Der Wolf von Gubbio - Dorothea Emmrich - E-Book

Der Wolf von Gubbio E-Book

Dorothea Emmrich

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Beschreibung

Es sind die zwei Kinder Aniella und Matteo, die den Wolf als erstes entdecken. Er ist auf der Suche nach Nahrung aus den Tiefen der umbrischen Wälder vor die kleine Stadt Gubbio gekommen. Angst und Schrecken ziehen durch die schmalen Gassen der Stadt. Erst die Furchtlosigkeit des Francesco aus Assisi zeigt ihnen Wege aus ihrer Angst vor dem Fremden.

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EPUB

Seitenzahl: 43

Veröffentlichungsjahr: 2016

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nach einer Legende vom heiligen Franziskus

frisch und frei nacherzählt von Dorothea Emmrich

mit Liedertexten von Viola Wilke

Illustrationen: Schattentheater Lumumbra

In dem Jahr, als sich die Menschen die Geschichte von Francesco und dem Wolf erzählten, war der Winter besonders ungeduldig. Der grimmige alte Kerl konnte es gar nicht abwarten, über die Berge hinab zu der kleinen Stadt Gubbio zu steigen.

Gubbio ist ein Ort in Umbrien und Umbrien liegt in Italien. Dort ist es sehr hügelig. Große Buckel, mit dunklen Wäldern bewachsen, schaffen Platz zwischen den Städten. In den Wäldern leben viele Wildschweine und andere Tiere.

Die Städte schützten sich mit breiten Stadtmauern vor feindlichen Angriffen. Auch um Gubbio führte eine dicke Mauer, an der der Winter nun schon seit Tagen reizbar mit seinen steifen Fingern kratzte.

Die Menschen aus Gubbio hatten sich längst in ihre Häuser an die warmen Herdfeuer zurückgezogen, während draußen der kalte Gast silbrige Schleier auf die Hänge der Olivenbäume zauberte. Die Sonne brachte keine Kraft mehr auf für Tage wie diese. Müde vom satten Sommer zog sie sich leise in die dunkeln Wälder zurück. Bald würde der Mond über Gubbio stehen und dunkle Schatten durch die schmalen Gassen der Stadt schicken.

Draußen vor der Mauer, mitten im Olivenhain, schlichen zwei Kinder durch das abendfeuchte Gras.

„Ach man, Matteo, das ist unheimlich! Wo willst du denn hin? Jetzt rennen wir schon die ganze Zeit hier durch die Gegend. Ich habe schon ganz zerkratzte Beine.“

Aniella wischte sich genervt eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Nun warte doch mal ab! Kannst du nicht ein bisschen leiser sein?

Du trampelst hier herum, da fallen ja die Fledermäuse aus den Bäumen!“, schimpfte Matteo lauter als beabsichtig zurück.

Er bereute es schon fast, Aniella mitgenommen zu haben. Trotzdem war ihm heute wohler, nicht allein zu sein. Irgendetwas lag in der Luft, etwas Unheimliches, etwas Prickelndes.

Aniella stolperte über eine Wurzel.

„Pah, das musst du gerade sagen! Wer brüllt denn hier wie ein Marktschreier herum?“

„Pst, sei mal leise.“

Atemlos duckte Matteo sich hinter dem welken Gestrüpp eines alten Ginsterbusches.

„Da…da ist er wieder. Wie ich dir gesagt habe!“

Vorsichtig bog Matteo einen kleinen Ast zur Seite. Nur ein paar Armlängen von ihm entfernt äste ein Hirsch. Matteo war sich ganz sicher, dass er dieses Tier bei einem seiner Streifzüge schon gesehen hatte.

„Ich kann nichts sehen. Mach dich nicht so dick!“

Aniella spähte über Matteos Schulter.

„Das ist ein Einzelgänger. Irgendetwas stimmt mit dem nicht. Warum ist er nicht bei seiner Herde?“, flüsterte Matteo.

Der leichte Wind stand günstig. Der Hirsch schien die Kinder nicht wahrzunehmen. Angespannt starrten die beiden zu der kleinen Lichtung hinüber. Eigentlich sollten sie schon längst zu Hause sein. Die Sonne hatte den Tag losgelassen. Zäher Nebel schob sich über den herbstgelben Boden. Die heranbrechende Nacht trug Modergeruch, in den sich der Schweiß des Hirsches mischte, zu Aniella und Matteo hinüber.

„Vielleicht ist er krank? Ich kann immer noch nicht richtig sehen!“

Aniella reckte sich über Matteos Schulter.

Matteo fühlte sich wie festgenagelt. Irgendetwas war anders als sonst. Vielleicht war es nur eine Ahnung, die die Kinder in ihrem Versteck hielt. Auch der Hirsch wirkte unruhig. Immer wieder hob er ruckartig den Kopf und stellte die Ohren nach vorne.

„Er hat Angst! Vielleicht merkt er, dass wir ihn beobachten!“

Aniella zuckte zusammen. Hinter hier hatte es laut geknackt.

„Mensch, Aniella, du machst schon wieder so einen Krach. Wenn du so weitermachst, ist der Hirsch weg!“

„Ich war das nicht! Ich steh hier die ganze Zeit still hinter dir, falls du das nicht bemerkt haben solltest!“

„Ich nehme dich nie wieder mit! Das schwör ich!“

„Sag mal, spinnst du? Ich war das nicht! Ich hab mich noch nicht mal einen Hauch bewegt!“

Matteo blickte zu dem Hirschen.

„Da, siehst du? Er lauscht auch!“

„Ja, aber nicht zu uns! Er schaut doch nach da hinten! Sag mal, bist du blind?“

Aniella tippte sich an die Stirn. Matteo war heute wohl nicht ganz dicht im Kopf. Ständig meckerte er an ihr herum.

Da! Wieder! Jetzt hatte es auch Matteo ganz deutlich gehört. Ein leises Knacken, wie von einem kleinen trockenen Ast, der zerbrach.

Der Hirsch bewegte sich nicht. Nur seine Ohren zeigten seine angespannte Aufmerksamkeit. Matteos Augen suchten die Lichtung ab. Was war das?

Seine Nackenhaare stellten sich auf. Da, plötzlich!

„Runter, duck dich!“

Er riss Aniella auf den Boden.

Ein riesiger Schatten brach aus dem Unterholz. Mit einem verzweifelten Schrei warf der Hirsch den Kopf nach hinten. Machtlosigkeit glomm in seinen Augen. Es war ein einseitiger Kampf, den er schon verloren hatte, bevor er richtig begann. Ein gewaltiges Ungeheuer, ein riesiger, grauer Wolf hing mit Zähnen wie Dolchen an der Kehle des Hirschen. Mit einem gebrochenen Gurgeln brach das Tier zusammen.

Aniella spürte wie sich Matteos Fingernägel in ihren Rücken gruben. Sie konnte nichts sehen. Matteo lag über ihr und presste mit seinem Körpergewicht ihr Gesicht auf den herbstmodrigen Boden. Nur diese schrecklichen Geräusche eines sterbenden Tieres drangen an ihr Ohr.

Nicht starren, befahl sich Matteo und schloss die Augen.

Nicht starren, nicht starren.

Schau nicht zu ihm hin. Du bist unsichtbar. Lass die Augen zu.

Wenn du ihn nicht ansiehst, wird er dich nicht entdecken.