Der Zaubervampir - Gerty Rausch - E-Book

Der Zaubervampir E-Book

Gerty Rausch

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Beschreibung

Lara und Luc sind Waisen von 9 und 11 Jahren. Im Schloss ihrer Vorfahren in Rumänien finden sie eine uralte Familienchronik. Darin steht, dass sie von Vampiren abstammen. Von Vampirfürsten mit Zauberkräften, die das Reich der Finsternis beherrschten.Bei ersten Kontakten mit Vampiren erfährt Luc, dass er als künftiger Herrscher der Vampire vorgesehen ist. Denn nur er besitzt die Kraft, mit der man den seit Jahrhunderten verschollenen Zauberring finden und das Reich der Vampire retten kann. Wer den Ring hat, beherrscht die Welt.Ein Kampf zwischen Gut und Böse beginnt und führt Lara und Luc tief in den Felsen der Südkarpaten: ins Zauberreich des alten Vampirmonsters. Im Reich des bösen alten Monsters, das den verschollenen Zauberring besitzt, kämpfen sie gegen blutgierige Riesenfledermäuse, geraten in Höhlen, die sich in kochende Sümpfe verwandeln. Schließlich stehen sie vor dem personifizierten Bösen: dem alten Monster selbst. Das Monster hetzt zwei blutgierige Tiger auf sie.Luc verwandelt seinen Zauberhund Joey in einen Jaguar und nimmt den ungleichen Kampf auf...

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Zaubervampir

Gerty Rausch

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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2012.

Lektorat: Melanie Wittmann

Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at

Taschenbuch ISBN: 978-3-86196-157-4

E-Book ISBN: 978-3-96074-389-7

*

Inhalt

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Die Autorin

Unser Buchtipp

*

Teil 1

Die zehnjährige Lara klammerte sich an ihren Bruder Luc, der nur ein Jahr älter war. „Ich habe Angst.“

„Ich auch“, flüsterte Luc, der ihre Hand hielt. „Wo bringt er uns hin?“

Vor ihnen ging ein Mann, der aussah wie ein Bär und in einer Sprache redete, die sie nicht verstanden. War es Rumänisch oder Bulgarisch? Sie waren mit Tante und Onkel durch Rumänien gefahren, dann war dieser Unfall passiert.

„Sind wir noch in Rumänien oder schon in Bulgarien?“, fragte Lara.

Luc konnte sich nicht an eine Grenze erinnern, aber vielleicht hatte er den Grenzübertritt auch verschlafen. Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wo wir sind.“

Nach dem Unfall war das Durcheinander so groß gewesen, dass sich niemand um die Kinder gekümmert hatte. Ein uralter Krankenwagen hatte Tante und Onkel weggebracht. Für Lara und Luc war in dem Auto kein Platz mehr gewesen. Ein Polizist in einer beeindruckenden Uniform und mit Riesenschnauzbart schrie die Kinder ununterbrochen an. Dabei fuchtelte er wild mit den Armen. Erst als Lara anfing zu weinen, hörte er auf. Ein Mann in Zivil schob ihn beiseite und redete leise auf die Kinder ein. Aber auch ihn verstanden sie nicht. Wer kann schon Rumänisch oder Bulgarisch? Wenigstens schrie der Mann nicht. Er sprach ruhig und lächelte sogar ein bisschen. Als er merkte, dass Lara und Luc ihn nicht verstanden, nahm er sie einfach bei der Hand und brachte sie zu seinem Wagen.

Sie fuhren durch eine Nacht, die so schwarz war, dass man nichts, aber auch gar nichts sah. Kein Haus, keine Straße, keinen Stern am Himmel. „Sind wir in der Hölle?“, fragte Lara.

„Quatsch“, schnappte Luc. „Wir sind in einem blöden Land auf dem Balkan und es regnet, deshalb sieht man keine Sterne.“ Erst jetzt merkte Lara, dass sie durch und durch nass war.

„Das Auto ist auf der nassen Straße ins Rutschen gekommen“, fuhr Luc fort. Dann war es im Graben gelandet. Wie durch ein Wunder waren Lara und Luc unverletzt geblieben.

„Ist Onkel Hubert schwer verletzt?“, fragte Lara.

