwölf die Alarmanlage scharf und verriegelte die Tür. Mit Glück stand in den umliegenden Gasthäusern heute sogar Wild auf der Karte. Dann erledigte sich das leidige Thema Kochen von selbst. Auf dem Weg zu ihrem Auto schaute sie noch einmal aufs Handy. Immer noch nur ein Haken an der Nachricht für Lana. Sie beschleunigte ihren Schritt. Es war ein Fehler gewesen, sich mit Sören zu beschäftigen. Das machte sie immer über Gebühr nervös.
Carla war fast am Wagen, als ihr Handy klingelte. Sie zog es hervor und schaute auf das Display. Anonym. Dennoch drückte sie die grüne Taste.
»Frau Seidel? Polizeileitstelle Lüneburg, Peters am Apparat. Leider habe ich Sie auf der Wache nicht mehr erreicht. Dem Plan nach hatten Sie Dienst in Dannenberg. Ist das richtig?«
»Korrekt. Was gibt es denn?« Carlas Puls schoss in die Höhe. Lana. Nur ein Haken. Wo war ihre Tochter heute früh eigentlich gewesen? Wirklich im Bett? Ein persönlicher Anruf auf ihrem Mobiltelefon. Nein, sie war lediglich die diensthabende Polizistin. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf.
»Uns wurde ein Leichenfund gemeldet. Könnten Sie sich das einmal ansehen? Die Spurensicherung ist schon informiert.«
Carla stützte sich auf dem Dach ihres Autos ab. Plötzlich schien sich der Himmel zu verdunkeln. Sie hatte das aufziehende Wolkenband gar nicht bemerkt.
»Wo?«
Einige Stunden zuvor
Lana konnte sich kaum mehr bewegen. Ihre Finger waren steif gefroren, aus den Händen schien alles Blut gewichen, und ihre Füße spürte sie sowieso nicht mehr. Selbst ihr Atem bildete keine Wölkchen mehr. Wie lange saßen sie jetzt schon hier? Zwei Stunden? Drei? Stumm, schweigend. Der Himmel über ihr war dunkelblau und mit funkelnden Sternen übersät, mittendrin der gigantische silbern glänzende Vollmond. Ein tröstlicher Anblick, säße sie irgendwo gemütlich drinnen, und im Ofen knackten die glühenden Holzscheite. Stattdessen aber hockte sie hier, in einem drei Meter hohen zugigen Bretterverschlag, den sie hochtrabend Ansitz nannten. Vor ihr das Feld, hinter und neben ihr der Wald, in dem es andauernd knackte. Langsam und stetig war die feuchte Luft Schicht um Schicht durch ihre Klamotten gedrungen, hatte sie klamm werden lassen wie ein über Nacht auf der Leine vergessenes nasses Laken. Der einzige Wärmepunkt war kurz über ihrem Knie, da, wo sich Fabians und ihr Bein fast berührten. Aber nur fast. Darauf achtete sie penibel. Was hatte sie nur dazu gebracht, dieser absurden Idee überhaupt zuzustimmen? Morgens um vier auf dem Hochsitz! Noch dazu ungeschützt und ohne eine Möglichkeit des Rückzugs. Aber Fabian hatte ihr das Vorhaben schmackhaft gemacht. Er hatte was von »unfassbar berührendem Einklang mit der Natur« gefaselt. Sie damit gelockt, dass sie Rehe sehen würden und Wildschweine und mit Glück sogar einen Wolf! Spätestens da hatte er sie gehabt. Na ja, wenn sie ehrlich war, hatte er sie schon mit der Frage gehabt, ob sie Lust hätte, mitzukommen. Sie! Nicht Inken oder Evi oder eine von den anderen aus der »In-Clique« ihrer Jahrgangsstufe, denen Lana seit dem ersten Mordfall ihrer Mutter und ihren eigenen wenig rühmlichen Ermittlungsversuchen ohnehin aus dem Weg ging. Er hatte sie gefragt, ob sie in dieser Nacht mit ihm ins Revier wolle, Tiere beobachten, der Dunkelheit lauschen. Am nächsten Morgen würden hier Dutzende von Treibern, rufend und mit Stöcken gegen Bäume schlagend, das Gelände durchstreifen, um das Wild, das jetzt noch friedlich im Unterholz herumstromerte, für die Jäger in den Hochsitzen aufzuscheuchen. Es sei die erste Gesellschaftsjagd, die sein Vater seit ihrer Rückkehr ins Wendland ausrichte, hatte Fabian verächtlich erklärt. Dem Teil mit dem Schießen und Töten konnte er offenbar ebenso wenig abgewinnen wie sie. Aber vom Rest, diesem lauernden Abwarten in Stille, hatte er ihr vorgeschwärmt, als wäre es ein unvergessliches Erlebnis. Wie recht er damit doch hatte! Am liebsten hätte Lana an dieser Stelle aufgelacht, aber dazu fehlte ihr die Energie. Als unvergesslich würde es sich vermutlich auch ihr ins Gedächtnis einbrennen. Weil es arschkalt war im Forst, sie Hunger und Durst hatte, ihr gleich die Augen zufielen und sie überhaupt furchtbar angespannt war, weil sie die ganze Zeit darauf achten musste, was Fabian tat oder nicht tat. Denn – auch darüber hatte sie nicht nachgedacht – immerhin war sie hier mit einem Jungen mutterseelenallein im Wald. Woher sollte sie wissen, ob sie ihm wirklich trauen konnte? Lana fuhr zusammen. Wieder hatte es im Unterholz geknackt, lauter diesmal, näher dran, links von ihr. Und hörte sie da nicht so was wie ein Schnauben oder Grunzen? Sie lehnte sich etwas nach rechts, an Fabians Seite, aber nur so weit, dass sich gerade die Stoffe ihrer dicken Jacken leise schabend berührten.
»Bleib mal ganz still«, flüsterte Fabian, und vor seinem Mund bildete sich doch weißer Dunst. Warum?
»Ich bin die ganze Zeit schon still, weil was anderes auch nicht geht!«, zischte Lana. Beruhigend legte Fabian ihr die Hand auf den Oberschenkel, woraufhin Lana sofort das Bein zur Seite schob, obwohl selbst diese winzige Berührung ihr guttat. Wärme, sie brauchte Wärme!
Das Knacken wurde lauter und schien geradezu von überallher zu kommen. Unter anderem von unter ihnen.
Fabian umfasste kurz ihre Schulter, zog sie zu sich – zu fest? – und legte gleichzeitig den Finger auf die Lippen. Dann zeigte er nach vorne links, an die Grenze, wo der Wald in Feld überging, keine drei Meter von ihnen entfernt. Tatsächlich hätte Lana fast aufgeschrien, als sie mindestens acht dunkle Schatten entdeckte, die sich, leicht stampfend und schnaufend, auf den Feldrand zubewegten. Fabian reichte ihr wortlos das Nachtsichtfernglas. Nachdem Lana einen Moment gebraucht hatte, um die Schärfe einzustellen, konnte sie die Tiere erkennen. Drei große und fünf kleinere Wildschweine gruben da entschlossen mit ihren Nasen in der Erde herum, scharrten den Boden auf, quiekten, vielleicht weil sie ein paar Würmer oder eine tote Maus gefunden hatten, und begannen, regelrecht zu schmatzen.
