Der Zeitenweg - Elena Münscher - E-Book

Der Zeitenweg E-Book

Elena Münscher

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Beschreibung

Bruni lebt auf dem Dorf und besucht die Schule in der Stadt. Das wäre nichts Besonderes – würde das Dorf nicht 1671 existieren, und die Stadt 1971. Und ihr Schulbesuch ist nicht nur etwas Besonderes, er ist lebensgefährlich. Der Dorfpfarrer, Vater Johannes, verdächtigt jeden, der Kontakt zur modernen Zeit hat, der Hexerei. Wird Bruni beim Schulgang erwischt, droht ihr der Scheiterhaufen. Dann kommt der Tag, an dem das Dorf von einer Katastrophe heimgesucht wird. Nur in der Stadt kann Bruni noch Hilfe finden. Aber diese Hilfe kann ihr den Tod bringen. Was soll sie tun?

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Der Zeitenweg

Elena Münscher

 ©Elena Münscher 2013   

Machandel Verlag
Neustadtstr.7, 49740 Haselü[email protected]

Cover: Collage, Bildquelle

Bruniewska u.a., www.shutterstock.com

 Vorwort

Wir sind es gewohnt, dass die Zeit immer vorwärts geht. Eine Einbahnstraße, in der niemand wenden kann. Doch was wäre, wenn es noch andere Straßen gäbe? Wenn die Zeit Schlingen und Kreise beschreiben würde, in denen sich gelegentlich Abkürzungen in beide Richtungen auftun?

Wie würde es für die Menschen sein, die eine solche Abkürzung entdecken? Eine Abkürzung, die drei Jahrhunderte abschneidet?

Vieles hat sich geändert in den letzten dreihundert Jahren. Technik, Mode, Sprache, die ganze politische Landschaft der Welt. 

Einiges ist gleich geblieben. Liebe, Hass, Neid, Angst, Mitgefühl, Trauer, die Gefühle der Menschen sind heute so wie damals.

Und wenn der Umgang zwischen Eltern und Kindern damals um einiges förmlicher war als heute, liebten sie sich doch nicht weniger.

Dies ist die Geschichte eines Mädchens, das durch eine solche Abkürzung zwischen den Zeiten geht. 

Der Weg

Am frühen Morgen machte Bruni sich auf den Weg in das 20. Jahrhundert.

Nicht viele aus dem Dorf wagten diesen Schritt. Die Menschen in der Stadt waren ... merkwürdig. Anders. Gefährlich, wie Vater Johannes befand.

Er wurde nicht müde, jeden Sonntag von der Kanzel herab Tod und Verdammnis über diejenigen zu predigen, die den Verlockungen Satans nicht länger widerstanden und den Weg in die Stadt gingen.

Vater Johannes war hoffnungslos altmodisch. Bruni genoss die Stadt. Vor allem aber genoss sie die Schule. Im Dorf gab es keine Schule. Vater Johannes brachte den Kindern am Sonntag nach der Messe die Grundlagen bei, etwas lesen, schreiben und rechnen, gerade soviel, wie man im Dorf brauchte, gerade soviel, dass man den Katechismus lesen konnte. Darüber hinaus, so befand Vater Johannes, war Bildung schädlich. Insbesondere für Mädchen. Bildung verführte zum Müßiggang und zur Sünde. Bildung führte die Menschen aus dem Dorf hinaus in die Stadt. Die Hure Babylon, wie Vater Johannes sie in seinen Predigten nannte. Und manche kehrten niemals zurück.

Bruni zuckte die Achseln und wich ein paar Brombeerranken aus. Der Pfad lag gut versteckt. Er war schmal, schlängelte sich zwischen den Birken und Eichen entlang und führte oft durch dichtes Unterholz. Man sah ihm an, dass nicht viele Menschen hier gingen. Bruni war die einzige, die ihn in den letzten Jahren regelmäßig benutzt hatte. Gleich würde sie die Grenze erreichen. Da war auch schon das kleine Grenzhäuschen, das ihr Großvater aus einigen stabilen Holzbalken und Lehmputz-Gefachen vor mehr als zwanzig Jahren erbaut hatte. 