Luc zuckte mit den Schultern. Der Onkel hatte noch geredet, Tante Zita nicht. Einen Moment hatte Lara geglaubt, die Tante sei tot. In dem Moment war fast so etwas wie Bedauern aufgekommen. Aber sicher nur deshalb, weil sie ohne Tante und Onkel ganz allein gewesen wären. Die Eltern von Lara und Luc waren schon vor zwei Jahren gestorben. Seitdem lebten die Kinder bei Zita und Hubert. Das war die Hölle. Niemand konnte so gemein sein wie Tante Zita. Laufend drohte sie den Kindern mit einem Heim.

„Ich glaube, dass Tante Zita schwerer verletzt ist“, flüsterte Luc.

Der Mann, der am Steuer saß, sagte etwas, aber die Kinder verstanden es ja nicht. Schließlich schwieg er und konzentrierte sich auf die Straße, die man kaum sah.

„Wo bringt er uns hin?“, fragte Lara leise.

„Keine Ahnung.“

Vor einem Haus hielt der Mann, stieg aus, ging hinein und kam mit einer Frau zurück. Die stieg ins Auto und sagte: „Guten Tag.“

„Tag“, flüsterten Lara und Luc.

„Es tut mir leid, was mit euren Eltern passiert ist“, fuhr sie in holprigem Deutsch fort. „Sie sind im Krankenhaus. Euch bringen wir erst mal in ein Kinderheim.“

Lara erschrak.

Die Frau sah es und lächelte. „Nur bis wir wissen, wie es euren Eltern geht.“

„Es sind nicht unsere Eltern“, wollte Luc sagen, aber er schwieg, hielt Laras Hand fester und starrte wieder hinaus in die Nacht.

Nach weiteren 20 Minuten hielten sie vor einem Haus, das aussah wie eine Kaserne.

„Wir sind da“, sagte die Frau und zog Lara aus dem Auto.

Als sie zur Haustür kamen, leuchtete ein schwaches Licht auf, über der Tür hing eine nackte Glühbirne. In ihrem Licht sah das Haus noch trostloser aus. Lara klammerte sich an Luc, als eine mürrische Frau aus der Tür trat und eine noch mürrischere Frage stellte. Was ihre Begleiterin antwortete, verstanden die Kinder nicht, aber es klang wie ein Tadel.

„Ihr bleibt erst mal hier“, sagte die Frau, die deutsch sprach. „Sobald ich weiß, was mit euren Eltern ist, komme ich wieder.“ Sie schob Lara und Luc ins Haus und ging zurück zum Auto.

Die Heimleiterin, oder was auch immer sie war, stieß einen Befehl aus, der wie das Knurren eines Bären klang. Da Lara und Luc sie nicht verstanden, deutete sie mit der Hand den Gang hinunter. Die Kinder trotteten voran. Vor der letzten Tür kam wieder ein gebellter Befehl. Lara und Luc blieben stehen. Die Frau, die auch in Größe und Breite an einen Bären erinnerte, schob die beiden ins Zimmer. Dazu bellte sie wieder etwas und schloss die Tür.

Lara und Luc standen in einem dunklen Raum, der nach Moder roch. „Gibt es kein Licht?“, fragte Lara mit schwankender Stimme.

Luc tastete die Wand ab, fand einen Schalter und drückte ihn herunter. Diffuses Licht rieselte aus einer verdreckten Birne an der Decke und hob einen trostlosen Raum aus dem Dunkel.

Vier Bettgestelle aus Eisen standen an der Wand, ohne Laken oder Decken, nur die Matratzen. Auf einem Bett entdeckte Lara ein kleines Bündel Mensch. Es war ein Mädchen, das zusammengerollt auf der schmutzigen Matratze lag. Zugedeckt hatte sie sich mit einem Handtuch, das genauso schmutzig war. Mit großen Augen starrte das Mädchen Lara und Luc an. Ihr Blick ließ die beiden nicht los, aber sie sagte nichts.

„Hallo“, flüsterte Lara.

Keine Antwort.

Luc zog Lara zu einem Bett. Als er sich setzte, quietschte es laut.

Mit einem Knall flog plötzlich die Tür auf. Der weibliche Bär stand im Rahmen, schrie etwas und knipste das Licht aus. Mit einem Knall flog die Tür wieder ins Schloss.

Lara klammerte sich an Luc. Sie fürchtete sich im Dunkeln. Außerdem fror sie entsetzlich. „Hier können wir doch nicht bleiben, Luc.“

„Wo sollen wir denn hin?“, fragte er zurück.