»Eine Rotte«, erklärte Fabian leise.
»Eine was?«
»Ein Horde Wildschweine, Bachen und ihre Jungen.«
»Und wo sind die Männchen?« Lana nahm das Fernglas kurz herunter und sah Fabian an. Sie erschrak, so nah war sein Gesicht vor ihrem.
Er grinste sie an, ein bisschen frech, fand Lana. »Die Keiler werden vertrieben, sobald sie anderthalb Jahre alt sind. Die erwachsenen männlichen Schweine streunen grundsätzlich allein durch den Wald und spielen für die Bachen eigentlich nur zur Paarungszeit eine Rolle.«
»Heißt, Wildschweine leben das Matriarchat?« Lana setzte das Fernglas wieder an und suchte nach der Gruppe.
»Wenn du so willst!«
»Sehr fortschrittlich!«, murmelte sie. Sie merkte, dass ihr durch die Aufregung und die leichten Bewegungen ein bisschen wärmer geworden war. Eine Weile schaute sie den Tieren noch zu, dann gab sie das Fernglas zurück an Fabian. So spannend fand sie das Ganze nun auch wieder nicht. Es waren Schweine, die im Dreck wühlten und Aas fraßen. Mehr eigentlich nicht. »Sag mal, wollen wir nicht langsam los?«, fragte sie, als sich die Rotte langsam das Feld hinauf von ihnen entfernte. Fabian reagierte erst, als sie ihn leicht in die Seite stieß. »Du?«
»Ja, du hast recht«, erwiderte er und blickte zum Horizont. Ein leicht hellblauer Streif war im Osten bereits zu erkennen. »Es wird ohnehin bald hell. Zu Hause sind bestimmt alle schon wach.« Er raffte seine Sachen zusammen, Fernglas, die Thermoskanne mit Tee mit Schuss, weswegen Lana auch nicht davon getrunken hatte, das Papier von den Schokoriegeln, und stopfte alles in den Rucksack. »Lass mich vorgehen«, sagte er. »Falls du runterfällst.«
War da nicht schon wieder so ein provokanter Unterton? »Warum sollte ich runterfallen?«
»Sollst du ja nicht, aber falls.« Er stand auf und zwängte sich an ihr vorbei zur Leiter. »Wenn man stark durchgefroren ist, hat man nicht mehr so gute Reflexe und bewegt sich steifer.«
»Ich bin nicht durchgefroren.«
»Doch, bist du. Deine Lippen sind ganz blau«, sagte er und wollte ihr wie zum Beweis mit dem Daumen darüberstreichen, aber Lana riss den Kopf nach hinten. Sofort hob Fabian die Hände. »Schon gut, Lady, keine Panik!«
Lana nickte, ärgerte sich über ihre übertriebene Reaktion und stieg mit tauben Füßen und schmerzenden Händen nach Fabian die Stiege hinab. Fabian hatte recht. Ihr fehlte wirklich das Gefühl – und offenbar nicht nur, was ihre Trittsicherheit betraf.
Als auch sie unten angekommen war, gingen sie leise, um die Rotte nicht doch noch zu erschrecken, wieder ein Stück tiefer in den Wald hinein. Lana war überrascht, wie viel dunkler es dort war, aber durch das Geäst und das immer noch vorhandene Blätterdach der Buchen und Eichen drang nur wenig Licht hindurch. Das dumpfe Knirschen des Waldbodens unter ihren Schuhen stach ihr förmlich in den Ohren. Sie hasste Stille, wenn sie sich so angespannt anfühlte wie diese jetzt. Da war ihr das stumme Frieren auf dem Hochsitz fast lieber. »Woher weißt du das eigentlich alles? Ich meine all das Zeug von der Jagd und dem Wild. Rotte und so. Ist das wegen deines Großvaters?« Lanas Mutter hatte ihr kürzlich erzählt, dass Maximilian von Boenning, Fabians Opa mütterlicherseits, hier allerhand Ländereien besaß und seine Tochter, Fabians Mutter, mehr oder weniger gezwungen hatte, nach Hause zurückzukommen, da es ihm anscheinend gesundheitlich nicht mehr so gut ging. Ganz freiwillig war der Umzug der Familie vom Bodensee zurück ins Wendland also demnach nicht gewesen.
»Eher weniger. Ich kenne ihn kaum. Aber mein Vater ist Revierjäger. Die Jagd ist, wenn du so willst, sein Leben. Deswegen auch heute zur Feier unserer Rückkehr die große Gesellschaftsjagd. Ich kam also gar nicht drum herum, einiges da…«
Fabian stockte und schnellte mit einer geschickten Bewegung vor Lana, sodass diese fast auf ihn drauflief. »Was ist …?«
»Sch!«, unterbrach er sie und breitete schützend die Arme aus. »Schau mal nach da oben, elf Uhr«, raunte er, ohne auch nur die Lippen zu bewegen.
Lana kniff die Augen zusammen und blickte in die Richtung, in die Fabian gezeigt hatte. Sie beide standen in einer Vertiefung. Der Boden war hier weich und von Laub bedeckt, und vor ihnen erhob sich eine Anhöhe von etwa zehn Metern, schätzte Lana. Dort oben drang ein wenig mehr Licht durch die Bäume, aber Lana sah trotzdem nichts außer dunklem Gestrüpp und Wald. »Wo denn?«
»Da oben. Siehst du den umgekippten Baum? Links davon.«
Erneut starrte Lana ins Dunkel. Da, plötzlich, nahm sie eine Bewegung wahr. Ein Schatten, der sich bewegte. Ein Kopf. Und jetzt sah Lana auch den Rücken dazu. War das ein Reh? Aber dazu wirkte das Tier zu lang. Und zu struppig … Lana spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. »Ist das ein Wolf?«, hauchte sie.
Fabian nickte kaum merklich und legte von vorne schützend eine Hand an ihre Hüfte. Sie ließ es geschehen. Der Wolf hob nun den Kopf in den Nacken und wandte den Blick in ihre Richtung.