Damian Steffensohn war der erste aus dem Dorf gewesen, der seinerzeit in die Stadt gegangen war. Er hatte den Weg überhaupt erst gefunden.

Eine merkwürdige Zeit war das gewesen, vor über fünfundzwanzig Jahren. In beiden Zeiten hatte ein verheerender Krieg getobt. Großvater Damian war Soldat gewesen. Söldner, um genau zu sein. Sein Landsknechts-Wams lag immer noch auf dem Dachboden in der Truhe, zusammen mit seiner Muskete. Großvater hatte beides am Ende des Krieges weggelegt und niemals wieder angerührt. Er erzählte nie etwas aus dem Krieg, aber alle Kinder hatten mitbekommen, dass der Großvater unter Albträumen litt. Oft wurde er wild im Schlaf, rief irgendwelchen Leuten im Traum zu, dass sie in Deckung gehen sollten, und beschwor seine Kameraden, um der Liebe Christi willen doch endlich damit – womit eigentlich? – aufzuhören, und dann wachte er auf, am ganzen Leib zitternd. Manchmal weinte er sogar.

Niemand traute sich, Großvater Damian zu fragen, was damals im Krieg passiert war. Und so gerne er sonst auch von früher erzählte, über den Krieg sprach Großvater Damian nicht.

Aber er hatte den Weg gefunden. In den Tagen, als die schwedischen Söldnerheere endlich aus der Gegend abgezogen waren, als alle im Dorf unsicher waren, wie es wohl weitergehen würde, da war er losgegangen, um sich umzuhören. Irgendwo in der Ferne hatte er Geschützdonner gehört und war darauf zugegangen. Und als er einige Wochen später zurück kam ins Dorf, war er sehr nachdenklich. Kurze Zeit später hatte er begonnen, Brunis Vater und zwei andere aufgeweckte Burschen mitzunehmen in die Stadt. Den dreien waren andere gefolgt. Sogar Frauen. Die erste war Großvaters Schwester Lillian gewesen. Lillian gehörte zu denjenigen, die nie zurückgekommen waren. Bruni grinste. Vater Johannes wusste es nicht, aber Großtante Lillian lebte immer noch in der Stadt. Bruni ging fast jeden Tag zu ihr, um dort ihre Hausaufgaben zu machen, und manchmal auch, wenn sie nur ein wenig über Zuhause plaudern wollte. Großtante Lillian verstand Bruni. Großtante Lillian hatte wie sie gemerkt, wie eng das Leben im Dorf war.

Bruni betrat das Grenzhäuschen. Die Türe war etwas niedrig, sie musste den Kopf einziehen. Für Großvater war die Tür genau passend. Großvater war kleiner als Bruni. Überhaupt war sie sehr groß geraten für ihre Familie. Sie reichte ihrem Vater schon fast bis in Augenhöhe. Tante Lillian sagte immer, das läge daran, dass sie in der neuen Zeit besseres Essen bekäme.

Bruni ließ die Tür offen stehen. Durch das kleine Fenster mit der Schweinsblasen-Bespannung kam nur wenig Licht in das Häuschen, und es war ohnehin keine Menschenseele in der Nähe. Schnell schlüpfte sie aus dem langen Kleid. Das Leinen-Unterkleid folgte. Sie hängte die Kleider ordentlich auf einen Haken an der Rückwand des einzigen Zimmers. Dann nahm sie ihre Stadtkleider von einem zweiten Haken. BH, T-Shirt, Jeans, Birkenstocks. Wenn Vater Johannes sie in den Hosen sehen könnte, er würde einen Herzinfarkt bekommen. Und sie wahrscheinlich in die Flammen der Hölle verdammen. Bruni lachte sarkastisch auf. Die Flammen der Hölle mochten bitterer Ernst werden. Vater Johannes hatte mehr als eine Frau auf den Scheiterhaufen geschickt. Das war einer der Gründe, weshalb Großtante Lillian das Dorf für immer verlassen hatte. Zu Johanni `58 hatte Vater Johannes Großtante Lillians liebste Cousine, die Hebamme Margarethe, als Hexe verurteilen und verbrennen lassen. Zwei Tage später war Großtante Lillian in die Stadt gegangen und niemals wieder zurückgekehrt.