„Hast du noch das Geld, das Onkel Hubert dir gegeben hat?“

„Ja.“

„Vielleicht finden wir so was wie ein Hotel“, fuhr Lara fort. Luc bezweifelte das, aber auch er fror und er ekelte sich vor den Matratzen, die entsetzlich nach Moder und Urin rochen. Er zog die Beine hoch. Da schrie Lara auf. „Ein Tier! An meinen Füßen ist was!“ Sie sprang aufs Bett, am ganzen Körper zitternd. „Eine Ratte! Das ist eine Ratte! Hörst du es?“

Luc hörte ein Scharren und Kratzen. „Ja.“ Auch er zog die Füße hoch.

„Hier bleibe ich nicht.“ Laras Stimme klang entschlossen. Sie hatte krankhafte Angst vor Ratten. „Auf keinen Fall bleibe ich hier. Die kommt bestimmt ins Bett.“

Die Vorstellung ängstigte auch Luc. „Was sollen wir machen?“

„Davonlaufen. Jetzt gleich.“ Mit einem Satz sprang Lara vom Bett, mit einem weiteren Sprung stand sie an der Tür und riss sie auf. Hoffentlich ist die Haustür nicht abgeschlossen, war ihr nächster Gedanke.

„Hoffentlich hört uns der Hausdrachen nicht“, dachte Luc und rannte hinter seiner Schwester her. Sie erreichten die Haustür. Sie war offen.

Im nächsten Moment standen sie im Freien und atmeten erst mal auf. Es hatte aufgehört zu regnen und man sah sogar ein paar Sterne. Luc wertete das als gutes Zeichen.

„In welche Richtung sollen wir gehen?“, fragte Lara.

Im Osten sah man einen hellen Schein. Dort musste ein Ort sein. Luc deutete in die Richtung. „Wir gehen dorthin.“ Er nahm Laras Hand und sie marschierten los. Zuerst gingen sie auf der Straße. Dann bog die Straße nach links ab, der Lichtschein aber war rechts.

„Da ist ein Feldweg.“ Lara deutete nach rechts und zog Luc auf den Weg. Von der Bewegung wurde ihnen warm und die Müdigkeit verflog. „Es war gut, dass wir weggegangen sind“, sagte Lara.

Luc nickte. „Alles ist besser als dieses Rattenloch.“

Lara dachte nicht daran, dass sie müde war, hungrig und durstig. Sie wollte nur weg von diesem grässlichen Heim. Irgendwohin, wo es warm und trocken war.

Schweigend, Hand in Hand gingen sie weiter. Plötzlich fragte Lara: „Was stinkt denn hier so?“

Luc roch es auch. „Riecht wie …“

„Wie Müll“, ergänzte Lara. „So stinken Müllkippen.“ Sie blieb stehen.

„Du hast recht.“ Luc deutete nach vorn. „Das ist eine Müllkippe. Sieh nur!“ Sie standen am Rand eines riesigen Müllberges, der an manchen Stellen dampfte.

„Da können wir nicht drüber gehen.“ Luc zog seine Schwester nach rechts. Sie gingen um die Müllhalde herum und standen plötzlich vor einer Hütte aus Holz und Pappe. Die Tür war mit einem Stofffetzen verhängt.

„Ob da jemand drin ist?“ Luc machte einen Schritt auf die Hütte zu. Da wurde der Vorhang zur Seite geschoben und ein Junge kam heraus. Er war nicht größer als Lara und sicher in ihrem Alter. Was er sagte, verstanden sie nicht. Es war eine Frage.

Luc hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Wir verstehen dich nicht.“

Der Junge schaute sie lange an, dann deutete er in die Hütte und hielt den Vorhang auf.

„Sollen wir hier bleiben?“, fragte Lara.

„Wenigstens, bis es hell wird“, schlug Luc vor. „Dann gehen wir in den Ort und fragen nach dem Krankenhaus.“

Sie traten in den Bretterverschlag. Innen waren aus Kisten zwei Betten gezimmert. Auf einem hatte der Junge geschlafen. Zu dem anderen schob er Lara und Luc und sagte etwas.

„Legen wir uns hin“, schlug Luc vor, schob sich auf die Kisten und zog Lara neben sich. Bequem war es nicht, aber wärmer als draußen.

Der Junge hatte sich wieder auf seine Kiste gelegt und eine Decke über sich gezogen, unter der auch der Kopf verschwand. Durch ein Loch in den Brettern sah man ein paar Sterne.

