Des Menschen Wolf - Apostolos Doxiadis - E-Book

Des Menschen Wolf E-Book

Apostolos Doxiadis

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Beschreibung

Ben Frank hat Blut an seinen Händen. Bei einer Kneipenschlägerei tötet er den Sohn des berüchtigten Mafiabosses Tonio Lupo. Und dieser sinnt auf Rache: Auch Franks Söhne sollen in dem Alter ermordet werden, in dem sein Sohn starb. Schicksal, Zufall, bewusste Entscheidungen: ein spannender Rache-Thriller über die Frage, wie wir dem Tod ein Schnippchen schlagen können. Al, Nick und Leo Frank sind sich keiner Schuld bewusst. Doch der vom Tode gezeichnete Mafiaboss nimmt seine Rache ernst: Er setzt einen Profikiller auf die drei Brüder an, der sie umbringen soll, sobald sie 42 Jahre alt sind. Während Al sich durch Reichtum zu schützen sucht, flüchtet Nick in den Glamour von Hollywood, um sich unverwundbar zu machen. Nur der jüngste Bruder Leo ist noch zu klein, um von dem Fluch zu erfahren, und führt zunächst ein unbeschwertes Leben. Aber auch für den Profikiller stellt sich die Frage, wie er leben soll, bis seine Opfer ihr entsprechendes Alter erreicht haben.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Aus dem Englischen von Barbara Heller

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Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Three Little Pigs« im Verlag Canelo, London

© 2016 by Apostolos Doxiadis

Für die deutsche Ausgabe

© 2017 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Herburg Weiland, München

unter Verwendung einer Illustration von © canelo

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50157-5

E-Book: ISBN 978-3-608-10864-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

Die erste Nacht

Die zweite Nacht

Die folgenden Nächte

DIE ERSTE NACHT

4. Januar 1974 In einem Seniorenheim in den Alpen

Als wir diese grässliche zuppa di cipolle schlürften, mein lieber Signore, da haben Sie mich gefragt, ob ich aufgrund meiner langjährigen Erfahrung – so höflich haben Sie’s umschrieben, dass ich hier in dieser casa per anziani sitze und selbst uralt bin –, ob ich also aufgrund meiner langjährigen Erfahrung zu der Anschauung gelangt bin, dass aus einem schlechten Menschen ein guter Mensch werden kann … Ja, ja, ist ja gut, junger Mann, regen Sie sich nicht auf, ich weiß, dass Sie’s nicht so gesagt haben. Aber darauf lief Ihre Frage doch hinaus, oder? … Tja, Sie sehen, einen anziano belügt man nicht so leicht – jedenfalls, solange sein Gehirn sich noch nicht in zabaglione verwandelt hat.

Machen Sie sich’s bequem. Meine Antwort auf Ihre Frage ist nicht gerade kurz, aber keine Sorge: Hier kann man nachts sowieso nichts anderes tun als schlafen, Albträume haben oder eines natürlichen Todes sterben. Aber sehen Sie erst mal nach, ob Ihr Gerät funktioniert, ob das Band läuft … Okay? Wollen Sie’s nicht noch mal checken? … Nein? Sicher? … Va bene.

Also, hören Sie zu.

Es waren einmal vor langer, langer Zeit drei Brüder.

Ihr Vater war in einem gottverlassenen Nest in den Bergen Lukaniens zur Welt gekommen, mitten im Fußgewölbe des Stiefels, den bella Italia bildet. Er hieß Benvenuto Franco Soundso – ein langer italienischer Name –, und er war arm, bettelarm. Aber er hatte geschickte Hände, und als Kind lernte er von einem Cousin die Kunst der Schuhmacherei. Doch da es in seinem Dorf, als er älter wurde, keine Arbeit für ihn gab, ging er weiter nach Norden, in die Stadt Salerno. Dort fand er eine Anstellung in einem Schuhgeschäft, in dem auch Schuhwerk repariert und Maßschuhe angefertigt wurden.

Er war ein guter Handwerker und ein fleißiger Arbeiter, und schließlich gab ihm sein Chef seine einzige Tochter Consolata zur Frau. Als der Chef nach einigen Jahren das Zeitliche segnete, übernahm Benvenuto Franco Soundso das Geschäft.

Um diese Zeit, im Jahr 1897, wurde der älteste seiner Söhne geboren, jener drei Brüder also, von denen hier die Rede ist: Alessandro, in unserer Geschichte »Al« genannt. Doch die Freude der Eltern über den Stammhalter währte nicht lange, denn wenig später traf der erste Schicksalsschlag die Familie: ein Feuer. Geschäft und Werkstatt brannten bis auf die Grundmauern nieder. Da entschloss sich Benvenuto, Salerno zu verlassen und sich westwärts zu wenden, der Route zu folgen, die der große Italiener Cristoforo Colombo entdeckt hat, in das Land, das nach dem anderen großen Italiener Amerigo Vespucci benannt ist. Ach, Signore, hätten die Italiener sich Amerika nur patentieren lassen, statt es den Briten, den Krauts und den Polacken gratis zur Verfügung zu stellen!

Wie auch immer. Noch ehe die Familie das Schiff bestieg, hatte Benvenuto seine Consolata wieder geschwängert, und 1901, einige Monate nach ihrer Ankunft in New York, brachte sie den zweiten Bruder Nicola zur Welt, in unserer Geschichte »Nick« oder auch anders genannt – für die anderen Namen müssen Sie sich noch ein Weilchen gedulden.

Wie Sie sicher wissen, Signore, war Amerika damals für die Armen in Europa das gelobte Land. Sie glaubten, die Flüsse dort trügen Kiesel aus purem Gold von den Bergen herab, die Gehsteige in den großen Städten wären mit Diamanten übersät, die keiner aufhob, weil jeder schon zu viele davon hatte, und sogar die gottverdammten Hunde würden mit einem Silberlöffel im Maul geboren! Das alles war natürlich, wie die Amerikaner sagen – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise eines armen anziano –, Bullshit. Es gab keine Kiesel aus purem Gold, keine diamantenübersäten Gehsteige. Aber es gab Chancen. Und wer hart arbeitete oder clever war oder natürlich beides, der konnte sie nutzen.

Benvenuto Franco Soundso fand Arbeit bei einem mondänen Schuhmacher in Manhattan. Er verdiente nicht schlecht, und bald bekam er eine Gehaltserhöhung und dann noch eine. Und Consolata war ihm eine gute Frau, die mit Geld umgehen konnte. Nach kurzer Zeit hatten sie so viel gespart, dass Benvenuto sich, auch mithilfe eines Bankkredits, selbständig machen konnte. Er eröffnete in Brooklyn ein kleines Schuhgeschäft mit angeschlossener Werkstatt. Und da der Name »Franco Soundso« für die Einheimischen zu lang war, strich er ihn auf die Hälfte zusammen. Auf seinem Ladenschild stand: Ben Frank De Luxe. Ganz schön feudal, was?

In den folgenden Jahren hatte die Frank-Familie ein richtig gutes Leben. Das Geschäft lief immer besser, und eines Tages ging Ben wieder zur Bank und nahm einen Kredit für den Erwerb eines kleinen Wohnhauses in der Nähe des Ladens auf. Die Kinder wuchsen gesund und kräftig heran, die Frau war glücklich. 1912 aber kam der zweite Schicksalsschlag, ein viel schwererer diesmal als das Feuer in Salerno. Bei der Geburt des dritten Sohnes verblutete Consolata. Das Baby blieb am Leben. Es erhielt den Namen Leonardo – der »Leo« in unserer Geschichte.

