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Brillant erzählt und genau beobachtet Jack weiß sofort, dass Dean etwas Besonderes ist, als der zum ersten Mal an seiner Schule auftaucht. Die zwei werden Freunde und träumen davon, eine Band zu gründen. Gemeinsam durchleben sie eine wilde Zeit, doch unter all der üblichen Teenager-Rebellion liegt bei Dean immer auch etwas Dunkleres, das mehr will – mehr Wildheit, mehr Gewalt … Ein brillant erzähltes und genau beobachtetes Psychogramm.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2016
Kevin Brooks
Devil’s Angel
Ein gefährlicher Freund
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Als ich Dean zum ersten Mal begegnete, waren wir beide fünfzehn.
Der Sommer war schon halb vorbei, als er plötzlich in der Schule auftauchte. Niemand wusste, wer er war oder woher er kam. Es gab keinen großen Wirbel, auch keine Ankündigung. Eines Tages kam er einfach in die Klasse, ganz allein, und setzte sich auf einen Platz.
Ich tat so, als würde ich ihn nicht beachten, und genauso verhielten sich auch die andern. Er war ein Neuer und mit Neuen redet man natürlich nicht. Man macht einfach weiter, womit man beschäftigt ist. In unserem Fall war das nicht gerade viel. Es war die erste Stunde nach der Vormittagspause und wir hingen alle bloß rum und warteten auf unseren Kunstlehrer.
In der Klasse war es laut, aber nicht übertrieben laut. Es herrschte Chaos, aber kein übermäßiges Chaos. Die meisten saßen nur da, unterhielten sich und versuchten cool zu wirken. Ein paar Jungs standen am Fenster und beobachteten die Mädchen von der Klosterschule auf der anderen Straßenseite.
Natürlich sahen wir alle immer wieder zu Dean. Wir checkten ihn ab, doch das schien ihm nichts auszumachen. Er saß bloß da, so cool, wie du es dir nur vorstellen kannst, kaute an einem Bleistift, schaute sich in der Klasse um und registrierte alles.
Selbst da, bevor wir ein Wort miteinander gesprochen hatten, wusste ich bereits, dass etwas Besonderes von Dean ausging. Ich wusste nicht, was dieses Besondere war, und mir war auch nicht klar, ob es mir gefiel oder nicht, ich wusste lediglich, es war etwas, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Dean war ein schlanker, ziemlich harter Typ, der mit seinen dunkelblonden Haaren aussah wie ein Engel des Teufels. Sein Gesicht war blass mit scharfen Kanten, und die Augen leuchteten grün wie das Herz einer eisigen Flamme. Wenn er lächelte, prickelte einem die Haut.
Jetzt lächelte Dean. Er lächelte vor sich hin, als er einen Jungen namens Carter fixierte. Carter stand drüben am Fenster und laberte jeden, der zuhörte, mit irgendwelchem Mist voll. Carter war der übelste Typ auf der ganzen Schule. Er war weder richtig groß und auch nicht überaus stark, aber brutal. Und ziemlich durchgeknallt – ein kleiner Psycho.
Ich weiß noch, wie wir mal vor der Essensausgabe in einer Reihe standen und ein Junge namens Ross aus Versehen Carter anrempelte und dabei seine Dose Cola auf ihn verschüttete. Ross versuchte sich noch zu entschuldigen, aber Carter hörte ihm gar nicht zu. Er zeigte ihm nur ein frostiges Lächeln, zog ein Messer aus der Tasche und stach es Ross ins Bein.
Einfach so.
Carter blinzelte nicht mal.
Er stach einfach zu – wummm! – und verschwand.
Wie auch immer, Dean beobachtete Carter jetzt jedenfalls. Beobachtete ihn wie ein Habicht. Ich war mir nicht sicher, ob Carter es überhaupt merkte, doch mir war klar, dass jeden Moment etwas passieren würde. Ich spürte die Spannung in der Luft. Sie wirkte schwarz und aufgeladen, wie unmittelbar vor einem Gewitter, wenn eine merkwürdige Stille herrscht. Ein paar der anderen Jungs schienen es auch zu spüren. Sie hörten auf zu reden. Und auf einmal war die Klasse absolut still.
Alle schauten und warteten. Ihre Blicke sprangen zwischen dem neuen Jungen und Carter hin und her.
Dean rührte sich eine Weile nicht. Er machte nichts, sondern saß nur da und sog die Stimmung der Klasse ein. Er lächelte immer noch vor sich hin, starrte weiter und wirkte weiter ganz ruhig. Seine Augen waren zu einem blassen grünen Eisschimmer erkaltet.