„Ich glaube nicht, dass ich hier schlafen kann“, murmelte Lara und klammerte sich an Luc.

„Wir warten einfach, bis es hell wird“, schlug er vor und legte seinen Arm um die Schwester. Zugedeckt hatten sie sich mit Lucs Anorak.

Schon nach ein paar Minuten waren die Geschwister eingeschlafen. Im Schlaf spürte Lara eine Berührung. Es war, als liefen winzige Füße über sie hinweg. Lara schüttelte sich und schlief weiter. Aber die Füße vermehrten sich, es wurden immer mehr, sogar auf dem Kopf spürte Lara sie. Und dann einen Schmerz! Es war ein Biss! Mit einem Schrei schnellte sie hoch.

Luc ebenfalls. „Ratten“, flüsterte er entsetzt. „Hier ist alles voller Ratten. Eine hat mich gebissen.“

„Mich auch.“ Lara zitterte am ganzen Körper. Sie sprang von den Kisten, stolperte zu dem Vorhang und ins Freie. Luc hinter ihr her. Vor Entsetzen brachte er keinen Ton heraus.

„Weg hier“, keuchte Lara und rannte los. Luc folgte ihr. Erst als die Müllkippe mit ihren Ratten weit hinter ihnen lag, blieben sie atemlos stehen.

Lara fing an zu weinen. „Was sollen wir denn jetzt bloß machen?“

Luc wusste es auch nicht. „Wir könnten beten“, schlug er vor. „So wie wir es immer mit Mama getan haben.“

Also falteten sie die Hände und sprachen das Gebet, das die Mutter sie gelehrt hatte. Dann gingen sie langsam weiter. Unter ihnen lag der Ort, dessen Lichter man jetzt sehen konnte. Aber er war weiter weg, als sie vermutet hatten.

„Bis wir da unten sind, vergehen noch ein paar Stunden“, murmelte Luc.

„Ich bin so müde“, stöhnte Lara. „Können wir uns nicht ein paar Minuten setzen?“

„Hier?“ Luc schaute nach unten. Im fahlen Licht der Sterne sah man den regennassen Boden eines Feldes. „Hier können wir uns nicht hinsetzen.“ Er nahm Laras Hand und zog sie weiter.

Plötzlich standen sie vor einem kleinen Wäldchen. „Komisch“, murmelte Luc. „Ich habe vorher gar keine Bäume gesehen.“ Mit Lara an der Hand betrat er den Waldboden und auf einmal wurde es warm.

Erleichtert atmete Lara auf. „Ich friere nicht mehr.“

Auch Luc spürte den warmen Wind. „Vielleicht ist es der Wald. Sieh nur, hier drin ist es ganz trocken. Vielleicht können wir uns hinsetzen und ein bisschen schlafen.“

Sie gingen tiefer in den Wald hinein. Und je tiefer sie kamen, umso wärmer und heller wurde es. Vor einem seltsam geformten, großen Stein blieben sie stehen. Der sah aus wie ein riesiger Stuhl mit Lehne. Luc bückte sich und legte seine Hand auf die Platte.

„Warm“, murmelte er, „die Steinplatte ist warm.“ Er setzte sich darauf und zog die Schwester neben sich.

„Ist das schön“, flüsterte Lara entspannt und legte ihren Kopf auf Lucs Schulter. Fast augenblicklich hörte sie auf zu zittern. Wohlige Wärme durchströmte ihren Körper und die Augen fielen ihr zu.

Doch sie schlief nicht. Durch die geschlossenen Augen sah sie den Wald: Bäume, Büsche und … Lara riss die Augen auf. Sie war immer noch da! Eine wunderschöne dreifarbige Katze saß auf einem Baumstumpf und schaute die Kinder an.

„Luc“, flüsterte Lara. „Siehst du sie auch?“

„Ja“, flüsterte Luc, der seinen Blick nicht von der Katze ließ.

„Wahrscheinlich träumen wir“, dachte Lara.

„Ihr träumt nicht“, sagte eine leise Stimme.

Lara starrte die Katze an. „Luc, sie redet.“

„Quatsch“, widersprach Luc. „Katzen können nicht sprechen.“

Die Katze blinzelte Lara zu. Lara konnte ihren Blick nicht von den Katzenaugen lösen. Wunderschöne bernsteinfarbene Augen.

