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„Deutsche Hörer!“ bezeichnet eine Serie von insgesamt 55 Radioansprachen des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, die zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 im deutschen Programm der BBC in der Regel monatlich ausgestrahlt wurden. Ergänzt wurde die Reihe durch einige Sondersendungen sowie eine abschließende Ansprache zum Neujahr 1946. Von den Vereinigten Staaten aus wandte er sich ab 1940 mit seinen eindringlichen, humanistisch geprägten Radioansprachen gegen Krieg und Diktatur. Diese 55 Reden, die auf teils abenteuerlichen Wegen nach Europa übertragen wurden, gelten bis heute als bedeutende Zeugnisse eines engagierten und standhaften deutschen Intellektuellen.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2026
Thomas Mann
55 Radiosendungen nach Deutschland
DEUTSCHE HÖRER! wurde zuerst veröffentlicht im Bermann-Fischer Verlag, Stockholm 1942.
Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von
© apebook Verlag, Essen (Germany)
www.apebook.de
2026
V 1.0
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96130-734-0
Buchgestaltung: SKRIPTART, www.skriptart.de
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Inhaltsverzeichnis
Deutsche Hörer!
Impressum
Vorwort zur ersten Ausgabe
Oktober 1940
November 1940
Dezember 1940
Januar 1941
März 1941
April 1941
Mai 1941
Juni 1941
Juli 1941
August 1941 (Sonder-Sendung)
August 1941
September 1941
Oktober 1941
November 1941
24. Dezember 1941 (Sonder-Sendung)
Dezember 1941
Januar 1942
Februar 1942
März 1942
April 1942 (Sonder-Sendung)
April 1942
Mai 1942
Juni 1942
Juli 1942
August 1942
27. September 1942
15. Oktober 1942 (Ansprache an die Amerikaner deutscher Herkunft)
24. Oktober 1942
29. November 1942
27. Dezember 1942
24. Januar 1943
23. Februar 1943
28. März 1943
25. April 1943
25. Mai 1943
27. Juni 1943
27. Juli 1943
29. August 1943
29. September 1943
30. Oktober 1943
9. Dezember 1943
31. Dezember 1943
30. Januar 1944
28. Februar 1944
28. März 1944
1. Mai 1944
29. Mai 1944
1. Januar 1945
14. Januar 1945
16. Januar 1945
31. Januar 1945
16. Februar 1945
20. März 1945
5. April 1945
19. April 1945
10. Mai 1945
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Im Herbst 1940 trat die British Broadcasting Corporation mit dem Wunsche an mich heran, ich möchte über ihren Sender in regelmäßigen Abständen an meine Landsleute kurze Ansprachen richten, in denen ich die Kriegsereignisse kommentieren und eine Einwirkung auf das deutsche Publikum im Sinne meiner oft geäußerten Überzeugungen versuchen sollte.
Ich glaubte, diese Gelegenheit, hinter dem Rücken der Nazi-Regierung, die, sobald ihr die Macht dazu gegeben war, mich jeder geistigen Wirkungsmöglichkeit in Deutschland beraubt hatte, Kontakt zu nehmen – und sei es ein noch so lockerer und bedrohter Kontakt – mit deutschen Menschen und auch mit Bewohnern der unterjochten Gebiete, nicht versäumen zu dürfen – um so weniger, als meine Worte nicht von Amerika aus, auf Kurzwellen, sondern von London, auf Langwellen, gesandt werden sollten und also durch den dem deutschen Volk allein zugestandenen Empfängertyp würden gehört werden können. Auch war es verlockend, einmal wieder in dem Bewußtsein deutsch zu schreiben, daß das Geschriebene in seiner angeborenen Gestalt, auf deutsch werde wirken dürfen. Ich sagte monatliche Sendungen zu und erbat, nach ein paar Versuchen, eine Verlängerung der Sprechzeit von fünf auf acht Minuten.
Die Sendungen geschahen zunächst auf dem Wege, daß ich meine Texte nach London kabelte und ein deutschsprachiger Angestellter der BBC sie dort verlas. Auf meine Anregung bediente man sich bald einer, wenn auch umständlicheren, so doch direkteren und darum sympathischeren Methode. Ich spreche nun, was ich jeweils zu sagen habe, im Recording Department der NBC von Los Angeles selbst auf eine Platte, diese wird auf dem Luftwege nach New York gesandt und ihr Inhalt durch das Telephon auf eine andere Platte in London übertragen, die dann vor dem Mikrophon abläuft. Auf diese Weise hören diejenigen, die drüben zu lauschen wagen, nicht nur meine Worte, sondern auch meine eigene Stimme.