Eines muss ich Ihnen noch zu Ben Frank sagen. Trotz des bescheidenen Erfolgs, den er mit seinem Geschäft erreicht hatte, war er ein schwacher Mensch. Zu Consolatas Lebzeiten fiel das nicht weiter ins Gewicht, denn sie hatte, wie so viele gute Ehefrauen, genug Kraft für beide. Nachdem sie aber gestorben war, traten die Risse in seinem Charakter zutage. Um sich über den Verlust hinwegzutrösten, begann Ben Frank zu trinken. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, beschloss Amerika nun plötzlich, sich in diese idiotische Sache in Europa einzumischen, später der Erste Weltkrieg genannt. Anfangs kümmerte das Ben Frank nicht groß. Was kratzte es ihn, was diese verrückten Amerikaner taten? Aber dann wurde sein ältester Sohn Al – er war inzwischen zwanzig und arbeitete im Geschäft mit, für seinen Vater eine dringend benötigte Hilfe – einberufen und zur kämpfenden Truppe nach Europa geschickt.

Und es stand noch mehr Ärger ins Haus. Bis zum Tod seiner Frau hatte Ben Frank seine Kreditraten regelmäßig gezahlt. Der Bankdirektor sprach ihn mit »Mr. Frank« an, er kaufte die Schuhe für sich und seine Frau bei ihm und so weiter. Als Ben Frank aber zur Flasche griff, begann er seine Arbeit zu vernachlässigen. Die Hälfte der Zeit war er betrunken, die andere Hälfte verkatert. Solange sein Sohn mitarbeitete, wirkte sich das nicht allzu sehr aufs Geschäft aus. Nachdem Al jedoch in den Krieg gezogen war, kippte die Situation. Es ging bergab, und Ben Frank geriet mit den Kreditraten in Rückstand.

Was tun? Ein vernünftiger Mensch hätte vielleicht mit dem Trinken aufgehört und mehr gearbeitet. Aber als der, der er nun mal war, tat Ben Frank genau das Gegenteil: Er trank noch mehr und arbeitete noch weniger. Und wie so mancher, der bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt, versuchte er seine Probleme dadurch zu lösen, dass er – na, was wohl? Dass er zu spielen anfing. Aber er war kein guter Spieler, er wusste auch nicht, wann es Zeit war aufzuhören, und so verlor er ständig. Die wenigen Male, die er gewann, spielte er weiter, um den Verlust vom Tag zuvor wieder hereinzuholen. Und verlor noch mehr. Schließlich konnte er seine monatlichen Zahlungen an die Bank nicht mehr leisten und verlor auch das Geschäft. Sein Haus wurde zwangsversteigert, und er musste mit seinen beiden jüngeren Söhnen zu einer unverheirateten Cousine ziehen. Nick Frank ging von der Schule ab und suchte sich einen Job – was im Übrigen keine Tragödie war, denn er hatte sowieso nicht viel gelernt. Ein früherer Kunde seines papà kannte jemanden im Plaza, dem Nobelhotel am Central Park, und verschaffte ihm einen Posten als Page. Kein großartiger Karrierestart, aber wenigstens bekam er dort zweimal am Tag eine anständige Mahlzeit und brachte Geld nach Hause – das sein Vater dann vertrank und verspielte.

1919 schließlich, nur eine Woche, bevor Bens Ältester aus dem Krieg zurückkehrte und die Zukunft für die Frank-Familie wieder etwas rosiger hätte aussehen können, kam der dritte und letzte Schicksalsschlag.

Das war so: Eines Abends sitzt Ben Frank beim Poker im Hinterzimmer einer Kneipe in Brooklyn. Plötzlich, mitten in einem Blatt, beschuldigt er einen der Mitspieler, einen Typen, den er noch nie gesehen hat, falsch gespielt zu haben. Der Alkohol in seinem Blut tut das Seine dazu, und schon artet der Streit in eine Schlägerei aus: Ben Frank, der als Kind in seinem Lukaneser Dorf so manchen Faustkampf gewonnen hat, fühlt sich mächtig stark, steht auf und haut dem anderen eine rein. Aber bevor er überhaupt realisiert, was eigentlich los ist, zieht ein anderer Typ, den er auch noch nie gesehen hat, ein Messer. Ben Frank markiert den starken Mann, schnappt sich eine Flasche vom Tisch und knallt sie dem Typen mit dem Messer auf den Kopf. Die Flasche zerschellt, aber den oberen Teil hat Ben noch in der Hand, und damit geht er auf den Typen los. Er trifft ihn genau hier, seitlich am Hals, und das scharfe Glas schneidet dem Mann die Halsschlagader durch, als wäre sie eine gekochte Bohne.

Als Ben Frank das Blut spritzen sah, packte ihn die Panik, und er rannte los, rannte und rannte, bis er keine Luft mehr bekam und nicht mehr rennen konnte. Die Cops fanden ihn, wie er keuchend und weinend auf dem Bordstein saß. Sie nahmen ihn mit aufs Revier und klagten ihn des Mordes an. Da erst erfuhr er den Namen des Mannes, den er getötet hatte: Luigi Lupo. Der sagte ihm zunächst nichts. Es dauerte ein paar Stunden, bis er begriff, dass er sich sein Opfer nicht schlechter hätte aussuchen können, in hundert Jahren nicht. Denn zu seinem Pech, zu seinem unfassbaren Pech – oder besser zum unfassbaren Pech seiner Söhne, sein eigenes Schicksal war ohnehin besiegelt – hatte er das einzige Kind von Tonio Lupo getötet, dem sizilianischen Gangster, der in der Boulevardpresse »der Schrecken von Brooklyn« genannt wurde, dem capo einer der berüchtigtsten borgatas oder Mafiafamilien der damaligen Zeit.

Tonio Lupo war zu dem Zeitpunkt schon ein kranker alter Mann. Dennoch stattete er dem Mörder seines Sohnes zwei Tage später höchstpersönlich einen Besuch auf dem Revier ab. Wieso ziehen Sie die Brauen hoch, Signore? Sie wundern sich, wie so etwas möglich war? Das brauchen Sie nicht. Tonio Lupo war damals ein Mann, vor dem jeder in New York Respekt hatte. Auch die Cops.

Wie auch immer. Der alte capo wurde in Ben Franks Zelle geführt, gestützt von einem sgarista, einer Art »Soldat« in einer borgata. Der sgarista trug einen Stuhl für ihn herein, dann schickte Lupo ihn hinaus und redete, heiser krächzend wie ein stark erkälteter Frosch, unter vier Augen mit dem Mörder seines Sohnes, von Mann zu Mann.

Folgendes sagte er:

»Du, figlio di puttana, hör zu, hör mir gut zu. Gott hat mir ein Kind geschenkt, eins nur, und es war ein Sohn, zweiundvierzig Jahre alt, und du hast ihn mir genommen. Dir hat deine Hure von Ehefrau drei Söhne geboren, und alle sind lebendig und gesund, du gottverdammter Dreckskerl! Ich bin ein kranker alter Mann, ich habe nicht mehr lange zu leben. Aber freu dich nicht zu früh. Der Fluch, den ich hiermit über dich verhänge, meine maledizione, wird weiterleben, so lange, bis er sich erfüllt hat, nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal! Höre also, du Schweinehund: Deine Söhne werden sterben, alle drei, sobald sie zweiundvierzig sind, so alt, wie mein Luigi war, als du ihn umgebracht hast. Denk drüber nach, du Lukaneser Stück Scheiße, denk gründlich drüber nach in den nächsten Tagen, den letzten deines erbärmlichen Lebens.«