»Er wittert uns«, sagte Fabian, aber Lana hörte gar nicht hin. Vollkommen fasziniert betrachtete sie dieses erhabene Wesen. Sein Fell musste mittel-, vielleicht sogar hellgrau sein, denn jetzt, wo sie das Tier einmal erkannt hatte, zeichnete es sich deutlich gegen den dunkleren Hintergrund ab. Am liebsten hätte Lana ihm einen Wink gegeben, Blickkontakt aufgenommen, um ihm zu signalisieren, dass sie ihm nichts täte, dass sie Verbündete wären. Ein völlig idiotischer Gedanke natürlich, denn für den Wolf war sie wahlweise Feind oder Beute. Dazwischen eher wenig. Einen Moment verharrte das Tier auf dem Hügel, konzentriert und absolut reglos. Vor Aufregung hatte sie die Finger in Fabians Schultern gekrallt. Was für eine Schönheit! Dann drehte das Tier ab und verschwand lautlos auf der anderen Seite der Anhöhe. Schwer atmend zog Lana ihre Hände zurück. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Kälte und Müdigkeit waren wie weggeblasen. Sie drehte Fabian zu sich um. »Hast du das gesehen?«
»Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich ihn dir gezeigt.«
»Ja«, sagte Lana. »Das war der Hammer! Der absolute Hammer! Mensch, Fabian, das war ein Wolf!« Sie konnte sich noch immer nicht beruhigen. »Hast du Angst gehabt?«
»Nein, ein Wolf würde einen Menschen unter normalen Umständen niemals angreifen. Dafür ist er viel zu schlau«, erwiderte Fabian. »Und du? Hast du Angst gehabt?«
»Seh ich so aus?«
Fabian lachte. »Nein, siehst du nicht. Du hast eher so ausgesehen, als wolltest du auf seinem Rücken davonreiten.«
Lana lachte nun ebenfalls auf. Nicht weniger als Ironie mochte sie Humor, wenn er gut war. Fabians war gut. »Danke … dass du mich mitgenommen hast«, sagte sie etwas ernster. Wenn sie vor ihm stand, musste sie nur ein klein wenig aufschauen, um ihm in die Augen zu sehen. Seine waren grau, dunkelgrau. »Das war toll.«
Fabian hob eine Augenbraue. »Jetzt doch?«
Lana verzog den Mund. Hatte er etwa mitbekommen, wie verunsichert sie vorhin gewesen war? »Ja, jetzt doch.«
»Na, dann lass uns doch kurz zu uns, bevor du nach Hause gehst. Ich mach uns noch schnell einen Tee zum Aufwärmen.«
Mit dem Anflug eines schlechten Gewissens dachte Lana an ihre Mutter. Die wusste von der ganzen Aktion nichts, und Lana konnte nur hoffen, dass sie zurück war, bevor ihre Mams etwas merkte.
Ihre Arme berührten sich leicht beim Gehen, und Lana ließ es geschehen. »Gibt’s bei euch auch Wölfe?«
»Auf dem Gestüt?«, fragte er. »Möglich, aber wenn, dann weißt du ja jetzt, dass die nichts tun.«
»Das stimmt. Aber im Grunde wussten wir das auch vorher, oder? Die Bösen, die Bösen sind doch immer die Menschen. Hast du jemals etwas anderes erlebt?«
»Nein«, erwiderte Fabian. »Noch nie.«
Noch während sie ihre Tasche auf den Beifahrersitz schmiss und den Schlüssel ins Zündschloss steckte, drückte sie mit dem linken Daumen Lanas Nummer. Sofort sprang die Mailbox an. Wo steckte das Kind bloß? Mittags um halb eins musste sie doch langsam mal wach sein? Carla widerstand dem Impuls, einfach in nördliche Richtung nach Penkefitz zu fahren und kurz nachzusehen, statt in westliche Richtung zum Dragahner Forst, wo die Leiche gemeldet worden war. Sei nicht albern, schalt sie sich. Das wird ein Jagdunfall gewesen sein. Irgendein blödes Missgeschick. Becker hatte für so was manchmal den siebten Sinn. Das kann gar nichts mit Lana zu tun haben! Sie fuhr die B 191 Richtung Zernien. Hoffentlich erwischte sie die richtige Abzweigung. Der Fundort lag mitten im Wald, und selbst mit den GPS-Koordinaten konnte man sich leicht vertun. Sie entschied sich für einen Feldweg direkt hinter Karwitz, um erst später in den Wald abzubiegen. Zur Not musste der Jagdleiter, Heiko von Boenning, sie das letzte Stück lotsen. Dessen Handynummer hatte Becker ihr zum Glück vorsorglich gegeben. Während sie viel zu schnell über den Waldweg holperte, ging sie noch einmal die letzten Szenen des Vorabends durch. Lana hatte sich wie immer um kurz nach neun ins Bett verabschiedet. Carla suchte in ihrem Gedächtnis nach einem Zeichen von Aufregung oder Unruhe bei ihrer Tochter. Aber da war nichts gewesen. Alles normal. Du solltest dir nicht dauernd solche Schreckensszenarien ausmalen, ermahnte sie sich.
Nicht dass sie die Dinge dadurch erst heraufbeschwor. Konzentriert fuhr sie nach links tiefer in den Wald hinein, und nach einer Kurve sah sie etwa hundert Meter entfernt Menschen und einen Krankenwagen zwischen den Bäumen hindurchschimmern. Sie atmete einmal tief durch und spannte ihren Körper an. Sie machte jetzt hier ihren Job. Und mit Lana würde sie später Kakao trinken und ganz ruhig das Thema Sören anschneiden. Alles war gut!
Carla parkte ihren Wagen ein Stück entfernt und stieg aus. Sofort drangen aufgeregte Stimmen, Rufe und Hundegebell zu ihr herüber. Die Jagd war definitiv gelaufen. Sie seufzte. Wenn sie in Hamburg an einen Tatort gerufen wurde, waren da neben dem Notarzt meist schon ein paar Streifenpolizisten und oft auch die Spurensicherung vor Ort gewesen. Nicht so im Wendland, wie sie bei ihrem ersten Mord hatte lernen dürfen. Die Wege waren einfach zu lang. Und das würde in einem Fall wie diesem besonders ärgerlich sein, weil sie direkt davon ausgehen konnte, dass sämtliche mögliche Spuren von den aufgeregten Jägern verunreinigt worden waren. Sie wollte gar nicht wissen, wer die Leiche bereits angefasst hatte. Aber vielleicht hatte ja wirklich nur ein älterer Mensch beim Anblick eines Sechsenders einen Herzinfarkt erlitten, und sie würde hier nicht gebraucht.
Danach sieht es allerdings nicht aus, dachte Carla, als sie etwa fünf Meter entfernt den leblosen Körper erblickte, der am Fuße einer alten Eiche zur Seite gesackt auf dem Waldboden lag. Die ehemals grüne Weste war von Blut durchtränkt, und auf dem umliegenden Blätterwerk hatten sich feine rote Rinnsale gebildet. Der Wind, der in den Baumkronen rauschte und die Äste knacken ließ, unterstrich das düstere Szenario einer regelrechten Hinrichtung. Carla schauderte. Die Luft schien plötzlich kühler und förmlich schneidend.
Um den Baum herum hatte sich eine kleinere Menschentraube gebildet. Jetzt schauten die Leute teils ängstlich, teils erwartungsvoll zu ihr herüber. Sie machte einen Schritt auf die Jäger zu und fluchte innerlich, als sie in eine feuchte Senke trat und ihr die Nässe des Waldbodens über den Rand ihrer Sneaker unangenehm feucht an die Füße drang.
Ein Mann machte Anstalten, sich aus der Gruppe zu lösen, doch sie hob abwehrend die Hand. »Mein Name ist Carla Seidel, Polizeistation Dannenberg«, sagte sie klar und deutlich, als sie am Fundort angekommen war. »Treten Sie bitte zurück.« Zögerlich machten einige ein paar Schritte nach hinten. Andere blieben stehen. Sie würde nie ergründen, warum Tod und Gewalt auf viele Menschen so eine magische Anziehung ausübten. »Alle!«, sagte sie etwas schärfer, sodass auch die Zauderer – fast alles Männer zwischen dreißig und Mitte siebzig – der Order folgten.