Es lauschen mehr Menschen, als man erwarten sollte, nicht nur in der Schweiz und in Schweden, sondern auch in Holland, im tschechischen ›Protektorat‹ und in Deutschland selbst, wie durch aufs sonderbarste chiffrierte Rückäußerungen aus diesen Ländern belegt ist. Auf Umwegen kommen solche tatsächlich auch aus Deutschland. Offenbar gibt es in diesem besetzten Gebiet Leute, deren Hunger und Durst nach dem freien Wort so groß ist, daß er den Gefahren trotzt, die mit dem Abhören feindlicher Sendungen verbunden sind. Der schlagendste Beweis dafür, daß dies der Fall ist, – ein zugleich erheiternder und degoutanter Beweis – ist durch die Tatsache gegeben, daß mein Führer selbst in einer Bierkellerrede zu München unmißverständlich auf meine Allokutionen angespielt und mich als einen derer namhaft gemacht hat, die das deutsche Volk zur Revolution gegen ihn und sein System aufzuwiegeln versuchten. Aber diese Leute, brüllte er, täuschten sich sehr: so sei das deutsche Volk nicht, und soweit es so sei, sitze es Gott sei Dank hinter Schloß und Riegel. – Aus diesem Munde ist soviel Unrat gekommen, daß es mir leichte Ekelgefühle erregt, meinen Namen daraus zu vernehmen. Dennoch ist die Äußerung mir wertvoll, möge ihre Widersinnigkeit auch auf der Hand liegen. Der Führer hat seiner Verachtung des deutschen Volkes, seiner Überzeugtheit von der Feigheit, Unterwürfigkeit, Dummheit dieser Menschenart, ihrer grenzenlosen Fähigkeit, sich belügen zu lassen, oft Ausdruck gegeben und nur jedesmal vergessen, eine Erklärung dafür hinzuzufügen, wie es ihm gelingt, gleichzeitig in den Deutschen eine zur Weltherrschaft bestimmte Herrenrasse zu sehen. Wie kann ein Volk, von dem psychologisch feststeht, daß es sogar gegen ihn niemals revoltieren wird, eine Herrenrasse sein? Ich bitte den Geschichtshelden, diese Frage einmal zwischen zwei Schlachtenplänen einer logischen Prüfung zu unterziehen.
Vielleicht hat er recht mit seiner Zuversicht, daß das deutsche Volk »nicht so sei« – er war immer am allerwiderwärtigsten dort, wo er recht hatte. Auch heißt, ein Volk zur Erhebung aufrufen, noch nicht, an seine Fähigkeit dazu im tiefsten Herzen glauben. Woran ich unverbrüchlich glaube, das ist, daß Hitler seinen Krieg nicht gewinnen kann – es ist das weit mehr noch ein metaphysischer und moralischer als ein militärisch begründeter Glaube, und wo immer ich ihm auf den folgenden Blättern Ausdruck gebe, ist er vollkommen ungeheuchelt. Aber fern sei es von mir, damit die gefährliche Auffassung bestätigen zu wollen, als sei der Sieg der United Nations eine selbstverständlich gesicherte Sache und als könne man sich auf diese Selbstverständlichkeit und diese Sicherheit hin nicht nur jeden Fehler, sondern auch jede Gebrochenheit des Willens, jede Halbherzigkeit und jeden ›politischen‹ Vorbehalt in bezug auf seine Verbündeten und auf den zu erkämpfenden Frieden leisten. Man kann sich gar nichts leisten, nicht das Geringste mehr, nach allem, was man sich in der Vergangenheit geleistet hat. Dieser Krieg hätte ja vermieden werden können, und die Tatsache selbst, daß er kommen mußte, ist eine schwere moralische Belastung für unsere Seite. Dei Krieg hat eine düstere Vorgeschichte, deren bestimmende Motive keineswegs tot sind, sondern untergründig fortwirken und mit dem Frieden den Sieg gefährden. Wir werden den Krieg verlieren, wenn wir einen falschen Krieg fuhren und nicht den rechten, der ein Krieg der Völker für ihre Freiheit ist.