Nicht lange danach schickten die Cops Ben Frank den Fluss rauf … Ah, ich seh schon, Signore, Sie wissen nicht, was »den Fluss rauf« bedeutet. Na, woher auch – so ein rechtschaffener, netter junger Mann wie Sie. Ich sag’s Ihnen: Sing Sing ist damit gemeint, vielleicht haben Sie davon gehört … Ach, in einem Film haben Sie’s gesehen, sehr schön. Ich weiß ja nicht, was Sie da gesehen haben, aber damals war Sing Sing noch ein richtig harter Knast und nicht die Freizeiteinrichtung von heute, mit Volleyballteams und Knackis, die Nähen und Stricken und weiß Gott was alles lernen. Aber wie auch immer. Ben Frank sollte bis zu seinem Prozess und dann bis zu seiner Hinrichtung dort bleiben – was für ein Urteil hätte ein armer Mann wie er nach einer solchen Tat sonst schon erwarten können? Doch wie es sich so traf, blieb ihm das Vergnügen, auf Old Sparky bei lebendigem Leibe geröstet zu werden, erspart. Denn als er eines Tages in der Essensschlange stand, kam ein anderer Häftling auf ihn zu, ein dicker, dunkelhäutiger Typ – nicht negerdunkel, einfach normal dunkel – und flüsterte ihm ins Ohr: »Schöne Grüße von Tonio Lupo.« Dann schlitzte er ihm die Halsschlagader auf, so wie Ben Frank Luigi Lupo die Halsschlagader aufgeschlitzt hatte, nur mit einer Stahlklinge. Ben Frank sackte zusammen, und niemand rührte einen Finger, um ihm zu helfen oder einen Wärter zu rufen. Da lag er, blutend wie ein Schwein, zitternd und zuckend, und das Leben spritzte aus ihm heraus, und vielleicht träumte er, dass er jetzt im Himmel Consolata wiedersehen würde oder so.

Wie auch immer. Tonio Lupo hatte dafür gesorgt, dass ihm seine »Grüße« erst ausgerichtet wurden, nachdem er Besuch von einem seiner Söhne bekommen hatte. Um seine Rache voll auszukosten, wollte Lupo, dass die drei Frank-Brüder wussten, was sie erwartete, damit sie sich für den Rest ihres Lebens bis zum Alter von zweiundvierzig Jahren so elend wie nur irgend möglich fühlten. Zufällig war es Al Frank, der älteste, der seinen Dad in Sing Sing besuchte. Der arme Kerl war gerade erst aus Europa zurückgekommen und trug noch Uniform. Ihn klärte Ben Frank also über Tonio Lupos maledizione auf: Der alte capo habe ein Todesurteil über ihn und seine beiden Brüder verhängt, das vollstreckt werden solle, sobald sie zweiundvierzig seien.

In Anbetracht der Umstände war Al Frank nicht weiter überrascht, als er zwei Tage später erfuhr, was seinem Vater im Knast widerfahren war. Die Nachricht machte ihn auch nicht trauriger, als er ohnehin schon war. Im Gegenteil: Er war erleichtert, würde ich sagen, denn Ben Franks Ermordung bewahrte ihn und seine Brüder vor der Schande des Gerichtsverfahrens, davor sich das Urteil der Geschworenen anhören zu müssen, und vor dem schrecklichen Warten auf die Hinrichtung. Im Grunde ermöglichte ihm der Tod seines alten Herrn, sich umgehend auf das Problem zu konzentrieren, das er und seine Brüder nun hatten.

Eines muss ich Ihnen jetzt schon sagen, Signore, auch wenn es im weiteren Verlauf noch mehr als deutlich wird: Al Frank war ein ausgesprochen cleverer Typ. Und wie alle cleveren Typen war er auch praktisch veranlagt, das heißt, er lebte in der realen Welt und nicht in irgendeiner Traumwelt. Statt also zu jammern und zu klagen und sein Schicksal zu verfluchen, schaltete er, nachdem Ben Frank ihm von der maledizione erzählt hatte, sofort sein Gehirn ein.

Er und seine Brüder hatten es mit einer furchtbaren Drohung zu tun, einer Drohung, bei der selbst mächtige Leute niedergekniet wären und wie Kleinkinder zur Madonna gebetet hätten. Mächtig war Al zwar nicht, aber da er clever war, wusste er, dass das Problem vom Beten nicht weggehen würde. Und er war auch nicht erleichtert, als er einige Monate, nachdem sein papà in Sing Sing umgebracht worden war, die Schlagzeile einer New Yorker Tageszeitung las: TONIO LUPO, »DER SCHRECKEN VON BROOKLYN«, IM BETT GESTORBEN. Mit Lupos Tod war nichts gewonnen, denn der capo hatte zweifellos einkalkuliert, dass er längst tot sein würde, wenn der älteste der drei Frank-Brüder zweiundvierzig wurde … Clever, wie Al war, glaubte er keine Sekunde daran, dass es sich bei der maledizione, wie Lupo es genannt hatte, um einen veritablen Fluch handelte. Ihm war von vornherein klar, was es wirklich war: angekündigte Rache, eine Rache, deren Vollzug Lupo ganz bestimmt nicht in Gottes Hand gelegt hatte. Al Frank war zwar nicht übermäßig fromm, aber er wusste, dass der Allmächtige, selbst wenn er so streng und rachsüchtig war, wie ihn ein padre in der Sonntagsschule beschrieben hatte, so etwas wie Lupos maledizione nicht würde durchgehen lassen. Auge um Auge vielleicht, sogar Auge um Zahn. Aber es musste das Auge des Sünders sein, nicht das seiner Söhne. Gott war schließlich kein Sizilianer, er war kein Anhänger der vendetta. Die Abrechnung des alten Mafioso mit den Söhnen des Mörders seines Sohnes würde zu hundert Prozent Menschenwerk sein. Und die Männer, die sie zu gegebener Zeit in die Hand nehmen würden, waren nicht mit Lupo gestorben.

Al traf seine Entscheidung auf der Grundlage dessen, was er bereits in jungen Jahren als das Wichtigste im Leben erkannt hatte: dass der Treibstoff, der Männer am Laufen hält – und Frauen ebenfalls, auch wenn sie bei seiner Beschaffung nicht die gleiche Rolle spielen –, das Geld ist. Und je mehr Treibstoff man hat, desto besser ist es, denn desto weiter kommt man. Er musste an seinen alten Lateinlehrer denken, einen unangenehmen Kerl, der immer gern das römische Sprichwort Homo sine pecunia est imago mortis zitiert hatte. Sollte Al Frank sich je ein Wappen zulegen, würden unter der Abbildung einer goldenen Münze, einer Geldkassette oder dergleichen eben diese Worte auf einem geschweiften Spruchband stehen: »Ein Mann ohne Geld ist ein Bild des Todes.« Wie das in der Praxis aussah, hatte er ja an seinem Vater gesehen. Solange Ben Frank Geld hatte, war er jemand, als er keines mehr hatte, war er nur noch ein Gerippe. Wenn es also, folgerte Al, eine Möglichkeit gab, sich und seine Brüder vor der maledizione zu schützen, dann musste Geld im Spiel sein. Welche Form die Lösung des Problems letztlich auch annahm – es würde eine Art Geschäftsvereinbarung sein, ein Quidproquo, ein Geben und Nehmen. Alles im Leben hat seinen Preis, und das galt zweifellos auch für sein Leben und das seiner Brüder. Aber es würde vermutlich kein geringer Preis sein.

Nun hatte Al zu diesem Zeitpunkt natürlich null Geld. Das war die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht war, dass ihm noch massenhaft Zeit blieb, bis er zweiundvierzig wurde, volle zwanzig Jahre. Und in dieser Zeit, so beschloss er, würde er Millionär werden … Habe ich da eben ein Lächeln gesehen, mein junger Freund? Ja, leichter gesagt als getan, werden Sie denken. Ganz richtig! Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Al Frank eine Menge zu bieten hatte. Er war nicht nur clever, cleverer, als die Polizei erlaubt, er war auch bienenfleißig und ehrgeizig noch dazu, ein Mann, der sich ständig neue Ziele steckte und nicht ruhte, bis er sie erreicht hatte. Und zu diesen Eigenschaften kam eine weitere hinzu, vielleicht eine noch wichtigere: ein angeborenes Talent, Lady Luck nicht vorüberziehen zu lassen.