Dann ging sie vor der Leiche in die Hocke, darauf bedacht, nicht auf die Blätter zu treten, auf denen das Blut noch nicht mal überall getrocknet war. Sie holte ihr Handy aus der Hosentasche und sah auf die Uhr: 13.07 Uhr. Für einen Moment schloss sie die Augen und fixierte innerlich den Punkt zwischen ihren Brauen, legte die Hände wie zum Gebet an der Stirnmitte ab. Sie versuchte, alles um sie herum – das Gemurmel der Leute, das Geraschel und Gebell – auszublenden, bis da nichts mehr war als sie und der Tote, dessen leicht metallischen Geruch sie wahrnahm. Erst dann öffnete sie die Augen wieder, drückte die Aufnahmetaste und begann mit einer Gesamtschau des Toten. »Opfer gut 1,70 Meter groß, männlich, normale Statur. Leichter Alkoholgeruch. Vermutlich hatte der Tote erst kurz zuvor Alkohol konsumiert. Körper befindet sich in seitlicher Liegeposition, in der Hüfte abgeknickt. Vermutlich bis zum Todeseintritt an einen Baum gelehnt«, sprach sie auf Band. »Mehrere Stichverletzungen in Unterbauch und Brustbereich. Hoher Blutverlust. Hemd und Weste weisen Risse auf. Hochwertige Markenkleidung. Arme und Beine so weit unverletzt. Gesicht und Hals ebenfalls. Kein Tierfraß. Geringes Fliegenaufkommen. Augen halb geöffnet.« Sie machte eine Pause und beugte sich vorsichtig etwas tiefer. »Blick noch nicht vollständig eingetrübt.« Dann verlagerte sie ihr Gewicht auf den anderen Fuß, bevor der rechte einschlief. »Du hast dein Ende förmlich kommen sehen. Kanntest du den Täter?«
Über den Waldweg näherte sich ein weißer Transporter. Endlich! Das musste das Team von der KTU sein. Ob sie direkt jemanden aus der Gerichtsmedizin mitbrachten? Jemanden. Paul, besser gesagt. Bei dem Gedanken zuckte Carla kurz zusammen. Dr. Paul Friedrich war der einzige Rechtsmediziner im Landkreis Lüneburg und damit auch im Wendland. Sie hatten sich bei der Ermittlung im August kennengelernt und waren sich vielleicht auch etwas nähergekommen, hatten sich seitdem aber nicht mehr gesehen. Carla wusste jedoch, dass Paul an den Papa-Wochenenden oft mit seinem Sohn Jonas unterwegs war. Sollte er heute also nicht verfügbar sein, würde man auf die Leichenschau vor Ort zur Not verzichten und auf die Obduktion im Klinikum Lüneburg warten können. Todeszeitpunkt und Tatort schienen Carla ziemlich eindeutig.
Noch in der Hocke, holte sie einen Einweghandschuh aus ihrer Tasche – wenigstens die hatte sie dabei, ebenso wie Spurensicherungsbeutel – und zog ihn über. Vorsichtig legte sie zwei Finger an den Hals des Toten. Der Körper war noch warm, das Muskelgewebe weich. Die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt. Demnach hatte der Mann vor zwei Stunden vermutlich noch gelebt und sich womöglich schon auf das »Schüsseltreiben« gefreut – das traditionelle Festessen nach der Jagd, wie Becker Carla erklärt hatte.
Carla betrachtete die frei liegenden Hände des Toten. Sie waren jetzt schmutzig, aber man konnte dennoch erkennen, dass sie gepflegt waren, die Nägel ordentlich manikürt, zum Teil mit ein wenig Dreck darunter. Die Partikel würde die Kriminaltechnik später sichern. Einen Ehering trug er nicht, am rechten Handgelenk jedoch eine große Uhr der Marke TAG Heuer. Also teuer. Noch einmal sah sie in das Gesicht des Toten. Es war ein wenig aufgedunsen, und eine leichte Alkoholfahne ging von ihm aus. Er musste am Vorabend gut gebechert haben. Gab es deswegen keine offensichtlichen Kampfspuren? Weil das Reaktionsvermögen des Opfers beeinträchtigt gewesen war? Carla war gespannt, was die Gerichtsmedizin zum Tathergang und der Waffe sagen würde. Aufgrund der Anzahl der Stiche, die sie mit bloßem Auge erkennen konnte, nahm sie an, der Täter hatte sichergehen wollen, dass das Opfer den Angriff nicht überlebte.
Jetzt erst erhob sie sich langsam und wartete einen Moment, bis das Blut wieder ungehindert zirkulieren konnte und das Kribbeln in den Beinen aufhörte. Erst danach wandte sie sich der Gruppe Menschen zu, die ihr abwartend entgegenblickte.
»So, wer von Ihnen hat hier das Sagen?«, fragte sie forsch und suchte mit dem Blick nach dem Mann, der nach ihrer Ankunft am Tatort auf sie zukommen wollte. Jetzt, wo er die volle Aufmerksamkeit hatte, machte er, nicht mehr ganz so beherzt, ein paar Schritte in Carlas Richtung. Sie ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand. »Carla Seidel«, wiederholte sie. »Und Sie sind?«
»Heiko von …« Der Mann räusperte sich. »Heiko von Boenning. Ich leite die Jagd.«
Carla nickte. Der Name kam ihr vage bekannt vor. Wahrscheinlich hatte Becker ihn bei seinem Gerede über die Veranstaltung erwähnt. »Gut«, sagte sie etwas milder, »dann können Sie mir sicher sagen, um wen es sich bei dem Toten handelt, oder? Name, Adresse?«
»Also, die Adresse habe ich nicht, aber das ist … das ist Tommi.« Von Boenning schluckte schwer. »Thomas Winkels.« Für einen ausgemachten Jäger kostete es ihn sichtlich Überwindung, den Leichnam anzuschauen. Sobald er den Namen genannt hatte, wandte er den Blick wieder ab. Carla nahm das zur Kenntnis, aber wirklich auffällig fand sie es nicht. Sie hatte auch schon Ärzte oder Schlachter gesehen, die sich beim Anblick eines gewaltsam aus dem Leben gerissenen Angehörigen übergeben mussten. Nicht der Tod an sich berührte. Es war die emotionale Nähe, gepaart mit der Brutalität.
»Woher kannten Sie Tommi?«
»Ach, gar nicht so gut«, erwiderte von Boenning, auch wenn das nicht die Frage gewesen war. »Eigentlich mehr von früher – wie fast alle hier.« Er sah sich um. »Wir sind zusammen zur Schule gegangen, und die Jagd sollte so etwas wie eine große Wiedersehensfeier werden … Und dann dieses Unglück!«
»Wissen Sie, was er beruflich macht? Hat er Familie?«
»Ich glaube, er hat zusammen mit jemandem eine Werbeagentur. Wie es aussieht, ziemlich erfolgreich.« Von Boenning deutete auf die Uhr am Handgelenk des Opfers. »Geprotzt hat er ja schon immer gern.«
Carla stutzte. Nach gutem altem Schulfreund klang das nicht gerade. »Wie meinen Sie das?«
»Ach, schon gut. Ich will da jetzt auch nichts Falsches sagen« ruderte er zurück. »Als ich wegging, 96, war er sowieso schon in Lüneburg. Ist ewig her.«
»Und Familie?«, hakte Carla nach.