15. September 1942
Deutsche Hörer!
Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden, freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen. Mein Werk wird eines Tages zu euch zurückkehren, das weiß ich, wenn auch ich selbst es nicht mehr kann. Solange ich lebe aber, und selbst als Bürger der Neuen Welt, werde ich ein Deutscher sein und leide unter dem Schicksal Deutschlands und all dem, was es nach dem Willen verbrecherischer Gewaltmenschen seit sieben Jahren, moralisch und physisch, der Welt zugefügt hat. Die unerschütterliche Überzeugung, daß dies kein gutes Ende nehmen kann, hat mir in diesen Jahren immer wieder warnende Äußerungen eingegeben, von denen einzelne, wie ich glaube, zu euch gedrungen sind. Im Kriege jetzt gibt es für das geschriebene Wort keine Möglichkeit mehr, den Wall zu durchdringen, den die Tyrannei um euch errichtet hat. Darum ergreife ich gern die Gelegenheit, die die englische Behörde mir bietet, euch von Zeit zu Zeit über das zu berichten, was ich hier sehe, in Amerika, dem großen und freien Land, in dem ich eine Heimstatt gefunden habe.
Als vor fünf Monaten deutsche Truppen in Holland einfielen und in Rotterdam in wenigen Minuten Zehntausende von Menschen durch Bomben zugrunde gingen, schrieb der Herausgeber der amerikanischen Zeitschrift ›Life‹, einer illustrierten Zeitschrift, die sonst nie zu politischen Fragen Stellung nimmt und die jedermann liest: »Das ist die größte Herausforderung, die Amerika als ein Land der Freiheit in achtzig Jahren erfahren hat … Mächtige, ruchlose Militärvölker haben das angegriffen, was unsere amerikanische Art zu leben ist … Ob wir je mit der Waffe an der Seite Englands kämpfen müssen, wissen wir nicht; aber das wissen wir, daß der Kampf Englands zutiefst auch unser eigener ist.« So hieß es damals, nach dem zehnten Mai, und so heißt es heute noch. So denken die Arbeiter und die Geschäftsleute, die Republikaner und die Demokraten, die Anhänger Roosevelts und die Anhänger seines Gegners. Von dem alten Amerika, das glaubte, für sich leben zu können, ohne sich um die Welt jenseits des Ozeans zu kümmern, ist wenig übriggeblieben. Woher kommt diese tiefe Wandlung? Ihr wißt es ganz gut. In diesem Lande leben hundertunddreißig Millionen gutwilliger, freundlicher Menschen. Sie wollen in Frieden arbeiten und bauen. An den großen Fragen, welche sie gemeinsam angehen, nehmen sie aktiv teil, so wie jeder es für recht hält. Krieg, Eroberungen fremder Länder, Allianzen, Achsen, heimliche Begegnungen, Vertragsbrüche erscheinen ihnen überflüssig und verrückt. Aber dann kommen nun ihre Zeitungen und Radioberichterstatter und erzählen ihnen, was in Europa vorgeht. Wie in Norwegen, in Holland, Belgien, Polen, Böhmen, wie überall das gleiche Bild ist, wie deutsche Truppen, die niemand gerufen hat, in diesen Ländern stehen, die ihnen nichts getan haben, und sie bedrücken und ausplündern. Und wie die als Verbrecher totgeschossen werden, die ihr Vaterland lieben und nicht für den fremden Eindringling Waffen schmieden wollen. Natürlich ist ein Amerikaner vor allem amerikanischer Bürger; aber es ist doch oft so, daß er oder sein Vater oder Großvater in Norwegen, in Holland, in Belgien, im beschützten Dänemark, im Generalgouvernement, im Protektorat geboren sind, daß er noch Verwandte in einem dieser Länder und gute Erinnerungen von ihm hat. Und selbst, wenn er das nicht hätte, und selbst dann und gerade dann, wenn seine Familie aus Deutschland stammt, so muß er doch als ein geradeaus denkender Mensch von all dem Unrecht, all der Gewalt empört sein, die er erfährt. Nein, ich habe keinen Unterschied gefunden zwischen Deutsch-Amerikanern und Anglo-Amerikanern und Italo-Amerikanern. Alle fühlen sie, daß das nicht der rechte Weg ist, Europa zu einigen, und daß soviel Verbrechen früher oder später seine Strafe finden muß.
