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Auf geheimnisvolle Art und Weise wandert Waldemar des Nachts durch die Zeiten und findet sich in der Steinzeit wieder. Hier soll er der jungen Wulfin helfen, die erste Priesterin des All-Einen zu werden. Zunächst wird sein Weltbild auf den Kopf gestellt, aber allmählich findet er Gefallen an seinen nächtlichen Ausflügen. Sie führen ihn durch Raum und Zeit fünftausend Jahre zurück zu den Wirkungsstätten der Trichterbecherkultur. Seine Reise führt ihn aber auch in das Atlantis der Ostsee, dem sagenumwobenen Vineta und zur geschichtsträchtigen Bernsteinhexe Maria nach Coserow. Wulfin sieht in Waldemar einen Sternenpriester, der ihr während ihrer siebenjährigen Ausbildungszeit hilft, die Herausforderungen ihrer einmaligen Aufgabe zu meistern. Das Schicksal hat aber noch ganz andere Pläne.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für dich,
möge das Licht der Welt dich begleiten
und fühlen lassen, dass wir in Liebe
durch alle Zeiten hindurch verbunden sind.
Deine
Dane Sopa
Dane Sopa, 1956 und 1952 geboren, sind zwei Reiselustige, die mit ihren Büchern alten Orten neues Leben einhauchen. Sie lassen sich von der Energie der Landschaft inspirieren und entführen mit ihren Geschichten die Leser in eine Welt zwischen den Zeiten.
Ich liebe Albert Einstein (1879 – 1955) für seine Zitate:
„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“
„Logik bringt dich von A nach B. Deine Phantasie bringt dich überall hin.“
„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“
Prolog
Traum oder Wirklichkeit?
Hoch oben im Norden, vor ca. 5000 Jahren
Ein Wiedersehen?
In der Gegenwart
Epilog
Plötzlich vernahm er ein Rauschen in den Ohren. Und nun stand er hier.
Barfuß, nur mit seinem Schlafanzug bekleidet. Vorsichtig lugte er um den breiten Baum herum. Er traute seine Augen kaum, träumte er oder war das Wirklichkeit? Auf einer Lichtung, in das silberne Licht des Mondes getaucht, stand sie. Eine junge Frau nur von einem grauen Fell als Kopfschmuck bedeckt. Das Fell umspielte sanft den Rücken. Das Licht des Vollmondes ließ ihren makellos schlanken und doch muskulösen Körper erstrahlen, einer Göttin gleich und dennoch als menschliches Wesen zu erkennen. Die Arme hatte sie zu einem V geformt, gen Himmel gestreckt und aus ihrem Mund kam ein lieblicher Gesang. Es schien, als ob die Energie des Himmels auf die Erde strömen würde.
Wer war sie? Und vor allem, wie kam er hierher in diese faszinierende und dennoch so fremde Welt? Neugierig streckte er seinen Kopf hinter dem mächtigen Baum vor, darauf bedacht, seine Deckung zu behalten, aber möglichst viel von dem Mädchen zu sehen.
Der Wald vibrierte förmlich von ihrem Gesang und er fühlte sich verbunden mit Himmel und Erde.