Plötzlich hörte Lara wieder eine Stimme: „Wenn ihr immer nach Norden geht, kommt ihr in die Stadt und zum Krankenhaus. Dort werdet ihr Onkel und Tante finden.“

„Sie hat wirklich geredet“, flüsterte Lara ergriffen.

„Katzen können nicht sprechen“, beharrte Luc wieder. „Das bildest du dir bloß ein.“

„Das bilde ich mir nicht ein. Wenn wir immer nach Norden gehen, kommen wir zum Krankenhaus, hat sie gesagt.“

Luc schaute seine Schwester an, als sei sie verrückt geworden. Sein Blick wanderte von Lara zur Katze und er zuckte zusammen.

Jetzt hörte auch er sie sprechen: „Immer nach Norden“, sagte sie. „Das Krankenhaus liegt am Ende der Stadt.“

Luc tastete nach Laras Hand. Da wusste sie, dass auch er die Katze hörte.

„Nutzt eure Kräfte“, fuhr die leise Stimme fort.

„Unsere Kräfte?“, fragte Lara.

„Eure Kräfte“, bestätigte die sanfte Stimme. Sie war so schön wie das Tier. „Ihr habt besondere Kräfte.“

Lara und Luc schauten sich an. „Was für Kräfte?“, wagte Luc zu fragen. Seine Stimme zitterte leicht.

„Zauberkräfte“, kam es leise zurück.

„Zauberkräfte?“, fragten Lara und Luc gleichzeitig.

„So nennen es die Menschen. Wenn ihr euch etwas wünscht, wird es in Erfüllung gehen. Aber nur, wenn es ein guter Wunsch ist. Missbraucht ihr eure Kräfte, verliert ihr sie.“

Laras Finger krallten sich in Lucs Hand.

„Böse Taten werden euch die Zauberkraft nehmen“, fuhr die Katze fort.

Lara und Luc dachten nach. „Was ist böse?“, fragte Lara.

„Du weißt, was böse ist. Alle Menschen wissen es. Wenn ihr viele böse Wünsche äußert, verliert ihr eure Kräfte.“

Unfähig sich zu bewegen, saßen Lara und Luc auf dem Stein und fixierten die Katze, die sich plötzlich ins Nichts auflöste. Erschrocken schrie Lara auf. „Sie ist weg!“

„Ja“, murmelte Luc. „Vielleicht haben wir das alles nur geträumt.“

„Ich habe nicht geträumt“, widersprach Lara. „Ich weiß ganz sicher, dass ich nicht geträumt habe.“

Sie saßen immer noch auf dem großen Stein. Er war warm, viel zu warm für eine kalte Aprilnacht. Lara legte ihren Kopf auf Lucs Schulter und schloss die Augen. Da sah sie wieder die weiß-hellbraun-schwarz gefleckte Katze mit den bernsteinfarbenen Augen. Lara formulierte in Gedanken eine Frage: „Haben wir das alles nur geträumt?“

Die Katze schüttelte den Kopf, dann löste sie sich in weißen Nebel auf. Als Lara die Augen öffnete, hing eine leicht bläuliche Nebelwolke zwischen den Bäumen.

„Ich möchte schlafen“, murmelte Lara und fuhr fort: „Ich wünsche mir eine Decke, unter die ich mit Luc kriechen kann.“ Sie schloss die Augen.

Plötzlich spürte sie etwas Weiches, Warmes. Lara riss die Augen wieder auf. Sie lagen unter einer wunderschönen, großen, weichen Decke aus weißem Flauschstoff.

Luc starrte seine Schwester an.

„Es funktioniert“, flüsterte Lara ergriffen. „Es funktioniert wirklich.“ Sie rückte näher zu Luc. Der wusste nicht, was er sagen oder denken sollte. Er legte seinen Arm um Laras Schultern. So schliefen sie ein.

Ein sanfter, warmer Wind wehte durch die Bäume und über den Stein, auf dem Lara und Luc schliefen. Luc öffnete als Erster die Augen. Er sah seine Schwester, dann sah er die Decke und erinnerte sich wieder an alles.