So, das war´s. Die Zöpfe konnte sie unterwegs noch lösen und zu einem Pferdeschwanz binden. Sie fischte nach der Schultasche. Leider konnte sie die nicht mitnehmen ins Dorf. Bücher auf einem Bauernhof wären höchst verdächtig gewesen. Schade, sehr schade. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn sie an langen Winterabenden den Geschwistern und den Eltern etwas hätte vorlesen können. Bruni schwang sich die Schultasche an dem Riemen über die Schultern und trabte los.

Ein ganz normaler Schultag

Am Grenzstein war es immer sehr nebelig, sogar im Hochsommer oder bei klirrender Kälte. Kurz verspürte sie das vertraute Gefühl des Übergangs, so, als ob sich ihr der Magen umdrehen wollte, dann war wieder alles normal. Noch im Nebel begann das kleine Stück Moor. Es war nicht wirklich gefährlich, wenn man den Weg kannte. Bruni wusste ihn nach all den Jahren auswendig. Sie sprang auf einen Grasbült und balancierte über den Bohlensteg, den der Großvater versteckt angebracht hatte. Vom festen Land auf der anderen Seite aus war der Steg nicht zu sehen. Großvater hatte ihn gut getarnt. Geschafft, schon hatte sie wieder festen Boden unter den Füßen. Mit fröhlichem Pfeifen lief sie die letzten zwei Kilometer bis zur Bushaltestelle.

Prima Timing. Wenige Minuten später keuchte der altersschwache Bus bereits um die Kurve und hielt in einer Wolke aus Dieselgestank vor ihr an.

„Hi, Bruni!”

Klasse, Mia hatte ihr einen Platz freigehalten. Bruni pfefferte ihre Schultasche unter die Bank und machte erleichtert die Beine lang. Busse waren eine herrliche Erfindung!

Hinter ihnen hämmerten stakkatoartige Rhythmen aus einem Kassettenrekorder. Bruni verzog das Gesicht. Robert natürlich! „He, Rob, was für einen Scheiß hörst du denn da schon wieder?”

Robert schaute mit beleidigtem Dackelblick unter seiner blonden Mähne hervor. „Von wegen Scheiß! Du hast keinen Schimmer Ahnung! Das ist Hot Love von T.Rex, Platz drei in der Hitparade!”

„T.Rex, pah. Hast du nichts Besseres?”

„Und was bitteschön wäre das?”

„Na, Roy Black, oder Michael Schanze, oder wenn es schon englisch sein muss, dann wenigstens so was wie George Harrison.”

„Mädchen!”, brummte Robert verächtlich. „Da kann ich doch gleich den Schmalztopf drunter stellen!”

„Ja, damit du genügend Fett für deine Haare hast”, mischte Mia jetzt mit.

„Blöde Gans!” Robert sprang auf und verzog sich mitsamt seinem Kassettenrecorder nach hinten.

Mia und Bruni wechselten einen Blick und brachen in schallendes Gelächter aus. Jungens waren zu komisch!

„Hast du heute Nachmittag schon was vor?”, wollte Mia wissen.

„Weshalb?”

„Na ja, wir könnten doch mit meinem Fahrrad zum Badesee fahren. Du kannst ja hinten auf dem Gepäckträger sitzen. Es soll heute über 25 Grad werden, ideal für eine Wasserschlacht.”

„Geht nicht”, bedauerte Bruni. „Wir backen heute wieder Brot, da muss ich helfen.”

„Oh.” Mias Interesse war geweckt. „Ihr backt immer noch selbst Brot? Klasse! Bei uns macht das nur noch Oma, und ihr Brot schmeckt immer göttlich. Kann ich nicht mitkommen?”

„Lieber nicht”, wehrte Bruni erschrocken ab. Bei dem Gedanken, Mia mit ihren kurzen Röcken und den rotlackierten Fingernägeln mit ins Dorf zu nehmen, wurde ihr fast schlecht vor Angst. Sie wagte sich nicht auszudenken, was die Leute sagen würden. Und Vater Johannes erst... „Meine Mutter mag es nicht, wenn an Backtagen Leute im Haus sind, die sich nicht auskennen.”