Am Morgen erwachte Waldemar aus tiefem Schlaf. Was war das bloß für ein Traum heute Nacht. Noch immer spürte er die Vibration in seinem Körper. Was für ein himmlisches Wesen durfte er in seinem Traum erleben. Neben ihm schlief selig die Liebe seines Lebens. Wie engelhaft sie doch aussah, wenn sie schlief. Er liebte es immer, wenn er vor ihr aufwachte, denn dieser Anblick war für ihn jedes Mal der perfekte Start in den Tag. Langsam riss er sich von diesem Anblick los, um in der morgendlichen Dusche endgültig wach zu werden. Doch was war heute los? Seine Füße waren etwas schmutzig, und zwischen den Zehen seines linken Fußes steckte eine trockene Kiefernnadel. Schlagartig war er wach und sein Blutdruck schnellte in die Höhe. „Bloß schnell duschen und erst mal zur Ruhe kommen“ war sein nächster Gedanke. Langsam rann das warme Wasser über seinen Körper und von Minute zu Minute wurden seine Gedanken wieder klarer. Vielleicht hatte er ja nach dem abendlichen Gassi gehen mit dem Hund übersehen, dass seine Füße etwas schmutzig wurden und sich so ins Bett gelegt. Ja, das musste es sein! Denn ein Traum, so realistisch er sich auch angefühlt hatte, ist und bleibt schließlich ein Traum. Ausgerechnet heute musste er so früh aufstehen, um einen Kunden zu besuchen. Sogar eine Übernachtung war geplant. Der Hund Rulibuu hatte nur einen fragenden Blick für ihn übrig und war froh, dass er noch weiterschlafen durfte. Waldemar gab seiner Ehefrau Rotraud noch einen sanften Kuss und schlich sich aus dem Haus. Frühstücken wollte er erst später an einer Raststätte. Die Strecke Richtung Norden war ihm nur allzu gut bekannt. Nach zwei Stunden sollte die Raststätte kommen und wie immer wollte er seinen Cappuccino genießen und ein Croissant essen. Aber heute war alles anders! Die Vibration der Autobahn vermischte sich mit der Vibration des Traumes und schon sah er die junge Frau auf der Lichtung vor seinem geistigen Auge. Das Dröhnen der Autoreifen wurde eins mit der Melodie der Schönen und der Klang der fremden Sprache drang an sein Ohr. Welch herrlicher Zustand in der Triste einer sonst monotonen Autofahrt. Hatte er dies alles geträumt oder durfte er letzte Nacht eine Wanderung durch die Zeit machen? Und in welche Zeit überhaupt? Bisher hatte er für Romane, die sich mit Zeitreisen beschäftigen eher ein müdes Lächeln übrig. Seine Rotraud hatte dagegen eine Vorliebe für dieses Genre und daher hatte er im Urlaub auch schon das eine oder andere Mal so einen Schinken in der Hand, ohne jedoch intensiv darin zu lesen. Sein Metier waren doch eher Fachliteratur oder im Urlaub vielleicht auch einmal ein Krimi. Mittlerweile war er schon aus dem Auto ausgestiegen und lief Richtung Raststätte. „Waldemar reiß dich zusammen“, sprach er laut zu sich selbst. „Bleib am Boden der Realität:“ Viel zu laut hatte er die letzten Worte gesprochen, denn der Mann der ihm gerade entgegen kam, drehte sich erschrocken um. Selbst der Genuss des Cappuccinos blieb ihm heute versagt. Nur schnell wieder ins Auto, denn dort warteten die genussvollen Momente der letzten Nacht auf ihn. Nach weiteren zweihundert Kilometern war die Reise beendet. Er stieg aus, stampfte ein paar Mal auf den Boden, ermahnte sich zur Realität zurück zu kommen und ging wie immer, gekleidet in den Mantel der Zuverlässigkeit, in das Büro des Kunden.
Wulfin war die Priesterschülerin der Amselleute auf einer kleinen Insel in der Ostsee. Sie wohnte bei der weisen Erdfrau Hagla auf dem Hügel oberhalb des Dorfes.
Die Dorfbewohner lebten vom Fischfang. Das Dorf der Amselleute lag direkt an der Ostseeküste. Es war eine friedliche Dorfgemeinschaft mit dreizehn Herdfeuern. Der Clanführer hieß Gunnar und seine Tochter Wulfin. Das Schicksal wollte es so, dass die Mutter bei Wulfins Geburt starb. Obwohl das nun schon einige Jahre zurück lag, war Gunnar weit davon entfernt, sein Herz einer neuen Gefährtin zu schenken. Der hünenhafte, muskulöse Mann mit den roten Haaren, die immer von der Seebrise zerzaust wirkten, hätte längst der Versuchung der freien Dorfbewohnerinnen erliegen können, aber er sagte immer: „Wer meint, Liebe planen zu können, der täuscht sich, man muss sie zulassen und sich darauf einlassen, damit sie dauerhaft bei einem bleibt - und diese Liebe wurde mir bereits geschenkt“. So lebte er in all den Jahren mit seiner Tochter am Herdfeuer seiner Schwester Rana und deren Gefährten Ore. Für Rana war Wulfin ein Geschenk des Himmels, denn ihre Zwillinge überlebten beide die Geburt nur kurze Zeit. Deshalb musste sie die beiden loslassen und den Göttern des Meeres übergeben. Eine Bestattung in der Stätte der Ahnen durfte erst erfolgen wenn ein Kind mindestens zwölf Monde überlebt hatte.