So hat der amerikanische Bürger heute vor allem drei Hoffnungen. Die eine ist Amerika selbst, seine ungeheuere wirtschaftliche Kraft, seine guten und bewährten Führer. Die zweite ist England. Es mag sein, daß früher auch die Amerikaner mit etwas Spott auf die Engländer geblickt haben. Man hielt sie für müde, für überfeinert. Heute aber, angesichts der Verteidigung Londons, gibt es nur eine Stimme der Bewunderung. England trägt das Banner der Freiheit. Es spricht und kämpft für alle die leidenden, nur heimlich Widerstand leistenden Völker; darum ist hier der Wunsch, ihm zu helfen, so groß. Die dritte, leider nicht mehr sehr starke Hoffnung beruht noch immer auf dem deutschen Volk. Werden denn, so fragt man sich hier, die Deutschen nicht endlich erkennen, daß ihre Siege nur Schritte sind in einem endlosen Sumpf? Daß, wenn ihre Soldaten nun noch in drei Länder einfallen, ihre U-Boote noch drei Schiffe voller Flüchtlingskinder versenken, wenn sie noch mehr Menschen in Elend, Verbannung und Selbstmord treiben und den Haß der Welt auf sich laden, sie doch dem erwünschten Ziel damit gar nicht näher kommen? Daß es viel bessere Wege gibt zu dem Ziel, das wir alle ersehnen: einen gerechten Frieden für alle Welt?
Deutsche Hörer!
Die Wiederwahl Franklin D. Roosevelts zum Präsidenten der Staaten ist ein Ereignis ersten Ranges, vielleicht entscheidend für die Zukunft der Welt, und so ist sie zweifellos auch von denen in Europa empfunden worden, die sich so stellten, als betrachteten sie die Wahl und ihr Ergebnis als eine rein inner-amerikanische Angelegenheit. Mit Recht sehen die Zerstörer Europas und Schänder aller Volksrechte in Roosevelt ihren mächtigsten Gegenspieler. Er ist der Repräsentant der kämpfenden Demokratie, der wahre Träger einer neuen, sozial gebundenen Freiheitsidee und der Staatsmann, der zwischen Frieden und Appeasement wohl von jeher am klarsten unterschied. In unserem Zeitalter der Massen, dem als solchem der Führergedanke zugehört, war es Amerika vorbehalten, das glückliche Phänomen eines modernen Massenführers hervorzubringen, der das Gute und Geistige, das wirklich Zukünftige, Frieden und Freiheit will; und der heroische Widerstand Englands gegen die infamste Tyrannei, die je die Welt bedroht hat, dieser Widerstand, für den hier die Bewunderung täglich wächst, gibt ihm Zeit, die gewaltigen latenten Kräfte seines Landes für den Kampf um die Zukunft zu mobilisieren.
Dieser Kampf wird langwierig sein, niemand täuscht sich darüber. Aber je länger er dauert, desto sicherer ist sein Ausgang. Die verworfenen Abenteurer, die die Versklavung der Welt betreiben, fühlen im Grunde, daß sie schon heute verspielt haben, – fühlen es so gut wie ihre geknebelten und von jammervollen Scheinerfolgen in Schrecken gehaltenen Völker.
Niemand in der Welt glaubt, daß dem deutschen Volke wohl ist bei der Geschichtsmacherei seiner Zwingherren, die eine elende Schaumschlägerei aus Blut und Tränen ist. Sie heucheln Zuversicht, das versteht sich. In einer Rede von besonders krankhafter Verlogenheit, die Hitler jüngst in seinem Münchner Putschkeller hielt, hat er euch versichert, daß die höchsten militärischen Autoritäten Deutschlands des Sieges gewiß seien. Erstens ist es merkwürdig, daß er sich auf irgendeine höhere Autorität beruft als die seine. Ist er nicht Cäsar, Friedrich und Napoleon in einem und Karl der Große gleich auch noch? Die Gassenhistoriker des Nationalsozialismus haben es ihm, dem armseligen Geschichtsschwindler, schwarz auf weiß zu lesen gegeben. Wie kann er so aus der Rolle fallen, daß er sich auf das Urteil der Generäle beruft, die seine Inspirationen ausführen? – Aber diese Generäle sind nicht alle nur ergraute Kadetten und bornierte Techniker des militärischen Augenblicks. Mir wurde die Geschichte erzählt, daß ein hoher deutscher Offizier in Paris zu Franzosen gesagt habe: »Pauvre France maintenant. Pauvre Allemagne – plus tard!« Er konnte nicht viel Französisch, aber so weit reichte es; und ich bin überzeugt, daß es bei großen Teilen des deutschen Volkes so weit reicht.