Da öffnete Lara die Augen und tastete nach der Decke. „Wir haben es also nicht geträumt“, murmelte sie und griff nach Lucs Hand. „Luc, wir können zaubern.“

Luc schüttelte den Kopf. „Zaubern können wir nicht.“

„Was denn sonst?“

„Wir können uns was wünschen, und wenn der Wunsch gut ist, geht er in Erfüllung.“

„Ist doch dasselbe.“ Lara stand auf. „Wir müssen gehen. Wir müssen zum Krankenhaus. Weißt du noch, wie wir hinkommen?“

„Immer nach Norden“, nuschelte Luc und blieb sitzen. „Lara?“

„Ja?“ Sie schaute ihren Bruder an und erkannte, dass er etwas ausbrütete. „Woran denkst du?“

Luc schaute auf. „An einen Hund.“

„Wieso an einen Hund?“ Lara schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht. Wir haben doch keinen Hund.“

„Eben! Wir haben keinen, aber ich möchte einen.“

Lara wusste, dass Luc sich sehnlich einen Hund wünschte. Ihre Augen blitzten auf. „Du willst …“

Luc nickte. „Wenn ich zaubern kann, kann ich mir doch auch …“

„Vergiss es“, unterbrach ihn Lara. „Das funktioniert nicht.“

„Warum denn nicht?“ Lucs Stimme klang eigensinnig.

„Weil …“ Lara wusste es nicht und sprang von dem Stein hinunter. „Komm jetzt! Wir müssen ins Krankenhaus.“ Während sie die Decke zusammenlegte, verschwand Luc im Unterholz. „Beeil dich“, rief Lara ihm nach. Sie wartete. Als Luc nicht wiederkam, wollte Lara ihm nachgehen.

Da trat Luc unter den Bäumen hervor, strahlend wie ein Schneekönig. Lara schnappte nach Luft, als sie sah, wer neben Luc stand: ein kleiner Hund. „Das gibt’s doch nicht“, murmelte sie und schloss rasch die Augen. Als sie die Augen wieder aufriss, war der Hund immer noch da.

„Ein Jack Russell Terrier“, sagte Luc mit leuchtenden Augen. „Er heißt Joey. Ich habe ihn mir gewünscht, da stand er vor mir.“

Lara war immer noch sprachlos. Sie bückte sich, hob die Hand und ließ sie wieder fallen.

„Du darfst ihn ruhig streicheln“, sagte Luc. „Er ist echt. Ein richtiger Hund.“

Zweifelnd schaute Lara ihren Bruder an und dachte: „Das kann gar kein richtiger Hund sein. Wo soll denn hier plötzlich ein Hund herkommen?“ Da winselte der Terrier und leckte Laras Hand. Sie spürte die warme Zunge und ihre Finger glitten über das weiche Fell. Es war ein richtiger Hund. „Darf ich ihn mal halten?“

Sie strecke die Arme aus und hob den Hund auf. Was für ein Gefühl, den warmen, kleinen Körper zu spüren. „Und wie zutraulich er ist.“ Sie schmiegte ihre Wange in das Hundefell. Da winselte er leise. „Oh Luc, wir haben einen Hund.“ Lara bekam feuchte Augen. Auch sie hatte sich immer einen Hund gewünscht. Aber nie und nimmer hätte Onkel Hubert das erlaubt. Tante Zita schon gar nicht.

„Wir müssen gehen“, erinnerte Luc und nahm Lara die Decke ab. „Du kannst Joey tragen, wenn du willst.“

„Nur ein Stück“, sagte Lara.

Sie gingen los in Richtung Stadt. Lara knöpfte ihre Jacke zu. Es ging ein kühler Wind. Als sie ein Stück gegangen waren, lag das Tal mit der Stadt zu ihren Füßen. „Und wo ist jetzt das Krankenhaus?“ Laras Blick flog über die Häuser.

„Gehen wir erst mal runter“, schlug Luc vor.

Das Krankenhaus zu finden, war nicht schwer. Luc entdeckte ein Schild mit Kreuz, dem folgten sie und erreichten ein großes Gebäude am Stadtrand. Es war das Krankenhaus. Sie betraten das Gebäude und blieben unentschlossen stehen. Ein Mann kam, deutete auf Joey und drohte mit dem Finger.

„Hunde dürfen hier nicht rein“, vermutete Lara und wollte mit Joey hinausgehen. Da lief der Hund voraus und blieb neben dem Eingang sitzen.

„Da seid ihr ja endlich“, rief eine Stimme hinter ihnen. Sie gehörte Onkel Hubert.

Lara und Luc atmeten erleichtert auf.

„Wo um alles in der Welt wart ihr?“, schrie der Onkel.

„In einem Kinderheim“, murmelte Luc.