Wulfin war von der ersten Minute ihres Lebens an ein besonderes Mädchen. Als die Zeit der Niederkunft kam, ging ihre Mutter wie üblich in den Wald, um dem Kind das Leben zu schenken. Als man nach drei Sonnenaufgängen immer noch vergeblich auf ihre Rückkehr wartete, machte man sich auf die Suche. Die Frauen des Dorfes suchten an allen bekannten Geburtsstätten auf dem Hügel. Zuerst fanden sie die junge Mutter. Die Göttin hatte sie bereits zu sich gerufen. Aber wo war das Kind? Zuerst dachte man, die Wölfe hätten das Kleine gefressen, als man ein leises Wimmern vernahm. Das Neugeborene lag ein paar Meter entfernt auf dem Moos und ein kleiner Wolfswelpe wärmte das Kind. Von nun an blieb der Wolfswelpe immer bei der Kleinen, deshalb wurde das Mädchen Wulfin genannt. Ihre Tante Rana hatte noch Muttermilch, konnte sie nähren und ihr Liebe schenken. Die Dorfältesten hatten Gunnars Kind eine wichtige Rolle vorhergesagt und nun wurden sie durch die Vorfälle darin bestärkt. Die Runen weissagten ihr ein Leben als Heilerin und Priesterin des Alleinen.
Jahre später kehrten die Männer wieder einmal von ihrer großen Herbst-Fischfangreise zurück. Ore von den Amselleuten hatte gerade sein Boot an Land gezogen. Die Reise war sehr beschwerlich und die Männer mussten an die Grenze ihrer Kräfte gehen. Das Meer war ziemlich wild gewesen und die Boote hatten größte Schwierigkeiten über Wasser zu bleiben. Trotzdem war der Fang gut gewesen, so dass sie wieder lange davon leben konnten. Sie brachten Aale, Dorsche, Barsche, Heringe und viele Früchte des Meeres mit. Ore freute sich auf seine Gefährtin Rana. Es machte ihn immer wieder stolz, wie sie es geschafft hatte nach dem Tod ihrer Zwillinge die Kraft zu haben den Säugling ihres Bruders zu nähren. Für sie war es ein Geschenk des Himmels, weil wenigstens ihre Muttermilch zum Leben eines Kindes beitragen konnte. In all den Jahren wartete sie vergeblich auf ein eigenes Kind und so war sie für die Kleine ganz selbstverständlich die Ersatzmutter geworden. Rana hatte ihren Gefährten Ore schon gesehen, sie lief ihm entgegen. „Wie schön sie ist“, sagte er sich. Endlich sah er sie wieder. Dass sie sich auch freute, konnte man an ihren leicht geröteten Wangen deutlich erkennen. Männer, Frauen und Kinder, alle halfen mit, den reichen Fang in den großen Netzen an Land zu ziehen. Jeder wusste genau was er zu tun hatte, und jeder Handgriff war vertraut. Die Jungen hatten die Aufgabe die Fische zu sortieren. Es machte einen Riesenspaß, wenn sie sich die Fische zuwarfen. Die älteren Frauen schuppten die Fische in einer Geschwindigkeit, die nur durch eine jahrelange Routine erreicht werden konnte. Danach wurden die Fische sofort in eine Salzlake eingelegt. Die Fettarmen wurden zum Trocknen auf Schnüre gefädelt und an Stöcken befestigt, um in Sonne und Wind zu trocknen. Bei dieser Prozedur galt es besondere Aufmerksamkeit zu haben, schließlich sollten die Stockfische die Nahrung für den Winter sein und da wäre jeder Fehler einer zu viel gewesen. In den ersten Tagen mussten ständig die Fliegen weggewedelt werden. Das war die Aufgabe der älteren Kinder und für sie war es eine besondere Ehre, dies tun zu dürfen. Die fetteren