Mia sah sie seltsam an. „Du nimmst nie jemanden mit nach Hause. Irgendwie komisch, wenn du mich fragst. Immer hast du eine Ausrede.”

Scheiße. Jetzt war Mia sauer. Aber was sollte sie sonst tun? Sie konnte unmöglich jemanden aus der Stadt mit ins Dorf bringen. Und den Grund dafür konnte sie Mia erst recht nicht sagen. Der Großvater wollte nicht, dass die Menschen aus der Stadt von dem Zeitweg wussten. Er meinte, sie würden Gottes Weltordnung ohnehin zu sehr herausfordern. Bruni sah betreten zu Boden und kaute auf ihren Nägeln.

*

Bis der Bus vor dem Sankt-Anna-Gymnasium hielt, hatte Mia sich wieder abgeregt.

In der ersten Stunde hatten sie Mathe. Nicht gerade Brunis Lieblingsfach, aber auch nichts besonders Schwieriges. Französisch in der zweiten Stunde, das war schon etwas anderes. Wozu brauchte man Französisch? Nicht das sie vorhatte, jemals nach Frankreich zu fahren. Falls sie überhaupt jemals in ihrem Leben weiter als bis in die Stadt kommen würde. Zudem war Bruni grottenschlecht in Französisch. Deutsch war schon schwierig genug gewesen. Zumindest das Deutsch, das man in der Stadt sprach. In den ersten Tagen hatte sie nur Bahnhof kapiert. Naja, um fair zu sein, die aus der Stadt hatten sie umgekehrt auch nicht richtig verstanden. Dreihundert Jahre waren eine lange Zeit, da konnte eine Sprache sich schon verändern. Jetzt ging das einigermaßen mit Deutsch, aber Französisch war immer noch eine Katastrophe. Bruni linste zur Seite. Mia schrieb eifrig mit. Bruni seufzte, dann musste sie wohl wieder die Hausaufgaben bei Mia abschreiben.

„Bruni, traduit ce texte, s'il vous plaît!”

Oh je, Frau Pettenkofer hatte sie aufgerufen. Bruni starrte nach vorne, bis ihr die Augen tränten, aber die Bedeutung des Satzes auf der Tafel erschloss sich ihr trotzdem nicht.

Frau Pettenkofer schüttelte den Kopf. „Bruni, Bruni, das gibt schon wieder eine Sechs. Ich glaube, ich kann nicht bis zum nächsten Elternsprechtag warten, um mit deinen Eltern zu reden. Sag ihnen bitte, dass ich sie dringend sprechen möchte.” Bruni schluckte und nickte. Der Rest der Stunde rauschte nur an ihr vorbei.

In der großen Pause war ihre Stimmung keinen Deut besser. Sie setzte sich trübsinnig auf eine Bank und malte mit der Sandalenspitze Schlieren in den Sand.

Mia stupste sie an. „Hör mal, nur weil die Pettenkofer mit deinen Eltern reden will, brauchst du doch nicht gleich Trübsal zu blasen.”

Bruni sah nicht auf. „Mit einer Sechs in Französisch werde ich nicht versetzt.”

„Du könntest doch Nachhilfe nehmen.”

„Das können meine Eltern nicht bezahlen.”

„Oh.” Mia überlegte. „Na ja, dann machst du halt das Jahr noch einmal. Ich fände es zwar blöd, wenn du nicht mehr in meiner Klasse wärst, aber irgendwie...”

„Nein”, fiel Bruni ihr ins Wort. „Ich werde kein Jahr wiederholen.” Sie schluckte. „Wenn ich dieses Jahr nicht schaffe, kann ich die Schule nicht beenden.”

„Aber warum? Du wärst nicht die Erste und nicht die Einzige, die mal eine Ehrenrunde dreht. Klarissa ist letztes Jahr auch sitzen geblieben. Ihre Eltern haben zwar ordentlich geschimpft, aber guck dir an, wie gut sie dieses Jahr bei uns ist!”