Schon im Krieg war er Ihrer Ladyschaft begegnet. Ich meine damit den Beginn seiner Freundschaft mit Wilbur Worthington junior oder Willie, wie seine Freunde ihn nannten, dem Alleinerben der mächtigen Kaufmannsfamilie, Eigentümer des Worthington’s, des größten Kaufhauses im damaligen New York. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen, denn er brauchte sich nicht um seinen Lebensunterhalt zu kümmern – war Willie ein Abenteurer. Als Amerika in den europäischen Krieg eintrat, beschloss er, zur Abwechslung mal zu kämpfen. Er stellte sich das wie eine Jagdpartie vor oder wie einen Flug mit einem Aeroplan, diesem brandneuen Spielzeug, mit dem er so gern spielte. Er meldete sich freiwillig, weil er ein Dummkopf war, wurde Offizier, weil er reich war, und ging an die Front, weil er glaubte, dass man dort den meisten Spaß hatte. Als er sich bis zu den Knien im Schlamm eines Schützengrabens in Flandern wiederfand, merkte er allerdings, dass die Sache gar nicht so spaßig war. Aber da war es schon zu spät.

Lady Luck war es zu verdanken, dass Willie Worthington Als befehlshabender Offizier wurde. Dann aber nahm Al die Dinge selbst in die Hand, und zwar von dem Moment an, als Willie während eines Giftgasangriffs der Krauts das Bewusstsein verlor und Al ihn in Sicherheit brachte. Er tat das nicht etwa aus Heldenmut, sondern aufgrund schlichter Intelligenz: Er hatte sich an die Vorschriften gehalten und seine Gasmaske aufgesetzt, bevor die Granaten fielen, während sein CO mit ungeschütztem Gesicht im Graben gestanden und die Aussicht betrachtet hatte. Als Al ihn stürzen sah, drückte er ihm eine Maske aufs Gesicht, schleifte ihn in den Unterstand, der als Büro diente, und bewahrte ihn damit auch noch vor einer Mörsergranate, die Sekunden später an der Stelle einschlug, an der Willie gelegen hatte. Das trug Al – ganz zu Recht – den Titel »Der Mann, der dem Lieutenant das Leben gerettet hat« ein.

Als Willie nach einigen Wochen im Lazarett an die Front zurückkehrte, machte er Al zu seiner Ordonnanz. Und nicht nur das. Da Al ein wohlerzogener, angenehmer Mensch war, wurde er für den Rest des Krieges auch Willies bester Kamerad. Wenn die Kämpfe es erlaubten, saßen die beiden bis tief in die Nacht im Unterstand, tranken Willies Brandy und spielten Gin Rommé. Und als im November 1918 der Krieg zu Ende war, gab Willie Al seine New Yorker Adresse und forderte ihn auf, ihn zu besuchen, sobald er wieder zu Hause war.

Wie bereits geschildert, war Al in den ersten Tagen nach seiner Rückkehr mit höchst unangenehmen Dingen beschäftigt: Er besuchte seinen Vater im Gefängnis, er erfuhr von der maledizione, er erhielt die Nachricht von Ben Franks Tod und so weiter. Doch kaum hatte er seinen Dad beerdigt, suchte er Willie in dessen Haus auf, einem vierstöckigen Brownstone in der East Sixty-First Street. »Wie geht’s deiner Familie?«, erkundigte sich Willie. »Gut«, antwortete Al, »und deiner?« (Er dachte nicht daran, Willie Worthington auf die Nase zu binden, dass sein Vater ein Mörder war.) Um einen Job brauchte er gar nicht erst zu bitten. Noch ehe er das Brownstone wieder verließ, hatte er einen, im Hauptbüro von Worthington’s, in der obersten Etage des Kaufhauses in der Fifth Avenue.

Da Al kein College besucht und keine Berufserfahrung hatte, war seine erste Arbeitsstelle eher bescheiden, ein Schreibtischjob. Alle wussten, dass er nur wegen seiner Freundschaft mit dem Sohn des Chefs eingestellt worden war. Aber weshalb auch immer – bald zeigte sich, dass der Neue weder ein Dummkopf noch ein Faulenzer war. Im Gegenteil. Al arbeitete hart – ach, Signore, und wie hart er arbeitete! Von Tagesanbruch bis Mitternacht saß er im Büro, er machte Überstunden ohne Ende, nie nahm er Urlaub, und selbst die Wochenenden verbrachte er am Schreibtisch. Und da er den Kopf immer voller neuer Ideen hatte, wurde ihm bald mehr Verantwortung übertragen, und dann noch mehr, und immer noch mehr.

Zwei Jahre nach seiner Einstellung – er war inzwischen vierundzwanzig – gab Wilbur Worthington senior den Löffel ab, und neuer Chef, capo des Kaufhauses, wurde Willie. Als eine seiner ersten Amtshandlungen nahm er Al in sein persönliches Team auf, die Truppe, die den Laden schmiss. Und da Al so fleißig und so kompetent war, schob er ihm immer mehr von der Arbeit zu, die er selbst hätte machen sollen. Willie liebte nun mal wilde Partys, Vormittage im Bett, Tennis, Polo und Aeroplan fliegen am Wochenende. Aber das war kein Problem, Al kümmerte sich ja um alles.

Als Al sechsundzwanzig war – gemäß den Modalitäten der maledizione hatte er noch sechzehn Jahre zu leben –, machte Willie ihn zum Einkaufsleiter. Dass es im Business darum geht, billig einzukaufen und teuer zu verkaufen, haben Sie vielleicht schon mal gehört? Billig einzukaufen, das war jetzt Als Job. Endlich, so glaubte er, würde er richtig reich werden. Doch als er erfuhr, mit welchem Gehalt seine neue Position ausgestattet war, seufzte er. Sicher, es war gutes Geld, viel mehr, als sich der noch nicht einmal dreißigjährige Sohn eines armen italienischen Einwanderers hätte erträumen können, aber bei Weitem nicht genug für die Aufgabe, die vor ihm lag: sein Leben und das seiner Brüder von den Killern, die Lupo auf sie angesetzt hatte, zurückzukaufen. Um so reich zu werden, wie es ihm vorschwebte, durfte er nicht für andere arbeiten, sondern musste sein eigener Chef werden.

Wie schon erwähnt, verstand es Al, Gelegenheiten beim Schopf zu packen. Und die nächste, die sich bot, packte er beim Schopf. Ein aufstrebender, vielversprechender französischer Geschäftsmann namens Armand Luthier wollte Worthington’s die amerikanische Alleinvertretung für seine Luxusstoffe übertragen. Al gefielen die Stoffe, sehr sogar, und er war überzeugt, dass sie bei den reichen Gattinnen, die bei Worthington’s einkauften, gut ankommen würden. Er bat Willie um grünes Licht für einen Vertragsabschluss mit Luthier, aber Willie war so damit beschäftigt, Spaß zu haben, dass er der Sache nicht die gebührende Beachtung schenkte und der verärgerte Luthier den Eindruck gewann, dieser dämliche Amerikaner wolle ihn abblitzen lassen. Da witterte Al seine Chance und machte Luthier ein eigenes Angebot: Wenn er ihm seine Stoffe anvertraue, werde er, Al, eine neue Firma mit einem neuen Laden gründen und sie dort exklusiv vertreiben. Die beiden trafen sich zu einem guten Essen, gefolgt von kubanischen Zigarren – Als Gewohnheit, kubanische Zigarren zu rauchen, nahm hier ihren Anfang –, und wurden handelseinig. Al kündigte bei Worthington’s, was der dumme kleine Willie mit einem Wutanfall quittierte. Mit seinen Ersparnissen und einem Bankkredit eröffnete Al das »Luthier« an der Fifth Avenue, zwei Straßen vom Kaufhaus seines Ex-Arbeitgebers entfernt.