Fische wurden geräuchert, um in den nächsten Wochen Nahrung zu spenden. Dann gab es noch die Fische, die in der Salzlake konserviert wurden. Andere spießte man auf Stöcke, um sie über dem großen Feuer auf dem Dorfplatz zu braten. Im Feuer waren große Steine aufgeschichtet worden, an die man die gespießten Fische anlehnen konnte. Die Frauen hatten Wurzeln gekocht und Salate aus bunten Kräutern mit Gänseblümchen, Löwenzahnblättern, Sauerampfer, Minze und anderen Kräutern gezaubert und in Tongefäßen auf einem riesigen Holztisch am Rande des Feuers so angerichtet, dass alles von jedem gut zu erreichen war. Es war ein fröhliches, buntes Treiben. Die weise Erdfrau Hagla dankte Gott und Göttin für den reichlichen Fischfang und dass alle wieder heil und gesund zurückgekommen waren. Auch um den Segen für das gute Gelingen des Festes bat sie. Es wurde gescherzt und gelacht und alle waren glücklich. Für Wulfin war es der letzte Herbst bei ihrer Familie. Im nächsten Frühling sollte sie ihre Lehre bei Hagla beginnen. Es war so üblich, dass die Schülerin immer bei der Lehrmeisterin wohnte. Wulfin lag eng bei ihrem Vater, zu ihren Füßen ihr treuer Freund Wulf und genoss das letzte gemeinsame Herbstfest. Im nächsten Jahr würde sie dann schon gemeinsam mit Hagla eigene Aufgaben wahrnehmen.
Nachdem alles verzehrt und die Reste verstaut waren, wurde das Feuer gesichert und jeder zog sich in seine eigene Behausung zurück. Rana hatte bereits das Lager bereitet und Ore freute sich, endlich wieder einmal nach längerer Zeit mit ihr vereint zu sein – vielleicht segnete sie die große Göttin in dieser Nacht? Ore würde es sich so sehr wünschen, denn wenn Wulfin erst bei Hagla war, wäre es für Rana an der Zeit, wieder eine neue Aufgabe zu bekommen.
In dieser Nacht hatte Wulfin einen Traum, darin sah sie sich, wie sie leichtfüßig mit ihrem kleinen Korb auf dem Rücken zu der kleinen Lichtung am Waldrand ging. Sie wollte für Rana einige Kräuter sammeln und Wulf ihr treuer Gefährte begleitete sie. An der kleinen Wasserstelle, die von Weidenbüschen und anderen kleinen Bäumchen gesäumt war, wollte sie als erstes suchen.
Minze hatte sie schon gesehen und Brennnesseln, Sauerampfer, Gänseblümchen, wilde Stiefmütterchen und Veilchen, Schafgarbe, Holunderblüten, Löwenzahn, Hirtentäschchen und Kamille, junge Blätter vom Spitzwegerich für Salate und Schlüsselblumen für einen Tee gegen Kopfschmerzen und im Jahreslauf würde sie dort sicher Brombeeren, Walderdbeeren, Heidelbeeren, Holunderbeeren und kleine Birnen finden.
Und dann stand sie wieder an diesem schönen Platz aus sieben Steinen, der wie eine große Schnecke aussah. Rana hatte ihr einmal gesagt, dass dies ein besonderer Platz sei. Jeder Stein sollte für ein Jahr stehen, also sieben Jahre darstellen. Sie setzte sich auf jeden Stein. Auf einem Stein war die Sonne, auf dem nächsten der Mond eingeritzt. Der dritte, hatte Rana gesagt, wäre für den Morgen- und den Abendstern. Der vierte für den Osten, die Kindheit und den Frühling stehen, der fünfte für den Süden, die Jugend und den Sommer, der sechste für den Westen, dem Erwachsensein und den Herbst und der siebte für den Norden, die Weisheit der Ahnen und den Winter.