Was aus dem europäischen Kontinent, was aus Deutschland selber werden soll, wenn der Krieg noch drei, wenn er noch fünf Jahre dauert, das fragen wir alle uns hier, das fragt ohne Zweifel auch das deutsche Volk sich mit Grauen. Das schon gegenwärtig herrschende Elend gibt nur eine schwache Vorstellung von dem, was kommen muß. Und warum muß es? Weil eine Handvoll stupider Verbrecher den ökonomischen und sozialen Umbildungsprozeß, in dem unsere Welt sich befindet, ausnutzt zu einem sinnlos-anachronistischen Alexanderzug der Welteroberung? Ja, nur aus diesem Grunde. Was am Ausgange dieses Krieges stehen muß und wird, ist klar. Es ist der Beginn einer Weltvereinigung; die Schaffung eines neuen Gleichgewichts von Freiheit und Gleichheit; die Wahrung der individuellen Werte im Rahmen der Forderungen des kollektiven Lebens; der Abbau der nationalen Staatssouveränität und die Errichtung einer Gesellschaft freier, aber der Gesamtheit verantwortlicher Völker mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Die Völker sind reif für eine solche Neuordnung der Welt. Wenn sie es vor zweiundzwanzig Jahren noch nicht waren, – die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben sie reif dafür gemacht. Sie sind aber wahrscheinlich heute reifer dafür, als sie es sein werden nach den Zerrüttungen, den verpestenden und verwüstenden Wirkungen eines Krieges von vielen Jahren. Endete man heute diesen Krieg und ginge ans gemeinsame Werk, – es gibt kein Volk, dessen Aussichten auf eine glücklichere Zukunft nicht besser wären, als wenn man ihn währen läßt.
Das deutsche Volk muß und wird seinen ›Platz an der Sonne‹ einnehmen in der Welt, die kommen soll. Folgt es aber weiter seinen Verführern, leidend und handelnd, durch dick und dünn, so wird es zu spät erkennen, daß ein Volk nicht seinen Platz an der Sonne einnimmt, indem es die Welt in Nacht und Grauen hüllt. Fort mit den Verderbern! Fort mit den nationalsozialistischen Schändern und Schindern Europas! Ich weiß, daß ich nur der tiefsten Sehnsucht des deutschen Volkes selbst Ausdruck verleihe, wenn ich ihm zurufe: Friede! Friede und Freiheit!
Deutsche Hörer!
Das Weihnachtsfest kehrt wieder, ein liebes Fest, ein Fest der Liebe und euch das liebste, ein Fest erfüllt von Licht und Duft und Traum der Kindheit. Man mag es das deutscheste aller Feste nennen, und wohl kein Volk begeht es mit solcher Innigkeit wie ihr. Warum? Vielleicht, weil es in seinem kosmischen und religiösen Tiefsinn ein Symbol ist eurer Volkswerdung und die Geschichte eurer Gesittung sich darin spiegelt. In heidnisch-germanischer Urzeit war es das Fest der Wintersonnenwende, der Wiedergeburt des Lichtes aus Winternacht, des Anbruches neuen Weltentages. Dann aber wurde das junge Licht zum Kind in der Wiege, der Krippe von Bethlehem; das Fest zum Geburtstag des Menschensohnes und Heilands, dessen großes und mildes Herz ein neues Menschheitsgefühl, eine neue Sittlichkeit in die Welt brachte, der seinen Vater im Himmel den Vater aller Menschen nannte und in dessen Verkündigung der volksgebundene jüdische Rasse-Gott sich zum jenseitig-geistigen und alliebenden Gott des Universums erhob.