Und er behielt recht: Die Luthier-Stoffe erfreuten sich großer Beliebtheit, und das Geschäft lief so gut, dass er ein Jahr später einen zweiten Laden in Boston und wieder ein Jahr später zwei weitere in Chicago und Philadelphia eröffnete. Doch das war erst der Anfang. Al Frank ging nach Europa und schloss Verträge über Import und Verkauf von Schweizer Uhren, englischen Kaschmirprodukten und Zigaretten, italienischen Seidenstoffen und Kristallwaren, französischem Porzellan und weiß Gott, was sonst noch. Und als das alles unter Dach und Fach war, gründete er eine Kette von Nobelkaufhäusern unter seinem eigenen Namen: »Frank Luxury Stores«. Luthier nahm den Wegfall seines Namens im Tausch gegen ein Aktienpaket der neuen Firma seines supercleveren jungen Partners gern in Kauf.

Nachdem Al einmal ins Geschäftsleben eingestiegen war, gab es kein Halten mehr. Nach dem Börsencrash vom Oktober 1929 gingen zahlreiche Unternehmer pleite. Nicht so Al Frank, dafür war er zu clever. Er witterte in der Krise neue Gewinnchancen. Als einer der Ersten begriff er, dass die Menschen angesichts einer unsicheren Zukunft zwar an langlebigen Gütern, nicht aber an Bedarfsartikeln wie Nahrungsmitteln, Parfüms und dergleichen sparten. Anfang der 1930er Jahre begann er, Aktien anderer Warenhäuser aufzukaufen, die jetzt für ein Butterbrot zu haben waren. Und 1932 – er war inzwischen fünfunddreißig – schenkte ihm Lady Luck ihr allerstrahlendstes Lächeln. Willie Worthington – nach Als Weggang nicht mehr sein Freund – kam auf die glorreiche Idee, mit einem seiner heiß geliebten Sportflugzeuge abzustürzen. Er war sofort tot.

Manche behaupteten, es sei Selbstmord gewesen, denn die Aktienkurse seines Unternehmens waren in den Monaten zuvor katastrophal eingebrochen. Kann sein. Fest steht jedenfalls, dass Al seine Chance erkannt und zu Schleuderpreisen Worthington-Aktien gekauft hatte, sodass er beim Absturz seines Ex-Kumpels bereits einen hübschen kleinen Anteil an dessen Firma besaß. Die Aktienmehrheit und das Brownstone in der Sixty-First-Street erbte Thelma Worthington, ein Jahr vor Willies Tod noch eine kleine Sekretärin, später dann seine Frau. Geschwister hatte Willie nicht, und er hatte auch keine Zeit gehabt, sich einen Erben zuzulegen.

Thelma, damals sechsundzwanzig und eine ausgesprochen heiße Braut, ernannte sich zur Präsidentin von Worthington’s. Al suchte sie unverzüglich auf, teilte ihr mit, dass er einen kleinen Anteil an der Firma besitze, und trug ihr seine Dienste als Berater an. Einen besseren Mann für diese Position hätte Thelma nicht finden können. Al Frank war einer der erfolgreichsten Neulinge in der amerikanischen Geschäftswelt, und er besaß ein angeborenes Gespür fürs Geldverdienen. Worthington’s war ein Jahr später wieder auf den Beinen, Thelma zwei Jahre später wieder flach auf dem Rücken und ihr neuer Ehemann auf ihr: Al Frank. Sie waren noch kein Jahr verheiratet, als Thelma ihr erstes Kind zur Welt brachte, einen Jungen, Al Frank junior. Das Worthington-Vermögen würde nun also Als eigen Fleisch und Blut erben. Gut gemacht, Al!

Er gründete eine weitere Firma namens Frank & Worthington, die nicht nur Worthington’s und Frank Luxury Stores besaß, sondern auch Anteile an einem halben Dutzend anderer Unternehmen, die Al nach dem Börsencrash erworben hatte. Die Boulevardpresse nannte ihn nun den »Kaufhauskönig«, und das mit gutem Grund. Doch damit war sein Appetit noch nicht gestillt. Er expandierte international.

Bis 1935 war der älteste der drei Frank-Brüder richtig reich geworden, und er wurde von Tag zu Tag reicher. Sein riesiges Vermögen vermehrte sich unaufhaltsam weiter. Die Routen, auf denen ihm sein Reichtum zufloss, begannen in China, wo er Seide und Tee einkaufte, verliefen durch Asien, wo er sich mit tonnenweise Kräutern und Gewürzen, Edelsteinen, Stoffen und was weiß ich noch alles eindeckte, überzogen ganz Europa, wo er mit englischen, deutschen, italienischen und französischen Herstellern Verträge abschloss, erstreckten sich übers Mittelmeer nach Afrika, wo er Kakaobohnen, Kupfer und Diamanten raffte, und reichten über den Atlantik bis nach Südamerika, wo er Kaffee, Südfrüchte, noch mehr Kupfer und alles mögliche andere zusammentrug. Das alles strömte auf den amerikanischen Markt und verwandelte sich dort in Dollars. Al Franks Dollars. Noch vor seinem vierzigsten Lebensjahr rangierte Frank-Bruder Nummer eins in einem Wirtschaftsmagazin unter den hundert reichsten Männern Amerikas. Man stelle sich vor: Der Sohn armer Einwanderer aus den Bergen Lukaniens hätte jetzt, wenn er wollte, einen Pool mit Goldmünzen füllen und wie Dagobert Duck darin baden können.

Al Frank hatte erreicht, was er sich vorgenommen hatte, als er von Don Tonio Lupos maledizione erfuhr: Er war Millionär geworden, vielfacher Millionär. Eigentlich eine höchst angenehme Situation. Aber nun wurde es Zeit, mit seinem Geld sein Leben und das seiner Brüder zu retten.

Da Al ein praktisch veranlagter Mensch war, hatte er in all den Jahren, in denen er sein Vermögen angehäuft hatte, kaum einen Gedanken an die maledizione verschwendet. Nicht, dass er sie vergessen hätte – wie könnte man so etwas vergessen? Hin und wieder wachte er mitten in der Nacht schweißgebadet aus einem Albtraum auf, in dem eine große, dunkle Gestalt mit dem Körper eines Mannes im Anzug und dem Kopf eines Wolfes, mit einer passenderweise lupara genannten Waffe herumfuchtelte, der unter Mafiosi bevorzugten abgesägten Schrotflinte. Im Wachzustand aber war Al durch und durch Realist, er glaubte fest an die Devise »Zeit ist Geld« und hielt es für unsinnig, dieses kostbare Gut mit Spekulationen zu vergeuden. Für den Augenblick brachte es nichts, sich Sorgen zu machen. Denn sosehr er die maledizione auch fürchtete – eines stand für ihn fest: Die Leute, die Lupo beauftragt hatte, ihn und seine Brüder umzubringen, würden sich nicht vor der Zeit rühren.

Al hatte zwar außer seinem Bruder Nick – von ihm wird in unserer Story zu gegebener Zeit die Rede sein, Signore – niemandem von der maledizione erzählt, sich aber immerhin die Zeit genommen, Erkundigungen über die Vorgehensweisen der Mafia einzuziehen. Und aus dem, was er dabei in Erfahrung brachte, schloss er ganz richtig, dass Lupos Rache keine Nullachtfünfzehn-Gangsterangelegenheit sein würde, genau genommen überhaupt keine »Angelegenheit«, keine bloße Abrechnung in Unterweltkreisen. Mitnichten, Sir. Das Urteil, das der tote capo über Ben Franks Söhne verhängt hatte, war von anderer, einer fast religiös zu nennenden Art. Verstehen Sie, was das bedeutet, Signore? Die Ermordung der Frank-Brüder würde eher einem Ritual gleichen, einem Opfer an eine antike Göttin, die Rachegöttin, die machtvoller über die Seele dessen herrscht, der an sie glaubt, als die Madonna über die eines guten Katholiken. Und ein Ritual, das keinen Regeln folgt, ist kein Ritual. Weder legen die Christen Weihnachten in einem Jahr auf den zweiundzwanzigsten und im nächsten auf den siebenundzwanzigsten Dezember, weil das besser fürs Geschäft ist, noch feiern die Amerikaner den Unabhängigkeitstag mal am zweiten, mal am vierten und mal am sechsten Juli, je nachdem, wie es in den Terminkalender des Präsidenten passt. Al Frank konnte daher sicher sein, dass sein zukünftiger Mörder sein Blut erst dann auf dem Altar der Rachegöttin vergießen würde, wenn er zweiundvierzig war, keinen Tag früher.