Bruni antwortete nicht. Mia hatte ja keine Ahnung, wie es in ihrer Zeit zuging. Wie sollte sie Mia klar machen, was ihr der Vater gesagt hatte? Mit Müllers Gottfried und seiner Frau Hildegard hatte er vereinbart, dass sie den Müllersohn Josef heiraten sollte. In drei Jahren bereits, die Hochzeit war auf das Erntedankfest angesetzt, direkt nach ihrem sechzehnten Geburtstag. Der Müller-Josef mochte nicht länger warten, immerhin war er schon sechsundzwanzig, da wurde es Zeit für ihn, eine Familie zu gründen. Wenn sie jetzt auf der Schule versagte, würde ihr Vater sie nicht länger zur Schule gehen lassen. Er würde sie zu Hause behalten und wahrscheinlich für den Rest der Zeit auf dem Meierhof als Hausmagd verdingen. Er war sowieso der Meinung, dass es eine Verschwendung für eine Frau wäre, zur Schule zu gehen. Nur dank Großvater Damian hatte sie zur Schule gehen dürfen.

Und selbst wenn der Vater sie wider Erwarten nicht aus der Schule nahm, würde sie doch nur noch bis zur Hochzeit zur Schule gehen dürfen, und dann hätte sie nach einer Ehrenrunde keinen Abschluss, dann hätte sie noch nicht einmal das Einjährige. Nein, sitzenbleiben durfte sie auf keinen Fall. Aber was sollte sie tun?

Vielleicht wusste Tante Lillian Rat.

Nach zwei langweiligen Deutschstunden, in denen sie eine Geschichte von Kafka besprachen – mal ehrlich, wer brauchte so etwas Abgehobenes – und einer noch langweiligeren Handarbeitsstunde mit Topflappenhäkeln, konnte sie sich endlich abseilen. Zu Tante Lillian war es Gott sei Dank nicht weit.

*

Tante Lillian arbeitete als Änderungsschneiderin bei Peek&Cloppenburg. Besuche während der Arbeitszeit wurden da zwar nicht gerne gesehen, aber toleriert. Bruni schlüpfte in die kleine Nähstube. „Hallo Tante Lillian!”

Tante Lillian sah von der Nähmaschine hoch. „Bruni, Kind! Was machst du hier?” Brunis Gesicht musste wohl Bände sprechen, denn Tante Lillian stand sofort auf und schloss sie in ihre Arme. „Was ist los, Kind?”

Bruni schluckte. „Es ist das verdammte Französisch. Ich kapier es einfach nicht. Frau Pettenkofer hat mir schon wieder eine Sechs gegeben. Und jetzt will sie meine Eltern sprechen, weil meine Versetzung gefährdet ist.”

„Oh je.” Tante Lillian drückte sie etwas fester und strich ihr beruhigend über das Haar. „Das ist in der Tat keine gute Sache. Glaubst du, Frau Pettenkofer wäre damit zufrieden, wenn ich anstelle deiner Eltern erschiene? Immerhin habe ich das früher auch schon an den Elternsprechtagen gemacht.”

„Ehrlich? das würdest du tun?” Bruni fiel ein Stein vom Herzen. „Aber, Tante Lillian, da ist immer noch die Sache mit dem Französisch. Ich kann es einfach nicht!”

Tante Lillian lächelte spitzbübisch. „Meine Freundin Marleen kriegt nächste oder übernächste Woche einen Austauschschüler aus Frankreich zu Besuch. Ich werde mal sehen, ob sich da nicht was arrangieren lässt. Du könntest dann ja einfach mal ein paar Tage bei mir wohnen.”

Bruni seufzte erleichtert. Tante Lillian wusste immer Rat. Man konnte sich darauf verlassen. Und mit Großvaters Hilfe würde sie auch die Erlaubnis bekommen, ein paar Tage bei Tante Lillian zu bleiben.

Die Prophezeiung

Zu Hause war dicke Luft. Die Mutter räumte gerade die fertigen Brotlaibe aus dem Backofen, als Bruni mit mehr als vier Stunden Verspätung nach Hause kam. Sie sah nicht einmal auf, als Bruni in den Hof lief. Stattdessen stand ihr Vater in der Tür, beide Hände in die Seiten gestemmt, und offensichtlich bereit, ihr eine handfeste Standpauke zu halten.

Bruni blieb mit demütig gesenktem Kopf vor ihm stehen. „Herr Vater, es tut mir aufrichtig Leid, dass ich so spät zurückgekehrt bin.”