„Da wart ihr eben nicht“, donnerte Hubert. „Wir wollten euch abholen und ihr wart nicht dort.“

„Das ist kein Heim, das ist ein Rattenloch“, ereiferte sich Lara. „Deshalb sind wir weggegangen.“

„Ach? Das Heim war dem gnädigen Fräulein nicht gut genug?“ Des Onkels Stimme troff vor Hohn. „Hätten wir dich in ein Hotel bringen sollen?“

„Nein …“

„Ihr setzt euch jetzt dort hin und rührt euch nicht von der Stelle“, befahl der Onkel.

„Wo ist Tante Zita?“, wagte Luc zu fragen.

„Bei der Untersuchung.“ Der Onkel deutete mit dem Kopf nach rechts. „Vielleicht muss sie operiert werden. Bis sie entlassen wird, müssen wir bleiben.“

Lara und Luc schauten sich an. „Und wo?“, wagte Luc zu fragen.

„Wir fahren zurück zum Schloss“, sagte der Onkel.

Ein Schauer rieselte über Laras Rücken. Sie spürte Lucs Finger, die sich in ihre Handfläche krallten. „Wir wohnen in dem alten Geisterschloss?“, fragte sie fassungslos.

Der Onkel nickte. Mit einem Gesichtsausdruck, der alles andere als froh war. Auch ihn zog es nicht in das alte Gemäuer. Aber sie hatten keine Wahl. „Wer weiß, wie lange wir bleiben müssen. Da ist ein Hotel einfach zu teuer.“

Luc verdrehte die Augen. Er wusste, dass Onkel und Tante nicht arm waren. Sie hatten genug Geld, aber Tante Zita war geizig und der Onkel feig.

„Er traut sich nicht, in ein Hotel zu gehen“, flüsterte Luc seiner Schwester ins Ohr. Der Onkel war vorausgegangen, um ein Taxi zu organisieren.

Lara schaute zur Tür. Dort saß Joey und schaute herein.

„Sieh nur, wie brav er ist“, sagte sie leise zu Luc. Der hörte nicht zu. Lara schüttelte ihren Bruder. „Luc, was ist mit dir? Wieso hörst du mir nicht zu?“

„Ich habe mit der Katze gesprochen“, sagte Luc.

„Du spinnst“, entfuhr es Lara.

Aber Luc ging nicht darauf ein. „Sie hat gesagt, dass ich Joey behalten darf.“

„Leicht gesagt“, orakelte Lara. „Wenn Onkel Hubert den Hund sieht …“

„Er wird ihn nicht sehen“, unterbrach Luc seine Schwester. „Joey ist ein Zauberhund.“

„Ein was?“

„Ein Zauberhund“, wiederholte Luc das, was die Katze ihm gesagt hatte. „Er kann sich unsichtbar machen.“

Mit offenem Mund starrte Lara den Bruder an. „Das glaube ich nicht.“

„Die Katze hat es gesagt.“

„Vielleicht hast du sie falsch verstanden“, gab Lara zu bedenken.

„Nein“, schnappte Luc eigensinnig. „Sie hat gesagt, dass Joey sich unsichtbar machen kann.“

„Das können wir ja gleich mal ausprobieren.“ Lara deutete nach draußen. Dort stieg Onkel Hubert aus einem ramponierten Taxi und winkte den Kindern.

Lara und Luc gingen nach draußen. Neben Joey blieben sie stehen und schauten sich an.

„Worauf wartet ihr?“, rief der Onkel ungeduldig. „Steigt ein! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“

Lara ging zum Taxi. Luc bückte sich und flüsterte Joey etwas ins Ohr. Als Lara sich umdrehte, war der Hund verschwunden. Luc schob sich neben Lara auf den Rücksitz. Der Onkel saß vorn.

Fassungslos schaute Lara zu der Stelle, an der Joey eben noch gesessen hatte. „Wir haben ihn zurückgelassen“, dachte sie. „Einfach verlassen.“ Da spürte sie eine Berührung am Bein. Sie griff nach unten und schrie plötzlich leise auf.

Der Onkel drehte sich um und Luc gab seiner Schwester einen Rippenstoß. Lara presste die Lippen aufeinander und starrte nach unten. Dort saß Joey und drückte seine Schnauze an ihr Bein. Lara griff hinunter. Da leckte er ihre Hand. Vor Erleichterung schloss sie die Augen.

„Ist was?“, fragte der Onkel.

Lara und Luc schüttelten die Köpfe. „Alles in Ordnung“, murmelte Lara. „Ich bin nur erschrocken.“

Nun drehte der Onkel sich wieder um und erklärte dem Fahrer den Weg.