Ein praktisch veranlagter Mensch vertut seine Zeit nicht mit verfrühten Sorgen. 1937 aber, zwei Jahre vor der Deadline – hier übrigens ein sehr treffender Ausdruck –, kam Al zu dem Schluss, dass er sich allmählich ernsthafter mit der Sache befassen müsse. Zwei Tage, nachdem er vierzig Kerzen auf seiner Geburtstagstorte ausgepustet hatte, erkundigte er sich nach dem Namen des New Yorker Top-Staranwalts und lud ihn zum Essen in eine eigens gebuchte Privatsuite im Plaza ein. Dort erzählte er ihm die ganze Geschichte: von Ben Franks Anfangszeit in Amerika über die guten und danach die schlechten Jahre nach dem Tod seiner mamma, als sein papà zu trinken und dann zu spielen anfing, bis hin zu dem schrecklichen Abend in der Bar, als Ben Frank Luigi Lupo tötete, und dem noch schrecklicheren Tag, als Tonio Lupo ihn in seiner Zelle aufsuchte. Bis dahin hatte der Staranwalt sein saftiges Steak hinuntergeschlungen wie ein – mi scusi, Signore, wie ein hungriger Wolf, hätte ich fast gesagt – und sich vermutlich gedacht, was für ein Blödsinn das alles sei, spleenige Ängste eines Millionärs, beste Voraussetzung dafür, ein fettes Honorar für nichts zu kassieren. Als aber der Name Tonio Lupo fiel, hörte er auf zu essen und hob die Brauen, um sie dann, nachdem Al ihm von der maledizione erzählt hatte, zu einem Stirnrunzeln zusammenzuziehen. Eine ganze Weile schwieg er.

»Hören Sie, Mr. Frank«, sagte er schließlich, »ich wollte schon sagen, sie sollten die ganze Sache vergessen, dieser sogenannte Fluch sei nichts weiter als die leere Drohung eines alten Mannes, der um seinen einzigen Sohn trauert. So hätte ich bei jedem anderen Namen reagiert. Ich verfüge über einige Erfahrung mit der Denkweise der Sizilianer und hätte daher gesagt, dass sich mit dem Tod Ihres Vaters in Sing Sing sozusagen der Kreis des Blutes geschlossen hat und Sie sich nicht die geringsten Sorgen um sich und ihre Brüder zu machen brauchen. Aber da die Drohung mit dem Namen Tonio Lupo verknüpft ist, verbietet mir das mein berufliches Gewissen. Sie verstehen: Tonio Lupo war … Tonio Lupo!«

»Was zum Teufel soll das heißen?«, fragte Al.

»Nur dies: dass Tonio Lupo nicht umsonst ›der Schrecken von Brooklyn‹ genannt wurde. Er war so grausam, so brutal, dass man in Mafiakreisen heute noch ›Der ist ein Tonio Lupo‹ sagt, wenn man jemanden als besonders blutrünstig beschreiben will. Und glauben Sie mir, Mr. Frank, Mafiosi haben sehr hohe Maßstäbe in Sachen Blutrunst!«

Al Frank verschluckte sich fast an seinem Steak.

»Trotzdem«, fuhr der Anwalt fort, »glaube ich nicht, dass unser Problem keine Lösung zulässt.« (Was für ein Anwalt wäre er wohl gewesen, wenn er das nicht gesagt hätte?) »Schließlich hat alles auf der Welt seinen Preis.«

»Genau meine Erfahrung«, sagte Al einigermaßen erleichtert.

»Gut. Dann schlage ich vor, wir versuchen, Ihr Leben und das Ihrer Brüder von denen, die beauftragt sind, es, äh, Ihnen zu nehmen, zurückzukaufen.«

»Okay«, sagte Al. »Aber wie finden wir die?«

»Auf die übliche Art: durch Herumfragen. Diskret, versteht sich.«

Drei Tage später rief der Staranwalt Al wieder an, und sie speisten erneut in der Plaza-Suite. Es sei ihm gelungen, einiges in Erfahrung zu bringen, berichtete er, vor allem, dass Tonio Lupo ohne einen Erben gestorben und seine borgata aufgelöst worden sei; die meisten ihrer caporegimes, also ihrer »Leutnants«, und ihrer sgaristi seien in die Familie des »Dicken Luke« Gattino, eines anderen Brooklyner capo, aufgenommen worden. Einige Jahre nach Lupos Tod habe sich die Gattino-borgata allerdings ebenfalls aufgelöst, nachdem der »Dicke Luke« und sein Sohn, der »Dünne Luke«, umgelegt worden seien. Ihre Geschäfte habe Jimmy Charlie übernommen, ein Sizilianer, trotz seines Namens. Lupo und Jimmy Charlie hätten sich jedoch auf den Tod nicht ausstehen können, sagte der Anwalt, es sei also ausgeschlossen, dass der »Testamentsvollstrecker des Don«, wie er den Killer zu nennen beliebte, nunmehr Mitglied von Charlies borgata sei.

Um mit dem »Testamentsvollstrecker des Don« Kontakt aufzunehmen, schlug der Staranwalt als ersten Schritt einen Besuch bei Tonio Lupos Witwe vor. Al war begreiflicherweise schockiert, als er das hörte, aber der Anwalt beruhigte ihn: Signora Lupo sei eine tiefgläubige, sehr freundliche und sanfte Frau, das genaue Gegenteil ihres Mannes. Er diktierte Al auch gleich einen Brief an sie. Als Staranwalt war er natürlich ein Meister des Wortes, und es wurde ein sehr emotionaler, sehr bewegender Brief, ein Appell an die Gottesfurcht der Dame, in dem sogar von den Tränen der Muttergottes und dergleichen mehr die Rede war. Von diesen Schnörkeln abgesehen, handelte es sich schlicht um die Bitte, Al Frank, dem Sohn des Mannes, der ihren Sohn getötet hatte, ein Treffen zu gewähren. Al schrieb den Brief von Hand, und der Anwalt nahm ihn mit und ließ ihn zustellen.

Wie von ihm vorhergesagt, war Signora Lupo, damals bereits hoch in den Achtzigern, einverstanden, und so fuhren sie zu ihr nach Seagate in Brooklyn. Al schaffte es, sich während des Gesprächs ganz entspannt zu geben, wenn auch nicht so entspannt, dass er von den schönen amaretti allo zabaglione gekostet hätte, die Signora Lupo ihnen anbot. Der Staranwalt hielt eine Einführungsrede mit langen Wörtern, gefälligen Metaphern und allem Drum und Dran, des Inhalts, was für ein netter Mann Al sei und was für ein reicher obendrein. Letzteres äußerte er eher indirekt, denn stinkreich zu sein hat unter den christlichen Tugenden keinen sehr hohen Stellenwert. Anschließend sprach Al ein paar einstudierte Worte, kurz, aber nicht schlecht: Ihm sei »gerüchteweise zu Ohren gekommen«, sagte er, ihr verstorbener Mann habe möglicherweise geplant, ihm und seinen beiden Brüdern Schaden zuzufügen.