»Was er gestern so erzählt hat, lebt er allein. Geschieden, meine ich. Kinder hat er nicht erwähnt. Hätte auch nicht zu ihm gepasst.«
»Ach nein? Woran merkt man das denn?«
Von Boenning zuckte mit den Achseln. Er schien Mühe zu haben, sich zusammenzureißen. »Er hat wohl gern ein bisschen das Abenteuer gesucht.«
»Sie waren gestern mit ihm zusammen?«
»Ich und so einige andere. Das versteht man wohl unter einer Wiedersehensfeier, oder?« Er sah sie herausfordernd an.
»Wer feierte denn so alles mit?«
»Vier alte Schulfreunde, die sich in der Nähe ein Ferienhaus gemietet haben.«
Carla machte sich eine gedankliche Notiz, das zu überprüfen. »Und ist Ihnen da etwas aufgefallen? Wirkte Herr Winkels angespannt? Aufgeregt?«
»Sie stellen vielleicht Fragen! Woher soll ich denn wissen, wie Tommi sonst so war? Mir kam er vor wie früher. Ausgelassen, witzig, schlagfertig …«
»Wer hat den Toten denn gefunden?«
Von Boenning sah sich um. »Der ist jetzt schon weg. Das war der Claus. Claus Grotjahn. Sein Hund war wohl die ganze Zeit schon unruhig. Wir wollten gerade die Strecke verblasen, da sagte jemand, dass Tommi noch fehlt. So eine Tragödie.«
Carla ging dieser etwas aufgeblasene Jäger ein bisschen auf die Nerven. »Ich brauche eine Liste mit allen Teilnehmern, von der Jagd und vom gestrigen Abend. Am besten heute noch.« Sie wühlte in ihrer Tasche, kramte eine Visitenkarte hervor und gab sie von Boenning.
Der betrachtete sie kurz und steckte sie dann in eine seiner vielen Westentasche. »Ich werde meine Frau bitten, sie Ihnen zukommen zu lassen.«
»Ihre Frau? Was hatte sie mit der Organisation zu tun?«
Von Boenning lächelte schief. »Die Frage wäre wohl eher, was ich mit der Organisation zu tun hatte. Um die Einladungen und das ganze Offizielle haben sich meine Frau und vor allem mein Schwiegervater gekümmert.«
»Aha«, machte Carla. »Aber Sie sind doch der Jagdleiter?«
»Das stimmt nur zur Hälfte. Sagen wir, ich leite den praktischen Teil, und die von Boennings kümmern sich um den offiziellen Rahmen. Mein Schwiegervater hat die Jagd ja auch eröffnet.«
Carla stutzte. »Sie tragen den Namen Ihres Schwiegervaters?«
Das schiefe Lächeln blieb. »Ich habe damals den Namen meiner Frau angenommen. Der ist … ein wenig klangvoller.«
Carla beschloss, die Familienverhältnisse der von Boennings später etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Bestimmt konnte Becker ihr dabei schon weiterhelfen.
»Haben Sie vielen Dank. Das war es dann auch für den Moment, aber bitte halten Sie und die anderen sich noch für die Aufnahme der Personalien zur Verfügung«, sagte Carla, weil der Notarzt sie bereits zum zweiten Mal zu sich gewunken hatte. Er hatte offenbar alles verstaut und wollte los. »Denken Sie bitte an die Liste, und sagen Sie den übrigen Leuten, dass sie gehen können. Wir melden uns. Und wenn es irgend geht, kein Wort an die Presse.« Sie wusste, dass sie den letzten Wunsch direkt knicken konnte. Wahrscheinlich hatten längst ein paar der Männer ihren Kumpels beim Elbe-Jeetzel-Kurier Bescheid gesagt. Aber der Form halber musste sie das sagen.
Carla ging hinüber zu dem Notarzt, der sich bereits im Gespräch mit Anna Witte befand. Sie hatte die drahtige und gepiercte Leiterin der kriminaltechnischen Untersuchung Lüneburg schon in der »SoKo Justus« kennen- und schätzen gelernt. Ihr Team war dabei, den Tatort abzusperren. Leider etwas spät.
»Moin, Carla Seidel, Polizeistation Dannenberg«, sagte sie zu dem Arzt und nickte Anna zu.
»Hubert Mertens«, erwiderte der Mann, der bestimmt schon über sechzig war. Carla kannte ihn nicht.
»Sie übernehmen?« Als Carla ihre Zustimmung andeutete, fuhr er fort: »Den Totenschein habe ich schon der Kollegin gegeben. Da muss jemand eine ziemliche Wut gehabt haben.« Die Bemerkung ließ Carla aufhorchen. Sie erlebte es nicht oft, dass sich diensthabende Notärzte zu Verbrechensopfern äußerten. Häufig genug hatten sie gar keine Erfahrung damit.
Dr. Mertens holte einen Beutel mit einem Portemonnaie und einem Handy vom Beifahrersitz des Notarztwagens. »Ich habe mir mal erlaubt, das sicherzustellen«, sagte er mit dem Anflug eines Lächelns. »Bei so vielen Zuschauern weiß man ja nie.«
Carla hob die Brauen. Das war ein cleverer Schachzug. Und ein offiziell nicht erlaubter. »Vielen Dank«, sagte sie. »Das war sehr aufmerksam.«
Mertens tippte sich an die Stirn. »Nichts für ungut. Ich hoffe, Sie kriegen denjenigen schnell, der das getan hat.« Als der Arzt gefahren war, zeigte Carla auf den Beutel mit der Brieftasche. »Darf ich?«, fragte sie Anna und öffnete den Plastikverschluss, um die Börse herauszunehmen. Weiches italienisches Leder. Teuer. Vorsichtig begutachtete sie mit dem Finger, der immer noch im Gummihandschuh steckte, die einzelnen Fächer. Neben etwas Bargeld und einigen Kreditkarten – Gold, Platin – fand sie auch, wonach sie suchte. Sie zog den Personalausweis heraus. Thomas Winkels, stand dort, wie von Boenning gesagt hatte, geboren 20.01.1974 in Lüchow, wohnhaft in Lüneburg. Sie steckte alles zurück in den Beutel und reichte ihn Anna zur Beweissicherung. »Schön, dass du da bist. Ich bin gespannt, ob ihr etwas Verwertbares findet. Hier ging es ja zu wie auf dem Jahrmarkt.«
Anna zuckte nur mit den Achseln. »Schauen wir mal«, sagte sie knapp.