Die Festgeschichte ist eure Geschichte. Es gab kein Deutschtum, bevor das Licht im Osten erschien auch für euch, bevor christliche Menschlichkeit den germanisch-heidnischen Urzustand durchdrang und euer Weltgefühl, euer sittliches und religiöses Empfinden mit der christlich-abendländischen Zivilisation vereinigte. Dieser Gemeinschaft gehört ihr an, ihr feiert eure Zugehörigkeit zu ihr, wenn ihr unter dem Lichterbaum die Krippe des Sonnenkindes aufschlagt und die Bilder der Hirten und Könige dazu stellt, die vor ihm anbeten. Ihr feiert auch die herrlichen Beiträge, die der deutsche Geist für die christlich-abendländische Kultur und kraft ihrer geleistet: das Werk Dürers und Bachs, die Freiheitsgedichte eures Schiller, Goethe's ›Iphigenie‹, den ›Fidelio‹, die Neunte Symphonie.
Nun rüstet ihr euch wieder, das christliche, das deutsche Fest zu begehen – zum zweiten Male in dem Kriege, den eure gegenwärtigen Führer über euch und die Welt verhängt haben – in Trauer viele von euch um Söhne und Väter, die umkamen beim Überfall auf Nachbarvölker, beklommenen Herzens gewiß ihr alle bei dem Gedanken, wie lange dies alles noch dauern, wohin dies alles noch führen soll. Ihr deckt die Gabentische – sie werden kümmerlich bestellt sein, denn gute Dinge sind nicht erhältlich, obgleich doch eure Herren den verheerten Kontinent geplündert haben in eurem Namen. Aber die Weihnachtskerzen brennen. Ich möchte euch fragen, wie euch in ihrem Lichte die Taten vorkommen, die eure Führer euch als Nation im vergangenen Jahre haben begehen lassen, die Taten wahnsinniger Gewalt und Zerstörung, an denen sie euch geflissentlich mitschuldig gemacht haben, all die Abscheulichkeiten, die sie in eurem Namen gehäuft haben, das unergründliche Elend und Menschenleid, welches das nationalsozialistische Deutschland, das heißt: ein Deutschland, das weder deutsch noch christlich mehr sein darf, rings um sich verbreitet hat. Würdet ihr mir sagen, wie zu diesen Taten die schönen alten Lieder stimmen, die ihr mit euren Kindern, und selbst von Kindheitsgefühlen erfüllt, nun wieder singt – oder singt ihr sie nicht mehr? Hat man euch befohlen, statt »Stille Nacht, heilige Nacht« die blutige Parteihymne zu singen, die, ein Gemisch aus Winkelblatt-Leitartikel und Gassenhauer, irgendeinen obskuren Tunichtgut zum mythischen Helden emporlügt? Ich zweifle nicht, daß ihr gehorchen würdet, denn euer Gehorsam ist grenzenlos, und er wird, daß ich es euch nur sage, von Tag zu Tag unverzeihlicher.
Grenzenlos und unverzeihlich ist euer Glaube, will sagen: eure Leichtgläubigkeit. Ihr glaubt einem kümmerlichen Geschichtsschwindler und Falschsieger, daß durch ihn und durch euch eine Welt tagt, in der es um alle Werte geschehen sein soll, die nicht bloß den Christen zum Christen, sondern einfach den Menschen zum Menschen machen, um Wahrheit, Freiheit und Recht. Ihr glaubt ihm, daß er der Mann der Jahrtausende sei, gekommen, sich an Christi Stelle zu setzen und die Heilandslehre der Menschenbrüderlichkeit unter Gott abzulösen durch die Lehre Körper und Seelen mordender Gewalt. Ihr glaubt ihm, daß ihr das Herrenvolk seid, das erwählt ist, eine sogenannte ›neue Ordnung‹ zu schaffen, in welcher alle anderen Völker euch als Sklaven werden zu fronen haben. Und als Sklaven seines elenden Fanatismus fahrt ihr fort, wie Berserker für diese grauenhafte ›neue Ordnung‹ zu kämpfen, für eine Welt also, in der das Weihnachtsfest zu begehen, das Fest des Friedens und der Liebe, eine noch schlimmere Lüge und Lästerung wäre, als es heute schon ist.