Es war ein herrlicher Platz und hier fühlte sie sich ganz besonders wohl. Hier konnte sie mit den Vögeln, den Eidechsen und Fröschen sprechen, sie hörten ihr zu und hier dachte sie immer an ihre Mutter, die sie so gerne zu Lebzeiten gesehen hätte. Vater hatte ihr gesagt, dass ihre Mutter sehr klug und wunderschön war und sie ihr sehr ähnlich sei. Aber wann immer sie ihn nach ihr fragte, war er gleich so traurig und mit seinen Gedanken ganz weit fort. Deshalb vermied sie es, ihn allzu oft nach Mutter zu fragen. Aber hier konnte sie mit ihr sprechen und sie hörte ihr zu. Manchmal hatte sie das Gefühl, als ob sie ihr antworten würde und dann war sie ihr besonders nahe. Hier fühlte sie Geborgenheit, die Natur und der Wald waren ihr Zuhause. Und wenn sie lange genug ins Wasser blickte, verwandelte sich ihr Spiegelbild in das lächelnde Gesicht ihrer Mutter.
An einem speziellen Stein erkannte sie, dass es schon bald Mittag war, deshalb sammelte sie noch schnell einige Kräuter, um dann pünktlich zu Hause zu sein. „Ich will rechtzeitig zurück sein, bevor Rana sich Sorgen macht, sie ist immer so lieb zu mir, ich mag sie sehr gern und ein bisschen ist sie ja auch wie meine Mutter“, dachte sie und machte sich auf den Weg.
Dann wachte sie auf, jetzt erst bemerkte sie, dass ihre Augen etwas feucht waren.
Sie hörte Ore und Rana tief schlafen, ja, Rana war wie eine Mutter zu ihr, aber im nächsten Frühling würde sie zu Hagla ziehen, und dann war Hagla ihre neue Lehrmutter. Eigentlich war Hagla ja die Lehrmeisterin, aber Hagla liebte es, wenn man sie Lehrmutter nannte.
YYYYYYYYYYYYY
Heute war für Wulfin wieder ein ganz besonderer Tag. In den sieben Jahren ihrer Lehre war jedes Jahr einer bestimmten Aufgabe gewidmet. Zur Zeit war sie im Lehrjahr des Mondes. Täglich erzählte ihr Hagla alles, was vor langer Zeit die Sternengeschwister den Alten gelehrt hatten. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Jeden Tag musste Wulfin das Gelernte wieder und wieder erzählen, bis alles mit ihrem Gedächtnis verschmolzen war.
Des Nachts aber war die Zeit in der sie selbst ihre Beobachtungen machen musste.
Und so ritzte sie täglich die Form und die Farbe des Mondes in eine breite Baumrinde, die sie von einer gefällten Eiche abgezogen hatte.
Nach zwölf Monden würden die Zeichnungen auf einen Tonkrug eingeritzt und als heiliges Gefäß gemeinsam mit ihr eingeweiht werden. Heute war der zwölfte volle Mond und danach würde der Krug getöpfert und am dreizehnten Mond sollte ihre Einweihung zur Meisterin des Mondes sein.
Wulfin hatte immer vor Augen, dass sie die allererste Priesterin des Alleinen werden durfte. Wer sollte sie so etwas Neues lehren können oder zumindest dabei etwas helfen? Ihr war längst klar geworden, dass sie diese Aufgabe selbständig, ganz alleine, lösen musste. Deshalb keimte in ihr schon seit einiger Zeit der Gedanke, dass sie bei den Sternengeschwistern um Hilfe bitten wollte. Sie war der festen Überzeugung, dass sie dies auch schaffen würde, denn Wulfin hatte bisher immer alles erreicht, was sie aus tiefstem Herzen heraus wollte. Manch einer im Dorf schüttelte zwar den Kopf über all die Dinge, die Wulfin schon als kleines Kind machte. Aber da jeder wusste, dass Wulfin eine große Priesterin werden sollte, ließ man den kleinen Wildfang schalten und walten.