Signora Lupo hörte sich alles mit ihrem freundlichsten Lächeln an und sagte dann:

»Hören Sie, Signori, mein armer Tonio ist in tiefer Reue über seine Sünden gestorben, von denen er, da er nun mal ein Mensch war, leider nicht wenige begangen hat. Aber wie der heilige Paulus in seinem Brief an die Epheser sagt: Gott ist reich an Barmherzigkeit. Er hat meinem Mann in seinen letzten Monaten große körperliche Leiden gesandt, und der padre, der ihm zur Seite stand, hat ihn ermahnt, sie als das zu begreifen, was sie in Wahrheit waren: ein Geschenk des Herrn in seiner unendlichen Güte, um ihn zur Buße zu bewegen. Und mein armer Tonio hat den Rat des padre befolgt. Er hat ihm seine sämtlichen Sünden gebeichtet, eine nach der anderen, und er hat die Heilige Kommunion empfangen.«

»Und, äh, welcher padre war das?«, fragte der Anwalt.

»Der ist schon lange tot«, antwortete Signora Lupo lächelnd. »Nicht lange nach Tonio hat auch er, Gott hab ihn selig, seinen Geist ausgehaucht.« Sie nahm Als Hand, blickte ihm in die Augen und fuhr fort: »Mein lieber Signor Frank, hätten Sie meinen armen Mann in seinen letzten Tagen im Krankenhaus gesehen, Sie würden keine Sekunde um Ihr Leben oder um das Ihrer Brüder bangen. Er war wie ein Baby, er hat nur noch geweint und die Madonna, voll der Gnade, um Erbarmen und die Krankenschwestern um Morphium angefleht.«

Ihres Erachtens, schloss die alte Dame, sei es undenkbar, dass »der arme Tonio« vor seinen Schöpfer getreten sei, ohne vorher eine so schwerwiegende Angelegenheit wie die von Mr. Frank angesprochene geregelt zu haben. Mit der Last einer solch unerlösten Sünde auf seiner Seele wäre er nicht gestorben. Und in dem höchst unwahrscheinlichen Fall, dass »der arme Tonio« tatsächlich Anweisung gegeben habe, Ben Franks Söhnen nach dem tragischen Tod ihres lieben Luigi »irgendwie zu schaden« – Signora Lupo schloss diese Möglichkeit nicht aus –, hätte er sie in seinen letzten Lebenstagen mit Sicherheit zurückgenommen.

Der Staranwalt blieb diplomatisch. Er glaube ihr, sagte er, hundertprozentig. Trotzdem wüsste er gern, ob die Signora in dem »höchst unwahrscheinlichen Fall« – um ihr zu schmeicheln, gebrauchte er ihre eigenen Worte –, dass ihr verstorbener Mann etwas gegen die Frank-Brüder im Schilde geführt hatte, irgendeine Idee habe, wen er mit der, äh, Ausführung beauftragt habe? Ob ihr da ein Name einfalle? Im Tausch gegen diese Information, sagte der Anwalt, sei Mr. Frank zu einer äußerst großzügigen Spende an eine kirchliche Einrichtung ihrer Wahl bereit, ein Waisenhaus für die bambini, ein Pflegeheim für die anziani, was auch immer. Die alte Dame lächelte liebreizend und antwortete, jegliche Spende Mr. Franks an eine mit Mutter Kirche verbundene Institution werde dem Spender zum Segen gereichen. Aber zu der gewünschten Information werde sie ihm leider nicht verhelfen, denn die könne sie ihm nicht geben. Sie wisse nichts, versicherte sie noch einmal, und sie sei dem Grab schon zu nahe, um ihre Lebensbilanz noch mit einer Lüge zu beflecken. Das sei die Wahrheit, die reine Wahrheit.

Sagte jedenfalls Signora Lupo.

Und so gingen sie wieder, kein bisschen schlauer als zuvor. Wie jeder, der sich in einer schwierigen Lage befindet, war Al dringend trostbedürftig, und ein kleiner Trost waren ihm die Beteuerungen der Witwe auch. Aber als Komplettgarantie verstand er sie nicht, dazu war er zu clever. Der Staranwalt versprach, sich nach alternativen Informationsquellen umzusehen, und nannte ihm wenige Tage später einen Verwandten von Lupo, einen entfernten Neffen namens Umberto Soundso. Er hatte herausgefunden, dass der Mann nicht gerade ein Musterbürger war, aber auch kein uomo d’onore, also kein richtiger Mafioso. Als sie ihn sahen, wussten sie warum. Dieser Umberto war ein Schwachkopf, zu nichts zu gebrauchen – nicht umsonst hatte ein Mafioso ihn dem Anwalt gegenüber bei seinem Spitznamen genannt: »Babbazzu«, was so viel heißt wie »Idiot«. Den konnte man also vergessen. Dass Lupo etwas so Wichtiges wie die Rache für seinen Sohn diesem Trottel anvertraut hatte, war ausgeschlossen.

Al schlug vor, einen Privatdetektiv einzuschalten, aber der Anwalt meinte, das bringe nichts. Wenn ein Mafioso schon bei den Cops oder vor dem Richter nicht auspacke, auch nicht unter Androhung einer langen Haftstrafe, dann werde er es bei irgendeinem dämlichen Privatschnüffler erst recht nicht tun. Also machten sie den nächsten Schritt. Al war sich zwar durchaus bewusst, dass er jetzt auf einem Minenfeld herumschnüffelte, ging aber dennoch auf den Vorschlag des Anwalts ein, sich mit gewissen Mafia-capi zu treffen, die der Anwalt für »sicher« hielt. Al gefiel das nicht, aber was blieb ihm anderes übrig?

Die drei, die der Anwalt nannte, hatten eines gemeinsam: Sie waren Lupos Todfeinde gewesen und hatten somit ganz bestimmt nichts mit der Vollstreckung seines Testaments zu tun. Der Erste war der bereits erwähnte Jimmy Charlie aus Brooklyn, der Typ, der jetzt die Reste der Gattino-borgata führte, die Lupos Revier geerbt hatte, der Zweite war Bob »der Schalldämpfer« Iacca aus Chicago, der Dritte das Finanzgenie des organisierten Verbrechens, Jake Lowski. Die Treffen fanden in einem besonders streng bewachten Gebäude in der Bronx statt, dessen Eigentümer, ein Mandant des Staranwalts, für Als Sicherheit garantierte, solange sie sich auf seinem Grund und Boden befanden – was immer »garantieren« in diesem Fall hieß.

Zu Beginn jedes Treffens schilderte der Anwalt dem capo die Situation und überreichte ihm einen Umschlag mit zehntausend Dollar, eine »Spende« von Mr. Frank, zum Dank dafür, dass der capo ihnen seine Zeit schenkte. Alle drei nahmen die Spende natürlich hocherfreut entgegen, nur Bob Iacca, »der Schalldämpfer«, meinte, das »wäre doch nicht nötig gewesen«.

Al war angenehm überrascht, als der Erste, Jimmy Charlie, ihm mehr oder weniger das Gleiche auftischte wie die Witwe, abzüglich der frommen Soße. In seinen letzten Lebenstagen, sagte Charlie, sei Lupo ein zahnloser Pitbull gewesen, ein wimmerndes Baby, nur noch ein Schatten seiner selbst. Ihm persönlich – und das machte Charlies Worte noch überzeugender – wäre ja nichts lieber gewesen als ein dicker Packen von Mr. Franks Geld, um dann sagen zu können: »Ich kümmere mich darum.« Aber seiner ehrlichen Meinung nach gebe es da nichts zu kümmern. Für ihn sei diese maledizione Blödsinn, die leere Drohung eines gebrochenen Mannes – und nicht nur wegen Lupos Zustand, sondern auch, weil allein schon die Idee total bescheuert sei.