Sie verließen die Stadt und fuhren über holprige Landstraßen nach Osten. Immer weiter nach Osten. Irgendwann schliefen Lara und Luc schließlich ein.

Als sie aufwachten, stand der Wagen. „Wir sind da“, murmelte Luc, als er das düstere, alte Gemäuer sah.

„Das Schloss“, flüsterte Lara. Ein paar Tage hatten sie hier schon gewohnt, während Tante und Onkel Filmaufnahmen gemacht hatten, denn sie besaßen eine Filmproduktionsfirma. Lara erinnerte sich mit Schrecken an die Nächte. Spuken sollte es in dem alten Schloss. Jede Nacht hatten Lara und Luc sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und die Tür verbarrikadiert.

„Steigt aus!“, befahl der Onkel, als Lara und Luc zögerten. „Schließlich ist das euer Schloss.“

„Wieso unser Schloss?“, fragte Luc.

„Es hat den Vorfahren eurer Mutter gehört.“

„Dann gehört es doch auch dir“, sagte Luc zum Onkel. „Schließlich bist du der Bruder unserer Mutter.“

„So ist es“, knurrte Hubert Brettschneider und er sah gar nicht glücklich dabei aus. Sein Blick kletterte an der Fassade hoch. „Das Schloss zu sanieren, kostet mehr als ein Vermögen“, dachte er. „Und verkaufen kann man es nicht. Keiner will ein uraltes, verfallenes Schloss, das teilweise schon eine Ruine ist.“ Um ein bisschen Geld damit zu verdienen, hatten er und seine Frau einen Dokumentarfilm über das Schloss gedreht.

Während Lara und Luc ausstiegen, bezahlte der Onkel den Chauffeur, der ihr Gepäck ins Haus getragen hatte.

Nur ein paar Räume im Erdgeschoss waren bewohnbar. Lara und Luc bekamen wieder ihr altes Zimmer. Eine Frau aus dem Dorf war gekommen und hatte die Räume hergerichtet. Schon von der Klinik aus hatte der Onkel sie angerufen. Sie sprach ein bisschen deutsch.

„Ich habe Pudding gemacht“, sagte sie zu Lara und Luc und führte sie in die große, alte Küche. Dort war es wenigstens warm.

Erst jetzt merkten Lara und Luc, dass sie hungrig waren. Gierig löffelten sie ihren Pudding. Der Onkel saß in der Halle und telefonierte.

„Haben Sie vielleicht ein Stück Brot?“, fragte Lara und streichelte Joey, der unter dem Tisch saß. „Wir haben einen Hund, aber den kann man nicht sehen.“

Die alte Frau schaute Lara an, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf. Dann schaute sie unter den Tisch und schrie leise auf. „Natürlich kann man sehen. Und wie süß!“

Lara und Luc schauten sich an, als Joey unter dem Tisch hervorkam und sich streicheln ließ.

„Onkel Hubert darf nicht wissen, dass wir einen Hund haben“, verriet Luc.

„Ich nichts verraten“, versprach die Frau und gab Joey einen Napf mit Futter. „Ist Gulasch“, sagte sie. „Habe ich gekocht für euch heute Abend.“

Gierig fraß Joey den ganzen Napf leer. Dann lief er Lara und Luc nach, die das Haus erkunden wollten. Schon bei ihrem letzten Aufenthalt hatten sie im einbruchgefährdeten Seitenflügel interessante Zimmer entdeckt. Dort gab es alte Schränke, die voller Geheimnisse waren. Truhen mit alten Schriften und Bildern, vergilbte Gemälde und Schränke voll Spielzeug. Natürlich hatte Tante Zita ihnen verboten, die gefährdeten Zimmer zu betreten. „Und mitgenommen wird schon gar nichts“, hatte sie hinzugefügt. „Wir haben keinen Platz für den alten Mist.“

Auf Zehenspitzen betraten Lara und Luc das erste Zimmer. Dicke Spinnweben verdunkelten die Fenster und bei jedem Schritt knackte und knarrte es. Ängstlich blieb Lara neben der Tür stehen. „Komm!“, rief Luc. „Wir wollen in die große Truhe schauen.“

„Und wenn die Decke einbricht?“, fragte Lara.

„Quatsch!“ Luc schaute nach oben. „Die Mauern sind stabil. Die stehen noch 100 Jahre.“