„Zu spät, ja, in der Tat! Deine Mutter und deine Schwestern mussten die ganze Arbeit alleine machen.” Ihr Vater klang ziemlich wütend. „Wärst du kleiner, würde ich dir jetzt Prügel geben. Aber du bist schon groß, fast eine erwachsene Frau. Eine Frau, die immer noch kindliche Flausen im Kopf hat. Was du brauchst, ist die feste Hand eines Ehemannes, ein paar Kinder und vernünftige Arbeit.”

Bruni erschrak. Was war in den Vater gefahren? Wollte er ihr jetzt schon die Schule verbieten? Ihre Stimme zitterte. „Herr Vater, es wird nicht wieder vorkommen, ich gelobe es Euch. Bitte, ich werd´ die Arbeit wieder wettmachen. Ihr sollt sehen, ich werde so fleißig sein wie die Mutter, jeden Tag! Ihr werdet Euch über mich nicht wieder beklagen müssen!”

Der Vater sah aus, als ob er noch etwas sagen wollte. Da räusperte sich der Großvater im Hintergrund. Der Vater wandte sich ohne ein weiteres Wort ab.

Bruni ging schnell zum Großvater. „Danke, Großvater, vielen Dank.”

„Wärst selbst schuld gewesen, hätte der Adalbert dir die Schule verboten”, brummte er. „Sieh zu, dass du die Arbeit zu Hause nicht noch einmal vergisst!”

„Ach, Großvater!” Bruni umarmte den alten Mann liebevoll. Er brummelte gerne, aber sie wusste genau, dass hinter seiner grimmigen Miene viel Verständnis und Mitgefühl steckte. Der Großvater liebte seine Enkelkinder, und Bruni als die Älteste hatte einen besonderen Platz in seinem Herzen. Tagelang hatte er auf seinen Sohn eingeredet, bis der einverstanden war und seine Tochter tatsächlich in die Stadt und auf die Schule schickte. Der Vater war niemals mitgegangen, so wenig wie die Mutter. Der Großvater hatte ihr den verbotenen Weg gezeigt, er hatte sie in die Stadt zu seiner Schwester Lillian gebracht, die dann alles Weitere mit der Schule regelte. Vor ihm hatte der Vater Respekt. Großvaters Wort galt in der Familie.

Die Liesel steckte den Kopf durch die Tür. „Bruni, du sollst die Kuh noch melken!”

„Neugiernase! Du hast gelauscht!” Bruni zog ihre kleine Schwester an den blonden Zöpfen.

„Aua!” beschwerte sich Liesel. „Ich hab´nicht gelauscht, damit du es weißt. Ihr wart laut genug, dass ich es durch die Tür durch hören konnte. Der Vater hat dich ausgeschimpft.”

„Ja, hat er. Sag´s nicht weiter, Liesel, bittschön!”

„Ist das jetzt ein Geheimnis?” wollte Liesel wissen.

„Warum nicht?”

„Dann sag ich´s nicht weiter. Ich kann ein Geheimnis halten. Das beweis´ ich dir!” Fröhlich lachend hüpfte Liesel davon.

Bruni ging an die Arbeit. Ihr Französisch-Problem musste warten. Heute war wirklich nicht der beste Tag, um über Tante Lillians Idee zu reden.

*

Am Sonntag tat sich ein neues Problem auf. Vater Johannes passte ihre Familie nach der Messe ab. Bruni knickste artig.

„Adalbert, Theres”, wandte Vater Johannes sich an ihre Eltern. „Die Brunhilde ist alt genug, um zum nächsten Pfingstfest gefirmt zu werden. Ich möcht´ sie von jetzt ab jeden Samstag Abend nach dem Angelusläuten zum Unterricht sehen.”

Bruni verdrehte heimlich die Augen. Das auch noch! Als ob der Sonntags-Unterricht mit dem Katechismus nicht schon genug wäre! Jetzt sollte sie Vater Johannes noch einen Tag mehr ertragen. Natürlich sagten die Eltern zu, sie hatte es nicht anders erwartet. Niemand im Dorf widersprach Vater Johannes. Nur Tante Lillian hatte es gewagt, damals, bevor sie in die Stadt ging für immer.