Nachdenklich ging Carla hinüber zu dem wartenden Heiko von Boenning. Da muss jemand eine ziemliche Wut gehabt haben. Ohne Zweifel. Bei sechs oder sieben Messerstichen durfte man davon wohl ausgehen. Erfahrungsgemäß grenzte Wut als Motiv den Täterkreis jedoch nicht wirklich ein. Die tiefere Ursache davon – die musste man zutage fördern. Und die lag oft jenseits des Offensichtlichen. Ihr damaliger Ausbilder und Mentor bei der Kripo Hamburg hatte sie genau davor immer gewarnt: »Fühl dich nie zu schnell zu sicher. Und wenn du denkst, du hast alles unter Kontrolle, pass doppelt gut auf!«
Sie nahm sich vor, den Rat zu beherzigen, gerade weil im vorliegenden Fall auf den ersten Blick alles nach einer Beziehungstat aussah. Und die waren in der Regel schnell aufgeklärt.
Carla sprang über einen kleinen Ast, der ihr im Weg lag und blieb vor dem inoffiziellen Jagdleiter und den übrigen Wartenden stehen. »Vielen Dank für Ihre Geduld. Wer von Ihnen kannte denn das Opfer sonst noch?«
Bis um halb drei hielt Carla es aus. Die Befragung der Jagdteilnehmer war nicht sonderlich ergiebig gewesen, Lana war noch immer nicht erreichbar, und so langsam machte sie sich keine Sorgen mehr. Mittlerweile verspürte sie echte Panik.
Im Laufschritt ging sie hinüber zu Anna Witte. »Hast du noch etwas gefunden, das uns weiterbringen könnte? Ich würde sonst los.«
Anna schaute zu ihrem Team, das den Tatort final abgesperrt hatte und nun im umliegenden Gelände nach verwertbaren Spuren suchte. Da sie in der Gerichtsmedizin niemanden erreichten, war die Leiche freigegeben. Der Bestatter lud sie gerade in den Wagen. »Du meinst, außer dem Opfer selbst? Das kam ja fast einer Hinrichtung gleich.« Anna schüttelte den Kopf. In dem Punkt waren sich offenbar alle einig. »Hier ist ja leider eine ganze Kompanie rübergelatscht«, sagte Anna. »Die Blätter sind an einigen Stellen platt getreten, aber für detaillierte Schuhabdrücke ist der Boden um den Tatort zu verwurzelt. Wir suchen noch nach der Tatwaffe. Mal schauen …« Aufmerksam musterte sie Carla. »Alles okay bei dir?«
Carla rieb sich über die kalte Nasenspitze. »Alles bestens. Ich kann nur meine Tochter gerade nicht erreichen«, wiegelte sie ab.
»Ach so, ich dachte, es wäre was Ernstes«, meinte Anna. Wenn das ein Versuch sein sollte, Carla aufzuheitern, ging er daneben. »Sie wird gestern um die Häuser gezogen sein und hat das Handy danach nicht aufgeladen.«
Anna meinte es sicher gut. Aber ihre Tochter zog nie um die Häuser. Ihre Tochter verabredete sich ja noch nicht mal tagsüber. Allenfalls zum Lernen mit ihrer Freundin Greta. Lana, ihre hochsensible und lichtscheue Tochter, hasste alles, was sich im weitesten Sinne mit dem Wort Vergnügen umschreiben ließ. Und dass an einem Samstagmittag ihre Nachrichten nicht zugestellt werden konnten, kam schlicht nicht vor.
»Weißt du zufällig, ob Paul am Wochenende arbeitet?«, fragte Carla, um das Thema zu wechseln.
Anna öffnete den Reißverschluss ihres weißen Schutzanzuges und schob sich die Kapuze vom Kopf. »Du meinst wegen ihm da?« Sie zeigte hinter sich auf den Leichenwagen.
»Thomas Winkels«, berichtigte Carla. In ihrer Welt hatten Mordopfer Namen. Alle Opfer.
»Er hat sich ja vor Kurzem einen ausgebauten VW-Bus zugelegt, und soweit ich weiß, wollte er den jetzt am Wochenende einmal mit Jonas ausprobieren. In einer Woche sind Herbstferien. Da planen sie, glaube ich, etwas Größeres. Insofern eher nicht, würde ich sagen.«
Es versetzte Carla einen leichten Stich, dass Anna offenbar bestens über Pauls Privatleben Bescheid wusste. Andererseits waren die beiden befreundet, und Carla konnte sich gut vorstellen, dass Anna mit ihren Anfang dreißig noch so etwas wie eine coole Wahltante für den 14-jährigen Jonas abgab. Der Sohn lebte abwechselnd bei Paul und seiner geschiedenen Frau Birte. So viel wusste auch Carla.
Sie wies auf den Beutel mit dem Handy und dem Portemonnaie des Opfers. »Vielleicht findest du jemanden, der sich schon mal die Anrufe und Nachrichten angucken kann. Ich seh zu, dass ich später auch noch nach Lüneburg komme.«
Etwas an ihrem Gesichtsausdruck musste sie verraten haben, denn Anna legte ihr die Hand auf den Arm. »Mach dich nicht verrückt! Lana wird in ihrem Bett liegen und sanft schlummern. Dann trinkst du erst mal einen Kaffee. In Lüneburg verpasst du nix. Du weißt, wie dünn besetzt wir sind. Und jetzt am Wochenende wird erst recht nicht mehr viel laufen. Von übertriebenem Aktionismus wird der Tote also auch nicht …«
Carla legte ihre Hand auf Annas und schob sie etwas zu heftig weg. »Sag es nicht, bitte!« Carla schätzte Annas burschikose Art durchaus, doch manchmal ging sie ihr zu weit.
»Wie du meinst!«, sagte Anna. »Sobald wir die Spuren analysiert haben, gebe ich dir Bescheid.«
»Welche Spuren denn jetzt? Ich dachte, da war nichts?«, fragte Carla ungehalten. Es passte nicht zu Anna, dass man ihr alles aus der Nase ziehen musste.
»Außer am Opfer, habe ich gesagt. Sekretreste an Hemd und Weste, eventuell Fremdpartikel unter den Fingernägeln. Ob das von dem Typen selbst ist oder von einer anderen Person, kann ich noch nicht sagen.«
»Mensch, Anna!«, entgegnete Carla barsch. »Dieser Typ heißt Thomas Winkels, und er wurde mit mehreren Messerstichen brutal ermordet. Etwas mehr Empathie wäre durchaus angebracht.«
»Ich mache nur meinen Job. Das mit dem Mitgefühl ist eher dein Part. Ich melde mich.« Achselzuckend wandte Anna sich ab.
Carla sah ihr hinterher und fragte sich, ob sie womöglich auch eine schlechte Nacht gehabt oder anderweitig Probleme hatte. Diese Art war nämlich selbst für Anna zu rabiat.