Was ihr aber vor allem glaubt, ist, daß es das Ende des deutschen Volkes wäre, daß es aus wäre für immer mit ihm, wenn es in diesem Kriege nicht ›siegte‹, das heißt, wenn es nicht einem ruchlosen Besessenen durch dick und dünn bis zum Äußersten folgte – einem Äußersten, das ganz anders aussehen wird als ein Sieg. Er sagt euch das, damit ihr euer Schicksal für unverbrüchlich gebunden haltet an das seine, – das allerdings besiegelt ist, wenn, wie mit Sicherheit vorauszusehen, seine sauberen Pläne scheitern. Vergessenheit wird das Mildeste sein, was seinem Namen in diesem mehr als wahrscheinlichen Fall beschieden ist. Aber ihr? Euer Ende, das Ende des Deutschtums sollte es sein, wenn nicht er, sondern Vernunft und Menschenanstand den Sieg davontragen? Des Deutschtums Neubeginn, seine Wintersonnenwende wird es sein, neue Hoffnung, neues Glück und neues Leben! In der Völkerordnung, für die das sozial verjüngte England und mit ihm eine Welt mit reichen Hilfsquellen kämpft, einer Ordnung der Gerechtigkeit, des Gemeinwohls und der verantwortlichen Freiheit für alle, wird euch der Platz zugewiesen sein, der euch gebührt. Ganz andere Möglichkeiten der Selbstentfaltung und der Befriedigung eurer tiefsten seelischen Bedürfnisse würden euch geboten sein in dieser neuen Ordnung als in der Welt der Knechtschaft, in der ihr den Ober-Knecht abgeben sollt: die Befriedigung zum Beispiel des sehr deutschen Bedürfnisses, geliebt zu sein. Weiß man nicht, daß unter allen Untaten, zu denen man euch verleitet, dieser tiefe Wunsch immer lebendig bleibt: geliebt zu sein? Weiß man nicht, daß es euch nicht im mindesten beglückt, daß es euch im Grunde ein Grauen und eine verzweifelte Not ist, den Feind der Menschheit zu spielen?
Deutsche, rettet euch! Rettet eure Seele, indem ihr euren Zwingherren, die nur an sich denken und nicht an euch, Glauben und Gehorsam kündigt! Ich lebe in der Welt, von der ihr abgesperrt seid, obgleich ihr zu ihr gehört, und ich weiß und sage euch: Nie wird diese Welt die ›neue Ordnung‹, die untermenschliche Schreckens-Utopie annehmen und ertragen, für die eure Verführer euch bluten und darben lassen. Nie werden diese großen, christlichen Völker dulden, daß der Friede, den doch auch ihr ersehnt, ein Friede über dem Grabe der Freiheit und Menschenwürde sei. Ihr könnt, wenn ihr wollt, in kommenden Jahren das Elend noch verzehnfachen, das ihr aus Gehorsam und Leichtgläubigkeit schon angerichtet habt, aber schließlich wird es nach seiner ganzen Masse euer eigenes Elend sein, und wie es aussehen, wie es zugehen wird in Deutschland am Ende des Frevels, das mag man nicht ausdenken.
Es ist Weihnachten, deutsches Volk. Laß dich bewegen und auch empören von dem, was die Glocken meinen, wenn sie Frieden verkünden, Frieden auf Erden!
Deutsche Hörer!
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat gesprochen. Die Welt steht im Zeichen seiner historischen Rede. Es ist die Rede eines Staatsmannes, des besten, klarsten und weisesten wahrscheinlich, den die Welt heute hat, nicht die eines von dumpfen und bösartigen Instinkten besessenen Fanatikers. Wessen ich euch in den Botschaften, mit denen ich euer Ohr zu erreichen versuchte, immer wieder versichert habe: nämlich daß der Hitler-Friede, eine Weltordnung der Versklavung und des Zynismus, diese Konzeption eines finsteren und krankhaften Gehirns, nicht hingenommen, nicht angenommen, nicht geduldet werden, daß die Menschheit sich nicht davor beugen wird, das hat diese Rede in den ernstesten und bindendsten Worten bestätigt. Der Präsident hat den Zustand der ›Unlimited National Emergency‹ erklärt, das heißt, er hat die große Demokratie, die er führt, zu kriegerischer Selbstzucht und Einigung gegen den äußeren Feind aufgerufen, der der Feind aller Menschen guten Willens ist, und unwiderruflich hat er kundgegeben, daß ein Friede mit Hitler, ein sogenannter Verhandlungsfriede mit den gegenwärtigen Beherrschern Deutschlands niemals geschlossen werden wird, weil er nichts anderes wäre als der Sieg des Bösen und Niederträchtigen, der Tod der Freiheit und Menschenwürde.