»Sehen Sie’s doch mal logisch, Mr. Frank«, sagte er. »Würde ein Mann wie Tonio Lupo jemandem glauben, egal, wer es ist und wie loyal er ist, wenn er sagt, er legt drei Mann für ihn um, den ersten in zwanzig Jahren, jemandem, der genau weiß – und Lupo weiß, dass er’s weiß –, dass Lupo das nicht mehr kontrollieren kann, weil er dann nicht mehr da ist? Ausgeschlossen! Ich hab ihn gehasst, den Hurensohn, seine Seele soll in der Hölle schmoren, aber dumm war Tonio Lupo nicht. Nein, Sir. Bei so einem Auftrag, wie Sie ihn beschreiben, dieser maledizione, wie Sie’s nennen, wär ihm doch klar gewesen, dass er sein Geld zum Fenster rausschmeißt. Und das hätte er niemals getan.«

Der nächste war Bob Iacca, »der Schalldämpfer«. Entweder er teilte Jimmy Charlies hehre Ehrlichkeitsprinzipien nicht, oder er war schlicht anderer Meinung. Er hörte sich an, was der Anwalt zu sagen hatte, und erklärte dann, er wolle sich ein bisschen umtun und werde sich anschließend mit seiner Sicht der Dinge und vielleicht auch einem konkreten Vorschlag wieder melden. Al sagte, er wäre ihm überaus dankbar, wenn er seine Zeit in die Suche nach einer Lösung für sein Problem investieren würde, und seine Dankbarkeit sei auch keineswegs – äh – platonisch. (Bob Iacca wusste wahrscheinlich nicht, was »platonisch« bedeutet, aber den Sinn verstand er.) Und tatsächlich meldete sich »der Schalldämpfer« nach ein paar Tagen und sagte, er habe die Sache geregelt, Al könne jetzt wieder in Frieden schlafen. Er verlangte fünfzig Riesen für dieses »Regeln«, nicht für sich, wie er erklärte, nur »zur Deckung der Unkosten, Sie verstehen, Mr. Frank«. Ob Al verstand, weiß ich nicht, jedenfalls zahlte er. Aber zufrieden war er nicht, denn der Anwalt meinte hinterher, das Wort eines Mafioso einem Außenstehenden gegenüber sei nicht unbedingt bindend; außerdem klang die Formulierung »in Frieden schlafen«, die der »Schalldämpfer« gebraucht hatte, verdammt nach »in Frieden ruhen«.

Das kürzeste Treffen war das mit Jake Lowski.

»Hören Sie, Mr. Frank«, sagte der alte Fuchs. »Ich nehme doch kein Geld von Ihnen für etwas, das Sie sowieso schon wissen. Ihre Lage ist nicht gerade ungewöhnlich. Okay, dieser Dreckskerl Lupo mag ja durchaus Anweisung gegeben haben, Sie und Ihre Brüder zu gegebener Zeit kaltzumachen. Na und? Meinen Sie nicht, dass da draußen, während wir uns hier unterhalten, Typen rumlaufen, die mich kaltmachen wollen? Ist doch klar! Und fragen Sie mal Ihre Freunde, die Bonzen, mit denen Sie verkehren, fragen Sie die Rockefellers, fragen Sie die Guggenheims – meinen Sie, da gibt’s nicht genug Kerle, die die kaltmachen wollen? Irgendwo ist doch hinter jedem reichen, mächtigen Mann einer her. Das ist nun mal Berufsrisiko. Also tun Sie, was jeder vernünftige Mensch an Ihrer Stelle tun würde: Halten Sie die Augen offen.«

Was Lupos Witwe und Jimmy Charlie ihm versichert hatten, wirkte durchaus beruhigend auf Al, er hätte vermutlich sogar darauf gewettet, dass kein Anlass zur Sorge bestand, dass also entweder aus dem Grund, den die Witwe oder aus dem, den Charlie genannt hatte, derzeit kein Killer auf ihn und seine Brüder angesetzt war. Denn, so dachte Al, selbst wenn es einen Mordauftrag gegeben hatte und selbst wenn Lupo ihn in seinen letzten Lebenstagen nicht reumütig zurückgezogen hatte – in den achtzehn Jahren seit seinem Tod konnte dem Auftragnehmer ja weiß Gott was passiert sein: Er konnte es sich anders überlegt haben, er konnte sein Honorar verpulvert haben, oder – und das war das Wahrscheinlichste – er war aus dem einen oder anderen Grund selbst beseitigt worden; die Boulevardpresse war schließlich voll von Berichten über Mafiosi, die sich gegenseitig aus dem Weg räumten. Und beruhigend für Al, wenn auch nicht übermäßig, war auch die Erklärung des »Schalldämpfers«, er habe die Sache geregelt. Immerhin hatte er fünfzig Riesen dafür genommen, was ja nicht gerade wenig ist. Nebenbei, Signore: Wenn Sie wissen wollen, wie viel das heute ungefähr wäre, müssen Sie’s mit zehn multiplizieren.

Das alles waren tröstliche Gedanken, die Al durch eine schlaflose Nacht helfen konnten. Aber er war zu clever, um es dabei bewenden zu lassen. Auch wenn er es für unwahrscheinlich hielt, dass Lupos Auftragskiller, die reale Verkörperung des Wolfsmenschen mit der lupara aus seinem Albtraum, überhaupt existierte – oder existiert hatte –, beschloss er dennoch, Lowskis Rat zu befolgen und die Augen offenzuhalten. Und die Ohren.

Als Erstes sicherte er seine beiden Häuser, das Brownstone in der East Sixty-First Street und die Villa, die er sich vor Kurzem auf einem großen Grundstück auf Long Island gebaut hatte. An dem Brownstone ließ er die Fenster der beiden unteren Etagen vergittern, und um das Anwesen auf Long Island wurden eine hohe Mauer und innen noch ein Stacheldrahtzaun gezogen. Er heuerte bewaffnete Wachleute an, größtenteils pensionierte Polizisten, zwei davon Besitzer ausgebildeter Wachhunde. Einige der Männer postierte er vor seinen beiden Häusern, andere sicherten sein Büro im neuen Frank-Worthington-Gebäude in der Fifth Avenue, direkt neben Worthington’s. Letztere achteten teils draußen darauf, wer das Gebäude betrat, teils sahen sie sich die Leute an, die mit dem Aufzug ganz nach oben fuhren – das Treppenhaus hatte Al sperren lassen – und durchsuchten jeden, der Als Privatbüro betrat.

Zum Boss seiner Schlägertruppe machte Al nach einiger Zeit einen pensionierten FBI-Agenten, angeblich ein Mob-Experte. Der war der Meinung, die Gefahr sei am größten, wenn Al von A nach B unterwegs sei, und ließ ihn nirgends mehr zu Fuß hin. Al musste sich einen gepanzerten Wagen anschaffen, ein Monster von einem Mercedes Benz, den er eigens aus Deutschland kommen ließ und auch dann benutzte, wenn er nur ein paar Straßen weiter wollte. Auf jeder Fahrt begleiteten ihn jetzt sechs Bewaffnete, zwei in dem Mercedes, vier in einem vorausfahrenden Auto.

Der Einzige, der den Grund dieser Mobilmachung kannte – außer dem Staranwalt und den drei Mafia-capi –, war Frank-Bruder Nummer zwei, Nick Frank, der ja von Anfang an über die maledizione Bescheid gewusst hatte. Allen anderen gegenüber, einschließlich seines jüngsten Bruders Leo, seiner Frau Thelma und seiner wichtigsten Geschäftspartner, ließ Al offiziell verlautbaren, er habe Drohungen erhalten – nichts wirklich Ernstes, aber er wolle eben auf Nummer sicher gehen.

Thelma fand die veränderten Lebensgewohnheiten, die ihnen die neuen Sicherheitsmaßnahmen aufzwangen, ausgesprochen lästig, und er musste ihr etwas mehr erklären. Auf ihr wiederholtes Drängen log er »streng vertraulich«, der Direktor des FBI, J. Edgar Hoover persönlich, habe ihn telefonisch gewarnt: Eine Gruppe von Mafiosi plane Schutzgelderpressungen im Importbereich und wolle ihm möglicherweise ans Leder. Doch auch das ließ Thelma kalt; sie fand, er treibe es zu weit. Der arme Al Frank, der arme, stinkreiche Al Frank! Verstehen Sie, Signore