Dann aber stapfte auch Carla zu ihrem Wagen. Auf dem Weg dahin versuchte sie trotzdem, Paul zu erreichen. Irgendjemand musste sich die Leiche heute noch vornehmen. Es sprang sofort die Mailbox an. Schade. Carla hätte gern Pauls Stimme gehört … Sie hinterließ ihm eine Nachricht. Ihre Füße waren inzwischen fast taub. Die dünnen Sneakersocken konnte sie direkt wegschmeißen. Carla startete den Motor und drehte das Gebläse einmal voll auf. Bei dem immerhin lauwarmen Luftstrom atmete sie einmal wohlig ein. Das Wendland konnte auch im Herbst ein Ort friedvoller Ruhe und Kraft sein. Jetzt aber war es einfach nur arschkalt. Dann suchte sie in ihrem Adressbuch die Nummer ihrer Freundin Swantje, ihres Zeichens Rechtsmedizinerin in Hamburg. »Hey, Schätzchen, was gibt’s? Ich bin in Eile. Wird wieder ein Schaf vermisst?«
Carla musste schmunzeln. Das war so typisch Swantje. »Eher weniger. Wir haben einen Toten, und ich brauche dich hier.«
Am anderen Ende herrschte Schweigen. »Ein Toter, sagst du? Ich bin aber verabredet.«
»Genau, mit mir. Schaffst du …« Carla sah auf die Uhr im Auto. »Siebzehn Uhr?«
Sie hörte ein Seufzen. »Ich hoffe für dich, dass der Tote es wert ist. Bis nachher.«
Carla grinste. Sie würde ihre Freundin später fragen, wer dieses Mal auf ihre geschätzte Anwesenheit verzichten musste.
Carlas Fachwerkhaus lag in einer Art Stichweg, den man wohlwollend auch als einen halben Rundling beschreiben konnte.
Wenn das Wendland für etwas berühmt war, dann für das häufige Vorkommen von kleinen Rundlingsdörfern, einer Siedlungsform, die im Mittelalter durch die slawischen Einwanderer, damals Wenden genannt, Tradition geworden war. Sie waren wirklich hübsch anzusehen mit dem kreisrunden Platz in der Mitte, gern beschattet durch alten Baumbestand, um den herum sich die Häuser mit dem schönen Gefach gruppierten. Anschaulich erklärt wurde das in dem zum Museumsdorf umfunktionierten Lübeln. Wenn sie richtig informiert war, lag der Kultusministerkonferenz bereits ein Antrag emsiger Wendländer zur Anerkennung der Rundlinge als Weltkulturerbe vor. Ob der tatsächlich bei der UNESCO eingereicht würde, war aber noch nicht entschieden.
Am Ende des Schotterweges, der zu ihrem Domizil führte, standen, mit genug Abstand halbkreisförmig errichtet, immerhin noch zwei weitere ehemalige Höfe. Der Kontakt zu den Nachbarn, einem Tierarzt aus Magdeburg und einem Landwirt, war nicht intensiv, aber man half sich. Für Carla war es der perfekte Ort, um Hamburg hinter sich zu lassen.
Als sie in die Sackgasse einbog, sah sie als Erstes den Hund, der ihr entgegengesprungen kam. Carla rutschte das Herz in die Hose. Was machte Mailo denn draußen? Allein! Ohne Lana! Sofort schossen Carla Bilder aus den vergangenen Monaten in den Kopf: Der tote Vogel vor ihrer Terrassentür. Lana, die von einer Mörderin beschattet und fotografiert wurde. Sörens unerwartete Kontaktaufnahme: »Ich höre, du bist wieder im Dienst und feierst deinen ersten Erfolg.«
Nervös fuhr sie die letzten Meter und rammte beim Abbremsen auf dem Grasstreifen fast die Steinmauer. Hektisch stieg sie aus und wurde von Mailo freudig begrüßt. Würde er sich anders verhalten, wenn drinnen etwas Schreckliches passiert wäre? Carla rannte den kurzen Weg zu ihrer Haustür, die einen Spalt offen stand.
»Lana?«, rief sie in die Diele, und ihre Stimme hallte schrill von den Wänden zurück. »Lana?« Sie eilte drei Stufen die Treppe hinauf und lauschte, ob aus Lanas Zimmer im ersten Stock Geräusche kamen. Nichts. Dann lief sie in den an die Diele angrenzenden Wohn-Ess-Bereich. Auf dem großen Holztisch lag Lanas Rucksack. Hatte der heute früh auch schon da gelegen? Sie wusste es nicht mehr. Die Terrassentür war verschlossen. Alle Scheiben heile. Die Fenster und Türen hatte sie erst vor drei Wochen erneuern und mit Sicherheitsschlössern versehen lassen. »Lana?«, rief sie zum dritten Mal und wollte gerade in die Diele zurück, um nach Lanas Schlüsselbund suchen, als sie fast mit ihrer Tochter zusammenstieß. »Ey Mama, chill mal.«
Mit weit aufgerissenen Augen und stoßweise atmend, starrte Carla ihre Tochter an. »Lana, da bist du ja«, sagte sie und fühlte sich plötzlich sehr wackelig auf den Beinen. Sie streckte die Hände zu einer Umarmung aus, doch ihre Tochter wich direkt einen Schritt zurück. Lana hasste Körperkontakt, das wusste Carla ja, aber wenn sie sie jetzt zurückwies, war das eher ein gutes Zeichen. So schlecht ging es ihr demnach nicht. »Wo warst du denn die ganze Zeit?« Nun, da sie wieder Luft bekam, mischte sich auch schon etwas Ärger in die Erleichterung.
»Wo soll ich denn gewesen sein?«, erwiderte Lana und schaute zur Seite. »Hier.«
»Und dein Handy?«
»Akku leer?« Sie ließ es klingen wie eine Frage, und so kam es Carla auch vor. Wie die Frage, ob die Ausrede wohl überzeugend genug sei. Die Augenringe waren gestern auch noch nicht so dunkel gewesen, fand Carla. »Und zum Aufladen musst du jetzt vors Haus, oder was?« Carla bereute den letzten Nachsatz sofort wieder. Kaum war die Anspannung weg, kam der schnippische Ton zurück. An ihrer Beziehungsdynamik mussten sie wirklich noch arbeiten. Doch auch die hatte ihre Geschichte.
»Nee«, entgegnete Lana, nicht weniger genervt, »aber zu den Mülltonnen.« Lana zeigte auf den geöffneten Unterschrank mit dem Abfalleimer.
Carla wischte sich über die Augen. »Entschuldige, Schatz. Es war nicht so gemeint. Ich habe mir nur wirklich Sorgen gemacht, weil ich dich nicht erreichen konnte.«
»Schon okay«, lenkte Lana ungewohnt schnell ein. »Du bist aber auch spät dran. War was?«
Carla überlegte. Schon bei ihrem ersten Mordfall hier hatte sie ihrer Tochter in manchen Momenten zu viel von den laufenden Ermittlungen erzählt und sie dadurch in große Gefahr gebracht. Diesen Fehler wollte sie kein zweites Mal machen. »Ja. Na ja. Es gab einen Toten«, sagte sie vage, aber ihr war klar, dass ihre Tochter die Zwischentöne hören würde. »Ein Jagdunfall«, fügte sie deswegen hinzu und hätte im Leben nicht mit der folgenden Reaktion gerechnet.
»Ein was? Ein Jagdunfall? Wo?« Lana war ganz blass geworden.