Er wartete, bis es fast völlig still war. Dann stand er – ohne ein Wort – auf, ging durch die Klasse und rammte Carter die Faust gegen den Kopf. FUMPPP!
Es war unglaublich – die Kraft, der Schock. Es war wie eine Szene im Film. Carters Kopf ruckte mit einem widerlichen Knacken zurück und er stürzte zu Boden, als wenn er tot wäre. Eine Schrecksekunde lang dachte ich wirklich, dass Carter tot war. Ich sah nicht die kleinste Bewegung. Er stöhnte nicht, seufzte nicht oder hielt sich den Kopf, sondern lag einfach nur da, mit dem Gesicht nach unten, leblos wie eine kaputte Puppe.
Gott, dachte ich, er ist tot. Der Neue hat ihn umgebracht.
Doch dann – gerade als ich das Schlimmste befürchtete – sah ich, wie Carters Fuß zuckte. Es war keine große Bewegung, nur ein winziger Reflex, aber für mich reichte das. Und auch für Dean. Jetzt, als er beruhigt war, dass Carter noch lebte, zerrte er ihn auf die Füße und prügelte immer weiter auf ihn ein.
Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Deans Fäuste waren wie Hämmer, die Carters Gesicht zu Brei schlugen.
Bamm, bamm, bamm.
Klatsch, klatsch, klatsch.
Es war unglaublich. Atemberaubend. Wir waren viel zu schockiert, um uns zu rühren. Wir standen nur staunend da, während Dean weiter seine Fäuste in Carters Kopf rammte. Bamm, bamm, bamm. Klatsch, klatsch, klatsch. Wieder und wieder.
Und die ganze Zeit sagte Dean kein einziges Wort. Er fluchte nicht. Er schrie nicht. Er stieß keinen einzigen Laut aus. Er ächzte nicht mal, sondern schlug einfach weiter auf Carter ein, prügelte gnadenlos vor sich hin.
Dann kam der Kunstlehrer in die Klasse, riss Dean zurück und zerrte ihn von Carter weg.
Ich weiß noch viel von dem Tag. Ich weiß noch, wie ich die andern Jungs ansah und den verstörten Blick in den Gesichtern erkannte. Ich weiß noch, wie die Schulschwester hereinkam und Carters blutenden Kopf in ihre Arme schloss. Aber vor allem weiß ich noch, wie sich Dean, während der Lehrer ihn aus der Klasse führte, umdrehte und mich anlächelte.
Er sah so unschuldig aus wie ein kleines Kind.
Am nächsten Tag war ich nach Schulschluss gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle, als ich hörte, wie jemand von hinten näher kam. In den letzten Wochen hatten mich ein paar ältere Schüler schikaniert, deshalb dachte ich zuerst, dass sie es wären. Mein Herz pochte. Ich ging schneller und hoffte, dass ich mich irrte. Auf einmal rief eine Stimme von hinten.
»Hey, warte … nur ganz kurz …«
Ich drehte mich um und es war Dean. Er kam den Weg entlang, mit den Händen in den Hosentaschen und einem breiten Grinsen im Gesicht.
»Alles okay?«, fragte er.
»Äh … ja«, antwortete ich.
Und bevor ich wusste, wie mir geschah, war Dean bei mir und lief neben mir her. Er grinste wie ein Irrer und bombardierte mich mit Fragen.
»Wie heißt du?«
»Wo wohnst du?«
»Was hörst du für Musik?«
»Was liest du?«
»Wo gehst du hin?«
»Was machst du?«
Es war schwer, mit ihm mitzuhalten. Dean lief schnell, Dean redete schnell … er war ständig in Bewegung. Er wippte die ganze Zeit auf und ab, nickte, drehte den Kopf wie ein Boxer, der auf den Gong wartet, und fuchtelte mit den Armen. Auch seine Augen ruhten nicht eine Sekunde – sie schauten hoch und runter und zuckten nach links und rechts.
Schon von seiner bloßen Gegenwart fühlte ich mich völlig erschlagen.
Und verwirrt.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wusste nicht, was er von mir wollte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich überlegte, ihn wegen Carter zu fragen, wieso er ihn zusammengeschlagen hatte und wie es kam, dass man ihn nicht von der Schule geworfen hatte … aber irgendwas sagte mir, dass das nicht klug war.
Entweder das oder ich hatte einfach zu viel Angst.