Was ihr ahntet, wißt ihr nun. Ihr werdet keinen Frieden haben – nie, solange ihr für die verbrecherische Sippschaft kämpft, die euch heute gängelt. Endlos, uferlos wird das wüste Abenteuer weitergehen, in das diese Elenden euch verstrickt haben, Jahr über Jahr. Ihr sagt es euch selbst, was man auch euch vorzuspiegeln versuchen möge, daß der Endsieg Hitlers in weitere Ferne gerückt ist als jemals dadurch, daß Amerika das ganze Gewicht seiner Macht, seiner enormen Hilfsquellen in die Waagschale der Freiheit und einer besseren Zukunft der Menschheit wirft. Freilich könnt ihr euch auch sagen, daß Deutschland dank der gewaltigen Kampfmaschine, die es in langen Jahren errichtet hat, und dank der Positionen, die es einer unvorbereiteten und uneinigen Welt abgewinnen konnte, auch seinerseits noch lange nicht zur Kapitulation wird gezwungen werden können. Eure Herren und Meister werden um Auskünfte und Mittel zu weiteren trügerischen Siegen noch lange nicht verlegen sein, werden fortfahren, Untat auf Untat zu häufen, sie werden euch weiter die gräßliche Rolle des Amokläufers unter den Völkern spielen lassen, sie werden immer mehr aus euch machen, was ihr keineswegs sein wollt. Was bevorsteht, mag eine ganze Geschichtsperiode wechselseitiger kriegerischer Verwüstung sein, bei der ohne jeden Zweifel der unglückliche Kontinent, der Hitler in die Hände gefallen ist, am schwersten zu leiden haben wird. Dies alles, weil eure Führer der Welt ein System aufzwingen wollen und, um sich zu erhalten, auch aufzwingen müssen, das von der Welt um keinen Preis, auch um den höchsten nicht, angenommen werden kann.
Aber Präsident Roosevelt hat im Namen Amerikas und der angelsächsischen Welt nicht nur den menschenunwürdigen Frieden von sich gewiesen, den Hitler will und wollen muß, sondern er hat auch die Art von Frieden verneint, die in den Jahren zwischen Versailles und dem Ausbruch des Dritten Reiches bestand. Ausdrücklich hat er erklärt, daß kein Weltzustand wiederkommen soll, in dem die Saat eines Hitler wieder gedeihen und zu neuen Katastrophen wachsen kann. Eure Gegner wollen nicht in die alte Welt zurück, es ist eine Lüge, wenn man euch sagt, daß sie nur bewahren und bevorrechteten Völkern und Klassen ihre Vorrechte erhalten wollen. Hitlers Revolution ist nur Trug; er ist kein Revolutionär, sondern nur ein Räuber und der Ausbeuter einer Weltkrise, die die Völker auf eine neue und höhere Stufe ihrer sozialen Bildung und Reife führen soll. Gerechtigkeit und Freiheit, gleiche Möglichkeit für alle, an den Gütern der Welt teilzuhaben, müssen die Grundlagen des kommenden Friedens sein, und die Zukunft gehört einer Gemeinschaft freier Völker, frei, aber verantwortlich ihrer Gemeinschaft und bereit, dieser Verantwortlichkeit Opfer an veralteter nationaler Souveränität zu bringen. Niemand kann auch nur daran denken, diese neue Völkerordnung unter Ausschluß Deutschlands verwirklichen zu wollen. Alles, womit die Propaganda eure Ohren füllt, um euch beim blutigen Werk zu halten, über die Vernichtung des deutschen Volkes, die von euren Gegnern geplant sei, ist Lüge und Betrug. Bedenkt es, Deutsche: das einzige Hindernis eines gerechten Friedens für alle ist Hitler und sein Traum der Weltunterjochung. Bewahrt diesen Gedanken in euren Gemütern und eurer Vernunft und laßt ihn reifen zu eurem Heil und dem Heil der Welt!
Deutsche Hörer!
Was ich euch aus der Ferne zu sagen hatte, das haben andere Münder euch bisher überliefert. Diesmal hört ihr meine eigene Stimme.