»Was hast du denn? Lana, möchtest du mir irgendetwas sagen?« Aufmerksam musterte Carla ihre Tochter.
»N-nein, nein«, stammelte diese. »Ich weiß auch nicht. Wahrscheinlich gewöhne ich mich nicht daran, dass auch hier schlimme Sachen passieren. Kennt man den Toten?«
Lana war sichtlich bemüht, ihre Fassung zurückzugewinnen, aber Carla blieb skeptisch. »Lana. Du hast doch was!«
»Mama! Hör auf mit deinem ewigen Nachbohren! Du hast gesagt, es gab einen Toten, bei der Jagd. Ich habe gefragt, was passiert ist. Das ist doch wohl normal und kein Grund, hier schon wieder ein Drama zu veranstalten. Und ja, ich habe was: Hunger nämlich! Wir haben noch drei Scheiben Toast und angegammelten Käse. Du warst nicht zufällig einkaufen?«
Lana hatte sich in Rage geredet, und Carla war nicht mehr sicher, ob sie spielte – Lana konnte eine gute Schauspielerin sein –, oder ob sie selbst schon wieder die Flöhe husten hörte. Jeder vergaß mal, sein Handy aufzuladen. Zeichnen konnte Lana auch auf dem iPad. Und natürlich erwischte ihre Tochter sie dann direkt wieder an ihrer Achillesferse. Essen! Carla hasste es, zu kochen, und das Einkaufen vergaß sie oft einfach. Nicht dass nicht auch Lana mit ihren fast 18 Jahren dazu in der Lage gewesen wäre. Der nächste Supermarkt war keine Weltreise entfernt, und Lana hatte seit zwei Monaten ein wunderbares neues rotes Fahrrad!
»Ich glaub, im Tiefkühler ist noch Pizza. Nimm die«, sagte Carla entsprechend ungehalten. »Ich muss arbeiten und auch gleich wieder los.«
Sie ging zur Espressomaschine und ignorierte, wie Lana die Tür zum Mülleimer mit einem lauten Knall schloss und die Tiefkühlpizza vernehmlich auf die Anrichte pfefferte, bevor sie die Pappe aufriss und den Ofen anstellte. »Wer ist denn nun dieser Tote?«, fragte sie schließlich, um einen freundlicheren Ton bemüht.
Der schwarze Kaffee gurgelte und zischte in die kleine Tasse und verströmte seinen Duft. Carla überlegte, ob sie einlenken und das Gespräch auf Lanas Vater bringen sollte. »Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Wir stehen noch völlig am Anfang. Aber ich …«
»Am Anfang einer Ermittlung? Also war es Mord?«, fragte ihre Tochter erregt.
Carla, die mit dem Rücken zum Raum stand, drehte sich um. »Ja, Lana. Es hat einen Mord gegeben. Im Dragahner Forst. Mehr kann ich dir nicht sagen. Mehr wissen wir auch noch nicht.«
Lana starrte ihre Mutter an. »Ach du Scheiße«, sagte sie und verließ die Wohnküche schnurstracks. Die Pizza lag nach wie vor auf dem Tresen. Der Ofen hatte noch nicht zu Ende vorgeheizt. Irritiert sah Carla ihr hinterher.
Mit einem Satz sprang Lana auf ihr Bett und wühlte zwischen den Decken nach ihrem Handy. Hunger und Durst waren vergessen. Sie fand es, zum Laden eingestöpselt, neben dem Kopfkissen, schaltete es an, sah die fünf verpassten Anrufe und Nachrichten ihrer Mutter und suchte in ihren Kontakten nach Fabian. Sie drückte auf die Nummer, aber es sprang direkt die Voicemail an. Wahrscheinlich pennte er noch. Fieberhaft versuchte Lana, die Morgenstunden zu rekonstruieren. Sie hatten den Hochsitz noch im Dunkeln verlassen. Da musste es also kurz vor sechs gewesen sein. Dann die Sache mit dem Wolf. Bei der Erinnerung lief ihr ein Schauer über den Rücken! Was für ein Wahnsinnsanblick das gewesen war! Danach waren sie ungefähr eine halbe Stunde zu Fabians Gutshof gelatscht. Da war schon ordentlich was los gewesen. Stimmengewirr, viele Autos, bellende Hunde. Das war Lana schon von Weitem zu viel gewesen, also hatte sie beschlossen, direkt nach Hause zu gehen. Fabian hatte ihr angeboten, sie zu fahren, was sie sehr süß fand. Er war schon 19 und hatte einen Führerschein. Aber sie war ja mit dem beknackten Rad gekommen. Knapp zwölf Kilometer waren das von ihr bis Thunpadel, aber anders wäre sie mitten in der Nacht dort nicht hingekommen. Allein das hatte sie schon eine Überwindung gekostet, die andere nur schwer nachvollziehen konnten. Es verunsicherte sie, einen Weg zu gehen, den sie nicht kannte. Mit ihrer Hypersensibilität brauchte sie Routinen und einen festen Rahmen. Allein auf das wackelige Rad zu steigen, hatte sie an den Rand einer Panikattacke geführt. Viele machten sich darüber lustig, dass sie selbst den Schulbus nur zähneknirschend bestieg. Für sie war es eine Art Überlebensstrategie, ihn möglichst zu meiden.
Und mit diesem wackeligen Rad war sie dann auch wieder nach Hause gefahren. Fabian und sie hatten vorher noch ein paar Worte gewechselt, aber die Magie zwischen ihnen war weg gewesen. Sie war um kurz nach acht zu Hause gewesen und nach einer kleinen Runde mit Mailo todmüde ins Bett gefallen.
Und Fabian? Der war bestimmt auch direkt schlafen gegangen. Ihm konnte doch nichts passiert sein, oder? Warum hatte sie bei ihrer Mutter nicht weitergebohrt? Dragahner Forst, hatte sie gesagt. Waren sie da überhaupt gewesen? Im Wald, ja, aber wusste sie, wie die Scheißbäume hießen?
Die Göhrde kannte sie. Da gab es so ein berühmtes Denkmal. Berühmt gar nicht mal nur wegen der Schlacht 1800-schieß-mich-tot gegen Napoleon, sondern weil der Granitstein so gigantisch groß war und kein Mensch wusste, wie er je in den Sumpf da in der Gegend gekommen sein konnte. »Vom Teufel auf der Schulter durch die Lüfte getragen und vor Schreck fallen gelassen«, wie ihr Geografielehrer die alte Sage zitierte, sicher nicht. Und da hatte es vor gut dreißig Jahren auch schon mal einen Mord gegeben. Aber in der Göhrde waren sie definitiv nicht gewesen.
Sie schrieb Fabian eine WhatsApp: »Meld dich dringend, wenn du wach bist. Hast du schon von dem Mord gehört?« Es war wirklich blöd, wenn man jemanden erreichen wollte und das partout nicht ging. Ein Haken.
Lana googelte Mord, Unfall, Dragahner Forst, aber noch tauchte keine Nachricht auf. Wer der Tote wohl war? Vollkommen unsinnigerweise überlegte sie, ob Fabian irgendetwas erwähnt hatte.
